jerusalem
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PROLOG: DIE HIMMLISCHE STADT

Jerusalem, so heißt es, ist eine drei Weltreligionen heilige

Stadt. Aber die Heiligkeit Jerusalems ist weder etwas

Konstantes noch etwas Absolutes. Ob man sie als von Gott

vorbestimmte oder als von Menschen zugeschriebene versteht -

unbestreitbar ist, dass die Heiligkeit der Stadt, als historisches

Phänomen betrachtet, je nach den gesellschaftlichen,

ökonomischen und kulturellen Umständen und, vielleicht sogar

in erster Linie, den politischen Einflüssen größer oder geringer

angesetzt worden ist.

Drei Religionen - Judentum, Christentum und Islam -

beanspruchen, Jerusalem als ihren heiligen Ort zu verehren; dass

die Gläubigen jeder dieser Religionen diesen Anspruch mit aller

Ernsthaftigkeit und Inbrunst erheben, steht außer Zweifel. Für

die früheste der drei ist eine Forderung nach der

Wiederherstellung der Souveränität jedoch erst seit sehr kurzer

Zeit zum Bestandteil ihrer Frömmigkeit geworden. Was ihre

beiden Nachfolgereligionen anbetrifft, lässt sich bei jeder von

ihnen zeigen, dass die Heiligkeit Jerusalems eine späte

historische Entwicklung ist und nicht von Anfang an gegeben

war. In allen drei Fällen zwingt die Beweislage den nüchternen

Betrachter zu der Schlussfolgerung, dass sich die Heiligkeit der

Stadt ebenso sehr aus politischen wie aus rein spirituellen

Quellen speist.

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Das Jerusalem der Juden

Zwei jüdische Stimmen. Die erste ist die des Ananus, des

ältesten von Jerusalems Priestern am Vorabend der Zerstörung

des Zweiten Tempels im Jahre 70. Dem Bericht seines

Zeitgenossen Josephus Flavius zufolge sprach er, mit Tränen in

den Augen und den Blick auf den von einer Gruppe jüdischer

Extremisten, den Zeloten, besetzten Tempel gerichtet, den Satz:

«Wahrlich, es wäre gut für mich gewesen, ich wäre gestorben,

bevor ich das Haus Gottes von solchen Greueln erfüllt und auf

den durch Gebote abgegrenzten heiligen Plätzen die Füße

blutbefleckter Mörder herumtrampeln sehen muss.»1 Die zweite

ist die des Protozionisten Moshe Leib Lilienblum, der 1882 in

einer Schrift über den künftigen jüdischen Staat in Palästina

erklärte: «Wir brauchen weder die Mauern von Jerusalem noch

den Jerusalemer Tempel noch Jerusalem selbst.»2 Zwei jüdische

Stimmen, zwei jüdische Ansichten zu Jerusalem.

Es mag sein, dass, wie oft behauptet wird, zwischen dem

Ende des zweiten jüdischen Reichs und dem Aufkommen des

Zionismus die Juden tatsächlich ohne Unterbrechung im

Heiligen Land anwesend waren. Zuweilen hat man diese

Behauptung sogar auf eine angeblich stete Anwesenheit von

Juden in Jerusalem ausgedehnt. So hat beispielsweise Chaim

Weizmann, Israels erster Staatspräsident, in einer 1948 in

Jerusalem gehaltenen Rede von der «ununterbrochenen Kette

jüdischer Ansiedlung in dieser Stadt» gesprochen3; und eine am

14. März 1999 vom israelischen Außenministerium

veröffentlichte Erklärung enthielt die Behauptung, «die jüdische

Präsenz in Jerusalem blieb stetig und fortdauernd». Was immer

für Palästina im Allgemeinen gelten mag, für Jerusalem ist die

Beweislage für eine solche Behauptung zweifelhaft. Während

der gesamten Dauer der römischen oder byzantinischen

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Herrschaft war es Juden verboten, die Stadt auch nur zu

betreten.4 Obwohl ein paar jüdische Pilger sie besucht zu haben

scheinen, gibt es für den Zeitraum zwischen dem 2. und 7.

Jahrhundert keinerlei Beleg dafür, dass es dort eine jüdische

Gemeinde gab.

Nach der ersten arabischen Eroberung der Stadt im Jahre 638

ließen sich Juden wieder in Jerusalem nieder. Aus einer Anzahl

Dokumente in der Kairoer geniza (einem am Ende des 19.

Jahrhunderts aufgefundenen Bestand alter Handschriften) ergibt

sich, dass Juden in Ägypten, Syrien und Sizilien Geldzahlungen

zugunsten des Unterhalts armer Jerusalemer Juden sowie einer

neben der Westmauer («Klagemauer») gelegenen Synagoge

leisteten.5 Diese Abhängigkeit von finanzieller Unterstützung

von außen sollte zu einem bis in das frühe 20. Jahrhundert

fortdauernden Charakteristikum der Jerusalemer jüdischen

Gemeinde werden.

Als 1099 die Kreuzritter Jerusalem eroberten, warf man die

Juden ein weiteres Mal aus der Stadt.6 Erst nach 1260, unter der

Regierung der Mameluckensultane mit Sitz in Ägypten, kehrten

sie nach und nach zurück - obwohl sie, besonders wegen des

Zionsbergs, mit den dortigen Christen in Konflikt gerieten. Die

Einnahme der Stadt durch die osmanischen Türken im Jahre

1516 sorgte für Verhältnisse, unter denen sich Juden in

Sicherheit ansiedeln konnten und es zu einem langsamen

demographischen Wachstum kam. Und doch schätzt man für das

17. Jahrhundert die jüdische Bevölkerung auf nur tausend

Seelen, vielleicht zehn Prozent der Einwohnerschaft. Zu dieser

Zeit war das Hauptzentrum jüdischen Lebens, ganz gewiss aber

des jüdischen Geisteslebens, nicht Jerusalem, sondern Safed.

Während eines Großteils des 18. Jahrhunderts war es jüdischen

Junggesellen und Personen unter sechzig vom jüdischen

«Istanbul-Ausschuss» verboten, in Jerusalem ihren Wohnsitz zu

nehmen. Das Verbot erfolgte in der Absicht, die Größe der

dortigen Gemeinde zu begrenzen, deren Lebensunterhalt, wie

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man befürchtete, andernfalls nicht gesichert werden könnte.7 Die

frühesten Gemeindezeugnisse der Jerusalemer Juden stammen -

anders als andernorts entstandene Zeugnisse über sie - erst aus

dem 18. Jahrhundert. Jacob Barnai hat diesen Sachverhalt

folgendermaßen kommentiert: «Das Fehlen von Quellenmaterial

spiegelt das Fehlen einer organischen Kontinuität in diesen

Gemeinden während des Mittelalters und in der Osmanenzeit

wider.»8

Obgleich die Besiedlung Jerusalems durch Juden demnach in

der vormodernen Zeit nur dünn und nicht von Dauer war, hatte

die Stadt im Denken und in der Symbolik des Judentums doch

stets eine zentrale Bedeutung: Jerusalem war für die Juden der

Ort, wo die Bundeslade zur Ruhe gekommen war, die Stätte des

Tempels, die Hauptstadt des Königtums und - bis in unsere Tage

- Gegenstand des Wehklagens. Wenn Juden beteten, wandten sie

sich in Richtung Jerusalem, das sie «den Nabel der Welt»

nannten. Die biblischen Schriften, die Halacha (die aus der Bibel

abgeleitete verbindliche Auslegung der Thora), die Haggada

(die erbaulichbelehrende Erzählung biblischer Stoffe in der

talmudischen Literatur), die Tefilla (das jüdische Gebet), die

Kabbala (die jüdischen mystischen Schriften), die Haskala (die

hebräische Aufklärungsbewegung des späten 18. und 19.

Jahrhunderts, die vor allem in der Literatur und philosophischen

Schriften ihren Ausdruck fand) und das jüdische Brauchtum -

sie alle feierten Jerusalems alten Ruhm und Glanz und

betrauerten seine Verwüstung. Im mittelalterlichen Spanien

verfassten Yehuda Halevi und Schlomo ibn Gvirol ergreifende

Gedichte voller Sehnsucht nach Jerusalem. In Osteuropa war es

Tradition, dass an der Ostwand eines jüdischen Hauses ein Bild

von Jerusalem hing. In unserer Zeit hat Schmuel Yosef Agnon

über die Erneuerung der jüdischen Kreativität in der Stadt

frohlockt, deren «Hügel ihre Pracht wie Banner gegen den

Himmel breiten». Über alle Zeiten hinweg blieb Jerusalem für

jüdische Pilger das vorrangige Ziel. Vor allem aber war es für

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die Juden der Brennpunkt messianischer Hoffnung und der Ort

der schon bald erwarteten Auferstehung.

Zugleich unterschied man im Judentum zwischen dem

himmlischen (Yerushalayim shel ma'la) und dem irdischen oder

alltäglichen (shel mata) Jerusalem. Die religiöse Verehrung der

Stadt verstand man nicht als etwas, das irgendeine Verpflichtung

mit sich brachte, die jüdische Souveränität über sie

zurückzugewinnen. Im Gegenteil: Als der Gedanke an eine

solche Wiederherstellung während des 19. Jahrhunderts erstmals

diskutiert wurde, war die herrschende Meinung strikt dagegen.

Dabei blieb es bis zur Zerstörung des in Osteuropa gelegenen

religiösen Herzlandes der Judenheit zwischen 1939 und 1945.

Mindestens bis dahin opponierten die meisten

orthodoxjüdischen Autoritäten gegen den Zionismus, in dem sie

eine blasphemische Vorwegnahme des göttlichen Heilsplans

sahen. Und in diesem Punkt waren sie sich mit den meisten

frühen führenden Männern des Reformjudentums einig - obwohl

der bloße Gedanke an eine Gemeinsamkeit beide Gruppen

entsetzt hätte. Orthodoxe Zionisten waren eine vergleichsweise

unbedeutende Strömung innerhalb der zionistischen Bewegung -

und ebenso innerhalb des orthodoxen Judentums. Noch lange

nach der Gründung des Staates Israel im Jahre 1948 blieb der

Zionismus eine vorwiegend und oft aggressiv säkulare

Bewegung.

Die frühen zionistischen Denker vermieden es meistens,

Jerusalem eine besondere Bedeutung beizulegen. Ahad Haam,

der Vertreter des «spirituellen» Zionismus, war von seiner ersten

Begegnung mit den Jerusalemer Juden geradezu abgestoßen; als

er später nach Palästina übersiedelte, zog er es vor, sich in Tel

Aviv niederzulassen. Theodor Herzl, der Begründer des

politischen Zionismus, war vom Dreck und Gestank in

Jerusalem schockiert, als er 1898 die Stadt erstmals besuchte.9

Als Arthur Ruppin im Jahre 1908 das erste Palästinabüro der

Zionistischen Bewegung einrichtete, geschah dies in Jaffa und

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nicht in Jerusalem. Die frühen zionistischen Siedler in Palästina

seit den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts und vor allem die

sozialistischen Zionisten, die nach 1904 in großer Zahl

eintrafen, blickten auf Jerusalem und all das herab, wofür es in

ihren Augen stand nämlich Obskurantismus, religiöser Eifer und

Schmutz. Besonders verachteten sie, was sie als das

Parasitentum der Jerusalemer Juden und deren Abhängigkeit

von der Challuka (den wohltätigen Gaben) ihrer

Religionsgenossen in Europa und Nordamerika ansahen.10

David Ben Gurion, der später als israelischer Ministerpräsident

Jerusalem als Hauptstadt Israels ausrufen sollte, ließ sich nach

seiner Einwanderung nach Palästina drei Jahre Zeit, bis er die

Stadt besuchte.

Auch die moderne hebräische Literatur wies, was Jerusalem

betrifft, zwei zutiefst widersprüchliche Tendenzen auf: In den

letzten beiden Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts neigten Autoren

aus dem Lager der Ahavat Zion (Liebe zu Zion) dazu, Jerusalem

zu feiern und Lobeshymnen auf es anzustimmen; modernistische

Dichter und Romanciers vertraten seit Haim Nahman Bialik eine

mehr ungeschminkt realistische Sicht. In der ersten Hälfte des

20. Jahrhunderts gab es eine Strömung in der Literatur, die

Jerusalem feindlich gesonnen war, es verabscheute,

entmystifizierte und sogar seine Bedeutungslosigkeit unterstrich

(Yosef Haim Brenner, Nathan Alterman, Avraham Shlonsky,

der frühe Uri Zvi Greenberg); innerhalb der hebräischen

Literatur prägte sie ein zutiefst negatives Jerusalembild.11

Selbstverständlich war dies nur eine Denkströmung, aber in

ihrer Zeit war sie vielleicht die einflussreichste und gab das

zionistische Aufbegehren gegen den jüdischen Traditionalismus

am getreuesten wieder.

Bei der Herausbildung des ambivalenten modernen jüdischen

Jerusalembilds konkurrierten somit also spirituelle Werte, die

Jerusalem überhöhten, mit anderen religiösen, sozialen,

politischen und intellektuellen Kräften und wurden von diesen

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überschattet.

-23-

Das Jerusalem der Christen

Zwei christliche Stimmen. Zunächst die des heiligen

Hieronymus (337-420), der sich auf Pilgerfahrt ins Heilige Land

begab und die letzten vierunddreißig Jahre seines Lebens in

einem Kloster in Bethlehem zubrachte. Er meinte, es gehöre

zum christlichen Glauben, «anzubeten, wo Seine Füße

gestanden haben, und die Spuren der Geburt Christi, des

Kreuzes und der Passion zu sehen».12 Die zweite Stimme ist die

des heiligen Gregor von Nyssa (aus dem 4. Jahrhundert), der

einem seiner Schüler schrieb: «Wenn der Herr die Seligen in

ihre Erbschaft im Königreich des Himmels einlädt, schließt er

eine Pilgerfahrt nach Jerusalem nicht in ihre guten Taten ein.»13

Zwei christliche Stimmen - zwei christliche Auffassungen zu

Jerusalem.

Für Christen rührte die Heiligkeit Jerusalems einzig und allein

von dem Geschehen her, das mit Leben, Sterben und

Auferstehung des Erlösers in dieser Stadt zu tun hatte.

Historisch gesehen gibt es jedoch keinen Beleg dafür, dass vor

dem 4. Jahrhundert Jerusalem von Christen irgendeine

besondere Heiligkeit beigelegt wurde, und erst dann stoßen wir

auf die erste Aufzeichnung über eine christliche Pilgerfahrt nach

Jerusalem.

Die Forschung der jüngeren Zeit hat sich vor allem auf die

innerkirchliche Auseinandersetzung innerhalb der Christenheit

des 4. Jahrhunderts konzentriert, die zwischen jenen geführt

wurde, die die Heiligkeit Jerusalems betonten, und anderen, die

sie eher herunterspielten. Nach P. W. L. Walker zeigte es sich

von Anfang an, dass Jerusalem und die Heiligen Stätten «bei all

ihrem Vermögen, Brennpunkte der Einheit unter den Christen zu

sein, auch ein großes Potential für Zwietracht bargen».14 Walker

betont die «weitgehend negativen und ablehnenden» Ansichten

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von Bischof Eusebius, des Metropoliten von Caesarea (ca. 260-

339), in bezug auf die Heiligkeit Jerusalems. Eusebius' Meinung

könnte allerdings zum Teil von Rivalität zwischen seinem

Bischofssitz und Jerusalem bedingt gewesen sein.15 Jenseits

davon rührte sie aus dem Wunsch her, eine irrige Betonung des

physischen, irdischen Jerusalem zu bekämpfen - ein Irrtum, der

den Juden zugeschrieben wurde.16

Im Gegensatz dazu und im Widerspruch zu Eusebius vertrat

Bischof Cyril von Jerusalem (ca. 320-386) die Auffassung, dass

«das Vorrecht aller guten Dinge in Jerusalem» sei.17 Dies wurde

dann auch die herrschende Meinung innerhalb der Kirche. So

wie man Eusebius eher negative Sicht Jerusalems mit den Juden

in Zusammenhang gebracht hat, war auch die eher positive

Haltung von Christen gegenüber Jerusalem während des frühen

Mittelalters mit Feindseligkeit gegenüber den Juden verknüpft:

«Die völlige Zerstörung des jüdischen Jerusalem und seine

Verwandlung in eine christliche Stadt mit der sich daraus

ergebenden Vertreibung, Zerstreuung und Unterwerfung der

Juden wurde als göttliche Strafe und als ein wesentliches

Stadium auf dem Weg der Menschheit zu ihrer Errettung

betrachtet.»18 Dass sich die theologische Auffassung von

Jerusalems Heiligkeit innerhalb des Christentums durchsetzte,

war jedoch nicht nur eine Folge der Debatte unter den

Kirchenvätern, sondern auch des politischen Triumphs von

Kaiser Konstantin, der seit 324 über Jerusalem herrschte. Die

berühmte Reise seiner Mutter Helena nach Jerusalem, um die

Stätten der Kreuzigung und Auferstehung ausfindig zu machen,

markierte einen entscheidenden Wendepunkt in der christlichen

Geschichte der Stadt. Die Anastasis (später bekannt unter dem

Namen «Grabeskirche») wurde auf Konstantins Befehl über

dem Grab errichtet und 335 eingeweiht; zuvor hatte an der

Stelle ein Aphrodite-Tempel gestanden. Wie so viele andere

Heilige Stätten und Grabmäler in Jerusalem war die Anastasis

von Anfang an handfester Ausdruck der Rivalität religiöser

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Gesinnungen - in diesem Fall zwischen Christentum und

Heidentum.

Mit Helenas Besuch war Jerusalem als Zentrum der

Verehrung und Pilgerfahrt für Christen fest etabliert. Das

Itinerarium Burdigalense, ein Bericht über eine Pilgerfahrt von

Bordeaux nach Jerusalem im Jahre 333, ist eines der frühesten

Beispiele für eine in der Folgezeit verbreitete literarische

Gattung. Im Jahre 363 geriet die christliche Jerusalemverehrung

kurzfristig in Gefahr, als der heidnische Kaiser Julian Apostata

erwog, den jüdischen Tempel in Jerusalem wieder aufzubauen.

Aber nach seinem Tod auf dem Schlachtfeld im selben Jahr

wurde sie umso schwungvoller wieder aufgenommen. In voller

Blüte stand sie während der letzten beiden Jahrzehnte des

Jahrhunderts, als Egeria, vermutlich eine spanische Nonne,

einen Bericht über ihre Pilgerfahrt nach Jerusalem verfasste -

der sich noch heute großer Beliebtheit erfreut.

Eine von außen kommende finanzielle Unterstützung für die

christlichen Einrichtungen in Jerusalem - wie für die jüdischen -

ist seit langem ein festes Merkmal der Stadtgeschichte; bei den

Christen geht sie bis in die byzantinische Periode zurück.

Während der ersten Zeitspanne muslimischer Herrschaft über

die Stadt machten Nichtmuslime aller Wahrscheinlichkeit nach

weiterhin die Mehrheit der Einwohner aus. Zu einem gewissen

Zeitpunkt in der frühen arabischen Periode soll es sogar einen

christlichen Gouverneur der Provinz gegeben haben. Vom

Weihnachtstag des Jahres 800, dem Krönungstag Karls des

Großen in Rom, wird berichtet, dem neuen Kaiser seien vom

Patriarchen von Jerusalem als Zeichen des Respekts der

Schlüssel zur Grabeskirche und die Fahne der Stadt

ausgehändigt worden (einem anderen Bericht zufolge war es der

muslimische Kalif Harun al-Raschid). Karl der Große und sein

Sohn Ludwig gründeten eine Anzahl neuer christlicher

Einrichtungen in Jerusalem. An diesen neuen Bauten

entzündeten sich einige Konflikte. So beschwerten sich

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beispielsweise im Jahre 827 Muslime darüber, die Christen

hätten über der Kirche eine größere Kuppel errichtet als die über

dem Felsendom, einem muslimischen Heiligtum. Ähnlich wird

bereits sehr früh von Rivalitäten in Zusammenhang mit

Pilgerfahrten berichtet, ein Grundzug des religiösen und

wirtschaftlichen Lebens der Stadt über die Zeitalter hinweg bis

in die Moderne. Diese Pilgerzüge und die Feiertage, mit denen

sie zusammenhingen, waren häufig Anlass für gewaltsame

Zusammenstöße in der Gemeinde. Am Palmsonntag des Jahres

937 oder 938 wurden eine christliche Prozession angegriffen

und die Grabeskirche niedergebrannt. An Pfingsten 966 wurden

mehrere Kirchen geplündert und am 28. September 1009 auf

Anordnung des geistesgestörten Kalifen al-Hakim die

Grabeskirche ein weiteres Mal zerstört. Erst 1048 wurde sie

wieder aufgebaut.

Mit der Eroberung Jerusalems durch die Kreuzritter unter

Gottfried von Bouillon am 15. Juli 1099 begann eine neue

Periode des Terrors gegen Muslime und Juden, die allesamt aus

der Stadt vertrieben wurden; ihre Moscheen und Synagogen

wurden dem Erdboden gleichgemacht.19 Die muslimischen

Heiligtümer auf dem Tempelberg wurden zu christlichen

Kirchen umgewandelt. Die katholischen Könige teilten die Stadt

in separate Bezirke auf, die auf der Nationalität der christlichen

Siedler, der Kreuzritterorden und der diversen ostkirchlichen

Gemeinden beruhten. Das Orthodoxe Patriarchat wurde nach

Konstantinopel verlegt, und die Katholiken nahmen das

praedominium (das Recht auf die Vorrangstellung) an den

Heiligen Stätten für sich in Anspruch.

Nachdem 1244 die Kreuzritter endgültig aus Jerusalem

vertrieben waren, sahen sich die Christen genötigt, ihre

Vorstellung von Jerusalem von einer irdischen in eine

himmlische Sphäre zu überführen. Es blieb aber bei den

christlichen Pilgerfahrten: In seinen Canterbury Tales ließ

Chaucer die Frau von Bath dreimal nach Jerusalem fahren, und

-27-

es kamen viele Bücher mit Laudes Hierosolymitanae

(Lobpreisungen Jerusalems) auf den Markt. Der christliche

Kampf um Jerusalem nahm nun eine neue Form an. Nachdem

die Christen den Krieg gegen die Ungläubigen verloren hatten,

führten sie von nun an Krieg gegeneinander. Tatsächlich hatte

dieser innerchristliche Konflikt bereits früher, im Jahr 1204,

eingesetzt, als der vierte Kreuzzug über Konstantinopel

hereinbrach und es plünderte.

Damit begann in allem Ernst die große Auseinandersetzung

zwischen Ost- und Westkirche um die Kontrolle über die

Heiligen Stätten, vor allem über die Grabeskirche in Jerusalem

und die Geburtskirche in Bethlehem. Unfähig, miteinander einig

zu werden, wurden die zerstrittenen christlichen Gruppen im

Jahre 1289 oder noch davor von den muslimischen Behörden

dazu gezwungen, die Schlüssel der Grabeskirche einer

muslimischen Familie in Verwahrung zu geben. Als 1291 die

letzte Kreuzritterfestung in Palästina - Akka - fiel, waren von

allen katholischen Institutionen in Palästina nur noch die

Franziskaner übrig, die erstmals 1217 ins Land gekommen

waren. Im frühen 14. Jahrhundert berief sie der Papst zum

«Schutz des Heiligen Landes» (Custodia Terme Sanctae). Dieser

kleine Vorposten der römischen Christenheit sah den Kampf

gegen die Ansprüche der Ostkirchen auf Eigentümerschaft an

den Heiligen Stätten als seine vorrangige Aufgabe an. Er

kämpfte mit allen Mitteln, um die immerwährenden Rechte des

wahren Rom in Jerusalem aufrechtzuerhalten. Der Kampf ging

bis in die modernen Zeiten weiter und dauert, wenn auch in

modifizierter Form, noch immer an. Er färbte auf jeden Aspekt

christlichen Lebens in Jerusalem ab sowie auf die Diplomatie

der christlichen Mächte in bezug auf die Heilige Stadt.

Wie für die Juden, wenn auch in anderer Weise, war somit für

die Christen Jerusalem nun ein Symbol der Einheit und zugleich

der Anlass eines tiefgehenden inneren Schismas.

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Das Jerusalem der Muslime

Zwei muslimische Traditionen. Die erste ist eine Aussage, die

dem Propheten Mohammed zugeschrieben wird, der gesagt

haben soll: «Wer die Pilgerfahrt nach Mekka tut und mein Grab

[in Medina] besucht und des weiteren [in einem heiligen Krieg]

kämpft und für mich in Jerusalem betet - den wird Gott nicht

danach fragen, was er [von den Geboten zu achten unterließ],

die ihm gesetzt waren.»

Die zweite Tradition hat mit Umar zu tun, dem zweiten

muslimischen Kalifen, der zur Zeit der ersten muslimischen

Eroberung Jerusalems im Jahre 638 herrschte. Umar soll sich in

einem Kamelgehege aufgehalten haben, als zwei Männer

vorbeigingen. Er fragte sie, woher sie kämen, und sie nannten

Jerusalem. Umar habe sie daraufhin mit seiner Peitsche

geschlagen und zu ihnen gesagt: «Habt ihr eine Pilgerfahrt

gemacht wie die Pilgerfahrt zur Kaaba [in Mekka]?» - «Nein, O

du Kommandeur der Gläubigen», erwiderten sie, «wir kamen

aus diesem oder jenem Gebiet und an [Jerusalem] vorbei und

beteten dort.» Worauf der Umar sagte: «Dann sei es so», und sie

davongehen ließ.20 Zwei muslimische Stimmen, zwei

muslimische Ansichten zu Jerusalem.

Für Muslime rührt die Heiligkeit Jerusalems in erster Linie

von seiner Identifikation mit der «weiteren Moschee»

(almasdschid alaqsa) her, die im Koran als die Stelle erwähnt

wird, zu welcher der Prophet während seiner «nächtlichen

Reise» von Mekka gebracht wurde. Von hier aus stieg er in den

siebten Himmel auf.

Es gibt jedoch auch gewisse Belege für die Annahme, dass die

Heiligkeit, die man Jerusalem zuschrieb, jedenfalls zum Teil mit

Jerusalems zentraler Stellung innerhalb zweier

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Vorläuferreligionen zu tun hatte, die der Islam zu ersetzen

beanspruchte. Nach muslimischer Tradition war Jerusalem die

erste qibla (die Ausrichtung beim Gebet), bevor sie im Jahre 624

nach Mekka wechselte. Im Koran ist von dieser Praxis nicht die

Rede, aber in der muslimischen Tradition ist sie tief verankert -

und hat noch bis vor gar nicht langer Zeit in der Praxis älterer

Beter im Jerusalemer Felsendom überlebt (wie der Autor 1969

beobachtete).

In der ersten Phase des Islam scheint es die Tendenz gegeben

zu haben, die Heiligkeit Mekkas und Médinas zu betonen und

die Wichtigkeit von Pilgerfahrten nach diesen Städten statt nach

Jerusalem zu unterstreichen. Es gab aber auch gegenteilige

Auffassungen, und so dauerte es bis ins zweite islamische

Jahrhundert (719-816 nach christlicher Zeitrechnung), dass die

Heiligkeit aller drei Städte allgemein anerkannt wurde.21 Zu

einer höchst wichtigen Entwicklung kam es unter dem Kalifat

von Abd al-Malik b. Marwan (685-705), der sich in einem

Konflikt mit einem anderen Kalifen, Abd Allah b. al-Zubayr,

befand, der seinen Sitz in Mekka hatte. Abd al-Malik errichtete

das eindrucksvollste von allen überkommenen Bauwerken

Jerusalems, den Felsendom - der oftmals fälschlicherweise als

«Omar-Moschee» bezeichnet wird: In der Tat ist er ein

Heiligtum, keine Moschee, und hat mit Omar nichts zu tun. Ein

Kenner des Islam hat geäußert, dass es sich beim Felsendom

nicht nur um eine Stätte des Gedächtnisses an die Auffahrt des

Propheten handelt: «Seine vielen Inschriften deuten darauf hin,

dass er ein Siegesdenkmal ist, das an den Triumph über die

jüdische und christliche Religion erinnert.»22 Der namenhafte

Orientalist Ignaz Goldziher hat die Auffassung vertreten, dass

Abd al-Maliks Beweggrund für den Bau des Heiligtums und die

Bestärkung der Heiligkeit Jerusalems die Rivalität mit dem

Kalifen von Mekka und der Handel mit den Pilgern war, den er

in seinen eigenen Machtbereich umlenken wollte.23 Diese

Meinung hat sich inzwischen weitgehend durchgesetzt, auch

-30-

wenn S. D. Goitein sie ablehnte und die These vertrat, Abd al-

Malik habe damit das Ziel verfolgt, ein Gebäude zu schaffen,

das den Vergleich mit den prachtvollen Kirchen Jerusalems und

anderer syrischer Städte aushielt.24 Gemeinsam ist all diesen

Interpretationen, dass dem Kalifen ein Konkurrenzmotiv

zugeschrieben wird. Der arabische Name der Stadt, al-Quds

(«die Heilige»), kommt erst im späten 10. Jahrhundert erstmals

vor.25

Überraschenderweise nahmen die Muslime die Eroberung

Jerusalems durch die Kreuzritter zunächst mit Gleichmut hin,

statt sich mit Feuereifer an die Rückeroberung zu machen.

Selbst jene Muslime, die zum heiligen Krieg gegen die

Invasoren aus Franken aufriefen, unterließen es, mit wenigen

Ausnahmen, die Heiligkeit Jerusalems zu betonen - die zu dieser

Zeit im muslimischen Denken weder weit verbreitet noch tief

verwurzelt war.26 Erst in der Mitte des 12. Jahrhunderts ist eine

gewandelte Einstellung zu beobachten: Wie so oft in der

Geschichte Jerusalems lässt sich eine gesteigerte religiöse

Inbrunst weitgehend mit politischen Notwendigkeiten erklären.

In den vierziger Jahren des 12. Jahrhunderts rief Zenki, der

Herrscher von Mosul und Aleppo, zusammen mit seinem Sohn

und Nachfolger Nur al-Din zu einem uneingeschränkten Krieg

gegen den Kreuzfahrerstaat auf. Dementsprechend stellte ihre

offizielle Propaganda plötzlich die Heiligkeit Jerusalems für den

Islam heraus. Noch weiter akzentuiert wurde diese Tendenz

unter der Führung Saladins, der die Heiligkeit Jerusalems als ein

Mittel einsetzte, um potentielle Gegner niederzuhalten. Im

späten 12. Jahrhundert berief man sich auf den Gedanken der

Heiligen Stadt in innermuslimischen Auseinandersetzungen

nicht weniger häufig als in dem äußeren Konflikt mit dem

Christentum.27 Die Rückeroberung Jerusalems durch die

Muslime am 2. Oktober 1187 wurde in der islamischen Welt mit

Begeisterung begrüßt. In Briefen, Gedichten und

Glückwunschbotschaften wurde Saladins Sieg bejubelt. In den

-31-

folgenden Jahren vervielfachte und verbreitete sich die Literatur

zum Lobe Jerusalems (Fadail Bayt al-Maqdis) gewaltig.

Muslime wurden ermutigt, sich dort wieder anzusiedeln und auf

Pilgerfahrt dorthin zu ziehen. Wenn die Pilger nach Hause

zurückkehrten, brachten sie den Gedanken der Heiligkeit

Jerusalems mit. «Aufs engste verknüpft mit der Idee des

Dschihad [des heiligen Kriegs], nahm [die Stadt] im religiösen

Bewußtsein frommer Kreise und breiter Volksschichten einen

Ehrenplatz ein.»28

Fortan sah man die muslimische Herrschaft über Jerusalem

als einen veritablen Akt des Glaubens an. Im Jahre 1191 schrieb

Saladin im Zuge von Waffenstillstandsverhandlungen an

Richard Löwenherz, dass, selbst wenn er persönlich geneigt

wäre, die Stadt aufzugeben, der englische König «sich nicht

vorstellen solle, dass ihre Übergabe möglich wäre; denn vor

Muslimen würde ich es nicht wagen, auch nur das Wort zu

äußern».29 Dennoch fiel Jerusalem durch den Vertrag von Jaffa

von 1229 an die Christen zurück. Gemäß dieser Vereinbarung

wurden Jerusalem, Bethlehem und Nazareth an Kaiser Friedrich

II. ausgehändigt, obwohl den Muslimen gestattet wurde, ihre

dortigen Heiligen Stätten zu behalten. Sogleich wurden die

Stadtmauern abgerissen, damit Jerusalem nicht länger als

Festung genutzt werden konnte. Infolgedessen war die Stadt für

viele Jahre militärischen Angriffen und Überfällen von

Nomaden ausgesetzt. Der Vertrag sollte zehn Jahre lang gelten.

Danach brachen erneut Kämpfe aus, und 1244 wurde die Stadt

von Charismiern, einem Tatarenvolk, geplündert. Erst nach

1260 wurde unter den Mamelucken die Ordnung

wiederhergestellt.

Unter mameluckischer Herrschaft war Jerusalem ein Ort ohne

jegliche politische Bedeutung.30 Die Teilung der Stadt in vier

Viertel das muslimische, das christliche, das jüdische und das

armenische geht auf diese Zeit zurück. Islamische Institutionen

wurden geschaffen, und der muslimische Charakter der Stadt

-32-

verstärkte sich, auch wenn die Muslime, im Gegensatz zu den

Christen, die Gegenwart anderer Religionen tolerierten.

Religiöse Gruppen neigten dazu, sich im Umkreis ihrer

wichtigsten Heiligtümer und Heiligen Stätten niederzulassen:

die Muslime im Norden und Westen des Haram al-Scharif

(wörtlich: «edles Heiligtum» - der Name, den man dem

Tempelberg gab); die Armenier im Südwesten in der Nähe ihrer

St. Jakobskathedrale; die übrigen Christen im Nordwesten um

das Heilige Grab und die Juden im Südwesten in der Nähe der

Westmauer. Am Vorabend der Neuzeit war das geteilte

Jerusalem sowohl eine geographische als auch eine spirituelle

Tatsache.

Gegenüber Jerusalem hat es also innerhalb des Judentums, des

Christentums und des Islam gegenläufige positive und negative

Tendenzen gegeben - und in jedem Fall haben für die

Bestätigung oder Qualifikation der Heiligkeit Jerusalems

politische Erwägungen eine entscheidende Rolle gespielt. Die

Rivalität zwischen den Religionen hatte wiederholt in Jerusalem

ihren Brennpunkt. Jede der drei Religionen versuchte, die

anderen beiden in dem Anspruch auf Jerusalem als ein zentrales

religiöses Symbol auszustechen, und dies oft mit einseitiger

Spitzfindigkeit. Andererseits gab es bei jeder Religion

Ambivalenzen und Brüche in ihrem Verhältnis zu Jerusalem,

seinem Grad der Heiligkeit, seinen heiligen Stätten und seiner

Funktion in dieser und der kommenden Welt. Diese

Trennungslinien bestimmten die Geschichte des irdischen

Jerusalem in der Neuzeit. Sie sind der Gegenstand dieses

Buches.

-33-

1. DIE KRIEGE DER KONSULN

Das geteilte Jerusalem ist mindestens so sehr das Ergebnis

von äußerem Druck wie das seiner inneren Dynamik. Vor allem

ist es die Folge des Wettbewerbs unter den Großmächten um

Vorherrschaft in und mittels der Heiligen Stadt. Bei ihrem

Bemühen um ein vages, manchmal fast metaphysisches Prestige

setzten sie oftmals krude Methoden ein, um ihren Einfluss zu

steigern: die Ausbeutung religiöser Empfindungen, die

Förderung örtlicher Proteges und die Errichtung abhängiger

Institutionen - von Kirchen, Klöstern, Konventen, Hospitälern,

Waisenhäusern, Schulen und anderen Bildungseinrichtungen. In

der Mitte des 19. Jahrhunderts war so eine quasiimperiale

Herrschaft entstanden, in der ihre Vertreter vor Ort, die

Konsuln, praktisch in den Rang von Kolonialgouverneuren

gelangten; jeder von ihnen übte Macht über seine eigenen

Staatsangehörigen, Institutionen und Schutzbefohle nen aus, und

jeder führte einen unablässigen Kampf sowohl gegen die

osmanische Regierung wie gegen seine Rivalen im Kreis der

Konsuln.

Als Jerusalem Ende 1516 von den osmanischen Türken

erobert wurde, war es ein obskures Provinznest mit weniger als

15000 Einwohnern. Weder unter den Vorläufern der Osmanen

noch für die folgenden vier Jahrhunderte war es ein wichtiges

Verwaltungszentrum. Während eines Großteils dieser Zeit war

es die Hauptstadt eines Bezirks (Sanjak), der zur Provinz

Damaskus gehörte. Unter der Herrschaft des Sultans Süleiman

II. des Prächtigen (1520-1566) wurde Jerusalems größtes

weltliches Bauwerk, der die Stadt umgebende Mauergürtel,

errichtet - oder vielmehr wieder aufgebaut. Dieser gewaltige

Schutzschild, der noch heute nahezu intakt ist, ermöglichte es

den Osmanen, Invasoren zu widerstehen und die Stadt gegen

-34-

Beduinenangriffe aus dem Umland zu verteidigen. Die Mauern

bestimmten bis ins späte 19. Jahrhundert die Konturen der Stadt,

und die Osmanen legten ihrer Erhaltung große Bedeutung bei.

Als Grund dafür hat man unter anderem die These vertreten,

dass sie fürchteten, es könnte erneut zu Angriffen europäischer

Mächte im Stil der Kreuzritter kommen.1

Obwohl Muslime während mehr als siebenhundert der

vorausgegangenen neunhundert Jahre die Stadt beherrscht

hatten, hatte Jerusalem doch nie einen ausschließlich

islamischen Charakter angenommen. Unter den Osmanen

drängten sich die unterschiedlichen Glaubensrichtungen

weiterhin in ihren separaten Gebieten zusammen, auch wenn

diese sich erst im 19. Jahrhundert zu der uns heute vertrauten

Einteilung der Stadt in einzelne Viertel auskristallisierten (siehe

Karte 12). Der Begriff des Viertels war eher geographisch als

mathematisch zu verstehen: Das muslimische Viertel war

flächenmäßig das bei weitem größte, und bis etwa zum Anfang

des 19. Jahrhunderts stellten Muslime eine absolute

Bevölkerungsmehrheit in der Stadt. Eine amtliche Volkszählung

von 1560 wies 1933 muslimische, 281 christliche und 237

jüdische Haushaltsvorstände in Jerusalem aus.2 Man darf sich

die damaligen Stadtviertel nicht hermetisch gegeneinander

abgeschlossen vorstellen; es gab keine äußeren, sie trennenden

Markierungszeichen, und in gewissem Maße waren die

Wohnbezirke gemischt. Vor allem Muslime lebten in allen vier

Vierteln.3

Im osmanischen Jerusalem regelten und verwalteten die

religiösen Gruppen ihre eigenen Angelegenheiten und

Institutionen grundsätzlich weitgehend ohne Einmischung der

Regierung. Obwohl das Millet-System (mit reichsweit

organisierten, autonomen Glaubensgemeinschaften) erst im 19.

Jahrhundert voll ausgebaut war und diesen Namen trug, lassen

sich seine Wesenszüge bereits in der Lokalverwaltung des 16.

Jahrhunderts beobachten.4

Christen und Juden waren durch eine

-35-

Reihe diskriminierender Gesetze benachteiligt und in gewissem

Sinne nur Bürger zweiter Klasse, aber sie hatten einen

anerkannten Status in der Gesellschaft und konnten sich bis zu

einem gewissen Grad auf den Schutz durch das Recht verlassen.

-36-

Die Heiligen Stätten

In ihrer modernen Form kam die Jerusalem-Frage erstmals als

ein Nebenprodukt der langsamen Auflösung des

Osmanenreiches zum Vorschein. In der ersten Phase war der

Kampf um die Heiligen Stätten der Christen ihr

Charakteristikum. Obwohl französische Kaufleute im frühen 17.

Jahrhundert in der Küstenebene auftauchten, blieben die

Handelsverbindungen mit Europa und andere äußere Einflüsse

bis in die Spätzeit der Osmanenherrschaft minimal. Und doch

lassen sich die Anfänge eines internationalen, und zwar

vorwiegend christlichen diplomatischen Interesses für Jerusalem

bis in die ersten Jahre der osmanischen Herrschaft

zurückverfolgen. Unter den frühesten Fermanen (Dekreten)

Suleimans II. gab es mehrere, die Christen Rechte und

Privilegien garantierten. Ein an den Gouverneur von Jerusalem

gerichteter Ferman von 1521 besagt beispielsweise, dass «die

Gemeinschaft der Religiösen und andere Arten von derzeit in

Jerusalem wohnhaften Ungläubigen» sich darüber beklagt

hätten, «dass bestimmte Individuen sie unterdrückt und offen

Übergriffe gegen sie begangen hätten, indem sie sie daran

gehindert hätten, ihren Zeremonien gemäß ihren alten Bräuchen

nachzugehen». Der Gouverneur wurde angewiesen, den

Sachverhalt zu untersuchen und derlei Verfolgung künftig zu

verhindern.5

Ziel der Zentralregierung scheint gewesen zu sein, die

öffentliche Ordnung in einem Gebiet mit religiös gemischter

Bevölkerung aufrecht zu erhalten, und dies zu einer Zeit, als die

Osmanen bei der Eingliederung ihrer neuen Provinzen in die

vorhandene Verwaltung noch die ersten Schritte taten. Doch

spielten schon in dieser frühen Phase sowohl äußere als auch

innere Einflüsse eine Rolle. Nachfolgende Fermane geben einen

-37-

gewissen Eindruck davon, welche Unzuträglichkeiten es waren,

unter denen die Christen angeblich zu leiden hatten, von der

Identität der Opfer und Täter und von dem Vorgang, durch den

die Auseinandersetzungen dem Sultan bekannt wurden. Ein

Ferman von 1525 vermerkt eine Beschwerde, Christen im

Zionskloster seien gewaltsam aus seit langem von ihnen

bewohnten Quartieren und Gärten vertrieben worden. Ein

weiterer von 1528 berichtet, dass Venedigs diplomatischer

Vertreter am osmanischen Hof sich um ein Eingreifen des

Kaisers zugunsten der römischen Christen in der Grabeskirche

bemüht habe, deren Rechte von den Georgiern missachtet

worden seien. Im folgenden Jahr hören wir von «gewissen

Individuen der arabischen Nation», von denen es heißt, sie

bedrängten Priester, und im Jahre 1536 hat, wie wir erfahren,

der venezianische Gesandte ein weiteres Mal interveniert,

diesmal mit dem Vorwurf, «ein Jude namens Salomon und

gewisse christliche Herumlungerer der georgischen Nation»

hätten im Zionskloster römische Christen «belästigt und

bedrängt». Es hieß sogar, sie hätten Marmorarbeiten und Säulen

von der Grabeskirche und anderen christlichen Stätten

davongetragen.6 Vom Juden Salomon hört man danach nichts

mehr, aber das Thema innerchristlicher Streitereien blieb auch

während der nächsten vier Jahrhunderte durchaus vernehmbar.

Die Häufigkeit von Fermanen, die den örtlichen Gouverneur

auffordern, solche Misshelligkeiten zu verhindern, ist ein Beleg

dafür, dass sie weiterhin vorkamen - oder jedenfalls, dass die

Streitigkeiten ungelöst blieben. Aus solchen diplomatischen

Vorhaltungen entstanden die sogenannten Kapitulationsverträge.

Der erste Kapitulationsvertrag war eine Vereinbarung zwischen

Süleiman und König Franz I. von Frankreich aus dem Jahre

1535, die französischen Kaufleuten bestimmte Privilegien im

Osmanischen Reich gewährte. In diesem Vertrag sind weder

Jerusalem noch die Heiligen Stätten erwähnt. Im Jahre 1542.

jedoch schlossen Frankreich und die Türkei einen förmlichen

-38-

Bündnisvertrag, und während des langen Krieges der Türken

gegen den Heiligen Römischen Kaiser und Venedig übernahm

Frankreich die bislang von Venedig wahrgenommene Rolle des

Protektors der römische n Christenheit im Heiligen Land. Nach

der Schlacht von Lepanto, in der die Türken von den vereinigten

christlichen Seestreitkräften unter Don Juan von Österreich eine

vernichtende Niederlage erlitten, wurden 1572 die in Jerusalem

lebenden Franziskaner festgenommen und als Gefangene nach

Damaskus gebracht. Dank des Eingreifens des französischen

Königs kamen sie wieder frei.

Der erste Kapitulationsvertrag, in dem Jerusalem genannt

wird, wurde 1604 von Sultan Ahmed I. mit Frankreich

geschlossen. Darin stimmte er zu, dass Untertane des

französischen Königs und seiner Verbündeten «unter seinem

Schutz die Heiligen Stätten Jerusalems frei und ohne dass ihnen

irgendwelche Behinderung in den Weg gelegt wird», besuchen

durften. Der Vertrag fügte hinzu, dass «die Mönche, die in

Jerusalem leben und in der Kirche des Heiligen Grabes unseres

Herrn Jesus Christus dienen, dort bleiben und sicher und ohne

Schwierigkeiten oder Umtriebe kommen und gehen dürfen».7

Diese vertraglichen Verpflichtungen finden in späteren

Anweisungen des Osmanenherrschers an seine Beamten ihren

getreulichen Niederschlag. Zwischen 1604 und 1621 wurden

nicht weniger als dreiunddreißig Fermane erlassen, die sich mit

Jerusalem befassten und bei denen es insbesondere um den

Versuch ging, wiederholten Beschwerden katholischer Christen

wegen «Usurpationen» seitens der orthodoxen Armenier

abzuhelfen.

Weil man offenbar erkannte, dass in diesen Streitigkeiten

unter Mönchen ein Ansatzpunkt für den Gewinn von Einfluss

steckte, beschlossen die Franzosen, einen ständigen Vertreter

nach Jerusalem zu entsenden. Im Jahre 1621 ernannte Ludwig

XIII. den ersten Konsul einer auswärtigen Macht in Jerusalem.

Der König höchstpersönlich war an dem Sachverhalt

-39-

interessiert, weshalb er seinem Botschafter in Konstantinopel

schrieb: «Ich habe es für richtig gehalten, zu Gottes Ruhm und

zur Bequemlichkeit frommer Personen, die andächtig zum

Besuch der Heiligen Stätten gehen, M. Lempereur zu berufen,

die Verantwortung des Konsuls für die französische Nation in

Jerusalem auszuüben.»8 Der Vorfall, der diese Entscheidung des

französischen Königs veranlasste, war ein angeblicher Übergriff

auf die Rechte der Katholiken durch die Armenier, die es

gewagt hatten, in Christi Geburtsgrotte in Bethlehem zwei

Lampen aufzuhängen und anzuzünden.

Jean Lempereur, ein Pariser Rechtsanwalt, der bereits als

Pilger in Jerusalem gewesen war, schrieb, der König habe sein

Mandat definiert als Verteidigung der Franziskaner und der

katholischen Pilger, die die Heiligen Stätten besuchen, «auf dass

sie von den Türken nicht tyrannisiert und beleidigt werden, wie

es ihnen in der Vergangenheit geschah». Gesichert hatte sich

Lempereur diese Stellung mit Hilfe der guten Dienste seines

Vetters, des damaligen Sekretärs des Connétable von

Frankreich. Seine Vergütung belief sich auf 12000 Écus, jedoch

bezahlte der König diese Summe nicht aus seinen eigenen

Mitteln. Vielmehr sollte sie aus Einkünften der Abteien der

gallikanischen Kirche abgezweigt werden, weshalb Lempereur

dazu genötigt war, einen befreundeten Jesuiten brieflich um die

Intervention des Papstes zu bitten, um sicherzustellen, dass das

Geld auch wirklich ausgezahlt würde.9

Hinter der Ernennung des Konsuls und den damit

einhergehenden finanziellen Arrangements verbargen sich

sowohl eine politische Intrige als auch rein spirituelle Motive.

Angestoßen wurden sie durch Jesuiten, die darauf aus waren, die

Franziskaner aus ihrer Position als alleinige Repräsentanten der

römisch-katholischen Kirche in Jerusalem zu verdrängen. Im

Stillen ging es der Gesellschaft Jesu sogar um noch

weitergehende Ambitionen. Wie Lempereur erklärte, erhofften

sich die Jesuiten die Gründung eines Kollegs in Jerusalem, das

-40-

«all die christlichen Schismatiker bändigen und in

unverfälschtem Glanz zurückführen [werde], die ganz und gar

vom wahren Pfad abgebracht worden sind».10 Lempereur war

sich bewusst, wie delikat es war, die Jesuiten in ein Gebiet

hineinzubringen, das die Franziskaner bislang als ganz das ihre

betrachteten. Deshalb drang er darauf, dass der Plan, ein Kolleg

zu errichten, vor seinem Eintreffen in Jerusalem geheim bleibe.

Die Jesuiten versicherten sich der nachdrückliehen

Unterstützung durch Kardinal La Rochefoucauld, der das

Vorhaben dem König empfahl. «Macht Euch keinerlei Sorgen

wegen der Franziskaner», versicherte der Kardinal einem ihm

getreuen Jesuiten. «Sie wissen ganz genau, dass ich im Fall der

Fälle einen Weg fände, sie aus ihrer Position herauszuwerfen.»11

Um Lempereur den Weg zu ebnen, schickte der König Louis

des Hayes, Baron de Courmenin, als Sonderbotschafter nach

Konstantinopel und Jerusalem. In der türkischen Hauptstadt ließ

des Hayes seine (oder seines königlichen Herrn) Macht auf

gebieterische Weise spüren. Mit nicht nachlassendem Druck

erreichte er, dass die türkische Regierung ihm Briefe an den

Gouverneur von Jerusalem und den dortigen Mufti (einen

hochrangigen muslimischen Mann des Rechts) aushändigte, mit

denen bewaffnet er ins Heilige Land aufbrach. Nach seiner

Landung in Jaffa ließ er in Jerusalem wissen, wie er, der

Repräsentant des Königs von Frankreich, dort empfangen zu

werden erwartete. Darauf kam die Antwort zurück, dass sich die

Beamten der heiligen Stadt in mancherlei Verlegenheit

befänden. Einerseits würden sie gern die Instruktionen ihrer

Obrigkeit befolgen; andererseits fühlten sie sich zu dem Hinweis

verpflichtet, dass das im Lande herrschende Gesetz es Christen

verbiete, Jerusalem zu Pferde oder in Waffen zu betreten. Des

Hayes hatte ursprünglich geplant (jedenfalls behauptete er das),

zu Fuß in die heilige Stadt hineinzugehen, aber jetzt entschied er

sich dafür, diese Botschaft als Affront gegen seinen König

aufzufassen. Deshalb bestand er darauf, auf hohem Ross und mit

-41-

umgegürteten Schwert in Jerusalem einzureiten. Falls man

versuche, ihn daran zu hindern, werde er nach Konstantinopel

zurückreisen und bei der Regierung eine Beschwerde

einreichen; und den Beamten in Jerusalem versicherte er, dass

sie dann «Gelegenheit zu Reue haben würden». Die Drohung

wirkte. Als sich der französische Botschafter der heiligen Stadt

näherte, trat der Unterpascha auf ihn zu und bot ihm eine

Auswahl mehrerer Pferde für seinen zeremoniellen Eintritt an.

Mit glitzerndem Schwert ritt daraufhin des Hayes auf einem

dieser Pferde in die Stadt ein, «zur großen Zufriedenheit der

christlichen Einwohner». Die Franziskaner gele iteten ihn in

einer Prozession zu ihrem Kloster, wo sie ein Te Deum zum

Dank für ihre Befreiung von den Übergriffen der Armenier und

der Verfolgung durch die Türken sangen. Ihre Freude sollte

jedoch nur von kurzer Dauer sein.

Während seines Aufenthalts in Jerusalem traf des Hayes mit

dem Gouverneur und anderen Beamten zusammen und legte

ihnen seine von den osmanischen Behörden stammenden Briefe

vor. Er berichtete, zunächst große Schwierigkeiten gehabt zu

haben, auch nur empfangen zu werden, weil die Armenier, «die

vorhersahen, dass die Diplomatie von M. des Hayes zu ihrem

Ruin führen werde», die örtlichen Beamten mit 30000 Livres

bestochen hatten. Überdies sorgte das arrogante Auftreten des

Gesandten für Murren in der muslimischen Bevölkerung.

Trotzdem fügten sich Gouverneur und Mufti seinen

Forderungen nach Instandsetzung der Grabeskirche, nach

Entfernung der Armenier von den Heiligen Stätten und ihrer

Ersetzung durch die Franziskaner sowie nach der Errichtung von

Lempereurs Konsulat.12

Bei seiner Rückkehr nach Paris beglückwünschte sich der

Botschafter zum Erfolg seiner Mission. In einem Brief an den

General des Jesuitenordens gab er preis, eine geheime

Vereinbarung mit einem jungen libanesischen Amir namens

Fakhr al-Din getroffen zu haben, der zu einer früheren Zeit

-42-

Zuflucht in der Toskana gefunden hatte und einen Angriff auf

die Levante im Bündnis mit christlichen Mächten plante.13 Bald

jedoch stellte sich heraus, dass des Hayes hochnäsiges Auftreten

und politische Intrigen bei seinen türkischen Gastgebern

gegenteilige Wirkungen gezeitigt hatten. Kaum hatte er ihnen

den Rücken zugekehrt, da erließ der Sultan einen Ferman, der

die Rechte der Armenier hinsichtlich der Heiligen Stätten

gegenüber den Franziskanern erneut bestätigte. Der Erlass

verfügte, die Arme nier sollten «ihre eitlen Zeremonien... wie ab

antiquo abhalten; ihre Kerzen anzünden und ihre Lampen

aufhängen und die Gebühren der awqaf (der wohltätigen

Stiftungen) bezahlen. Niemandem, weder den fränkischen noch

irgendeiner anderen Gemeinschaft christlicher Untertanen solle

erlaubt sein, sich einzumischen oder dagegen vorzugehen. Sie

sollten sie nicht behindern. Macht dies bekannt. Lasst sie mein

edles Zeichen achten.»14

Lempereur hatte deshalb den Eindruck, dass ihm des Hayes,

weit entfernt davon, seinen Weg zu erleichtern, vielmehr

unabsichtlich die ganze Angelegenheit vermasselt habe. Sobald

Lempereur im Dezember 1623 in Jerusalem eingetroffen war

und es sich im Kloster der Franziskaner bequem gemacht hatte,

kam es zu Streit mit seinen Gastgebern, die ihn aus dem

Gebäude herauswarfen. Bei dem Streit ging es teils um

Finanzen, teils war er die Folge der Befürchtungen der

Franziskaner (für die es, wie wir sahen, gute Gründe gab), dass

der Konsul Jesuiten ins Heilige Land bringen werde. Sie

beharrten darauf, dass die Franziskaner als anerkannte

«Wächter» des heiligen Landes ein Monopol bei sämtlichen

Unterfangen der Katholiken im Lande hätten. Auch beim

venezianischen Botschafter in Konstantinopel und beim

osmanischen Pascha von Jerusalem stieß Lempereur auf bittere

Feindseligkeit. Letzterer ließ sich von den Mitbringseln des

Franzosen nicht besänftigen und beschuldigte ihn einer Intrige

mit einem rebellischen Häuptling aus der Nachbarschaft. Auch

-43-

dieser Vorwurf war wohl begründet.

Lempereurs Mühen fielen und hingen zusammen mit der

Landung von Fakhr al-Din an der Küste Palästinas. Obwohl er

unweit von Jaffa eine Niederlage erlitt, blieben die Ambitionen

des Amir noch für eine Reihe von Jahren eine Bedrohung für die

Macht der Osmanen in der Region. Lempereur stand unter

dringlichstem Verdacht, mit dem Libanesen verbündet und

womöglich ein Spion zu sein. Neun Monate nachdem er seine

Tätigkeit aufgenommen und so ziemlich jeden vor den Kopf

gestoßen hatte, widerfuhr dem Vertreter des Königs von

Frankreich die Demütigung, dass man ihn verhaftete, auflud und

als Gefangenen nach Damaskus eskortierte. Nach fünf Tagen im

Kerker bahnte er sich mit Schmiergeld den Weg in die Freiheit.

Für kurze Zeit kehrte er nach Jerusalem zurück, aber es gelang

ihm nicht, sich noch einmal irgendwelche Autorität zu

verschaffen. Im Januar 1625 trat er den Rückzug nach

Konstantinopel an, wo er die nächsten fünfunddreißig Jahre als

Sekretär an der französischen Botschaft verbrachte -«eine

Beschäftigung, die zweifellos weniger gefährlich war als die des

Konsuls in der heiligen Stadt», wie einer seiner Nachfolger im

20. Jahrhundert dazu anmerkte.15

So schändlich endete die erste Expedition eines europäischen

Konsuls nach Jerusalem. Ihre Hauptthemen kehrten während

nachfolgender Missionen in den nächsten drei Jahrhunderten

freilich immer wieder: anmaßender Stolz, politische Absichten

unter einer spirituellen Verkleidung, Konkurrenz zwischen den

westlichen und östlichen Kirchen und innerhalb der Kirchen,

Streit mit aufmüpfigen Schutzbefohlenen, die sich gegen die

Kosten sträuben, die ihnen der zweifelhafte «Schutz» aufbürdet,

Bündnisse mit örtlichen Rebellen gegen die Oberhoheit des

Sultans. Das Muster für künftige Entwicklungen war damit

vorhanden.

In den folgenden Jahrzehnten kam es wiederholt zu

Veränderungen bei der Kontrolle über die Heiligen Stätten, je

-44-

nach den diplomatischen Winden aus Ost oder West, welche die

osmanische Regierung vor sich her trieben. Immer wieder erließ

der Sultan Fermane, in denen er die Rechte dieser oder jener

Kirche auf diesen oder jenen heiligen Ort bestätigte. Allein

zwischen 1630 und 1637 soll das praedominium sechsmal

zwischen Orthodoxen und Katholiken gewechselt haben.16

Erst 1699 wurde ein Nachfolger für Lempereur ernannt. Der

Hintergrund für diese Berufung scheint eher kommerzieller als

geistiger Natur gewesen zu sein, vor allem der dringliche

Wunsch, nach einer Zeit gestörten Handels endlich eine

reibungslose Versorgung der französischen Manufakturen mit

«Baumwolle aus Jerusalem» zu gewährleisten.17 Konsul

Brémonds erstes Zusammentreffen mit dem Pascha von

Jerusalem, das in Akka stattfand, verlief bemerkenswert

freundlich. Der osmanische Beamte war die Freundlichkeit in

Person und überschüttete ihn mit Höflichkeiten.18 Im Februar

1700 erwartete ihn dann am Stadttor von Jerusalem ein weniger

erfreulicher Empfang: Er wurde vom Mufti herausgefordert, der

einem franziskanischen Chronisten zufolge - mit sehr lauter

Stimme gegen die Anwesenheit des Konsuls Einwände erhob

und ihn der Spionage beschuldigte. So musste er denn seine

erste Nacht unter dem Schutz seines Freundes, des Pascha,

verbringen. Am folgenden Morgen traf er, von dreißig Soldaten

geleitet, im Kloster der Franziskaner ein. Dort wurde er mit

nicht weniger Misstrauen begrüßt als damals Lempereur,

obwohl ihm die Mönche «wie einem Pilger die Füße wuschen».

Binnen achtundvierzig Stunden kam es zu einer heftigen

Auseinandersetzung über Rangfragen, als Brémond darauf

bestand, dass ihm als königlichem Gesandten am Esstisch und in

der Kirche der Ehrenplatz gebühre. Der Streit wurde derart

hitzig, dass der Konsul einem der Mönche angedroht haben soll,

ihm ein Tracht Prügel auf die Fußsohlen verpassen «und die

Haare seines Bartes ausreißen» zu lassen. Im Lauf der Zeit

verschlechterten sich auch seine Beziehungen zu den

-45-

osmanischen Behörden. Nach sechs Monaten gab der Pascha

offenherzig zu, seine frühere Liebenswürdigkeit sei einzig und

allein durch die Hoffnung auf finanzielle Belohnung motiviert

gewesen; da diese ausgeblieben war, forderte er nun Brémond

auf, die Stadt binnen drei Tagen zu verlassen. Als Flüchtling

suchte Brémond in Bethlehem Unterschlupf. Während er sich

dort aufhielt, fand auf dem Haram al-Scharif eine Demonstration

von «mehr als zehntausend Leuten» statt, die sich gegen die

Präsenz eines christlichen Konsuls in Jerusalem wandten und

drohten, ihre Wut an den Franziskanern auszulassen. Daraufhin

ordnete der Pascha an, dass Brémond den ganzen Bezirk zu

verlassen habe. In Begleitung einer Militäreskorte, die er

übrigens selbst bezahlen musste, machte er sich aus dem Staub,

wobei er unterwegs auch noch einen Großteil seines Gepäcks

und sogar seine Kleidung verlor.19

Im Jahre 1703 brach in Palästina ein großer Aufstand aus. Die

Rebellen nahmen Jerusalem ein und verschlossen seine Tore.

Zwei Jahre lang hielten sie einer osmanischen Belagerung stand,

bis sie der Hunger zur Aufgabe zwang. Unter derart

ungesicherten Verhältnissen war an einen neuen Versuch mit

einem Konsulat nicht zu denken. Unterdessen sorgte der

Spanische Erbfolgekrieg für Erschütterungen in Europa. Erst

1713, unmittelbar nach dem Frieden von Utrecht, traf ein dritter

französischer Konsul in Jerusalem ein, der nicht freundlicher

empfangen wurde als seine Vorgänger. Er blieb denn auch nur

vier Monate. Zwischen 1714 und 1843 ließen die Franzosen

dieses Feld unbestellt. Lempereurs und Brémonds Erfahrungen

und die Streitigkeiten, die zu ihrem Scheitern geführt hatten,

nahmen manche Auseinandersetzungen und Zwistigkeiten

vorweg, mit denen sich viele spätere Konsuln der

unterschiedlichsten Nationalitäten in der Stadt des Friedens

auseinander zu setzen hatten.

Im Verlauf des 18. Jahrhunderts nahmen diese Konflikte nach

und nach einen in diplomatischer Hinsicht bedrohlichen Aspekt

-46-

an, als neben Frankreich nun auch Russland sich für das Heilige

Land zu interessieren begann. Mit dem Problem der Heiligen

Stätten verbunden war das größere Problem der

nichtmuslimischen Gemeinden in Jerusalem und im gesamten

Osmanischen Reich. In Jerusalem waren Christen und Juden

nicht nur der Jizya unterworfen (einer Sondersteuer für

Nichtmuslime), sondern auch noch weiteren diskriminierenden

Abgaben für Einzelpersonen und Einrichtungen.20 Russland

übernahm nun die Rolle des Verteidigers der orthodoxen Kirche,

welcher die Mehrheit der palästinensischen Christen angehörte.

Frankreich wiederum bestärkte seine Tradition als Schutzmacht

der römisch-katholischen Kirche im Heiligen Land. Die

Katholiken, die zahlenmäßig in Palästina viel schwächer waren

als die Orthodoxen, erwarteten umso dringlicher von den

Franzosen, dass sie die Waage zu ihren Gunsten beeinflussen

würden.

Der schrittweise Rückzug der Türken aus Europa ließ sie eine

Reihe von Verträgen mit christlichen Mächten unterzeichnen, in

denen die Beschützer der Ost- und Westkirchen Bevorzugungen

für ihre Schutzbefohlenen in Jerusalem unterzubringen suchten.

Im Frieden von Karlowitz von 1699, in dem die habsburgische

Herrschaft über Ungarn, Siebenbürgen und große Teile

Slawoniens und Kroatiens bestätigt wurde, gelang es den

katholischen Mächten, ihre Rechte an den Heiligen Stätten

vertraglich anerkennen zu lassen. Im Frieden von Passarowitz

wurden sie 1718 bestätigt. Französische Hilfe zugunsten der

Türken gegen Österreich und Russland führte im Jahre 1740 zu

einer weiteren Vereinbarung, die die Rechte der Katholiken

bestärkte und tatsächlich Frankreich als deren Schutzmacht

anerkannte. In Walter Zanders Worten bedeutete dieser Vertrag

«den Höhepunkt französischen Einflusses im Osmanenreich»

und galt künftig «als eine Art Magna Charta der Rechte der

Katholiken»21

Zu dieser Zeit war der Wettbewerb um die Vorherrschaft an

-47-

den Heiligen Stätten bereits zu einem ständigen Thema auf der

Tagesordnung der internationalen Diplomatie avanciert. Ähnlich

wie heute bei den Menschenrechten kam kaum ein wichtiger

internationaler Vertrag ohne die rituelle Beschäftigung damit

zustande. Darüber schrieb später der katholische Historiker

Paschal Baldi:

Die Frage der Heiligen Stätten trat somit als eine der großen

Fragen des europäischen Völkerrechts in Erscheinung, bei denen

sich die großen katholischen Völker so interessiert zeigten, dass

sie sie jedesmal dann zum Gegenstand spezieller

Vereinbarungen mit der Regierung der Hohen Pforte machten,

wenn der Abschluss von Waffenstillständen, Friedensverträgen,

Bündnissen oder auch bloßen Handelsabkommen anstand.22

Das Bestehen solcher Verträge und der Erlass zahlloser

Fermane brachten freilich die Feindseligkeiten vor Ort nicht

zum Stillstand. Vielmehr wurden sie immer ernster, wie sich

etwa aus folgender Beschreibung eines Vorfalls aus dem Jahr

1757 ersehen lässt:

Angestachelt und bewaffnet von den eigenen Mönchen,

stürmte der griechische Mob in der Nacht vor Palmsonntag mit

Knüppeln, Keulen, Haken, Dolchen und Schwertern in die

Basilika [des Heiligen Grabes]; warf die Kerzen um, zerriss die

Wandteppiche, zerbrach die Lampen und hieb alles in Stücke;

dann gingen sie gegen das Kloster der Minoriten vor, um die

dort lebenden armen Mönche zu töten, die die Türen

verbarrikadieren mussten, um der Gewalt dieser «von Wein und

Völlerei aufgepeitschten» Übeltäter zu entgehen.23

So jedenfalls die Darstellung Baldis, die noch anderthalb

Jahrhunderte später vor Entrüstung sprüht. Die Orthodoxen

-48-

hatten, wie nicht anders zu erwarten, eine andere Version des

Vorgangs, und ihnen gelang es, die osmanische Regierung zum

Erlass eines neuen Fermans zu überreden, der die Rechte der

Katholiken beschnitt. Die Vorhaltungen des französischen

Botschafters wischte der Großwesir mit der zynischen

Bemerkung beiseite: «Diese Orte, Sir, gehören dem Sultan, und

er gibt sie, wem er möchte; es mag wohl sein, dass sie sich

immer in den Händen der Franken befanden, aber heute wünscht

Seine Hoheit, dass sie den Griechen gehören.»24

Der Friede von Kütschük Kainardsche, den Russland und die

Türkei im Jahre 1774 nach dem Sieg der Truppen Katharinas

der Großen über die Osmanen schlössen, brachte den Triumph

der Ostkirche über die Westkirche definitiv zum Ausdruck. In

Artikel 7 versprach die osmanische Regierung «steten Schutz

für die christliche Religion und die Kirchen jener Religion».

Obwohl die Westkirche gewisse Rechte behielt, spielten die

Orthodoxen doch eindeutig die erste Geige. Jetzt hatten sie ihre

eigene «Magna Charta».

Als 1799 Napoleon seine Armee aus Ägypten nach Palästina

führte, sah es für einen Moment so aus, als könnte Jerusalem

erneut unter christliche Herrschaft fallen. Der junge General

eroberte Jaffa, Ramallah und Akka, erklärte aber, dass die

heilige Stadt «nicht auf seiner Marschlinie» liege und zog

davon, um anderswo seiner höheren Bestimmung

nachzugehen.25 Sein englischer Widerpart, Sir Sidney Smith,

hingegen besuchte Jerusalem und marschierte in einer

Prozession zur Grabeskirche, bevor er wie Napoleon in seine

Heimat zurückkehrte. So trivial diese Episoden für sich

genommen auch sind, gaben sie doch eine erste Vorahnung der

späteren anglofranzösischen Entfremdungen in diesem Gebiet.

Als im Jahre 1808 die Grabeskirche bis auf ihre Grundmauern

niederbrannte, bezichtigten bösartige Stimmen in den

christlichen Konfessionen einander, dafür verantwortlich zu

sein. Die Regierung erlaubte zwar den Wiederaufbau, aber

-49-

zwischen Orthodoxen und Katholiken kam es zum Streit, wer

ihn beaufsichtigen solle, und manche Muslime versuchten zu

verhindern, dass es überhaupt dazu käme. Der Ausbruch des

griechischen Unabhängigkeitskriegs im Jahre 1821 führte zu

muslimischen Angriffen auf das griechischorthodoxe Patriarchat

in Jerusalem; es kam auch zu weiteren Unruhen, die sich zu

einer regelrechten Revolte auswuchsen. Mit Kanonen, die auf

dem Ölberg aufgestellt waren, wurden die Rebellen in der Stadt

bombardiert, und erst 1826, nach dem Eintreffen einer von

Beduinen aus dem Stamm des Abu Gösch verstärkten

osmanischen Armee, wurde der Aufstand niedergeschlagen.

-50-

Jerusalem unter ägyptischer Herrschaft

Es dauerte bis in die dreißiger Jahr des 19. Jahrhunderts, bis

Jerusalem mit aller Gewalt auf die diplomatische Bühne trat.

Auslöser war die Eroberung Palästinas durch Muhammad Ali,

den Herrscher Ägyptens und übermächtigen Vasallen des

osmanischen Sultans. Im Dezember 1831 rückte eine 90000

Mann starke, von Muhammad Alis Sohn Ibrahim geführte

Armee in Jerusalem ein. Zwar hielt sich eine osmanische Truppe

für ein paar Monate in der Zitadelle, und die muslimischen

Notabein am Ort waren zunächst auch nicht bereit, mit den

Ägyptern zusammenzuarbeiten. Im April 1832 trat - dazu

gezwungen oder überredet - der Mufti von Jerusalem auf

Ibrahims Seite, aber die übrige muslimische Hierarchie, die den

Verlust ihrer Privilegien befürchtete, blieb den Invasoren weiter

feindlich gesonnen.26

1834 vertrieb ein Bauernaufstand, dessen Zentrum in Nablus

lag, der aber von Stadtbewohnern und Jerusalemer Notabein

unterstützt wurde, Ibrahims Armee aus der Stadt. Zu denjenigen,

die sich an dem Aufstand beteiligten, gehörten zwei Mitglieder

der angesehenen und einflussreichen Familie Husayni (die im

folgenden Jahrhundert mehrere führende palästinensische

Nationalisten hervorbrachte). Einige Historiker haben in

jüngster Zeit in dieser anti-ägyptischen Bewegung die ersten

Anfänge eines palästinensischen Nationalismus sehen wollen.27

Der unmittelbare Grund für den Widerstand waren allerdings

Konskriptionen, und es gibt keinerlei Beleg dafür, dass dabei

nationale Empfindungen im Spiel waren, die die

Konfessionsgrenzen überstiegen; ganz im Gegenteil, dabei

äußerte sich eine heftige Feindseligkeit sowohl gegenüber

Christen, die in die Klöster flohen, als auch gegenüber Juden.28

Nach kurzer Zeit eroberten die Ägypter Jerusalem zurück und

-51-

hielten die Stadt mit einer Garnison von 3000 Mann, mit der

sich jeder potentielle Widerstand niederringen ließ, bis 1840 in

einem eisernen Griff.

Die ägyptische Herrschaft brachte ein modernisierendes

Element in die Verwaltung des Landes. In Jerusalem machte

sich das besonders an der verbesserten Lage der Christen

bemerkbar, denen Rechtsgleichheit mit den Muslimen

eingeräumt wurde und die von nun an auch für Ämter in Frage

kamen. Erstmals seit 1289 wurden allen drei christlichen

Hauptgemeinden - Katholiken, Griechisch-Orthodoxen und

Armeniern - Schlüssel für die Grabeskirche ausgehändigt.29

Auch die Lage der Juden verbesserte sich, obwohl während des

Aufstands von 1834 eine Reihe jüdischer Läden in Jerusalem

von Muslimen überfallen worden war.30

Während die Macht der Ägypter wuchs, zog die Furcht vor

einem totalen Zusammenbruch der Osmanenherrschaft die

miteinander rivalisierenden europäischen Mächte weiter in das

Geschehen hinein. Die Briten wurden zum Hauptbannerträger

für die Integrität des Osmanischen Reichs, während Frankreich

sich hinter den Neuankömmling, den Herrscher von Ägypten,

stellte. Im Jahre 1838 wurde in Jerusalem ein britisches

Konsulat errichtet. Es hieß, Lord Palmerston habe sich damit für

den Schutz der Juden in Jerusalem einsetzen wollen, ein Ziel,

für das sich mit allem Nachdruck die englischen Evangelikaien

einsetzten, wie etwa der damalige Lord Ashley, der besser als

der 7. Earl von Shaftesbury bekannt ist. Mayir Vereté hat aber

überzeugend dargelegt, dass Palmerstons Motive eher

strategisch als religiös inspiriert waren. Vor allem scheint

Palmerston dabei im Sinn gehabt zu haben, dem wachsenden

russischen Einfluss in der Region etwas entgegenzusetzen.31 Die

Franzosen eröffneten 1843 erneut ihr Konsulat, diesmal für

längere Zeit als vordem, und bald darauf folgten weitere

Konsulate: von Sardinien und Preußen (1843), von den

Vereinigten Staaten (1844), von Österreich (1849) und Russland

-52-

(1853). Im Laufe der Zeit eröffneten auch Schweden,

Norwegen, Dänemark, Portugal, Belgien, die Niederlande und

Persien ihr Konsulat in Jerusalem.

Die Nahostfrage, wie sie inzwischen hieß, nahm 1839 die

Größenordnung einer ausgewachsenen Krise an, als Muhammad

Ali Konstantinopel zu erobern und sich der osmanischen

Regierung zu bemächtigen drohte. Er wurde zwar von den

Franzosen unterstützt, aber Russland, Großbritannien,

Österreich und Preußen traten miteinander zur Verteidigung des

Sultans an. Für diesen diplomatischen Rückhalt hatten die

Türken allerdings einen Preis zu bezahlen. Der Sultan war im

Gegenzug dazu genötigt, im November 1839 ein Dekret zu

erlassen, «das Edle Reskript der Rosenkammer», in dem allen

Nichtmuslimen im Osmanenreich Rechtsgleichheit mit den

Muslimen versprochen wurde. Das Dekret war Teil einer breiter

angelegten Reformpolitik (Tanzimat), mittels derer das

Osmanenreich den Anschluss an die Moderne zu finden hoffte.

Das «Edle Reskript» gab den Mächten einen Hebel in die

Hand, um die den Konsuln eingeräumten Schutzrechte in

Jerusalem und anderswo im Osmanenreich zur Steigerung ihres

Einflusses zu nutzen.

Folglich hielt jeder Konsul Ausschau nach potenziellen

Schutzbefohlenen. Die Russen verstärkten ihren Schutz der

orthodoxen Christen - auch wenn ihnen das Recht dazu später

von den Griechisch-Orthodoxen streitig gemacht wurde. Die

Franzosen übernahmen wieder ihr traditionelles Protektorat über

die lateinischen und unierten Christen - bei dem ihnen im Lauf

der Zeit die Italiener zu Rivalen wurden. Einheimische

Protestanten gab es in Palästina nur wenige - aber amerikanische

und britische Missionare machten sich mit Eifer daran, für

Nachschub zu sorgen. Und die britischen Konsuln nahmen es

darüber hinaus auf sich, nicht nur die Drusen zu beschützen,

sondern auch «Samariter, Abessinier und alle in Not

befindlichen Juden».32

-53-

Am 15. Juli 1840 unterzeichneten die Vertreter

Großbritanniens, Österreichs, Preußens, Russlands und der

Türkei in London eine Konvention, die Muhammad Ali einen

Krieg androhte, wenn er sich nicht aus Syrien zurückzöge. Die

Herrschaft über Palästina, Jerusalem eingeschlossen, sollte er

jedoch behalten dürfen. Man gab dem ägyptischen Herrscher

zehn Tage, die Bedingungen anzunehmen oder die

Konsequenzen zu tragen. Die Franzosen waren höchst

aufgebracht und gaben kriegerische Geräusche von sich. Vom

Rückhalt der Franzosen ermutigt, lehnte Muhammad Ali den

Vorschlag der vier Mächte ab. Daraufhin erschien eine alliierte

Flotte vor der syrischen Küste, und im Lande brach ein

allgemeiner Aufstand gegen die Ägypter aus. Ibrahim zog sich

eilends nach Süden zurück, und mit seiner Herrschaft über

Syrien war es mit einem Schlag vorbei.

Die durch diesen Rückschlag zutiefst getroffenen Franzosen

sannen auf Rache. Im Dezember 1840 ließ der optimistisch

gestimmte Außenminister Guizot in einem Privatbrief wissen,

dass «die jüngsten Ereignisse keineswegs die alten Präferenzen

zerstört haben, welche die östlichen Katholiken immer für uns

hatten. Wir werden sie genau an diesen Orten weiter

kultivieren.» Kurz darauf erfuhr Lord Granville, der britische

Botschafter in Paris, dass Guizot insgeheim erwog, eine

«christliche Freie Stadt in Jerusalem» in der Art der damaligen

Freien Stadt Krakau zu etablieren.33 In der mit der Jerusalem-

Frage befassten Diplomatie war dies das erste Mal, dass der

Gedanke an eine Art Internationalisierung ins Spiel kam. Als

einer der vielen ironischen Aspekte der Frage sei angemerkt,

dass Guizot, der Urheber des Plans, unter Ausnutzung der

historischen Verbindungen zwischen Frankreich und der

katholischen Kirche in Palästina Frankreichs Ansprüche

voranzutreiben, selbst ein Protestant war. Aber Lord Palmerston

verweigerte Guizots Vorhaben seine Unterstützung: «Religiöse

Schutzmaßnahmen ebnen politischer Auflösung den Weg»,

-54-

meinte er.34 Zur großen Erleichterung der Briten verwarf auch

Guizots königlicher Gebieter dessen Idee. Im Gespräch mit Lord

Granville behandelte König Louis Philippe «die Vorstellung, in

Jerusalem eine kleine unabhängige christliche Gemeinde zu

schaffen, als chimärenhaft und absurd».35 Metternich

verkündete, dass auch Österreich gegen die Schaffung eines

levantinischen Krakau sei. Die Idee löste sich in Luft auf.

-55-

Das protestantische Bistum

In revidierter Form fand das Projekt kurz darauf einen neuen

und mächtigen Befürworter. Friedrich Wilhelm IV. hatte im Juni

1840 den preußischen Königsthron bestiegen. Die im folgenden

Monat unterzeichnete Londoner Konvention lenkte seine

Aufmerksamkeit auf Palästina, und der Rückzug von

Muhammad Alis Truppen schien ein einladendes Vakuum zu

hinterlassen. Im Februar 1841 machte der preußische König den

Vorschlag, ein internationales Abkommen über Jerusalem,

Bethlehem und Nazareth zu schließen, das eine unabhängige

Regierung für die christlichen Einwohner und die Schaffung

einer von fünf Mächten (Österreich, Russland, Frankreich,

Großbritannien und Preußen) getragenen Verwaltung der

Heiligen Stätten vorsehen solle. Natürlich hatten die Preußen,

um mit Molières Misanthropen zu spreche n, «ihre Gründe».

Anders als Franzosen und Russen hatten sie nämlich dort nur

wenige Schutzbefohlene. Zur damaligen Zeit gab es fast keine

Lutheraner in Palästina. Es war eine frühe Bestätigung jener

Regel, die sich später häufig wiederholen sollte: die

Internationalisierung als ein Mittel jener, die vor Ort nur über

eine schwache Position verfügten. Friedrich Wilhelm IV. nahm

seinen Vorschlag immerhin so ernst, dass er seinen Bruder nach

Palästina entsandte, um das Land zu erkunden.

Das katholische Österreich und das orthodoxe Russland

machten bald darauf dem Gedanken des preußischen Königs ein

Ende. Zu etwa der gleichen Zeit befürwortete dieser jedoch ein

weiteres Vorhaben, das im Gegensatz zu der geplanten

Internationalisierung auch zustande kam. Es ging dabei um ein

gemeinsames preußisch-englisches Bistum in Jerusalem. Die

Idee mag seltsam anmuten: Als wären Lutheranertum und

Anglikanismus irgendwie dasselbe. Tatsächlich trieb den

-56-

preußischen König der Gedanke, dass sich alle evangelischen

Christen in einer einzigen Kirche zusammenschließen sollten.

Jerusalem war nach seiner Überzeugung «der Ort, wo die wahre

Einheit und Katholizität von Christi Kirche zur Schau gestellt

werden soll».36 Hauptbefürworter dieses Vorschlags war

Freiherr (später Baron) Friedrich von Bunsen, den der König

nach England schickte, um unter britischen Evangelikaien, wie

etwa Shaftesbury, dafür zu werben. Bereits im August 1840

hatte Bunsen an Gladstone geschrieben: «Es ist gewiss

unmöglich, in der Gründung einer englischen Kirche und einer

Kongregation christlicher Proselyten auf dem heiligen Hügel

Jerusalems nicht den Finger Gottes zu sehen.»37 In einem Brief

an seine Frau behauptete Bunsen, eine Art Vision gehabt zu

haben, dass es der Wille des Herrn sein könnte, und

wahrscheinlich der des Königs wäre, dass die beiden

protestantischen Hauptkirchen Europas in Jerusalem einander

über dem Grab des Erlösers die Hand der Freundschaft

reichen.38

Hinter solchen ökumenischen Ideen lagen andere Motive, die

Bunsens englische Gesprächspartner zu überzeugen halfen.

Eines davon war das seit langem bestehende, von den Puritanern

des 17. Jahrhunderts geerbte englische Interesse an den Juden

als Werkzeugen des kommenden Millenniums. So hatte

beispielsweise der baptistische hebräische Gelehrte und Pastor

Henry Jessey kurz nach der Mitte des 17. Jahrhunderts in

England 300 Pfund für die Jerusalemer Juden gesammelt, die,

wie er schrieb, von anderswo lebenden Juden unterstützt

würden, «um es sozusagen in Besitz oder doch wenigstens

irgendeine Position dort zu halten und ihre Hoffnungen zu

zeigen, bis es zu einer vollständigen Wiederherstellung

kommt».39 Der evangelikale Philosemitismus des 19.

Jahrhunderts vermochte die diplomatische Rivalität freilich

kaum zu verdecken. Bunsen vermerkte, es sei «notorisch», dass

die Aktivitäten französischer Missionare in der Levante im

-57-

Wachsen begriffen seien. Die englischen Evangelikaien hatten

ihre eigene, konkurrierende Agenda, denn sie sahen im

Jerusalemer Bistum eine Sache, die ihnen in ihrer

Abwehrschlacht gegen die Romanisierungstendenzen der von

John Henry Newman (dem späteren Kardinal) geführten

sogenannten Oxforder Traktarianer von Nutzen sein könnte. Das

Bistum machte den Anschein, als böte es eine Art

protestantischer Katholizität, die mit der römischen in

Konkurrenz treten könnte. Neben diesem religiösen Eifer kamen

aber auch in England Erwägungen auf, die in direkterem Sinn

politisch waren. Trotz Muhammad Alis Rückzug aus Syrien sah

es auch weiterhin danach aus, als drohe das Osmanische Reich

auseinander zu brechen; käme es dazu, dann, so ein Vorschlag,

könnte die Levante durchaus ein geeignetes Gebiet für die

Ansiedlung von Europäern werden. All diese Ideen halfen mit,

dass Bunsen für sein Vorhaben rasch die Zustimmung von

Königin Viktoria, der britischen Regierung, von Mehrheiten in

beiden Häusern des Parlaments sowie des überwiegenden Teils

der anglikanischen Kirche fand.

Das Bistum wurde im Juli 1841 mit einer schriftlichen

Vereinbarung zwischen den beiden Regierungen geschaffen, auf

die rasch die Verabschiedung eines entsprechenden Gesetzes

folgte - das notwendig war, weil noch nie ein anglikanischer

Bischof eingesetzt worden war, der sein Amt im Ausland und

für Ausländer ausüben sollte. Friedrich Wilhelm IV. setzte einen

Betrag von 15000 Pfund für den neue n Bischofssitz aus. Die

englischen und preußischen Könige hatten abwechselnd das

Nominationsrecht. Obwohl es gemeinhin ein «anglopreußisches

Bistum» genannt wurde, war es doch genau genommen nur ein

anglikanisches, weil der Bischof anglikanisch ordiniert sein

musste. Der erste Bischof war Michael Solomon Alexander,

Professor für Hebräisch am Londoner King's College. Im

preußischen Polen geboren, war Alexander, ein ehemaliger

Kantor der jüdischen Gemeinde von Plymouth, später zum

-58-

Christentum konvertiert. Die Evangelikaien waren von seiner

Ernennung begeistert. Lord Shaftesbury notierte in sein

Tagebuch:

Der Bischof von London sagte mir, noch nie habe er den

Erzbischof so animiert gesehen wie in den letzten Wochen über

dieses Thema. Die ganze Geschichte sei wunderbar, und für

diejenigen, die sich seit langem für die jüdische Sache abgemüht

und gebetet hätten, sei es fast überwältigend, einen gebürtigen

Juden unter Gott von der englischen Kirche dazu berufen zu

sehen, den Episkopat von St. James wiederzubeleben und in die

heilige Stadt die Wahrheiten und Segnungen zurückzubringen,

die wir Nichtjuden von ihr empfangen hätten.40

Shaftesburys Enthusiasmus war derart lebhaft, dass seine Frau

ihn gnadenlos verspottete: «Du liegst mir damit ständig in den

Ohren, und es bringt mich dagegen auf, wenn du andauernd wie

wundervoll, wie wundervoll sagst!»41 Entsprechend verärgert

waren die Traktarianer. Newman beklagte sich, dass das Bistum

«praktisch ein gemeinsames Abendmahl mit dem

protestantischen Preußen und der Häresie der Orientalen»

befürworte. Es war «der dritte Schlag», der Newmans Glauben

an die Church of England endgültig ins Wanken brachte und ihn

in Richtung Rom trieb.42 Ein moderner Autor ging noch viel

weiter mit seinen Hypothesen über die möglichen

Konsequenzen der Schöpfung dieses Bistums Jerusalem:

Wäre Pusey seinen eigenen Instinkten zugunsten von Bunsens

Vorhaben gefolgt und hätte er sein Urteilsvermögen nicht an

Newman delegiert - hätte der Traktarianismus nicht eine

unübersteigbare Barriere gegen die Einheit der Protestanten

errichtet - wäre das anglopreußische Bistum in Jerusalem keine

Eintagsfliege gewesen -, dann hätten die Beziehungen zwischen

England und Preußen womöglich einen ganz anderen Verlauf

-59-

genommen, und es wäre vielleicht nicht zum europäischen Krieg

von 1914 gekommen.43

Ob man realistischerweise die Jerusalem-Frage als eine

unmittelbare Ursache des Ersten Weltkriegs ansehen kann, ist zu

bezweifeln - aber es ist durchaus legitim, dass ein seriöser

Historiker darüber Spekulationen anstellt.

Vielleicht war es deshalb angemessen, dass Bischof

Alexander auf einem Kriegsschiff, der HMS Devastation, nach

Palästina gebracht wurde, wo er im Januar 1842 eintraf. Die

Admiralität hatte zunächst die Fregatte Infernal angeboten, aber

Alexander mochte den Namen nicht, weshalb man sich für ein

anderes Schiff entschied. Der Beweggrund für die Wahl dieses

ungewöhnlichen Transportmittels war gewiss nicht, aggressive

Pläne anzukündigen. Aber was immer die ursprüngliche Absicht

gewesen sein mag, es war vermutlich unvermeidlich, dass die

Anglikaner in den Sumpf der Jerusalemer Kirchenpolitik

hineingezogen wurden.

Die Aufgabe des neuen Bischofs war die «Oberaufsicht über

den englischen Klerus und die englischen Gemeinden in Syrien,

Chaldäa, Ägypten und Abessinien sowie weitere protestantische

Gemeinschaften, die sich seiner bischöflichen Sorge unterstellen

wollen»44 - eine Amtsbeschreibung, die ihm vermutlich viel

freie Zeit ließ, da solche Geistlichen oder Gemeinden in diesen

Weltgegenden kaum bis gar nicht vorhanden waren. Seine

Hauptmission galt jedoch den Juden in Jerusalem, und in dieser

Hinsicht hatte er auch einen gewissen Anfangserfolg, da er eine

Handvoll russischer Juden zur Konversion überredete; er taufte

sie während eines anglikanischen Gottesdienstes, den er

interessanterweise auf Hebräisch abhielt.45

Bald regte sich Widerstand gegen solche Proselytenmacherei,

sowohl seitens der jüdischen Gemeinde als auch des russischen

Konsuls, dem nicht gefiel, dass die Briten versuchten, in seinem

-60-

Schutzrechte-Revier unter den russischen Staatsbürgern zu

wildern. Auch bei den osmanischen Behörden machte sich der

Bischof nicht beliebt, als er in seiner Predigt anlässlich seiner

Amtseinführung die muslimische Herrschaft als eine

«angemaßte» bezeichnete. Der anwesende britische

Generalkonsul von Beirut beschwor ihn daraufhin, «nie wieder

derlei unerwünschte Dinge zu erwähnen».46 W. T. Young, der

Konsul in Jerusalem, meldete, dass an den Bischof der Wunsch

der Kopten in der Stadt herangetragen worden sei, sie unter

seinen Schutz zu nehmen.47 Aus dem weit entfernten Wien

wurde von diplomatischer Verstimmung berichtet, was eine

getreue Förderin des Bistums zu einem charakteristisch

unverblümten Brief an den Außenminister veranlasste: «Es kann

gewiss nicht schaden», schrieb Königin Viktoria, «wenn wir in

diesem Teil der Welt an dem religiösen Einfluss teilhaben, von

dem die römischen Katholiken zu glauben scheinen, dass er

allein ihnen zusteht.»48

Hinter diesen kirchlichen Vorgängen standen, wie Young in

einem Schreiben aus dem Jahre 1844 unterstrich, natürlich

weiterreichende diplomatische Ambitionen: «Jerusalem ist jetzt

für Frankreich und Russland zu einem Hauptpunkt ihrer

Interessen geworden, weil beide Mächte sich ihren jeweiligen

Glaubensbekenntnissen entsprechend zu Beschützern der

einheimischen Kirchen gemacht haben - und es ist hier, wo um

ihre Hauptziele gerungen werden muss.» Frankreich und

Russland seien bestrebt, die inneren Angelegenheiten der von

ihnen protegierten Kirchen zu lenken und die gesamte

Kommunikation zwischen ihnen und den osmanischen

Behörden unter ihre Kontrolle zu bekommen. Der französische

Konsul, behauptete Young, habe «sich den Gedanken zu eigen

gemacht, dass dieses Land noch nie erobert worden ist, und er

ergötzt sich daran, sich über den Geist der Kreuzzüge zu

verbreiten, ganz so, als wären seine Ansichten durch eine

Wiederkehr von etwas Ähnlichem bedingt».

-61-

Young warnte vor den Intrigen des französischen und des

russischen Konsuls und ihren Versuchen, die ihnen

nahestehenden Kirchen unter ihre Vorherrschaft zu bringen;

zugleich versuchte er, die Position einer «anderen Partei» - wie

er sich vorsichtig ausdrückte - zu untergraben, «die Jerusalem

und Palästina als die große Arena betrachtet, in der die

Weissagung hinsichtlich der Restauration der Juden rasch erfüllt

werden soll.» Der Konsul warnte:

Nachdem ich fünf Jahre lang hier residiere, bin ich zu der

Schlussfolgerung genötigt, dass, wer den Versuch unternimmt,

den Lauf der Dinge so zu beeinflussen, dass sie mit den

Ansichten einer populären Interpretation der Propheten

übereinstimmen, dazu klare und offensichtliche Pflichten und

die Vernunft über Bord werfen muss. Betrachtete der

Prophezeiungenforscher die tatsächlichen Verhältnisse in diesen

Ländern aus ruhiger und realistischer Sicht und bemühte er sich,

die Privilegien und Vorurteile anderer als den seinen

gleichberechtigt zu respektieren, dann, denke ich, würde er

spüren, dass es wünschenswert ist, die wirklichen Standpunkte

und Bedürfnisse ihrer gegenwärtigen Bewohner ausfindig zu

machen, bevor er sich spekulativen Theorien bezüglich einer

übermenschlichen Zukunft hingibt, die er, falls es je dazu

kommt, durch seinen voreiligen Eifer eher verzögern als

beschleunigen dürfte.49

Wer war wohl der anonyme «Prophezeiungenforscher», der

hier vom britischen Konsul so rundheraus kritisiert wird? Es ist

kaum zu bezweifeln, dass es sich dabei um den Kopf der

englischen kirchlichen Mission in Jerusalem, Bischof

Alexander, handelte.

Dies war nur eine von mehreren Episoden während Bischof

Alexanders Jerusalem-Aufenthalt, bei denen er und der britische

-62-

Konsul miteinander in Konflikt gerieten. Als es im folgenden

Herbst in der Umgebung der Stadt zu Auseinandersetzungen

zwischen diversen Scheichs kam, nutzte Young die Gelegenheit,

den Bischof und seinen Klerus zu überreden, ihrer eigenen

Sicherheit wegen Jerusalem zu verlassen und sich zur Küste zu

begeben. Ein Jahr später ging Alexander ein weiteres Mal aus

Jerusalem fort. Diesmal kehrte er nicht zurück: Er starb im

November 1845 in der Wüste auf dem Weg nach Kairo.

Zu seinem Nachfolger berief der preußische König Samuel

Gobat - einen frankophonen Schweizer. Er war der einzige, der

je von Preußen für das Bistum nominiert wurde, denn es fiel,

wie so viele andere multinationale Vorhaben in Jerusalem,

diplomatischen Rivalitäten zum Opfer und verschwand

schließlich wieder von der Bildfläche. Bis es soweit war,

entdeckten die Briten - nicht anders als Franzosen und Russen -,

dass sie als Sponsoren eines religiösen Unterfangens eine Art

diplomatische Büchse der Pandora geöffnet hatten.

Orthodoxe und Katholiken folgten dem Beispiel der

protestantischen Mächte und beeilten sich, ihre kirchliche

Position in Jerusalem zu verstärken. Im Jahre 1843 wurde der

Archimandrit Porfiri Uspenskij von der russischen Regierung in

den Nahen Osten entsandt, um die Lage der dortigen orthodoxen

Kirche zu erkunden. Zwei Jahre später brach der neu gewählte

griechisch-orthodoxe Patriarch Cyril von Jerusalem mit der

Tradition seiner Vorgänger, die nicht am Ort residiert hatten,

und beschloss, seinen Sitz nach Jerusalem zu verlegen. Mit der

Berufung von Monsignore Joseph Valerga wurde 1847 auch das

Lateinische Patriarchat wiederbelebt, das seit 1291 stillgelegt

war (obwohl seither Titularpatriarchen in Rom residiert hatten).

Die Bedeutung dieses Vorgangs lässt sich an dem Umstand

ermessen, dass der Jerusalemer Patriarch der einzige der drei

Lateinischen Patriarchen im Nahen Osten war, der auch

tatsächlich innerhalb des Territoriums seines Patriarchats

residierte. Zur damaligen Zeit gab es in ganz Palästina nur

-63-

schätzungsweise 4000 Menschen römisch-katholischen

Glaubens. Der Hauptzweck von Valergas Ernennung war, nicht

anders als bei seinem orthodoxen Kollegen, ein diplomatischer,

nicht ein seelsorgerischer. Als «lächerliche Praktiken», um ihre

örtlichen Klienten zu beeindrucken, bezeichnete ein Historiker

das Tun der beiden Patriarchen.50 Auf einem scharlachroten, mit

einem Leopardenfell bedeckten Diwan sitzend, empfing Cyril

seine Besucher in einer schwarzen Satinrobe, auf der Brust ein

von Diamanten und Smaragden eingefasstes Emaillebildnis des

Erlösers. Valerga hielt dagegen, indem er auf einem mit Samt

bezogenen Thron Hof hielt.

Als nun das konsularische Korps anwuchs, begannen auch

einige Konsuln, ihre Bedeutung kaum weniger prätentiös

aufzublasen. In immer größerem Umfang nahmen sie sich das

Recht heraus, in Konsulargerichten über ihre Staatsangehörigen

Recht zu sprechen. Durch Jerusalem zogen sie in einer von

Wachen flankierten Prozession, der, wie bei den Patriarchen und

dem osmanischen Pascha, ein Kawas voranschritt, ein bunt

gekleideter Offizier mit Krummsäbel und einem Knittel mit

silbernem Knauf, den er in zeremonieller Geste auf das Pflaster

aufschlug, um die Leute aus dem Weg zu scheuchen. Manche

Konsuln führten sich sogar auf, als wären sie die Vorgesetzten

des osmanischen Gouverneurs. So heißt es beispielsweise in

einem Bericht von Konsul Young vom Juli 1844:

Gestern kam es in der Stadt infolge eines Streits zwischen

dem Pascha und dem in der Burg stationierten Artilleriekorps zu

einem Tumult. Wie es seine Art ist, mischte sich der

französische Konsul sofort ein und stellte sich, obwohl ihn keine

der beiden Parteien darum gebeten hatte, zwischen den Pascha

und seine Soldaten; und am Abend trat er, umgeben von seinen

Leuten und einer Gruppe aus dem Artilleriekorps, auf seiner

Terrasse vor die Öffentlichkeit und verkündete sein Urteil in der

Angelegenheit.

-64-

Young bezeichnete das Verhalten seines französischen

Kollegen als «einen Skandal» und meinte, er versuche

anscheinend, sich als «Generalprotektor und Vermittler bei allen

Differenzen» zu etablieren.51 Der französische Konsul war

freilich nicht der einzige mit solchen Illusionen von Grandeur.

Das unverschämteste Beispiel für eine Selbsterhöhung war

James Finn, der zwischen 1845 und 1862 als britischer Konsul

amtierte. Finn war ein aggressiver, jähzorniger Mann, der mit

dem protestantischen Bischof, den örtlichen Rabbis, anderen

Konsuln und osmanischen Beamten sowie mit dem Londoner

Außenministerium, seinem Arbeitgeber, unentwegt Streit

anzettelte. Weil er mit allem Nachdruck für die Jerusalemer

Juden eintrat, schoss er in seinem Eifer mehrfach weit übers Ziel

hinaus. 1852 wurde er vom Außenminister dafür gerügt, dass er

russische Juden unter seine Fittiche genommen hatte, die der

russische Generalkonsul in Beirut als seine Schützlinge

reklamierte. Der ganz und gar undiplomatische Finn widersetzte

sich seinen Instruktionen und sandte entsprechende Depeschen

zurück an das Foreign Office, was einen weiteren Rüffel

auslöste:

Um jedem künftigen Missverständnis Ihrerseits vorzubeugen,

habe ich Ihnen nun zu sagen, dass Sie keinerlei Korrespondenz

mit dem russischen Konsulat über die Bedingungen oder die Art

und Weise führen werden, in der dieses Konsulat den Schutz der

russischen Juden widerrufen könnte; und Sie werden auch

keinerlei Schritte gegenüber den jüdischen Rabbis oder

einzelnen Juden unternehmen, um diejenigen Juden, die

womöglich vom russischen Konsulat aufgegeben werden, zu

ermuntern, beim britischen Konsulat um Schutz nachzusuchen.

Ihrer Majestät Regierung würde es durchaus vorziehen, wenn

solche Juden nicht den britischen Schutz suchten; Ihrer Majestät

Regierung wird ihn diesen jedoch nicht vorenthalten, wenn sie

-65-

ihn in der geeigneten Weise beantragen.52

Finn ertrug solchen Tadel mit Fassung - und machte weiter,

als wäre nichts geschehen.

Im Jahre 1850 erkannte die osmanische Regierung die

Protestanten innerhalb des Reichs als eigenen Millet wie

Orthodoxe und Katholiken an. Diese Anerkennung veranlasste

Bischof Gobat zu einer noch anmaßenderen Politik, besonders

beim Proselytenmachen, was wiederholt zu Streit und

Zusammenstößen mit den Oberhäuptern der anderen christlichen

Gemeinden führte, die den Verdacht hegten, die Protestanten

wären darauf aus, Schäfchen aus ihren Herden zu stehlen. Auch

mit der jüdischen Gemeinde, die sich erbittert gegen ihre

Missionierung wehrte, kam es zum Konflikt, sowohl mit dem

russischen Konsul, der den britischen Anspruch bestritt, Juden

russischer Nationalität zu protegieren, als auch mit den

türkischen Behörden, die bei diesen und anderen Kontroversen

zwischen den christlichen Kirchen in Jerusalem zwangsläufig in

die Rolle des Schiedsrichters gerieten.

Mittlerweile war allerdings erneut die Frage der Heiligen

Stätten in den Vordergrund der kirchenpolitischen und

diplomatischen Beziehungen zwischen den Mächten gerückt.

Ein scharfsinniger Beobachter der Vorgänge, Karl Marx,

bemerkte dazu: «Die Ottomanische Pforte und ihre Agenten

befolgten ein höchst ermüdendes Systeme de bascule

[Schaukelsystem], gaben abwechselnd den Katholiken,

Griechisch-Orthodoxen und Armeniern recht, forderten und

erhielten Gold von allen Seiten und machten sich über sie alle

lustig.»53 Eine Zeitlang funktionierte dieses System, aber zu

Beginn der 1850er Jahre brach es zusammen, was zu einer

großen Krise führte.

-66-

Kriegswolken über Christi Grab

Die Ursprünge der Krise lagen in einem neuerlichen Streit,

der 1847 zwischen den großen christlichen Konfessionen über

ihre Rechte an den Heiligen Stätten ausgebrochen war. Am 31.

Oktober kam es in der Geburtskirche in Bethlehem zu

Handgreiflichkeiten zwischen griechisch-orthodoxen und

römisch-katholischen Geistlichen, wobei die Griechisch-

Orthodoxen in den Armeniern, ihren orthodoxen Brüdern,

Verbündete fanden. Im Verlauf des Gerangels kam irgendwie

der silberne Stern abhanden, der angeblich die genaue Stelle von

Christi Geburt markierte. Griechisch-Orthodoxe und Katholiken

beanspruchten beide das Eigentum an dem Stern und

beschuldigten einander des Diebstahls. Beide wandten sich an

den Gouverneur von Jerusalem um rechtlichen Beistand. Der

französische und der russische Konsul griffen die Sache auf und

bestärkten die Rechte und Ansprüche ihrer jeweiligen Klienten.

Trotz seiner evangelikalen Neigungen schlug sich James Finn,

der britische Konsul, auf die Seite der Katholiken. Die

Angelegenheit wurde nach Konstantinopel verwiesen und dort

unter aktiver Beteiligung der Botschafter auf die diplomatische

Ebene gehoben.

Akut wurde der Disput, als die Franziskaner in ihrer

Eigenschaft als Wächter der Heiligen Stätten das Recht in

Anspruch nahmen, den Stern ersetzen zu dürfen. Der Anspruch

wurde vom französischen Konsul und vom Botschafter in

Konstantinopel unterstützt. Im Februar 1848 stimmte die

osmanische Regierung der Ersetzung des Sterns im Prinzip zu,

erklärte jedoch, dass die Regierung dies veranlassen werde. Nun

war aber das Recht, die Heiligen Stätten instand zu setzen, seit

unvordenklichen Zeiten mit dem Eigentumsrecht verknüpft,

weshalb die Katholiken über den Vorschlag der Regierung

-67-

murrten und ihn als Beschneidung ihrer Rechte betrachteten.

Die Regierung von Louis Napoleon (dem Neffen des ersten

Kaisers), der unter der Verfassung der Zweiten französischen

Republik im Dezember 1848 zum Präsidenten von Frankreich

gewählt worden war, sowohl in der Innenpolitik als auch in

internationalen Angelegenheiten einen prokatholischen Kurs

ein, weil er sich davon Rückhalt bei den Konservativen erhoffte.

Hinter den Kulissen waren die Franzosen ganz offenherzig, was

ihre Motive anbetraf, für die Sache der römisch-katholischen

Kirche einzutreten. Ein französischer Diplomat schrieb damals:

Worin liegt die Bedeutung dieses in Konstantinopel

angestachelten Streits über die Heiligen Stätten?... Ich kenne den

Orient, und ich kann Ihnen versichern, dass Russland nicht

nachgeben wird. Für Russland ist es eine Frage auf Leben und

Tod, und es ist zu hoffen, dass man sich in Paris darüber im

Klaren ist, falls man wünscht, die Affäre auf die Spitze zu

treiben.54

Dass die Gefahr eines Kriegs mit Russland bestand, begriff

man in Paris sehr wohl - aber statt dass dies zur Zurückhaltung

geführt hätte, sahen Napoleon und seine Minister die Streitfrage

als einen willkommenen Vorwand an. Napoleons Außenminister

Edouard Drouyn de Lhuys war als Verfechter einer

prokatholischen Außenpolitik nicht weniger zynisch als sein

protestantischer Vorgänger Guizot. Später gab Drouyn offen zu,

dass die Frage der Heiligen Stätten an sich «von keinerlei

Wichtigkeit für Frankreich» sei, aber eben doch nützlich als

Rammbock, mit dem man die Allianz der Mächte gegen

Frankreich aufbrechen könne.55

Anfang 1852 erwogen die Franzosen, demonstrativ eine Flotte

vor Konstantinopel aufkreuzen zu lassen, um den Ansprüchen

der Katholiken Nachdruck zu verleihen.56 Vorübergehend

-68-

besänftigte sie ein vom Sultan am 8. Februar erlassener neuer

Ferman, der zwar den (pro-orthodoxen) Status quo von 1757

bestätigte, den Katholiken jedoch einige kleinere Konzessionen

machte.57 Die in diesem Ferman formulierte Position wurde zum

locus classicus für die Definition des Status quo an den Heiligen

Stätten und für alle Ansprüche der unterschiedlichen

Konfessionen im Hinblick auf ihre dortigen Rechte.

Die Türken versuchten, die Rivalen damit zufrieden zu

stellen, dass sie ihnen gleichzeitig diplomatische Schreiben

zukommen ließen: Einerseits informierten sie die Franzosen

über die den Katholiken gemachten Konzessionen, andererseits

versuchten sie, die Russen zu beruhigen, indem sie die

Konzessionen an die Orthodoxen hervorhoben. Diese doppelte -

um nicht zu sagen doppelzüngige - Form von Diplomatie hatte

nur den Erfolg, sowohl in Russland als auch in Frankreich

Missfallen zu erregen. Der russische Gesandte in Konstantinopel

«sprach sich mit ungewöhnlicher Vehemenz und nicht geringem

Grad der Irritation gegen das vorgeschlagene Arrangement» aus;

vom französischen Präsidenten hieß es, er neige dazu «die ihm

gemachten Konzessionen zu akzeptieren und die Tür für die

restlichen Ansprüche offen zu halten, aber sie praktisch derzeit

nicht weiter zu verfolgen».58

Ungeachtet dessen übten die Franzo sen auch weiterhin Druck

auf Konstantinopel aus und wurden am Ende dafür auch

belohnt. Drei Schlüssel zur Geburtskirche in Bethlehem, ein

zentraler Streitgegenstand, wurden den Katholiken

ausgehändigt, und am 22. Dezember 1852 setzte das lateinische

Patriarchat von Jerusalem in einem Zeremoniell einen neuen

silbernen Stern, der von den Franziskanern zur Verfügung

gestellt und der osmanischen Regierung durch den französischen

Botschafter formell ausgehändigt worden war, an seinen Platz in

der Kirche. Allem Anschein nach hatten die Franzosen einen

beachtlichen Triumph errungen. Die Russen schäumten vor

Wut: Zar Nikolaus I. äußerte dem britischen Botschafter

-69-

Hamilton Seymour gegenüber, «wir haben es mit einem kranken

Mann zu tun, einem sehr kranken Mann».59 Daher stammt der

Ausdruck «der kranke Mann am Bosporus», der zum geflügelten

Wort werden sollte. Graf Nesselrode, der russische Kanzler und

Außenminister, befand, «dass die rechtswidrigen Akte

gegenüber der griechisch-orthodoxen Kirche, die man zu

verhindern gewünscht habe, begangen worden seien, und dass es

folglich nun darum gehen müsse, eine Abhilfe für dieses

Unrecht zu finden; dass der Erfolg der französischen

Verhandlungen in Konstantinopel einzig und allein der Intrige

und Gewalt zugeschrieben werden müsse». Die Rechte des

russischen Kaisers, «die ihm und der griechisch-orthodoxen

Kirche zugesichert worden seien, könnten ihnen nicht ungestraft

vorenthalten werden».60 Der Staatsmann, der Russland damit auf

den Weg in den Krieg zugunsten der Rechte der orthodoxen

Christen führte, war übrigens anglikanisch getauft worden (seine

Mutter war eine Protestantin). Wie bei Guizot war Nesselrodes

Eifer nicht der des ehrlichen fanatischen Gläubigen, sondern

jener des skrupellos zielstrebigen Diplomaten.

Zwei Wochen nach der Zeremonie in Bethlehem mobilisierten

die Russen ein Armeekorps, um es an die türkische Grenze

vorrücken zu lassen. Prinz Menschikow wurde als

Sondergesandter nach Konstantinopel geschickt, um den Türken

ein Ultimatum zu präsentieren, das einen geheimen

Bündnisvertrag anbot, einen neuen Ferman verlangte, auf der

Rückkehr zum Status quo an den Heiligen Stätten bestand (so

wie ihn die Orthodoxen auslegten) und neuerlich das Recht des

Zaren bestätigte, alle orthodoxen Christen im Osmanenreich

unter seinen Schutz zu stellen. Bei seinen Treffen mit führenden

Türken ersuchte Menschikow darüber hinaus um die Erlaubnis,

in Jerusalem ein Hospital für Pilger sowie eine Kirche für

russische Priester zu bauen, forderte den Abriss zweier

türkischer Häuser in unmittelbarer Nähe der Grabeskirche und

wollte außerdem, dass dem griechisch-orthodoxen Patriarchen

-70-

von Jerusalem das Recht zugestanden wurde, die Aufsicht über

Reparaturen an der Dachkuppel der Kirche zu übernehmen. Das

in Aussicht genommene Hospital und die Kirche sollten der

«besonderen Inspektion des Generalkonsuls von Russland in

Palästina und Syrien» unterstehen.61 Derweil hatte die

französische Flotte den Befehl erhalten, nach Salamis zu segeln,

während die Briten ihre gefürchtetste diplomatische Waffe

entsandten, den herrischen Botschafter Lord Stratford de

Redcliffe, der an Bord des britischen Dampfers Fury nach

Konstantinopel zurückkehrte. Die Türken schwankten unter den

Drohungen ihrer prospektiven Verbündeten mal in die eine, mal

in die andere Richtung.

Die Briten verhielten sich in der Frage der Heiligen Stätten

strikt neutral. Sie hatten kein Interesse daran, etwas für die

Ambitionen Napoleons III. zu tun. Lord John Russell, der

damalige Außenminister, stellte fest, dass die Franzosen die

ersten gewesen seien, die «den Status quo, in dem die

Angelegenheit ruhte, aufstörten», und auch «die ersten, die

davon sprachen, Gewalt anzuwenden». Russell empfand es als

«bedauerlich» und «traurig», dass «Armeen und Flotten zu dem

Zweck in Bewegung versetzt würden, um das Grab Christi zum

Grund für einen Streit unter Christen zu machen».62 Unter

Einsatz erheblicher diplomatischer Energien gelang es Stratford

de Radcliffe, seinen französischen und seinen russischen

Kollegen in Konstantinopel zusammenzubringen, und am 22.

April erreichte er eine mündliche Verständigung über alle

strittigen Aspekte der Frage der Heiligen Stätten.63 Fermane

wurden vorbereitet, in denen der neueste Stand des Status quo

niedergelegt werden sollte, und in den Kanzleien Europas

machte sich Erleichterung bemerkbar.64

Aber in diesem Stadium gingen den Russen und den

Franzosen die Gäule durch. Weder die eine noch die andere

Regierung wollte sich wegen einer diplomatischen

Vereinbarung über die vermeintlichen Streitfragen von ihrer

-71-

Kriegslust abbringen lassen. Im Juli 1853 besetzten die Russen

die Fürstentümer Moldau und Walachei, die nominell noch der

türkischen Souveränität unterstanden. Im Oktober erklärte die

Türkei Russland den Krieg. Die Briten zögerten auch weiterhin,

involviert zu werden, konnten aber nicht hinnehmen, dass die

Meerengen zwischen Schwarzem Meer und Mittelmeer unter

russische Kontrolle gerieten, weshalb auch sie unentrinnbar in

den Krieg hineingezogen wurden. Als im November eine

türkische Flotteneinheit bei Sinope von den Russen zerstört

wurde, löste dies bei den Briten die Befürchtung aus, dass das

Osmanische Reich zusammenbrechen und die Russen nach

Konstantinopel vorrücken würden. Um dies zu verhindern,

schlossen sie sich im März 1854 Frankreich als Bündnispartner

der Türken gegen Russland an.

Der Krimkrieg hatte natürlich in Wahrheit wenig mit der

Frage der Heiligen Stätten zu tun. Im Kern führten die Mächte

wegen strategischer Fragen Krieg - wegen des russischen

Anspruchs auf ein Protektorat über Christen im Osmanischen

Reich und insbesondere auf dem Balkan, der britischen Furcht

vor einer russischen Flotte im Mittelmeer, dem Wunsch des

französischen Kaisers, die militärischen Triumphe seines Onkels

nachzuahmen. Sowohl für Russland als auch für Frankreich

waren Jerusalem und die Heiligen Stätten ein willkommener

Vorwand und nicht selbst von vitalem nationalen Interesse.

Man hätte eigentlich denken sollen, dass der Ausbruch des

Kriegs zu einem Waffenstillstand zwischen den christlichen

Bekenntnissen wenigstens zwischen Katholiken und

Protestanten - und ihrer konsularischen Vertretung in Jerusalem

geführt hätte, aber dem war nicht so. Zwar erteilte die

französische Regierung in der Tat Instruktionen an alle Konsuln,

sie sollten mit ihren britischen Verbündeten harmonische

Beziehungen wahren, aber am Ende des Krieges meinte ein

französischer Diplomat dazu: «Es war nicht immer so, und die

Mehrheit der französischen Konsuln in den Territorien des

-72-

Sultans, getrieben von einem Eifer, der eher hitzig als

nachdenklich war, versäumte es, sich auf die wahre Natur ihrer

Pflichten zu besinnen».65 Am Ende der Feindseligkeiten traten

die Mächte in einer Konferenz in Paris zusammen und

bestätigten den Grundsatz des Status quo hinsichtlich der

Heiligen Stätten. Auf der Ebene der internationalen Diplomatie

löschte das die Flammen für eine Weile - aber in Jerusalem ging

das Gezänk weiter und brach im Verlauf des nächsten

Jahrhunderts und darüber hinaus bei der geringsten Gelegenheit

immer wieder aufs Neue hervor.

Angesichts dieser Aufzählung von Intrigen, Disputen,

Konflikten und Antagonismen muss eine wichtige Tatsache

betont werden: Während der gesamten Spätzeit des

Osmanenreichs, das heißt seit dem Ende der ägyptischen

Besetzung bis zum Ersten Weltkrieg, kam es in Jerusalem zu

keinerlei nennenswerten kommunalen Gewalttaten der

ansässigen Bevölkerung.66 Die Beziehungen zwischen den

muslimischen, christlichen und jüdischen Gemeinden waren

zwar zuweilen von Verdächtigungen und sogar sektiererischer

Verachtung geprägt, hielten sich aber alles in allem in einem

Rahmen von Gesetzmäßigkeit und bürgerlichem Frieden.

Dennoch führen die in Jerusalem geführten Kriege zwischen den

Konsuln vor Augen, dass in der Jerusalem-Frage genügend

Sprengkraft steckte, um die Beziehungen zwischen den Mächten

zu belasten und in Spannung zu versetzen. Für Kriegstreiber mit

sehr viel weitergehenden Motiven war die heilige Sache von

Jerusalem ein bequemer Vorwand. In der Zeit nach dem

Krimkrieg schwenken alle großen Mächte auf den Weg einer

quasiimperialen Expansion im Nahe n Osten und vor allem in

Palästina ein, am spektakulärsten in Jerusalem.

-73-

2. ALTE STADT, NEUE STADT

Während der Endphase der Osmanenherrschaft, zwischen

Krimkrieg und Erstem Weltkrieg, hat sich Jerusalem dramatisch

verändert. Aus einem in sich gekehrten, von einer Mauer

umgebenen Bergstädtchen wurde eine Stadt mit einigen

spektakulären modernen Bauten und internationalen

wirtschaftlichen und politischen Beziehungen. Mit dem

Wachstum der Stadt veränderte sich auch der Charakter der

Jerusalem-Frage in der internationalen Diplomatie. Aus einem

zwischen den christlichen Bekenntnissen geführten Ringen um

Einfluss über die Rechte an den Heiligen Stätten wurde ein

Schauplatz weiträumigerer Konflikte und Ansprüche aller drei

monotheistischen Religionen und auch territorialer Ambitionen

mehrerer Mächte. Geprägt wurde die Jerusalem-Frage nun auch

durch den Import einer neuen säkularen Religion aus Europa,

die unter Christen, Muslimen und Juden ihre Anhänger fand:

den Nationalismus.

-74-

Jenseits der Mauern

Zwischen den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts und 1870

verdoppelte sich die Einwohnerzahl Jerusalems von etwa 11000

auf 22000 Menschen. Bis 1914 wuchs sie noch einmal um mehr

als das Dreifache auf schätzungsweise 70000 an (siehe Tabelle

1). Seit der Jahrhundertmitte siedelten sich Christen, Juden und

Muslime in etwa in dieser Reihenfolge - in beachtlicher Zahl

außerhalb der Stadtmauern an. Im Jahre 1914, so schätzt man,

lebte bereits die Hälfte der Bevölkerung in dieser «Neustadt».1

Zu diesem Bevölkerungsanstieg truge n am meisten die Juden

bei, die seit den frühen achtziger Jahren die Mehrheit der

Einwohner bildeten.2 Nicht mehr als ungefähr 1000 Menschen

hatte die jüdische Gemeinde 1690 gezählt, was etwa 10 Prozent

der Gesamteinwohnerzahl ausmachte. Aber schon 1752 schrieb

ein einheimischer jüdischer Weiser, Nichtjuden beklagten sich

darüber, «dass zu viele [Juden] kommen».3

Bis in die sechziger Jahre des 18. Jahrhunderts waren die

meisten jüdischen Einwanderer Sephardim gewesen

(Abkömmlinge der am Ende des 15. Jahrhunderts von der

Iberischen Halbinsel vertriebenen Juden); danach waren die

meisten Aschkenasim (Juden aus Deutschland und Osteuropa).

Seit 1777 kam nach und nach eine kleine, aber bedeutsame Zahl

von Chassiden aus Polen und Russland in die Stadt. Bis zum

Ende des 18. Jahrhunderts begrenzte die jüdische Gemeinde in

Jerusalem den Zuzug mittels der sog. «Junggesellenregelung».4

Sowohl der Geburtenzuwachs als auch die Zuwanderung

wurden dadurch gehemmt. Dennoch nahm die Zahl der Juden

sowohl relativ als auch absolut gesehen weiter zu und könnte in

der Mitte des 19. Jahrhunderts vielleicht 6000 bei einer

Gesamtzahl von 15000 Einwohnern betragen haben. Danach

kam es infolge der Einwanderung aus Europa (später auch aus

-75-

dem Jemen) zu einem steten Bevölkerungszuwachs, aber

außerhalb der überfüllten Bereiche des alten jüdischen Viertels

auch zu verbesserten Lebensbedingungen.5 Im Jahre 1914 lebten

schätzungsweise 45000 Juden in Jerusalem bei einer

Gesamtbevölkerung von 70000. Zu diesem Zeitpunkt war die

Mehrheit der in Palästina lebenden Juden - höchstens 85000

Menschen bei einer geschätzten Gesamtbevölkerung von

790000 - in Jerusalem zu Hause.

Kaum weniger spektakulär als das Anwachsen der jüdischen

Bevölkerung in der Stadt war der Zuwachs an Christen. Von

geschätzten 3000 im Jahre 1835 wuchs ihre Zahl bis 1910 um

mehr als das Vierfache auf rund 13000 an. Diese Wachstumsrate

war größer als die der Muslime in der Stadt.6 In absoluten

Zahlen übertrafen die Christen nun sogar die in Jerusalem

lebenden Muslime, wahrscheinlich erstmals seit den

Kreuzzügen. Im Jahre 1905 lebten, einer neueren und

gründlichen Analyse osmanischer Volkszählungsunterlagen

zufolge, 11500 Christen (18,4 Prozent der Gesamtbevölkerung)

gegenüber 11000 Muslimen (17,6 Prozent der

Gesamtbevölkerung) in Jerusalem.7

Tabelle 1: Die Bevölkerung Jerusalems nach Religionszugehörigkeit

(1563-2000)

Jahr Juden Muslime Christen Gesamt

1563 1434 11 802 1 830 15066

1800 2250 4000 2750 9000

1850 6000 5400 3600 15000

1910 45000 12000 12900 69900

1922 34000 13500 14600 62500

1931 51 200 19900 19300 90500

1946 99300 33700 31400 16440

1967 196 800 58 100 12900 26780

-76-

1983 306 300 108 500 13700 42850

1995 417100 182 700 14 100 61700

2000 439 600 196 900 14200 65750

Anmerkung: Aussagen über die Einwohnerschaft Jerusalems werfen

viele Probleme auf. Die Zahlen für 1563 sind auf Grund osmanischer

Quellen vorgenommene Schätzungen; siehe Amnon Cohen, Jewish

Life under Islam: Jerusalem in the Sixteenth Century,

Cambridge/Mass. 1984, S. 11-17. Cohen weist jedoch darauf hin, dass

diese Zahlen durchaus um Einiges hinter den wahren Verhältnissen

zurückbleiben könnten. Osmanische Volkszählungen, die erst seit dem

späten 19. Jahrhundert durchgeführt wurden, berücksichtigten nur

osmanische Bürger und geben deshalb ein verzerrtes Bild. Der erste

einigermaßen zuverlässige Zensus wurde 1922 von den Briten

durchgeführt. Alle davor liegenden Zahlen sowie die für das Jahr 1946

beruhen auf Schätzungen. Die israelischen Zensuszahlen geben nach

Meinung vieler Palästinenser die Zahl der arabischen Einwohner zu

niedrig an, weil sie nur die sog. «de jure Bevölkerung»

berücksichtigen, nämlich Personen, die in israelischen Augen

legalerweise Einwohner waren. Andererseits wurden die oben

angeführten Zahlen für 1995 später vom israelischen Zensusamt

korrigiert und sowohl die Anzahl der jüdischen als auch der

nichtjüdischen Einwohner reduziert, weil irrigerweise auch bloß de

facto vorhandene Einwohner mitgezählt worden waren (die Zahl der

Juden wurde dabei im Verhältnis stärker reduziert als die der

nichtjüdischen Bevölkerung). Zu berücksichtigen sind auch die

Veränderungen der Stadtgrenze Jerusalems während des vergangenen

Jahrhunderts. Scheinbare Unstimmigkeiten bei den jeweiligen

Gesamtzahlen sind auf das Vorhandensein kleiner Personengruppen

zurückzuführen, deren Religionszugehörigkeit als «andere» oder

«unbekannt» klassifiziert wurde. Aus all diesen Gründen sollten die

aufgeführten Zahlen eher als Größenordnungen denn als präzise

Angaben aufgefasst werden. Erörterungen zu Jerusalems

Demographie im 19. und frühen 20. Jahrhundert finden sich in den im

Quellenverzeichnis genannten Arbeiten von Yehoshua Ben-Arieh,

Justin McCarthy und U. O. Schmelz. Die aktuellste Erörterung von

-77-

Jerusalems gegenwärtiger und künftiger Demographie ist Sergio Della

Pergola, «Jerusalem's Population, 1995-2020: Demography,

Multicukuralism and Urban Policies», in European Journal of

Population, 17:2 (2001), S. 165-199. Zahlen für 2000 vom Israel

Central Statistical Bureau.

Dieses rasche Bevölkerungswachstum führte zwangsläufig zu

einer geographischen Ausbreitung der Stadt. Dieser Prozess

wurde auch dadurch unterstützt, dass sich in den letzten

Jahrzehnten des Jahrhunderts die allgemeine Sicherheit

verbessert hatte, insbesondere der Schutz vor den Überfällen

von Beduinen. Die altersschwache, verdreckte und stinkende

Bergstadt, wie sie von Besuchern vom Schlage eines A. W.

Kinglake oder Mark Twain unvergesslich schonungslos

geschildert wurde, begann ihre Verwandlung in eine moderne

Großstadt. Hauptmotor der städtischen Entwicklung war nicht

die osmanische Regierung, sondern vielmehr ausländisches

Kapital, das vor allem im Zusammenhang mit religiösen

Institutionen - christlichen und jüdischen - floss, die den

Beistand ausländischer Regierungen genossen, die unter dem

Kapitulationenregime als Schutzmächte operierten. Als die

Bevölkerung aus der Altstadt herauszudrängen begann, kamen

charakteristische geographische Trennungslinien zum

Vorschein, die zu einem gewissen Grad noch heute zu sehen

sind: Muslime zogen hauptsächlich in den Norden und Süden

der Stadt, Juden vornehmlich in den Westen.

Am frühesten siedelten sich Christen jenseits der Stadtmauern

an. Einer der ersten war der britische Konsul James Finn, der

sich in den frühen fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts ein

Sommerhaus am Talbieh, einem Hügel gegenüber der Westseite

der Stadt, baute. Kurz darauf ließ Bischof Gobat auf dem

Zionsberg eine Schule errichten. Im Jahre 1860 gründete der

deutsche protestantische Missionar Johann Ludwig Schneller in

der Nähe des Dörfchens Lifta im Nordwesten der Stadt ein

Waisenhaus, und 1867 stiftete der deutsche Adlige von

-78-

Keffenbrink Geld zur Gründung eines Leprahospitals unweit des

Mamilla-Teichs vor dem Jaffator. Mit Geldern der Prinzessin de

la Tour d'Auvergne, einer Verwandten Napoleons III., wurden

1868 auf dem Ölberg ein Karmeliterinnenkloster und eine

Kirche errichtet. In den späten siebziger Jahren entstand dort,

wo heute der Ortsteil Rehavia liegt, das imposante Ratisbonne-

Kloster St. Pierre, und 1887 wurde das sogar noch gewaltigere

Notre Dame-Hospiz der Assumptionisten direkt gegenüber dem

Neuen Tor der Altstadt eröffnet.8

Zu den frühesten christlichen Wohnbezirken in der

«Neustadt» gehörte die Deutsche Kolonie, eine Siedlung der

Tempelgesellschaft, einer 1854 in Süddeutschland gegründeten

pietistischen Sekte (nicht zu verwechseln mit dem

Kreuzritterorden der Templer). Seit 1868 bauten sie eine Reihe

neuartiger Kolonien in Palästina auf, die aus Europa

landwirtschaftliche Verfahren, Gerätschaften und Maschinen

einführten (und insoweit ähnliche Bemühungen der Zionisten

vorwegnahmen). In Jerusalem errichteten sie eine kleine

Siedlung mit soliden Häusern im deutschen Stil, deren

ursprünglicher Charakter heute noch wiederzuerkennen ist, auch

wenn ihre deutschen Bewohner während des Zweiten

Weltkriegs von den Briten deportiert wurden.

Die jüdische Expansion jenseits der Jerusalemer Stadtmauern

hatte bis zum Ersten Weltkrieg mit Protozionismus wenig zu

tun. Religiöse Motive bewogen in erster Linie den Umzug von

Juden nach Jerusalem, und die meisten Neuankömmlinge hatten,

wie die bereits ansässige jüdische Gemeinde, kein Interesse am

und keine Sympathie für den jüdischen Nationalismus. Selbst

nachdem in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts der

Zustrom von Zionisten nach Palästina einsetzte, kamen nur

wenige von ihnen nach Jerusalem. Das Hauptquartier der

Hovevei Zion (Verehrer Zions) lag in Jaffa. Die Neusiedler

zogen es vor, sich dort oder in landwirtschaftlichen Siedlungen

in der Küstenebene niederzulassen. Jerusalem, die Hauptstadt

-79-

des sog. «alten Jischuw», galt, vor allem unter säkularen

Zionisten, als Heimstatt aller primitiven und

rückwärtsgewandten Elemente im Judentum. Weit entfernt

davon, mit Zuneigung auf Jerusalem zu schauen, verachteten sie

es und alles, wofür es stand, vor allem die traditionelle

Abhängigkeit der dortigen Juden von mildtätigen Spenden.

Der Bevölkerungsdruck im dicht besiedelten jüdischen Viertel

und die Furcht davor, vor die Stadtmauern zu ziehen, bewogen

in den siebziger Jahren manche Juden dazu, sich im

muslimischen Viertel niederzulassen. Dort wurden einige

Jeschiwot (Talmudschulen), Schulen sowie andere

Einrichtungen geschaffen und die hebräische Zeitung Havatzelet

publiziert. Jüdische Läden waren sowohl im muslimischen als

auch im christlichen Viertel zu finden.9 Die steigenden

Bevölkerungszahlen nötigten die Juden schließlich dazu, neue

Wohnbezirke außerhalb der Altstadt anzulegen. Der erste war

Mischkenot Schaanannim, Wohnstätten für Arme, die der

englisch-jüdische Philanthrop Moses Montefiore südwestlich

des Jaffators hatte 1855 errichten lassen, die aber viele Jahre

lang unbewohnt blieben, weil sich die Juden davor fürchteten,

dort zu wohnen. Der Bezirk Mea Schearim («hundertfältig» - 1

Mose 26:12), der so hieß, weil der Gründungsgenossenschaft

anfangs hundert Leute beigetreten waren, wurde 1873 von

orthodoxen Juden gegründet. Ein Jahrzehnt später lebten 2000

Juden außerhalb der Stadtmauern. Als Theodor Herzl 1898

Jerusalem besuchte, notierte er in sein Tagebuch, dass eine ganz

neue Stadt außerhalb der Mauern aufgebaut werden müsse. «Das

alte Jerusalem wäre und bliebe Lourdes, Mekka und

Jeruscholajim. Eine sehr hübsche und elegante Stadt wäre

daneben ganz möglich.»10 Bald begann aus seiner Vision

Wirklichkeit zu werden. Im Jahre 1914 lebten nahezu doppelt so

viele Juden in der neuen wie in der Altstadt (29000 gegenüber

16000).11

Die Bautätigkeit der Muslime jenseits der Stadtmauern

-80-

begann später und hatte einen geringeren Umfang als die der

Christen und Juden. Um 1870 begann die Bebauung des

Husayni-Bezirks unweit der Scheich Jarrah-Moschee und

nördlich des Damaskustors, in dem eine Reihe schöner Villen

stand, die dieser Notabeinfamilie gehörten. Eine dieser Villen

wurde später zum Kern der amerikanischen Kolonie zunächst

eine Missionsstation, dann ein Hospital, heute ein Hotel. Andere

wohlhabende Notabeinfamilien wie die Naschaschibis und die

Jarallahs bauten in der Nähe große Häuser, was zur Folge hatte,

das Scheich Jarrah zum mondänsten muslimischen Bezirk

Jerusalems wurde. Muslime der Unterschicht blieben ehe r im

muslimischen Viertel der Altstadt (noch heute eines der ärmsten

Gebiete), und man schätzt, dass bis 1914 allenfalls ein Fünftel

der muslimischen Bevölkerung Jerusalems außerhalb der

Stadtmauern wohnte.12

-81-

Geistiger Imperialismus

Die Entstehung der Neustadt war nicht nur die Folge

demographischen Drucks, sondern auch externer Interessen -

touristischer, geistiger, archäologischer sowie imperialistischer

Natur.

Seit den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts war Jerusalem

zur Station auf der Kavalierstour von Bildungsreisenden

geworden. Zu den frühesten Besuchern gehörte Benjamin

Disraeli - auch wenn zweifelhaft ist, ob dieser Besuch mit seinen

gelegentlichen protozionistischen Äußerungen in

Zusammenhang gebracht werden kann.13 Nach dem künftigen

britische n Premierminister folgte ein wahrer Strom gekrönter

und adliger Häupter aus Europa. Erzherzog Maximilian von

Bayern traf 1838 ein, ein paar Jahre darauf der vom Schicksal

nicht begünstigte Erzherzog Maximilian, der später Kaiser von

Mexiko wurde. Im April 1841 verbrachte der Bruder des

preußischen Königs acht Tage in der Stadt. Seitdem in den

vierziger Jahren Dampfer in der kommerziellen Schifffahrt auf

dem Mittelmeer eingesetzt wurden, seit der Eröffnung des

Suezkanals 1869 und der Eisenbahnstrecke zwische n Jaffa und

Jerusalem im Jahre 1892 wurde solcher königlicher Tourismus

sehr beliebt. 1855 kam der Herzog von Brabant an, und 1859

reiste der russische Großherzog Konstantin auf Bitten des Zaren

als Pilger nach Jerusalem. Der Prince of Wales, der künftige

Edward VIL, stattete der Stadt 1862 einen Besuch ab, wie 1913

sein Enkel, der künftige Edward VIII. Der berühmteste

Besucher aber war Kaiser Wilhelm II., der 1898 hoch zu Ross

durch eine speziell für ihn neben dem Jaffator in die Stadtmauer

geschlagene Bresche einritt (das englische Satireblatt Punch

bezeichnete den königlichen Pilgersmann spöttisch als «Cooks

Kreuzritter»). Am Ende des Jahrhunderts war Jerusalem zum

-82-

attraktiven Reiseziel nicht nur der europäischen Aristokratie,

sondern auch bürgerlicher To uristen und demütiger Pilger

geworden.

Manchen der bedeutenden Persönlichkeiten, die sich auf

Pilgerfahrt nach Jerusalem aufmachten, lag die Errichtung von

Kirchen und Klöstern am Herzen. Die eindrucksvollste war die

Kaiserin-Augusta-Victoria-Stiftung auf dem Skopusberg, die zur

Zeit des kaiserlichen Besuchs 1898 in Aussicht genommen und

1910 eingeweiht worden war. Der festungsartige Eindruck, den

das Gebäude machte, und dessen strategisch beherrschende

Lage auf dem Skopusberg ließen den Verdacht aufkommen,

dass es zu militärischen und nicht zu Wohlfahrtszwecken

errichtet worden sei.14 Nie wurde es so genutzt, wie es gedacht

gewesen war: 1909 flog das Dach davon; die Eröffnung im

Jahre 1914 wurde verschoben, weil der Erste Weltkrieg

ausgebrochen war; später diente es als die erste offizielle

Residenz des britischen Hochkommissars. Nachdem in den

dreißiger Jahren ein speziell errichtetes Regierungsgebäude

fertiggestellt war, kam man überein, den Bau dem deutschen

Diakonissenkrankenhaus zu überlassen. Als Eröffnungsdatum

wählte man den September 1939...

Selbst die Juden profitierten von königlicher Philanthropie:

Der König von Preußen trug zur Errichtung der 1863 eröffneten

Hurva-Synagoge bei, weshalb sein Name zusammen mit denen

anderer Wohltäter in einer Inschrift über dem Eingang

festgehalten wurde. Als der österreichische Kaiser Franz Joseph,

der u. a. auch den Titel «König von Jerusalem» trug, die Stadt

im Jahre 1869 besuchte, stiftete er Geld für das Tor zum Ortsteil

Batei Mahse im jüdischen Viertel.

Ein Großteil dieser baulichen Wohltäterschaft war

unzweifelhaft rein spirituell motiviert. Aber fast immer steckte

dahinter der Geist des odium theologicum, das diplomatischen

Rivalitäten und imperialistischen Ambitionen Ausdruck gab.

Der Friede von Paris, mit dem der Krimkrieg zu Ende ging,

-83-

besiegelte den Status quo an den Heiligen Stätten, wie er im

Ferman vom 8. Februar 1852 formuliert worden war. Bei

künftigen Konflikten war er die Basis für ihre Beilegung. Ein

anderer Aspekt des Status quo aber konnte infolge der

Abhängigkeit der Türken von ihren Verbündeten durch diese

christlichen Mächte aus den Angeln gehoben werden - die

rechtliche Diskriminierung, unter der Nichtmuslime im

osmanischen Reich noch immer zu leiden hatten. Das

emanzipatorische «Edle Reskript der Rosenkammer», das der

Sultan 1839 auf anglofranzösischen Druck hin gewährt hatte,

provozierte in ganz Syrien und Palästina einschließlich

Jerusalem einen konservativen Rückschlag und kam nicht voll

zur Wirkung. Die Krise in der Jahrhundertmitte bot Briten und

Franzosen eine neuerliche Gelegenheit, entsprechenden Druck

auszuüben. Noch vor Kriegsausbruch ließ der britische

Außenminister Earl of Clarendon Stratford de Redcliffe wissen,

dass «jeder faire Vorteil aus der gegenwärtigen Lage des

türkischen Re iches genutzt werden sollte, um dem Sultan und

seinen Ministern eindringlich die Wichtigkeit der Beseitigung

aller bürgerlichen Unterschiede zwischen den christlichen und

den mohammedanischen Untertanen des Sultans eindringlich

klarzumachen».15

Entsprechend erließ der Sultan eine Reihe neuer Dekrete, die

am 18. Februar 1856 in einem kaiserlichen Reskript

kulminierten, das die Gleichheit aller osmanischen Bürger

bekräftigte. Das Reskript legte fest, dass Reparaturarbeiten an

Gotteshäusern, Schulen, Hospitälern oder Friedhöfen kein

Hindernis in den Weg gelegt werden dürfe und bei der Erlaubnis

für die Errichtung neuer Bauten von Nichtmuslimen nur «ein

Minimum administrativer Hindernisse» zulässig sei.16 Durch das

Millet-Gesetz von 1865 wurde die Position von Christen und

Juden, jedenfalls soweit sie osmanische Bürger waren, weiter

gestärkt. Diese Rechtsänderungen leiteten die nächste Phase der

Einmischung der europäischen Mächte in die Jerusalem-Frage

-84-

ein, die Phase des spirituellen Imperialismus.

Dieser hing zumeist mit missionarischen Aktivitäten

zusammen, deren Anfänge in die zwanziger Jahre des 19.

Jahrhunderts zurückreichten. Der erste Missionar, der in

Jerusalem ankam, war vermutlich James Connor, ein Absolvent

der Universität Oxford, der im Auftrag der Church Missionary

Society tätig war. Er begab sich 1819 dorthin, reiste aber wenig

später wieder ab, nachdem er entschieden hatte, dass sein

Bleiben zu gefährlich sei. Im Jahre 1820 besuchte der Schweizer

Pastor Melchior Tschoudy im Auftrag der London Society for

Promoting Christianity among the Jews (Gesellschaft zur

Verbreitung des Christentums unter den Juden) die Stadt und

gelangte zu etwas günstigeren Schlussfolgerungen. Ihm folgte

ein Amerikaner, Levi Parsons, der Anfang 1821 mehrere

Monate in Jerusalem verbrachte. Es dauerte aber bis 1833,

nachdem die Ägypter die Herrschaft übernommen hatten, dass

die London Society auf Dauer eine Vertretung in der Stadt

einrichtete, welcher Reverend John Nicolayson, ein Däne,

vorstand.

Ein Punkt, bei dem es den Westmächten in der Zeit des

Tanzimat nicht gelungen war, die Türkei zum Nachgeben zu

bewegen, betraf das Recht zur Konversion vom Islam. Mit

Nachdruck drangen Befürworter einer aktiven Missionspolitik

darauf, die Sanktionen (bis hin zur Todesstrafe) aufzuheben, die

solche Konvertiten zu gewärtigen hatten. Die osmanische

Regierung versprach zwar, dass Apostaten nicht mehr

hingerichtet würden,17 da man jedoch Reaktionen seitens der

Muslime befürchtete, widerstand sie dem Druck der Mächte,

auch andere Strafen abzuschaffen. Deshalb verzichteten die

Missionare in Jerusalem und anderswo darauf, unter Muslimen

Proselyten zu machen. Statt dessen waren sie wieder auf sichere

Personenkreise verwiesen - die Juden und Angehörige

konkurrierender christlicher Glaubensbekenntnisse. Ihre

Bemühungen im Kreis der ersteren provozierten jedoch den

-85-

heftigen, manchmal sogar gewaltsamen Widerstand orthodoxer

Juden, und auch die christlichen Rivalen nahmen Anstoß an den

Versuchen, auf ihrem spirituellen Terrain zu wildern. Die Zahl

der Konvertiten war enttäuschend klein: 1852 konnten fünf

europäische Missionare nur insgesamt 131 «hebräische

Christen» vorweisen.18

Während dieser ganzen Zeit ging der diplomatische

Wettkampf zwischen den Mächten weiter. Bei

Auseinandersetzungen zwischen griechisch-orthodoxen und

katholischen Mönchen, 1873 in Bethlehem und 1901 in

Jerusalem - um nur zwei von den ernsteren Konfrontationen zu

erwähnen - floss Blut. Statt dass Konflikte gelöst und Rechte

definitiv geklärt wurden, stellte die Doktrin des Status quo

sicher, dass Dispute nie gelöst und Rechte niemals geklärt

wurden. Dieser Zustand ständiger Ungewissheit und endloser

Konflikte kam den Mächten durchaus entgegen, denn er

verschaffte ihnen einen steten Nachschub an

Beschwerdegründen, mittels derer sie ihren Anspruch

untermauern konnten, als beschützende Autorität aufzutreten.

Das französische Protektorat über die Katholiken wurde

bruchlos von den aufeinander folgenden Regierungen aller

politischen Richtungen bestätigt. Im Jahre 1851 hatte die Zweite

französische Republik die Sache der Katholiken «im Namen der

gesamten katholischen Welt» vertreten.19 Unter dem Zweiten

Kaiserreich erreichte diese Politik ihren Höhepunkt, aber auch

nach dem Sturz Napoleons III. im Jahre 1870 warfen sich seine

republikanischen Nachfolger ohne Zögern den historischen

Mantel der Protektoren über die katholische Christenheit um die

Schultern.

Sie taten das gegen neue Rivalen in der katholischen Welt.

Die Entstehung eines vereinigten Königreichs Italien im Jahre

1861 hatte bereits französische Befürchtungen ausgelöst, dass

ihr Protektorat in Frage gestellt werden könnte. Zunächst hielten

sich die Italiener jedoch zurück. Da die Franzosen ihnen in

-86-

ihrem Befreiungskrieg gegen Österreich geholfen hatten, fühlten

sie sich in gewissem Maß in ihrer Schuld. Auch war ihnen die

Präsenz einer französischen Garnison bewusst, die in Rom die

kleine Insel weltlicher Macht des Papstes beschützen sollte.

1862 wurde der französische Konsul in Jerusalem autorisiert,

italienischen Staatsbürgern Schutz zu gewähren, um die

«Einheit des Protektorats» zu wahren.20 Als 1871 dort ein

italienisches Konsulat eingerichtet wurde - es geschah in einem

Moment plötzlicher französischer Schwäche nach der

Niederlage gegen Preußen bei Sedan -, erwachten französische

Ängste vor einer Verdrängung durch den italienischen

Neuankömmling. Unter Anspielung auf diese Gefahr warnte der

französische Botschafter in Konstantinopel seinen Konsul in

Jerusalem mit den Worten: «Ihr Auftrag lautet zwar, die

freundlichsten Beziehungen mit M. de Rege-Donato zu pflegen,

aber ich bitte Sie, darauf zu achten, dass die Herzlichkeit Ihrer

Beziehungen nicht jene Übergriffe ermöglicht, gegen die wir

Tag für Tag anzukämpfen haben.»21 1878 hielten es die

Franzosen für angebracht, ihre Position durch Artikel 62 des

Berliner Vertrags neuerlich abzusichern, der (unter anderem)

erklärte: «Die von Frankreich innegehabten Rechte werden

ausdrücklich reserviert, und es besteht Einverständnis darüber,

dass am Status quo der Heiligen Stätten keine Veränderungen

vorgenommen werden können.»

Die Italiener hielten jedoch daran fest, das Schutzrecht über

ihre eigenen Staatsbürger auszuüben, und verwiesen auf einen

anderen Satz im selben Artikel dieses Vertrages, der «das Recht

des offiziellen Schutzes durch die diplomatischen und

konsularischen Beauftragten der Mächte» anerkannte, und zwar

«hinsichtlich Klerikern und ihren religiösen, wohltätigen und

anderen Einrichtungen an den Heiligen Stätten und

andernorts».22 In Anbetracht des Umstands, dass der Lateinische

Patriarch und viele hochrangige katholische Geistliche in

Palästina meistens Italiener waren, eröffnete dieser Passus der

-87-

italienischen Diplomatie Möglichkeiten, deren sich ihre Konsuln

in Jerusalem mit Eifer bedienten. Im Jahre 1891 warnte der

französische Botschafter am Heiligen Stuhl den Quai d'Orsay,

dass die italienische Regierung nicht müde werde, «indirekt mit

allen Mitteln zu versuchen, uns unserer Vorrechte des religiösen

Protektorats im Orient zu entkleiden».23 Zweifellos in der

Absicht, den Primat zu stärken, den die Franzosen im Kreis der

ausländischen Konsuln in Jerusalem beanspruchten, wertete

Frankreich im selben Jahr den Rang seiner dortigen Vertretung

zu einem Generalkonsulat auf.

Als Frankreich in den ersten Jahren des folgenden

Jahrhunderts eine rigoros antiklerikale Politik einschlug, hatte

das vor allem innenpolitische Gründe; nach außen führte

Frankreich eine katholische Außenpolitik fort. In einem

Zeitungsinterview brachte es der französische Konsul im

November 1902 exakt auf den Punkt: «Zu Hause kann

Frankreich sein, was es will, aber im Orient ist es katholisch, ist

es der weltliche Arm des Heiligen Stuhls und der Vertreter der

Latinität.»24 In einer Hinsicht passte beides gut zusammen: Die

von den Regierungen Waldeck-Rousseau und Combes

unternommenen rechtlichen Schritte gegen religiöse Orden

führten dazu, dass Tausende von Nonnen und Mönchen

Frankreich verließen - und so in vielen Fällen die Zahl der

französischen Mitglieder katholischer Orden in der Levante

erhöhten.

Nach einer Reihe unerfreulicher Zwischenfälle und

Wortwechsel mit den Italienern hielt Frankreich den Zeitpunkt

für gekommen, sich erneut seiner Vorrechte zu versichern. Als

erstes hatte es 1902 scharfe Worte zwischen dem Kustos von

Terra Sancta, Pater Frediano Giannini, und dem amtierenden

französischen Konsul Ferdinand Wiet gegeben. Der französische

Konsul führte bitterliche Klage, dass einige seiner

Franziskanermönche nach einer «bagarre», einer Prügelei, mit

ein paar Griechen im Vorhof der Heiliggrabkirche den

-88-

italienischen Konsul statt die zuständige Schutzautorität -

nämlich ihn - um Intervention gebeten hätten. Dies, erklärte er,

sei «ein bewusster Schlag gegen unser Protektorat».25 Kurz

danach machte sich der italienische Konsul Carletti geschickt

den Jerusalem-Besuch einer Gruppe italienischer Pilger zunutze,

die in Begleitung des Mailänder Kardinals Ferrari gekommen

waren. Carletti hieß den Kardinal mit großem Aufwand

willkommen: Er sandte ihm eine Kutsche entgegen, die ihn nach

Jerusalem bringen sollte, veranstaltete für ihn einen großen

Empfang in einem Zelt, über dem die italienische Fahne

flatterte, und ließ ihn dann in einer Prozession durch die Stadt

ziehen, geleitet von einer Kapelle von Salesianern, die die

königliche Hymne spielte. Der Giornale d'ltalia machte dem

Konsul Komplimente, dass er «mit Geschick und zur rechten

Zeit» auf dem Recht Italiens bestanden habe, Schutz zu

gewähren; im übrigen berichtete die Zeitung, der offenbar

gekränkte französische Konsul habe sich dem hochrangigen

Besucher gegenüber unhöflich betragen. «Augenzeugen» sollten

angeblich bezeugt haben, dass der französische Konsul bei

einem Treffen mit dem Kardinal kaum auch nur seine

Kopfbedeckung gelüftet, in hochmütigem Ton mit ihm

gesprochen habe und nicht einmal von seinem Ross

herabgestiegen sei. Der Kardinal habe darauf «seccamente»

reagiert, woraufhin der Konsul «al gran trotto» davongeritten

sei.26 Darüber kam es zu einer heftigen Polemik zwischen der

französischen und der italienischen Presse, wobei letztere die

«Emanzipation» der italienischen kirchlichen Einrichtungen im

Heiligen Land forderte.27 Der französische Konsul entspannte

die Lage nicht, als er dem Korrespondenten des Mailänder

Osservatore Cattolico ein Interview gab, in dem er erklärte: «Ob

Sie es wollen oder nicht, ob Sie es gern haben oder nicht, sind

wir stolz darauf, Sie zu beschützen und unseren Abkömmlingen

das säkulare Erbe Frankreichs weiterzugeben.»28

Im Jahre 1904 brach der Vatikan aus Protest gegen den

-89-

Besuch des französischen Präsidenten in der Hauptstadt des

Königreichs Italien die diplomatischen Beziehungen zu

Frankreich ab. Die Franzosen vertraten die Meinung, dass dies

ihr Protektorat über die lateinischen Christen im Heiligen Land

in keiner Weise berühre, aber Jules Cambon, ihr Botschafter in

Berlin, kommentierte 1909 die Lage mit den Worten: «Was

immer auch unsere Stellungnahmen in dieser Hinsicht sind, gibt

es auf unserer Seite doch einen gewissen Widerspruch, dass wir

weiterhin das traditionelle katholische Protektorat im Orient

beanspruchen, wenn wir keine Vertretung am Heiligen Stuhl

unterhalten, obwohl das orthodoxe Russland und das

protestantische Preußen es für notwendig erachten, eine solche

dort zu haben.»29

Rom war nicht die einzige potentielle Bedrohung für

Frankreichs Rechte in der Heiligen Stadt. «Das protestantische

Preußen» war für alle französischen Diplomaten seit dem

Desaster von 1870 das Böse schlechthin. Die Ankunft eines

neuen deutschen Konsuls, des jungen, energischen Barons

Thankmar von Münchhausen, verlieh den französischen

Befürchtungen eine gewisse Substanz. Münchhausen machte

sich daran, mit allen nur möglichen Mitteln den deutschen

Einfluss auszuweiten, und ermutigte während seiner

siebenjährigen Amtszeit vor allem jüdische Institutionen, die

deutsche Sprache zu verwenden.30 1878 wurde der Deutsche

Palästina Verein gegründet. Obwohl er sich - wie entsprechende

russische, französische und britische Freiwilligengruppen -

ostentativ wissenschaftlichen und religiösen Zwecken widmete,

diente er auch den Zwecken eines spirituellen Imperialismus im

deutschen Stil.

Münchhausens Ernennung entlockte dem französischen

Konsul ominöse Überlegungen. In einer langen Depesche, in der

er den Erfolg der Kolonien der Tempelgesellschaft in Palästina

nachzeichnete, warnte er:

-90-

Steht nicht zu befürchten, dass an dem Tage, an dem ernste

Komplikationen das Fortbestehen des türkischen Reichs

bedrohten, die zahlreichen deutschen Staatsangehörigen und die

Interessen, die sie vertreten, unsere Handlungsfreiheit lahmen

würden?... Ich pflichte denjenigen nicht bei, die sagen, dass die

nördlichen Rassen sich in diesem Land nicht akklimatisieren

können und dass die Deutschen nach zwei oder drei

Generationen von hier verschwinden werden. In den Ebenen

vielleicht, aber auf den Hügeln könnte sich eine europäische

Rasse, die ständig durch Zuwanderung wächst, auf die Dauer

halten, da das dortige Klima von dem in Mitteleuropa nicht allzu

verschieden ist... Deshalb können wir nicht ohne Beunruhigung

zusehen, wie die deutsche Einwanderung so stark anwächst; die

Feindseligkeit, welche diese Rasse uns gewidmet hat, eine

Feindseligkeit, die überall zum Vorschein kommt, wo die

Ihrigen direkt neben den Unsrigen präsent sind, muss uns

beschäftigen, insbesondere in einem Land, wo aus religiösen

Leidenschaften jeden Moment ernste Konflikte erwachsen

können.

Leider, fuhr er fort, könnten die Franzosen nicht auf die

gleiche Weise mit den Deutschen konkurrieren, weil «unsere

Landsleute kaum auswandern... Nur mit dem einheimischen

katholischen Element können wir versuchen, ein Gegengewicht

gegen die Deutschen zu bilden - zwar ein schlechtes Element,

aber eines, wovon die bestehenden religiösen Institutionen in

meinen Augen keinen rechten Vorteil gezogen haben.» Der

Konsul drang deshalb darauf, dass man einen der französischen

Schulorden dazu ermuntere, im Heiligen Land zu arbeiten.

Konkret schlug er vor, dass Abbé Ratisbonne, statt sich in seiner

neuen Schule mit ausländischen Lehrern zu umgeben, vielmehr

französische Bürger anstellen solle, die «mit ihrem Eifer und

Geist des Patriotismus... nach und nach den größeren Teil der

-91-

katholischen Bevölkerung und selbst die anderer Riten» um sich

versammeln würden.31 Die Depesche stand für eine

vorherrschende Tendenz im diplomatischen Denken der

Franzosen. Im Einklang mit solchen Ideen intensivierte sich im

Verlauf der vier Jahrzehnte vor dem Ausbruch des Ersten

Weltkriegs der Aufbau französisch-katholischer Institutionen in

Jerusalem und im übrigen Palästina.

Ein Zeichen dafür, dass die Befürchtungen des französischen

Konsuls im Hinblick auf deutsche Absichten im Heiligen Land

nicht an den Haaren herbeigezogen waren, war die 1882 von der

deutschen Regierung getroffene Entscheidung, sich von der

1841 mit England geschlossenen Vereinbarung über das

protestantische Bistum Jerusalem loszusagen. Als in diesem Jahr

der anglikanische Bischof Barclay verstarb, fiel der

Vereinbarung zufolge das Recht zur Ernennung eines neuen

Bischofs an die preußische Krone. Der Traum Friedrich

Wilhelms IV. von einer Union der lutherischen und der

anglikanischen Kirche hatte sich jedoch nicht erfüllt. Seit den

vierziger Jahren war in Jerusalem eine beachtliche lutherische

Gemeinde gewachsen, und die deutsche Regierung fand es nicht

praktikabel, die Vereinbarung aufrechtzuerhalten, wonach der

protestantische Bischof anglikanisch ordiniert sein musste. Nach

vierjährigen Verhandlungen fiel im Dezember 1886 die

Entscheidung, die Vereinbarung im gegenseitigen

Einvernehmen auszusetzen.32 Im folgenden Jahr wurde das

Bistum als ein rein anglikanisches neu konstituiert, wobei der

Amtsinhaber - in der Hoffnung, eine Brüskierung der

Orthodoxen damit künftig vermeiden zu können - von nun an

unter der Bezeichnung des Bischofs in statt von Jerusalem

firmierte. Lässt sich in dieser Formulierung eine Ahnung von

jener jüdischen nationalen Heimstatt (Jewish National Home)

entdecken, die, wie die Balfour-Erklärung von 1917 besagte und

Churchills Weißbuch von 1922 ausdrücklich vermerkte, in

Palästina geschaffen werden sollte. Die St. George's Cathedral,

-92-

anfänglich als St. George's Church bekannt, wurde 1896

begonnen. In ihrer Baugestaltung charakteristisch anglikanisch,

war sie der signifikanteste britische Beitrag zum Boom im

Kirchenbau im damaligen Jerusalem. Das 1899 eröffnete St.

George's College neben der Kirche war englischen

Kathedralschulen nachempfunden. Zu seinen Schülern gehörten

nicht nur Anglikaner, sondern auch andere Christen, Muslime

aus der Oberschicht und sogar ein paar Juden.

Die neue Unabhängigkeit der Lutheraner in Jerusalem wurde

1898 durch das denkwürdige Ereignis während des Besuchs des

Kaisers hervorgehoben: die Eröffnung der Erlöserkirche im

christlichen Viertel der Altstadt, für die sein Vater 1869 den

Grundstein gelegt hatte. Der Besuch veranlasste die französische

Regierung zu besorgten telegraphischen Instruktionen an ihren

Generalkonsul. Unter keinen Umständen dürfe er die deutsche

Flagge aufziehen. Sollten die Konsuln zusammentreten, um zu

beraten, ob man zu Ehren des Besuchers Lichter anzünden solle,

dann möge er darauf verweisen, dass an den Botschaften in

Konstantinopel keine derartigen Lichter angebracht worden

seien und es sich empfehlen würde, diesem Beispiel zu folgen.

Falls sich die Mehrheit der Konsuln dennoch für die

Illuminierung entschiede und alle Konsulate beleuchtet würden,

solle das französische in sehr zurückhaltender Weise erleuchtet

werden, «um jeglichen Anschein des Schmollens zu

vermeiden». Die unter französischem Schutz stehenden

Religionsgemeinden sollten nur die französische Fahne hissen

und keinerlei Festbeleuchtung aufbieten; nötigenfalls seien sie

daran zu erinnern, dass der Papst eine zurückhaltende Haltung

empfohlen habe. Bei allen Besuchen des Kaisers bei

Einrichtungen, die unter Schutz stünden, solle der Konsul

zugegen sein. Hinsichtlich des Besuchs des Monarchen in der

Heiliggrabkirche wurde der Konsul angewiesen, anwesend zu

sein, «aber ohne aufzufallen».33 Unterdessen unternahmen die

Russen nach dem Rückschlag im Krimkrieg neuerliche

-93-

Bemühungen, ein spirituelles Imperium in Palästina zu

errichten. 1857 kamen etwa 800 russische Pilger nach

Jerusalem; seither nahm die Zahl Jahr für Jahr stetig zu.

Zwischen Odessa und der syrischen Küste wurde eine

Dampferverbindung geschaffen, die die Pilger, in der Regel

einfache Bauern, zum Besuch der Heiligen Stätten beförderte.

Im Januar 1858 traf eine ständige russische Kirchenmission mit

Bischof Cyril von Melitopolsk an der Spitze ein. Ein

Memorandum des russischen Außenministeriums umriss die

Ziele dieser Mission:

Wir müssen unsere «Präsenz» im Osten nicht politisch,

sondern durch die Kirche herstellen. Als unser Einfluss noch

stark genug war, konnten wir es uns leisten, unsere Aktivitäten

zu verstecken und so Neid zu vermeiden, aber jetzt, da unser

Einfluss im Osten schwach geworden ist, müssen wir uns im

Gegenteil zeigen, damit wir nicht in der Wertschätzung der

orthodoxen Bevölkerung sinken... Jerusalem ist das Zentrum der

Welt, und unsere Mission muss dort sein.34

Fürst Gortschakow, Nesselrodes Nachfolger als russischer

Außenminister, legte Wert darauf, dem französischen

Geschäftsträger in St. Petersburg zu versichern, dass die neue

russische Mission sich «jeglicher Proselytenmacherei enthalten

und jede Haltung oder jedes Vorgehen vermeiden werde, an

denen andere christliche Gemeinschaften, insbesondere der

katholische Klerus, Anstoß nehmen könnten».35 Irgendwie

gelangten die Franzosen jedoch an ein Exemplar der

Geheiminstruktionen für die russische Mission. Diese wiesen

ihre Mitglieder an:

Nicht wie in der Vergangenheit die Angelegenheiten der

Kirche «durch ein griechisches Prisma» zu betrachten, sondern

-94-

in erster Linie um die russischen Interessen besorgt zu sein. Sich

vor allem mit den einheimischen, von den Griechen

unterdrückten Elementen zu befassen, um die Araber innerhalb

der Orthodoxie zu halten und ihre Konversion zum katholischen

Glauben zu verhindern...36

Folglich waren auch die Franzosen und ihre katholischen

Schützlinge vor der angekündigten spirituellen Aggression auf

der Hut.

Die Russen stießen jedoch auf eine Reihe von Hindernissen:

In Russland selbst kam es zu Auseinandersetzungen zwischen

rivalisierenden Enthusiastengruppen und in Jerusalem zu

Zusammenstößen zwischen russischen Konsuln und Geistlichen.

Die griechischen Kirchenmänner setzten dem russischen

Anspruch, sie herumzukommandieren, heftigen Widerstand

entgegen. «Der Patriarch», schrieb 1858 ein Mitglied der

Russischen Kirchenmission, «würde uns am liebsten an seinen

Busen pressen und uns in seiner Umarmung ersticken.»37 So,

wie die katholischen Geistlichen in Palästina, vor allem die

Franziskaner, eifrig über ihre Schutzrechte an den Heiligen

Stätten wachten und sich der Oberhoheit von

Möchtegernwächtern widersetzten, waren auch die Griechisch-

Orthodoxen nicht dazu geneigt, die Leitung ihrer

Angelegenheiten den Russen zu überlassen.

Dennoch gelang es Russland, beachtliche Investitionen in

Jerusalem zu machen, darunter die Russische Kathedrale sowie

der Gebäudekomplex auf dem Maidan, dem ehemaligen

Paradeplatz der Türken (heute im zentralen Geschäftsviertel von

Westjerusalem). Die Bauarbeiten begannen in den fünfziger

Jahren; es war das erste große Neubaugebiet außerhalb der

Stadtmauern, was einen Historiker zu der Formulierung

veranlasste, «die Neustadt war somit eine russische Erfindung

und nicht eine englische oder französische».38 In Gegenwart des

Großherzogs Nikolaj Nikolajewitsch wurde im Oktober 1872

-95-

die Kathedrale geweiht. Zehn Jahre später legten die Russen ein

weiteres Großprojekt vor, die Orthodoxe Palästinagesellschaft

unter der Schirmherrschaft des Zaren - der Zusatz «kaiserlich»

wurde erst 1889 hinzugefügt. Die Gesellschaft bewirkte einen

neuen Aufschwung in orthodoxer Bau- und sonstiger Tätigkeit

in Jerusalem und eine Zunahme der russischen Pilger. Im Jahre

1888, in dem 2250 Pilger nach Jerusalem kamen, wurde durch

Großherzog Sergej Alexandrowitsch am Ölberg die orthodoxe

Gethsemanekirche mit ihrem zwiebelförmigen Dach eröffnet,

vielleicht die schönste von allen Wahrzeichen Jerusalems aus

dem 19. Jahrhundert.

Die gewaltige Flut russischer Aktivitäten alarmierte die

anderen Mächte, besonders die Franzosen, und wurde durch den

Abschluss der russisch- französischen Militärkonvention, die am

4. Januar 1894 rechtskräftig wurde, keineswegs gemindert.

Noch im Laufe desselben Monats warnte der französische

Außenminister seinen Generalkonsul in Jerusalem, dass

Frankreich dieser «mächtigen Organisation [der Kaiserlichen

Orthodoxen Palästinagesellschaft] im Hinblick auf die

Aufrechterhaltung unseres Einflusses und der Ausübung unseres

religiösen Protektorats in der Levante» nicht mit Gleichmut

begegnen könne.39 Als 1902 im Verlauf eines Presseinterviews

dem französischen Konsul vorgehalten wurde, die Franzosen

würden beim Schutz der Katholiken oftmals von ihrer Furcht

vor Schwierigkeiten mit den Russen behindert, unterbrach ihn

der Konsul und sagte: «Entschuldigen Sie, aber dem ist nicht so.

Unsere Interessen in Palästina sind denjenigen Russlands

diametral entgegengesetzt, und wir wissen, wie wir sie gegen

unseren Alliierten des Okzidents [sic!] zu wahren haben.

Russland betrachtet Jerusalem als ein orientalisches Rom; es

möchte den katholischen Einfluss einschränken, um dort über

eine absolute Hegemonie zu verfügen, aber wir widersetzen uns

dem so energisch, wie wir können.»40

Als bei Briten und Franzosen die Besorgnis vor einer

-96-

drohenden russischen und deutschen Expansion in Richtung

Naher Osten anwuchs, begannen sie, ihre Positionen zu

verstärken. Die Briten waren in erster Linie entschlossen, die

Flanke des Suezkanals zu schützen, der 1869 eröffnet worden

war und die Lebensader zu ihrem Imperium im Osten bildete.

1882 besetzten sie Ägypten, und 1905 weiteten sie den

ägyptischen Herrschaftsbereich über die Sinaihalbinsel bis an

die Grenze Palästinas aus. Die Franzosen konzentrierten ihre

Bemühungen auf Syrien, wo sie ein Schattenprotektorat über der

autonomen christlichen Provinz Libanon errichteten. In der

ganzen Levante bauten sie Bahnlinien und finanzierten sie

Schulen, Hospitäler, Kirchen und Klöster. Nach dem für

Frankreich schmerzlichen Verlust von Elsass und Lothringen im

Jahre 1871 entstand eine kolonialistische Interessengruppe, die

«Entschädigungen» im Nahen Osten forderte. «Die Frage ist

falsch gestellt», schrieb Etienne Flandin, einer der führenden

Lobbyisten, im Jahre 1916, «wenn man fragt: Sollte Palästina

französisch sein? Denn Palästina ist wie das übrige Syrien

bereits französisch.»41

Wie überall auf der Welt ging auch hier der Imperialismus mit

der Erkundung und dem Kartographieren und Vermessen des

Landes einher - und im Falle Palästinas zudem mit

archäologischer Forschung. Auch auf diesem Gebiet waren die

Franzosen die ersten. Pierre Jacotin, ein Geograph im

napoleonischen Heer beim Ägyptenfeldzug, hatte die erste

moderne Karte Palästinas gezeichnet, und 1863 grub der

Archäologe Louis-Félicien de Saulcy die sogenannten

Königsgräber nördlich des Damaskustores aus - die er irrtümlich

für die Gräber des Geschlechts David hielt. In der zweiten

Jahrhunderthälfte nahmen jedoch die Briten eine

Vorrangstellung auf diesem Gebiet ein.

1865 legte Captain Charles Wilson von der Topographischen

Abteilung des Kriegsministeriums «mit Erlaubnis des

Kriegsministers Earl de Grey and Ripon» den Ordnance Survey

-97-

of Jerusalem [Katasterplan] vor. Wilsons Mitarbeiter erstellten

nicht nur die Topographie der Stadt, sondern führten auch einige

Ausgrabungen durch die auf Anweisung der osmanischen

Regierung stets von einem zapti (Polizisten) überwacht wurden.

In England reagierte man enthusiastisch auf diese

Veröffentlichung, die mit ein Grund dafür war, dass im selben

Jahr unter der Schirmherrschaft von Königin Viktoria eine

Stiftung zur Erkundung des Heiligen Landes, die Palestine

Exploration Fund (PEF), gegründet wurde. Bei der ersten

Mitgliederversammlung hielt William Thompson, Präsident der

Stiftung und Erzbischof von York, eine Rede, die eine

lakonische Feststellung des englischen spirituellen

Imperialismus enthielt: «Das Land Palästina gehört euch und

mir. Es ist im wesentlichen das unsrige.»42 Mit Wilson an der

Spitze unternahm der PEF eine Reihe weiterer Ausgrabungen.

Lange Zeit waren seine Aktivitäten allerdings durch religiöse

und politische Verdächtigungen erschwert. So versuchte etwa

1869 Oberst Charles Warren über die britische Botschaft in

Konstantinopel von der osmanischen Regierung die Erlaubnis zu

erhalten, den Haram al-Scharif zu erkunden; ihm wurde jedoch

beschieden, dies sei «wegen der momentanen Stimmung in

Jerusalem» nicht möglich.43

Die frühen Vermessungsaufnahmen des PEF waren stark von

Geheimdienstinteressen geleitet und wurden zumeist von

Pionieroffizieren der britischen Armee durchgeführt. Für die

breite Öffentlichkeit war das Kartographieren Palästinas und

speziell Jerusalems mit wissenschaftlichen Kontroversen über

den wahren Ort der Heiligen Stätten (insbesondere des Heiligen

Grabes) verbunden, während das Interesse des

Kriegsministeriums eher auf die Sorge um die Sicherheit des

Suezkanals zurückzuführen war. Zu den in den siebziger und

achtziger Jahren an diesen Vermessungen Beteiligten gehörte

der junge Herbert Kitchener, der 1914 als Kriegsminister für die

britische Kriegführung gegen das Osmanische Reich

-98-

verantwortlich war. 1913-14 nahm der junge T. E. Lawrence als

Archäologe weitere Kartographierungen vor, die ihm drei Jahre

später bei seinem Guerillakrieg gegen die Türken in Palästina

zustatten kamen.

Die Rolle, die britische Armeeoffiziere bei diesen

Unternehmungen spielten, musste notgedrungen den Verdacht

der Türken erregen. In den 1870er Jahren löste eine von Claude

Conder geleitete Expedition, der sich sein Buch Tent Work in

Palestine (1878) verdankte, Unruhen aus und führte zu Ärger

mit den türkischen Behörden.44 Seit der Krise des Jahres 1882 in

Ägypten verfolgten die Osmanen mit wachsender

Aufmerksamkeit die Pläne der Briten. Im Februar 1882 begab

sich Conder, der später zu den britischen Expeditionstruppen in

Ägypten gehörte, nach Konstantinopel, wo er eine Unterredung

mit dem britischen Botschafter, Lord Dufferin, hatte. Er bat den

Botschafter um Hilfe, um von der osmanischen Regierung einen

neuen Ferman zu erhalten, der ihn in die Lage versetzen würde,

weitere Vermessungen in Palästina vorzunehmen. Dufferin hatte

für Conders Schwierigkeiten zwar Verständnis, äußerte aber,

dass das Hindernis in dem Umstand liege, dass sich der Sultan

derzeit hinsichtlich der Absichten, die Frankreich mit Ägypten

und England mit Syrien [sic] verfolgte, im Zustand eines (bis

zum Wahn gesteigerten) Misstrauens befinde. Die Türken seien

seiner Meinung nach auf die (mir bereits bekannte) Tatsache

aufmerksam geworden, dass es russischen Offizieren gelungen

war, Landkarten von ganz Nordsyrien zu erstellen, und wie ich

seine Lordschaft verstand, zog er in Betracht, dass das

Misstrauen des Sultans dadurch verstärkt worden sei, dass Sir

Charles Wilson die von der Gesellschaft herausgegebene Karte

von Westpalästina vorgelegt habe. Seiner Meinung nach sei die

Erstellung von Landkarten etwas, das besondere Besorgnis auf

seiten der Türken erregte.45

Während sich die türkischen Befürchtungen verstärkten, traf

-99-

1883 plötzlich als ein weiteres Element der Beunruhigung eine

der emblematischen Gestalten des britischen imperialen

Denkens in Jerusalem ein: Charles George Gordon, genannt

«der Chinese», der gottesfürchtige britische General.

Lytton Strachey begann ein schneidend satirisches Portrait

Gordons in seinem Buch Eminent Victorians mit einem

Schnappschuss des «einsamen englischen Herrn..., der, mit

einem dicken Buch unter dem Arm, durch das Umland

Jerusalems wandert». Im Verlauf seiner Spaziergänge machte

Gordon die, wie er meinte, wichtige Entdeckung des Grabes

Christi - das nicht, wie die Kaiserin Helena und die meisten

Christen seither dachten, in der Heiliggrabkirche lag, sondern

ein ganzes Stück entfernt davon außerhalb der Stadtmauern.

Obwohl einige die historische Authentizität von Gordons

Entdeckung anzweifelten, begannen manche Protestanten, nun

dieses «Gartengrab» zu verehren. Strachey hatte unzweifelhaft

Recht, wenn er Gordons Jerusalem-Mission als die eines

biblisch inspirierten Naivlings schilderte, aber vom

französischen Konsul wurden seine Aktivitäten mit einer

Mischung aus Ehrfurcht und Misstrauen verfolgt. Der englische

General, vermutete der Konsul düsteren Sinnes, befände sich

weder auf einer Vergnügungsreise noch auf einer

wissenschaftlichen Expedition: «Er will das Land, die

Menschen, Dinge und Situationen studieren, und zwar vor allem

aus dem militärischen Blickwinkel.» Und er befürchtete, dass

Gordons Auftauchen «ganz klar anzeige, dass die Engländer an

die Möglichkeit, wenn nicht gar an das unmittelbare

Bevorstehen militärischer Aktionen in diesem Lande glauben

und dass sie sich aktiv auf diese Eventualität vorbereiten».46

Dass die europäischen Mächte durch ihre Konsuln einen stetig

wachsenden Einfluss nahmen, trieb die osmanischen Beamten

an den Rand der Verzweiflung. 1883 hielt es Rauf Pascha, der

Gouverneur von Jerusalem, für notwendig, sich nach

Konstantinopel zu begeben, «um seine Position an der Hohen

-100-

Pforte zu konsolidieren, die durch seine Feinde in der russischen

Partei stark erschüttert worden war» jedenfalls war dies die

Auslegung des französischen Konsuls.47 Ein Gouverneur nach

dem anderen brachte ähnliche Besorgnisse zum Ausdruck, und

zwar umso mehr, als Jerusalem in der Spätzeit des

Osmanenreichs an politischem Gewicht gewann.

-101-

Das geförderte Jerusalem

Nicht nur im Gouverneurshaus war der Einfluss der Konsuln

zu verspüren, sondern auch im madschlis alschura. Dieses

ursprünglich in den dreißiger Jahren von den Ägyptern

geschaffene Gremium von ernannten Beratern war von den

Osmanen nach ihrer Rückkehr im Jahre 1840 beibehalten

worden. Die meisten Mitglieder waren Muslime, obwohl es

1840 unter ihnen auch zwei armenische Vertreter und einen

Juden gab.48 Anfangs verfügte der Rat über wenig

Kompetenzen, aber langsam gewann er eine politische Rolle,

und 1867 wurde eine gewählte Stadtversammlung eingerichtet

(ein Ferman, der seine Schaffung anordnete, war 1863

ergangen).49 Der Kreis der Wahlberechtigten war sehr eng, und

die meisten Räte waren Angehörige prominenter

Notabeinfamilien. Die Muslime waren immer in der Mehrheit,

aber der Druck der Konsuln führte dazu, dass auch einige

christliche und jüdische Räte zugelassen wurden. Der

Bürgermeister kam stets aus dem halben Dutzend der führenden

muslimischen Familien. Dennoch gab die große Zahl

nichtosmanischer Bürger in der Stadt den Konsuln einen Hebel

in die Hand, den sie ohne Zögern nutzten, um bei den

innerstädtischen Entscheidungen mitzumischen. Ein türkischer

Beamter in Jerusalem schilderte 1906 die Verhältnisse in einem

Schreiben an den Großwesir in Konstantinopel wie folgt: «In

einem Land, in dem mehr als die Hälfte seiner Bewohner fremde

Staatsangehörige sind, ist es in städtischen Angelegenheiten

unmöglich, die Ausländer als nichtexistent zu betrachten. Das ist

der Grund dafür, weshalb die Konsuln danach streben, in den

Angelegenheiten der Stadtverwaltung vor allem in der Praxis

beteiligt zu sein.»50

Ein Zeichen für Jerusalems ne ue politische Bedeutung war die

-102-

1841 erfolgte Festlegung seines Status als «nicht angebundener

Bezirk». Dies bedeutete, dass der Pascha in Jerusalem nicht

länger unter der Autorität des Provinzgouverneurs in Damaskus

stand, sondern direkt der kaiserlichen Regierung in

Konstantinopel berichtete (siehe Karte 1). Späteren osmanischen

Verwaltungsneuordnungen zufolge war Jerusalem ein

«unabhängiger Sandschak», was seine autonome Position

stärkte. Diese Veränderungen hatten sowohl gesellschaftliche als

auch politische Konsequenzen. Vor allem erhöhten sie das

politische Gewicht von Jerusalems muslimischen Notabein, die

dazu tendierten, die in Regierung, Religion und Justiz zu

besetzenden Ämter zu monopolisieren. Familien wie die Alamis,

Husaynis, Asalis und Dajanis, deren führende Stellung in der

Stadt seit langem anerkannt war, gewannen nun allmählich auch

jenseits der Stadtgrenzen Autorität, ein Vorgang, der dadurch

begünstigt wurde, dass ihnen - oft recht weit von der Stadt

gelegenes - Agrarland gehörte und dass sie die Aufsicht über

awqaf (wohltätige Stiftungen) führten. Durch Bündnisse mit

Notabeinfamilien in anderen Gebieten begannen sie,

ineinandergreifende Clan-Netze zu spinnen und

Loyalitätsverhältnisse zu etablieren, die zum Charakteristikum

arabischer Politik in Palästina wurden.51 Als erste äußerten vor

allem Angehörige solcher Familien ihre Besorgnisse über eine

neuartige Bedrohung ihrer Machtstellung - und potentiell der

muslimischen Vorherrschaft in Jerusalem und ganz Palästina.

-103-

Karte 1: Die Verwaltungsordnung in Palästina in spätosmanischer

Zeit

-104-

1899 schrieb Yusuf Diya al-Khalidi, ein Angehöriger einer

führenden muslimischen Familie in Jerusalem (er war 1877-78

Abgeordneter im ersten, freilich kurz dauernden osmanischen

Parlament sowie zeitweilig Präsident des Jerusalemer Stadtrats

gewesen) einen privaten Brief an den Oberrabbiner von

Frankreich, Zadoc Kahn, in welchem er die Gründe für seinen

Widerstand gegen zionistische Bestrebungen in Palästina

darlegte. Khalidi räumte ein, dass die zionistische Idee «völlig

natürlich, gut und richtig» sei. Er ging sogar weiter: «Wer kann

die Rechte der Juden an Palästina anzweifeln? Guter Gott,

historisch betrachtet ist es wirklich ihr Land.» Doch er wies

darauf hin, dass der Zionismus die Auflehnung der Muslime und

Christen in Palästina hervorrufen werde. Deshalb sei es nötig,

dass die zionistische Bewegung «innehalte».52 Khalidi stand mit

seiner vorausschauenden Äußerung damals isoliert da, aber im

Verlauf des folgenden Jahrzehnts gesellten sich ihm viele

Gleichgesinnte hinzu.

Die Revolution von 1908 in der Türkei und die nachfolgenden

Wahlen zu einem neu konzipierten osmanischen Parlament

beschleunigten die politische Mobilisierung im gesamten

Reichsgebiet - und auch in Jerusalem. Die damalige politische

Atmosphäre der Stadt spiegelt sich in den erst 1995

veröffentlichten Depeschen und Dokumenten von Ekrem Bey

wider, der zwischen 1906 und 1908 dort als Gouverneur

amtierte.53 Darin ist die Rede von den Irritationen über die

Anmaßungen der ausländischen Konsuln, von seiner

Unzufriedenheit angesichts des Mangels an wirklicher Macht,

von dem Widerstand gegen die zionistische Einwanderung -

aber der bevorstehende Sturz der vier Jahrhunderte alten

imperialen Regierungsstrukturen wird mit keinem Wort

erwähnt.

Der türkische Amtsträger vermerkte auch ein neues

politisches Phänomen: das Aufkommen arabisch-

-105-

nationalistischer Gefühle. Seiner führenden politischen Position

entsprechend, spielte Jerusalem in dieser Entwicklung eine

entscheidende Rolle: Aus Jerusalem stammten mehr Mitglieder

der unterschiedlichen kleinen protonationalistischen Gruppen als

aus Haifa, Gaza und Nablus zusammengenommen - nämlich

fünfunddreißig im Vergleich zu vierunddreißig aus den drei

anderen Städten. Mitglieder der Notabeinfamilie Husayni waren

besonders aktiv: Jamal al-Husayni spielte eine führende Rolle

im Kulturverein (al-Muntada al-Adabi), Said al-Husayni

gründete den Jerusalemer Zweig der gemäßigten

Dezentralisierungspartei und Schukri al-Husayni war

Schatzmeister der Arabisch-Osmanischen Brüderschaft.54

Allgemein forderten diese Gruppen nicht die volle

Unabhängigkeit für die Araber. Vielmehr verlangten sie

Autonomie oder - dies stand besonders in Jerusalem hoch im

Kurs - die Annexion durch das von den Briten beherrschte

Ägypten.55

Auflehnung gegen den Zionismus war bereits damals eine

wirkungsvolle politische Parole. Als das wiederbelebte

osmanische Parlament zusammentrat, warf ein arabischer

Abgeordneter aus Jerusalem die Frage der jüdischen

Einwanderung auf. Die Angelegenheit wurde an den

osmanischen Ministerrat verwiesen, dessen Protokolle

verzeichnen, dass aus mehreren Quellen Berichte und

Denkschriften eingegangen waren, darunter auch vom

mutasarrif (Gouverneur) von Jerusalem. Diesen Berichten

zufolge «kam es im Bereich der Verwaltung von Jerusalem zu

Problemen, weil nach der Ausrufung des konstitutionellen

Regimes einige Bevölkerungsklassen die politischen und

religiösen Bestrebungen zu verfolgen wagten, die sie seit

langem schon zu verwirklichen suchten». Angesichts dieses

Sachverhalts beschloss der Ministerrat, Maßnahmen

vorzubereiten, «die absolut sicherstellen würden, dass Juden an

der Ansiedlung an den Orten gehindert werden, die als zu

-106-

Palästina gehörig angesehen werden».56 1911 wurde die Frage

von Ruhi al-Khalidi und Schukri al-Asali, den Abgeordneten für

Jerusalem, erneut zur Sprache gebracht.57 Vor den Wahlen von

1914 versprach Ragheb Naschaschibi, der dann mit großer

Mehrheit als Abgeordneter für Jerusalem ins Parlament gewählt

wurde, seinen Wählern, «alle meine Energien Tag und Nacht der

Aufgabe zu widmen, den Schaden und die Gefahr zu beseitigen,

die wir vom Zionismus und den Zionisten zu erwarten haben».58

Als die Deutschen 1914 den Status ihrer Jerusalemer

konsularischen Vertretung auf den eines Generalkonsulats

anhoben, war ihr Einfluss in Jerusalem schon recht groß. Anders

als Russen, Franzosen und Briten verfolgten die Deutschen

keine territorialen Ziele, weshalb es ihnen leichter fiel, das

Vertrauen der Türken zu gewinnen - und schließlich ein Bündnis

mit ihnen zu schließen. Dass sie von den Briten den Schutz der

Juden übernahmen, war einer ihrer konsularischen Erfolge.

Diese ursprünglich dem britischen Konsulat obliegende Aufgabe

war nach der Abreise von Konsul Finn im Jahre 1862 nach und

nach abhanden gekommen. 1890 kam es zum förmlichen Ende

des britischen Schutzes über die russischen Juden, und bald

darauf wurden die Schutzrechte auf diejenigen Juden begrenzt,

die sich legitimerweise als britische Staatsangehörige

bezeichnen konnten.59 Am Vorabend des Ersten Weltkriegs war,

dem letzten britischen Konsul in Jerusalem zufolge, «der Schutz

der Juden als solcher nicht nur seit langem vorbei, sondern

schon völlig in Vergessenheit geraten».60 Die Konsularakten

zeigen, dass 1913 nur neunzehn Juden in Jerusalem als

nationalisierte Briten registriert waren.61 Im Gegensatz dazu war

der deutsche Einfluss in jüdischen Kreisen derart groß, dass

Deutsch in den letzten Jahren vor Kriegsausbruch im

«Sprachenkrieg» innerhalb des Jischuw ein ernster Rivale des

Hebräischen war. Trotzdem berichtete 1913 der britische

Konsul, ungeachtet der Artikel in der britischen Presse «über

vermeintliche prodeutsche und proosmanische Sympathien der

-107-

Juden Palästinas», ihm sei von verlässlicher Seite versichert

worden, «dass sie immer danach gestrebt hätten, sich für ihre

Institutionen des Schutzes der britischen Fahne zu versichern,

weil sie davon überzeugt seien, unter keinerlei anderen

Vorzeichen darauf hoffen zu dürfen, ihr Ziel zu erreichen,

nämlich die Ansiedlung einer hebräisch sprechenden jüdischen

Bevölkerung im Lande ihrer Väter».62

Nach all den Anstrengungen während des vergangenen

Jahrhunderts, christliche Einrichtungen in Jerusalem

aufzubauen, rückte während der nächsten paar Jahre wider

Erwarten das Protektorat über die Juden in den Mittelpunkt der

diplomatischen Machenschaften.

-108-

«Ein Weihnachtsgeschenk für die

Briten»

Als das Osmanische Reich Ende Oktober 1914 als

Verbündeter von Deutschland und Österreich-Ungarn in den

Ersten Weltkrieg zog, brachte dies auf diplomatischer Ebene

weitreichende Änderungen in der Jerusalem-Frage mit sich. Im

Bemühen, sich die Unversehrbarkeit der heiligen Städte des

Islam zunutze zu machen und die Araber für die Sache der

Türken zu gewinnen, sorgte die osmanische Regierung dafür,

dass die «Standarte des Propheten» von Medina nach Norden

gebracht wurde. Am 20. Dezember traf sie in Jerusalem ein und

wurde in einer Zeremonie auf dem Haram al-Scharif von

Dschemal Pascha, einem Mitglied des über die Türkei

herrschenden Triumvirats und Kommandeur der IV türkischen

Armee, willkommen geheißen.63 Als die Türkei ihre

Beziehungen zu den Feindmächten abbrach, verließen nahezu

alle Konsuln Jerusalem. Die meisten übertrugen zuvor die

Wahrung ihrer Interessen ihrem spanischen Kollegen, von dem

es darum hieß, er sei «Konsul für den gesamten Planeten und ein

höchst bemerkenswerter Bonze» geworden.64 Von diesem

Augenblick an begann sich ausländischer Einfluss in

militärischer statt in diplomatischer Form bemerkbar zu machen.

Außer türkischen Einheiten war auch ein starkes

österreichisches Kontingent in Jerusalem stationiert. Für

Dschemal, der in der Stadt sein militärisches Hauptquartier

aufschlug, hatte der Rat der deutschen Militärmission bald

großes Gewicht. Zunächst waren die Deutschen nichts weiter als

reine Berater, aber als sich die türkischen Streitkräfte über den

Sinai in den Süden Palästinas zurückzogen, gerieten die

türkischen Stabsoffiziere zunehmend in den Schatten ihrer

deutschen Verbündeten.

-109-

Die in Jerusalem verbliebenen Konsuln wurden von den

Hilfeanfragen der Christen und Juden geradezu überhäuft. Auf

einen Schlag waren Einzelpersonen und Institutionen von ihren

Finanzquellen in Russland, Frankreich und Großbritannien

(später auch in Italien und den USA) abgeschnitten. Das

Griechischorthodoxe Patriarchat musste mit ansehen, wie seine

Einkünfte sich plötzlich um 60 Prozent verringerten. Der

deutsche Konsul Edmund Schmidt erhielt von seiner Regierung

die ausdrückliche Anweisung, Juden unter seine Fittiche zu

nehmen. Auch der österreichische Konsul Friedrich Kraus

intervenierte zu ihren Gunsten.65 Der amerikanische Konsul Otis

Glazebrook ließ sich das Wohlergehen der Juden ganz

besonders angelegen sein, und das gleiche galt für den

amerikanischen Botschafter in Konstantinopel, Henry

Morgenthau, der selbst Jude war und sich wiederholt bei den

osmanischen Behörden für Juden verwendete. Seinen

Bemühungen war es zu verdanken, dass amerikanische

Kriegsschiffe während der beiden ersten Kriegsjahre wiederholt

in den Hafen von Jaffa einliefen und Lebensmittel und

Medikamente mitbrachten, die von amerikanischen Juden

gespendet worden waren. Schätzungen zufolge hat 1915 ein

solches Schiff etwa 23000 Menschen in Jerusalem mit

Lebensmitteln versorgt.66 Tausende von Juden und Christen

russischer, französischer und britischer Staatsangehörigkeit

flohen aus Jerusalem. Die Schiffe brachten die Flüchtlinge nach

Ägypten, von wo aus einige in die Vereinigten Staaten oder

andere Länder weiterreisten.

Am 9. November 1914 sagte sich die osmanische Regierung

von den Kapitulationsverträgen los. In einem Rundschreiben,

das die Entscheidung bekannt gab, hieß es, dass man sie «als in

völligem Gegensatz zu den rechtlichen Regeln des

Jahrhunderts» stehend empfand.67 Die Alliierten weigerten sich,

diese einseitige Entscheidung zu akzeptieren, konnten aber

zunächst wenig dagegen unternehmen. Unterdessen machten sie

-110-

sich in verschiedenen Geheimverträgen, die später zum

Gegenstand endloser Kontroversen und Kritik werden sollten,

an die für die Nachkriegszeit vorgesehene Aufteilung des

Osmanischen Reichs.

Was Jerusalem anbelangte, so war das britisch- französische

Abkommen vom Mai 1916 am relevantesten, das als Sykes-

Picot-Abkommen bekannt ist. Großbritannien und Frankreich

grenzten darin ihre Interessensphären im Gebiet des zukünftigen

arabischen Staates ab und legten damit den Grund für die

spätere Aufteilung der Region. Britische Interessen in

Südmesopotamien und französische Ansprüche auf Syrien

wurden berücksichtigt. In den Instruktionen, die der

französische Außenminister Aristide Briand dem französischen

Unterhändler François-Georges Picot, dem ehemaligen

französischen Generalkonsul in Beirut, mit auf den Weg gab,

wurde die seit langem bestehende Rolle Frankreichs als

Schutzmacht der «Christen des Orients» nachdrücklich

hervorgehoben. Picot sollte auf französische Kontrolle über die

heiligen Stätten drängen. Falls sich die Briten dem widersetzten,

durfte er jedoch die «Neutralisierung» Jerusalems und

Bethlehems in Erwägung ziehen, «vorausgesetzt, dass diese auf

die strikt notwendigen Gebiete um die beiden Städte herum

beschränkt blieb».68 Die Briten strebten zunächst selbst die

Kontrolle über Palästina an, weil sie es als ein entscheidendes

Bollwerk zur Verteidigung Ägyptens ansahen. Darauf

antworteten die Franzosen mit dem Vorschlag, Palästina in drei

Zonen aufzuteilen: Die nördliche Zone solle der französischen

Kontrolle unterliegen, der Jerusalemer mutasarriflik (Distrikt)

«international» sein und Südpalästina bis zur ägyptischen

Grenze zur britischen Zone werden.69

Schließlich einigte man sich auf einen Kompromiss. Das

Abkommen sah die Teilung des Fruchtbaren Halbmonds in

Zonen unter direktem oder indirektem britischem oder

französischem Einfluss vor (siehe Karte 2). Zum mittleren

-111-

Bereich Palästinas, westlich des Jordans und einschließlich

Jerusalems, wurde vereinbart, «dass dort eine internationale

Verwaltung eingerichtet werden soll, über deren Form nach

Konsultation mit Russland und anschließender Beratung mit den

anderen Alliierten und den Vertretern des Scherifen von Mekka

entschieden wird».70 Das Gebiet der vorgesehenen

internationalen Zone war sehr viel größer als die Ortsgrenzen

Jerusalems oder sogar als der Distrikt Jerusalem. Im Norden

reichte es bis Nazareth und den See Genezareth. Hauptgrund

dafür war, dass die Russen darauf bestanden, dass keine einzige

der heiligen Stätten der Christenheit in Palästina ausschließlich

französischer, d. h. römisch-katholischer Kontrolle unterstehen

dürfe.

Karte 2: Der Sykes-Picot Plan (1916)

-112-

Wie bereits dargestellt, reichte der Gedanke einer

Internationalisierung Jerusalems bis 1841 zurück. Mit seiner

Wiederbelebung im Ersten Weltkrieg wollte man offensichtlich

Zwietracht unter den Verbündeten vermeiden, die sich

zweifellos eingestellt hätte, wäre einer von ihnen bestrebt

gewesen, allein Macht in Jerusalem und an den Heiligen Stätten

der Christen auszuüben. Wie das fehlgeschlagene Projekt des

preußischen Königs kam auch das Sykes-Picot-Abkommen aus

einem Zustand der Schwäche zustande - in diesem Fall war es

der Umstand, dass zum Zeitpunkt seiner Unterzeichnung keine

der beteiligten Mächte über einen Stützpunkt in Jerusalem

verfügte.

Im Stillen wurde dies von den Diplomaten durchaus registriert

wie auch, was sich zwangsläufig daraus ergab: Nämlich, dass

diejenige Macht, die die Stadt schließlich besetzte, am ehesten

imstande sein würde, Charakter und Form des internationalen

Regimes zu bestimmen. Das verleitete den Direktor der

Militärischen Aufklärung im britischen Kriegsministerium

während der Verhandlungen zu der Aussage: «Es geht uns

eigentlich wie den Jägern, die das Fell des Bären bereits

aufteilten, noch bevor sie ihn erlegt hatten.»71 Im Dezember

1916 warnte der französische Botschafter in London das

französische Außenministerium, wenn es zum britischen

Vormarsch nach Palästina komme, dürfe man nicht zulassen,

dass dies nur unter der britischen Nationalflagge geschehe.72

In Frankreich teilte man seine Ansicht, weshalb man für den

Ministerpräsidenten eine Notiz aufsetzte, die ihn darauf hinwies,

dass in Anbetracht der französischen «Einrichtungen jedweder

Art» in Jerusalem «unsere etwaige Abwesenheit eine echte

Desertion wäre».73 Die Briten schienen bis auf weiteres geneigt,

für die französischen Interessen Verständnis aufzubringen, und

so kam man Ende des Monats überein, dass Picot und Sykes der

Verwaltung Jerusalems gemeinsam als Hochkommissare

vorstehen sollten.

-113-

In der Einsicht, dass britische Zusagen ohne französische

Truppenpräsenz vor Ort womöglich wenig wert wären, drängte

das Pariser Außenministerium wiederholt auf die Entsendung

französischer Einheiten in die Levante, aber das Oberkommando

der Armee konnte an der Westfront keine Männer entbehren.

Nur ein symbolisches französisches Truppenkontingent wurde

entsandt, das sich den britischen Streitkräften anschließen sollte,

die von Ägypten aus langsam nach Palästina vordrangen.

Folglich waren die französischen Diplomaten dazu genötigt,

sich auf das Versprechen ihres Verbündeten zu verlassen. Als

sich im November 1917 die ägyptischen Expeditionstruppen

unter General Allenby Jerusalem näherten, instruierte der

französische Außenminister seinen Botschafter in London, dort

klarzumachen, welche Wichtigkeit Frankreich der Gegenwart

eines französischen Vertreters an Allenbys Seite beimaß, wenn

dieser in die Stadt einrückte. «Es wäre das natürlichste, uns an

der Verwaltung Jerusalems zu beteiligen, da England immer

gewollt hat, dass die heiligen Städte internationalisiert werden

sollten, und wir zählen darauf, dass England uns diese

notwendige Genugtuung nicht versagen wird.»74 Um den

französischen Anspruch anzumelden, wurde Picot eilends zu

Allenbys Stab gesandt.

Man hat die Briten bezichtigt, Palästina zwei verschiedenen

Parteien «versprochen» zu haben - an Scherif Hussein von

Mekka in der berühmten McMahon-Hussein-Korrespondenz aus

den Jahren 1915-16, in der sie zusicherten, beim Aufbau eines

arabischen Staates behilflich zu sein, und ein weiteres Mal den

Zionisten in der Balfour-Deklaration vom 2. November 1917, in

der sie sich verpflichteten, «die Schaffung einer jüdischen

nationalen Heimstätte in Palästina» zu fördern. Später

beschwerten sich die Franzosen, auch sie seien von den Briten

hinters Licht geführt worden. Dabei waren sie nicht einmal die

einzigen Konkurrenten um die Suzeränität in der Heiligen Stadt.

1916 kam der Vorschlag auf, den Papst zum weltlichen

-114-

Herrscher über Jerusalem zu machen. Der Kaiser, hieß es,

favorisiere den Gedanken und habe ihn dem Sultan unterbreitet.

Wahrscheinlich handelte es sich dabei nur um ein Gerücht,

vielleicht um ein Produkt der Kriegspropaganda; aber einer

Autorität auf diesem Gebiet zufolge könnte der Vatikan an dem

Gedanken Gefallen gefunden haben, «sei es als Ersatz für die

verlorene Herrschaft über Rom oder als Mittel, seinen Anspruch

hinsichtlich Roms zu festigen».75 Zu weit hergeholt war der

Vorschlag des vatikanischen Staatssekretärs Kardinal Gasparri

vom Februar 1918. Er regte an, einen Belgier zum Gouverneur

von Jerusalem zu berufen, und führte als Begründung dafür an,

«dass Belgien in politischer Hinsicht außerstande sei, irgend

jemanden zu überragen», während «sein christlicher Eifer sich

religiös in tausend blühenden Institutionen ausdrücke».76

Wenn die Briten wegen Doppelzüngigkeit einen Tadel

verdienen, dann kommt den Handlungen anderer Parteien keine

weniger strenge Beurteilung zu - besonders denjenigen der

Araber und der Zionisten. Unter der Führung von Scherif

Hussein von Mekka, einem selbsternannten (oder vielmehr von

den Briten ernannten) Anführer der nationalen Sache, waren die

Araber alles andere als Leute, die nicht bei Machiavelli in die

Schule gegangen waren. 1915 begab sich Husseins Sohn Faisal

nach Konstantinopel, wo er mit führenden Männern der

arabisch- nationalistischen Geheimgesellschaften al-Fatat und al-

Ahd zusammentraf und die genauen Bedingungen erörterte, die

man den Briten im Gegenzug für einen arabischen Aufstand

gegen die Türken abverlangen wollte. Auf seinem Heimweg in

den Hedschas machte er in Damaskus Station, wo er weitere

nationalistische Verschwörer aufsuchte und einwilligte, das

Vorhaben seinem Vater vorzutragen und dann nach Syrien

zurückzukehren, um dort die Standarte der Revolte aufzuziehen.

Im weiteren Verlauf seiner Reise stattete er Dschemal Pascha in

Jerusalem einen Höflichkeitsbesuch ab. Dabei versprach er ihm,

1500 Kamele für die türkische Armee bereitzustellen. Überdies

-115-

hielt er vor dem Stab des türkischen Hauptquartiers eine Rede,

in der er bei der Seele des Propheten schwor, zurückzukehren,

«um die Feinde des Glaubens bis auf den Tod zu bekämpfen».77

Zurück im Hedschas, überredete der junge Emir seinen Vater,

den arabischen Aufstand gegen die Türken auszulösen - durch

den Faisal und seine Brüder, zusammen mit T. E. Lawrence, in

die Geschichte eingingen. In seinen nach dem Krieg

veröffentlichten Memoiren prangerte Dschemal verbittert

Hussein an und versprach, dass «die ganze Welt des Islam klar

erkennen werde, was für eine doppelgesichtige Rolle dieser Herr

gespielt habe». Des betrügerischen Spiels wegen rief er den

«Fluch des Himmels auf Scherif Hussein und seine Söhne»

herab.78

Deutsche und türkische Offiziere an der Front in Palästina. Dritter von

rechts ist der türkische Kommandeur Dschemal Pascha; der

großgewachsene Mann in der Bildmitte ist General Friedrich Freiherr

Kress von Kressenstein von der deutschen Militärmission. Er hielt

Dschemals Plan einer Evakuierung der Zivilbevölkerung von

Jerusalem für «verrückt».

-116-

Auch die Zionisten gingen auf Nummer sicher. Chaim

Weizmann, der deren Verhandlungen mit den Briten führte, war

ein aufrichtiger und engagierter Befürworter der Sache der

Alliierten und einer britisch-zionistischen Partnerschaft.

Unermüdlich setzte er sein diplomatisches Geschick in Lloyd

Georges «Gartenvorstadt» auf der Rückseite des

Regierungssitzes in der Downing Street 10 und in den Salons

des englischen Adels ein. Zur gleichen Zeit waren jedoch

genauso patriotische Zionisten hartnäckig in Berlin damit

beschäftigt, deutsche Beamte davon zu überzeugen, dass ihre

Bewegung für die Mittelmächte von großem Vorteil sein könnte,

wenn man ihr in Palästina dafür einen Ausgleich schaffe. Das

parallele Herantreten an die Briten und die Deutschen wurde im

Juli 1917 auf einem Treffen russischer und deutscher Zionisten

im neutralen Kopenhagen koordiniert.79 Wie Isaiah Friedman

gezeigt hat, zeigten die Deutschen aufrichtiges Interesse - auch

wenn es nur der Propagandavorteile wegen gewesen sein mag,

die sie, nicht anders als die Briten, in einer prozionistischen

Erklärung entdeckten.80 Wahrscheinlich war es allein das

Bündnis mit der Türkei, was Deutschland davon abhielt, sich an

diesem allgemeinen Auseinanderreißen des «Bärenfells» zu

beteiligen.

In Wahrheit gab es bei diesem Aufgebot von diplomatischen

Betrügereien keinen Unschuldsengel. Das einzige Versprechen,

das wirklich zählte, war dasjenige, das die Briten ihrem einzigen

vertrauenswürdigen Alliierten - sich selbst - gegeben hatten.

Lloyd George sprach es im April 1917 unverblümt aus: «Die

Franzosen werden unser Protektorat hinnehmen müssen; wir

werden dank unserer Eroberung dort sein und bleiben, da wir

keinem bestimmten Glauben anhängen und die einzige Macht

sind, die über Mohammedaner, Juden, Katholiken und alle

Religionen herrschen kann.»81 Diese bemerkenswerte

Deklaration eines unparteiischen Ökumenismus seitens eines

Anhängers der kleinen Baptistensekte der Jünger Christi war

-117-

eine Vorahnung der späteren Bemühungen der britischen

Herrscher in Jerusalem, ihre eigenen Interessen mit denen aller

Glaubensrichtungen im Gleichgewicht zu halten - leider ohne

dass Zufriedenheit einkehrte.

Während die Briten vom Sinai her vordrangen und zuerst

Beerscheba (am 31. Oktober 1917), dann Gaza (am 7.

November) und schließlich Jaffa (am 16. November)

einnahmen, kam es in den Beziehungen zwischen den Türken

und ihren Verbündeten zu Spannungen. Bereits am 29.

September 1917 berichtete General Kress von Kressenstein, das

klarsichtigste Mitglied der deutschen Militärmission, dass

«Zivilverwaltung und Gendarmerie völlig versagten, häufig mit

der Bevölkerung gemeinsame Sache machten und bestechlich

seien.»82 Die Desertationen nähmen zu, und die türkischen

Behörden lieferten die versprochenen Lebensmittel nicht aus.

Die letzten Monate der türkischen Herrschaft über Jerusalem

waren von Unterdrückung, Terror und Hungersnot

gekennzeichnet. Wer sich zu den Anliegen der Scherifs

bekannte, wurde gejagt. Die katholischen und griechischorthodoxen

Patriarchen ließ die türkische Obrigkeit nach

Damaskus verbringen. Die Lebensmittelversorgung brach

zusammen. Dschemal, der bereits 9000 Juden aus Jaffa

vertrieben hatte, ließ alle in Jerusalem anwesenden Konsuln zu

sich kommen und erklärte ihnen, er habe vor, die gesamte

Zivilbevölkerung zu evakuieren. Kress hielt die Idee für

«verrückt» und wies darauf hin, dass «die Evakuierung einer

Stadt in der Türkei auf ihre komplette Vernichtung hinauslaufe...

die Evakuierung Jerusalems ziele auf den völligen Ruin der

Bevölkerung und aller jüdischen und christlichen

Einrichtungen... Ich halte es für seine unumgängliche Pflicht,

sich ihr energisch zu widersetzen und Dschemals Zusicherung

als wertlos zurückzuweisen.»83 Das Auswärtige Amt

intervenierte, und Dschemal erhielt aus Konstantinopel die

ausdrückliche Anordnung, von seinem Plan abzulassen. Bald

-118-

darauf wurde er aus seinem Amt verdrängt. Am 5. November

1917 traf General Erich von Falkenhayn, der ehemalige

deutsche Kriegsminister, in Jerusalem ein, bezog das Kaiserin-

Augusta-Viktoria-Gebäude und ersetzte Dschemal als

Kommandeur der Armeen der Mittelmächte auf dem

palästinensischen Kriegsschauplatz. Von diesem Augenblick an

waren die Deutschen praktisch die Herren Jerusalems.

Die türkische Führung wollte bis zum Letzten in Jerusalem

kämpfen, aber ihr Alliierter, Deutschland, setzte sich über sie

hinweg. Am 21. November schrieb Franz von Papen, der

Stabschef der IV. osmanischen Armee (und spätere Vizekanzler

Hitlers), weitere Anstrengungen, die Stadt zu halten, seien

angesichts der heranrückenden britischen Armee militärisch

sinnlos. Am selben Tag wurde in Berlin ein Sonderkommunique

veröffentlicht, in dem versprochen wurde, die heilige Stadt nicht

zum Schlachtfeld zu machen.84 Auf deutschen Befehl hin

begannen die türkischen Truppen, aus Jerusalem abzuziehen.

Mit einem Schachzug, bei dem es seinem Premierminister

gewiss ganz warm ums Herz wurde, setzte General Allenby am

4. Dezember 1917 walisische Einheiten als Vorausabteilung auf

der Straße von Hebron nach Jerusalem in Marsch. Schwere

Regenfälle verzögerten ihr Vorwärtskommen, und viele

Fahrzeuge und Kamele blieben immer wieder im Schlamm

stecken, aber am 8. Dezember standen die ersten vor Jerusalem.

Am Abend dieses Tages entließ der türkische Gouverneur Izzet

Bey das Personal des Jerusalemer Telegrafenamtes; einer davon

zerschlug die Geräte und ging dann nach Hause, um seine

Uniform gegen Zivilkleidung zu tauschen. Die Nachhut der

türkischen Armee zog ab, und der Gouverneur verließ die Stadt

in einem von einem Pferd gezogenen Wagen in Richtung

Jericho.

Am nächsten Morgen stießen zwei britische Soldaten bei der

Suche nach Wasser auf Husayn al-Husayni, den Bürgermeister

von Jerusalern, der von einer Menschenmenge und zwei

-119-

Gendarmen mit weißen Fahnen begleitet wurde. Sie wussten

nicht, was zu tun wäre. Dann schlenderten zwei Feldwebel

herbei, um die Sache in Augenschein zu nehmen. Sie waren

nicht weniger verblüfft. Nach ihnen kamen zwei Obersten.

Keiner von ihnen sah sich imstande, die Verantwortung dafür zu

übernehmen, die Kapitulation der Heiligen Stadt

entgegenzunehmen. Schließlich kam ein Brigadegeneral

herbeigeritten und «beruhigte den Bürgermeister». Er setzte sich

mit einem Generalmajor in Verbindung, der (nachdem er sich

bei einem Generalleutnant die entsprechenden Instruktionen

besorgt hatte) am Ende in einem Wagen ankam, um die

Übergabe der Stadt anzunehmen. Da war der Bürgermeister

freilich schon davongegangen. Die Eroberer holten ihn

schließlich im Postamt ein, wo ihnen die Schlüssel der Stadt

sowie ein Kapitulationsschreiben ausgehändigt wurden, das

Izzet Bey vor seiner Flucht verfasst hatte.85 Ein paar Wochen

später starb der Bürgermeister an einer Lungenentzündung, die

er sich durch eine Verkühlung «durch allzu viele

Übergabezeremonien in strömendem Regen» geholt haben

soll.86

Die alliierten Streitkräfte, die Palästina eroberten, rekrutierten

sich nicht nur aus Briten. Zu ihnen gehörten französische und

italienische Abteilungen, berittene Divisionen aus Australien

und Neuseeland, zwei indische Divisionen, westindische,

algerische, armenische, jüdische und arabische Einheiten,

ägyptische Kamel- und Arbeitsdienstkorps sowie ein

«gemischtes Korps aus Führern und Dolmetschern». Auf die

Empfindungen all seiner Verbündeter nahm Allenby zunächst in

beispielhafter Weise Rücksicht. Ein britischer

Militärkorrespondent erinnerte sich später:

Übrigens möchte ich festhalten, dass - mit der einzigen

Ausnahme eines schmutzigen kleinen Red Ensign [der Flagge

der britischen Handelsmarine], das ich im Eingeborenenviertel

-120-

[sic] von Jerusalem aufgezogen sah - die einzige britische

Fahne, die man in Palästina und Syrien zu sehen bekam, ein

Miniatur Union-Jack [die britische Nationalflagge] war, der auf

dem Kraftwagen des Oberkommandierenden montiert war und

den sein Standartenträger mit sich führte, wenn er ritt. So also

spielte die britische Armee das Spiel, weil manche

Empfindlichkeiten der Alliierten hätten verletzt werden können,

wenn man den Leuten gesagt hätte (obwohl sie es natürlich

wussten), dass sie unter dem Schutz der britischen Fahne

standen.87

Trotz all dieser Schönfärberei konnte nach dem Dezember

1917 wenig Zweifel daran bestehen, dass die Briten in

Jerusalem das Sagen hatten und zu bleiben beabsichtigten.

Allenbys förmlicher Einzug in die Stadt erfolgte am Mittag

des 11. Dezember 1917 durch das Jaffator. Auf Anweisung aus

London betrat er die Stadt zu Fuß - um sich deutlich vom

Einzug des Kaisers zu Pferde neunzehn Jahre früher abzusetzen.

Zu seiner Rechten begleitete ihn Oberst de Piépape von der

französischen, zu seiner Linken Oberst Dagostino von der

italienischen Abkommandierung. Auch Picot, der französische

Missionschef, nahm an dem Einzug teil und grübelte gewiss

darüber nach, ob seine Vereinbarung mit Sykes über die

Internationalisierung Jerusalems nun wohl umgesetzt werden

würde. Zum Bedauern der Franzosen kamen all diese Gedanken

vor dem großen Ereignis der Eroberung durch die Briten nicht

voran.

In einer Proklamation, die er von den Stufen der Zitadelle

herab verlas, verkündete Allenby die Errichtung einer

Militärverwaltung und versprach, «dass jedes sakrale Bauwerk

und Monument, jeder heilige Ort, jedes Heiligtum, jede

traditionelle Stätte, jede Stiftung, jedes fromme Vermächtnis

und jeder übliche Ort des Gebets, welcher Form der drei

Religionen auch immer, entsprechend den bestehenden

-121-

Gepflogenheiten und Glaubensvorstellungen jener, deren

Bekenntnis sie heilig sind, erhalten und beschützt werde».88 Als

wollte man die uneigennützig internationalistischen Absichten

der Briten unterstreichen, wurde Allenbys Rede in sieben

Sprachen veröffent licht: auf englisch, arabisch, hebräisch,

französisch, russisch, italienisch und griechisch.

Ein unbekannter Witzbold nannte die Einnahme Jerusalems

«Lloyd Georges Weihnachtsgeschenk an das britische Volk»,

und die britische Propaganda schöpfte Allenbys Triumph voll

aus. Die Aufgabe, anlässlich der Einnahme der Heiligen Stadt

eine Pressemitteilung zu formulieren, wurde dem

Militärgouverneur Oberst Ronald Storrs übertragen. Sykes

jedoch stimmte das Ergebnis nicht froh, weshalb er nach

Jerusalem zurücktelegraphierte:

Pressekommunique unbefriedigend. Storrs sagen,

hochgestochenen Ton abschalten. Gewünscht wird populäre

Lektüre fürs englische Kirchen- und Freikirchenvolk; für New

Yorker Iren; orthodoxe Balkanbauern und Muschiks;

französische und italienische Katholiken; und Juden in aller

Welt; indische und algerische Moslems.

Artikel soll verblüffende Aktualitäten geben und

Beschreibung von Szenen; pittoreske Details. Britannien auf

Heiliges Land, Bibel und Neues Testament festnageln.

Katholiken sich an den Heiligen Stätten, Grab, Via Dolorosa

und Bethlehem drängeln lassen, gedämpfte religiöse Lichter,

Gesang...

Bei Orthodoxen gleiches Vorgehen...

Juden auf volle Details der Kolonien und Institutionen und

Klagestätten konzentrieren. In diesem Teil Vox humana.

Kundgebung der Moslems wegen absoluter muslimischer

Kontrolle über die Omar-Moschee...

-122-

Abschließend alle Rassen (nicht Religionen), loben

Gerechtigkeit, Humanität, Edelmut der Eroberer.89

General Allenbys Ansprache am 11. Dezember 1917 auf der Zitadelle

von Jerusalem bei seinem feierlichen Einzug in die Stadt nach der

Eroberung durch die Briten.

-123-

Überarbeitete Versionen gingen nach London, aber

Sykes war mit keiner zufrieden: «Das ist elend dröges Zeug.

Von Propaganda hat er keine Ahnung, und immer nimmt er die

falsche Kurve...Wenn nichts Besseres kommt, werde ich selbst

am Sonntag aus diesem Mist was zusammenfummeln.»90 Am

Ende wurden Harry Pirie-Gordon und Philip Graves, zwei

erfahrene Journalisten der Times, mit der Aufgabe betraut.

Derweil berichtete W. T. Massey, dass Jerusalem «äußerst

glücklich wurde»: Eine jüdische Frau habe ihn auf der Straße

angehalten und ihm «God Save the King» gesungen; ein

verwundeter arabischer Offizier habe ihm «Jetzt kann ich

hipphipphurra für England rufen» gesagt.91 Massey beschrieb

dann, wie die Eroberer der Heiligen Stadt «die Segnungen der

Zivilisation» teilhaftig werden ließen - unter besonderer

Berücksichtigung der Einführung des britischen Standards im

Installateurshandwerk.92 Besonders nachdrücklich mühte man

sich darum, sich den Sieg bei den Juden in der ganzen Welt

zunutze zu machen. Premierminister Lloyd George aber war

irritiert, dass das Kriegsministerium zwar «alle Glocken

Londons ein Freudengeläut über den verpfuschten Panzerangriff

bei Cambrai anstimmen ließ, aber keine einzige Fahne

aufgezogen wurde, um auf die Einnahme der berühmtesten Stadt

der Welt durch britische Truppen aufmerksam zu machen, die

seit Jahrhunderten die Bemühungen der Christenheit vereitelt

hat, ihre Heiligtümer wieder in Besitz zu nehmen».93

Schließlich, so der Premier, hätte man sogar in San Francisco

schon mal etwas von Jerusalem gehört.94

-124-

3. JERUSALEM UNTER

BRITISCHER

MANDATSVERWALTUNG

Die britische Herrschaft über Jerusalem währte nur drei

Jahrzehnte, aber sie veränderte die Stadt und ebnete der späteren

Teilung Jerusalems den Weg. Von Anfang an schoben die

Briten ihre früheren Versprechungen hinsichtlich einer

internationalen Verwaltung beiseite und errichteten ihre eigene

Herrschaft: bis Juni 1920 eine Militärverwaltung, die dann in

eine Zivilverwaltung unter einem britischen Hochkommissar

umgewandelt wurde. Sie war Jerusalems erste christliche

Verwaltung seit den Kreuzzügen, aber sie erleichterte die

Schaffung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk und

gewährte dem neu geschaffenen Obersten Muslimrat bis dahin

nicht gekannte Privilegien. Unter der britischen

Mandatsverwaltung veränderte sich das Verhältnis zwischen

Jerusalem und Palästina. Zum erstenmal in der modernen

Geschichte war Jerusalem nun eine Hauptstadt. Als Folge davon

merkten die städtische Führerschichten, vor allem die

muslimischen Notabein, dass sich ihr Status erhöht hatte. Aber

Status war nicht dasselbe wie Macht, und je klarer ihnen dies

wurde, desto mehr rückten sie von der Mandatsregierung ab. In

den nächsten dreißig Jahren regten sich bei Arabern wie bei

Juden Verärgerung und Feindseligkeit, und nacheinander

erhoben sich beide gegen die britische Herrschaft. Der Aufstand

sollte dann in Blutvergießen, Chaos, gegenseitigen Vorwürfen

und Beschimpfungen enden.

-125-

Von der Militärregierung zur

Mandatsverwaltung

Die Franzosen hingen anfangs der irrigen Vorstellung an, dass

Allenbys diplomatisch formulierte öffentliche Äußerungen eine

britische Bereitschaft anzeigten, die Macht in Jerusalem zu

teilen und damit den Weg zur Internationalisierung

Zentralpalästinas entsprechend dem Sykes-Picot-Abkommen

freizumachen. Aber die Briten dachten gar nicht daran. Das

Äußerste, wozu sie sich einverstanden erklärten, war, dass der

städtischen Polizei fünfzig französische Gendarme zugeteilt

wurden.1 Als der französische Botschafter in London am 21.

Dezember die Angelegenheit im Auswärtigen Amt bei

Unterstaatssekretär Lord Hardinge zur Sprache brachte, bekam

er zu hören, dass in der Nähe Jerusalems noch immer gekämpft

werde und dies nicht die richtige Zeit dafür sei, eine Verwaltung

auf die Beine zu stellen. Überdies würden die Briten von allen

Seiten mit Forderungen nach einer Beteiligung an der Regierung

Palästinas bombardiert. So hätten bereits der italienische und der

spanische Botschafter, der griechische Gesandte und sogar der

russische Geschäftsträger, der eine nicht mehr bestehende

Regierung repräsentiere, diese Frage aufgeworfen. Hardinge

versprach, Großbritannien werde all seinen Versprechungen

nachkommen, aber man benötige Zeit für eine

Bestandsaufnahme.2 Damit dies nicht nach einem Ausweichen

klang, gab der britische Botschafter in Paris dem französischen

Außenminister die förmliche Zusicherung, es sei «die feste

Absicht» der britischen Regierung, sich an die Vereinbarung zu

halten, die ein «gemischtes Verwaltungssystem» in Jerusalem

vorsah, sagte jedoch, dass dafür erst das Ende der dortigen

militärischen Operationen abgewartet werden müsse.3

Allenbys oberster politischer Beamter, Gilbert Clayton,

-126-

schrieb im Januar 1918 in einem Privatbrief an Sykes, Picots

Position in Jerusalem sei «weder für ihn noch für uns sehr

befriedigend». Picot behaupte, die beiden Regierungen hätten

sich auf eine provisorische britisch-französische Verwaltung für

das besetzte Gebiet geeinigt, aber Cla yton schrieb: «Ich weiß

nichts von einer solchen Vereinbarung, die in jedem Fall unter

den gegebenen Umständen ganz unpraktisch und höchst

nachteilig wäre.»4

Picot versuchte, seine Position zu stärken, indem er die

traditionelle Rolle Frankreichs als Beschützer der Katholiken

hervorkehrte - eine Rolle, die jetzt die Italiener bestritten. Dies

hatte eine ungewöhnlich heftige Auseinandersetzung zur Folge:

ALLENBY: Ich habe einen Bericht des Gouverneurs von

Jerusalem erhalten, der mich über den Vorfall im Wächteramt

[d. h. dem franziskanischen Wächteramt über das Heilige Land]

unterrichtete und wie Sie damit umgegangen sind. Die von

Ihnen eingenommene Haltung war nach meiner Ansicht nicht

korrekt. Sie sollen mit niemandem hier außer General Clayton

Kontakt aufnehmen und haben keine Befehle zu erteilen. Ich

habe nicht erlaubt, dass ein Konsul anwesend sei, weder der

französische noch der italienische... Sie sind nur mein Berater

für arabische und syrische Angelegenheiten.

PICOT: Wenn dem so wäre, bliebe ich keine Stunde länger

hier. Schon all die Versprechungen, die meiner Mission

zugrunde lagen, sind nicht eingehalten worden... Was immer Sie

davon halten mögen, ich bin hier der einzige Repräsentant

Frankreichs, und in dieser Eigenschaft habe ich und - das

garantiere ich Ihnen - werde ich den Rang haben, den mir

internationaler Brauch und Vereinbarungen gewähren.

ALLENBY: Aber es gibt keinen französischen

Repräsentanten in Jerusalem. Ich dachte, man hätte Ihnen das

bei Ihrer Ankunft zu verstehen gegeben. Ich muss Sie bitten, am

-127-

Sonntag vom Besuch der Erlöserkirche abzusehen, und ich bitte

Sie auch, sich nach Jaffa zu begeben.

PICOT: Ich werde nichts dergleichen tun, weil ich in diesem

Punkt nur Anordnungen meiner Regierung entgegennehme... Ich

kündige Ihnen deshalb offen an, dass ich wie üblich am Sonntag

an der Messe in meiner Funktion als französischer Vertreter

teilnehmen werde und mir die Ehrenbezeugungen erwiesen

werden.

ALLENBY: Dann werde ich die Polizei schicken mit dem

Befehl, Sie zu beobachten und beim ersten Vorfall

einzuschreiten

...

Nach weiterem Gezerre sagte Picot, wenn er sich an Allenbys

Anweisungen halte, sehe er nicht, was ihm zu tun übrig bleibe.

«Ich auch nicht!», lautete Allenbys knappe Antwort.5 Picot

schickte eine entrüstete Beschreibung seiner Unterredung nach

Paris an den Quai d'Orsay, aber die Briten fingen sie ab und

übermittelten eine Kopie davon nach London.

In London wie in Paris war man über diesen Zwist zwischen

den alliierten Mächten bestürzt. Sykes nahm über Fernschreiber

Kontakt zu Jean Goût von der Unterabteilung für Asien im

französischen Außenministerium auf, um zu versuchen, das

gesträubte gallische Gefieder zu besänftigen. Goût ließ jedoch

eine ziemlich lange Darlegung von Picots Beschwerden vom

Stapel und ließ sich darin aus über die «Intrigen» der Italiener

und Allenbys Weigerung, dem französischen Repräsentanten die

geziemende Anerkennung zu zollen. Sykes hatte einige Mühe,

selbst ein Wort loszuwerden, und der Austausch endete mit

einer Zitatschlacht:

SYKES: Denken Sie an das hebräische Sprichwort: «Man soll

dem Ochsen, der das Korn drischt, keinen Maulkorb

umhängen.»

-128-

GOÛT: Verstanden. Aber vergessen Sie nicht das persische

Sprichwort: «Es gibt nur ein Bauwerk auf der Welt, das keine

Risse hat - das ist ein durch Freundschaft und Offenheit

errichtetes.»6

Solch literarischer Wortwechsel konnte die ernsten

Spannungen zwischen den beiden Verbündeten nicht

überdecken. Offensichtlich war mehr Diplomatie gefordert.

Ein paar Tage später reiste Sykes nach Paris, um eine

Verständigung über Picots Position zu erreichen. Auf der

Rückseite eines Zettels, der den Briefkopf des Hôtel Meurice

trug, notierte er handschriftlich einen Entwurf dafür. Er enthielt

das Versprechen, dass der Status quo an den Heiligen Stätten

aufrechterhalten bleibe und «die traditionellen

Ehrenbezeugungen, die französischen Staatsbeamten von den

kirchlichen Autoritäten erwiesen werden, die den päpstlichen

Supremat anerkennen, als Bestandteil des Status quo betrachtet

werden». Der Entwurf bestätigte das Recht des französischen

Kommissars, die provisorische Militärverwaltung in allen

Fragen zu beraten, in die französische Institutionen oder Bürger

verwickelt waren, nicht jedoch irgendeine «supranationale

religiöse Körperschaft».7 Picot bekam zu hören, dass er sich an

diese Regelung halten möge - ein Rat, den er widerwillig

annahm.8 Die Franzosen bekamen also eine glatte Abfuhr.

Weder im noch nach dem Krieg wurden sie an der Verwaltung

beteiligt. Ihr Protektorat über die katholischen Christen war auf

einen bloßen Restbestand an Ehrenrechten reduziert. Nach

Sykes Ansicht (die freilich nicht für französische Augen gedacht

war) waren die früheren britisch-französischen Vereinbarungen

«völlig verschlissen und... sollten über Bord geworfen werden».9

Kurz darauf erhielt Allenby aus London die Anweisung, dass

kein französisches Protektorat über die katholischen Christen in

Palästina anerkannt werden dürfe und Picot «keinen Status von

der Art habe, dass er ihn dazu berechtigen würde, seine

Regierung in einer diplomatischen oder kons ularischen Funktion

-129-

zu repräsentieren».10

Die Franzosen waren nicht die einzigen, die sich, was

Erwartungen auf eine Regierungsbeteiligung betraf, eines

Besseren belehren lassen mussten. Die katholische Presse in

Belgien brachte mit einigem Nachdruck noch einmal den

Gedanken eines belgischen Mandats zur Sprache. Als sich die

belgische Regierung weigerte, sich dafür einzusetzen, suchte der

belgische Primas Kardinal Mercier mit Zustimmung von König

Albert, aber über den Kopf der Regierung hinweg, bei

Frankreich Unterstützung für dieses Vorhaben. Die ihrerseits

über den Tisch gezogenen Franzosen waren aber außerstande,

etwas für ihren anspruchsvollen kleinen Nachbarn zu tun.11

Als Nächste meldeten sich die Italiener. Mit realistischerem

Blick für die Umstände war ihnen bewusst, dass sie nicht darauf

hoffen konnten, über Palästina zu herrschen. Deshalb mühten

sich ihre Repräsentanten in Jerusalem 1918 und 1919 eifrigst um

Unterstützung für eine Internationalisierung.12 Als die

Aussichten dafür immer geringer wurden, legte sich Alberto

Tuozzi, der italienische Generalkonsul in Jerusalem, stattdessen

für einen unabhängigen arabischen Staat mit Faisal an der Spitze

ins Zeug, der Palästina einschließen und für den Italien

Regierungsbeamte zur Verfügung stellen sollte, da Italiener

«besonders willkommen wären».13 Auch diese Aussicht

entschwand jedoch, weshalb sich die Italiener damit begnügen

mussten, mit den Franzosen um den Schutz der Rechte der

Katholiken an den Heiligen Stätten zu konkurrieren. 1919

verlangten sie die Anerkennung ihrer Eigentümerschaft am

Coenaculum (dem traditionellen Ort des letzten Abendmahls

sowie der Herabkunft des Heiligen Geistes an Pfingsten); 1928

warf der italienische Botschafter in London Fragen hinsichtlich

der Heiligen Stätten auf, aber (so heißt es in einem späteren

Memorandum des Auswärtigen Amtes) «er wurde in keinem

Zweifel darüber gelassen, dass die Regierung Seiner Majestät

nicht der Meinung war, dass seine Regierung in dieser

-130-

Angelegenheit irgendeinen locus standi habe».14 Am Ende

fanden die Italiener, wie auch die Franzosen, dass ihnen nur die

Verteidigung ihrer eigenen religiösen Einrichtungen und

Staatsangehörigen in Palästina übrig blieb. Der Großteil des

italienischen Truppenkontingents von 660 Mann wurde im

August 1919 aus Palästina abgezogen. Die letzten fünfzig

Carabinieri der Legion von Neapel standen noch eine Zeitlang

dem Konsul in Jerusalem zur Verfügung, aber im Februar 1921

wurden auch sie abgezogen.

Der britische Militärgouverneur von Jerusalem war Ronald

Storrs, der zuvor «Oriental Secretary» an der britischen

Residentur in Kairo gewesen war. Auch nach der Schaffung

einer Zivilverwaltung im Jahre 1920 blieb er im Amt, bis er

1926 Palästina verließ. Sein Kollege Norman Bentwich nannte

ihn «einen Diplomaten, der unterschiedliche Völker zu

verstehen und zu interpretieren versuchte und mit Geschick

Kontakt zu ihnen aufnahm». Allerdings fügte er hinzu: «Sein

großer Wunsch als Administrator war, jedem zu gefallen, und

dieser Wesenszug hatte die Tendenz, ihn zu ruinieren... keine

Seite vertraute ihm. In einer Zeit ernster Probleme war er

außerstande, energisch und entschlossen zu handeln.»15 1918

gründete Storrs mit der Unterstützung britischer Staatsbeamter,

muslimischer Notabein, christlicher Würdenträger und

zionistischer Führer die «Pro-Jerusalem Society», die das Ziel

verfolgte, die Altstadt zu schützen und zu restaurieren.

Der bekannte Architekt und Städteplaner C. R. Ashbee wurde

zum «städtischen Berater» ernannt, und es war weitgehend

seinem Einfluss zu verdanken, dass eine - noch heute gültige -

Verordnung erlassen wurde, wonach sämtliche Gebäude in der

Stadt eine steinerne Fassade haben mussten.

-131-

General Allenby (vorne in der Bildmitte) in Palästina, 1918.

Hinter Allenby schreitet Ronald Storrs, der Militärgouverneur von

Jerusalem, die Stufen herab.

-132-

Emir (später König) Abdullah mit Sir Herbert Samuel (Mitte) und

Winston Churchill (vorne rechts) in Jerusalem, 1921.

Am 13. April 1918 traf eine von den Briten finanziell

unterstützte und von Chaim Weizmann geführte zionistische

Kommission in Jerusalem ein. Weizmann war entsetzt, als er das

jüdische Viertel in Jerusalem sah: «Nichts als Dreck und

Infektionen. Diese unbeschreibliche Armut, verstockte

Unwissenheit und fanatische Gesinnung - es tut einem im

Herzen weh, wenn man das alles ansieht!»16 Es war eine typisch

zionistische Reaktion auf den «alten Jischuw» von Jerusalem.

Zu Anfang schien Weizmanns diplomatische Haltung bei

Christen und Muslimen Freunde zu gewinnen. Bischof

Porphyrios, der als Sprecher der griechisch-orthodoxen

Gemeinde auftrat, sandte ihm eine freundliche Botschaft.17

Weizmann traf sich mit arabischen Notabein, u. a. mit dem

Mufti Qamil Bey al-Husayni, und versuchte, ihnen zu

versichern, dass die Zionisten weder vorhätten, arabische

-133-

Interessen zu beeinträchtigen, noch sich in die Kontroverse um

die Heiligen Stätten einzumischen. Danach sagte der Mufti

Storrs, falls «die Juden sich Dr. Weizmanns Worten getreu

verhielten, wäre alles in Ordnung».18 Bei späterer Gelegenheit

beschenkte der Zionist den Mufti mit «der historischen

Abschrift des Koran aus Adrianopel».19

Der Mufti wohnte der feierlichen Grundsteinlegung für die

Hebräische Universität auf dem Skopusberg wie auch der

Eröffnung des Rothschild-Krankenhauses bei.

Derartiges Höflichkeitsgeplänkel vermochte das darunter

schwelende gegenseitige Misstrauen freilich nicht zu verdecken.

Im Juni 1918 warnte ein in Jerusalem heimischer

Geheimdienstmitarbeiter, ein Katholik, die Regierung,

«Nichteinheimischen mag die Lage an der Oberfläche

einigermaßen ruhig erscheinen, aber nach meiner Meinung ist

sie immer noch unruhig und kompliziert». Die muslimische

Bevölkerung könne sich noch nicht mit der christlichen

Herrschaft abfinden, und der «Popanz des Zionismus... ist für

Muslime wie für Christen ein Albtraum».20

Von Anfang an fiel den Beamten der britischen

Mandatsverwaltung die stete Zunahme arabischer

nationalistischer und antizionistischer Gefühle auf, und sie

berichteten darüber nach London. Im August 1919 verfasste J.

N. Camp, der als «Assistant Political Officer» in Jerusalem

Dienst tat, einen detaillierten Bericht über politische Aktivitäten

von Arabern in der Stadt und über arabische Einstellungen

gegenüber dem Zionismus. Die Bewegung sei in mehreren

Vereinigungen organisiert. Der Kulturclub stehe «in direktem

und ständigem Kontakt mit dem Zentrum der Propaganda in

Damaskus» und strebe nach «arabischer Unabhängigkeit, nach

der Verhinderung jeglicher Art von Zionismus und der

jüdischen Einwanderung, der Vereinigung von Palästina mit

Syrien und der Abschaffung der ausländischen Kapitulationen».

Der Arabische Club habe ähnliche Ziele; seine Mitglieder, die

-134-

zumeist der Familie Husayni angehörten, «seien nicht so auf

arabische Unabhängigkeit festgelegt, aber ebenso nachdrücklich

gegen den Zionismus und die jüdische Einwanderung». Der

Bruder des Mufti, Hadsch Amin al-Husayni (ein «glühender

arabischer Propagandist»), sei eines seiner führenden

Mitglieder. Von einer Organisation mit dem Namen

«Bruderschaft und Reinheit» hieß es, sie bestehe aus

«gewaltbereiten Propagandisten und... Anführern einer Menge

von Schlägern und Halsabschneidern», von denen man

erwartete, dass sie für den Kulturclub «die Dreckarbeit

erledigten». Zu ihren führenden Geistern gehörten, so sagte

man, der arabische stellvertretende Polizeichef sowie viele

weitere Polizisten. Was die «Muslimisch-Christliche

Gesellschaft» angehe, seien «die Katholiken darin

profranzösisch, die Griechisch-Orthodoxen nahezu allesamt

probritisch; die Moslems wollen unbedingt die Unabhängigkeit,

auch wenn, falls sie nicht zu haben ist, einige Großbritannien

und andere Amerika als Mandatsmacht vorziehen». Warnend

wies Camp darauf hin, dass radikale Gruppen ihre Mitglieder

mit Schusswaffen ausrüsteten.21 Eine Woche später versicherte

ein an den Militärgouverneur von Jerusalem gerichtetes

Protestschreiben der «Muslimisch-Christlichen Gesellschaft»,

im Kampf gegen den Zionismus sei die gesamte Bevölkerung

des Landes «bereit, sich zu opfern».22

Auf der Pariser Friedenskonferenz von 1919 erschien Chaim

Weizmann an der Spitze einer zionistischen Delegation, um auf

eine nationale Heimstätte für das jüdische Volk in dem unter

britischem Protektorat stehenden Palästina zu dringen. Faisal

führte eine Delegation an, die den Hedschass repräsentierte, und

forderte seine Bestätigung als Herrscher von Syrien. Die Briten

machten ihm klar, dass er, falls er in seinen schwierigen

Beziehungen zu den Franzosen den Rückhalt der Briten erwarte,

gut beraten wäre, mit Weizmann zu einer Verständigung zu

kommen. Faisal befolgte diesen Rat.

-135-

Unterdessen trugen die Franzosen mit Nachdruck ihre

Forderung nach ganz Syrien vor und ließen weiterhin ihrer

Eifersucht wegen der britischen Kontrolle über Jerusalem und

die heiligen Stätten freien Lauf. Lloyd George ließ sie rüde

abblitzen. Bei einer Konferenz über Kleinasien, die im Februar

1920 in London stattfand, brach eine «hitzige Diskussion» über

eine französische Forderung nach dem Wächteramt über die

Grabeskirche aus. Lloyd Georges Sekretärin und Geliebte

Frances Stevenson notierte, dass der Premierminister wütend

wurde und fragte, ob die Briten nicht gut genug dafür seien, sie

zu hüten. Sie seien gut genug, sagte er, die Reisenden auf ihrem

Weg zu ihr zu schützen, und dafür zu sorgen, dass die zu ihr

hinführenden Straßen sauber seien. Ginge es aber darum, den

Ort zu betreten und zu bewachen - nein! Das müssten die

Franzosen machen. «Welchen Anspruch hat Frankreich

eigentlich, das zu tun, und wäre es auch nur aus religiöser Sicht?

Ist Frankreich ein katholischer Staat?» Die Franzosen wagten

nicht, mit Ja zu antworten. D. setzte sich durch, wie üblich.23

Erst im April 1920 war diese Frage abschließend geklärt.

Damals stimmte die Konferenz von San Remo der Erteilung

eines britischen Mandats für Palästina zu, und Sir Herbert

Samuel wurde zum ersten Hochkommissar ernannt. Mit der

Errichtung einer britischen Zivilverwaltung war klar, dass die

Franzosen den Kampf um Jerusalem verloren hatten. Sie

beschlossen daraufhin, ihre Verluste zu begrenzen. Im Juli 1920

bootete die französische Armee Faisal unsanft in Damaskus aus.

Er floh nach Palästina und erhielt dann von den Briten als

Ausgleich den irakischen Thron. Im Dezember unterzeichneten

Franzosen und Briten ein Abkommen, das die Grenze zwischen

Palästina und dem von Frankreich besetzten Syrien festlegte

(siehe Karte 3).

-136-

Christlicher Triumphalismus

Der Theorie nach war die Mandatsverwaltung eine

internationale Regierungsform und Großbritannien als

Mandatsmacht nominell dem Ständigen Mandatsausschuss des

Völkerbunds verantwortlich. Die Realität sah allerdings so aus,

dass Palästina von 1920 bis 1948 so regiert wurde, als wäre es

eine britische Kronkolonie. Von Anfang an trugen die Briten

äußerste Sorge dafür, die Ängste anderer Religionen zu

besänftigen. In seiner ersten Erklärung nach seinem Einzug in

die Stadt hatte Allenby versprochen, die Interessen aller

Religionen zu berücksichtigen und zu schützen. In einer

Depesche nach London berichtete er:

Die Omar-Moschee und das umliegende Gelände sind

moslemischer Kontrolle unterstellt worden, und rund um die

Moschee wurde ein aus indisch-muslimischen Offizieren und

Soldaten zusammengesetzter Militärkordon gelegt. Es ist Befehl

ergangen, dass ohne Erlaubnis des Militärgouverneurs und des

für die Moschee verantwortlichen Moslems kein Nichtmoslem

den Kordon passieren darf.24

Doch trotz ihres äußerst gewissenhaften Bemühens wurden

die Briten von allen Seiten der Parteilichkeit bezichtigt.

Obwohl die Briten darauf bedacht waren, nicht die

Christenheit oder eine bestimmte ihrer Glaubensrichtungen zu

bevorzugen, war doch die Tatsache nicht zu leugnen, dass die

britische Herrschaft zwischen 1917 und 1948 die Herrschaft

einer christlichen Macht war. Allgemein tendiert man dazu, den

christlichen Aspekt des Mandats zu ignorieren, zum Teil der

britischen Verpflichtung in der Balfour-Deklaration wegen, eine

-137-

nationale Heimstätte für das jüdische Volk zu schaffen, zum

Teil auch, weil der erste britische Hochkommissar kein Christ,

sondern ein Jude war, und auch, weil die Mandatsregierung

allem Anschein nach keine spezifisch christlichen Interessen

oder Ziele verfolgte. Aber zur damaligen Zeit sahen das manche

anders - entweder Muslime, die befürchteten, von Juden

enteignet zu werden, oder Christen, die von den ersten

christlichen Herrschern in der Heiligen Stadt seit 1244 etwas

mehr Militanz im Geist der Kreuzzüge erwarteten.

Mit der Wiedergewinnung christlicher Kontrolle über die

Heiligen Stätten brach eine Flutwelle des christlichen

Triumphalismus los, vor allem in Frankreich und Italien. In

Notre-Dame wurde in Gegenwart des französischen Präsidenten

ein Te Deum gesungen; der Erzbischof von Paris hielt eine

Predigt, in der er an die Kreuzzüge erinnerte und «die alten

Schutzrechte» heraufbeschwor, die «der ältesten Tochter der

Kirche» zukämen.25 Die Ansprache, die Papst Benedikt XV.

Anfang 1919 vor dem Kardinalskollegium hielt, spiegelte die

Stimmung wider:

Wer vermag die vollständige Geschichte all der

Anstrengungen Unserer Vorgänger zu erzählen, [die Heiligen

Stätten] von der Herrschaft der Ungläubigen zu befreien, von

den heldenhaften Taten und dem Blutvergießen der Christen des

Westens über Jahrhunderte hin? Und nun, da sie inmitten der

Freudenrufe aller guten Menschen endgültig in die Hände der

Christen zurückgekehrt sind, gilt Unsere ganze Sorge den

Entscheidungen, welche der Friedenskongress in Paris bald in

bezug auf sie treffen wird. Gewiss wäre es ein furchtbarer

Schmerz für Uns und alle christlichen Gläubigen, wenn

Ungläubige in eine bevorrechtigte und privilegierte Position

gelangten; umso mehr, wenn diese allerheiligsten Stätten der

christlichen Religion der Verantwortung von Nichtchristen

überlassen werden würden.26

-138-

Sowohl die römisch-katholische als auch die griechischorthodoxe

Kirche präsentierten auf der Pariser

Friedenskonferenz erneut ihre konkurrierenden Ansprüche auf

die Heiligen Stätten. Beide rekapitulierten dazu noch einmal die

verwinkelte Geschichte der Rechte, Forderungen und

Gegenforderungen.27 Keine von beiden Konfessionen konnte die

Konferenz dazu überreden, sich in diese Fragen verstricken zu

lassen.

Aber die Katho liken blieben in der Offensive. Im Dezember

1922 erklärte Pius XI. in seiner Konsistoriumsallokution

Vehementer Gratum, dass die «dortigen Rechte der katholischen

Kirche in Anbetracht ihrer offenkundigen Überlegenheit über

die anderer interessierter Parteien respektiert werden und

Vorrang erhalten müssen, nicht nur im Verhältnis zu Juden

[und] Ungläubigen, sondern auch zu den Mitgliedern

nichtkatholischer Konfessionen ...»28

Der Mandatsregierung blieb es überlassen, sich eine Lösung

auszudenken. 1923 informierte sie den Völkerbund, sie selbst

habe «die Verantwortung für die Heiligen Stätten... als

Nachfolger der Regierung» übernommen, bis von einer

internationalen Kommission zur Frage der Heiligen Stätten

Empfehlungen ausgesprochen würden. Die Briten schlugen drei

Unterkommissionen vor - eine christliche, eine muslimische und

eine jüdische -, die sich des Problems annehmen sollten. Keine

wurde je ernannt. Im Falle der Christen lag es daran, dass

Frankreich auf einer katholischen Mehrheit und einem

französischen Vorsitzenden bestand - was für Nichtkatholiken

wohl nicht annehmbar war.

-139-

Karte 3: Palästina unter britischer Mandatsverwaltung

-140-

Da ein zu verbindlichen Festlegungen legitimiertes,

internationales Gremium fehlte, hielten sich die Briten an die

unter den Osmanen getroffene Regelung: den Status quo von

1852. Die knifflige Frage zu beantworten, was das nun genau

bedeutete, fiel den Beamten der Mandatsverwaltung zu. Um

ihnen dabei zu helfen, machte sich die Regierung daran, die

bestehende Praxis zu kodifizieren. Als erstes musste L. G. A.

Cust als der mit diesem Unterfangen betraute Beamte

herausfinden, für welche Heiligen Stätten der Grundsatz des

Status quo überhaupt galt. Er benannte fünf: das Heilige Grab,

den Deir al-Sultan, das Auferstehungsheiligtum, das Grab der

Heiligen Jungfrau (in der Nähe von Gethsemane) und die

Geburtskirche in Bethlehem. Für jede einzelne Stätte führte Cust

nun bis in die kleinsten Einzelheiten die herrschenden Sitten und

Bräuche an, einschließlich der Öffnungszeiten,

Schlüsselverwahrer, Reinigungsrechte, Prozessionen (kleine,

mittlere, große, ihre Daten, Routen und Zusammensetzung, die

exakten Positionen, die darin Dragomane, Küster, Kerzenträger,

Weihrauchträger und Fächerschwinger einzunehmen pflegten),

Gewandung, Glockengeläut, Lampenentzünden, Kerzen,

Tapisserien, Ikonen und so weiter. Das Dokument wurde von

der Mandatsverwaltung veröffentlicht, allerdings unter dem

Vorbehalt, «die in diesem Druck enthaltenen Beschreibungen

der Praxis sind nicht als von offizieller Gültigkeit anzusehen».29

Weit entfernt davon, die strittigen Fragen um die Heiligen

Stätten zu lösen, fror die Kodifizierung nur die bestehenden

Kontroversen auf ihrem jeweiligen Stand ein, ohne sie

beizulegen. Da die Geltung der Statusquo-Regel im übrigen nur

für einen kleinen Bruchteil der Heiligen Stätten (und von diesen

nur bei den christlichen) anerkannt wurde, waren damit die

Schleusen für einen wahren Sturzbach weiterer Streitigkeiten

geöffnet, die sich auf andere Orte bezogen, um deren Heiligkeit

Rivalitäten herrschten.

Bei diesen und anderen Disputen hegten die Katholiken den

-141-

Verdacht, dass die Mandatsverwaltung zugunsten der

Orthodoxen Partei nähme, welche die Briten, wie schon ihre

türkischen Vorgänger, in der Tat als «die Kirche des Landes»

betrachteten.30 Die bereits vor 1920 schwierige Beziehung

zwischen Regierung und Katholiken geriet nun in Wallung. Die

Briten schrieben die Schwierigkeiten dem widerspenstigen

Wesen des Lateinischen Patriarchen, des Italieners Monsignore

Louis Barlassina, zu. Harry Luke, ein britischer Beamter, der ihn

gut kannte, kennzeichnete Barlassina als «engstirnig bis zur

Bigotterie. Er hatte das Temperament eines Inquisitors, etwas

vom fanatischen Eifer eines Savonarola». Barlassinas «drei

Schreckgespenster» waren, Luke zufolge, «Protestantismus,

Zionismus und Freimaurerei».31 Der italienische Generalkonsul

in Jerusalem notierte, «Takt» sei eine Eigenschaft, «die dem

Patriarchen völlig fehlt».32 Seine Ernennung verdankte er den

Briten, die gegen einen Vorschlag des Vatikans, einen

Österreicher zu berufen, erfolgreich protestiert hatten. «Mons.

Barlassina sollte eigentlich auf ewig ein Englandfreund sein»,

hatte Sykes 1918 geäußert.33 Nie hat einer weniger Dankbarkeit

gezeigt. Kaum war Barlassina 1920 in seinem Amt, provozierte

er auch schon eine Konfrontation mit der Regierung, nämlich

mit seiner Entscheidung, in der Liturgie des

Weihnachtsgottesdienstes in Bethlehem dem französischen

Konsul den Ehrenvorrang zukommen zu lassen. Um eine

peinliche Szene zu vermeiden, boykottierte der Hochkommissar

die Veranstaltung.

Barlassinas Beziehungen zu Storrs waren besonders

schwierig. Der Patriarch beklagte sich, dass Storrs dazu neige,

ihn «anzugrinsen» und wie einen Schuljungen zu behandeln.

Barlassina verurteilte die in England gegründete Be wegung der

weiblichen Pfadfinder und protestierte gegen einen Kostümball

an der Evelinade-Rothschild-Schule. Der Gouverneur wiederum

ließ sich mit der Bemerkung vernehmen, der Prälat lege eine

«etwas nörglerische Haltung» an den Tag. Hinter diesem

-142-

Hickhack steckte das bei den Briten tief sitzende Misstrauen, die

Katholiken seien wie in alten Zeiten Werkzeuge der

französischen Diplomatie.34 Im September 1921 berichtete der

amerikanische Generalkonsul, Barlassina und Storrs hätten

«einige scharfe Kontroversen gehabt, und letzterer ist kürzlich

auf Anweisung der palästinensischen Regierung nach Rom

gereist, um mit dem Papst zu sprechen und möglichst

weitgehend die Berichte, die vom hiesigen Patriarchen an ihn

abgegangen sind, zu diskreditieren oder zu relativieren».35 Von

Barlassina auf die Unterredung vorbereitet, sagte der Papst zu

Storrs, die Briten hätten die Heilige Stadt durch die Einführung

von Kinos und 500 Prostituierten besudelt. Storrs versuchte, den

Papst mit der Erklärung zu beschwichtigen, dass es dort schon

vorher Kinos gegeben habe und man die Huren aus der Stadt

herausgeschafft hätte. Barlassina blieb auch weiterhin für die

Briten ein solches Ärgernis, dass sie versuchten, ihn durch einen

ihrer Landsleute ersetzen zu lassen, was ihnen aber nicht

gelang.36 Wegen seiner Halsstarrigkeit, besonders in Fragen des

Vorrangs, brachte er selbst seine Vorgesetzten in solch große

Verlegenheit, dass der Vatikan schließlich 1929 einen

Engländer, Pater Pascal Robinson, zum Apostolischen Nuntius

für Palästina berief, der künftig für die Beziehungen mit der

Mandatsverwaltung verantwortlich war. Barlassina jedoch blieb

den Briten in Jerusalem ein Dorn im Auge, bis er 1947 im Amt

starb.

Unter britischer Herrschaft kehrten die meisten Konsuln - mit

Ausnahme des russischen - nach Jerusalem zurück, mussten aber

feststellen, dass ihre früheren Vorrechte nun erheblich

vermindert waren. Die endgültige Abschaffung der

Kapitulationen durch Artikel 8 des Palästina-Mandats, das 1922

definitiv beschlossen wurde, schmälerte erheblich die Macht der

Konsuln - und steigerte entsprechend ihre Enttäuschung und

ihren Groll. In besonderem Maße galt dies für die Franzosen,

die, der materiellen Machtbefugnisse beraubt, sich mit deren

-143-

geistigem Ersatz zu trösten suchten - mit ihrem traditionellen

Protektorat über die Katholiken und die Rechte der römischkatholischen

Kirche an den Heiligen Stätten. Daran klammerten

sie sich fest, obwohl sie doch auf der Konferenz von San Remo

im April 1920 förmlich dem Beschluss zugestimmt hatten, das

Protektorat zu beenden.

Die Einsetzung der britischen Mandatsverwaltung minderte

zwar die Rivalität, Streitigkeiten und gelegentlichen Pannen an

den Heiligen Stätten, beseitigte sie aber nicht vollends. 1922

berichtete der französische Konsul, seine italienischen und

spanischen Kollegen hätten mit Hilfe von Geistlichen ihrer

Nationalität versucht, beim Weihnachtsgottesdienst in der

Geburtskirche und bei anderen Feiern seinen traditionellen

Vorrangplatz einzunehmen. «Diese Vorfälle zeigen, mit welcher

Eifersucht benachbarte Völker unsere vorherrschende Stellung

im Heiligen Land betrachten, und mit welcher Ungeduld die

Abschaffung unserer Privilegien erwartet wird», schrieb der

Generalkonsul.37 1925 kam es vor der Grabeskirche zu einem

Handgemenge, als dort entgege n den Regeln Nationalflaggen

gehisst wurden. Storrs beschwerte sich schriftlich beim

französischen Generalkonsul, «dass ein britischer Hauptmann

von einem Herrn, der sagte, dass er ein französischer General

sei, am Mund verletzt wurde».38 Die Genugtuung, die er dafür

erhielt, war kläglich.

Mit den Beziehungen der Briten zu den Ostkirchen ging es

nicht harmonischer zu. Damals fühlte sich die orthodoxe Kirche

sehr in die Defensive gedrängt. In Jerusalem, wo ein Jahrhundert

zuvor neunzig Prozent der ansässigen Christen Orthodoxe

waren, hatten sie seither gegenüber den Katholiken

kontinuierlich an Boden verloren. Während des Kriegs war das

Griechisch-orthodoxe Patriarchat infolge von Schulden ernsthaft

geschwächt worden und 1918 praktisch bankrott. Man

befürchtete, dass ihm das gleiche Schicksal beschieden sein

könnte wie dem Armenischen Patriarchat, das im frühen 18.

-144-

Jahrhundert unter seiner Schuldenlast fast zusammengebrochen

wäre. Jetzt rebellierten die arabischen Gemeindegeistlichen und

Laien, die seit langem störrischen Sinns die Herrschaft der rein

griechischen Bruderschaft vom Heiligen Grab ertragen hatten.

In der Gemeinde machten sich nationalistische Empfindungen

breit und wurden Stimmen laut, die die Berufung arabischer

Priester in den Episkopat oder gar in das Patriarchat forderten.

Die Griechen ließen sich jedoch ihre Vorherrschaft über die

Kirche nicht streitig machen, die sie als Sache ihres eigenen

Nationalstolzes betrachteten, weshalb sie denn auch als

«Mandatsträger» des griechischen Volkes auftraten.39 Es war so

weit gekommen, dass sich die Bruderschaft nicht nur als

Wächter der Kirche, sondern als ihre Verkörperung

betrachtete.40

Zu Beginn der britischen Besatzung hatte es in

Geheimdienstberichten geheißen, dass der 133. Griechischorthodoxe

Patriarch, Damianos, «protürkisch» und «ein großer

Schurke» sei.41 Zweifellos war er ein gewiefter Politiker, der es

1908 verstanden hatte, sich nicht vom Thron vertreiben zu

lassen. Der in Jerusalem zu Besuch weilende griechische

Generalkonsul in Kairo verfasste im August 1918 ein langes

Memorandum für Allenby, in dem er Damianos bezichtigte, mit

den Türken zu sympathisieren, und seine Absetzung verlangte.

Es gelang ihm aber nicht, den Oberkommandierenden zu

überzeugen, und Allenby erteilte dem Patriarchen die Erlaubnis,

aus seinem Exil nach Jerusalem zurückzukehren. Am 5. Januar

1919 traf er ein, gerade rechtzeitig, um in Bethlehem das

orthodoxe Weihnachtsfest zu zelebrieren. Die griechische

Staatsbank bot ein Darlehen an, um die Schulden des

Patriarchen zu tilgen. Die Darlehensbedingungen waren jedoch

so formuliert, dass sie in Wirklichkeit die ganze griechischorthodoxe

Kirche in Palästina der Kontrolle der griechische

Regierung unterstellt hätten. Die britischen Behörden

verweigerten darum ihre Zustimmung und schlugen stattdessen

-145-

vor, er möge sich um ein Darlehen einer britischen Bank

bemühen. Unglücklicherweise war jedoch kein reputierliches

Bankhaus bereit, sich auf dieses riskante Unterfangen

einzulassen.

Daraufhin versuchte der griechische Konsul in Jerusalem, Dr.

Tzorbatzoglou, innerhalb des Patriarchats einen Umsturz

anzuzetteln. Er scharte in der Bruderschaft eine Gruppe von

Opponenten gegen den Patriarchen um sich und schlug eine

neue Verfassung vor, welche die Unabhängigkeit des

Jerusalemer Patriarchats beseitigt und es der Kontrolle der

Patriarchen von Konstantinopel, Alexandria, Antiochien,

Griechenland und Zypern unterstellt hätte - und letzten Endes

der griechischen Regierung. Da das Patriarchat immer mehr dem

finanziellen Ruin entgegenging, wandte sich der Bischofssynod

gegen Damianos. Er verfasste eine Anklageschrift, in der er ihm

vorwarf, dass er willkürlich und despotisch in seiner

Amtsführung war, dass er sich weigerte, die

Mehrheitsentscheidungen seines Synods zu respektieren, dass er

geistige Entwicklung hemmte, Nachlässigkeit in der

Lebensführung nicht zügelte, die Mittel des Patriarchats

verschleuderte, enorme Schulden angehäuft hat, den Rechten der

orthodoxen Kirche in den Heiligen Stätten keine tatkräftige

Verteidigung angedeihen ließ, die Errichtung von Institutionen

anderer orthodoxer Kirchen in Palästina zuließ, seiner Herde

keine rechte pastorale Versorgung gewährte, die Bruderschaft

unterdrückte, während seiner Abwesenheit in Damaskus für

keine tüchtige Verwaltung sorgte, die Bruderschaft dem

griechischen Volk zu entfremden und ihr einen lokalen oder

panorthodoxen Charakter zu geben versuchte.42 Und eine Menge

mehr in diesem Sinne.

Dass das Patriarchat politisch wie finanziell am Boden lag,

war nicht zu übersehen. Die Regierung von Palästina sah sich

genötigt, eine Untersuchungskommission einzuberufen. Diese

legte einen 336 Seiten starken Bericht vor - bemerkenswert in

-146-

seiner Präzision und seinem Bestreben, die griechische

Regierung daran zu hindern, irgendeine «mandatarische»

Oberherrschaft der orthodoxen Christenheit in Palästina zu

übernehmen. Deshalb wurde Damianos auch in seinem Amt

bestätigt. Die vorgeschlagene neue Patriarchatsverfassung

wurde als unzulässig erklärt. Die Rebellen verloren ihre

Mitgliedschaft im Synod, und es sollte ein Liquidations- und

Kontrollausschuss eingerichtet werden, um die Finanzen der

Kirche wieder in Ordnung zu bringen. Eine gewisse Hoffnung

setzte man auf die mögliche Entschädigung für ehemals dem

Patriarchat in Rumänien gehörenden Grundbesitz, der von der

rumänischen Regierung beschlagnahmt worden war. Als aber

Damianos 1924 dorthin reiste, um die Angelegenheit

voranzutreiben, kehrte er mit 500 Sack Mehl statt den £ 500000

zurück, die im Hinblick auf die abhanden gekommenen

Immobilien gefordert worden waren.43 Die sich auf £559000

belaufenden Schulden des Patriarchats wurden schließlich durch

den Ausschuss geregelt - zum Teil dadurch, dass man Juden

plötzlich wertvoll gewordenes Bauland in der expandierenden

Neustadt Jerusalems zur Verfügung stellte. Damianos starb 1931

nach vierunddreißigjähriger turbulenter Amtszeit.

Nach dem Tod des Patriarchen brach in der

Auseinandersetzung um seine Nachfolge erneut der erbitterte

Konflikt zwischen Arabern und Griechen aus. Der russische

Metropolit Antonij Krapowitskij meinte einen Spalt zu

erkennen, durch den sich russische Interessen einschmuggeln

ließen, und schlug einen Kompromiss vor: die Wahl eines

«neutralen» Patriarchen - also eines Russen. Die Griechen

lehnten das als «Beleidigung» ab.44 Erst 1935 wurde ein neuer

Patriarch gewählt, Timotheos, der Erzbischof von Jordanien, der

sich in britischer Sicht vor allem dadurch auszeichnete, dass er

im Oxforder Magdalen College studiert hatte.

Man muss zugeben, dass die britischen Akten das stete und

gewissenhafte Bemühe n der Mandatsverwaltung dokumentieren,

-147-

den Status quo aufrecht zu erhalten und fair mit den einander

widerstreitenden Ansprüchen der christlichen Konfessionen

umzugehen. Eine Generation nach dem Ende der

Mandatsverwaltung fasste der letzte britische

Distriktskommissar für Jerusalem, J. H. H. Pollock, die nach

dreißig Jahren christlicher Regierung noch immer ungelösten

innerchristlichen religiösen Dispute folgendermaßen zusammen:

- Streit zwischen den Armeniern und Griechisch-Orthodoxen

über die Ersetzung armenischer Bilder in der Grabeskirche der

Jungfrau Maria in Gethsemane [wozu Pollock die optimistische

Meinung äußerte, «dieser Streit könnte durch die katastrophale

Überflutung dieser alten Kirche im Frühjahr 1948 ein wenig

beigelegt worden sein»].

- Streit zwischen den Armeniern und den Syrisch-Orthodoxen

(Jakobiten), Kopten und Abessiniern über das Bestattungsrecht

auf dem armenischen Friedhof auf dem Zionsberg.

- Streit zwischen den Armeniern und den Anhängern der

syrisch-orthodoxen Kirche (Jakobiten) über die

Besitzverhältnisse der St. Nikodemus-Kapelle in der

Grabeskirche.

- Streit zwischen den Orthodoxen und den Katholiken über

die gesamte Frage der Verwaltung von Gottesdiensten und

Rechten innerhalb der Grabeskirche, und, insbesondere, über

den Anspruch der Katholiken, bei bestimmten Gottesdiensten

die nördliche Treppe auf dem Golgatha-Hügel benutzen zu

dürfen...

- Streit zwischen den Orthodoxen und den Katholiken über

das Eigentum an einem Stück Fußboden am östlichen Bogen

zwischen der orthodoxen und der katholischen Kapelle auf dem

Golgatha-Hügel...

- Streit zwischen den Armeniern und den Orthodoxen über

das Eigentums- und Reinigungsrecht an der untersten Stufe der

-148-

vom Vorhof auf der Ostseite der Haupttür der Grabeskirche

abgehenden Treppe.

- Der stets wiederkehrende und erbitterte Streit zwischen den

Kopten und den Abessiniern über die von den Abessiniern

beanspruchten Eigentums- und Unterhaltsrechte an einer

Unterkunft für Mönche auf dem Dach der zur Grabeskirche

gehörenden St. Helena-Kapelle.

- Der Streit, zu dem es jedes Jahr in der Geburtskirche in

Bethlehem während der rituellen Reinigung des Fußbodens der

Basilika zwischen allen christlichen Gemeinden kommt.

Aber das war noch nicht das Ende der Aufzählung. Bei

Pollock heißt es weiter: «Einer der ‹Gefahrenpunkte›, die

ständig die Mandatsverwaltung beschäftigten, war die Erhaltung

des Sterns, der die Stelle der Geburt Jesu in der Grotte der

Geburtskirche in Bethlehem markiert und von dem es bisweilen

heißt, der Krimkrieg sei seinetwegen ausgebrochen.»45

Diese uralten Streitpunkte waren aber nicht der größte

Störfaktor für die Mandatsverwaltung, sondern vielmehr eine

Reihe neuartiger Konflikte im Zusammenhang mit Heiligen

Stätten, diesmal aber nicht zwischen unterschiedlichen

christlichen Bekenntnissen, sondern zwischen Muslimen und

Juden. Der führenden Figur auf muslimischer Seite in dieser

neuartigen religiösen Auseinandersetzung, Hadsch Amin al-

Husayni, gelang es, sie sich zunutze zu machen, um eine

Vormachtstellung nicht nur über die Araber Jerusalems, sondern

ganz Palästinas für sich zu beanspruchen.

-149-

Der Aufstieg des Mufti

Im November 1918 wurde in Jerusalem ein Ausschuss aus

Christen und Muslimen, darunter vielen Notabein, gebildet, mit

dem Ziel, die Franzosen zu ersuchen, Palästina Syrien

einzuverleiben. Storrs ließ den Mufti (oder «Groß-Mufti», wie

er ihn, ägyptischem Brauch folgend, nannte) zu sich kommen

und erteilte ihm eine freundliche Warnung. Auch den

Bürgermeister der Stadt, Musa Qasem Pascha al-Husayni,

bestellte er ein und erklärte ihm, solange er sein Amt unter der

Militärverwaltung innehabe, könne er «nicht auf einer

politischen Tribüne stehen». «Der Bürgermeister schien dankbar

für diese Warnung», berichtete Storrs, «weil er nun sagen

konnte, er glaube, seinem Land als Präsident der

Stadtverwaltung nützlicher sein zu können.» Als nächstes

nannte Storrs dem Lateinischen Patriarchen die Namen von

Katholiken, die dem Ausschuss angehörten. Als er später

entdeckte, «dass die paar Restlichen immer noch daran dachten,

die Sache durchzuführen», ließ Storrs Scheich Musa Budeiri

kommen und «warnte ihn, nicht mit dem Feuer zu spielen, da

die britische Regierung und ihre Verbündeten nicht in der

Stimmung seien, in Zeiten wie diesen sensationelle Petitionen zu

politischen Angelegenheiten entgegenzunehmen».46

Trotz der Bemühungen seitens der Regierung, die politischen

Aktivitäten der Araber in Schach zu halten, legte sich die

Unruhe nicht. Bis Juli 1920 förderte die Existenz von Faisals

arabischem Regime in Damaskus die Zunahme nationalistischer

Aktivitäten in Palästina, die eine Eingliederung des Landes in

ein arabisches Großsyrien anstrebten. Das Treiben der Zionisten

rief eine ständig größer werdende Feindseligkeit hervor, die sich

mit der Unterströmung einer traditionellen muslimischen

Judenverachtung verband und 1920 in eine Serie von

-150-

Gewalttaten in Jerusalem ausbrach.

Die Unruhen vom April 1920 setzten während der

muslimischen Pilgerfeierlichkeiten von Nabi Musa ein.

Ungeachtet der Aussage im 5. Buch Mose (34, 5-6), dass Moses

im Land der Moabiter gestorben und begraben sei «und

niemand... sein Grab erfahren hat bis auf den heutigen Tag»,

waren palästinensische Muslime übereingekommen, Moses

Grab westlich statt östlich des Jordan zu lokalisieren. Unweit

der Verbindungsstraße zwischen Jerusalem und Jericho, gut

sechs Kilometer südsüdwestlich von Jericho, war an der

entsprechenden Stelle ein Grabmal errichtet worden, das Ziel

einer jährlichen Pilgerfahrt war.

«Schlau wie ein Fuchs und verschlagen»: Hadsch Amin al-Husayni,

der Großmufti von Jerusalem und Vorsitzende des Obersten

Muslimrats von 1921 bis zu seiner Flucht aus Palästina 1938.

-151-

Die Anfänge des Festes liegen im Dunkeln. Einige

behaupteten, seine Wurzeln seien «älter als der Islam».47 Andere

sahen die wachsende Verehrung des Grabmals im Kontext einer

regionalen Rivalität zwischen der Herrschern in Damaskus und

Jerusalem und verwiesen darauf, dass im 17. Jahrhundert dieses

Grab allgemein von den Muslimen als Heiligtum anerkannt

wurde, obwohl sieben weitere vorgebliche Begräbnisstätten des

Moses, darunter eine in der Nähe von Damaskus, ins Feld

geführt wurden. Das bei Jericho gelegene Grabmal war 1269

von dem Mameluckensultan Baybars errichtet worden. Ganz im

Sinne seiner Politik sollte dieser Bau die religiöse Bedeutung

Jerusalems und seiner Umgebung für Muslime aufwerten in

einer Zeit, als nicht nur der Konflikt mit den Kreuzrittern,

sondern auch mit Mongolen, Armeniern und anderen Völkern

schwelte. Einer Reihe muslimischer Quellen zufolge scheint in

der Herrschaftszeit Suleimans des Prächtigen eine jährlich

stattfindende Massenpilgerfahrt zu diesem Grab zum festen

Brauchtum gehört zu haben. In spätosmanischer Zeit wurde sie

von Provinzgouverneuren wiederbelebt, was zur Folge hatte,

dass sie im späten 19. Jahrhundert das größte muslimische

Pilgerfest in der Levante war, das Pilger aus Nablus und Hebron

sowie aus Transjordanien anzog.48

Ein auffallender Hinweis dafür, dass das Fest mit dem

Christentum konkurrierte, war der Zeitpunkt, zu dem es

stattfand: Ganz ungewöhnlich für ein muslimisches Fest, wurde

sein Datum nicht vom islamischen Kalender bestimmt, sondern

von dem der östlichen Christenheit. Die Pilgerfahrt traf jedes

Jahr mit dem orthodoxen Osterfest zusammen, das christliche

Pilger in großer Zahl nach Jerusalem brachte. Wie der Mufti von

Jerusalem 1920 erläuterte, war die Pilgerfahrt so gelegt worden,

«dass die Muslime in dieser Zeit ein Fest hätten wie andere

Gemeinden auch».49 Manchen Historikern zufolge könnte dieses

Datum in der Zeit nach der Rückeroberung Jerusalems von den

-152-

Kreuzrittern festgelegt worden sein, um angesichts christlicher

Pilgerzüge zu Ostern die Vorherrschaft des Islams zu

verdeutlichen. Derlei muslimische Feste, die Elemente der

Rivalität und des Synkretismus miteinander verbanden, gab es in

vielen Teilen der muslimischen Welt, wo Muslime und

Nichtmuslime hautnah beieinander wohnten - beispielsweise im

mittelalterlichen Spanien.50 Im Fall von Nabi Musa verweist

nicht nur die Datierungsmethode auf den Zusammenhang mit

dem Christentum, sondern auch, dass die Feiern eine ganze

Woche andauerten (entsprechend der Heiligen Woche), dass zu

ihm insbesondere auch Prozessionen durch die Straßen

Jerusalems gehörten und ein Grab im Mittelpunkt stand.

In spätosmanischer Zeit hatte das Fest längst einen festen,

unveränderlichen Ablauf. Jedes Jahr fanden zwei Pilgerfahrten

nach Jerusalem statt, die eine aus Nablus im Norden, die andere

aus Hebron im Süden. Auf dem Haram al-Scharif vereinigten sie

sich und schlugen für kurze Zeit ein Lager auf, bevor sie auf der

Straße nach Jericho zum Grabmal weiterzogen. Dort blieben die

Pilger für drei Nächte, das Volk in Zelten, einige der Notabein

in Gebäuden, die in unmittelbarer Nähe des Grabmals standen.

Schließlich kehrten sie alle nach Jerusalem zurück, wo sie sich

am Morgen des Karfreitag zum Gebet versammelten, bevor sie

dann auseinander gingen. Zu diesen Fahrten gehörten auch

Festessen, Beschneidungen von Jungen, Banner und Musik -

Lieder und Schlagzeugdarbietungen einer von der Regierung

gestellten Musikertruppe. Tradition war auch, dass man

bestimmten Jerusalemer Notabeinfamilien eine herausgehobene

Rolle zuwies:

Die wichtigste kam der Familie Husayni zu, die als

Schirmherrin des Festes galt. Nabi Musa hatte aber auch einen

anderen, weniger geselligen Aspekt: Es war allerorten bekannt

als die traditionelle Zeit gemeindeinterner Handgreiflichkeiten

und Kämpfe zwischen rivalisierenden muslimischen Gruppen.

Dies war der Grund dafür, dass man meistens die Pilger aus

-153-

Nablus und Hebron so weit wie möglich auseinander hielt.

«Eine traditionelle Saison für interkommunale

Auseinandersetzungen». Pilger versammeln sich vor den Mauern

Jerusalems zum Nabi Musa-Fest, 1921.

Mit der britischen Besatzung trat das Nabi Musa-Fest in eine

neue Phase ein. Erstmals fand es jetzt unter einem christlichen

Regime statt. Obwohl der Grundsatz des Status quo ursprünglich

nur für die christlichen Heiligen Stätten gegolten hatte, wurde er

von den Briten auf sämtliche Religionen in Palästina

ausgedehnt. Einer der Gründe dafür war, dass in der

Anfangsphase der Militärverwaltung zwischen 1917 und 1920

die Besatzer nach den Regeln des Kriegsvölkerrechts auch in

sämtlichen Bereichen der Zivilverwaltung den Status quo

beibehalten mussten. Folglich sorgten die Briten, so wie es ihre

osmanischen Vorgänger getan hatten, für Ehrensalut und eine

Militärkapelle als Begleitung der Pilger. Storrs wohnte - wie

zuvor der türkische mutasarrif - der zu Beginn des Festes

abgehaltenen Zeremonie bei, während der die muslimischen

-154-

religiösen Autoritäten die Eröffnung der Wallfahrt

proklamierten. Aber so sehr sich die Briten auch mühten, so zu

tun, als ginge alles seinen normalen Gang, so war es immer eine

Zeit großer innerer Anspannung. Storrs schrieb später darüber:

«Sowohl für sie [die Muslime] als auch für uns war der

Übergang von der osmanischen zur britischen Kontrolle über

dieses Fest eine delikate Angelegenheit, weil dabei allzu

deutlich wurde - es sei denn, dass die Behörden eine gewisse

Kompromissbereitschaft zeigten -, dass es mit den

dreizehnhundert Jahren islamischer Theokratie vorbei war.»51

Während der britischen Herrschaft wurde die Pilgerfahrt zu

einem Herd des Aufruhrs gegen die Vorherrschaft der Christen

in Jerusalem und zu einem Kampfplatz für innermuslimische

Rivalitäten sowie für gesteigerte judenfeindliche Gefühle. Weil

es fast ein gesamtpalästinensisches Fest der Muslime war, blieb

nicht aus, dass auch nationalistische und antizionistische

Tendenzen dabei zum Vorschein kamen.

Im April 1920 nahm die Pilgerfahrt zunächst den Charakter

einer politischen Demonstration, dann des Aufruhrs an. Als sich

die Menschenmassen in Jerusalem versammelten, um von dort

aus hinab zum Grabmal zu gehen, wurden Reden geschwungen

und Transparente hochgehalten, die zur Vereinigung mit Syrien

aufriefen. Einer der Redner war der junge nationalistische

Hitzkopf Hadsch Amin al-Husayni, der von einem Balkon aus

ein Portrait Faisals zeigte und der Menge zurief: «Das ist euer

König!»52 In einer sich ständig weiter aufheizenden Erregung

brachen Straßenkämpfe aus, in deren Verlauf neun Menschen

starben (darunter fünf Juden) und 244 verletzt wurden (211

davon waren Juden).53 Es war der erste große Gewaltausbruch

zwischen Arabern und Juden in dem von Briten beherrschten

Jerusalem, und er hatte zwei direkte Konsequenzen von

weitreichender Bedeutung.

Die erste war Storrs Entscheidung in unmittelbarem

Anschluss an den Aufruhr, Musa Qasem Pascha al-Husayni, den

-155-

Bürgermeister von Jerusalem, dessen nationalistischer Eifer für

die Erregung der Menge verantwortlich gemacht wurde, seines

Amtes zu entheben. Er wurde durch den ehemals osmanischen

Delegierten für Jerusalem Ragheb Bey Naschaschibi ersetzt, der

die folgenden vierzehn Jahre amtierte. Norman Bentwich, der

damalige Generalstaatsanwalt, beschrieb Ragheb als «einen

Mann von Welt, genial, zynisch und ohne jeglichen

Fanatismus... Er behielt zwar etwas von der ottomanischen

Amtstradition von Bakschisch und Nepotismus bei, aber das

hielt sich in Grenzen.»54 Darin lag der Keim eines erbittert

geführten Konflikts zwischen den Familien der Husayni und

Naschaschibi, der sic h durch ihre rivalisierenden Klannetze über

ganz Palästina ausbreitete und die arabische Politik während der

britischen Mandatsverwaltung aus dem Lot brachte.

Die zweite Entscheidung war nicht weniger verhängnisvoll.

Auch Musa Qasem Paschas junger Gefolgsmann Hadsch Amin

al-Husayni hatte, wie bereits geschildert, vor den Pilgern

nationalistische Reden geschwungen. Er flüchtete in das

arabisch beherrschte Syrien, wurde aber unter dem Vorwurf des

Aufrufs zur Gewalt in Abwesenheit zu zehn Jahren Haft

verurteilt. Allerdings erließ ihm der Hochkommissar ein Jahr

später, im April 1921, die weitere Verbüßung der Freiheitsstrafe,

und ihm wurde gestattet, nach Jerusalem zurückzukehren.

Zwischen Sir Herbert Samuel und Hadsch Amin kam es zu einer

stillschweigenden Abmachung. Im Gegenzug für das

Versprechen Hadsch Amins, dafür zu sorgen, dass es bei

künftigen Nabi-Musa-Feiern nicht mehr zu Unruhen käme,

sorgte Samuel für dessen Berufung zum Großmufti von

Jerusalem (das Amt war kurz zuvor vakant geworden). Hadsch

Amin sicherte sich das Amt trotz des Umstands, dass ein anderer

Kandidat, Scheich Husam al-Din Jarallah, bei der nach

osmanischen Regeln veranstalteten Wahl mehr Stimmen

erhalten hatte.55 Die Rivalität zwischen den Familien Jarallah

und Husayni um das Amt des Muftis ging bis ins 19.

-156-

Jahrhundert zurück und sollte sich auch in die Zukunft

fortsetzen.56

Hadsch Amins Ernennung zum Mufti von Jerusalem war die

erste Stufe der Karriere einer ehrgeizigen und rücksichtslosen

Führungsfigur. Bentwich, der einen gewichtigen Anteil an seiner

Ernennung hatte, bezeichnete ihn als «fuchsschlau und

gerissen».57 In seinen ersten Amtsjahren verhielt sich Hadsch

Amin jedoch umsichtig und brachte es 1921 zuwege, dass er mit

großer Mehrheit auf den Posten des Präsidenten des neu

geschaffenen Obersten Muslimrats gewählt wurde. Diese beiden

Posten, die er parallel innehatte, gaben ihm letztendlich die

Kontrolle über das System der awqaf in die Hand, deren Erträge

in vielen Fällen für Zwecke missbraucht wurden, die der Mufti

bestimmte.58 Weiterhin hatte Hadsch Amin die Oberaufsicht

über die muslimischen religiösen, rechtlichen und

Bildungsinstitutionen, dazu über ein Waisenhaus, eine Zeitung,

Büchereien, Kliniken und Pfadfinderorganisationen, und zwar

nicht nur in Jerusalem, sondern in ganz Palästina. Mindestens

achtundzwanzig Gefolgsleuten verschaffte er lukrative Posten,

die mit dem Obersten Muslimrat zu tun hatten.59 Auf diese

Weise schuf er einen inneren Kern von Anhängern, die ihm in

den folgenden politischen Auseinandersetzungen ergeben zu

Diensten waren. Die gewaltige Autorität, über die er verfügte,

war für einen Mufti ohne Vorbild und veränderte den Charakter

seines Amtes, das zur Machtbasis wurde, von der aus er seine

Karriere als Führer der palästinensischen arabischen

Nationalbewegung begann.

Bei seinem Aufstieg zur Macht machte er sich höchst effektiv

die Heiligkeit Jerusalems für Muslime zunutze. Dadurch, dass er

in der gesamten islamischen Welt Gelder für die Restaurierung

der Heiligtümer auf dem Haram al-Scharif sammelte und sich

über jüdisches Vordringen auf das heilige Terrain beklagte,

schob er die Stadt in den Vordergrund seiner politischen

Aktivitäten. Vor allem aber wurde er zum Verfechter

-157-

muslimischer Ansprüche in einem schwelenden Konflikt über

die Rechte an der für Juden wichtigsten heiligen Stätte nicht nur

Jerusalems, sondern überhaupt - an der Westmauer, der

«Klagemauer».

1931 berief der Mufti einen internationalen Kongress der

Muslime nach Jerusalem ein. Er versicherte sich dafür der

Unterstützung führender Muslime in Indien, Tunesien und

anderswo. Kongresse dieser Art hatten in den zwanziger Jahren

in Mekka und in Kairo stattgefunden. Aber der Jerusalemer war

der bisher größte und fand allerorten Beachtung. Die Idee für

den Kongress war bei der Beerdigung des indischen

panislamischen Führers Muhammad Ali im Januar 1931

aufgekommen. In Gesprächen nach der Bestattung scheinen sich

sein Bruder Schawkat Ali und Hadsch Amin über die

Einberufung des Kongresses einig geworden zu sein.60

Schawkat Ali stand mit Ibn Saud auf Kriegsfuß, der Scherif

Hussein aus dem Hedschass und aus dem Wächteramt von

Mekka und Medina vertrieben hatte. Im Londoner Kolonial- und

Indienministerium kam die Besorgnis auf, dass der Kongress

womöglich beunruhigende Auswirkungen auf Indien haben

könnte. Man erwog sogar, ihn zu verbieten. Am Ende erhielt

Hochkommissar Sir Arthur Wauchope von Hadsch Amin die

Zusicherung, dass der Kongress völlig unpolitisch sein werde.

Aus diesem Grund wurde er dann doch genehmigt.61

Obwohl der Kongress bei einigen arabischen Staaten, vor

allem Ägypten, sowie bei den örtlichen Gegnern des Mufti auf

Opposition stieß, nahmen 130 Delegierte aus zweiundzwanzig

Ländern daran teil. Zu den Teilnehmern gehörte auch

Muhammad Raschid Rida, der ehemalige Lehrer des Mufti und

einer der führenden islamischen Denker in Ägypten. Hadsch

Amins Versprechen zum Trotz erwies es sich als unmöglich, die

Politik aus den Verhandlungen ganz auszuschließen. Mehrere

Reden richteten sich gegen den Zionismus und die angebliche

Gefährdung der muslimischen Heiligen Stätten durch jüdische

-158-

Pläne für einen Wiederaufbau des Tempels.62 Beim Kongress

wurde beschlossen, in Jerusalem eine moslemische Universität

zu errichten - vom Mufti ausdrücklich als Herausforderung für

die Hebräische Universität gedacht.63 Im weiteren Verlauf

wurde zwar eine illustrierte Broschüre über das Projekt

veröffentlicht und Geld gesammelt, u. a. ein Betrag von £ 7543

vom Maharadscha von Haiderabad, aber gebaut wurde die

Universität nie. Wenn der Kongress auch wenig Konkretes

erbrachte, so stieg doch das Prestige des Mufti, und die

Verteidigung Jerusalems und Palästinas wurde zu einem

zentralen panislamischen Anliegen. Von nun an trug Hadsch

Amin drei Titel: Großmufti, Präsident des Obersten Muslimrats

und Präsident des Allgemeinen Islamischen Kongresses - in der

muslimischen Welt nahm er nun zweifelsohne einen Rang von

internationaler Bedeutung ein.

Grund zur Zufriedenheit gab es für den Mufti auch auf lokaler

Ebene, wo Husaynis Feind Ragheb Naschaschibi, der

Bürgermeister von Jerusalem, eine Niederlage erlitt. Der

Konflikt zwischen den beiden Familien und ihren weit

ausgreifenden Klankoalitionen wurde derart verbissen geführt,

dass die Husaynis bei den Gemeindewahlen von 1927 sogar an

die Zionisten mit dem Vorschlag herangetreten waren,

gemeinsame Sache gegen Ragheb zu machen.64 Damals gaben

die Juden Ragheb ihre Stimmen. 1934 aber waren die Juden

seiner Verwaltung überdrüssig, die sie für korrupt und

unwirksam hielten. Diesmal ging eine Reihe jüdischer Stimmen

an Raghebs Gegner im ersten Wahlbezirk, Husayn Fakhri al-

Khalidi. Als Mitglied einer anderen namhaften Jerusalemer

Familie - sie beanspruchte, von Khaled ibn Walid, dem

arabischen Eroberer Palästinas im 7. Jahrhundert, abzustammen

- verfügte Khalidi über eine große eigene Anhängerschaft, hatte

aber auch den Rückhalt der Husaynis. Er gewann den Sitz. Als

nun Ragheb ungeachtet dieses Wahlausgangs am

Bürgermeisteramt festzuhalten versuchte, forderte Moshe

-159-

Schertok von der Jewish Agency (die für den Jischuw als eine

Art Regierung fungierte) von den britischen Behörden die

Einsetzung Khalidis.65 Ragheb erhob Einspruch dagegen, aber

ohne Erfolg, und Khalidi wurde Bürgermeister. Seinen früheren

Einfluss gewann Ragheb nie wieder zurück und nie vergab er

denen, die dafür verantwortlich waren.

-160-

Auf dem Weg zur Teilung

Als sich der arabisch-jüdische Konflikt verstärkte, fing man in

der Politik an, eine Teilung des Landes in Erwägung zu ziehen.

Dieser Gedanke war bezeichnenderweise zuerst im

Zusammenhang mit Jerusalem aufgekommen. 1932 schlug

Chaim Arlosoroff, der Vorsitzende der politischen Abteilung der

Jewish Agency (und damit praktisch der «Außenminister» der

Zionistischen Bewegung), in einem Brief an den ehemaligen

Hochkommissar Sir Herbert Samuel die Teilung Jerusalems in

zwei Bezirke vor, einen arabischen und einen jüdischen, wobei

jeder einen eigenen Bezirksrat haben sollte. Samuel antwortete,

dass er persönlich gegen die Teilung sei, weil zwei städtische

Autoritäten «in unmittelbarer Nähe nahezu eine Einladung zu

Reibungen wären», auch wenn er einräumte, dass dies «das

einzige Mittel zur Vermeidung größerer Übel» sein könnte.66

Im April 1936 brachen in Palästina ein landesweiter

Generalstreik und ein Aufstand der Araber aus. Zwar hatte der

Mufti weder den Anstoß zur Revolte gegeben noch sie

organisiert, aber im Sommer bot er den Aufständischen Geld

und moralische Unterstützung. Den Briten bereitete nicht nur die

Größenordnung des Aufstands Sorgen, sondern auch die

veränderte Situation im unmittelbaren Umfeld. Mit dem

Einmarsch der Italiener in Äthiopien im Jahre 1935 ließ

Mussolini die Absicht erkennen, das Mittelmeer für Italien

vereinnahmen zu wollen. Damit wurde zum erstenmal seit dem

Ende des Ersten Weltkriegs die britische Vorherrschaft im

Nahen Osten durch eine andere europäische Macht erns thaft in

Frage gestellt. Der britische Geheimdienst brachte in Erfahrung,

dass der italienische Konsul in Jerusalem die Aufständischen

finanziell unterstützte.67

Ein Gespräch, das 1934 Mussolini und Weizmann in Rom

-161-

führten, zeigt, dass die Faschisten nicht nur unter den Arabern

Zwietracht säten:

MUSSOLINI: Was meinen Sie zu Jerusalem?

WEIZMANN: Eine Sache ist völlig klar. Wenn Jerusalem

nicht eine jüdische Hauptstadt wird, kann es auf keinen Fall eine

arabische Hauptstadt werden, weil es die christliche Welt gibt.

Jerusalem ist der Zusammenfluss von drei Religionen. Man

sollte sich jedoch bewusst sein, dass die Heiligkeit Jerusalems

für die Muslime eine ziemlich junge Erfindung ist, während

Jerusalem für die Juden die Stadt Davids und für die Christen

das Zentrum ihrer Heiligen Stätten ist.

MUSSOLINI: Sie haben recht. Es muss eine für alle

zufriedenstellende Lösung gefunden werden.

WEIZMANN: In der Jerusalem-Frage bin ich immer sehr

zurückhaltend gewesen. Wir haben heute die Mehrheit in

Jerusalem.

MUSSOLINI: Ist das möglich?

WEIZMANN: Gewiss, und ich habe meinen Freunden immer

geraten, von dieser Tatsache keinen Gebrauch zu machen, eben

weil es dabei um Jerusalem geht.

MUSSOLINI: Sie sind sehr klug.

WEIZMANN: Kann ich, wenn wir zu der praktischen

Durchführung kommen, auf Ihre Unterstützung zählen?

MUSSOLINI: Selbstverständlich.68

Die Gefahr, dass eine außenstehende Macht wie Italien die

wachsenden nationalistischen Gegensätze in Palästina ausnutzen

könnte, machte der britischen Regierung große Sorgen und ließ

sie nach einer neuen Politik Ausschau halten, die zwar weiterhin

an Großbritanniens strategischen Interessen festhalten, diese

aber aus dem arabisch-jüdischen Konflikt entflechten sollte.

-162-

In der Hoffnung, eine solche Politik finden zu können, setzte

die Regierung eine «Königliche Kommission» zur

Untersuchung des Palästina-Problems ein. Ihr Vorsitzender war

Lord Peel, ein Nachfahre des Premiers aus dem 19. Jahrhundert;

stärkste intellektuelle Kraft in der Kommission war Sir Reginald

Coupland, Professor für imperiale Geschichte in Oxford. Ihr im

Juli 1937 veröffentlichter Abschlussbericht empfahl die Teilung

Palästinas in einen arabischen Staat (der mit Trans Jordanien

vereinigt werden sollte) und einen kleineren jüdischen Staat

sowie eine britische Mandatsenklave um Jerusalem (siehe Karte

4). Die vorgeschlagene Enklave war um vieles größer als das

Stadtgebiet von Jerusalem. Auch Bethlehem gehörte zu ihr

sowie ein Korridor, der sich bis zur Küste bei Jaffa erstrecken

sollte - Witzbolde nannten ihn die «Promenade des Anglais» -

sowie die Städte Nazareth, Tiberias, Safed, Akka und Haifa

(unverzichtbar für die Briten wegen seines Hafens).

Araber wie Juden waren geteilter Meinung über den Bericht.

In den Reihen der Araber fand die Naschaschibi-Partei, die in

enger Verbindung zu Emir Abdullah von Transjordanien stand

(einem weiteren Sohn von Scherif Hussein), die Teilung

reizvoll, wurde aber durch die Anhänger des Mufti zum

Schweigen gebracht. Das Hohe Arabische Komitee, das

Hauptorgan der palästinensischen Nationalbewegung, lehnte den

Vorschlag rundweg ab. Es weigerte sich, über irgendeine Form

von Teilung zu sprechen, und setzte den Aufstand mit neuer

Energie fort. Bei den Zionisten fanden scharfe interne Debatten

statt, bevor sie sich schließlich entschieden, den Gedanken der

Teilung im Grundsatz zu akzeptieren, jedoch günstigere

Grenzen als die von der «Königlichen Kommission»

vorgeschlagenen zu verlangen.

In der Tat überraschte die zionistische Reaktion auf die Idee

eines zionistischen Staates ohne Zion nicht wenig. Gegenüber

der Heiligen Stadt hatten die Zionisten immer unterschwellig

eine feindselige Haltung an den Tag gelegt - besonders stark bei

-163-

der dominanten, säkularisierenden sozialistisch-zionistischen

Bewegung. Sie sahen in Jerusalem die Festung des «alten

Jischuw» - das Symbol für Konservativismus, Unproduktivität

und Anti-Zionismus. Bis zur Gründung des Staates Israel war

Tel Aviv die wirkliche Hauptstadt des Zionismus - und, nur

nicht dem Namen nach, auch noch eine ganze Weile danach.69

In den dreißiger Jahren baute die Jewish Agency ein

eindrucksvolles Hauptquartier an der King George V Avenue in

Westjerusalem, das als Sitz der zionistischen Quasi-Regierung

vorgesehen war. Aber die meisten politischen Parteien hatten

ihren Sitz in Tel Aviv, und in dieser dynamischen Küstenstadt

standen auch die Wohnhäuser nahezu aller führenden Politiker

der zionistischen Bewegung. Ende der dreißiger Jahre war Tel

Avivs jüdische Bevölkerung doppelt so groß wie die der

Hauptstadt: 177000 Einwohner gegenüber 82000.70 Das jüdische

Gravitationszentrum in Palästina hatte sich eindeutig nach Tel

Aviv verlagert.

Die zionistische Führung sah ein, dass angesichts der

internationalen religiösen Interessen von Christen und Muslimen

an der Altstadt keinerlei Hoffnung bestand, Jerusalem einem

jüdischen Staat zuzusprechen. Deshalb rang man sich zu der

Schlussfolgerung durch, dass es nur einen einzigen Weg gebe, in

Jerusalem festen Fuß zu fassen, nämlich darauf zu drängen, dass

die Stadt, wie das Land als Ganzes, aufgeteilt werde. Moshe

Schertok, der Leiter der Politischen Abteilung der Jewish

Agency, schrieb im Dezember 1937 einem Kollegen: «Die

einzige Möglichkeit, aus dem Wirrwarr der Forderungen der

verschiedenen Religionen herauszukommen, besteht darin, die

ganze Altstadt als einheitliches Ganzes einer Jurisdiktion mit

internationaler Autorität zu unterstellen.»71 Die zum Teil

freiwillige Trennung von Arabern und Juden, die als Folge des

Aufstands und des arabischen Boykotts jüdischer Geschäfte

verstärkt stattgefunden hatte, trug dazu bei, den

Teilungsgedanken für die Zionisten annehmbarer erscheinen zu

-164-

lassen.

Viele Juden zogen aus den arabischen oder gemischten

Gebieten fort, ein Vorgang, der, wie der Historiker Yehoshua

Porath bemerkt hat, «bestens zum Bestreben der zionistischen

Bewegung passte, eine in sich geschlossene jüdische nationale

Gemeinschaft in Palästina aufzubauen».72

Ein von der Zionistischen Exekutive geschaffener Jerusalem-

Ausschuss bereitete einen detaillierten Plan für die Aufteilung

Jerusalems vor. Er sah vor, die von Juden bewohnten westlichen

und nördlichen Bezirke der Neustadt zusammen mit den

Skopusberg dem jüdischen Staat einzuverleiben. Die gesamte

Altstadt unter Einbeziehung des jüdischen Viertels sowie auch

andere Areale, an denen Juden aus Gründen der Tradit ion

besonders interessiert waren - wie etwa der Friedhof auf dem

Ölberg -, sollten dem Plan zufolge zu dem Restgebiet unter

Mandatsverwaltung gehören (siehe Karte 5). Damit wären

mehrere Tausend Juden, vor allem in der Altstadt, außerhalb des

Gebiets des geplanten jüdischen Staates geblieben; jedoch

wurde vorgeschlagen, diesen dennoch zu gestatten, Bürger des

jüdischen Staates zu werden.73

Weder der Plan der Peel-Kommission noch der

Gegenvorschlag der Zionisten wurde verwirklicht. Stattdessen

berief die britische Regierung eine weitere Kommission, die

unter Vorsitz von Sir John Woodhead einen neuen Teilungsplan

erarbeiten sollte. Der im November 1938 veröffentlichte Bericht

der Woodhead-Kommission verwarf den Gedanken einer

Aufteilung Jerusalems. Der ganze Teilungsgedanke wurde

überhaupt mit dem Argument abgelehnt, ein so kleines Land wie

Palästina aufzuteilen sei nicht praktikabel. Da man sich aber

dem erteilten Auftrag verpflichtet fühlte, wurden

unterschiedliche Aufteilungsszenarien erörtert, darunter auch

der Vorschlag, Jerusalem zu einer Enklave zu machen.

-165-

Karte 4: Der Teilungsplan der Royal Commission für Palästina (1937)

-166-

Der im Herbst 1938 vorgelegte Kommissionsbericht vertrat

die Auffassung, falls ein solcher Stadtstaat geschaffen werde,

solle er so erweitert werden, dass auch der Sender «Palestine

Broadcasting Service» nördlich von Jerusalem sowie ein

breiterer Korridor hinunter zum Meer zu seinem Territorium

gehörten. Nach diesem Vorschlag wären die Juden mit etwa

80000 Menschen bei einer Gesamtbevölkerung von 211000

Einwohnern in der Enklave in der Minderheit gewesen.

In ihrer Ablehnung der von den Juden geforderten Teilung der

Stadt verwies die Woodhead-Kommission auf eine Reihe von

Schwierigkeiten, die auch in Reaktionen auf spätere

Überlegungen zur Verwaltung Jerusalems bis zum heutigen Tag

immer wieder genannt wurden. Eine davon war das Problem der

Sicherheit:

Karte 5: Der Teilungsplan der Jewish Agency für Jerusalem (1937)

-167-

Nach unserem Eindruck wäre das Hauptproblem die

Verhinderung von Verstößen gegen den Frieden entlang der

Grenze zwischen einer Bevölkerung, die auf der einen Seite fast

nur aus Juden und auf der anderen weitgehend aus Arabern

bestünde... Wir sind der Meinung, dass es durch den Bau einer

Straße entlang dem Grenzverlauf mit einer Barriere in der Mitte

gelöst werden müsste.74

Der Vorschlag der Zionisten hatte diesen Einwand

vorhergesehen und Beispiele von Städten wie etwa Schanghai

angeführt, die in unterschiedliche Zuständigkeiten aufgeteilt

waren, aber keine Verwaltungsbarrieren zwischen diesen

aufwiesen. Nun war das Beispiel von Schanghai allerdings

unglücklich gewählt: Die Stadt war in den dreißiger Jahren

berüchtigt wegen ihrer Rechtlosigkeit und der Leichtigkeit, mit

der Kriminelle und politische Terroristen der Festnahme

entgehen konnten, indem sie problemlos über die Grenzen ihrer

drei unterschiedlichen Verwaltungsbezirke - des chinesischen,

des internationalen und des französischen Bezirks - gingen.75

Überdies argumentierte die Kommission, es würde dann zu

Problemen mit der Steuerung des Zustroms von

Gelegenheitsarbeitern, bei der Organisation des Zolls und bei

der Regelung der städtischen Wasserversorgung kommen.

Zwar erkannte die Kommission an, dass all diese

Schwierigkeiten bei gutem Willen überwunden werden könnten,

meinte aber, dass es übergeordnete politische und religiöse

Einwände gegen die Teilung der Stadt gebe. Muslime würden

sich ihr vehement widersetzen, weil «trotz allen Abstreitens

seitens der Juden die Araber weiterhin glauben, dass die Juden

etwas gegen die Altstadt im Schild führen». Auch «die

christliche Meinung in der ganzen Welt wäre über einen

Vorschlag, Teile des Stadtgebiets der Kontrolle der jüdischen

Gemeinde zu überantworten, zutiefst bekümmert, wenn sie

merkte, dass ein solcher Schritt Unmut und Unruhe provozieren

-168-

würde».76 Am Ende landeten die Berichte beider Kommissionen

in der Ablage. Die Regierung hatte erkannt, dass es in Europa

wahrscheinlich zum Krieg kommen werde, hatte all ihre

Begeisterung für eine Teilung verloren und entschied sich

stattdessen einstweilen für die Beibehaltung eines

Einheitsstaates Palästina.

Den Briten war es inzwischen gelungen, den arabischen

Aufstand niederzuschlagen, wenn auch unter erheblichen

Kosten. Im Juli 1937 erging die Anweisung, den Mufti

festzunehmen. Dieser suchte Zuflucht auf dem Haram al-

Scharif, den die Briten aus Rücksicht gegenüber dem

muslimischen Glauben nicht zu betreten wagten. Ein

Korrespondent des Daily Telegraph, der den verfolgten

Gottesmann interviewte, berichtete, «seine einzige Ablenkung

sei, sich innerhalb der Mauern des Areals zu ergehen oder von

seinen Privaträumen über der Klagemauer aus die Welt zu

beobachten».77 Alle zu dem Heiligtum hinführenden Tore

wurden von britischen Truppen bewacht. Nach der Ermordung

eines ihrer hohen Beamten löste im Oktober 1937 die Regierung

das Hohe Arabische Komitee auf. Mehrere seiner Mitglieder

wurden festgenommen und einige von ihnen auf die Seychellen

deportiert. Dem Mufti jedoch gelang, als Beduine (nach anderen

Berichten als Frau) verkleidet, die Flucht; er schlug sich in den

Libanon durch, von wo aus er weiterhin den Widerstand gegen

die Briten schürte. Bevor er Jerusalem verließ, hatte er auf der

Suche nach Rückhalt für den arabischen Widerstand gegen den

Zionismus Kontakt zum deutschen Generalkonsul

aufgenommen.78 Es war der Beginn einer wunderbaren

Freundschaft.

Im Oktober 1938 erreichte der Aufstand der Araber seinen

Höhepunkt, als Rebellen die Altstadt Jerusalems besetzten.

Aufgrund des Münchner Viermächteabkommens vom 29. und

30. September 1938 waren die Briten jedoch in der Lage,

Truppen aus dem europäischen Raum zu verlegen. So wurde

-169-

Verstärkung aus England geholt, und die Armee ging zu einem

entschlossenen Gegenangriff über. Der Kommandant des

Bezirks Jerusalem, Generalmajor Richard O'Connor, befahl für

den 19. Oktober die Rückeroberung der Altstadt. Bei ihrem

Angriff benutzten die Briten einheimische Araber als

menschliche Schutzschilde.79 Die Rebellen kapitulierten.

Obwohl es auch weiterhin sporadisch zu Gewaltakten kam, war

dies das Ende des Aufstands als militärische Bedrohung.

Dr. Husayn Fakhri al-Khalidi, der 1934 mit Hilfe jüdischer Stimmen

zum Bürgermeister von Jerusalem gewählt wurde. Das Foto stammt

aus dem Jahr 1936.

Mit der Niederschlagung des Aufstands entmachteten die

Briten die arabische Führung in Jerusalem. Der Mufti blieb bis

nach dem Ende der Mandatszeit im Exil. Während des Krieges

floh er in den Irak, wo er sich 1941 an einem zum Scheitern

-170-

verurteilten antibritischen Coup beteiligte. Als dieser misslang,

siedelte er nach Berlin über, von wo aus er für die Nazis

Radiosendungen machte. Der Bürgermeister von Jerusalem,

Husayn al-Khalidi, wurde «wegen seiner moralischen

Verantwortung als Mitglied des Hohen Arabischen Komitees...

für die Mord- und Terrorkampagne in Palästina» auf die

Seychellen deportiert.80 Ragheb Naschaschibi, der frühere

Bürgermeister, der eine entgegenkommendere Haltung

gegenüber den Briten einnahm, wurde von Anhängern des Mufti

bedroht und verbrachte darum die folgenden Jahre größtenteils

in Kairo.

In Khalidis Abwesenheit übernahm sein jüdischer

Stellvertreter Daniel Auster das Amt des Bürgermeisters. Die

Beziehungen zwischen den arabischen und den jüdischen

Stadträten verschlechterten sich, und die Regierung erwog,

einen britischen Beamten als amtierenden Bürgermeister

einzusetzen, weil man von Wahlen weitere gewalttätige

Auseinandersetzungen befürchtete.81 Auf Empfehlung eines

Untersuchungsausschusses wurde dann Mustafa Bey Khalidi,

ein ehemaliger Richter, zum Bürgermeister ernannt. Die Juden

protestierten dagegen mit der Begründung, dass sie eine

Mehrheit innerhalb der städtischen Bevölkerung bildeten; da

aber die Streitkräfte der Achsenmächte immer näher an

Palästina heranrückten, berichtete der Hochkommissar Sir

Harold MacMichael, dass die Juden «das politische Lavieren in

dieser Frage in ihrer generellen Alarmiertheit hatten untergehen

lassen».82

-171-

«Ein besserer Kampfplatz»

In politischer Hinsicht wurde die Jerusalem-Frage wie die von

ganz Palästina bis in die zweite Kriegshälfte aufgeschoben. Im

September 1943 schlug MacMichael ein weiteres

Teilungsschema für Palästina vor, demzufolge außer einem

arabischen und einem jüdischen Staat «ein Staat Jerusalem»

geschaffen und von Großbritannien regiert werden sollte.83 Die

Grenzen dieses Staatswesens wurden zwischen London und

Jerusalem diskutiert und schließlich so erweitert, dass sie nicht

allein die Stadt Jerusalem, sondern auch Bethlehem, Ramallah,

Lydda, Ramleh und die Jarkon-Quellen einschlossen. Dadurch

wollte man sicherstellen, dass kein arabischer Korridor den

jüdischen Staat und den Staat Jerusalem trennen würde.

In einer Denkschrift vom Februar 1944, in der er die Gründe

für sein Teilungsvorhaben darlegte, zitierte MacMichael den

griechischen Lyriker Pindar: «Tut es doch not, an den Beginn

des Werkes eine weithin leuchtende Stirn zu setzen.»84 In

diesem Sinne vertrat er die Auffassung, dass «der Schaffung

eines neuen Staates [von Jerusalem], der für immer die Heilige

Stadt schützen, ihre Vereinigungen bewahren und den

Anhängern aller Glaubensrichtungen, denen sie heilig ist, freien

Zugang garantieren soll, ein Ehrenplatz in einem ansonsten rein

auf Zweckmäßigkeit abgestellten Projekt eingeräumt werden

sollte». Der Staat werde ungefähr 300000 Einwohner haben, von

denen etwa 90000 Juden wären. Die Regierungsform dieses

Staates, schrieb MacMichael, müsse «sich deutlich von der einer

Kronkolonie unterscheiden und über sie hinausgehen. Auf der

anderen Seite muss sie die Merkmale der Demokratie und eine

Repräsentativverfassung haben». Die Verfassung müsse

«zwangsläufig eine Form von Dyarchie aufweisen». Deshalb

werde es zwar eine gesetzgebende Körperschaft geben, in der

-172-

sechsundzwanzig der achtundzwanzig Mitglieder gewählt

würden, aber der Hochkommissar würde «die Verantwortung

für die Verwaltung bestimmter Sachbereiche einschließlich der

Heiligen Stätten... für Verteidigung und auswärtige Beziehungen

des Staates, den Erwerb der Staatsbürgerschaft und die

Kontrolle der Gesetzgebung» behalten. MacMichael erwartete,

dass elf von den sechsundzwanzig Mitgliedern der Legislative

Muslime, acht Juden und sieben Christen sein würden - «mit der

Folge, dass keine Gemeinde eine absolute Mehrheit in der

Legislative haben wird». Den Gedanken, dass Einwohner des

Staates Jerusalem Bürger des benachbarten arabischen oder

jüdischen Staates sein könnten, lehnte er ab. Dies würde jenen

Staaten «fast unbegrenzte Möglichkeiten der Einmischung unter

dem Vorwand des Schutzes ihrer Staatsangehörigen»

verschaffen; «Jerusalem wäre nichts anderes als ein besserer

Kampfplatz».85

MacMichaels Plan fand die Zustimmung des

Kolonialministeriums, obwohl dortige Beamte «gewisse

Schwierigkeiten» mit seinen Verfassungsplänen hatten. Man

verwies darauf, dass «das dyarchische Prinzip» in den indischen

Provinzen sowie in Malta ausprobiert worden sei und sich als

Fehlschlag erwiesen habe.86 Im April 1944 begab sich

MacMichael nach Kairo, um mit dem dortigen britischen

Ministerresidenten und hohen britischen, für den Nahen Osten

zuständigen Beamten zu sprechen. Einige der

Beratungsteilnehmer bezweifelten, dass die Schaffung eines

Staates Jerusalem als ein rein britisches Unterfangen praktikabel

wäre. Die Befürchtung wurde laut, dass «wahrscheinlich

besonders Frankreich und Russland ihre Ansprüche als

Schutzmächte der katholischen bzw. orthodoxen Kirche erheben

würden».87

Unterdessen war in London ein Kabinettsausschuss gebildet

worden, der das gesamte Palästinaproblem einer Überprüfung

unterziehen sollte. Er befasste sich mit verschiedenen

-173-

Einwänden und Ergänzungen zu MacMichaels Vorschlägen,

darunter auch mit der Auffassung des Premierministers, dass

«der Jerusalem-Staat vielleicht unnötig groß» sei.88 Das

Außenministerium war nachdrücklich gegen das ganze

Teilungskonzept, und Außenminister Anthony Eden brachte ein

eindrucksvolles Kabinettsmemorandum in Umlauf, das die

Meinung, eine solche Lösung werde wenigstens für

«Endgültigkeit» sorgen, als «schiere Illusion» bezeichnete.89

Hinsichtlich des vorgesehenen Jerusalem-Staates bezweifelte

das Außenministerium, dass die Legislative «in der Praxis

befriedigend funktionieren» würde:

Es ist anzunehmen, dass die Beziehungen zwischen dem

arabischen und dem jüdischen Bevölkerungsteil den Zustand der

zwischen Südsyrien und dem jüdischen Staat herrschenden

Beziehungen widerspiegeln werden. Wenn die arabischjüdischen

Beziehungen schlecht sind und es zu

Gewaltausbrüchen kommt, ist es unwahrscheinlich, dass Araber

und Juden innerhalb des Jerusalem-Staates miteinander

kooperieren werden. Es könnte zu Unruhe und Durcheinander

kommen. Jerusalem könnte durchaus zu einem der

Hauptschlachtfelder zwischen widerstreitenden Kräften werden.

Kurzum, es ist unwahrscheinlich, dass der Jerusalem-Staat als

dauerhaftes Mitglied der Völkergemeinschaft sich als

Kreditposten in der Bilanz seiner Gründer herausstellen wird.90

Dennoch stimmte der Kabinettsausschuss im Oktober 1944

der Teilung zu. Der Jerusalem-Staat solle «autonom» sein, aber

«unter dem Schutz von Großbritannien oder der Vereinten

Nationen» stehen. Ein weiterer Vorschlag lautete, dass der Staat

offene Grenzen haben solle, dass aber «weder Arabern noch

Juden erlaubt werden sollte, sich ohne vorherige Zustimmung

auf Dauer dort niederzulassen».91 Churchill, der sich in den

dreißiger Jahren gegen die Teilung ausgesprochen hatte, konnte

-174-

nun dieser Idee mehr abgewinnen. Aber das Außenministerium

war weiterhin dagegen, und nachdem jüdische Terroristen im

November 1944 den britischen Gesandten Lord Moyne ermordet

hatten, wurde das Projekt ad acta gelegt.

Während die auf lange Frist angelegte britische

Palästinapolitik gegen Ende 1944 ins Stocken geriet,

formulierten die Zionisten ihre eigenen Zukunftspläne. Ein

Ausschuss wurde eingesetzt, der die Ansiedlung in Palästina

planen sollte, und dieser setzte wiederum einen Unterausschuss

ein, zu dessen Pflichten laut David Ben Gurion, dem damaligen

Vorsitzenden der Exekutive der Jewish Agency in Palästina,

«die Vorbereitung eines Plans zur Förderung der jüdischen

Ansiedlung in Jerusalem und seiner Umgebung» gehörte und die

«Sicherstellung, dass die Hauptstadt unseres Landes eine

jüdische Mehrheit haben wird».92 Dieser Unterausschuss trat

jedoch nur zweimal zusammen, legte keinerlei Empfehlungen

vor und hatte keine erkennbaren Auswirkungen auf die

politische Planung der Zionisten - ein Zeichen dafür, dass

Jerusalem für die Zionisten immer noch einen niedrigen

Stellenwert einnahm.

Infolge einer Krise in der Verwaltung der Stadt, die nach dem

plötzlichen Tod des Bürgermeisters Mustafa Bey al-Khalidi

ausbrach, wurde das Problem im August 1944 erneut auf die

politische Tagesordnung gesetzt. Wie 1937 übernahm auch jetzt

dessen jüdischer Stellvertreter Daniel Auster vorübergehend die

Funktion des amtierenden Bürgermeisters. Die arabischen

Stadträte drohten jedoch, die Arbeit der Stadtverwaltung zu

boykottieren, falls nicht sofort ein arabischer Bürgermeister

ernannt werde. Mitglieder der Familie Khalidi sprachen beim

Hochkommissar vor und baten ihn, ihren Schmerz über den

Verlust ihres verstorbenen Verwandten durch die Berufung

eines Nachfolgers aus ihren Reihen zu lindern.93 Hebräische

Zeitungen konterten mit Forderungen nach einem jüdischen

Bürgermeister oder, falls es dazu nicht käme, nach der Rotation

-175-

von muslimischen, christlichen und jüdischen Bürgermeistern.

Sie wiesen auch darauf hin, dass die Juden inzwischen

schätzungsweise 61 Prozent der städtischen Bevölkerung

ausmachten. Manche schlugen eine dritte Lösung vor: Die Stadt

solle in getrennte, unabhängig voneinander verwaltete jüdische

und arabische Sektionen aufgeteilt werden.94 Der Boykott der

arabischen Stadträte trat am 21. März 1945 in Kraft. Um den

toten Punkt der Verhandlungen zu überwinden, schlug

Hochkommissar Viscount Gort ein jährlich unter Muslimen,

Juden und Christen rotierendes Bürgermeisteramt vor (wobei

letztere nicht zwingend Palästinenser sein müssten). Die Juden

stimmten diesem Vorschlag im Prinzip zu, hatten aber Einwände

hinsichtlich der Dauer der Amtszeit und verlangten, dass der

erste Amtsträger unter der neuen Regelung ein Jude sein müsse.

Die größte (von Husayni angeführte) Partei der Araber rief als

Protest gegen den Plan zu einem Generalstreik auf.95

Am 20. April 1945 berichtete Gort, dass «arabische Stadträte

mit einigen politischen Verbündeten»... «extrem vorläufige

Vorschläge» verlautbart hätten, wonach «die Altstadt und

bestimmte, vorwiegend arabische Gebiete von der modernen

Stadt Jerusalem abgetrennt werden könnten». «Auch die Juden»,

schrieb er nach London, «scheinen daran interessiert zu sein.»96

Der Weg für die Vereinbarung einer Teilung der Stadt schien

damit frei zu sein.

Am Ende des Krieges in Europa und im Nahen Osten im Mai

1945 war die Jerusalemer Stadtverwaltung durch den Dauerstreit

zwischen arabischen und jüdischen Stadträten praktisch außer

Funktion gesetzt. Deshalb gab die Regierung am 11. Juli

bekannt, dass die Verwaltung der Stadt «wegen des Scheiterns

des Jerusalemer Stadtrats, politische Reife zu demonstrieren und

eigene Schwierigkeiten beizulegen», zeitweilig einer

Kommission von fünf britischen Beamten übergeben werde.

Zugleich wurde der Oberrichter für Palästina, Sir William

Fitzgerald, ersucht, die Frage der künftigen Stadtverwaltung für

-176-

Jerusalem zu untersuchen.97 Die von manchen als beleidigend

empfundene Sprache, in der das Regierungskommunique

abgefasst war, führte zu Beschwerden, und die Juden weigerten

sich, an Fitzgeralds Untersuchung teilzunehmen.

Oberrichter Fitzgerald, ein genialer Ire, legte seine

Empfehlungen im August 1945 vor. Er gab zu, dass die

bestehende städtische Verwaltung, «die auf dem fundamentalen

Grundsatz der Demokratie basiert, demzufolge die Meinung der

Mehrheit ausschlaggebend sein soll», gescheitert war:

Die Araber sind nicht in der Lage, der Stadt Jerusalem das

Prinzip zuzugestehen, das seit Beginn der britischen Verwaltung

Gestalt angenommen hat. Angesichts der Geschichte bin ich

gezwungen zuzugeben, dass dieser Standpunkt nicht jeder

Grundlage entbehrt, wenn auch nicht in dem Maße, wie er von

den Arabern vertreten wurde. Politisch verantwortliche Juden

haben denn auch wiederholt betont, dass ihnen völlig klar ist,

dass die einmalige Stellung der Stadt Jerusalem eine besonders

ausgeklügelte Verwaltungsform erfordert.

Die Muslime forderten weiterhin das Bürgermeisteramt aus

Gründen der Tradition, die Juden aufgrund ihrer Mehrheit. Die

neusten Zahlen, die Fitzgerald zur Verfügung standen, ergaben,

dass sich die Bevölkerung aus 92000 Juden, 32000 Muslimen

und 27000 anderen Einwohnern zusammensetzte.

Fitzgeralds Empfehlungen für Jerusalem hatten eine gewisse

Ähnlichkeit mit denen Lord Peels für ganz Palästina. 1937 hatte

die britische Untersuchungskommission angeführt, dass,

nachdem in Palästina ein offener Konflikt ausgebrochen sei, die

üblichen demokratischen Mehrheitslösungen nicht funktionieren

würden; «die einzige Hoffnung auf Heilung liege in der

‹chirurgischen› Operation».98 Peels Empfehlung war die Teilung

Palästinas, Fitzgeralds die Teilung Jerusalems. Der Unterschied

-177-

bestand natürlich darin, dass es Fitzgerald mit einer jüdischen

statt mit einer arabischen Mehrheit zu tun hatte:

Ich bin zu der bedauerlichen, aber unabweisbaren

Schlussfolgerung genötigt, dass keine Möglichkeit für eine

Zusammenarbeit zwischen Arabern und Juden besteht, um dem

Erlass über die Stadtverwaltung von 1934 in Jerusalem Geltung

zu verschaffen. Ohne diese Zusammenarbeit muss die städtische

Verwaltung unter dem derzeitigen Erlass zusammenbrechen...

Wie es sich trifft, bietet sich das gegenwärtige Stadtgebiet von

Jerusalem in geographischer Hinsicht dazu an, in zwei

Stadtbezirke mit klar festgelegten Grenzen aufgeteilt zu werden,

jeder mit einer anderen Lebensauffassung, mit anderen

Bestrebungen und Interessen. Ich sehe keinen Grund, vor der

Realität der Situation zurückzuschrecken, die ich in der Tat als

günstig betrachte: ein Stadtbezirk wird vorwiegend jüdisch sein

und der andere vorwiegend arabisch.

Als eine Art Dachorganisation über den beiden Stadtbezirken

schlug Fitzgerald einen Verwaltungsrat ähnlich dem London

County Council vor. Die beiden Stadtbezirke würden

weitestgehend den bestehenden Siedlungsmustern entsprechen

(siehe Karte 6). Aber Fitzgeralds Plan fand nicht genügend

Befürworter, um die Regierung zu seiner Umsetzung zu

veranlassen.

So blieb es bis zum Ende der Mandatsregierung bei der

Stadtverwaltung von Jerusalem unter Führung einer nicht

gewählten Kommission. Im Dezember 1945 wurde George

Webster, der ehemalige «Postmaster-General» von Palästina, zu

ihrem Vorsitzenden ernannt. Sechs weitere Beamte gehörten ihr

an, vier Briten und zwei Palästinenser. Ein Jahr darauf trat

Webster zurück und wurde durch einen John Hilton ersetzt, auf

den schließlich im Juni 1947 ein gewisser Richard Graves

-178-

folgte.

Inzwischen geriet ganz Palästina in einen Bürgerkrieg. Die im

Juli 1945 in Großbritannien gewählte Labour-Regierung

beschloss, den aus Kriegszeiten stammenden vorläufigen

Teilungsplan nicht weiter zu verfolgen. Stattdessen bemühte sie

sich darum, die Amerikaner in eine geteilte Verantwortung

hineinzuziehen, weshalb sie Trumans Regierung dazu

überredete, einen gemeinsamen britisch-amerikanischen

Untersuchungsausschuss zu den Problemen Palästinas und der

jüdischen Überlebenden der Vernichtungslager in Europa

einzuberufen. Der Ausschuss sprach sich gegen eine Teilung

aus. Seine wichtigste Empfehlung war die einer sofortigen

Einreiseerlaubnis für 100000 jüdische Flüchtlinge aus Europa

nach Palästina. Die britische Regierung machte diese Zulassung

jedoch von der Entwaffnung und Auflösung jüdischer

paramilitärischer Organisationen abhängig, die in den letzten

Jahren einen Zuwachs an Mitgliedern und Waffen zu

verzeichnen hatten. Die Zionisten lehnten aber ab, es in

Erwägung zu ziehen.

Als sich der politische Streit hinzog, ohne dass eine Lösung

näherrückte, griffen die Zionisten auf die direkte Aktion zurück.

Der breite Zustrom jüdischer Einwanderer aus Europa, weit über

die von der Regierung gesetzten Grenzen hinaus, wuchs sich zu

einem Wettstreit um die größere Entschlossenheit und zu einer

Propagandaschlacht zwischen Briten und Zionisten aus. In

Jerusalem stieg die Zahl terroristischer Akte an. Am 22. Juli

1946 wurde das King-David-Hotel, das zeitweilig die Regierung

Palästinas sowie das Hauptquartier der britischen Armee

beherbergte, von Angehörigen der radikalen zionistischen

Untergrundorganisation Irgun Zwai Leumi in die Luft

gesprengt, wobei einundneunzig Menschen ums Leben kamen.

Daraufhin zog sich die Regierung sowohl physisch als auch

geistig in eine Festung zurück und riegelte zentral gelegene

Teile der Stadt ab, in denen Regierungsgebäude lagen, sowie das

-179-

sogenannte russische Gelände, auf dem das Polizeipräsidium,

Gerichte und das Zentralgefängnis ihren Sitz hatten. Eine innere

Sicherheitszone wurde mit Stacheldraht eingefasst; die Juden

hatten dafür den Spitznamen «Bevingrad», eine Anspielung auf

den verhassten britischen Außenminister Ernest Bevin.

Am 1.August 1946 verständigte sich die Exekutive der Jewish

Agency, die (aus Angst, in Palästina verhaftet zu werden) in

Paris tagte, erneut auf den Grundsatz der Aufteilung Palästinas

in einen jüdischen und einen arabischen Staat. Hinsichtlich

Jerusalems blieb der Vorschlag vage und spiegelte das Zögern

der zionistischen Führung in dieser Frage wider. Sie schwor

zwar nicht jeglichem Recht auf die Stadt ab, aber sie

beanspruchte auch keines für sich.

Die palästinensisch-arabische Führung blieb gespalten und

orientierungslos. Noch immer war der Mufti der einflussreichste

Mann, aber seine Wirksamkeit war eingeschränkt, weil er

weiterhin im Exil leben musste - zuerst in Frankreich, dann, ab

Juni 1946, in Ägypten und schließlich seit Oktober 1947 im

Libanon. Im neu gebildeten Hohen Arabischen Komitee saßen

wieder Repräsentanten aller wichtigen Parteien. Dieses

Gremium fand die Unterstützung der seit 1944 bestehenden

Arabischen Liga, war aber nicht imstande, eine klare Politik

einzuschlagen. Anders als den Zionisten gelang es den

palästinensischen Arabern nicht, disziplinierte militärische

Verbände aufzustellen, auszubilden und auszurüsten.

Während ständig weitere Pläne für die Zukunft des Landes

vorgelegt oder verworfen wurden, stand auch Jerusalem im

Mittelpunkt manch ingeniöser Verfassungsbastelei. Dem Plan

einer «Provinz-Autonomie» zufolge, der im Juli 1946 vom

britischen Minister Herbert Morrison und vom ehemaligen

amerikanischen «Assistant Secretary of State »Henry F. Grady

vorgelegt wurde, sollte das Mandat in eine Treuhandverwaltung

der Vereinten Nationen überführt und das Land in autonome

Provinzen aufgeteilt werden; das Gebiet um Jerusalem

-180-

einschließlich Bethlehem sowie die Negev-Wüste im Süden

Palästinas sollten direkt einem britischen Hochkommissar

unterstellt werden. Präsident Truman, der innenpolitisch unter

Druck stand, lehnte den Plan ab (obwohl die Bestimmungen

hinsichtlich Jerusalems in Washington Gefallen fanden); nach

ein paar Wochen war davon nicht mehr die Rede. Im September

trat eine Palästina-Konferenz in London zusammen, brachte

aber auch nichts zuwege.

Karte 6 Sir William Fitzgeralds Vorschlag für Jerusalem (1945)

Was die zionistische Diplomatie anbetraf, hatte Jerusalem

auch in dieser Zeit noch keine hohe Priorität. Auch im nächsten

-181-

Jahr kam die Exekutive der Jewish Agency in dieser Frage zu

keiner eindeutigen Auffassung. Vor allem wollte sie mit der

vergeblichen Forderung nach Souveränität für Westjerusalem

nicht das Risiko eingehen, die internationale Unterstützung für

die Schaffung eines jüdischen Staats zu verlieren. Ihre

diplomatische Strategie basierte auf der resignierten Hinnahme

einer wahrscheinlichen Internationalisierung der Stadt. Dies

einkalkulierend, richtete sie ihre ganze Aufmerksamkeit auf die

vorgesehenen Grenzen für eine solche internationale Zone, um

zwei Ziele zu erreichen: eine jüdische Mehrheit in dem

betreffenden Areal sowie eine territoriale Verbindung mit dem

jüdischen Staat, notfalls in der Form eines Korridors.100 Warum

waren die Zionisten bereit, Jerusalem zu opfern? David Ben

Gurion fasste den Sachverhalt mit ungeschminkter Einfachheit

in dem Satz zusammen, es sei «der für die Staatlichkeit zu

zahlende Preis».101

Während des jüdischen Aufstands war die Zahl der zivilen

und militärischen Opfer wesentlich niedriger gewesen als in der

arabischen Revolte ein Jahrzehnt zuvor: Zwischen 1936 und

1939 verloren 4000 Menschen das Leben; der jüdische Aufstand

bis zum April 1947 forderte nur 270 Todesopfer.102 Und doch

hatten die Briten größere Mühe, mit der Rebellion der Zionisten

fertig zu werden. Zum Teil lag dies daran, dass die Briten in

dieser Zeit militärisch viel schwächer und sogar noch mehr

überfordert waren als in den dreißiger Jahren, zum Teil auch

daran, dass die zionistischen Paramilitärs besser organisiert und

koordiniert waren und oft gegen militärische oder behördliche

Schwachstellen wesentlich wirkungsvoller losschlugen.

Am 14. Februar 1947 reichte es den Briten. Außenminister

Bevin brachte die Londoner Palästinakonferenz zum Abschluss

und bekannte, dass die britische Regierung «erstmals in der

britischen Geschichte zugeben müsse, an der Lösung eines

Problems dieser Art gescheitert zu sein».103 An diesem Tag

fasste das Kabinett den Beschluss, das Problem an die Vereinten

-182-

Nationen weiterzureichen. Als übriggebliebener Legatar des

Völkerbundsmandats über Palästina wurde die Weltorganisation

dazu aufgefordert, das Problem zu lösen.

Am 28. April 1947 begann eine Sondersitzungsperiode der

Generalversammlung der Vereinten Nationen, die das Palästina-

Problem zum Thema hatte. Man beschloss, eine weitere

Untersuchungskommission, das UN Special Committee on

Palestine (UNSCOP), zu entsenden, um Vorschläge für die

Zukunft des Landes in Erfahrung zu bringen. Unter Führung des

schwedischen Richters Emil Sandström kamen die elf

Mitglieder der UNSCOP allesamt aus Ländern, die man in

dieser Frage als neutral einstufte. Im Verlauf ihrer Palästinareise

verbrachte die Kommission zwei Arbeitstage, den 18. und den

27. Juni, in Jerusalem; sie besuchte in dieser Zeit den Haram al-

Scharif, vier Synagogen, die Grabeskirche, das Büro des

Obersten Muslimrats, die Hebräische Universität und das

Hadassa-Krankenhaus. Zu den Dokumenten, die ihr vorlagen,

gehörte Sir William Fitzgeralds Bericht über die

Stadtverwaltung von Jerusalem und eine drei Seiten lange

«Notiz über die Stellung Jerusalems in Leben und Tradition der

Juden», welche die Jewish Agenc y der Kommission vorgelegt

hatte. Das Hohe Arabische Komitee weigerte sich, mit der

UNSCOP zusammenzuarbeiten, aber die wichtigen arabischen

Staaten (mit Ausnahme von Transjordanien) standen zur

Verfügung. Mehrere christliche Gruppierungen trugen

Erklärungen vor, und der französische Generalkonsul übergab

eine Denkschrift über französische religiöse und

Bildungseinrichtungen im Heiligen Land.

Die der Kommission vorgelegten Vorschläge boten wenig

Aussicht auf Gemeinsamkeiten. Die Araber verlangten nahezu

einstimmig die Schaffung eines einheitlichen arabischen Staates

Palästina mit Jerusalem als Hauptstadt. Die Christen drangen im

allgemeinen auf eine Internationalisierung Jerusalems - obwohl

der Vatikan in diesem Stadium sich weder öffentlich noch privat

-183-

für diese Lösung aussprach.104 Der franziskanische Kustos des

Heiligen Landes unterließ es nachdrücklich, der Idee seinen

Segen zu geben, und schien vielmehr ein Wiederaufleben der

historischen Rechte Frankreichs als Schutzmacht der Katholiken

zu favorisieren. Die zionistische Position in bezug auf Jerusalem

wurde nicht ganz klar dargelegt, jedenfalls nicht öffentlich. Als

Ben Gurion von der UNSCOP über die Sicht der Jewish Agency

befragt wurde, sprach er vage von der Aufteilung der Stadt in

einen westlichen Te il, der dem jüdischen Staat zugeschlagen

würde, und der Altstadt und den von Arabern bewohnten

Gebieten, die internationalisiert würden.105

Die UNSCOP setzte einen Unterausschuss unter dem Vorsitz

eines niederländischen Delegierten ein, um die Frage Jerusalems

und der Heiligen Stätten genauer zu beraten. Von den elf

Mitgliedern dieses Unterausschusses legten vier - die

Delegierten aus Kanada, den Niederlanden, Peru und Schweden

- einen Plan für die Internationalisierung der Stadt vor. Drei -

die Delegierten aus Indien, dem Iran und Jugoslawien -

stimmten dem nicht zu; und drei weitere - aus der

Tschechoslowakei, Guatemala und Uruguay - brachten

Vorbehalte gegen den Plan der Mehrheit vor, die aber später

zurückgezogen wurden. Das elfte Mitglied des

Unterausschusses, aus Australien, enthielt sich der Stimme.

Der vollständig besetzte UNSCOP-Ausschuss legte

Mehrheitsund Minderheitsvoten mit Empfehlungen für Palästina

als Ganzes vor. Die Mehrheit sprach sich für eine Beendigung

der Mandatsverwaltung und für eine Teilung Palästinas in einen

jüdischen und einen arabischen Staat mit einem

internationalisierten Jerusalem aus. Die von Delegierten aus

Indien, dem Iran und Jugoslawien formulierten Vorschläge der

Minderheit traten für einen einzigen, aber föderativen Staat ein.

Hinsichtlich Jerusalems empfahl die Minderheit, dass es die

Hauptstadt des vorgeschlagenen Bundesstaates sein und in zwei

Gemeindeverwaltungen aufgeteilt werden sollte: eine arabische,

-184-

zu der die gesamte Altstadt gehören, sowie eine jüdische, die

«die Gebiete, die vorwiegend jüdisch sind», umfassen sollte.

Die Mehrheit der UNSCOP folgte der Mehrheit des

Unterausschusses und empfahl, Jerusalem einer internationalen

Treuhandverwaltung zu unterstellen. Hauptgründe dafür waren

die Wichtigkeit, in einer Stadt, die Heilige Stätten von drei

Weltreligionen barg, den Frieden zu wahren. Der UNSCOPBericht

argumentierte (mit großem Ernst, wenn auch mit

fragwürdiger historischer Genauigkeit):

Die Geschichte Jerusalems, während der osmanischen

Herrschaft wie unter der Mandatsverwaltung, zeigt, dass der

religiöse Friede in der Stadt erhalten wurde, weil die Regierung

darauf bedacht war und die Macht dazu hatte, Kontroversen, bei

denen es auch um ein gewisses religiöses Interesse ging, daran

zu hindern, sich zu bitterem Zwist und Aufruhr zu entwickeln.

Die Regierung war nicht eng in die lokale Politik verwickelt und

konnte, falls nötig, bei Konflikten als Schiedsrichter auftreten.

Das ganze Gebiet von Jerusalem solle entmilitarisiert und

neutralisiert werden. Es solle ein Gouverneur ernannt werden,

der «weder Araber noch Jude noch ein Bürger des

palästinensischen Staates sein noch zum Zeitpunkt seiner

Ernennung in der Stadt Jerusalem seinen Wohnsitz haben solle».

Die Stadt solle in Wirtschaftsunion mit dem jüdischen und dem

arabischen Staat stehen und den in den beiden Ländern

Wohnenden freien Zugang gewähren, «vorbehaltlich von

Sicherheitserwägungen». Der Bericht enthielt nichts in bezug

auf die Verteidigung von Jerusalem, mit Ausnahme der

Empfehlung, dass der Schutz der Heiligen Stätten einer

«speziellen Polizei» anvertraut werden sollte.106

Das für das vorgeschlagene internationale Jerusalem

vorgesehene Areal war, wie in den meisten Plänen seit 1840,

-185-

größer als das eigentliche Stadtgebiet. Es erstreckte sich von Ein

Qarem im Westen bis nach Abu Dis im Osten und von Schuafat

im Norden bis nach Bethlehem im Süden. Der die Stadt

umgebende Landgürtel war hauptsächlich von Arabern bewohnt.

Obwohl der angeführte Zweck darin bestand, einige der von der

Stadt entfernten Heiligen Stätten einzuschließen, war ein

weiterer Grund vermutlich der, in der Bevölkerung des

Stadtstaats einen einigermaßen gleichgewichtigen Anteil von

Arabern und Juden zu haben. Am Ende der Mandatsregierung

schätzte man, dass Jerusalem 165000 Einwohner zählte (100000

Juden, 34000 Muslime und 31000 Christen). Nur durch die

Erweiterung des Gebiets der vorgeschlagenen

Treuhandverwaltung mit der Folge, dass damit auch umliegende

arabische Dörfer dazugehörten, war ein numerisches

Gleichgewicht zwischen Arabern und Juden zu erzielen. Die

UNSCOP schätzte 1946 die Bevölkerung dieses vergrößerten

Jerusalem auf etwa 205000 Menschen, davon waren etwa

100000 Juden und 105000 «Araber und andere».

Der UNSCOP-Bericht wurde am 31. August 1947

unterzeichnet, aber die Generalversammlung begann erst am 16.

September mit der Beratung und stimmte sechs weitere Wochen

später darüber ab. In der Zwischenzeit herrschte eine intensive

politische Geschäftigkeit. Die arabischen Staaten lehnten den

Bericht mit allem Nachdruck ab und bemühten sich, eine

Opposition zu mobilisieren, um auf die Sperrminorität von

einem Drittel der Stimmen zu kommen, das nach den

Verfahrensregeln dafür erforderlich war. Die Jewish Agency

war bereit, den Plan zu akzeptieren, hatte jedoch ebenfalls

Vorbehalte dagegen und hegte insgeheim die Hoffnung, dass sie

die Grenzen des jüdischen Staates in dem nun nahezu

unausweichlich scheinenden Krieg würde erweitern können. Sie

betrieb eine eifrige Lobbyistenarbeit, um die Zwei-Drittel-

Mehrheit sicherzustellen, die für eine formale Zustimmung zu

dem Plan nötig sein würde.

-186-

Für die Zionisten war dabei Jerusalem nicht die Hauptfrage:

Der springende Punkt bei der ganzen Sache war das Prinzip der

Teilung. Zugleich bemühten sie sich darum, ihre Position in

Jerusalem zu verbessern, indem sie dem amerikanischen

Außenministerium gegenüber zur Sprache brachten, dass man

nur die Altstadt internationalisieren und den Rest des in

Aussicht stehenden Treuhandgebiets unter dem jüdischen und

dem arabischen Staat aufteilen solle. Das State Department hielt

den Vorschlag freilich «für rein theoretisch und nicht

wünschenswert». Man verwies darauf, dass «die meisten

christlichen Einrichtungen in Jerusalem, aber außerhalb der

Altstadt konzentriert sind. Deshalb würden sie entweder in das

Gebiet des jüdischen oder des arabischen Teils fallen. Seitens

der Christen sei wohl Widerstand gegen ein solches Vorgehen

zu erwarten.»107

Unter den Mitgliedern der UN-Arbeitsgruppe gebe es jedoch

«eine beachtliche positive Haltung» gegenüber dem

zionistischen Vorschlag. Aus diesem Grund wurde trotz

mancher Zweifel im State Department der Vertreter der

Vereinigten Staaten in der Arbeitsgruppe ermächtigt, «in dieser

Frage mit der Mehrheit zu stimmen, vorausgesetzt, dass

angemessene Vorsichtsmaßnahmen für die Heiligen Stätten

erhalten blieben».108

-187-

Karte 7: Der Teilungsplan der Vereinten Nationen für Palästina

(1947)

-188-

Karte 8: Der Corpus Separatum-Plan der Vereinten Nationen für

Jerusalem (1947)

Mit gewissen Änderungen wurde der Plan der Mehrheit der

UNSCOP schließlich der Vollversammlung unterbreitet. Die

wichtigste dieser Änderungen war die Festsetzung einer

zeitlichen Begrenzung für die Jerusalem betreffenden

Regelungen: Nach zehn Jahren sollte es den Einwohnern «frei

stehen, mittels eines Referendums ihre Wünsche im Hinblick

auf eine mögliche Modifikation der Stadtverwaltung zum

Ausdruck zu bringen». Dies war kein geringfügiger Sieg für die

Zionisten, die hofften, ein solches Referendum gewinnen zu

können. Damit war jedoch kein vollständiges

-189-

Selbstbestimmungsrecht gewährt, da die Resolution nur vorsah,

dass man einen Wunsch zum Ausdruck bringen könne, und nur

Modifikationen erwähnte. Eine weitere von den Zionisten

erwünschte und erlangte Veränderung gegenüber dem

ursprünglichen UNSCOP-Plan war, dass das Prinzip einer

autonomen Stadtverwaltung für unterschiedliche Gemeinden in

Jerusalem vorgesehen wurde. Die letzte Fassung des Entwurfs

erweiterte auch noch ein wenig das Areal des vorgesehenen

Corpus separatum um die jüdische Siedlung von Motza im

Westen Jerusalems (siehe Karten 7 und 8).

Der Resolutionsentwurf der Generalversammlung sah die

Ernennung eines Gouverneurs für Jerusalem durch den UNTreuhandrat

vor; er sollte weder ein Bürger des arabischen noch

des jüdischen Staates sein. Die Stadt sollte entmilitarisiert und

neutralisiert werden «und keine paramilitärischen

Organisationen, Übungen oder Aktivitäten» gestatten. Der

Gouverneur sollte «eine spezielle Polizei von ausreichender

Stärke organisieren, deren Angehörige außerhalb Palästinas zu

rekrutieren» seien. Der UN-Treuhandrat würde beauftragt, ein

Statut (also eine Verfassung) für Jerusalem vorzubereiten, und

dafür stünden ihm fünf Monate Zeit zur Verfügung.109

Am 29. November 1947 stimmte die Generalversammlung

der Vereinten Nationen dem Teilungsbeschluss mit

dreiunddreißig zu dreizehn Stimmen bei zehn Enthaltungen zu.

Die Zionisten begrüßten den Beschluss mit Jubel; die

palästinensischen Araber erklärten einen dreitägigen

Generalstreik. Die Resolution war kein Plan für eine friedliche

Lösung des Streits um Palästina, sondern hob den Konflikt, der

sich im Kern um Jerusalem drehte, auf eine neue Ebene.

-190-

4. DIE TEILUNG

Während die britische Mandatsverwaltung sich in Chaos

auflöste, rangen die Vereinten Nationen mit ihrer Unfähigkeit,

ihrer Entscheidung in Palästina im allgemeinen und in Jerusalem

im besonderen Geltung zu verschaffen. Der Erfolg des

Teilungsplans musste zwangsläufig in hohem Maße von der

Zusammenarbeit der Briten abhängen, um einen sanften

Übergang zu dem vorgesehenen arabischen und jüdische n Staat

und der Treuhandverwaltung der Vereinten Nationen für

Jerusalem zu gewährleisten. Die britische Regierung lehnte es

aber ab, sich in irgendeiner Weise an der Durchsetzung der

Teilung gegen den Willen der Araber Palästinas zu beteiligen.

Bis kurz vor Ablauf ihres Mandats, das sie auf den 15. Mai 1948

festsetzte, verweigerte sie der UN-Palästina-Kommission die

Einreise. Die einzige Hoffnung auf eine Durchsetzung des

Teilungsplans beruhte auf der Fähigkeit der Vereinten Nationen,

eine bewaffnete Streit macht zu mobilisieren, um ihre Autorität

wenigstens innerhalb der internationalen Zone um Jerusalem zu

sichern. Aber über die Schaffung einer solchen Streitmacht

konnte keine Vereinbarung erzielt werden, und es kam auch nie

dazu. Noch vor der Abreise des letzten Hochkommissars aus

Jerusalem am 14. Mai 1948 waren zwischen jüdischen und

arabischen Freischärlern Kämpfe ausgebrochen, wobei den

Arabern reguläre Truppen aus mehreren arabischen Staaten zu

Hilfe kamen, darunter auch die unter britischem Kommando

stehende Arabische Legion aus Transjordanien. Als Anfang

1949 der Palästina-Krieg zu Ende ging, war es dem jüdischen

Staat gelungen, die ihm im UN-Teilungsplan zugedachten

Grenzen zu erweitern. Der Großteil der arabischen Bevölkerung

floh aus dem künftigen Israel in die umliegenden arabischen

Staaten (in vielen Fällen wurde er vertrieben). Das meiste

-191-

restliche Palästina übernahm König Abdullah von

Transjordanien. In Jerusalem kam es nach heftigen Kämpfen zu

einer Aufteilung der Stadt in eine östliche Hälfte einschließlich

der Altstadt, über die künftig Abdullah herrschte, und eine

westliche Hälfte, die zur Hauptstadt des Staates Israel wurde.

-192-

Die Abdankung des Mandatsherrn

Die Welle der Gewalt, die sich im Gefolge der

Teilungsresolution der Vereinten Nationen vom 29. November

1947 über Jerusalem ergoss, beschrieb Richard Graves, der

Vorsitzende der Stadtverwaltungskommission (praktisch der

amtierende Bürgermeister) in einer seltsamen Mischung aus

Horror und englischem Understatement in seinem Tagebuch.

Der Leiter der Stadtverwaltung, ein Bruder des Dichters Robert

Graves und eines früheren Tzwes-Korrespondenten in

Jerusalem, Philip Graves, war ein sensibler und aufrechter

Mann, dem die Stadt, für die er verantwortlich war, zutiefst am

Herzen lag. Zu Anfang hatte man ihm keinen Wagen zur

Verfügung gestellt, weshalb er mit dem Kleinlaster des

städtischen Hundefängers auskommen musste. Das Versäumnis

war ein Vorzeichen für den rapiden Autoritätsverlust, den die

Kommission, nicht anders als die Regierung von Palästina,

während der letzten Monate der Mandatsverwaltung

durchmachte. Mit wachsender Verzweiflung zeichnete Graves

die einzelnen Stadien des Abstiegs in die Anarchie und seiner

eigenen Ohnmacht angesichts wachsender Gewalt und

Einschüchterung auf. Am 8. Dezemb er wurde er vom Mob mit

Steinen beworfen, als er sich in den jüdischen Teil der Stadt

hineinwagte. Ein gepanzerter Polizeiwagen in der Nähe «sah aus

und benahm sich wie ein schläfriger Elefant und brachte nicht

das geringste Interesse für die Vorgänge auf.»1 Jüdische

städtische Bedienstete kamen nicht mehr zur Arbeit, weil sie

Angst hatten, sich außerhalb des jüdischen Gebiets vorzuwagen.

Als die Juden fortblieben, äußerten arabische Beamte die

Befürchtung, dass sie eine Bombe gelegt haben könnten.

Nachdem neue Sicherheitsmaßnahmen getroffen worden waren,

kamen die Weggebliebenen wieder zurück - für eine Weile.

-193-

Jüdische Beamte drangen auf die Öffnung einer Zweigstelle der

Stadtverwaltung im jüdischen Teil der Stadt; Graves beschloss,

sich diesem «ersten Schritt in der Stadt in Richtung

‹Aufteilung›» zu widersetzen.2

Aber die Aufteilung nahm bereits ihren Lauf, als Juden aus

arabischen Gebieten wie etwa der deutschen Kolonie, Katamon

und Baqa in jüdische Gebiete, wie beispielsweise Rehavia,

umzogen und auch Araber gemischte Wohnbezirke der Stadt

verließen. Am 29. Dezember nahmen die jüdischen städtischen

Beamten einen Bombenanschlag zum Anlass, erneut ihre Büros

zu verlassen. Graves klagte, «es scheint kaum Hoffnung zu

bestehen, dass man sie je wieder in das Gebäude

zurückbekommt».3

«Bevingrad»: Princess Mary Avenue (heute Rehov Schlomzion Ha-

Malka) in der befestigten zentralen Sicherheitszone von Jerusalem,

Anfang 1948.

Jetzt war er gezwungen, eine separate Dienststelle im jüdischen

-194-

Teil der Stadt zu betreiben. Aber «als wir zurückkamen, fanden

wir die arabischen Beamten in erregter Stimmung vor, weil die

Juden von ihnen getrennt worden waren. Sie schienen zu

glauben, dass die Errichtung eines Unterbüros der erste Schritt

zur Teilung und zur Schaffung einer jüdischen Stadtverwaltung

sei.» Graves' Bemühen, sie zu beruhigen, war nur begrenzter

Erfolg beschieden.

Zu Anfang des neuen Jahres nahmen die Kämpfe in der Stadt

und um sie herum zu. Weitere terroristische Anschläge forderten

viele Opfer. Eine von der Haganah (der Untergrundarmee der

Selbstverteidigungsorganisation der zionistischen Bewegung)

im Hotel Semiramis gelegte Bombe tötete am 5. Januar

sechsundzwanzig Zivilisten, darunter auch den spanischen

Konsul. Eine weitere am Jaffator forderte zwanzig Todesopfer

und verletzte vierzig Menschen. Am 12. Januar berichtete

Graves, dass «kaum eine Stunde vorübergegangen ist, in der

nicht das Feuern von Schusswaffen zu hören war».4 Am 1.

Februar wurden als Repressalie die Büros der zionistischen

Zeitung Palestine Post in die Luft gesprengt: Die Zionisten

beschuldigten britische Soldaten oder Polizisten der Tat. Am 10.

Februar konnte ein großangelegter arabischer Angriff auf den

jüdischen Wohnbezirk Yemin Moshe nur zurückgeschlagen

werden, nachdem eine britische Truppeneinheit eingegriffen und

verhindert hatte, dass die Araber noch Verstärkungen erhielten.5

Nachdem am 12. Februar in dem vorwiegend von christlichen

Arabern bewohnten Viertel Talbieh eine Jüdin getötet worden

war, fuhr ein der Haganah gehörender Lautsprecherwagen durch

die Gegend und forderte alle Araber zum Verschwinden auf.

Am 22. Februar kamen mindestens zweiundfünfzig Menschen

durch die Explosion einer Bombe auf der Ben-Yehuda-Straße

mitten im jüdischen Geschäftsviertel ums Leben. Wieder

machten die Juden die Briten dafür verantwortlich. In seinen

-195-

Jahre danach veröffentlichten Memoiren behauptete der Mufti,

es sei eine arabische Gruppe gewesen. In Wahrheit scheint es

eine gemeinsame Aktion von Arabern und britischen

Armeedeserteuren und Polizisten gewesen zu sein.6 Binnen

achtzehn Stunden wurden im Zuge von Vergeltungsaktionen

neun britische Soldaten getötet. Am 11. März starben zwölf

Menschen im Hauptquartier der Jewish Agency in der King

George V-Avenue, als eine im Wagen des amerikanischen

Generalkonsuls herantransportierte Bombe explodierte.

Menschenmenge in der Ben-Yehuda-Straße nach dem Bombenattentat

vom 22. Februar 1948.

Während die Stadt immer tiefer ins Chaos versank, wurde in

den Vereinten Nationen mit wachsender Verzweiflung, aber

vergeblich nach einem Weg gesucht, den Teilungsbeschluss

durchzusetzen und die internationale Treuhandverwaltung in

und um Jerusalem zu etablieren. Für das Scheitern der Vereinten

Nationen bei dieser selbstauferlegten Aufgabe gab es vier

Hauptgründe.

Der erste war eine Frage des zeitlichen Ablaufs. Die

-196-

Teilungsresolution sah vor, dass das Mandat «so bald wie

möglich, aber auf jeden Fall nicht später als am 1. August 1948»

enden werde. Der jüdische und der arabische Staat und das

Spezielle Internationale Regime für Jerusalem sollten «zwei

Monate nach dem Abzug der bewaffneten Streitkräfte der

Mandatsmacht, aber in jedem Fall nicht später als am 1. Oktober

1948» in Kraft treten. Mitte Dezember kündigte die britische

Regierung einseitig die Rückgabe des Mandats für den 15. Mai

1948 an, Reste britischer Streitkräfte würden jedoch bis zum 1.

August in Haifa verbleiben.

Nach diesem Zeitplan würde es zwischen dem 15. Mai und

dem 1. Oktober 1948 eine Übergangsperiode geben, während

der eine neue Palästina-Kommission der Vereinten Nationen das

Ruder übernähme. Diese Kommission mit dem

Tschechoslowaken Karel Lisicky an der Spitze und vier

weiteren Mitgliedern aus Bolivien, Dänemark, Panama und den

Philippinen nahm am 9. Januar 1948 am Lake Success in New

York ihre Arbeit auf. Von Anfang an war sie jedoch

handlungsunfähig wegen der - am 15. Januar in einer nicht

öffentlichen Kommissionssitzung verkündeten - Weigerung der

britischen Regierung, sie früher als zwei Wochen vor dem Ende

des Mandats in Palästina einreisen zu lassen. Als Begründung

wurde angeführt, dass man die Verantwortung für die Sicherheit

der Kommissionsmitglieder nicht tragen könne. Als Lisicky am

24. Februar vor dem Sicherheitsrat erschien, lehnte er die

Vorstellung, den Staat Jerusalem ohne Sicherheitskräfte und die

Gewährleistung anderer grundlegender Bedürfnisse zu schaffen,

ab und rief aus «tiefstem Herzen» aus: «Dass wir deiner nicht

vergessen, Jerusalem! Dass wir deiner nicht vergessen,

Jerusalem!»7

Ohne die Kooperation der Briten war die UN-Palästina-

Kommission außerstande, die Verwirklichung der

Teilungsresolution in Gang zu setzen. Am 2. März traf ein

sechsköpfiges «Vorauskommando» der Kommission in

-197-

Palästina ein, an der Spitze Dr. Pablo Azcárate, der ehemalige

Botschafter Spaniens in London. Mit von der Partie waren ein

norwegischer Oberst, ein indischer Volkswirtschaftler, ein

griechischer Jurist und zwei Sekretärinnen. Sie versuchten, der

Autorität der Kommission im Lande eine Basis zu verschaffen,

aber es gelang ihnen nicht. Nach Azcárate war die

«Hauptbeschäftigung» der zusammenbrechenden

Mandatsverwaltung, «mit jeder möglichen Methode die Präsenz

von jemand oder etwas zu behindern, der oder das auch nur

entfernt mit den Vereinten Nationen und insbesondere mit der

Palästina-Kommission zu tun hatte». Die Briten, so erinnerte er

sich, hätten die Kommission «einer Politik der regelrechten

Einschüchterung» ausgesetzt.8 Das Vorauskommando hatte

Schwierigkeiten, sich außerhalb von Jerusalem zu bewegen.

Ein zweiter und damit verwandter Grund für das Scheitern der

UN-Kommission war die Verzögerung bei der Formulierung der

Verfassung für die Stadt Jerusalem. Der Treuhandrat hatte am 1.

Dezember 1947 mit der Arbeit an diesem Dokument begonnen -

zwei Tage nach der Verabschiedung des Teilungsbeschlusses in

der Generalversammlung - und einen Ausschuss eingesetzt, der

einen Entwurf erarbeiten sollte. Weil man spürte, dass den

Vereinten Nationen die Dinge aus der Kontrolle gerieten,

machte sich der Rat mit löblichem Tempo an die Arbeit. Schon

am nächsten Tag wurde ein Arbeitsausschuss geschaffen, der am

folgenden Tag zusammentrat. Sechs Wochen später lag dessen

Bericht vor, über den der Rat am 18. Februar zu diskutieren

begann. Dann aber scheint sich jegliches Gefühl der

Dringlichkeit aus dem weiteren Geschehen verflüchtigt zu

haben.

In den nächsten Wochen schob der Rat fast alle sonstigen

Geschäfte beiseite und hielt nahezu täglich Sitzungen ab, um zu

einem einvernehmlichen Text zu gelangen. Man hörte sich die

Einwände des irakischen Delegierten Awni Khalidi an, dass

«Jerusalem ein integraler Bestandteil Palästinas» sei und es

-198-

«keine Rechtsgrundlage für die Abtrennung» gebe.9 Nach diesen

Ausführungen ging Khalidi aus dem Raum und nahm am

weiteren Verfahren kaum noch teil. Später gab der Ausschuss

der Jewish Agency die Gelegenheit, ihre Auffassung

vorzutragen. Den größten Teil der Zeit verbrachte der Ausschuss

mit dem Austausch von Argumenten über die

Verfassungsmechanismen des künftigen Staates. Dann

debattierte man über juristische Regelungen, Haushaltsfragen,

Bildungs-, Kultur- und Wohlfahrtseinrichtungen, auswärtige

Angelegenheiten, die Heiligen Stätten und Sicherheitsfragen.

Nachdem der erste Entwurf einmal durchgearbeitet worden war,

begann - nach parlamentarischer Art - mit einer «zweiten

Lesung» alles wieder von vorne. Nun plädierte der französische

Delegierte Roger Garreau mit einer gewissen Unterstützung

seitens seines belgischen Kollegen dafür, dass den Christen eine

spezielle Vertretung zuerkannt werden solle: «Er könne sich

nicht damit einverstanden erklären, dass der Rat die zahlreichen

christlichen Gemeinschaften einfach ignoriere, die vertreten sein

sollten».10 Weder die Amerikaner noch die Briten gaben ihm

Rückendeckung, aber Garreau drohte, gegen das Jerusalem-

Statut zu votieren, falls man seine Ansichten nicht

berücksichtige. Am Ende musste eine Formulierung gefunden

werden, die ihn zufriedenstellte. «Es fällt schwer, eine adäquate

Vorstellung von der Albtraumhaftigkeit dieser Sitzungen zu

vermitteln», schrieb ein frustrierter britischer Delegierter.11 In

Wirklichkeit hatte der Treuhandrat realisiert, dass man sich mit

Luftgeschäften abmühte. Ein vertraulicher britischer Bericht

über die Vorgänge vermerkte offenherzig: «Es war

unverkennbar, dass keines der Ratsmitglieder tatsächlich

glaubte, dass das Statut jemals zur Anwendung kommen werde:

Keines von ihnen zögerte, das auch im Privatgespräch zu

sagen.»12

Unterdessen wurde ähnlich zwecklos diplomatische Energie

für die Berufung eines Gouverneurs für den künftigen Stadtstaat

-199-

aufgewendet. Obwohl es am Ende ein vergebliches Unterfangen

war, sind doch die diesbezüglich ausgetauschten Argumente von

historischem Interesse, weil dabei die ihnen zugrunde liegenden

Einstellungen und Voreingenommenheiten zutage treten. Man

war sich allgemein einig darüber, dass der Gouverneur kein

Christ zu sein brauchte, auch wenn gegen die etwaige

Ernennung eines Muslims oder eines Juden offensichtlich

Einwände bestanden. Ein Beamter des britischen

Commonwealth Relations Office verwies darauf, dass die

öffentliche Meinung in «Kanada, Australien und Neuseeland,

wo die Katholiken am stärksten vertreten sind, es für nicht

wünschenswert hielte, wenn die Heiligen Stätten der

Christenheit einem Ungläubigen unterstellt würden».13 Ein

Sprecher der Griechisch-Orthodoxen drängte darauf, dass der

Gouverneur «nicht zu einer der Konfessionen gehören sollte, die

direkte Interessen hinsichtlich des Betriebs der Heiligen Stätten

haben». Der chinesische Delegierte Lin Chick sagte darauf: «Ich

nehme an, er möchte einen philosophischen Atheisten mit

Menschenfreundlichkeit.»14

Verschiedene Kandidaten wurden in Betracht gezogen,

darunter der belgische Delegierte im UN-Rat P. Ryckmans, der

kanadische Generalmajor Henry Crerar und der Australier R. G.

Casey, der im Nahen Osten als Ministerresident amtiert hatte

und 1942-43 Mitglied des Kriegskabinetts gewesen war. Die

Briten erwogen, Sir William Fitzgerald zu nominieren, der in

Jerusalem besonders beliebt zu sein schien.15 Das

Außenministerium war jedoch gegen die Berufung eines

britischen Staatsbürgers. Nun wies man darauf hin, dass

Fitzgerald ein Ire sei, aber trotzdem reagierte Bevin «sehr

unwillig» darauf, besorgt, dass die Russen etwas an ihm

auszusetzen haben könnten. Fitzgeralds Name verschwand

daraufhin von der Kandidatenliste.16

Das Washingtoner State Department bestand anfangs darauf,

dass der Gouverneur von Jerusalem kein Amerikaner sein dürfe.

-200-

Robert McClintock, der im Amt für Besondere Politische

Angelegenheiten mit Palästina befasst war, meinte, «dass ein

amerikanischer Gouverneur nicht nur immensem politischen

Druck in den Vereinigten Staaten ausgesetzt wäre, sondern

auch, dass, wenn er aus dem Gouverneursamt entfernt würde...

die Russen einen plausiblen Vorwand dafür hätten, einen ihrer

Bürger für den Posten vorzuschlagen». Er fügte hinzu, das

amerikanische Außenministerium «könnte keinen russischen

Gouverneur für Jerusalem akzeptieren und wäre gegenüber der

Ernennung eines Gouverneurs aus einem Land unter

sowjetischem Einfluss höchst allergisch».17 Ergebnislos zog sich

die Debatte über die Ernennung fast bis zum Ende des Mandats

hin.

Ein dritter Grund für das Misslingen der Internationalisierung

war die Politik der Briten. Bereits am 20. September 1947 - also

noch vor der Verabschiedung der Teilungsresolution - hatte das

britische Kabinett beschlossen, dass man in keiner Weise bei der

Teilung kooperieren und sich einfach aus Palästina zurückziehen

werde. Hauptziel war dabei, dem Makel - in den Augen der

Araber - zu entgehen, bei der Durchführung der Teilung

mitgeholfen zu haben. Seine geheime Absicht verfolgte zugleich

das exakte Gegenteil: Dabei behilflich zu sein, eine Aufteilung

Palästinas zwischen Zionisten und König Abdullah von

Transjordanien zu erleichtern, um die Entstehung eines

palästinensischen Staates unter Führung ihres größten

Schreckgespensts im Nahen Osten, des Mufti, auszuschließen.

Azcárates Schlussfolgerung, dass die Briten ein doppeltes Spiel

spielten, brachte die Sache auf den Punkt: «Unter der Tarnung

offizieller Zusicherungen, dass die Behörden ihren

Verpflichtungen und Verantwortlichkeiten bis zum Ende des

Mandats nachkommen würden, leistete die britische Regierung

der fortschreitenden Übergabe von Macht und Verantwortung

von ihren eigenen Organen in Palästina auf arabische oder

jüdische Institutionen passive und zuweilen aktive Hilfe.»18

-201-

In den Instruktionen für den britischen Repräsentanten im

Arbeitsausschuss des Treuhandrates hieß es zu Jerusalem, er

solle es «unterlassen, die Regierung Seiner Majestät... zu

verpflichten, aktiv an der künftigen Verwaltung von Jerusalem

teilzunehmen, den Teilungsplan auszuführen oder das Statut

durchzusetzen ». In Sitzungen der Palästina-Kommission vom

14. und 28. Januar hielt der oberste britische Vertreter bei den

Vereinten Nationen, Sir Alexander Cadogan, fest, dass die

britische Regierung es für unbedingt erforderlich ansehe, dass

sie, solange die Mandatsverwaltung besteht, die ungeteilte

Kontrolle über ganz Palästina behalten müsse. An dem

festgesetzten Tag - das heißt, am 15. Mai - wird sie ihre

Verantwortung für die Verwaltung Palästinas als Ganzes

aufgeben. Sie kann nicht darin einwilligen, sie stückweise

aufzugeben. Sie ist jedoch bereit, dem Eintreffen der

Kommission in Palästina kurz vor dem Ende des Mandats

zuzustimmen, damit es eine etwa vierzehntägige

Überschneidungszeit gibt, während der die Kommission ihre

Verantwortlichkeiten übernehmen kann.19

Der Hochkommissar, Sir Alan Cunningham, sah zwar ein,

dass «ein Gouverneur ernannt und da sein sollte, wenn wir von

hier fortgehen... [und dass] in irgendeiner Form eine

Sicherheitstruppe existieren sollte», fand aber, «es wäre unklug,

den Gouverneur von Jerusalem früher ins Land zu lassen als die

Kommission selbst.»20

Ein vierter Grund für das Scheitern der Vereinten Nationen

war die Abkehr der USA von der ins Auge gefassten Teilung.

Die Initiative dafür kam vom Politischen Planungsstab im State

Department, dem George Kennan vorstand. Auch die CIA

unterstützte den vorgeschlagenen Politikwechsel.21 Öffentlich

bekannt wurde dies, als Senator Warren Austin am 19. März vor

dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen offenbarte, dass die

amerikanische Regierung das Teilungsvorhaben nicht mehr

-202-

unterstütze und nun der Meinung sei, dass in Palästina «eine

vorübergehende Treuhandverwaltung geschaffen werden

sollte».22 Die heftigste Opposition gegen eine solche

Treuhandverwaltung kam von der Sowjetunion, deren Vertreter

im Sicherheitsrat, Andrej Gromyko, darauf bestand, die

Entscheidung zur Teilung sei «eine richtige..., weil sie den

fundamentalen nationalen Interessen sowohl der Juden als auch

der Araber entspreche». Er warf den Amerikanern vor, «die

Teilung zu blockieren».23

Die amerikanische Kehrtwende rief auch den empörten

Protest der Zionisten hervor, die zur gleichen Zeit mit ihrem

eigenen diplomatischen Rückzug begannen. In Wirklichkeit gibt

es Indizien dafür, dass ihre eigenen Zweifel an dem ganzen

Konzept der Internationalisierung sehr viel weiter zurückgingen,

und dass sie, weit entfernt davon, den Gedanken eines auf Dauer

aus dem jüdischen Staat ausgeschlossenen Jerusalem für richtig

zu halten, das Corpus separatum vielmehr aus taktischen

Gründen akzeptierten. Zeev Sharef, der Israels erster

Kabinettssekretär wurde, erinnerte sich später, dass bereits im

Januar/Februar 1948 die zionistische Führung begonnen hatte,

die Internationalisierung nicht mehr als verbindlich zu

betrachten.24 Bei einer Rede vor dem UN-Sicherheitsrat ließ

Mosche Schertok am 1. April 1948 durchblicken, dass sich die

Zionisten nicht auf immer und ewig an die Internationalisierung

Jerusalems gebunden fühlten:

Aus Rücksicht auf einen überwältigenden Konsens in der

Weltmeinung hat die Jewish Agency den Gedanken einer

internationalen Verwaltung für Jerusalem akzeptiert... Falls die

internationale Verwaltung nicht unverzüglich zustande kommt,

wird es für die Juden bald zu einer Frage der elementaren

Selbsterhaltung werden, ihr Äußerstes zu tun - vielleicht ihr

verzweifelt Äußerstes -, sogar allein und ohne Hilfe, um

Jerusalem vor einer monströsen Tyrannei zu retten.25

-203-

Richard Graves hatte einige Monate davor eine ähnliche

Ansicht in seinen Tagebuchaufzeichnungen kundgetan. «Falls es

zu irgendeinem Zeitpunkt zu einem Vakuum kommt (vor dem

unsere Regierung, anders als die Natur, keine Angst zu haben

scheint), wird es einen Bürgerkrieg mit viel Blutvergießen und

allgemeiner Anarchie geben.»26

Während das Gerangel weiterging, wurde in letzter Minute

versucht, die Zustimmung zum Statut für den vorgesehenen

Stadtstaat zu erreichen und eine internationale Truppe

aufzustellen, um darin für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Am 8.

März fragte der französische Delegierte den Treuhandrat, ob die

Palästina-Kommission «Schritte unternehmen würde, um das

Inkrafttreten des Statuts zu beschleunigen». Die Polizei «müsste

organisiert sein, bevor der Gouverneur sein Amt antritt»,

antwortete er darauf und fügte dann prophetisch hinzu, dass die

Sache bald geregelt werden müsse, denn «bei der nächsten

Sitzung im Juni wäre es zu spät... Es sei nämlich zu befürchten,

dass der Abzug der britischen Truppen eine Zeit chaotischer

Verhältnisse in Palästina zur Folge haben werde».27 Zwei Tage

darauf fasste der Rat endlich den Beschluss, dass das Statut

«nun in einer zufriedenstellenden Form» verfasst sei und dass

«die Frage seiner formellen Bestätigung zusammen mit der

Ernennung eines Gouverneurs der Stadt... nicht später als eine

Woche vor dem 27. April» auf die Tagesordnung kommen

werde. Diese weitere sechswöchige Vertagung spiegelte die

Vorherrschaft der USA im Hinblick auf die Tätigkeit des Rats

und die wachsende Unzufriedenheit der amerikanischen

Regierung mit der Teilungsidee wider.28 Auch die letzte

verbliebene Aussicht auf die Durchführung der

Internationalisierung Jerusalems wurde durch diese

Verzögerung zunichte gemacht.

-204-

Die spontane Teilung

Inzwischen teilte sich Jerusalem rasch in zwei bewaffnete

Lager. Den britischen Beamten in Jerusalem scheint nicht recht

klar gewesen zu sein, was eigentlich auf sie zukam. Einerseits

hinderten sie die UN-Palästina-Kommission daran, die Kontrolle

zu übernehmen; andererseits wollten sie bis kurz vor dem Ende

des Mandats nicht glaub en, dass die Stadt geteilt würde. Am 29.

Januar schrieb Sir Alan Cunningham, die Politische Abteilung

der Jewish Agency habe ihm mitgeteilt, «dass sie keinen

Versuch unternehmen würden, in Jerusalem eine Verwaltung

einzurichten». Zugleich war er der Auffassung, die Araber

hätten keine «Offensivaktionen gegen Juden in der Stadt» vor.

«Es ist höchst unwahrscheinlich», ließ er das Londoner

Kolonialamt wissen, «dass König Abdullah versucht, die

Husseini-Hochburg in der Stadt einzunehmen oder seiner

Kontrolle zu unterstellen.» Andererseits unternahmen die Briten

in den letzten Wochen ihres Mandats eine Reihe von Schritten,

um die Teilung von Jerusalem zu erleichtern. Die

Sicherheitszone A der britischen Armee, die die Deutsche

Kolonie, die Griechische Kolonie und Katamon umfasste, wurde

stillschweigend der arabischen Kontrolle überstellt (auch wenn

die Juden später diese Distrikte eroberten); die Sicherheitszone

D rings um das Schnellersche Waisenhaus im Nordwesten der

Stadt überließ man ohne Widerstand der Kontrolle der Juden.

Die Briten zogen sich in die zentrale Sicherheitszone zurück.

Die jüdischen Streitkräfte errichteten Straßensperren, und

britische Armee- und Polizeifahrzeuge, die in von Juden

gehaltene Bereiche der Stadt wollten, wurden angehalten und

durchsucht; manchmal wurde ihnen auch der Zutritt verwehrt.

Am 6. März berichtete ein britischer Zeitungskorrespondent:

«Nirgends treten die Ergebnisse der spontanen Teilung

-205-

deutlicher zutage als in Jerusalem. Infolge von Einschüchterung,

offenen oder verstohlenen Kämpfen und zuweilen auch durch

einen vernünftigen Tausch ihrer Häuser haben sich hier

arabische und jüdische Einwohner selbst auf getrennte Blocks

verteilt, mit teilweise verlassenem Niemandsland

dazwischen.»29

Das Geschehen vor Ort lief inzwischen zu schnell ab, als dass

es von Diplomaten oder Vertretern der Obrigkeit noch hätte

gesteuert werden können. «Das normale Leben in der Stadt,

Handel, gesellschaftliche und geschäftliche Kommunikation und

Verbindungen haben praktisch zu existieren aufgehört», schrieb

der Distriktskommissar J. H. H. Pollock am 20. März. Jüdische

paramilitärische Einheiten hatten mittlerweile die jüdischen

Wohnbezirke voll unter ihre Kontrolle gebracht, und bewaffnete

Araber kontrollierten das Jaffa-, Damaskus- und St. Stephanstor

in die Altstadt. Einige Abteilungen der Regierung wurden «in

jüdische und arabische Büros aufgeteilt, damit die Öffentlichkeit

leichteren Zugang zu ihnen hatte».30

Unterdessen wurde das jüdische Jerusalem von arabischen

Streitkräften belagert. Seine Versorgungsrouten auf der Straße

oder Schiene hinab zur Küste waren seit Februar blockiert, und

die Wasserversorgung gefährdet. Am 2. April schlug die

Haganah mit ihrer Operation Nachschon los, um die

Straßenverbindung nach Tel Aviv wieder zu öffnen und die

belagerte jüdische Bevölkerung mit Nachschub zu versorgen. In

dieser Nacht stürmte eine Kompanie der Palmach (einer

Elitetruppe der Haganah) das Dorf Qastal, das auf einem Hügel

am westlichen Zugang zu Jerusalem lag. Nach einem

Gegenangriff wurde Abd al-Qader al-Husayni, der Kommandeur

der arabischen Kräfte in diesem Gebiet, getötet.31 Er wurde auf

dem Haram nahe dem Grab seines Vaters, des früheren

Jerusalemer Bürgermeisters Musa Qasem Pascha al-Husayni,

beigesetzt. Die Kämpfe zogen sich einige Tage hin, bis das Dorf

am 9. April endgültig von der Haganah erobert und dem

-206-

Erdboden gleichgemacht wurde. Dieser Sieg öffnete die Straße

zwischen Jerusalem und Tel Aviv wieder für den jüdischen

Verkehr. Zwischen dem 15. und 17. April schafften zwei

Lastwagenkonvois insgesamt 1500 Tonnen Lebensmittel nach

Jerusalem. Ein dritter Konvoi am 20. April wurde jedoch

überfallen und erlitt schwere Verluste. Danach war die Straße

bis zum Juni für Juden nur selten passierbar.

Die Teilung auf dem Gebiet der Verwaltung schritt weiter

voran; gleichzeitig wurden nun die militärischen Linien

ausgesteckt. Über mehrere Wochen hin versucht Graves, eine

halbformelle Trennung der städtischen Vermögensstücke und

Funktionen zu erreichen, wofür er die Unterstützung örtlicher

jüdischer und arabischer Politiker zu gewinnen versuchte. Am

25. April notierte er:

Die Regierung hat mich angewiesen, den neuen jüdischen

Stadtausschuss, der, mit Auster als Vorsitzendem, eingesetzt

wurde, um sich um das jüdische Gebiet zu kümmern - sozusagen

inoffiziell -, anzuerkennen. Momentan anstehende und

wahrscheinlich umzusetzende Vorkehrungen sind 1. die

Kommission zu einem Beschluss zu bewegen, der die

Zeichnungsbefugnis auf unserer Seite dem Schatzmeister und

dem betreffenden amtierenden Abteilungsleiter und auf der

Zweigstelle Auster und Boury erteilt; 2. alle wichtigen Archive,

Eigentumsurkunden, Stadtplanungsakten etc. sicher

unterzubringen, am besten in einem Kloster; 3. zwischen den

beiden Ämtern alle Bargeldbestände aufzuteilen, die nach

Auszahlung der Löhne für Mai und Juni übrig bleiben... 4. die

Wasserregelungen so zu belassen, wie sie sind, und zu hoffen,

dass sich niemand an der Versorgung vergreift.32

Die städtischen Finanzen wurden in zwei Hälften geteilt.

Anfang Mai wurde Daniel Auster ein Scheck über 30000

-207-

palästinensische Pfund zugunsten des jüdischen Teils der Stadt

ausgestellt; er reichte ihn sofort bei der Anglo-Palestine Bank

ein. Kurz darauf wurde ein Scheck über 27500 Pfund (der Grund

für den unterschiedlichen Betrag ist nicht bekannt) Anton Safieh

als dem Repräsentanten des arabischen Teils ausgehändigt.

Unglücklicherweise hatte zu der Zeit, als der Scheck ausgestellt

wurde, keine Bank geöffnet, weshalb Safieh den Scheck in

einem Safe in der Stadtverwaltung deponierte. Später wurde das

Gebäude im Verlauf der Kämpfe beschädigt, und als Safieh

Ende Juni unter freiem Geleit der Vereinten Nationen

wiederkam, waren Scheck und Safe verschwunden.33 Ein Teil

des Geldes scheint jedoch später die arabische Stadtverwaltung

auf dem Weg über die Barclays Bank in Zypern doch erreicht zu

haben.34

Nachdem Richard Graves knapp einer Schießerei entkommen

war, verließ er am 28. April das Land. Als er nach Norden in

Richtung Ramallah fuhr, begegnete er Brigadekommandeur

John Glubb mit einer Einheit der Arabischen Legion. «Man

konnte nicht verhehlen, dass seine Position als britischer

Offizier und Befehlshaber einer arabischen Streitmacht, die sich

in einem Krieg gegen die Juden befand, den man weder heiß

noch kalt nennen konnte, ziemlich zwiespältig war.»35 Zu dieser

Zeit hatte sich die Stadtverwaltung ganz aufgelöst, und die Stadt

befand sich im Zustand des offenen Krieges. Irakische Truppen

hatten die Jerusalemer Wasserversorgungsstation in Ras al-Ain

besetzt. Die Luftpost aus Jerusalem funktionierte nicht mehr,

und die Haupttelefonleitungen taten es nur noch zeitweilig.

Zwei blutige Vorfälle markierten die Eskalation der Gewalt

und beeinflussten auf Dauer die Einstellungen von Arabern und

Juden. Am 9. April drang eine Einheit der

Untergrundorganisation Irgun Zwai Leumi in das ein wenig

westlich von Jerusalem gelegene Dorf Deir Jassin ein und

massakrierte mindestens 100 Araber (zeitgenössischen

Berichten zufolge gab es bis zu 250 Opfer), darunter viele

-208-

Zivilisten, auch Frauen und Kinder. Der Vorfall fand ein breites

Medienecho und hatte zur Folge, dass eine Welle der Panik und

Entmutigung das arabische Palästina erfasste. Viele der noch in

gemischten Wohngebieten Jerusalems lebenden Araber flohen.

Vier Tage später rächten sich die Araber: Sie überfielen einen

Konvoi von Ärzten und Krankenschwestern, der zum Hadassa-

Hospital auf dem Skopusberg unterwegs war, und töteten

siebenundsiebzig Menschen. Danach folgten scharfe Vorwürfe

von jüdischer Seite, dass in der Nähe befindliche britische

Militäreinheiten nicht effektiv eingegriffen hätten.

Hochkommissar und Armee wiesen die Beschwerden zurück

und schrieben die Todesfälle der «selbstmörderischen Haltung

der jüdischen Fahrzeuginsassen» zu, die von einem britischen

Offizier gedrängt worden seien, in einen gepanzerten britischen

Transporter umzusteigen, der in der Nähe angehalten hatte,

«aber nicht überredet werden konnten, die wenigen Meter

zwischen den Fahrzeugen zurückzulegen».36 Später gab ein

britischer Beamter folgenden Kommentar dazu ab: «Die

Militärbehörden in Palästina waren über den unbeherrschten

Ausbruch jüdischen Selbstmitleids anlässlich dieses Desasters

sehr verärgert. Viel mehr Menschen wären gerettet worden,

hätten sie über das Minimum an Entschlusskraft verfügt, die

nötig war, um sich Major Churchills tapfere Aktion zunutze zu

machen.»37

Diese schockierenden Ereignisse zeigten, dass die Briten in

Palästina keine Autorität mehr hatten. Juden und Araber

verließen sich inzwischen für ihre Sicherheit auf ihre eigenen

Ressourcen. Es gab jedoch einen deutlichen Unterschied

zwischen dem Grad des Vorbereitetseins auf beiden Seiten. In

der letzten Aprilwoche schätzten die Briten die Zahl der in

Jerusalem mobilisierten Juden auf 7000 Mann. Im Gegensatz

dazu war die arabische Seite in Jerusalem wie überhaupt in

Palästina militärisch desorganisiert. Der Hochkommissar

berichtete, dass die «Araber in Jerusalem entweder unter gar

-209-

keiner Kontrolle sind oder den Befehlen einer Reihe irakischer

und syrischer Militärs folgen. Die Aktivitäten des Hohen

Arabischen Komitees, von dem nur ein effektives Mitglied hier

ist, sowie des örtlichen arabischen Nationalkomitees sind völlig

unkoordiniert.»38

Das Blutvergießen veranlasste nun auch die Vereinten

Nationen zum Handeln. Am 16. April trat die Vollversammlung

zu einer Sondersitzung zusammen, um über die Palästina-Frage

zu beraten. Man beschloss, eine Waffenstillstandskommission

einzusetzen, die aus den «Konsularbeamten derjenigen

Mitglieder des Sicherheitsrates bestehen sollte, die über

Vertreter in Jerusalem verfügten». Die vier in Frage kommenden

Staaten waren Belgien, Frankreich, Syrien und die Vereinigten

Staaten, aber der syrische Vertreter im Sicherheitsrat ließ

durchblicken, dass sein Land nicht auf einer Teilnahme bestehen

werde.39 Die drei verbleibenden Konsuln - Jean Nieuwenhuys

(Belgien), René Neuville (Frankreich) und Thomas Wasson

(USA) - wurden angewiesen, einen Waffenstillstand in

Jerusalem herbeizuführen. Azcárate, dessen Rolle als

Vorsitzender der «Vorhut» der UN-Palästina-Kommission

offenkundig völlig sinnlos war, wurde zum Sekretär der

Waffenstillstandskommission ernannt. Die Konsuln gingen mit

Mut und Verantwortungsbewusstsein an ihre Aufgabe. Ständig

wurden sie von allen Seiten beschossen, und der Vorsitzende

Nieuwenhuys büßte auf der Fahrt von oder zu seiner Residenz in

Talbieh seine beiden Privatwagen ein. Diese letzte Erinnerung

an die einst große Zeit konsularischer Autorität in der Stadt

brachte kein Ende der Kämpfe zuwege und sollte ein tragisches

Ende finden.

Ebenfalls am 16. April beschloss die Palästina-Kommission,

unverzüglich eine Polizeitruppe für Jerusalem aufzustellen, als

deren Kern man «ungefähr zweihundert britische Angehörige

der bestehenden Palestine Police Force verwenden wollte, die

zugesagt hatten, in den Dienst eintreten zu wollen».40 Aber die

-210-

Kämpfe in Jerusalem waren mittlerweile so heftig, dass eine

derart kleine Polizeitruppe zur Wiederherstellung des Friedens

ungeeignet war. Der Hochkommissar berichtete, es hätten sich

nicht zweihundert, sondern fünfzig Freiwillige gemeldet - und

diese seien zumeist «jung und unerfahren». Die meisten

Mitglieder des bestehenden britischen Polizeikorps hätten

ohnehin inzwischen «andere Pläne».41 Kurz darauf - im UNHauptquartier

herrschte ein heilloses Durcheinander - erhielt die

Kommission die Anweisung, ihre Bemühungen um die

Rekrutierung einer Polizeitruppe auszusetzen.42

Am 21. April, nur mehr acht Tage vor Ablauf der von der

Generalversammlung im November 1947 beschlossenen

Fünfmonatsfrist, stimmte der Treuhandausschuss endgültig dem

Verfassungsstatut für Jerusalem zu. Die Araber wollten immer

noch nichts damit zu tun haben, aber auch die Zionisten waren

nicht in jeder Beziehung davon angetan. Der aus ihrer Sicht

gewichtigste Mangel des Statuts war, dass darin ein Legislativrat

vorgesehen war, der aus achtzehn Juden, achtzehn Arabern und

vier «anderen» bestehen sollte. Bei diesen würde es sich -

infolge der Hartnäckigkeit des französischen Delegierten fast

zweifellos um Christen handeln. Die Juden würden somit in der

Legislative ständig in der Minderheit sein. Die für die Zionisten

noch verbliebene Verbindlichkeit der Internationalisierung

Jerusalems schwand noch mehr dahin.

Fünf Tage darauf gab die Generalversammlung dem

Treuhandrat den Auftrag, einen Plan für den Schutz Jerusalems

und seiner Einwohner auszuarbeiten, aber es war klar, dass man

auf internationaler Basis nicht willens war, die dafür nötigen

Truppen bereitzustellen. Nach einer geheim gehaltenen

Einschätzung vom selben Tag durch General Silverthorn vom

US-Marine Corps waren nicht weniger als 33000 Mann nötig,

um die Sicherheit zu garantieren.43 Am 27. April wies der

französische Delegierte Garreau in einer eloquenten Rede darauf

hin, dass Jerusalem sich «in einem Zustand des Chaos» befinde

-211-

und seine Bevölkerung Gefahr laufe «zum Teil vernichtet zu

werden». Er schlug die sofortige Entsendung eines UNBeauftragten

vor mit der Vollmacht, eine zumindest

«symbolische Truppe von tausend Mann» aufzustellen.44

Vertreter der palästinensischen Araber und der Zionisten wurden

aufgefordert, hierzu Stellung zu beziehen. Jamal al-Husayni, ein

Neffe des Mufti, erklärte stellvertretend für das Hohe Arabische

Komitee, dass die Araber gegen die Entsendung ausländischer

Truppen oder Polizisten nach Palästina seien. Wenn man

dennoch, entgegen ihren Wünschen, eine solche Truppe

entsende, werde man sich ihr nicht widersetzen, aber auch in

keiner Weise mit ihr zusammenarbeiten, da sie nach ihrer

Meinung letztendlich dazu benutzt werden würde, dem Land die

Teilung aufzunötigen. Schertok, der für die Zionisten sprach,

stimmte dem Vorschlag unter der Bedingung zu, dass die

Truppe nicht nur die Sicherheit in Jerusalem aufrechterhalten,

sondern auch die Zugangswege zur Stadt schützen werde. Und

er fügte hinzu, dass mehrere Tausend Soldaten benötigt würden

statt einer kleinen Polizeitruppe. Am 29. April gab der britische

Delegierte bekannt, dass sich die Lage in Jerusalem «in den

letzten Tagen sehr rapide verschlechtert habe. Die effektive

Macht der Regierung sei praktisch am Ende ». Nach weiterer

Debatte ging der Rat ohne Beschluss auseinander.45

Am 30. April schlugen die Vereinigten Staaten eine

«provisorische» Treuhandverwaltung nur für das Stadtgebiet

von Jerusalem vor. Der amerikanische Vertreter im UNTreuhandrat

erklärte, dass diese Abmachung «natürlich in den

Treuhandplan für Palästina als Ganzes eingegliedert würde,

wenn die Vollversammlung einen solchen Plan befürwortet».46

Jamal al-Husayni lehnte den amerikanischen Vorschlag ab, weil

er zwangsläufig «Palästina dem Teilungsvorhaben näher

bringe». Schertok sagte, die Jewish Age ncy akzeptiere «den

Grundsatz einer internationalen Regelung für Jerusalem, sei aber

gegen die Treuhandverwaltung irgendeines Teils von Palästina,

-212-

in dem das jüdische Volk wichtige Interessen habe». Die

Sowjetunion opponierte vehement gegen die

Treuhandverwaltung, sowohl hinsichtlich Jerusalems als auch

ganz Palästinas.47 Die amerikanische Diplomatie trommelte

noch bis zum 14. Mai für ihre geplante Treuhandverwaltung,

fand aber nicht die dafür notwendige Unterstützung.

Am 6. Mai stimmte die Vollversammlung mit dem

Einverständnis der arabischen und zionistischen Vertreter der

Ernennung eines «Speziellen Städtischen Kommissars» zu, der

die Funktionen des amtierenden Bürgermeisters übernehmen

solle, die zuvor von Richard Graves ausgeübt worden waren.

Man betrachtete dies jedoch als eine rein städtische Ernennung,

anders als die des im Jerusalem-Statut vorgesehenen

Gouverneurs. Am 11. Mai bevollmächtigte ein Erlass über die

Stadtverwaltung den Hochkommissar zur Berufung eines

derartigen Kommissars «zur Weiterführung der städtischen

Regierung in Jerusalem».48 Der zu Ernennende solle über

«absolute Ermessensfreiheit» und nahezu unbegrenzte

Kompetenzen verfügen, auch wenn seine Zuständigkeit nur

innerhalb der Stadtgrenzen und nicht im weiteren, für den Staat

Jerusalem vorgesehenen Areal des Corpus separatum galt.

Für den Posten hatte man sich auf Percy C. Clarke, den

Generaldirektor der Barclays Bank in Jerusalem, geeinigt, aber

dem fehlte dazu der Mumm. Daraufhin fiel die Wahl auf Harold

Evans, einen Anwalt aus Philadelphia. In der Hast der

Selbstauflösung der Mandatsregierung versäumte es jedoch der

Hochkommissar, vor seiner Abreise aus Jerusalem den

Berufenen in aller Form zu ernennen.49 In rechtlicher Hinsicht

war dessen Ernennung also eine dubiose Angelegenheit, aber in

einer öffentlichen Erklärung wurde das Gegenteil behauptet.50

Evans, der ein Quäker war, hatte aber ohnehin schon verkündet,

dass er keine militärische Eskorte akzeptieren und sein Amt erst

antreten werde, wenn in Jerusalem wieder Friede herrsche. In

optimistischer Stimmung begab er sich am 23. Mai nach Kairo,

-213-

um dort diese glückliche Wendung der Dinge abzuwarten.

Evans warf dann doch seine Skrupel über Bord und fuhr im Juni

auf Besuch nach Jerusalem. Als ihn das, was er vor Ort sah, von

einem bevorstehenden Frieden nicht überzeugen konnte,

verkündete er seinen Rücktritt, blieb allerdings bis Februar 1949

weiterhin auf der Gehaltsliste der Vereinten Nationen - «ein

vorübergehendes, peinlich berührtes Phantom», wie ihn der

britische UN-Delegierte Cadogan nannte.51

Wiederholte Bemühungen seitens der Vereinten Nationen und

auch des Hochkommissars, in Jerusalem das Feuer einzustellen,

führten zu keinem Erfolg. Dann versuchte es das Internationale

Rote Kreuz, dessen Delegierter Jacques de Reynier forderte, aus

Jerusalem eine «Rote-Kreuz-Stadt» zu machen. Die

Waffenstillstandskommission der Konsuln hielte die Idee für

«zu vage», erörterte sie aber dennoch am 9. Mai bei einem

Treffen mit dem Hochkommissar. Der französische

Generalkonsul Neuville «wies darauf hin, dass, wenn der

Vorschlag des Roten Kreuzes angenommen und sich nicht

innerhalb weniger Tage als wirksam herausstellen würde, was

nach seiner Meinung geschehen werde, die Engländer dann

nicht mehr da wären und die Kämpfe von neuem beginnen

würden». Mit allem Nachdruck «betonte er die Wichtigkeit des

Zeitverlusts, sechs Tage, bevor das Mandat abliefe». Aber der

Hochkommissar gab ihm in einem absurden letzten Ausbruch

von starrsinniger Realitätsferne einfach nur zur Antwort, «dass

er bis zum 15. Mai die Kompetenz und die Macht habe, um die

Entscheidung zu treffen, die ihm als die beste erscheine».52 Als

der Plan des Roten Kreuzes drei Tage später dem Sicherheitsrat

mitgeteilt wurde, lehnte ihn Gromyko höhnisch ab:

Wer hat je die Verwaltung einer Stadt oder eines Landes dem

Roten Kreuz anvertraut? Keiner wäre je auf eine solche Idee

gekommen. Und doch haben wir einen Vorschlag vor uns, das

Rote Kreuz zum Herrn von Jerusalem zu machen. Unnötig zu

-214-

sagen, dass dies offensichtlich darauf hinausliefe, zwei oder drei

Länder [Gromyko meinte offenbar die Westmächte] zu Herren

zu machen, die das Rote Kreuz als ihr Instrument benutzen

würden, um in Jerusalem das von ihnen als notwendig erachtete

Regime zu etablieren.53

Reynier setzte seine gut gemeinten Aktivitäten in Jerusalem

zwar fort, aber ohne besonderen Erfolg.

Am 14. Mai verließ um acht Uhr morgens Sir Alan

Cunningham seinen Regierungssitz zum letzten Mal. Sein

Abgang war das traurige Gegenbild zur Würde des Einzugs des

ersten Hochkommissars, Sir Herbert Samuel, im Jahre 1920.

Cunningham inspizierte eine Ehrengarde, dann wurde die

britische Fahne auf dem Gebäude eingezogen und durch die

Flagge des Roten Kreuzes ersetzt. Ein paar Tage später nutzte

eine Gruppe von Beduinen den Abzug der Wachen von dem

Gelände und schlug dort mit ihren Kamelen ihr Lager auf.

Im Gegensatz zu den meisten anderen Mächten hinterließ

Großbritannien keinen Konsul in Jerusalem, weil dieser

während der Mandatszeit selbstverständlich nicht nötig gewesen

war. Zu Ende des Mandats stellte man fest, dass es angeraten

sei, auch einen Repräsentanten der britischen Regierung in der

Stadt zu haben. Sir Hugh Dow war zum Generalkonsul

designiert, aber noch nicht formell ernannt worden, «um nicht in

irgendeiner Hinsicht die Situation de facto oder de iure zu

präjudizieren».54 Im letzten Moment war der Hochkommissar

ermächtigt worden, die Schaffung eines Konsulats zu verkünden

und sich selbst zum Konsul zu etablieren.55 Man darf noch einen

weiteren Grund für diese seltsame diplomatische

Abschiedsvorstellung unterstellen: Die Errichtung eines

Konsulats sorgte für eine Tarnung für die fortdauernde britische

Geheimdiensttätigkeit in Jerusalem.

Es war darum durchaus angemessen, dass Cunninghams letzte

-215-

Schritte in Jerusalem vom frisch eingesetzten Vizekonsul Nigel

Clive genau verfolgt wurden. Der kletterte aufs Dach des

Konsulats, um zu sehen, wie die kleine Prozession des

Hochkommissars den St. Ludwigsweg hinunterkroch, am

Damaskustor links auf die Straße nach Ramallah abbog und

dann Richtung Haifa weiterfuhr... Sein Wagen, dem ein kleiner

Panzerwagen vorausfuhr, war um etwa 8.30 Uhr außer Sicht. Ich

denke, sein früher Start muss vergleichsweise geheim gehalten

worden sein, weil jenseits des Damaskustors sich nicht mehr als

zwanzig Araber aufgehalten haben können, wovon eine

Handvoll kindisch in die Hände klatschte und einer salutierte.

Dieser Salut wurde erwidert. Auf diese Weise verließ der siebte

und letzte Hochkommissar Jerusalem... Ich fand, dass eine

Abreise in irgendeiner Art Sturm oder Feuergefecht ein

passenderes Ende seiner Amtszeit gewesen wäre. Aber es wurde

nur drei- oder viermal geklatscht, als er wegfuhr. Und das auch

nicht stürmisch, sondern eher gequält.56

Der abgereiste Hochkommissar blieb bis zum 24. Mai eine

Art abwesender Konsul in partibus; dann wurde Dows Stellung

formalisiert.

-216-

Ein militärisch-diplomatisches

Täuschungsmanöver

Noch bevor der Hochkommissar palästinensischen Boden

verlassen hatte, ergriffen die Zionisten die Initiative und riefen

am Nachmittag des 14. Mai in einer Zeremonie in Tel Aviv die

Gründung des Staates Israel aus. David Ben Gurion wurde als

Ministerpräsident der provisorischen Regierung vereidigt, und

Mosche Schertok wurde Außenminister. In der

Unabhängigkeitserklärung wurde Jerusalem nicht erwähnt, und

für den neuen Staat wurde auch keine Hauptstadt bestimmt. Eine

spätere Verlautbarung des Repräsentanten der Jewish Agency

bei den Vereinten Nationen ließ erkennen, dass Tel Aviv der

Regierungssitz sein würde.

Die Jerusalempolitik der israelischen Regierung war zum Teil

von der Furcht vor der «Saat der Spaltung» von Jerusalemer

Juden bestimmt, die sich der Autorität der Führung der

Hauptströmung innerhalb der zionistischen Bewegung

widersetzten.57 Die Stadt war eine Hochburg der

paramilitärischen Organisationen Irgun Zwai Leumi und Lechi

(von den Briten Stern-Bande genannt). Darüber hinaus hatte die

antizionistische Agudat-Israel-Bewegung, die die Interessen der

ultraorthodoxen Bevölkerung vertrat, eine starke

Anhängerschaft in der Stadt. Jeder Versuch jüdischer

Minderheitengruppen, sich auf lokaler Ebene die Macht zu

verschaffen, wäre ein gewaltiger Propagandacoup gewesen und

hätte das Ansehen der Mehrheitszionisten untergraben. Darum

machten diese sich daran, die von Juden bewohnten Teile der

Stadt politisch und militärisch fest im Griff zu halten.

Die untereinander uneinigen und desorientierten

palästinensischen Araber erwiesen sich als unfähig, in dem

-217-

Gebiet Palästinas, das ihnen von den Vereinten Nationen für

einen arabischen Staat zugewiesen worden war, parallele

Aktionen durchzuführen. Erst am 30. September rief der Mufti

(oder «Ex-Mufti», wie ihn die Briten nannten) in dem von

Ägypten besetzten Gazastreifen die Schaffung einer

«gesamtpalästinensischen Regierung» aus. Völlig von Ägypten

abhängig und außerhalb der Zeltlager der Flüchtlinge im

Gazastreifen ohne jegliche Machtbefugnis, war sie eher eine

bemitleidenswerte Angelegenheit. Jerusalem wurde zur

Hauptstadt Palästinas erklärt, obwohl der Mufti keinen Fuß dort

hineinsetzen konnte. Selbst im Gazastreifen blieb die politische

Kontrolle fest in Händen der ägyptischen Militärregierung,

während die Verwaltung öffentlicher Dienstleistungen wie

Schul- und Gesundheitswesen der United Nations Relief and

Works Administration (UNRWA), dem Hilfswerk der Vereinten

Nationen für die Palästinaflüchtlinge, zufiel. Zwei Wochen nach

der ersten Erklärung der palästinensischen Unabhängigkeit

wurde der Mufti von den Ägyptern mit militärischer Eskorte

nach Kairo verbracht.

Unterdessen kämpften israelische und arabische Streitkräfte

um das Land - und um Jerusalem. Man schätzt, dass nach dem

14. Mai im Verlauf von drei Wochen 10000 Granaten in

Jerusalem abgefeuert wurden. In den ersten vier Wochen gab es

im israelischen Jerusalem 1738 Opfer (darunter 316 Tote),

vorwiegend Zivilisten; die arabischen Verluste waren mit

Sicherheit noch höher. Zu den von Granatfeuer getroffenen

Gebäuden gehörten auch das französische, griechische und

spanische Konsulat. Mitte Mai hatte die Haganah die meisten

jüdischen Gebiete der Neustadt unter ihrer Kontrolle und hielt

sich, wenn auch unsicher, im jüdischen Viertel der Altstadt. In

mehreren Fällen, so etwa in «Bevingrad», übergaben britische

Kommandeure Gebäude an jüdische Streitkräfte.58 Am 18. Mai

nahmen Palmach-Anhänger den Zionsberg ein. Arabische Kräfte

kontrollierten den größten Teil der Altstadt und einige arabische

-218-

Bezirke der Neustadt, aber in mehreren Bereichen der Stadt

waren wilde Hauszu-Haus-Kämpfe im Gang.

Zwar hatten die allgemeinen Konturen eines geteilten

Jerusalem infolge der «spontanen Teilung» bereits Gestalt

angenommen, aber der genaue Verlauf der Trennungslinie

wurde erst jetzt in Kämpfen zwischen regulären Streitkräften

ausgefochten. Man fragt sich, warum diese schweren Kämpfe in

Jerusalem weitergingen, da doch sowohl die Zionisten als auch

König Abdullah ursprünglich bereit waren, sich an den

Internationalisierungsplan der Vereinten Nationen für Jerusalem

zu halten, und zwischen ihnen auch grundsätzlich Einvernehmen

über die Aufteilung des restlichen Landes unter ihnen bestand.

Ein Grund dafür war der impulsive und in sich

widerspruchsvolle Charakter des Herrschers von

Transjordanien. Lebenslang trieb ihn der Ehrgeiz, auf dem

Thron von Großsyrien zu sitzen, von dem sein Bruder Faisal

1921 von den Franzosen auf rüde Weise vertrieben worden war.

Die Herrschaft über Palästina wäre ein Schritt in dieser

Richtung. In den zwanziger Jahren hatte er den Zionisten

angeboten, mit ihnen zusammenzuarbeiten, wenn sie ihn im

Gegenzug bei seinen Thronansprüchen unterstützten. Als sich

das Mandat in Trümmer auflöste, sah er endlich die Gelegenheit,

dem Mufti, seinem verhassten Feind, eins auszuwischen. Bei

zwei Besuchen in Jerusalem in den Jahren 1945 und 1946

bemühte sich Abdullah darum, seinen Einfluss unter örtlichen

Politikern, die gegen die Husaynis waren, zu festigen. Die

Briten, die auf den Mufti nicht besser zu sprechen waren, gaben

Abdullah diplomatischen Rückhalt und geheimdienstliche

Hilfestellung. Im März 1946 unterzeichneten sie mit ihm einen

Vertrag, in dem Transjordaniens Unabhängigkeit anerkannt

wurde, obwohl in der Realität der britische Einfluss in seinem

Land bis 1956 überragend blieb. Bei einem Treffen mit dem

transjordanischen Ministerpräsident Tawfiq Abdul Huda im

Januar 1948 in London billigte Außenminister Bevin die

-219-

Verlegung der Arabischen Legion in jenen Teil Palästinas, der

von den Vereinten Nationen einem arabischen Staat zugewiesen

worden war.59 Zugleich unterzeichneten Großbritannien und

Transjordanien einen weiteren Vertrag, wonach London

weiterhin die Kosten für die Arabische Legion mit £ 2 Millionen

im Jahr plus £ 500000 für militärische Ausrüstung

subventionierte.60

Das einzige Gebiet, über das Abdullah keinerlei

Verständigung erreicht hatte, weder mit den Briten noch mit den

Zionisten, war Jerusalem. Hier waren, wie auch anderswo,

bereits einige Einheiten der Arabischen Legion unter britischem

Kommando stationiert. Diese Truppe war die disziplinierteste

von allen arabischen Streitkräften und beteiligte sich im großen

und ganzen erst nach dem Ende des Mandats an den Kämpfen in

der Stadt. Schertok beklagte sich am 16. April gegenüber dem

Sicherheitsrat heftig darüber, dass die Arabische Legion, «die

heute einen integralen Bestandteil der britischen Streitkräfte in

Palästina ausmacht», «wichtige jüdische Zentren» besetzt halte.

Der britische Vertreter wiederholte daraufhin eine schon früher

geäußerte Versicherung, «dass die Einheiten der Arabischen

Legion in Palästina vor Ablauf des Mandats abgezogen werden

würden».61 Eine Woche später meldete der ukrainische Vertreter

jedoch Zweifel an. Angesichts einer Verlautbarung, wonach

zusätzliche Kräfte der Legion nach Palästina verlegt würden,

fragte er Sir Alexander Cadogan: «Woran sollen wir denn nun

glauben: an seine offizielle, im Namen der Regierung des

Vereinigten Königreichs gemachte Aussage, oder an die

gegenteilige Aussage und an die Aktionen des Königs von

Transjordanien, der von den Briten bezahlt wird und ohne ihre

Erlaubnis weder einen Schritt tun noch eine politische

Entscheidung treffen kann?»62 Cadogan hielt es für unter seiner

Würde, darauf zu antworten, aber die Arabische Legion spielte

bei der Aufteilung Jerusalems während der folgenden Wochen

eine entscheidende Rolle.

-220-

Abdullah schwankte unterdessen zwischen öffentlicher

Kriegswilligkeit und privaten Versuchen zur Festigung seines

Einvernehmens mit den Zionisten hin und her. Zwei Wochen

vor dem Ende der Mandatszeit schlug er vor, eine Streitmacht

nach Jerusalem zu führen, um unverzüglich die Heiligen Stätten

zu beschützen; auf Anraten des britischen Gesandten in Amman

zog er diese Drohung dann wieder zurück.63 Am 13. Mai zog

Brigadegeneral Glubb («Glubb Pascha»), der britische

Oberbefehlshaber der Arabischen Legion, sämtliche Kräfte

seiner Truppe aus der Stadt ab, wie es Cadogan vor den

Vereinten Nationen versprochen hatte. In diesem Stadium

erweckte Glubb den Anschein, als hoffe er, eine Waffenruhe

zwischen den Juden und arabischen Freischärlern in der Stadt zu

erreichen. Am selben Tag informierte der oberste britische

Stabsoffizier in Jerusalem den Verbindungsoffizier der Haganah

offiziell davon, dass die Arabische Legion nicht mehr unter

britischem Kommando stehe.64 Im UN-Sicherheitsrat las

Cadogan am 15. Mai ein Telegramm vor, das am Vortag um

18.43 Uhr Londoner Zeit vom Kriegsministerium abgesandt

worden war. Darin hieß es, dass «alle Kompanien der

Arabischen Legion mit Ausnahme von zwei Kompanien

Palästina bereits Richtung Transjordanien verlassen haben. Der

kommandierende General in Palästina hat heute morgen

telegraphiert, dass die beiden letzten Kompanien heute abziehen

werden.»65

Diese britischen Aussagen waren formal korrekt, aber

praktisch gesehen war der Rückzug der Legion nicht mehr als

eine militärisch-diplomatische Pantomime. Glubbs Dienst als

britischer Offizier in der Arabischen Legion hörte mit dem Ende

des britischen Mandats auf. Von nun an hieß es, er und seine

sechsunddreißig britischen Offizierskameraden in der Legion

seien Söldner, die von der britischen Regierung keine Befehle

mehr annähmen. Formell gesehen war das nicht ganz falsch,

denn sechzehn von ihnen wurden direkt von den

-221-

Transjordaniern eingestellt; die restlichen wurden von den

britischen Streitkräften abkommandiert.66 Aber es besteht kein

Zweifel darüber, dass Glubb sich auch weiterhin an die in

London, nicht etwa in Amman, formulierten politischen

Grundlinien hielt, und er sandte auch weiterhin seine Berichte

an das Londoner Kriegsministerium. Seine wirkliche Position

als getreuer Exekutor britischer Interessen änderte sich de facto

nicht. Der Abzug der Truppen der Arabischen Legion über den

Jordan war mehr ein diplomatisches Täuschungsmanöver als ein

militärischer Rückzug. Sobald das Mandat endete, kreuzte die

Arabische Legion den Jordan wieder in entgegengesetzter

Richtung, rechtlich gesehen jetzt als transjordanische und nicht

mehr britische Truppe.

In einem Telegramm an den UN-Generalsekretär erklärte

Abdullah, den königlichen Plural verwendend, am 16. Mai den

Vorgang wie folgt:

Wir waren gezwungen, Palästina zu betreten, um

unbewaffnete Araber vor Massakern ähnlich jenen von Deir

Jasin zu schützen. Wir sind uns unserer nationalen Pflicht

gegenüber Palästina im allgemeinen und Jerusalem im

besonderen sowie Nazareth und Bethlehem bewusst. Seien Sie

versichert, dass wir in Zusammenhang mit Juden in Palästina

sehr rücksichtsvoll sein werden, während wir zugleich das volle

Recht der Araber in Palästina verteidigen werden. Der

Zionismus hat auf unsere Angebote, die wir vor dem Einmarsch

unserer Streitkräfte gemacht haben, nicht geantwortet.67

Der letzte Satz war eine Anspielung auf den ergebnislosen

Ausgang seiner letzten Kontaktaufnahme mit den Zionisten.

Am nächsten Tag ordnete Abdullah - über Glubbs Kopf

hinweg die Rückkehr der Legion nach Jerusalem an. Die

Entscheidung soll als Reaktion auf verzweifelte Botschaften von

-222-

Arabern aus der Stadt getroffen worden sein. In der Tat gab es

solche Hilferufe: «Wenn ihr uns nicht sofort rettet, wird

Jerusalem endgültig den Juden in die Hände fallen», lautete ein

solches Telegramm.68 Dass die Briten wirklich etwas gegen die

Rückkehr der Arabischen Legion in die Stadt hatten, darf

bezweifelt werden. Ein weiteres Mal wollten die Briten

öffentlich keine Verantwortung für etwas übernehmen, das sie

sich insgeheim wünschten. Ein Befehl Glubbs, die Legion solle

nach Jerusalem zurückkehren, wäre möglicherweise als Vorgang

betrachtet worden, der die Briten in einen Angriffskrieg gegen

das für die Vereinten Nationen bestimmte Gebiet verwickelt

hätte. Darum gab man Abdullah die Gelegenheit, in den Augen

arabischer Nationalisten zu glänzen, indem er selbst den Befehl

dazu erteilte. Am 17. Mai um 11.30 Uhr erhielt Glubb den

königlichen Befehl, «aus Richtung Ramallah nach Jerusalem

vorzurücken».69 Der behauptete später, aus militärischen

Gründen erhebliche Zweifel an der Durchführbarkeit des

Befehls gehabt zu haben, aber er folgte ihm, ohne viel Zeit zu

verlieren. Am folgenden Tag rückten Truppen der Arabischen

Legion in Jerusalem ein, wo es zu ernsthaften Feindseligkeiten

kam. Am Ende gelang es der Legion, den größten Teil der

Osthälfte Jerusalems einschließlich der Altstadt zu halten. Für

die Briten war es eine peinliche Lage, aber besonders

aufgebracht waren sie über diese Entwicklung nicht. Sir Alec

Kirkbride, der britische Gesandte in Amman, war zwar

angewiesen worden, Abdullah vor einem Angriff auf Jerusalem

zu warnen, aber die Instruktionen trafen - entweder absichtlich

oder infolge eines glücklichen Zufalls - zu spät ein, und danach

trat Kirkbride voller Genugtuung für den Befehl des Königs und

Glubbs Gehorsam ein.

Die Teilnahme britischer Offiziere am Krieg in Jerusalem

blieb für die britische Regierung ein problematischer Punkt. Am

25. Mai riehteten die USA ein formelles Ersuchen an London,

alle britischen Offiziere «von jeglicher Teilnahme an den

-223-

Jerusalemer Kämpfen» zurückzuziehen. Begleitet war die

Botschaft von besorgniserregenden Gerüchten im

Haushaltsausschuss des amerikanischen Senats, in dem damals

die Bedingungen für ein Darlehen an Großbritannien diskutiert

wurden. So erging denn eine förmliche Instruktion an Kirkbride,

«keine Mühe zu scheuen, um sicherzustellen, dass Abdullah alle

britischen Offiziere abzieht».70 Am 27. Mai behauptete

Cadogan, an den Kämpfen in Jerusalem nähmen keine britischen

Offiziere teil.71 Aber dies war nur ein weiterer Fall einer

diplomatischen suggestio falsi. In einer Miniaturversion der

schon einmal dargebotenen Pantomime wurden die britischen

Offiziere für achtundvierzig Stunden zurückbeordert, so dass

öffentlich bestritten werden konnte, dass sie in Jerusalem seien;

kaum war die Rede vorüber, kehrten sie wieder zu ihren

üblichen Aufgaben zurück.72 Den zwanzig von der britischen

Armee abkommandierten Offizieren wurde befohlen, ihre

Teilnahme an den Kämpfen in Jerusalem am 30. Mai zu

beenden, aber die restlichen führten auch weiterhin ihre

Einheiten.

Glubb hatte die ganze Zeit den Oberbefehl über die Arabische

Legion, und sein Stellvertreter, Brigadekommandeur Norman

Lash, befehligte weiterhin die Jerusalemer Front. Ihr Hauptziel

war - und das stand im Einklang mit der Politik der britischen

Regierung -, die Übernahme der von den Vereinten Nationen für

einen arabischen Staat vorgesehenen Gebiete sowie, nach dem

17. Mai, der Altstadt und arabischen Gebiete des neuen

Jerusalem durch Transjordanien zu erleichtern.

-224-

Der Zusammenbruch des Corpus

separatum

Die Belagerung des jüdischen Viertels der Altstadt und der

vorwiegend jüdischen westlichen Bezirke der Neustadt dauerte

den ganzen Mai und setzte sich in den Juni hinein fort. Ein

geplanter Angriff auf die Hebräische Universität und das

Hadassa-Krankenhaus wurde jedoch von Abdullah am 24. Mai

storniert, nachdem Präsident Truman an die Briten appelliert

hatte, die Erhaltung dieser jüdischen Kulturinstitutionen zu

gewährleisten.73 Am 27. und 28. Mai verließen die noch

verbliebenen Einwohner das jüdische Viertel in der Altstadt; das

Areal wurde den Arabern überlassen. In der jüdischen Neustadt

herrschte große Lebensmittel- und Wasserknappheit, und Ende

Mai berichtete der israelische Militärgouverneur, dass es

Vorräte nur noch für eine Woche gebe. Trotz gewagter Parolen

von einem «neuen Stalingrad» befürchtete man, dass die Stadt

nicht durchhalten könne, wenn die Verbindungsroute zur Küste

nicht wieder geöffnet würde.

Für die Zeit bis zum Eintreffen des städtischen Kommissars

Evans wurde Azcárate zu seinem Stellvertreter ernannt.

Azcárate, dessen Büro in dem von Juden kontrollierten Sektor

der Stadt lag, sicherte sich von der entstehenden jüdischen

Stadtverwaltung das Versprechen, dass man mit ihm

zusammenarbeiten werde. Schwieriger war es für ihn, Partner

auf arabischer Seite zu finden. Darum begab er sich mit dem

belgischen Generalkonsul zu Abdullah nach Amman. Der König

empfing sie in Reithosen und saloppem Sakko. Als Azcárate die

Frage der Versorgung Jerusalems mit Wasser ansprach, brauste

der König auf und sagte, solange die Juden gegen die Araber

kämpften, werde kein Tropfen Wasser nach Jerusalem

gelangen.74 Ein paar Tage später machte sich Azcárate mit zwei

-225-

Führern und einem Esel auf den gefahrvollen Weg vom

israelisch in das arabisch kontrollierte Jerusalem. Als er im

Hauptquartier der Arabischen Legion ankam, teilte man ihm

mit, dass die Entscheidung gefallen sei, nicht mit der

Stadtverwaltungskommission der Vereinten Nationen zu

kooperieren. Außerstande, seine theoretische Zuständigkeit auch

in der Praxis durchzusetzen, wandte er sich mit einem Bericht an

Evans, der immer noch in Kairo seine Zeit absaß. Vivian (der

spätere Chaim) Herzog, der damals Verbindungsoffizier der

israelischen Armee zur UN-Waffenstillstandskommission war,

notierte am 21. Mai: «Bis jetzt hat sich Azcárate apathisch und

lethargisch aufgeführt und nicht einmal die Bürger davon

informiert, dass er der UN-Stadtverwaltungskommissar sei. In

der Tat war sich der Mann auf der Straße gar nicht bewusst, dass

es solch einen UN-Kommissar für Jerusalem überhaupt gab.»75

Auch die konsularische Waffenstillstandskommission

erreichte nicht viel. Im Sicherheitsrat beschrieb Gromyko sie

zutreffend, wenn auch etwas uncharmant, als «machtlos,

impotent, absolut zahnlos».76 Am 22. Mai ereilte die

Kommission ein tragischer Schicksalsschlag, als der

amerikanische Konsul Thomas Wasson auf dem Heimweg von

einer Sitzung im französischen Konsulat von einem

Heckenschützen tödlich verletzt wurde.

Inzwischen hatte in New York die Vollversammlung am 14.

Mai die wirkungslose Palästina-Kommission unter Vorsitz von

Lisicky wieder aufgelöst und die Ernennung eines Vermittlers

empfohlen. Für diese Position wurde Graf Folke Bernadotte, der

Präsident des schwedischen Roten Kreuzes, ausersehen. Der

Schwede, der während des Kriegs mit Himmler über die

Freilassung von KZ-Häftlingen verhandelt hatte, übernahm

seine neue Verantwortung am 21. Mai und machte sich als erstes

daran, eine Feuerpause auszuhandeln. Zunächst schienen die

Vorzeichen dafür nicht ganz aussichtslos. Eine vom

Sicherheitsrat am 29. Mai angeordnete vierwöchige Waffenruhe

-226-

trat am 11. Juni in Kraft. In Jerusalem wurde sie im Großen und

Ganzen von beiden Seiten eingehalten: Es gab 197 Beschwerden

wegen der Verstöße dagegen (39 seitens der Araber, 131 von

jüdischer Seite und 27 von UN-Beobachtern); zumeist waren es

«Fälle sporadischen und vereinzelten Gewehr- und

Granatfeuers», obwohl es auch «Versuche jeder der beiden

Seiten gab, ihre Position durch die Befestigung von Häusern und

strategischer Punkte, durch das Ziehen von Gräben und die

Errichtung von Barrieren» zu verbessern.77 Zu Beginn der

Waffenruhe hielten die Israelis den Großteil der Neustadt, die

Arabische Legion die gesamte Altstadt sowie einige östlich

davon gelegene Teile der Stadt jenseits der Mauer. Die Araber

hielten auch die Jerusalemer Wasserquelle bei Ras al-Ain und

das Pumpwerk in Latrun unter Kontrolle. Entlang der Frontlinie

in der Stadt standen sich die feindlichen Kräfte oft sehr dicht

gegenüber, mancherorts auf den gegenüberliegenden Seiten

einer Straße. Die Waffenruhe rettete die von den Israelis

gehaltene Neustadt davor, ausgehungert zu werden. Die Öffnung

der in aller Hast gebauten «Burma-Straße» hinunter zur

Küstenebene ermöglichte es ihnen, im Juni Nachschub in die

Stadt zu schaffen und die Belagerung am Ende aufzubrechen.

Während der Waffenruhe gelang es am 16. Juni dem

belgischen Generalkonsul und Vorsitzenden der

Waffenstillstandskommission Jean Nieuwenhuys zusammen mit

dem Waffenstillstandsüberwacher Nils Brunsson, mit beiden

Seiten eine «Niemandsland-Vereinbarung» für Jerusalem

auszuhandeln. Dementsprechend «zog jede der beiden einander

gegenüberstehenden Parteien ihre Streitkräfte auf eine

vereinbarte Linie zurück, und zwischen den beiden Linien

wurde ein Niemandsland geschaffen, wozu die Häuser und

Gebäude innerhalb des Niemandslandes evakuiert wurden».

Diese Vereinbarung sollte langfristige Implikationen haben,

denn durch sie kristallisierten sich mehr oder weniger fest die

Teilungslinien in Jerusalem zwischen Israel und Jordanien für

-227-

die nächsten neunzehn Jahre heraus.

Unmittelbar vor dem Ablauf der Waffenruhe vermittelte

Oberst Brunsson noch ein zweites Abkommen. Am 7. Juli

verständigten sich israelische und arabische Kommandeure in

Jerusalem auf eine Entmilitarisierung des Skopusberges. Das

Gebiet wurde in drei Abschnitte unterteilt: eine jüdische Zone,

die das Hadassa-Krankenhaus und die Hebräische Universität

einschloss, eine arabische Zone sowie einen schmalen Streifen

Niemandsland. Das Augusta-Viktoria-Gebäude fand als von der

UNRWA verwaltetes Krankenhaus für arabische Flüchtlinge

endlich doch zu seiner Bestimmung. Arabische und israelische

«bewaffnete Polizei» sollten in ihrem jeweiligen Abschnitt unter

UN-Befehl Dienst tun.78 Bernadotte versuchte, die Vereinigten

Staaten dazu zu bewegen, eine symbolische Truppe von 333

Soldaten zur Überwachung der Entmilitarisierung des Gebiets

zu entsenden, hatte aber keinen Erfolg damit.79 Dennoch

übernahm er im Auftrag der Vereinten Nationen die

Verantwortung für die Sicherheit in der entmilitarisierten Zone,

trotz, wie er es ausdrückte, «der Knappheit von UN-Personal,

sie durchzusetzen». Die Vereinten Nationen verpflichteten sich,

auch für die Lebensmittel- und Wasserversorgung dieses

Gebiets zu sorgen.

Am 28. Juni legte Bernadotte seine eigenen Vorschläge für

eine langfristige Beilegung des Palästina-Konflikts vor. Er

schlug einige Veränderungen in der Teilungskarte der Vereinten

Nationen für Palästina vor und empfahl, die

Internationalisierung Jerusalems nicht weiter zu betreiben.

Stattdessen plädierte er für die «Einbeziehung der Stadt

Jerusalem in das arabische Territorium mit städtischer

Autonomie für die jüdische Gemeinde und speziellen

Vorkehrungen für den Schutz der Heiligen Stätten».

Wegen dieser Vorschläge wurde Bernadotte in der

israelischen Presse hart angegriffen, in der er einer

antiisraelischen Voreingenommenheit bezichtigt wurde.

-228-

Anhänger der extremistischen Lechi-Gruppe denunzierten ihn

ohne jegliche Zurückhaltung. Im UN-Sicherheitsrat beschuldigte

ihn Gromyko, sich nach dem britischen Foreign Office zu

richten. Einige dieser kritischen Einwände gingen jedoch an die

falsche Adresse. In Wirklichkeit war Bernadotte nicht der

Urheber dieser Vorschläge für Jerusalem. Zu Anfang hatte er

jedenfalls in Gesprächen mit seinen Mitarbeitern die

Internationalisierung bevorzugt. Die Urheber dieses neuen Plans

für Jerusalem waren in Wirklichkeit Bernadottes Assistenten

Ralph Bunche, John Reedman und Constantin Stavropoulos,

obwohl der Vermittler selbstverständlich die letzte

Verantwortung für seine «Anregungen» trug.80

Sowohl Araber als auch Israelis lehnten die Vorschläge des

Vermittlers ab, auch wenn die winzige, zionistenfeindliche und

ultraorthodoxe jüdische Neturei Karta (Wächter der Stadt) in

Jerusalem ihre Zustimmung äußerte. Die Arabische Liga, die

1945 gegründete Vereinigung aller unabhä ngigen arabischen

Staaten, lehnte es ab, irgendetwas anderes als einen

einheitlichen Staat Palästina in Betracht zu ziehen. Israel hielt

einstweilen an der Resolution der Generalversammlung vom 29.

November 1947 fest und wandte sich besonders gegen die

Vorschläge des Vermittlers, die Einwanderung zu begrenzen

und Jerusalem dem arabischen Staat zuzuweisen. Für die

israelische Einstellung gegenüber dieser Stadt hatte die

Belagerung des jüdischen Jerusalem dauerhafte Auswirkungen.

Der Umstand, dass bereits am 30. Juni - noch vor dem

eigentlichen Zeitplan - die letzten Reste der in Palästina

verbliebenen britischen Truppen aus Haifa abzogen und sich

damit die Wahrscheinlichkeit einer britischen Intervention in

den Konflikt verringerte, stärkte noch die Entschlossenheit der

Israelis. In einem Brief, den er Bernadotte am 5. Juli

aushändigte, schrieb Schertok ganz unverhohlen, dass Israel sich

«nie mit der Auferlegung arabischer Herrschaft über Jerusalem

abfinden» und sich «jedweder derartiger Auferlegung mit aller

-229-

zur Verfügung stehenden Macht widersetzen» werde.81 In seiner

Antwort vom nächsten Tag versuchte Bernadotte, seine Abkehr

vom ursprünglichen Teilungsplan der Vereinten Nationen zu

rechtfertigen: «Jerusalem liegt im Herzen dessen, was bei jeder

Teilung Palästinas arabisches Territorium sein muss. Der

Versuch, dieses Areal politisch und in anderer Hinsicht vom

umgebenden Territorium zu isolieren, wirft enorme

Schwierigkeiten auf... Arabische Herrschaft über legitime

jüdische oder andere nichtarabische Interessen in Jerusalem war

in den Vorschlägen nie beabsichtigt oder impliziert.»

Trotz der Zurückweisungen von beiden Seiten war Bernadotte

durch die beiden örtlichen Vereinbarungen ermutigt worden, die

in Jerusalem zustande gekommen waren. Da eine umfassendere

Vereinbarung noch ausstand, legte er Vorschläge für die

Entmilitarisierung der Stadt vor. Die Israelis gaben ein

verhaltenes Interesse zu erkennen. Der Hohe Arabische

Ausschuss lehnte von seinem Büro in Damaskus aus die

Entmilitarisierung mit der Begründung ab, sie tendiere dazu,

Jerusalems «arabischen und islamischen Charakter

auszulöschen, es von Palästina abzulösen und darin eine

internationale Verwaltung zu etablieren, um so das

Teilungsvorhaben umzusetzen. Im übrigen ist es unmöglich, die

Juden wirklich zu entwaffnen, wodurch die Heilige Stadt der

Besetzung durch sie ausgesetzt ist».

Am 8. Juli fand die Waffenruhe ein vorzeitiges Ende, und die

erbitterten Kämpfe begannen von neuem. Israel eroberte Lydda,

Ramallah und Nazareth; israelische Kräfte bekamen auch die

Jerusalemer Wasserquelle bei Ras al-Ain unter ihre Kontrolle,

scheiterten aber in einer entscheidenden Schlacht, auch die

Pumpstation bei Latrun zu erobern - sie wurde am 12. August

von den Arabern zerstört. In der Operation Kedem versuchten

die Israelis, in den Bezirk Scheich Jarrah und in die Altstadt

vorzudringen, aber erfolglos. Am 15. Juli ordnete der UNSicherheitsrat

eine Feuereinstellung an, die am 17. Juli um 5.45

-230-

Uhr in Jerusalem in Kraft trat - siebenunddreißig Stunden früher

als andernorts in Palästina. Dies war ein entscheidender

Augenblick. Wie der erste Waffenstillstand den Juden die

Kontrolle über die Neustadt gerettet hatte, so rettete der zweite

wahrscheinlich den Arabern die Kontrolle über die Altstadt. Die

Feindseligkeiten endeten bei nur leicht verändertem Verlauf der

Kampflinien innerhalb der Stadt. Die «Niemandsland-

Vereinbarung» lief aus, aber die über den Skopusberg blieb in

Kraft. Im August und Anfang September herrschte eine

gespannte Ruhe in der Stadt, durchbrochen nur, wie Bernadotte

schrieb, «von heftigem Feuer... fast jede Nacht». Obwohl die

Vereinten Nationen keine Truppen entsandten, um ihre

Entscheidungen zu Palästina durchzusetzen oder den

vorgesehenen Stadtstaat Jerusalem zu schützen, wurden doch

schließlich ein paar Militärbeobachter losgeschickt, die den

Vermittler und die konsularische Waffenstillstandskommission

unterstützen sollten. Am 1. August wurden zehn solche

Beobachter in Jerusalem stationiert; bis zum 8. September war

ihre Zahl auf neunundsiebzig angewachsen.82 Es waren zumeist

Amerikaner, Franzosen und Belgier - Personen derselben

Nationalitäten also, denen auch die drei Konsuln angehörten, die

mithelfen sollten, den Waffenstillstand einzuhalten. Ihr erster

Kommandeur war Generalmajor Age Lundström von der

schwedischen Luftwaffe. Er hatte dieses Amt aber nur sieben

Wochen lang inne und wurde im September von General

William Riley vom US-Marine Corps ersetzt. Am 30.

September übernahmen die Vereinten Nationen die «Rotes-

Kreuz-Zone», die Reynier um den ehemaligen Sitz der

Mandatsverwaltung, das sogenannte Government House,

eingerichtet hatte. Das Gebiet war teilweise von ägyptischen

Soldaten besetzt gewesen und am 17. August von den Israelis,

die den Waffenstillstand brachen, angegriffen, jedoch nicht

erobert worden. Arabische und israelische Militärs kamen

überein, sich am 4. September zurückzuziehen. Die vormalige

-231-

Residenz des Hochkommissars wurde zu einer UN-Zone, die der

Oberhoheit keines Staats unterstand. Zu Anfang wurde sie von

Soldaten der Arabischen Legion und der Israelis bewacht, die

bis zum Eintreffen von UN-Wachmannschaften in gutem

Einvernehmen ihren Dienst taten. Mit Ausnahme einer kurzen

Unterbrechung im Jahre 1967, als es zunächst von jordanischen

und dann von israelischen Einheiten besetzt wurde, blieb das

Government House bis heute unter UN-Kontrolle. Es ist das

einzige Stückchen von Jerusalem, das in gewissem Sinne

internationalisiert worden ist.

Am 16. September unterzeichnete der Vermittler auf der Insel

Rhodos einen Bericht mit revidierten Vorschlägen. Er war

inzwischen von seiner früheren Einstellung gegenüber dem

Teilungsplan der Vereinten Nationen abgerückt und empfahl

nun, dass Jerusalem, wie in diesem Plan vorgesehen, «der

effektiven Kontrolle der Vereinten Nationen unterstellt werden

sollte, bei dem erreichbaren Maximum an lokaler Autonomie für

seine arabischen und jüdischen Gemeinden, bei voller

Gewährleistung des Schutzes der Heiligen Stätten und des freien

Zugangs zu ihnen und bei freier Religionsausübung». Die

Änderungen waren wahrscheinlich das Ergebnis von

Gesprächen, die er ein paar Tage vorher mit amerikanischen und

britischen Regierungsvertretern geführt hatte.83

Bernadottes Bericht wurde zwei Tage später der UNGeneralversammlung

vorgelegt. Da war sein Verfasser aber

bereits tot. Am 17. September wurde der Vermittler durch einen

Trupp der Lechi-Terroristengruppe in Jerusalem umgebracht; sie

handelte auf Befehl der dreiköpfigen Führung der Organisation,

zu der auch der spätere Ministerpräsident Itzhak Schamir

gehörte. Jehoschua Cohen, der vermutlich den tödlichen Schuss

abfeuerte, diente nach Ben Gurions Rückzug aus der aktiven

Politik als dessen Leibwächter; vor Gericht gestellt wurde er nie.

An Bernadottes Stelle wurde Ralph Bunche zum amtierenden

Vermittler ernannt.

-232-

Die Ermordung des Vermittlers gab dessen letzten

Empfehlungen viel zusätzliche moralische Schubkraft, und UNGeneralsekretär

Trygve Lie sorgte dafür, dass sie auf die

Tagesordnung der Generalversammlung kamen. Der

amerikanische Außenminister George C. Marshall und auch sein

britischer Kollege Ernest Bevin pflichteten Bernadottes

Vorschlägen bei, aber sowohl Israel als auch die arabischen

Staaten lehnten sie ab, und so blieben sie, wie schon so viele

frühere Pläne für Palästina und Jerusalem, auf der

diplomatischen Strecke.

Stattdessen nahm Israel Mitte Oktober die Kämpfe wieder

auf, drängte die Ägypter in den Negev zurück und vergrößerte

das unter seiner Kontrolle stehende Gebiet in Galiläa.

Graf Folke Bernadotte, der UN-Vermittler in Palastina (dritter von

rechts), im YMCA-Gebäude in Jerusalem, 12. Juni 1948.

Gegen Ende dieser Phase der Feindseligkeiten bat die

israelische Armee Ben Gurion um die Erlaubnis, erneut

-233-

Jerusalem angreifen zu dürfen. Dieser lehnte jedoch ab, weil er

internationale Komplikationen befürchtete, wenn die Armee in

die Altstadt vordränge. Nach einer vierten und letzten

Kampfphase zwischen dem 22. Dezember 1948 und dem 7.

Januar 1949 gestanden die Araber ihre Niederlage ein. Am 24.

Februar unterzeichnete Ägypten ein

Waffenstillstandsabkommen mit Israel. Bereits am 30.

November 1948 hatten sich Israel und Transjordanien auf «eine

absolute und ernsthafte Feuereinstellung» in Jerusalem geeinigt.

Die damaligen Teilungslinien innerhalb der Stadt verfestigten

sich. Im Kampf um die Stadt waren 1976 Israelis gestorben (von

rund 6000 im gesamten Krieg). Für die Verluste auf arabischer

Seite sind genaue Zahlen nicht bekannt, aber man weiß, dass die

Arabische Legion in diesem Krieg vierzig Prozent ihrer Verluste

in Jerusalem erlitt.

Am Ende des Krieges gab es in sieben gemischten oder

vorwiegend arabischen Wohnbezirken in Westjerusalem keine

arabischen Einwohner mehr (in Baqa, Katamon, Talbieh,

Musrara, Mamilla sowie in der Deutschen und Griechischen

Kolonie). Dasselbe galt für nahezu alle arabischen Dörfe r im

Westen der Stadt, darunter Ein Qarem, Romema, Lifta, Malha

und Deir Jassin. In manchen Fällen wurden die Araber

vertrieben oder durch Drohungen dazu gebracht, wegzuziehen;

in anderen flohen sie aus Furcht, massakriert zu werden. In

keinem einzigen Fall wurde den Einwohnern die Heimkehr

erlaubt. Auf der jordanischen Seite widerfuhr den Juden der

Altstadt und in den von der Arabischen Legion besetzten

Siedlungen unweit des Toten Meeres ein ähnliches Schicksal.

-234-

Ein König für Jerusalem

Da nun Jerusalem in zwei Teile geteilt war, begann sich der

amerikanische und (etwas zögerlicher) der britische

Enthusiasmus für eine Internationalisierung der Stadt

abzukühlen. Im August 1948 erwog Marshall die Möglichkeit

eines «modifizierten Kondominiumprinzips, dem zufolge Israel,

der künftige arabische Staat [Palästina] und die Vereinten

Nationen die administrative Verantwortung für Jerusalem

miteinander teilen würden».84 Im Dezember erklärte er seine

Bereitschaft, «jedwede andere für Juden und Araber

befriedigende Lösung» zu akzeptieren, «vorausgesetzt, dass

Garantien für den Zugang zu den Heiligen Stätten und deren

Sicherheit gegeben würden».85 Ende September bewegten sich

auch die Briten auf die formelle Hinnahme der Teilung

Jerusalems zu. Sir Hugh Dow, der englische Generalkonsul,

äußerte, «er persönlich habe nichts dagegen einzuwenden, diese

separaten Gebiete der Souveränität des jüdischen bzw. des

arabischen Staates zu unterstellen».86 Dean Rusk vom

Washingtoner State Department imponierte der Gedanke,

weshalb er den Vorschlag machte, dass der arabische und der

jüdische Staat ihren jeweiligen Teil Jerusalems unter UNTreuhand

verwalten könnten.87

Auch die israelische Position hatte sich gewandelt. Von

seinen militärischen Siegen ermutigt, war Israel an einer

Internationalisierung nun nicht mehr interessiert. Die erste Stufe

auf dem Weg zur Durchsetzung der israelischen Autorität in der

Stadt war die Unterstellung seines Teils unter israelisches

Militärrecht am 25. Juli 1948. Am 2. August wurde Bernard

Joseph (später Do v Yosef), der seit dem vergangenen Dezember

das Notstandskomitee für Jerusalem der Jewish Agency geleitet

hatte, zum Militärgouverneur ernannt. Am selben Tag gaben die

-235-

Israelis in Jerusalem die «Proklamation Nr. 1» heraus. Von Ben

Gurion in seiner Eigenschaft als Verteidigungsminister

unterzeichnet, erklärte sie das unter israelischer Militärkontrolle

stehende Gebiet Jerusalems zu einem «Verwaltungsgebiet», in

dem «das Recht des Staates Israel gilt».88 Von israelischer Seite

verstand man dies als Erklärung, dass das betreffende Gebiet

unter militärischer Besatzung stehe; es war also keine

Annexionserklärung.

Die israelische Regierung war inzwischen zu der

Schlussfolgerung gelangt, dass, vor die Wahl zwischen einer

nicht durchsetzbaren und unattraktiven Internationalisierung und

einer tatsächlich vorhandenen Teilung der Stadt gestellt, die

Teilung vorzuziehen sei. In Dov Yosefs Worten: «Es fällt mir

schwer, die politische Logik zu verstehen, die besagt, dass es

günstiger ist, dass die Araber und wir nichts haben, als dass sie

etwas haben. Wir reißen uns eines unserer Augen aus, damit wir

ihnen beide ausreißen können.»89 Im Einklang mit solchen

Erwägungen glitt die israelische Diplomatie ganz geschickt von

der ursprünglichen zionistischen Zustimmung zur

Internationalisierung hinüber zum Bemühen um internationale

Anerkennung für den Status quo der Teilung. Am 20. September

war dem israelischen Kabinett bereits so an der Hinnahme der

Teilung der Stadt gelegen, dass es sich mit Schertoks

Auffassung einverstanden erklärte, Israel solle zur Aufgabe

eines kleinen Teils der Neustadt bereit sein, falls dies der Preis

dafür wäre, der Internationalisierung zu entgehen.90 In seinem

Bericht an das Zentralkomitee seiner Partei ließ Ben Gurion am

30. November ganz klar erkennen, dass für ihn das Ziel nun die

Teilung Jerusalems war.91

Auch der andere wichtige Protagonist der Geschichte hatte

sich inzwischen den neuen Realitäten angepasst. Abdullahs

Antwort auf die Unabhängigkeitserklärung des Mufti (dieses

«Teufels aus der Hölle», wie er ihn nannte)92 erfolgte sogleich.

Am 1. Oktober trat in Amman eine Notabeinversammlung

-236-

zusammen, die sich als «Nationaler Palästina-Kongress»

bezeichnete und Abdullah aufforderte, Palästina unter seine

Fittiche zu nehmen. Sechs Wochen später ließ sich Abdullah

zum «König von Jerusalem» krönen - seltsamerweise durch den

koptischen Bischof der Stadt.93 Es war dies die erste Krönung

eines Königs in Jerusalem seit der Krönung von Kaiser Friedrich

II. im Jahre 1229. (Da zur damaligen Zeit über den Kaiser ein

päpstlicher Bann verhängt war, setzte er sich die Krone selbst

aufs Haupt.) Am 1. Dezember erklärte in Jericho eine Konferenz

von zweitausend palästinensisch-arabischen Notabein Abdullah

zum «König von ganz Palästina» und rief zur Vereinigung der

beiden Jordanufer zu einem einzigen Staat auf.

Das jordanische Parlament verabschiedete am 13. Dezember

eine entsprechende Resolution. Eine Woche später ernannte

Abdullah einen eigenen Kandidaten zum Mufti von Jerusalem,

Scheich Husam al-Din Jarallah. Er war, als 1921 die britische

Mandatsregierung Hadsch Amin al-Husayni ernannte, der

Unterlegene gewesen. Sowohl für Jarallah als auch für Abdullah

war dies also eine süße, wenn auch lang hinausgeschobene

Rache. Von nun an war ein Hauptziel von Abdullahs Politik die

Aufrechterhaltung seiner Herrschaft über das Westjordanland

und die Altstadt von Jerusalem. Als unvermeidliche Konsequenz

ergab sich daraus, dass hinsichtlich der Teilung Jerusalems

Jordanien und Israel nun diplomatisch auf einer Linie lagen, und

zwar gegen einen Großteil des Restes der Welt, der weiterhin für

die Internationalisierung eintrat.

Im Gefolge des Waffenstillstands kam es zu einer Reihe von

Treffen zwischen israelischen und jordanischen Vertretern, bei

denen es nicht nur um den Waffenstillstand ging, sondern auch

um weit ausgreifende Fragen in bezug auf eine mögliche

Friedensvereinbarung. Bei einer solchen Zusammenkunft am 30.

Dezember erklärte der jordanische Militärgouverneur von

Jerusalem, Abdullah al-Tall, dem israelischen Geheimdienstchef

Reuven Schiloah, dass auch Abdullah an eine vereinbarte

-237-

Teilung Jerusalems denke - «die arabischen Gebiete würden an

ihn fallen und die jüdischen an uns» (laut Schiloahs Bericht über

das Treffen).94 Beim nächsten Mal, am 5. Januar 1949, legte

Tall die Vorschläge detaillierter dar: Die Altstadt, Katamon und

die Deutsche Kolonie würden wie Talpiot und der Kibbuz

Ramat Rachel von Jordanien regiert; Israel könne den Rest der

jüdischen Neustadt haben. Es war ganz offenkundig als ein

Bauernopfer gedacht, um sich in der folgenden Schachpartie

einen Stellungsvorteil zu sichern. General Moshe Dayan, der

israelische Oberbefehlshaber im Gebiet Jerusalem, schlug

stattdessen vor, dass Scheich Jarrah im Austausch für ein

anderes Gelände an die Israelis gehen solle, damit Israel einen

Zugang zum Skopusberg habe. Tall verwies jedoch darauf, dass

dadurch das arabische Jerusalem von Ramallah getrennt würde,

was nicht annehmbar sei. Man wurde sich nicht einig, und es

dauerte einige Monate, bis wieder Gespräche aufgenommen

wurden.95

Als im Januar 1949 die ersten allgemeinen Wahlen in Israel

stattfanden, nahmen die Einwohner des von Israel besetzten

Teils von Jerusalem daran teil. Am 4. Februar unternahm die

israelische Regierung einen weiteren Schritt in Richtung auf die

Annexion Westjerusalems, als sie ihre Entscheidung

bekanntgab, «die Militärregierung in Jerusalem abzuschaffen

und dort die Zivilverwaltung zu errichten, die in anderen Teilen

Israels in Kraft ist».96 Zehn Tage später wurde von Präsident

Weizmann die erste Knesset (das Parlament) in Jerusalem

eröffnet. Repräsentanten des Sowjetblocks, lateinamerikanischer

Staaten und der verschiedenen Kirchen waren zugegen. Die

Gesandten der Vereinigten Staaten, Großbritanniens und

Frankreichs hatten sich zuvor darauf geeinigt, entsprechende

Einladungen abzulehnen.97 Der Boykott war der Beginn einer

langen diplomatischen Sackgasse zwischen Israel und den

Westmächten hinsichtlich des Status von Jerusalem.

-238-

Moshe Dayan (Mitte) und sein jordanischer Widerpart Abdullah al-

Tall (rechts) in Jerusalem, Ende 1948.

-239-

Karte 9: Israel (1949-1967)

-240-

Karte 10: Das geteilte Jerusalem (1949-1967)

Nach israelisch-jordanischen Gesprächen, die unter Vorsitz

von Ralph Bunche auf Rhodos stattgefunden hatten, wurde am

3. April 1949 ein Waffenstillstandsabkommen unterzeichnet. In

Jerusalem entsprach die vertraglich vereinbarte

Demarkationslinie derjenigen zum Zeitpunkt der Waffenruhe

vom 30. November 1948 (siehe Karte 10).98 Mit dieser

Vereinbarung wurde die Teilung Jerusalems quasi auf Dauer

eingefroren.

-241-

«Wird der Vatikan Truppen hierher

entsenden?»

Während Israel und Jordanien die ihnen zugeordneten Teile

Jerusalems stetig fester in den Griff nahmen, wurde die in den

Vereinten Nationen geführte Diskussion zu diesem Thema

immer abstrakter und unrealistischer. Am 11. Dezember 1948

beschloss die Generalversammlung unter starkem Druck der

USA die Schaffung einer Versöhnungskommission für Palästina

(Palestine Conciliation Commission). Auf diese Kommission

wurden sämtliche Funktionen des UN-Vermittlers übertragen;

überdies wurde sie beauftragt, «detaillierte Vorschläge für ein

ständiges internationales Regime für das Gebiet von Jerusalem»

zu machen." Die Kommission bestand aus drei Mitgliedern: dem

Amerikaner Mark Etheridge, einem Journalisten aus Louisville

in Kentucky; dem Franzosen Claude de Boissanger, einem

schlagfertigen Diplomaten; dem Türken H. C. Yalçin, einem

beinahe achtzigjährigen namhaften Autor. Der allgegenwärtige

Azcárate war der Sekretär der Kommission. Im Jerusalemer

King-David-Hotel richteten sie ihr erstes Hauptquartier ein

(ohne fließend Wasser, Telefon und funktionierenden Aufzug).

«Verärgert, fast ungestüm» sagte ihnen der israelische

Militärgouverneur Dov Yosef, dass er keine Möglichkeit sehe,

ihre Sicherheit zu garantieren, und dass sie gut beraten wären, in

den arabischen Teil der Stadt umzuziehen.100 Da es in Jerusalem

kaum voranging, zogen sie im April 1949 nach Lausanne um.

Am 1. September war ihr Entwurf für ein Abkommen über

Jerusalem fertig, eine abgeschwächte Version einer

Internationalisierung. An Stelle des Corpus separatum wurde

darin die Teilung der Stadt halbwegs anerkannt: Jordanien und

Israel würden jeweils ihre Zone unter UN-Vollmacht verwalten;

die Stadt würde entmilitarisiert und ein UN-Gouverneur ernannt

-242-

werden. Der Plan sah vor, dass das «gegenwärtige

demographische Gleichgewicht» der beiden Zonen nicht durch

Einwanderung destabilisiert werden dürfe. In den Vorschlägen

schlugen sich die Ansichten des amerikanischen

Außenministeriums nieder - auch wenn der ausgesprochen

zionistenfreundliche US-Botschafter in Israel, James G.

McDonald, privat an Präsident Trumans Sonderberater Clark

Clifford schrieb: «Mir graut vor dem, was geschehen könnte,

falls man unter den Auspizien der Vereinten Nationen den

Versuch unternähme, Israel dazu zu zwingen, sofort einen UNVerwalter

in Jerusalem zu akzeptieren. Eine Wiederholung der

Bernadotte-Tragödie wäre nicht unwahrscheinlich ,..»101

In der im folgenden Monat eröffneten Sitzungsperiode der

Generalversammlung wurde der Plan der

Versöhnungskommission beraten. Jordanien, das damals noch

kein Mitglied der UNO war, lehnte ihn ab: «Keiner wird mir

Jerusalem abnehmen, ohne dass man mich umbringt», erklärte

Abdullah.102 Israel, das im Mai in die UNO aufgenommen

worden war, war nicht weniger entschlossen: Für Scharett (wie

sich Schertok von nun an nannte) war der Plan «anachronistisch

und widersinnig».103 Da keine der beiden Parteien, die

Jerusalem in Besitz hatten, dem Vorschlag der

Versöhnungskommission zustimmte, geriet er bald in

Vergessenheit. Jetzt begann man sich in der UNGeneralversammlung

wieder für die «selbständige Einheit» zu

erwärmen. Hauptgrund dafür war, dass eine einflussreiche,

wenn auch manchmal als unbeachtlich abgetane Macht sich

dafür nachdrücklich einsetzte: der Heilige Stuhl.

Der Vatikan war damals tatsächlich der größte Befürworter

einer Internationalisierung - ein weiterer Beleg für die Regel,

dass die Internationalisierung der Stadt meistens von denjenigen

befürwortet wurde, die sich vor Ort in Jerusalem in einer

schwachen Position befanden. Mit dieser Politik schlug der

Vatikan einen entschieden anderen Kurs als früher ein. Im März

-243-

1948 hatten das Lateinische Patriarchat und die Franziskaner-

Kustodie des Heiligen Landes eine gemeinsame Erklärung

abgegeben gegen die «fehlgeleitete Politik, die dem Lande

auferlegt wurde und die in der Teilung Palästinas ihren

Höhepunkt erreicht hat».104 Bis zum Mai hat das vatikanische

Staatssekretariat sich, so gut es ging, bemüht, sich in dieser

Sache nicht festzulegen. Am 24. Oktober jedoch verkündete

Papst Pius XII. in seiner Enzyklika In multiplicibus curis, dass

der Vatikan dafür eintrete, «Jerusalem und seiner Umgebung

einen internationalen Charakter» zu geben. Eine weitere

Enzyklika, Redemptoris nostri cruciatus, vom April 1949

wiederholte die Forderung nach der Internationalisierung und

rief zur Mobilisierung der Katholiken der ganzen Welt in diesem

Sinne auf. Sie forderte die Katholiken auf, wo immer sie leben,

jedes legitime Mittel zu benutzen, um die Regierungen der

Völker und diejenigen, deren Pflicht es ist, diese wichtige Frage

zu lösen, dazu zu bewegen, Jerusalem und seiner Umgebung

einen rechtlichen Status zu verleihen, dessen Stabilität unter den

gegenwärtigen Umständen nur durch eine gemeinsame

Anstrengung derjenigen Völker angemessen gesichert werden

kann, die den Frieden lieben und die Rechte anderer achten.105

Der Vatikan bezog diese Position aufgrund von

Beschuldigungen, im israelisch regierten Jerusalem seien

christliche Institutionen zu Schaden gekommen, aus Sorge um

das Schicksal christlicher Araber unter den palästinensischen

Flüchtlingen und vor allem unter dem Druck der Franzosen. Der

Umstand, dass die vormals faschistischen Staaten Italien und

Spanien keine Mitglieder der Vereinten Nationen waren, gab

dem französischen Bemühen, Frankreichs altes Protektorat über

die römisch-katholische Christenheit neu aufleben zu lassen,

zusätzliches Gewicht.106 In der ganzen katholischen Welt

machte sich die unzweideutige Haltung des Vatikans bemerkbar

und trug dazu bei, dass die Internationalisierung in den

-244-

Vereinten Nationen diplomatische Unterstützung erhielt.

Israel, dem das bedrohliche Wiederaufleben des

Corpusseparatum-Plans Sorgen machte, ergriff eine Reihe

diplomatischer Gegenmaßnahmen. In einer Rede an seiner alten

Universität im schweizerischen Fribourg versuchte Chaim

Weizmann, die Katholiken mit der Bemerkung zu beruhigen,

dass Israel «die direkte internationale Überwachung» der

Heiligen Stätten willkommen wäre.107 Obwohl Israel keine

diplomatischen Beziehungen mit dem Heiligen Stuhl unterhielt,

entsandte es Jacob Herzog nach Rom, um den Vatikan zu einer

anderen Haltung zu bewegen, was aber keinen Erfolg hatte.108

Im Oktober 1949 brachten israelische Diplomaten den

Gedanken einer einvernehmlichen Internationalisierung der

Altstadt (die inzwischen natürlich in jordanischer Hand war)

zusammen mit einer vereinbarten Aufteilung der übrigen Stadt

zwischen Israel und Jordanien entlang der bestehenden

Waffenstillstandslinie in Umlauf. Versuchsweise war eine

solche Vorstellung schon einmal im Juni 1948 innerhalb des

US-State Department ventiliert worden, und es könnte durchaus

sein, dass diese Idee bis zu den Israelis drang.109 Der israelische

Vorschlag basierte auf einem Plan, den Avraham Biran, ein

hochrangiger Mitarbeiter des Militärgouverneurs von Jerusalem

(des späteren Distriktskommissars von Jerusalem) ausgearbeitet

hatte. Er sah einen dem UN-Treuhandrat verantwortlichen

christlichen Gouverneur für die Altstadt vor. Diesem sollten drei

Stellvertreter - ein Christ, ein Muslim und ein Jude - sowie eine

beratende Versammlung (mit fünf Mitgliedern je Religion)

zuarbeiten. Das Gebiet würde über seine eigene Polizei verfügen

und den Charakter einer Heiligen Stadt annehmen, so ähnlich

wie der Vatikan... Sie wird aus Institutionen aller Religionen,

Kirchen, Synagogen, Moscheen, Schulen jeglicher Art, Hotels

für Touristen und Pilger bestehen. Eine kleine Zivilbevölkerung

wird ihren Lebensunterhalt von diesen Institutionen und von

Touristen beziehen, indem sie für deren religiöse Bedürfnisse

-245-

sorgt, etwa durch den Verkauf kirchlicher Gegenstände,

Perlmutt, Olivenholzartikeln etc.110

Für die Israelis barg dieses Projekt offensichtliche Reize, vor

allem deshalb, weil es die Möglichkeit eröffnete, von der

Neustadt aus in die Altstadt zu gelangen.

Statt jedoch selbst diese Initiative zu verfolgen, versuchte

Israel, Christen in Führungspositionen dazu zu überreden, dies

zu tun. Dies scheint Teil eines allgemeinen Versuchs gewesen

zu sein, die Kirchen in der Jerusalem-Frage zu entzweien -

speziell eine christliche Opposition gegen die

Internationalisierungskampagne des Vatikans aufzubauen. In

Gesprächen mit der armenischen und der griechisch-orthodoxen

Kirche kamen sie unter Ausnutzung ihrer historischen

Animositäten gegenüber den Katholiken auch ein Stück weit

voran. Hauptunterhändler der Israelis gegenüber den christlichen

Kirchen war Jacob Herzog, der damals an der Spitze der

Christlichen Abteilung im Ministerium für religiöse

Angelegenheiten stand. Am April 1949 schrieb er an Ben

Gurion und Scharett und legte ihnen die israelische Taktik dar.

Bei Gesprächen mit Vertretern des Griechisch-orthodoxen

Patriarchats hatten die Israelis ins Feld geführt, dass die

Katholiken bei jeder Form von Internationalisierung im Laufe

der Zeit ein Übergewic ht in der Stadt bekämen. Um sich die

Unterstützung der Orthodoxen zu sichern, hatten die Israelis

einige gewichtige Konzessionen in bezug auf den dem

Patriarchat gehörenden Grundbesitz in Westjerusalem gemacht.

Im Gegenzug hatten die Orthodoxen durchblicken lassen, dass

sie «mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln» gegen die

Internationalisierung kämpfen würden. In Anbetracht der

Position ihrer Gemeinden innerhalb der arabischen Welt würden

sie nicht imstande sein, sich öffentlich gegen die

Internationalisierung zu wenden, aber bei geeigneter

Gelegenheit deutlich machen, dass die Orthodoxen in dieser

-246-

Frage nicht dem Kurs des Vatikans folgen würden; sie

versprachen auch, diesen Standpunkt in Athen und Washington

zur Kenntnis zu bringen.111

Etwa zur gleichen Zeit suchte der israelische Gesandte in

London, Mordechai Eliash, den Erzbischof von Canterbury auf

und legte ihm ein Memorandum vor, in dem es hieß:

Christliche Interessen können nicht erwarten, dass Israel sich

vorrangig für die Forderung nach vollem internationalem Status

für die Stadt innerhalb der Mauern stark macht, wenn sie sehen,

dass Israels Hauptbemühungen jetzt darauf gerichtet sind, seine

eigene Bevölkerung und deren Zukunft zu sichern. Kommende

Generationen würden jedoch, das ahnt man, es als einen

schrecklichen politischen und religiösen Irrtum ansehen, wenn

die Christen die ummauerte Stadt der arabischen Souveränität

nur aufgrund des dürftigen Arguments überließen, dass es für

König Abdullah eine Niederlage bedeutete, die einzige Beute

aufgeben zu müssen, die er sich in einem Krieg gesichert hat,

den er nie hätte beginnen sollen.112

Der Primas der anglikanischen Kirche bekundete höflich sein

Interesse, aber nicht mehr. In einem «privaten Memorandum»,

das er kurz darauf dem UN-Treuhandrat übermittelte, schlug er

vor, den größeren Teil der von Juden bewohnten Gebiete der

Neustadt Israel einzuverleiben und den gesamten Rest des als

Corpus separatum vorgesehenen Gebiets zu

internationalisieren.113 Der Gedanke eines auf die Altstadt

Jerusalems beschränkten internationalen Regimes stieß in der

christlichen Welt auf wenig Interesse und wurde auch von Israel

bald zugunsten eines anderen Vorschlags fallengelassen, der die

Internationalisierung noch enger fasste.

Es handelte sich dabei um das Konzept der «funktionalen» im

Gegensatz zur «territorialen» Internationalisierung, die sich auf

-247-

die Heiligen Stätten beschränkte. Im israelischen

Außenministerium wurde ein Vertrag zwischen Israel und den

Vereinten Nationen aufgesetzt, wonach die Heiligen Stätten

«der Kontrolle der Vereinten Nationen unterstellt» würden.114 In

einem begleitenden Memorandum erläuterte der Rechtsexperte

des Außenministeriums, Shabtai Rosenne, dass das Wort

«Kontrolle» in «seinem französischen Sinn» verstanden werden

solle, was anscheinend das Recht zu Kontrolle des Zutritts

einräumte, nicht aber das der Verwaltung. Er hob hervor, dass

sein Entwurf den Heiligen Stätten keinerlei extraterritorialen

Status zuspreche, und fügte hinzu, dass, «falls der Vertrag den

Vereinten Nationen annehmbar wäre und Transjordanien dazu

gebracht werden könnte, einen ähnlichen abzuschließen, sich

daraus ergäbe, dass Juden nicht nur Zutritt zur Klagemauer

erhielten, sondern auch zu Rachels Grab und dem Haram el-

Khalil in Hebron sowie anderen Heiligen Stätten und Orten

(sofern es welche gibt), die sich gegenwärtig in arabischer Hand

befinden, bei geringer oder keiner Gegenleistung an die

Araber».115 Diese funktionale Internationalisierung fand in der

UNO Unterstützung, und im Herbst 1948 wurde ein solcher Plan

von den Niederlanden und Schweden formell vorgeschlagen.

Auch aus ihm wurde jedoch nichts.

Die Gegner der Internationalisierung, allen voran und aus

eigenem Interesse die beiden Staaten, die Jerusalem in Besitz

hatten, befanden sich jetzt in einer ziemlich schwierigen Lage.

Der Generaldirektor des israelischen Außenministeriums,

Walter Eytan, gab die Unbehaglichkeit der israelischen Position

offen zu:

Es trifft gewiss zu, dass wir versuchen, ein Omelett zu

machen, ohne dass die Eier dabei kaputtgehen, anders gesagt,

die Neustadt zu behalten und zugleich zu verhindern, dass die

Altstadt Abdullah in die Hände fällt. Der Grund dafür ist, dass

wir in einer Falle stecken, die uns nur zwei logische

-248-

Wahlmöglichkeiten lässt: Entweder stimmen wir der

Internationalisierung der gesamten Stadt zu, was wir nicht

wollen, oder wir willigen in die arabische Herrschaft in jenen

Teilen der Stadt ein, die wir nicht in Besitz haben was wir auch

nicht wollen. Unter diesen Umständen sind wir zu einem

Standpunkt genötigt, der ohne alle Logik ist...116

Während nun Israel sich darum bemühte, eine stimmige

Jerusalempolitik zu formulieren, stellte sich heraus, dass

praktisch nur ein einziger Staat ihm Rückhalt gab, nämlich sein

ehemaliger Feind Jordanien. Als Nichtmitglied der Vereinten

Nationen (die UdSSR blockierte nämlich den Beitritt) und ohne

die Unterstützung der anderen arabischen Länder brachte

Jordanien freilich im Bereich der Diplomatie wenig zustande.

In der UN-Generalversammlung setzten sich im November

der Irak, der Libanon und Syrien an führender Stelle für die

Internationalisierung ein. Diese arabischen Staaten erklärten,

dass Jerusalem zwar «nach Recht und Billigkeit eine arabische

Stadt bleiben müsste, sie aber, da sich die arabische Auffassung

bedauerlicherweise in der internationalen Politik nicht

durchsetze, dazu gezwungen seien, die vollständige und

komplette Internationalisierung als das geringere Übel zu

akzeptieren».117 Der britische Gesandte in Tel Aviv

kommentierte den Vorgang mit der Bemerkung: «Mit ihrer

üblichen Uneinsichtigkeit für den Trend der Ereignisse ist die

Arabische Liga nur deshalb für die Internationalisierung, weil 1.

Israel dagegen ist und 2. sie für König Abdullah ein Schlag ins

Kontor sein wird.»118 Die israelische Reaktion auf die neuerlich

drohende Internationalisierung war scharf. Am 5. Dezember gab

Scharett, der die israelische UN-Delegation leitete, telefonisch

nach Tel Aviv durch, dass ein neuerlicher Beschluss zugunsten

des Corpusseparatum-Plans unmittelbar bevorstehe. Auf einer

Kabinettssitzung vom selben Tag sagte Ben Gurion, die Frage

sei, ob die Vereinten Nationen einem solchen Beschluss Geltung

-249-

verschaffen könnten. Er glaube nicht, dass sie die Macht hätten,

ihn durchzusetzen. Amerika werde Russland nicht gestatten,

eine Armee nach Jerusalem zu schicken, um ihm zum Erfolg zu

verhelfen; ebensowenig werde Amerika selbst Streitkräfte

entsenden. «Wird der Vatikan Truppen hierher entsenden?»,

fragte er. «Wenn wir zwischen der Mitgliedschaft in den

Vereinten Nationen und Jerusalem wählen müssen, werden wir

uns für Jerusalem entscheiden.» Alle Minister, die in der Sitzung

sich zu Wort meldeten, stellten sich hinter Ben Gurion. Dov

Yosef sagte, entscheidend sei, dass die Regierung einen festen

Standpunkt beziehe. «Ich habe den Eindruck gewonnen, dass die

Bewohner von Tel Aviv, wenn auch nicht alle, auch ohne

Jerusalem zufrieden wären.» Nach seiner Meinung sollten

Regierungsbehörden nach Jerusalem umziehen, aber man kam

überein, dass die Zeit dafür noch nicht reif sei.

Im Verlauf der Diskussionen eröffnete Ben Gurion der

Kabinettsrunde, dass Israel, selbst wenn es in den Vereinten

Nationen als einziges in der Minderheit sei, in seinem

Widerstand gegen die Internationalisierung einen potentiellen

Verbündeten habe. Das Thema Jerusalem sei in weiteren

geheimen Unterredungen zwischen israelischen Vertretern und

König Abdullah zur Sprache gekommen: «Abdullah hat gesagt,

dass er mit der Teilung Jerusalems einverstanden ist. Sie [die

israelischen Vertreter] haben ihm gesagt, dass wir einen Teil der

Altstadt wollen, den ganzen Weg zur Westmauer.» Abdullahs

Antwort sei unbestimmt gewesen, aber er habe klar gemacht,

dass er über einen allgemeinen Frieden verhandeln wolle, zu

dem auch ein geteiltes Jerusalem gehören würde. Ben Gurion

sagte dem Kabinett, es wäre eine «tolle Sache», wenn ein Teil

der Altstadt zurückgewonnen werden könnte. Er wäre sogar

bereit, im Gegenzug einen Teil der Neustadt dafür

herauszugeben; er erwähnte den Kibbuz Ramat Rachel, falls

dies der nötige Preis wäre - einigermaßen überraschend

angesichts des Blutes, das im vergangenen Jahr im erbitterten

-250-

Hin und Her des um ihn geführten Kampfes vergossen worden

war.119 Das Kabinett billigte Ben Gurions Politik. Später an

diesem Tag warnte der Ministerpräsident in einer feurigen Rede

in der Knesset vor der zu erwartenden israelischen Reaktion auf

jeglichen Versuch, Jerusalem mit Gewalt zu internationalisieren:

Israel werde «Jerusalem nicht aus freiem Willen aufgeben».120

An diesem Tag votierte das Ad Hoc Political Committee der

UNO mit achtunddreißig gegen vierzehn Stimmen für ein

internationalisiertes Jerusalem. Die USA und Großbritannien

stimmten gegen die Resolution, aber die arabischen Staaten, der

kommunistische Block sowie - unter starkem Druck seitens des

Vatikans - die meisten katholischen Lä nder waren dafür. Die

Vollversammlung folgte am 9. Dezember mit einer Resolution,

die erneut feststellte, dass «die Stadt Jerusalem... als ein Corpus

separatum unter ein spezielles internationales Regime gestellt

und von den Vereinten Nationen verwaltet werden» solle.

Dr. Chaim Weizmann (in der Mitte mit Sonnenbrille) 1948 bei seinem

ersten Besuch in Jerusalem als israelischer Staatspräsident.

Begleitet wird er von seiner Gemahlin Vera und dem

-251-

Militärgouverneur von Jerusalem, Dov Yosef.

Der Treuhandrat wurde angewiesen, «die Vorbereitung des

Statuts für Jerusalem abzuschließen... unter Einfügung von

Veränderungen im Hinblick auf seine größere

Demokratisierung, das Statut zu verabschieden und

unverzüglich mit seiner Inkraftsetzung zu beginnen». Der Rat

wurde aufgerufen, «keine Aktionen seitens einer interessierten

Regierung oder mehrerer zuzulassen, um ihn davon abzuhalten,

das Statut für Jerusalem zu verabschieden und in die Tat

umzusetzen».121 Die Abstimmung war ein Sieg der

vatikanischen Diplomatie, die in dieser Frage irrwitzigerweise

mit der Sowjetunion verbündet war. Aber es war nur ein

papierener Triumph: Israel und Jordanien führten nun vor, dass

sie fähig waren, die ausdrückliche Meinung der internationalen

Gemeinschaft hinsichtlich Jerusalem zu durchkreuzen.

Mosche Scharett, Israels Außenminister (später Ministerpräsident). Er

war entsetzt über die Entscheidung des israelischen Kabinetts vom

Dezember 1949, Jerusalem zu Israels Hauptstadt zu erklären.

Zwei Tage später antwortete das israelische Kabinett, wieder

-252-

auf Initiative Ben Gurions, mit der Bekanntmachung seiner

Entscheidung, Jerusalem zu Israels Hauptstadt zu machen. Das

war keine Selbstverständlichkeit. Vor der Unabhängigkeit hatten

die Zionisten keineswegs klare Vorstellungen davon, dass

Jerusalem die Hauptstadt des künftigen jüdischen Staates sein

müsse. Zu den verschiedenen Orten, die vor dem Mai 1948 als

Sitz für eine Hauptstadt in Erwägung gezogen wurden, gehörten

Ben Gurions Vorschlag einer Siedlung im Negev und Golda

Myersons (Meirs) Berg Carmel.122 Erst gegen Ende des Jahres

1949 wurde im Kabinett ernsthaft darüber diskutiert, Jerusalem

zur Hauptstadt zu machen. Mit Ausnahme des Obersten

Gerichtshofs zog keines der wichtigsten Staatsorgane sogleich

nach Jerusalem um. Chaim Weizmann, der erste Staatspräsident,

der nie viel für Jerusalem übrig gehabt hatte, zog es vor, seinen

offiziellen Wohnsitz auf dem Gelände des

naturwissenschaftlichen Forschungsinstituts in Rechovot in der

Küstenebene zu nehmen, das (seit 1949) seinen Namen trug.

Dort blieb er bis zu seinem Tod im Jahre 1952. Die

Entscheidung, Jerusalem zu Israels Hauptstadt zu erklären, war

nicht im voraus geplant. Ben Gurions Vorschlag war eine

typisch unbesonnene Reaktion auf den Beschluss der UNOVollversammlung

vom 9. Dezember 1949.

Erneut hatte der Ministerpräsident den Rückhalt seines

Kabinetts. Als aber Scharett, der sich noch in New York

aufhielt, von der Entscheidung erfuhr, war er entsetzt. Bei dieser

Frage hatte er seit langem für ein stufenweises, nicht

auftrumpfendes Vorgehen plädiert. In seiner Sicht war die

israelische Kontrolle über Jerusalem eine Realität, weshalb für

demonstrative Gesten als Reaktion auf die UN-Resolution keine

Notwendigkeit bestand. Scharett drohte mit seinem Rücktritt,

aber Ben Gurion weigerte sich, ihn anzunehmen, und so

widerrief er ihn.123 Der Außenminister war nicht der einzige

israelische Politiker, der die Weisheit dieses Schrittes

anzweifelte. Im Verlauf einer Debatte unter Knesset-

-253-

Abgeordneten der regierenden Mapai-Partei, der Israelischen

Arbeiterpartei, war Pinhas Lubianker (Lavon) das Sprachrohr

vieler anderer, als er sagte, dass «Jerusalem ein schlechter Ort

für eine nationale Hauptstadt» sei. Wenn man es vom

Praktischen her betrachte, könnten «einige der Ministerien in

Jerusalem sein, aber es gibt andere, bei denen es absurd wäre,

sie dorthin zu verlegen. Die Knesset zu verlegen ist absurd... das

Finanzministerium zu verlegen ist verrückt».124 Aber mit Hilfe

von Levi Eschkol und Golda Meir (früher Meyerson) sicherte

sich Ben Gurion eine klare Mehrheit unter den Anwesenden. In

einer trotzigen Rede in der Knesset bestand er am 13. Dezember

darauf, dass bei der Entscheidung der Vereinten Nationen,

Jerusalem einem internationalen Regime zu unterstellen, «die

Durchführung völlig ausgeschlossen sei - und wäre es nur

wegen der Entschlossenheit und des Widerstands der Einwohner

Jerusalems selbst».125 Von da an trat die Knesset stets in

Jerusalem zusammen, obwohl ihr auf Dauer angelegter Sitz in

der Neustadt oberhalb des Tals des Kreuzes erst im Jahre 1966

eröffnet wurde.

Von keinem einzigen Staat wurde diese israelische

Maßnahme akzeptiert. Das State Department informierte die

amerikanische Botschaft in Tel Aviv, dass die USA «die

Souveränität Israels in Jerusalem nicht anerkennen», und

instruierte die US-Diplomaten, dort nicht in offizieller Funktion

mit «Vertretern der israelischen Zentralregierung» tätig zu

werden.126 Briten und Franzosen kamen zum gleichen Schluss.

Jahre nach dieser höchst wichtigen Entscheidung vom

Dezember 1949 erklärte Ben Gurion, weshalb er sich auf ein

derart riskantes Spiel eingelassen hatte: «Ich wusste, dass wir

einen Verbündeten hatten - Transjordanien. Wenn es ihnen

erlaubt war, an Jerusalem festzuhalten, weshalb dann nicht auch

uns? Transjordanien würde nicht zulassen, dass jemand aus

Jerusalem hinausgedrängt würde; folglich würde auch keiner

wagen, uns da rauszuholen. Ich hätte es auch ohne diesen

-254-

Rückhalt getan, aber es war eine große Bestärkung. Ich wusste,

dass uns nichts passieren würde.»127

Am Tag von Ben Gurions Rede in der Knesset, an besagtem

13. Dezember 1949, einigten sich Israel und Jordanien auf einen

Entwurf für einen Friedensvertrag.128 Unter anderen

Bestimmungen enthielt das Dokument auch detaillierte

Regelungen für ein geteiltes Jerusalem, wonach das jüdische

Viertel der Altstadt sowie die Westmauer in israelische

Hoheitsgewalt übergehen sollten.129 Die Vereinbarung wurde

nie umgesetzt, aber ihr Geist schwebte - wenn auch nie

ungefährdet - in den folgenden achtzehn Jahren über der

geteilten Stadt.

-255-

5. ZWEIMAL JERUSALEM

Zwischen 1949 und 1967 war die Heilige Stadt in grotesker

Weise durch Mauern und Stacheldraht zwischen zwei

Hoheitsgewalten, Jordanien und Israel, aufgeteilt. Kaum ein

Araber blieb in Westjerusalem zurück (1950 zählte man dort

1930 Nichtjuden, allerdings fielen auch viele ausländische

Christen darunter).1 In Ostjerusalem gab es mit Ausnahme von

einer oder zwei jüdischen Ehefrauen von Arabern keine Juden

mehr. In dieser Zeitspanne veränderte sich auf diplomatischer

Ebene die Behandlung der Jerusalem-Frage radikal. Die

Hauptprobleme hatten nichts mehr mit der Religion oder den

Heiligen Stätten zu tun, sondern waren unmittelbar politischer

Natur. Soll Jerusalem geteilt bleiben? Soll die Frage der

Internationalisierung weiterhin auf der Tagesordnung stehen?

Falls ja, in welcher Form? Soll Israel Jerusalem zu seiner

Hauptstadt machen? Die Antworten auf diese Fragen ergaben

sich nicht von selbst. Äußere Kräfte - die Großmächte, die

Vereinten Nationen, der Vatikan - hatten allesamt ihre eigenen

Antworten. Allerdings mussten sie feststellen, dass sie

außerstande waren, den Lauf der Dinge zu bestimmen. Die

folgeträchtigen Entscheidungen wurden nun von den zwei

Mächten getroffen, die sich Jerusalem teilten, von Israel und

Jordanien. Völkerrechtlich gesehen herrschte zwischen ihnen

während dieser ganzen Zeit ein Kriegszustand, aber im Lauf der

Jahre entwickelte sich zwischen beiden eine seltsame

diplomatische Symbiose. Obwohl sie sich nicht auf einen

dauerhaften Frieden einigen konnten, wurde in Jerusalem doch

ein Modus vivendi erreicht. Was immer der Großteil der übrigen

Welt denken mochte, weigerten sich beide, von den Positionen

abzurücken, die sie unter immensen Kosten in Jerusalem erlangt

hatten.

-256-

Teile und herrsche

Während in Jerusalem das Waffenstillstandsabkommen mit

Israel im großen und ganzen eingehalten wurde, blieb doch das

Feuer, das Heckenschützen an der durch die Stadt laufenden

Demarkationslinie immer wieder eröffneten, eine ständige

Gefahr. Im Juli 1954 wurden neun Menschen von

Heckenschützen getötet und fünfundfünfzig verletzt. Die

Verbindungen zwischen Israel und seiner Enklave auf dem

Skopusberg blieben prekär. Ein besonderes Ärgernis war für die

Israelis, dass Jordanien nicht den Artikel VII des

Waffenstillstandsabkommens umsetzte, der den Zugang zu den

jüdischen Heiligen Stätten in Ostjerusalem regelte. Der Verkehr

zwischen dem arabischen und dem jüdischen Sektor Jerusalems

- vorwiegend Diplomaten, christliche Geistliche und Pilger - war

auf einen einzigen Übergang an der Stelle beschränkt, die später

unter dem Namen Mandelbaumtor bekannt wurde, obwohl es

dort kein Tor gab und der jüdische Kaufmann, dem früher dort

ein Haus gehört hatte, längst nicht mehr da war.

Während die Teilung Jerusalems nach und nach zur

Alltagsrealität wurde, begann die Öffentlichkeit im Westen ihr

Interesse an der Internationalisierung zu verlieren. Im Mai 1950

befürwortete die New York Times einen israelischen Vorschlag,

den territorialen Status quo in Jerusalem aufrechtzuerhalten, die

religiösen Heiligtümer in der Stadt hingegen den Vereinten

Nationen zu unterstellen.2 Auch Le Monde und The Times

vertraten diesen Standpunkt.3

Trotz des am 13. Dezember 1949 vereinbarten Entwurfs für

ein Friedensabkommen kam es zwischen Abdullah und den

Israelis nicht zu dessen Unterzeichnung. Es wurde jedoch

weiterhin über Jerusalem verhandelt und weitgehend

Verständigung erzielt. Im Januar 1950 teilte der israelische

-257-

Vertreter bei den Vereinten Nationen, Abba Eban, seinem

britischen Kollegen mit, dass «zwischen Israel und Jordanien

praktisch Einigkeit bestehe hinsichtlich Jerusalems (einfache

territoriale Teilung mit Garantien für die Heiligen Stätten), aber

die Verständigung über Jerusalem Teil einer allgemeinen

Vereinbarung sein müsse. Letztere habe sich aber an der Frage

von Jordaniens Zugang zum Meer festgefahren».4 Ebans

Optimismus war ein wenig voreilig und wurde im Londoner

Außenministerium als «Taktiermanöver» abgetan.5

Bei einem geheimen Treffen zwischen israelischen und

jordanischen Vertretern im Wüstenpalast des jordanischen

Königs in Schuneh ein paar Tage später kam die Jerusalem-

Frage erneut zur Sprache. Wieder wurde Israel von Reuven

Schiloah und Moshe Dayan vertreten, während der jordanischen

Delegation der jordanische Hofminister Samir Rifai vorstand.

Bei dieser Gelegenheit wurde der exakte Grenzverlauf der

vorgesehenen Aufteilung der Stadt besprochen. Wieder ließen

die Jordanier ihre Bereitschaft erkennen, bestimmte Gebiete an

Israel auszuhändigen, das jüdische Viertel und die Westmauer

eingeschlossen, und boten an, den Zugang zum Skopusberg zu

garantieren. Im Gegenzug sollten die Israelis bestimmte

arabische Wohngebiete in Westjerusalem, die im Krieg

aufgegeben worden waren, Jordanien überlassen, darunter

Talbieh, die Griechische Kolonie und Baqa.6 Bei einer ganzen

Serie weiterer Treffen wurden in den folgenden Wochen die

Details einer Vereinbarung ausgehandelt. Abdullah schien

bereit, ihr zuzustimmen, aber er stieß mit der geplanten

Überlassung des jüdischen Viertels und der Westmauer auf

Widerstand bei der Regierung: Ministerpräsident und Kabinett

drohten mit ihrem Rücktritt.7 Jordanien war alles andere als eine

parlamentarische Demokratie, und Abdullah hätte

möglicherweise seine Minister überstimmen können. Am 24.

Februar trafen Rifai und der jordanische Verteidigungsminister

Fawsi al-Mulqi neuerlich mit Schiloah und Dayan zusammen

-258-

und paraphierten die Skizze einer Vereinbarung, die als

Grundlage formeller Verhandlungen zwischen den beiden

Ländern gelten sollte. Aber die Presse hatte davon Wind

bekommen, und in Jordanien verhärtete sich der Widerstand

gegen ein solches Abkommen. Im April 1950 sah es so aus, als

wären die Gespräche erneut eingefroren.

Abdullah war auch weiterhin bestrebt, mit Israel zu einer

Vereinbarung zu kommen - wenn auch nur, um sich nicht der

Gefahr auszusetzen, das Juwel seines Königreichs an die

internationale Verwaltung zu verlieren, was nun auch seine

arabischen Verbündeten forderten. In diesem Monat stattete er

Jerusalem einen Besuch ab, bei dem er, aus einem über dem

Haram al-Scharif gelegenen Fenster weisend, voller Emphase

sagte: «Dies ist die Al-Aqsa-Moschee, die Gott gesegnet hat.

Die Moschee ist ein islamisches Vermächtnis, in dem sich die

Heiligkeit und Größe des Islams verkörpern. Soll ich sie einer

ausländischen Verwaltung namens Internationalisierung

überlassen, während dies doch ein Versprechen ist, das mir den

Hals zuschnürt, und eine Stelle, die ich mit dem Blut meiner

Soldaten verteidigt habe? Nein - nein - das werde ich nicht tun,

und wenn ich es täte, wäre ich nicht Abdullah ibn Hussein.»8

Tatsächlich hatte Abdullah bei mehreren Gelegenheiten erklärt,

dass Jerusalem nur «über seine Leiche» internationalisiert

werden würde.

Über eine kurzzeitige öffentliche Kundgebung einer

israelisch-jordanischen Zusammenarbeit im Zusammenhang mit

der Aufteilung von Jerusalemer Vermögenswerten wurde im

Oktober 1950 berichtet, als der Pressebeauftragte der Vereinten

Nationen in der Stadt folgendes Kommunique verlas:

Beobachter der Vereinten Nationen beaufsichtigten heute - in

Zusammenarbeit mit jordanischen und israelischen Behörden -

die Verlagerung des «Biblischen Zoos» vom israelisch

kontrollierten Skopusberg durch das von Jordanien beherrschte

-259-

Jerusalem in ein neues Quartier im israelischen Teil der Stadt.

Folgende Tiere wurden verlegt: ein Löwe, ein Tiger, zwei

Bären, eine Hyäne, drei Känguruhs, ein Affe und zahllose

Vögel.

Internationales Eingreifen war aus folgendem Grund

erforderlich: Die Frage der Fütterung der Tiere auf dem

Skopusberg hatte den Vereinten Nationen, Israel und Jordanien

ungewöhnliche Probleme bereitet. Entscheidungen waren zu

treffen, ob a) israelisches Geld verwendet werden solle, um

arabische Esel zu kaufen, um den israelischen Löwen zu füttern,

oder b) ob ein israelischer Esel durch von Jordanien

beherrschtes Gebiet passieren solle, um von dem fraglichen

Löwen gefressen zu werden.

Da keine andere befriedigende Lösung gefunden werden

konnte, haben sich die israelischen und jordanischen Behörden

darauf geeinigt, den Zoo zu verlegen.9

Wenn dies die reductio ad absurdum der Teilung war, war es

doch auch ein Beleg für den Wunsch beider Seiten, die Teilung

der Stadt zu konsolidieren.

Weshalb aber gelang es den beiden Seiten nicht, zu einer

formellen Vereinbarung zu kommen? Jerusalem war nicht der

hauptsächliche Stolperstein - Abdullah hätte sich wahrscheinlich

über die palästinensische Opposition gegen seinen

Teilungsvorschlag für die Stadt hinwegsetzen können. Aber die

Stadt war Teil des größeren Kontextes der israelischjordanischen

und israelisch-arabischen Beziehungen. Keine der

beiden Seiten war anscheinend vollends dazu bereit, den

gefährlichen Sprung in Richtung einer vertraglichen

Friedensvereinbarung zu wagen. Sporadisch fanden in den

folgenden Monaten Gespräche zwischen Abdullah und den

Israelis statt, aber die Beziehungen waren durch mehrere

Grenzzwischenfälle getrübt, und die öffentliche Meinung blieb

-260-

beiderseits feindselig.

Die Angelegenheit wurde ohnehin zu einer rein akademischen

Frage, als Abdullah am 20. Juli 1951 in Jerusalem einem

Attentat zum Opfer fiel. Mit einem einzigen Schuss aus nächster

Nähe wurde er getötet, als er zusammen mit seinem Enkel

Hussein zum Freitagsgebet in die Al-Aqsa-Moschee hineinging.

Der Attentäter Mustafa Aschu, ein Jerusalemer

Schneiderlehrling, wurde auf der Stelle von den Leibwächtern

erschossen. Im Gefolge des Anschlags zogen Soldaten der

Arabischen Legion in einem Rachefeldzug durch die Stadt,

zertrümmerten Geschäfte und Verkaufsstände, plünderten und

richteten schwere Schäden für das Geschäftsleben an.10

Abdullahs Ermordung galt in weiten Kreisen als Folge einer

Verschwörung. Allgemein verdächtigte man den Mufti, seine

Hände dabei im Spiel gehabt zu haben, obwohl nie ein Beweis

dafür vorgelegt wurde, dass er direkt damit zu tun hatte.

Mehrere Anhänger des Mufti wurden festgenommen. Die

Untersuchungsbeamten kamen zu dem Schluss, eine

Schlüsselfigur in der Verschwörung sei der ehemalige

jordanische Gouverneur von Jerusalem Abdullah al- Tall

gewesen. Von östlich des Jordans stammend, war er ein

Anhänger des palästinensischen Nationalismus; als Offizier

hatte er im Krieg von 1948 eine entscheidende Rolle in den

Kämpfen in Jerusalem gespielt. Überdies hatte er mindestens

einmal direkt von den Israelis Bestechungsgelder angenommen.

Tall beschuldigte Abdullah, die arabische Sache verraten zu

haben, als er im Mai 1948 arabische Truppen von der Stadt

fernhielt. Er zerstritt sich mit der Regierung und ging 1949 ins

Exil nach Ägypten. Von Kairo aus scheint Abdullah al- Tall

maßgebend bei der Planung des Attentats beteiligt und einen

großen Geldbetrag aus einer unbekannten Quelle erhalten zu

haben, um das Räderwerk der Verschwörung zu schmieren.12

Manche Kontakte zwischen Israelis und Jordaniern gingen

sogar noch nach Abdullahs Tod weiter. So traf beispielsweise

-261-

im Oktober 1951 der israelische Distriktskommandeur für

Jerusalem, Avraham Biran, mit Ragheb Bey Naschaschibi

zusammen, um über Jerusalem zu sprechen. Naschaschibi teilte

ihm bei dieser Gelegenheit mit, dass in Jordanien die Meinung

in Richtung Internationalisierung tendiere, auch wenn dies

gleichermaßen als taktischer Schachzug sowie als Ausdruck des

Fehlens einer klaren politischen Linie in Jordanien nach dem

Mordanschlag zu werten sei.13

«Ein Mann von Welt, genial, zynisch und ohne jeglichen

Fanatismus...Er behielt etwas von der offiziellen osmanischen

Tradition des Bakschisch und Nepotismus bei, aber in Grenzen»:

Ragheb Bey Naschaschibi, Bürgermeister von Jerusalem zwischen

1920 und 1934, bei der Begrüßung von Gästen anlässlich seiner

feierlichen Amtseinführung als Beschützer der Heiligen Stätten in

Jerusalem im Januar 1951.

-262-

Bald darauf wurden jedoch sämtliche Kontakte abgebrochen,

und im folgenden Sommer sahen sich die Israelis genötigt, die

Briten zu fragen, ob sie etwas über die gegenwärtige Haltung

Jordaniens hinsichtlich der Internationalisierung Jerusalems in

Erfahrung bringen könnten.14

Während die direkten israelisch-jordanischen Gespräche noch

im Gang waren, feilten die Versöhnungskommission und der

UN-Treuhandrat ohne Begeisterung wieder an dem Jerusalem-

Statut. Es war eine der am kunstvollsten ausgetüftelten, am

längsten debattierten und am sorgfältigsten formulierten

Verfassungstexte, die je eingebracht wurden. In mancher

Hinsicht war es ein echtes Meisterwerk des öffentlichen Rechts,

das jedoch trotz der geradezu monströsen Anstrengungen nie in

Kraft trat. Am 30. Januar 1950 hatte der französische Vertreter

im Treuhandrat, Roger Garreau, einen weiteren Plan vorgelegt,

der vorsah, dass Jerusalem (wie Gallien) in drei Teile zerfallen

solle: eine israelische Zone, eine jordanische Zone und eine

«internationale Stadt» unter der Hoheitsgewalt der Vereinten

Nationen. Arabische Wortführer lehnten den Plan ab, weil er

Jerusalem zerschneide. Abba Eban, der Israel bei den Vereinten

Nationen vertrat, teilte dem US-State Department mit, das Statut

sei ein «völlig unrepräsentatives und unrealistisches

Dokument».15 Am 4. April wurde das neue Statut vom

Treuhandrat mit neun gegen null Stimmen bei Enthaltung der

USA und der Sowjetunion verabschiedet. Von Arabern wie

Juden bekämpft, gelangte das Statut nicht einmal bis vor die

Generalversammlung der UNO. Der Treuhandrat wandte sich

nun anderen Problemen zu, und die Versöhnungskommission

richtete sich in einem geisterhaften Nachleben in New York ein.

Zwischen 1951 und 1967 verabschiedeten die Vereinten

Nationen keine weiteren Resolutionen zu Jerusalem. Es konnte

nicht ausbleiben, dass das Unvermögen dieser internationalen

Organisation, ihrer vermeintlichen Autorität in der Stadt denn

auch wirklich Geltung zu verschaffen, auch dass Ansehen des

-263-

Plans eines Corpus separatum unterminierte. Die offensichtliche

Zufriedenheit Israels und Jordaniens mit der Teilung, in

Ermangelung eines Besseren, und der Umstand, dass sie ihre

Auffassungen vor Ort durchzusetzen vermochten, führte

schließlich dazu, dass sich die anderen Staaten widerstrebend

mit den gegebenen Verhältnissen abfanden.

Wie die Vereinten Nationen, verloren auch sie in diesen

Jahren das Interesse an Jerusalem. Von den Großmächten

ergriffen nur Großbritannien und die USA zwischen 1950 und

1967 überhaupt irgendeine nennenswerte diplomatische

Initiative in dieser Angelegenheit. Die Briten, denen daran

gelegen war, die Position ihres Klienten Abdullah in geregelte

Verhältnisse zu bringen, waren am meisten an einer vereinbarten

Lösung interessiert. Die Amerikaner hingegen sahen die Sache

als weniger dringlich an. Im August 1950 ließ der amerikanische

Außenminister Dean Acheson die Briten wissen, er erachte die

Internationalisierung als «gerecht und durchführbar»;

«Hauptanliegen» der USA sei «eine vereinbarte Lösung».

Deshalb würden die Amerikaner eine neue Jerusalem-Initiative

nur dann mitmachen, wenn es eine «gute Chance auf Akzeptanz

seitens der beiden Jerusalem beherrschenden Staaten und eines

großen Teils der internationalen Gemeinschaft» gäbe.16

Im Juli 1952 setzte das Londoner Außenministerium

«Versuchsbedingungen für eine endgültige arabisch- israelische

Vereinbarung» auf, die an die Amerikaner übermittelt wurden.

Sie schlugen - im Rahmen einer allgemeinen Regelung - die

«Anerkennung von Israels und Jordaniens Souveränität über ihre

jeweiligen Sektoren von Jerusalem durch alle arabischen Staaten

und ein Versprechen vor, in den Vereinten Nationen eine

Resolution zu unterstützen, die eine solche Anerkennung

befürwortet, gegen Garantien, internationale Rechte und

Interessen dort zu wahren.» Das Dokument schlug auch

«Korrekturen an der Demarkationslinie in Jerusalem vor, um

eine logische gemeinsame Grenze zu schaffen». In der Klausel,

-264-

die am wenigsten Zuspruch bei den Israelis finden sollte, hieß

es, dass Israel «alle Ansprüche (gegen Entschädigung) auf den

Skopusberg aufgeben solle, der an Jordanien gegeben wird».17

Archie Ross, der Verfasser dieses Dokuments, gestand zwar ein,

hinsichtlich seiner Annehmbarkeit auf beiden Seiten «keine

Illusionen» gehegt zu haben, aber es sah nun doch danach aus,

dass die Briten nicht mehr unbedingt an der

Internationalisierung festhielten.18 Eine Denkschrift von Evelyn

Shuckburgh vom Dezember 1954 deutete jedoch an, dass das

Foreign Office einen gewissen Rückzieher gemacht hatte:

«Jerusalem: ein sehr kompliziertes Problem, für das es viele

widersprüchliche, allesamt mit vielen Schwierigkeiten

verbundene Lösungen gibt. Internationalisierung oder

Neutralisierung sollte weiterhin unser Ziel sein.»19 Mitte der

fünfziger Jahre waren aber die Anhänger einer solchen

Auffassung zunehmend in der Minderheit.

Eine förmliche Korrektur an ihrer diplomatischen Position

nahmen zwar weder die Briten noch die Amerikaner vor, aber

insgeheim erkannten beide, dass die Internationalisierung keine

realistische Politik mehr war. 1955 versuchten Briten und

Amerikaner gemeinsam, eine arabischisraelische Einigung

zustande zu bringen, bekannt als Operation Alpha, d. h. ein

gemeinsames Memorandum, das die Grundlagen einer

Vereinbarung aufzählte. Hinsichtlich Jerusalems wurde darin die

Entmilitarisierung gefordert, die de iure-Anerkennung der

israelischen und jordanischen Souveränität innerhalb ihrer

jeweiligen Sektoren der Stadt sowie die Schaffung einer

internationalen Behörde, die mit der Aufsicht über die Heiligen

Stätten beauftragt würde.20 Aber der Versuch, den Parteien eine

auf dieser Linie liegende vertragliche Regelung aufzunötigen,

kam nicht voran, und nachdem sich 1956 die Wege

Washingtons und Londons in der Suez-Krise getrennt hatten,

ließ man die Angele genheit fallen.

Für die Zeit danach kann man die allgemeine Politik der

-265-

Westmächte in Sachen Jerusalem bis 1967 in die berühmte,

wenn auch apokryphe Maxime fassen, die angeblich

Neuankömmlingen im britischen diplomatischen Dienst

eingetrichtert wird: «Alles Tun hat Konsequenzen;

Konsequenzen sind nicht vorhersehbar; deshalb tun Sie nichts.»

-266-

Jerusalem im Abseits

Während des Palästina-Kriegs von 1948-49 war ein Großteil

der arabischen Bevölkerung Jerusalems aus der Stadt geflohen.

Trotz des Waffenstillstands hielten die Nähe der Grenze und die

ständigen Schüsse von Heckenschützen aus beiden Richtungen

viele von einer raschen Rückkehr ab. Erst 1950 setzte eine

merkliche Rückwanderung nach Ostjerusalem ein. Nicht nur

Jerusalemer, sondern auch Flüchtlinge aus den nun Israel

zugesprochenen Gebieten bezogen im jordanischen Sektor ihren

Wohnsitz. Im Juni 1953 waren 19106 Flüchtlinge in Jerusalem

registriert. Weitaus mehr ließen sich in den Dörfern vor der

Stadtgrenze nieder, wie etwa in Abu Dis (1297 Flüchtlinge im

Juni 1953 registriert), Silwan (1621) und a-Tur (800).21 Anfangs

lebten die meisten Flüchtlinge in Zelten oder Höhlen, später in

Lehm- oder Wellblechhütten. Als in den fünfziger Jahren das

Wirtschaftsleben wieder in Gang kam, begann Ostjerusalem

Zuwanderer anzuziehen, besonders aus Hebron. Neubauten

wurden errichtet, vor allem im Norden, insbesondere im Wadi

Joz, sowie im Osten auf dem Ölberg und in seiner Umgebung.

Zwischen 1949 und 1967 verzeichnete man einen Zuwachs der

Bevölkerung des jordanischen Jerusalem von 42000 auf 70000

Einwohner.

Am 21. März 1949 gab Abdullah bekannt, dass die

Militärverwaltung im Westjordanland einschließlich

Ostjerusalem durch eine Zivilverwaltung ersetzt würde. Keine

der anderen Mächte erkannte Jordaniens Souveränität über

Ostjerusalem an, aber da es Jerusalem nicht als

Landeshauptstadt beanspruchte, entstanden daraus keine

diplomatischen Probleme. «Selbst wenn sie ihre eigenen

Interessen verfolgen, haben doch die Jordanier von Natur aus

weder die Findigkeit noch die juristische Finesse und

-267-

Hartnäckigkeit, welche die Israelis bei der Verfolgung ihrer

Ziele einsetzen», hieß es in einem Schreiben des britischen

Botschafters in Amman aus dem Jahr 1962.22

Allerdings machten allerlei protokollarische Probleme den

ausländischen Konsuln und Diplomaten zu schaffen. Als

beispielsweise 1956 in Jerusalem ein Empfang für König

Hussein vorbereitet wurde, kam die Frage auf, ob das

konsularische Korps zugegen sein solle. Würde seine

Anwesenheit nicht die Anerkennung der jordanischen

Souveränität in der Stadt beinhalten? Würde dies die Konsuln

dazu verpflichten, auch an Empfängen des israelischen

Präsidenten teilzunehmen? Wäre ein Unterschied zu machen

«zwischen Empfängen, die einerseits die örtlichen Behörden für

den König geben, und andererseits Empfängen, die der König

selbst gibt und für welche Einladungen in seinem Namen

verschickt werden?»23 Am Ende entschied das Londoner

Außenministerium (das damals in derlei Dingen in Jordanien

den Ton angab), dass, wie es der Generalkonsul ausdrückte,

Konsuln «einen so niedrigen Status hätten, dass ihre

Anwesenheit bei königlichen Empfängen im (jordanischen)

Jerusalem die Souveränitätsfrage nicht tangieren» könnten. Es

stellte sich dann heraus, dass die Konsuln, die arabischen

ausgenommen, überhaupt nicht eingeladen wurden - «zu unserer

großen privaten Freude, da es ein glühend heißer Tag war!»

kommentierte der britische Generalkonsul den Vorgang, um

dann, ganz seiner Würde bewusst, hinzuzufügen: «Und doch

empfinden wir dies in offizieller Hinsicht als eine Kränkung,

und wir erwägen, dagegen Protest einzulegen.»24

In den neunzehn Jahren jordanischer Herrschaft wurde das

politische Gewicht Jerusalems innerhalb des jordanischen

Staatswesens systematisch zurückgenommen. Der ins Exil

gegangene Abdullah al-Tall war einer von vielen, der König

Abdullah vorhielt, den Rang Jerusalems absichtlich zu

schmälern. Obwohl al-Talls Vorwürfe gegen Abdullah zumeist

-268-

auf persönliche Gehässigkeit zurückzuführen waren, war diese

Vorhaltung nicht ganz unbegründet. Der arabische Sektor der

Stadt war nur noch ein stark verkleinerter Rumpf. Er hatte seine

bisherige Bedeutung als Hauptstadt eingebüßt, seitdem alle

wichtigen Regierungsstellen nach Amman verlegt worden

waren.

1950 wurde der Stadtrat aufgelöst; danach führten für eine

Weile ein ernannter Bürgermeister namens Aref al-Aref und ein

offizieller Ausschuss die Geschäfte der Stadt. 1951 wurde der

Oberste Muslimrat abgeschafft und 1956 der muslimische

religiöse Appellationshof nach Amman verlegt. Das Fest von

Nabi Musa, das seit langem eine Gelegenheit für nationalistische

Demonstrationen und das eng mit den Husaynis verknüpft war,

ließ man einschlafen. In einer Aufzeichnung eines in Jerusalem

ansässigen Briten aus den frühen fünfziger Jahren heißt es, das

Fest sei «infolge von wid rigen Umständen abgeschafft. Es hieß,

dass man es dieses Jahr wieder veranstalten wolle. Der

Bürgermeister hat sogar sein großes Zelt in Ras al-Amoud

aufgeschlagen. Aber es blieb leer und stand verloren herum. Die

Bauern waren zu arm, zu traurig, um sich einen Tag frei zu

nehmen.»25 So ließ sich der Niedergang dieser farbenfrohen

Tradition wohl erklären, aber ein plausiblerer Grund dafür war,

dass die jordanische Regierung eine politische Gefahr in dem

Aufleben dieser Tradition witterte.

Die Briten, die in den frühen fünfziger Jahren noch großen

Einfluss in Jordanien hatten, brachten gelegentlich ihre Irritation

über die eingeschränkte Rolle der Stadt zum Ausdruck: «Wir

wären gut beraten, wenn wir der jordanischen Regierung

klarmachten... dass wir ihnen nicht gestatten können, die

Altstadt von Jerusalem so zu behandeln, als wäre sie nur ein

Provinzstädtchen in Jordanien, ohne Geschichte oder

Bedeutung», schrieb der britische Generalkonsul im April

1955.26 Diese Feststellung war ein Beweis für die Verwirrung,

die die Jerusalem-Frage auf diplomatischer Ebene stiftete:

-269-

Einerseits wurden die Israelis dafür getadelt, dass sie aus der

Stadt ihre «Hauptstadt» machten; andererseits rügte man die

Jordanier, weil sie mit Jerusalem so umgingen, als wäre es eine

bloße «Provinzangelegenheit». Die Jordanier scherten sich

jedenfalls, wie die Israelis auch, wenig um den Rat, den sie von

draußen in bezug auf Jerusalem erhielten.

Zugleich waren die Klagen, dass die Jordanier Jerusalem links

liegen ließen, nicht ganz berechtigt. Abdullah ergriff nämlich

einige Maßnahmen, die Jerusalems Wichtigkeit unterstrichen,

und sorgte, ebenso wie seine Nachfolger, unter tatkräftigem

Einsatz des Spoliensystems dafür, dass ihm der Rückhalt der

führenden Notabein der Stadt erhalten blieb. 1950 ernannte er

einen ehemaligen Bürgermeister von Jerusalem und

langjährigen politischen Verbündeten, Ragheb Bey al-

Naschaschibi, zum Gouverneur des Westjordanlandes. Im

Januar 1951 machte er Rhageb auch zum Wächter und obersten

Kustos der Heiligen Stätten aller drei Religionen - auch wenn

die USA, der Vatikan und andere Länder sich weigerten, diese

Berufung anzuerkennen. Nach Abdullahs Tod wurden mehr

Palästinenser, einige Jerusalemer eingeschlossen, in die

Regierung aufgenommen. Aref al-Aref, der Bürgermeister von

Jerusalem, wurde 1955 zum Minister für öffentliche Arbeiten

ernannt. Anwar Nusseibeh, der in der nicht lange existierenden

Regierung für ganz Palästina in Gaza Kabinettssekretär gewesen

war, wurde 1953 zum jordanischen Minister für Verteidigung

und Wiederaufbau und 1961 zum Gouverneur von Jerusalem

berufen. Husayn Fakhri al-Khalidi, der in den dreißiger Jahren

Bürgermeister von Jerusalem gewesen war, wurde 1957

jordanischer Ministerpräsident - wenn auch nur für neun Tage.

Die Politik der Haschemiten gegenüber den Palästinensern war

im wesentlichen die einer mit Unterdrückung untermischten

Kooption.

Diese Politik war nur zum Teil erfolgreich. Während dieser

ganzen Zeit blieb Jerusalem das Zentrum des palästinensischen

-270-

arabischen Nationalismus westlich des Jordans und darum der

Gegenstand einer gefährlichen Fürsorge seitens der

innerjordanischen Sicherheitsorgane. Ein Kandidat der Wahlen

von 1962 für das Flüchtlingslager Qalandija direkt im Norden

Jerusalems erklärte voller Bitterkeit: «Schaut euch die Paläste

an, die in Amman und nicht in Jerusalem gebaut werden,

errichtet nach 1948 auf palästinensischen Schultern. Sie hätten

in Jerusalem gebaut werden sollen, aber wurden von dort

verlegt, damit es weiterhin wie ein Dorf bleibe!»27 In den

unruhigen Zeiten nach dem Attentat auf Abdullah fassten sich

palästinensische Notabein ein Herz und stellten mit allem

Nachdruck ihre Forderungen an die jordanische Regierung. In

einem Memorandum von 1952 an den Ministerpräsidenten

drängten vierzehn führende Persönlichkeiten aus dem

Westjordanland auf eine Reihe von Maßnahmen, um Rang und

Ansehen Jerusalems zu verbessern. Die Forderungen wurden

abgelehnt; allerdings wurde 1955 der Verwaltungsstatus der

Stadt nominell hochgestuft. 1951 und 1955 kam es in Jerusalem

zu regierungsfeindlichen Unruhen, bei denen Konsulate

angegriffen und der französische und der türkische Konsul

verletzt wurden. Der exilierte Mufti verfügte noch über

Gefolgsleute, und Husayni-Anhänger bildeten den Kern der

Opposition gegen die Herrschaft der Haschemiten.

Regimefeindliche Unterströmungen wurden seit der Mitte der

fünfziger Jahre von dem aus Ägypten herüberschwappenden

Nasserschen Nationalismus angetrieben. Aber die Politik der

Jordanisierung wurde trotz gelegentlicher rhetorischer Floskeln

in Richtung Jerusalem weiter intensiviert.28

Die Nahostkrise von 1956 verschärfte in Jerusalem sowohl

die Spannungen zwischen Israel und Jordanien als auch

zwischen Jordanien und Großbritannien. Eine Zeit lang weckte

der Nasserismus bei den Palästinensern neue Hoffnungen. Das

ägyptische Konsulat in Jerusalem tat, bis zu seiner Schließung

im Jahre 1957, das seine, um das Feuer zu schüren, indem es

-271-

den Waffenschmuggel zugunsten der Fedajin, der im

Untergrund kämpfenden palästinensischen Araber, organisierte,

die in Israel eindrangen.29 Die Entlassung Glubb Paschas als

Kommandeur der Arabischen Legion im März 1956 markierte

den dramatischen Endpunkt des überkommenen

paternalistischen Systems britischer Oberhoheit in Jordanien.

Später im Jahr 1956 ließ der amtierende Außenminister Awni

Abdul Hadi den französischen Gesandten zu sich kommen und

teilte ihm mit, dass das von der Norm abweichende System in

Jerusalem «ein empörender Zustand sei, der nicht beibehalten

werden könne».30 Wenige Tage danach entzog der

Außenminister den Mitgliedern des konsularischen Korps die

ständigen Diplomatenpässe, die ihnen Bewegungsfreiheit

zwischen der Alt- und der Neustadt gewährleisteten.31 Etwa zur

gleichen Zeit wurden die konsularischen Telefonverbindungen

zwischen Ost- und Westjerusalem unterbrochen, die

überraschenderweise seit der Teilung der Stadt weiterbestanden

hatten; dabei blieb es bis 1967.32 Der Gouverneur entschuldigte

sich dafür, dass die Pässe eingezogen worden waren, und

erklärte, dass er die entsprechende Anweisung als «dumm und

unhöflich» empfinde.33 Sein Versuch, den Außenminister

umzustimmen, blieb jedoch erfolglos. Die Konsuln protestierten

heftig und rächten sich für den Verlust ihrer ständigen

Diplomatenpässe damit, dass sie nun Tag für Tag für sich und

ihre Mitarbeiter Tagespässe beantragten.34 Die Westmächte

erwogen, mit der Schließung ihrer Dienststellen in Ostjerusalem

und sogar mit der Anerkennung Jerusalems als Israels

Hauptstadt zu drohen, wenn die Jordanier nicht einlenkten, aber

gegen Letzteres erhob Frankreich Einwände, weshalb es denn

auch fallengelassen wurde.35 Stattdessen verfiel man auf eine

fruchtbarere Vorgehensweise: Man hatte herausgefunden, dass

der Direktor für Auswärtige Verbindungen im jordanischen

Außenministerium für diese Angelegenheit verantwortlich war.

Er bezog eine britische Regierungspension, die durch das

-272-

Jerusalemer Konsulat ausbezahlt wurde; daraufhin ließ man

durchblicken, dass die neuen Verhältnisse die Auszahlung

derartiger Pensionen schwierig machen würden; kurz darauf

wurden dem konsularischen Korps die Pässe wieder erteilt - mit

Ausnahme des französischen Generalkonsuls, der als eine Art

Sanktion für die Suez-Krise mehrere Jahre lang auf

Westjerusalem beschränkt war (seltsamerweise musste sein

britischer Kollege nicht dieselbe Sanktion erleiden).36

Auf dem Höhepunkt der Suez-Krise Anfang November 1956

schlugen die Franzosen den Briten vor, Israel und Jordanien ein

weiteres Mal ihren alten Plan einer Entmilitarisierung

Jerusalems vorzuschlagen. Das Foreign Office witterte Unheil.

Verfügten etwa die Franzosen über Informationen, dass die

Israelis einen Angriff auf das Westjordanland vorhatten? Hätten

die Franzosen nichts dagegen, vorausgesetzt, dass Jerusalem

davon nicht betroffen wäre? «Es ist typisch für die Franzosen»,

schrieb ein brit ischer Diplomat am 5. November, «dass sie sich

dann, wenn der Zusammenbruch der britischen Position im

Nahen Osten bevorsteht, vor allem damit beschäftigen, ihre

angemaßte Rolle als Schutzmacht der Heiligen Stätten

beizubehalten.»37 Die Krise ging vorüber. Israel griff nicht an,

der französische Plan fiel ins Wasser, und das Leben in

Jerusalem kehrte zu seiner von der Norm abweichenden

Normalität zurück.

In den folgenden Jahren hielten weiterhin politische Unruhen

und der Widerstand gegen die Haschemiten an. 1957 kam es in

Jerusalem zu weiterem Aufruhr. Die Ausbreitung des

Nasserismus in Jordanien und eine vorübergehende

Militärintervention der Briten führten 1958 zu einer weiteren

Krise. Israel erleichterte die Intervention der Briten, indem es

der Royal Air Force gestattete, über sein Territorium zu fliegen.

Zugleich signalisierte Israel den Briten, dass es, im Falle eines

Putsches gegen das haschemitische Regime - wie es im Irak der

Fall war - selbst das Westjordanland oder zumindest

-273-

Ostjerusalem und andere strategisch wichtige Gebiete zu

besetzen erwog.

Weder die Popularität des Panarabismus noch die offizielle

Jordanisierung konnten den palästinensischen arabischen

Nationalismus auslöschen. 1963 gab es erneut Unruhen in der

Stadt. Im folgenden Jahr fügte sich Jordanien der Realität dieser

nationalistischen Strömungen und gestattete, dass in Jerusalem

ein Palästinensischer Kongress zusammentrat - auch wenn

König Hussein zunächst Amman oder einen Ort in der Nähe des

Toten Meeres dafür vorgeschlagen hatte.38 Eröffnet wurde er

vom jordanischen König am 29. Mai 1964 im Intercontinental

Hotel auf dem Ölberg; es war praktisch die Gründung der

Palästinensischen Befreiungsorganisation (Palestine Liberation

Organization, PLO), an deren Spitze anfangs Ahmad Schukeiri

stand. Das Hauptquartier der PLO befand sich ursprünglich in

Jerusalem, wurde aber im Januar 1967 von der jordanischen

Regierung, die ihre Autorität bedroht sah, geschlossen, weshalb

die PLO gezwungen war, ihre Basis nach Kairo zu verlegen.

Im März dieses Jahres kehrte der inzwischen über

siebzigjährige Mufti erstmals seit seiner Flucht vor den Briten

dreißig Jahre zuvor nach Jerusalem zurück. Hussein empfing ihn

mit allen Ehren und brachte ihn in seinem Haus in Bet Hanina

nördlich von Jerusalem unter. Er hatte sich jetzt mit den

Haschemiten wieder ausgesöhnt, und wäre es auch nur wegen

deren Widerstand gegen die PLO gewesen. Nach zwei Wochen

reiste er wieder ab und kehrte nie wieder zurück, wenngleich er

in seinen letzten Lebensjahren, die er zumeist im Libanon

verbrachte, weiterhin politisch aktiv blieb. In den einen Monat

später abgehaltenen allgemeinen Wahlen wurden zwei seiner

Anhänger als Repräsentanten Jerusalems ins Parlament gewählt.

Zu dieser Zeit hatte die PLO ihr Potential zwar noch nicht recht

erkannt, aber mit der Macht des Mufti war es eigentlich vorbei.

-274-

Die Christen im geteilten Jerusalem

Ein für die Zeit der jordanischen Herrschaft in Jerusalem

bezeichnendes Merkmal war der Rückgang der christlichen

Bevölkerung. Von 31400 im Jahre 1946 - damals 19 Prozent der

Bevölkerung - schrumpfte sie auf 12900 oder 4,9 Prozent im

Jahre 1967 zusammen.39 Fast alle Christen lebten in

Ostjerusalem. Hauptfaktor für diesen Rückgang war die

Auswanderung. Diese hing weniger mit der nicht gerade

christenfreundlichen Politik der Regierung, den sozialen

Spannungen oder gelegentlichen Gewaltausbrüchen zwischen

Christen und Muslimen zusammen, als vielmehr mit dem

Rückgang wirtschaftlicher Chancen einschließlich der

Beschäftigung in der Verwaltung, in Handel und Gewerbe und

im Tourismus, mithin in jenen Bereichen, von denen die

christliche Bevölkerung der Stadt bislang weitgehend gelebt

hatte.

Im zahlenmäßigen Rückgang spiegelte sich auch das

Schwinden ihres politischen Einflusses. Die Anzahl von

Christen im öffentlichen Dienst, die während der britischen

Mandatsverwaltung unverhältnismäßig hoch war, ging unter

jordanischer Herrschaft zurück. Jordanien war ein muslimischer

Staat, in dem die christlichen Feiertage nicht mehr offiziell

anerkannt waren. 1953, 1954, 1965 und 1966 erlassene Gesetze

schränkten den Erwerb von Grundbesitz durch christliche

Institutionen in Jerusalem ein und beschnitten ihre

Handlungsmöglichkeiten.40 Christliche Schulen mussten

beispielsweise an Freitagen schließen und ihre Lehrpläne

anpassen. Seit langem den christlichen Einrichtungen gewährte

Zollvergünstigungen wurden gestrichen. Wiederholt brachte der

britische Generalkonsul in Jerusalem seine Verärgerung über die

«antichristlichen Tendenzen» zum Ausdruck. So schrieb er

-275-

1955, die Jordanier führten einen «offenen Krieg... gegen

christliche Einrichtungen in Jerusalem», und drang darauf, dass

die britische Regierung ihren großen Einfluss in Amman dazu

nutzen möge, die Interessen der Christen zu verteidigen.41

Der Streit innerhalb der griechisch-orthodoxen Gemeinde

zwischen der griechischen Hierarchie und den arabischen Laien,

der unter osmanischer und britischer Herrschaft nicht zum

Stillstand gekommen war, lebte 1955 wieder auf, als Patriarch

Timotheos schwer erkrankte. Kurz vor seinem Tod ließ die

sowjetische Regierung erkennen, dass sie sich für den

Archimandriten Isidoros von Nazareth als seinen Nachfolger

einsetzen werde. Es hieß, ein russischer Geistlicher sei «mit

200000 US-Dollar in der Tasche aufgetaucht, die er verwenden

wollte, um die Wahl Isidoros sicherzustellen». Die griechische

Regierung drängte die Briten, gegen den Mann vorzugehen. Als

aber Sir Patrick Coghill, der britische Chef der jordanischen

Kriminalpolizei, sich des Falls annahm, musste er einräumen,

dass der Archimandrit nicht mit dem Kommunismus

sympathisierte, und sagte, er habe auf ihn einen guten Eindruck

gemacht. Der griechische Generalkonsul gab zurück, dass

Isidoros zwar «nicht durch und durch ein Kommunist sein

möge, er ihn aber als einen Mitläufer betrachte».42 Später

äußerte er die Ansicht, man habe «den Verdacht gehabt, dass

Isidoros mit den Nazis kollaboriert habe».43 Die Briten nahmen

das alles nicht sehr ernst, waren aber doch wegen einer

potentiellen sowjetischen Wahlbeeinflussung besorgt. Das

britische Außenministerium warnte vor der Gefahr, wies darauf

hin, dass der Vorsitzende der sowjetischen Kirchenmission in

Palästina, Archimandrit Polycarp, «von den Amerikanern aus

Seoul verjagt» worden sei und erinnerte an «seinen notorischen

Vorgänger Porphyrios Uspensky aus den Zeiten des

Krimkriegs».44

Isidoros eigentliches Verbrechen in den Augen der Griechen

war jedoch seine Popularität bei den arabischen Laien. Nach

dem Tod des Timotheos kam es zu dem mittlerweile zum Ritual

gewordenen Streit zwischen den Griechen, die ihre alten

Vorrechte zu wahren suchten, und den Arabern, die bei den

arabischen Nationalisten Rückhalt fanden. Die griechische

Regierung intervenierte zugunsten der an der Macht

befindlichen Hellenischen Bruderschaft. Wundersamerweise

wurde Patriarch Benediktos mit dem Segen der jordanischen,

israelischen und griechischen Regierung gewählt, aber der

Kampf gegen die Vorherrschaft der Griechen ging weiter. 1956

schlug sich die jordanische Regierung unter Sulayman al-

Nabulsi auf die Seite der arabischen Laien und Geistlichen und

versuchte, der Kirche eine neue Verfassung aufzudrücken. Diese

wurde unter diplomatischem Gegendruck aber dann doch

zurückgezogen und statt ihrer eine gemäßigtere erlassen, die die

griechischen Privilegien nur wenig schmälerte.45 1960 wurde

erstmals ein Araber zum Mitglied des Synods berufen. Der

Krieg gegen die griechische Dominanz in der orthodoxen Kirche

war damit aber keineswegs zu Ende.

Auch das Armenische Patriarchat wurde in die Politik

hineingezogen. Die armenische Gemeinde war geographisch

gespalten, da mehrere Hundert Armenier im israelischen

Jerusalem blieben und somit von ihren Brüdern in Jordanien

getrennt waren. Auch ideologisch waren sie gespalten, nämlich

in Anhänger der unterschiedlichen armenischen Parteien. Im

November 1950 versuchten die Israelis, den armenischen

Amtsverweser (das Patriarchat war damals vakant) zur

Zusammenarbeit zu bewegen; er sollte öffentlich bekunden, dass

man deren Vorschlägen für die Stadt freundlich gesonnen sei.

Dazu, sagte dieser, sei er erst bereit, wenn der armenische

Grundbesitz in Israel zurückgegeben und ein Geldbetrag gezahlt

worden sei, den die israelischen Unterhändler «eine exorbitante

Menge Sterlinge» nannten. Daraufhin gaben die Israelis sofort

allen armenischen Grundbesitz in Jaffa zurück «und wechselten

eintausend Sterling für den Transfer [in die] Altstadt» - in

-276-

-277-

Westjerusalem rückten sie ihn allerdings nicht heraus. Ob dies

das erwünschte Ergebnis zeitigte, ist leider nirgends

verzeichnet.46 Mitte der fünfziger Jahre führte ein wüster

Machtkampf innerhalb des Patriarchats mit Vorwürfen

kommunistischer und zionistischer Loyalitäten zur Deportation

mehrerer hoher Geistlicher durch die jordanische Regierung.47

Anfang 1958, auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzungen,

wurde der Klosterkomplex im armenischen Viertel von den

dortigen Anwohnern verbarrikadiert; die jordanische Armee

brauchte mehrere Tage, bis der Zugang wieder offen war.48 1960

löste König Hussein den Konflikt, indem er Jeghische

Derderian, den man mit der antisowjetischen Daschnak-Partei

identifizierte, als Patriarchen anerkannte.49

Die christlichen Heiligen Stätten traten in dieser Zeit

allgemein als Konfliktpunkte zurück, obwohl es auch weiterhin

gelegentlich zu Streitigkeiten darüber kam, die der jordanischen

Regierung Kopfzerbrechen bereiteten (im israelischen Jerusalem

gab es vergleichsweise wenige christliche Stätten oder

Einrichtungen). Im Januar 1954, als die östliche Christenheit

Weihnachten feierte, erklärte der koptische Erzbischof - der

britische Generalkonsul bezeichnete ihn als einen «Erz-

Unruhestifter» - «dem Gouverneur ganz offen, dass er als

Araber von der jordanischen Regierung erwarte, dass sie ihm

einen größeren Einfluss auf die Heiligen Stätten» einräume. Die

Kopten waren in Jerusalem zwar nur eine winzig kleine Gruppe,

konnten sich aber in ihrem sich lange hinziehenden Disput mit

den Äthiopiern über ihre Rechte im Umkreis der Grabeskirche

auf den Rückhalt aus Ägypten verlassen.50 Ein andersartiger

Konflikt erwuchs aus einer dringend nötigen Instandsetzung des

Heiligen Grabes. Die Katholiken schlugen vor, den ganzen Bau

abzureißen und einen neuen zu errichten. Die Griechisch-

Orthodoxen lehnten ab, weil sie befürchteten, dass dies zu einer

Beeinträchtigung ihrer Vorrechte führen könnte, und versuchten,

Geld für die Reparatur zu beschaffen. Die von der Sowjetunion

-278-

bestimmte russisch-orthodoxe Kirche bot von sich aus einen

Beitrag an, aber ihr Angebot wurde abgelehnt; stattdessen

bemühte man sich um Gelder von orthodoxen Christen in

Nordamerika.51 Derlei Vorgänge regten die örtlichen Christen

und ausländische Förderer auf, waren aber nicht länger Themen,

mit den sich die Großmächte beschäftigten und die den

Völkerfrieden bedrohten. So schrumpfte das christliche

Jerusalem nicht nur in demographischer Hinsicht, sondern auch

im politischen Bewusstsein der christlichen Welt zu einer

kleinen Größe zusammen.

-279-

Neue Konsularkriege

Zwischen 1949 und 1967 unterhielten die meisten Staaten

eine von der Norm abweichende konsularische Präsenz in

Jerusalem. Jeder hatte einen Konsul, aber zwei Konsulate, eines

im israelischen Westjerusalem und ein zweites im jordanischen

Ostteil der Stadt. Die meisten lebten in Westjerusalem, viele in

der als Straße der Konsuln bekannten Balfour Street in Talbieh,

und fuhren zwischen dem israelischen und dem arabischen

Sektor hin und her. Die Konsuln waren instruiert, weder in

Israel noch in Jordanien um ihr Exequatur zu bitten, wodurch

die rechtliche Fiktion aufrechterhalten blieb, dass man sich noch

an den Internationalisierungsplan der Vereinten Nationen

gebunden fühlte. In den Anfangsjahren weigerten sich einige

sogar, mit der israelischen oder jordanischen Zentralregierung

irgendwelche Kontakte zu unterhalten, beispielsweise nicht

einmal hinsichtlich der Zulassung ihrer Autos, und erklärten,

ausschließlich mit den lokalen Behörden verhandeln zu wollen.

In dieser Hinsicht, wie in vielem anderen, folgten in den

ersten Jahren des Kalten Krieges die meisten westlichen Staaten

dabei dem Vorbild der Amerikaner. Nachdem die Israelis im

Dezember 1949 Jerusalem zu ihrer Hauptstadt erklärt hatten,

stellte das State Department fest, dass man die israelische

Souveränität in Jerusalem nicht anerkenne und weiterhin am

Prinzip der Internationalisierung festhalte.52 Folglich

unterhielten die USA ein Generalkonsulat (verteilt auf zwei

Gebäude, eines in West- und das andere in Ostjerusalem), das

direkt dem State Department unterstand und für das weder Israel

noch Jordanien um die Exequatur ersucht wurde. Als einige

kleinere westliche Staaten ihr Interesse anmeldeten, ihre

Botschaften nach Jerusalem zu verlegen, übten die USA unter

Eisenhower und Kennedy Druck auf sie aus, um dies zu

-280-

verhindern. Diese Praxis führte wiederholt zu israelischen

Beschwerden, wurde aber allem Anschein nach erst 1962

eingestellt.53

Die kleinsten Nuancen und Varianten im Verhalten der

Konsuln gegenüber Israel und Jordanien zogen Aufmerksamkeit

auf sich. 1953 wurde beispielsweise vermerkt, dass der

amerikanische konsularische Geschäftsträger auf der arabischen

Seite mit «S. R. Tyler», auf der is raelischen hingegen mit

«Samuel R. Tyler» unterzeichnete. Der niederländische Konsul

kombinierte seinen Posten mit dem des Gesandten für Israel -

und gehörte damit zu den wenigen akkreditierten Diplomaten,

die in Jerusalem wohnten; anders als die anderen Konsuln

unterhielt er kein Büro in Ostjerusalem, sondern «benutzte einen

holländischen Mönch in Gethsemane als Briefkasten». Dem

polnischen und dem jugoslawischen Konsul wurde ein Pass für

das jordanische Jerusalem verweigert; umgekehrt weigerte sich

der libanesische Konsul, den israelischen Sektor zu betreten.54

Am weitesten ging der französische Generalkonsul und

Doyen des konsularischen Korps René Neuville in seinen

Bemühungen zur Wiederherstellung der Machtstellung und

Vorrechte der Konsuln. Während der Belagerung von

Westjerusalem im Jahre 1948 stellte er das alte Konsulspostamt

wieder her und gab spezielle Konsularbriefmarken heraus. Im

Dezember 1950 erklärte er anlässlich einer Sitzung der Konsuln,

dass in Jerusalem wohnhafte Bürger ausländischer Staaten nicht

dem israelischen Recht unterstünden und nicht dazu gezwungen

werden könnten, vor einem israelischen Gericht zu erscheinen.55

Im Januar 1951 berief Neuville ein weiteres Treffen der

Konsuln ein, bei dem es zwischen ihm und dem britischen

Generalkonsul, Sir Hugh Dow, zu einer erbitterten

Auseinandersetzung über die Frage kam, ob die Konsuln an der

Einsetzung Ragheb Naschaschibis als Wächter der Heiligen

Stätten teilnehmen sollten. Neuville, der sich genauestens mit

der Geschichte der konsularischen Privilegien in Jerusalem

-281-

auskannte, hatte die Briten in Verdacht, König Abdullah zu der

Ernennung bewogen zu haben. Der Posten sei eine Neuerung

und ein Eingriff sowohl in den diplomatischen Status von

Jerusalem als auch in den Status quo an den Heiligen Stätten.

Der Franzose (der eigentlich zur Hälfte Spanier war) überredete

die Mehrheit der anderen katholischen Konsuln und kirchlichen

Würdenträger, sich ihm beim Boykott der Zeremonie

anzuschließen.56 Wie es sich so fügte, war Raghebs Amtszeit

nur von kurzer Dauer. Er starb noch im selben Jahr, und kurz

darauf wurde der Posten wieder abgeschafft. Als eine Miniatur-

Neuauflage der großen britisch-französischen Treffen auf

demselben Schlachtfeld regte sich in den Gefilden der

Diplomatie diesmal kaum ein Lüftche n. Vor Ort freilich gab es

zwischen Briten und Franzosen eine tüchtige Verstimmung. Die

meisten Kollegen Neuvilles betrieben keine solch

auftrumpfende Politik, aber die anormale Stellung der Konsuln

in Jerusalem führte wiederholt zu Problemen in den

Beziehungen zwischen Israel, Jordanien und den anderen

Staaten.

In Wirklichkeit hatten die Konsuln - trotz all ihrer Versuche,

ihre eigene Wichtigkeit aufzublasen - kein großes Gewicht

mehr, die der kleinen Staaten überhaupt keines. Anlässlich der

Klärung der Rechte der äthiopischen Kirche an den Heiligen

Stätten wandte sich der äthiopische Konsul viermal sehr höflich

mit Schreiben an den jordanischen Gouverneur von Jerusalem.

Da er keine Antwort erhielt, ersuchte er darum, dass man ihm

doch irgendeine Antwort geben möge. Daraufhin leitete der

Gouverneur den Brief an Neuville als den Doyen des

konsularischen Korps weiter und erklärte diesem, dass er nicht

bereit sei, beleidigende Briefe von Konsuln hinzunehmen, die

sich nicht in Dinge einzumischen hätten, die sich auf den Status

quo bezögen, und dass er erwäge, dem Äthiopier die

Genehmigung zu entziehen, beide Teile Jerusalems betreten zu

dürfen.57

-282-

Die erste Großmacht, die sich bereit zu erklären schien, den

Status quo anzuerkennen, war die am militantesten

antichr istliche: die Sowjetunion. Bereits im Februar 1949 hatten

die Sowjets erste Anzeichen des Nachgebens erkennen lassen,

als der russische Gesandte als einziger Repräsentant einer

Großmacht der Eröffnung der ersten Knessetsitzung in

Jerusalem beiwohnte. Im April 1950 erklärte die Sowjetunion

formell, dass sie nicht länger die Internationalisierung

unterstütze, da «klar geworden ist, dass der oben erwähnte

Beschluss der Generalversammlung weder die arabische noch

die jüdische Bevölkerung zufrieden stellt, weder der Stadt

Jerusalem noch Palästinas als Ganzem».58 In Anbetracht des

bisherigen vorbehaltlosen Festhaltens sowjetischer Wortführer

an der Teilungsresolution der Generalversammlung bei UNZusammenkünften

bedeutete dies eine deutliche Kursänderung -

auch wenn sie im Einklang mit der vorrangigen sowjetischen

Zielsetzung stand, den britischen und amerikanischen Einfluss

in dem Gebiet zu schwächen. Trotzdem bezeichnete Sir Knox

Helm, der britische Gesandte in Tel Aviv, diesen Sinneswandel

als «sowjetische Kehrtwende hinsichtlich Jerusalems», die in

Israel als «Todesstoß für den Internationalisierungsplan der

Vereinten Nationen» betrachtet werde.59

Die israelische Sicht stellte sich als zutreffend heraus. Als

kurz danach die Briten Israel de iure anerkannten, bewegten sie

sich in Richtung auf, wie Helm es nannte, die «quasi de facto-

Akzeptanz... der Teilung von Jerusalem». Unterdessen war das

britisch-jordanische Bündnis von 1946 nicht nur auf das

Westjordanland, sondern auch auf Ostjerusalem erstreckt

worden. Dies war ein weiterer Schritt zur Verfestigung des

Status quo in der Stadt.

Im Laufe dieser Jahre verlagerten die Israelis nach und nach

Teile des Staatsapparats von Tel Aviv nach Jerusalem, nicht

jedoch das wichtigste aller Ministerien, das

Verteidigungsministerium. Diese Umzüge hatten allerdings eher

-283-

einen symbolischen Charakter. Der Schwerpunkt der

israelischen Regierung blieb bis 1967 in Tel Aviv - ein

Sachverhalt, der im Außenministerium als Schwächung von

Israels diplomatischer Position in der Jerusalem-Frage

angesehen wurde.60

Im Mai 1952. gab das israelische Außenministerium seine

Absicht bekannt, demnächst nach Jerusalem umzuziehen. Die

Westmächte berieten die Frage ausgiebig miteinander und

setzten Israel unter Druck, davon abzulassen, auch wenn der

amerikanische Außenminister John Foster Dulles bei seinem

Israelbesuch im Mai 1953 die Frage nur am Rande berührte.

Erfolg hatten sie damit nicht.61 Die Briten waren nicht

abgeneigt, dem israelischen Außenministerium zu folgen und

ihre diplomatische Vertretung nach Jerusalem zu verlegen; sie

sahen sich sogar schon nach geeigneten Grundstücken in

Jerusalem um, was der Öffentlichkeit nicht verborgen blieb. Die

Israelis kamen zu dem Schluss, dass westlicher Widerstand eher

als Parteinahme für die Araber ausgele gt denn grundlegend sein

werde, und schritten darum im Sommer 1953 zur Tat. Fast alle

Länder des Westens entschieden jedoch in einer großen

Solidaritätsaktion, ihre Botschaften in Tel Aviv beizubehalten -

was für ihre Diplomaten große Unbequemlichkeiten mit sich

brachte. Dulles erklärte sein «Missfallen» angesichts des

israelischen Vorgehens und deutete an, dass dies Auswirkungen

auf die amerikanische Hilfe für Israel haben werde.62 Jordanien

reagierte mit einer Kabinettssitzung in Jerusalem - wenngleich

der Ministerpräsident dem britischen Gesandten versicherte, dies

sei «fast ganz für den Hausgebrauch bestimmt... Es bestehe

nicht die Absicht, damit anzudeuten, dass Jerusalem eine zweite

Hauptstadt sei oder die jordanische Regierung dorthin verlegt

werde».63 Nach der Verlegung drängten die Vereinigten Staaten

ihre Verbündeten, ihre Repräsentanten nicht im Ministerium

erscheinen zu lassen. Die meisten fügten sich, und Scharett war

gezwungen, einen kleinen Rückzieher zu machen und für eine

-284-

Weile sich damit einverstanden zu erklären, mit Diplomaten

weiterhin in Tel Aviv zusammenzutreffen. Erst 1962 wurde das

«Tel Aviver Verbindungsbüro» des Außenministeriums

endgültig geschlossen.

Im Dezember 1953 war der russische Gesandte Alexander

Abramow der erste Repräsentant einer Großmacht, der sein

Beglaubigungsschreiben dem israelischen Staatspräsidenten in

Jerusalem überreichte. Der Schweizer Gesandte erklärte

daraufhin «die Schlacht um Jerusalem» für verloren.64 Kurz

danach stattete der neue italienische Gesandte Scharett einen

Besuch im Außenministerium ab, auch wenn er auf Anweisung

seiner Regierung sein Beglaubigungsschreiben dem Präsidenten

in Tiberias übergab. Als Scharett im Januar 1954 David Ben

Gurions Nachfolger als Ministerpräsident wurde, zugleich aber

sein Amt als Außenminister beibehielt, stattete ihm der

französische Botschafter und damalige Doyen des

diplomatischen Korps einen offiziellen Besuch in Jerusalem ab.

Von da an zerbröckelte die diplomatische Front der westlichen

Staaten. Im Oktober 1954 sprach der britische Außenminister

Anthony Eden seinen amerikanischen Kollegen Dulles beim

Mittagessen auf diese Frage an. Sie kamen schließlich überein,

die Beglaubigungsschreiben in Jerusalem zu übergeben, «unter

dem Vorbehalt, dass dies die Positionen des Vereinigten

Königsreichs und der USA hinsichtlich des Status von

Jerusalem nicht ändere».65

In all diesen Jahren quälten sich die Diplomaten mit den

Feinheiten des Protokolls herum. Durften neue Gesandte ihre

Beglaubigungsschreiben in Jerusalem übergeben? Durften sie

dort an offiziellen Anlässen oder Veranstaltungen teilnehmen?

Durften sie dort an inoffiziellen Anlässen oder Veranstaltungen

teilnehmen? Durften sie über Nacht in der Stadt bleiben? Wenn

sie dort das Außenministerium aufsuchten, sollte es sich nur um

Höflichkeitsbesuche handeln oder durfte dies auch in

Amtsgeschäften geschehen? Wenn die Missionschefs nicht das

-285-

Außenministerium aufsuchen durften, galt dies dann auch für

weniger hochrangige Diplomaten? War nicht die Position eines

Konsuls eine andere als die eines diplomatischen

Repräsentanten? Durften offizielle Schreiben nach Jerusalem

adressiert werden? Und so weiter und so fort.

In den späteren fünfziger Jahren wurde der internationale

Widerstand gegen die Teilung Jerusalems allmählich

aufgegeben. 1955 ernannte Guatemala Garcia Granados zu

seinem Gesandten in Israel. Granados war 1947 Vorsitzender

des UN-Sonderausschusses für Palästina (UNSCOP) gewesen;

man wusste, dass er eine stark proisraelische Einstellung hatte,

und dass er, einem unfreundliche n Diplomatengerücht zufolge,

aus seiner Amtszeit bei der UNSCOP «unerklärlich reicher»

hervorgegangen sei.66 Als Granados in Israel ankam, entschied

er sich im Widerspruch zu den erhaltenen Instruktionen dafür,

sich nicht in Tel Aviv, sondern in Jerusalem niederzulassen; er

brach damit das Tabu hinsichtlich der Einrichtung von

diplomatischen Missionen an diesem Ort. Andere Diplomaten

waren darüber verärgert und zeigten ihm, allen voran der

britische Vertreter, die kalte Schulter. Ein Jahr darauf verlegte

der Vertreter Uruguays seine Gesandtschaft nach Jerusalem, und

1959 folgte Venezuela ihm nach. Israels erfolgreiche Pflege

guter Beziehungen mit vielen seit kurzem unabhängigen

afrikanischen Staaten veranlasste einige von ihnen, ihre

Vertretungen ebenfalls in Jerusalem anzusiedeln: so die

Elfenbeinküste 1961 und Gabun 1962. Von den einundvierzig

Staaten, die 1962 in Israel Vertretungen unterhielten, hatten elf

ihre Missionen in Jerusalem.67 In der Mitte der sechziger Jahre

gab es zwanzig Botschaften in Westjerusalem, aber darunter war

keine Botschaft einer Großmacht, und aus Europa war dort nur

die der Niederlande.

Sogar arabische Staaten - darunter einige, die den

Haschemiten nicht gerade freundlich gesonnen waren - machten

Anstalten, den Status quo eines geteilten Jerusalem

-286-

hinzunehmen. Im August 1950 ließ der syrische Gesandte in

Washington das State Department wissen, dass «die

Internationalisierung völlig unpraktikabel» sei.68 Im November

1955 deutete der ägyptische Außenminister Mahmud Fawzi bei

einer Diskussion über eine gemeinsame Initiative

Großbritanniens und der USA zugunsten einer Verständigung

zwischen Israel und Ägypten an, dass hinsichtlich Jerusalems

«Ägypten bereit sei, dem Konsens in der UNO zu folgen, sei es

nun hinsichtlich der Internationalisierung oder eines geteilten

Systems zum Schutz der Heiligen Stätten».69

Nach und nach setzte sich bei den Westmächten die Einsicht

durch, dass sie sich in eine lächerliche Situation

hineinmanövriert hatten. Der britische Generalkonsul in

Jerusalem äußerte sich dazu 1955 wie folgt: «Wir betrachten es

als eine Aufgabe, für die das Konsulat verantwortlich ist, so weit

wie möglich die Theorie von Jerusalems geteiltem Status

mitzutragen. Es ist eine Theorie, die sich... immer schwerer

aufrechterhalten lässt.»70 1960 war man im Londoner Foreign

Office allgemein der Meinung, dass «die Häufung von Akten,

welche die Anerkennung zu beinhalten scheinen,... früher oder

später einen Punkt erreichen werde, an dem wir uns nur

lächerlich machen, wenn wir so tun, als ob wir nicht

anerkennen».71

Anfang der sechziger Jahre beschlossen die Israelis, auf die

Konsulate einen steten Druck auszuüben, um sie zur

Anerkennung der israelischen Souveränität in Jerusalem zu

bewegen. Man setzte dazu eine Reihe kleinerer bürokratischer

Instrumente ein: 1963 wurde beispielsweise verfügt, dass

Konsuln nur dann für ihre Autos von Einfuhrzöllen befreit

würden, wenn sie Israel um das Exequatur ersucht hatten. In

Jerusalem ansässigen ausländischen Einrichtungen, die solche

Ausnahmen für sich beantragten, wurde mitgeteilt, dass sie dies

über ihre Botschaften in Tel Aviv und nicht über ihre Konsulate

tun sollten.

-287-

Seine größten Hoffnungen in dieser Hinsicht setzte Israel

jedoch auf Frankreich, das einst die Fahne der

Internationalisierung besonders hoch gehalten hatte. In den

Jahren zwischen der Suez-Krise und 1967, der Periode der

französisch-israelischen «Flitterwochen», machte sich eine

langsame Entwicklung in der französischen Haltung zu

Jerusalem bemerkbar. 1965 trat der französische Botschafter bei

einer Reihe offizieller Veranstaltungen in Jerusalem auf. Seit

1966 begannen die Israelis, sich sogar Hoffnungen zu machen,

dass die französische Botschaft bald nach Jerusalem verlegt

würde, mussten aber einsehen, dass selbst im Fall eines so

freundlich gesinnten Landes wie Frankreich weder Zuckerbrot

noch Peitsche große Wirkung zeitigten.72

-288-

Die Hauptstadt in der Sackgasse

In vielerlei Hinsicht war die Situation des israelischen

Jerusalem in den Jahren 1949 bis 1967 ein Spiegelbild derer im

jordanische n Teil der Stadt. Die Völkergemeinschaft erkannte

weder die israelische Souveränität in Westjerusalem noch die

jordanische in Ostjerusalem an. Gemeinsam wurden Israel und

Jordanien zu den entschiedensten Gegnern einer

Internationalisierung. Allerdings spielte die israelische

Regierung nicht, wie die jordanische, die Bedeutung Jerusalems

absichtlich herunter. Im Gegensatz zum jordanischen Jerusalem,

das in die Starre des Provinzialismus verfiel, fand im

israelischen Jerusalem ein dynamisches Wachstum statt. Im

Vergleich mit Israels größter Stadt, Tel Aviv, drängt sich

allerdings eine andere Schlussfolgerung auf. Von der Küste aus

betrachtet war das israelische Jerusalem eine abgelegene

Hauptstadt, eine Sackgasse am Ende einer einspurigen

Eisenbahnverbindung, die sich die judäischen Hügel hinauf

schlängelte. Auf drei Seiten von einer geschlossenen Grenze

umgeben, mit nur einem schmalen Korridor hinunter zum

Mittelmeer, war Jerusalem von seinem Hinterland in

wirtschaftlicher Hinsicht abgeschnitten. Nur wenig Ind ustrie

wurde nach Jerusalem verlagert. Die überwältigenden

finanziellen Belastungen für die Verteidigung und die

Integration von Einwanderern hinderten Israel daran, in die

Infrastruktur oder in Vorzeigeobjekte in seiner Hauptstadt zu

investieren. Das strenge, sozialistische Ethos der frühen Jahre

dieses Staates sprach ohnehin gegen monumentale

Bauvorhaben. Anders als Weizmann ließ sich Israels zweiter

Staatspräsident in Jerusalem nieder, aber er bezog eine

bescheidene «Präsidentenhütte». Alle hebräischen

Tageszeitungen blieben auch weiterhin in Tel Aviv.

-289-

Die Bevölkerung Westjerusalems verdoppelte sich annähernd

zwischen 1948 und 1967 auf 198000 Einwohner. Große Vororte

entstanden, um die neuen Einwanderer unterzubringen;

schachtelartige, oft scheußliche Häuserblocks wurden hastig

errichtet. Zum zweiten Mal in Jerusalems moderner Geschichte

wurde Ronald Storrs Anordnung aus der Anfangszeit der

britischen Mandatsverwaltung ignoriert, derzufolge alle Bauten

steinerne Fassaden haben mussten (das erste Mal gescha h es

während eines Streiks der Steinmetze in den dreißiger Jahren).

Während im israelischen Establishment in diesen Jahren die

Meinung vorherrschte, dass man mit einem geteilten Jerusalem

durchaus leben konnte, fühlte man sich doch von manchen

Aspekten der Teilung bedrückt und meinte, dass sie

korrekturbedürftig seien. Zu den Belangen, zu denen das

israelisch-jordanische Waffenstillstandsabkommen vom 3. April

1949 festgestellt hatte, dass «Einigkeit im Grundsätzlichen

bereits besteht», gehörte die «Wiederaufnahme des normalen

Betriebs der kulturellen und humanitären Einrichtungen auf dem

Skopusberg und der freie Zugang zu ihnen sowie der freie

Zugang zu den Heiligen Stätten und... die Benutzung des

Friedhofs auf dem Ölberg».73 Aber das Prinzip wurde nicht in

die Praxis umgesetzt. Bis 1967 versperrten die Jordanier den

Zutritt zur Westmauer und zum Friedhof, und die Verbindungen

zum Skopusberg wurden nicht restlos wiederhergestellt.

Das israelische Interesse am Skopusberg war nicht rein

sentimentaler Natur. Der Kommandeur der israelischen Truppen

in der Enklave, Baruch Neumark, wies im Oktober 1948 darauf

hin, dass dieses Gebiet die nördlichen Zugangswege zur Altstadt

einschließe: «Ich glaube, dass derjenige, der dieses

dominierende Gelände kontrolliert, über Jerusalem herrschen

wird.»74 Im November 1948 bestätigten Moshe Dayan und

Abdullah al-Tall die Vereinbarung vom Juli, wonach alle

vierzehn Tage Konvois unter dem Schutz der Vereinten

Nationen zwischen Westjerusalem und der Enklave verkehren

-290-

dürften. Dieses Arrangement stellte die Israelis aber nicht ganz

zufrieden, weil so in der Enklave kein normales ziviles Leben

wieder aufgenommen werden konnte und für sie das Gebiet von

herausragender strategischer Bedeutung war. Deshalb ersuchte

Dayan im September 1949 Ben Gurions Genehmigung eines

militärischen Angriffs, der einen Korridor zum Skopusberg

schaffen würde. Der Ministerpräsident war aber nicht zu einem

neuerlichen Krieg bereit.75

Obwohl beide Seiten das Abkommen über die

Entmilitarisierung des Skopusberges weiterhin anerkannten,

benutzten beide unterschiedliche Militärkarten, was zur Folge

hatte, dass es häufig zu Zusammenstößen kam. Den Israelis war

von den Vereinten Nationen gestattet, Polizei und «eine

begrenzte Anzahl von Handwerkern» in die Enklave zu

entsenden, um «als Wachen und Wartungsmannschaft im

Krankenhaus und den Universitätsgebäuden und Umgebung zu

arbeiten».76 In der Tat aber legten sie Waffenlager an, bauten

Unterstände und Schützengräben und schickten als Polizisten

und Zivilisten verkleidete Soldaten hinein. 1953 hinderte

israelische «Polizei» Beobachter der Vereinten Nationen daran,

die Enklave zu betreten.77 1957 verweigerten die Jordanier unter

dem Vorwurf, dass es zu Verstößen gegen die Vereinbarung

gekommen sei, einem Konvoi die Durchfa hrt. Im folgenden Jahr

töteten jordanische Heckenschützen vier Israelis und einen UNBeobachter.

1960 kam es zu weiteren Zwischenfällen, als Einwohner des

arabischen Dorfes Isawija den staubigen Fahrweg verlegten, den

ihr Dorf mit der Straße nach Ramallah verband. Die Israelis

behaupteten, die neue Trasse verletze ihr Territorium.78

In all diesen Jahren standen die Gebäude der Hebräischen

Universität und des Hadassa-Krankenhauses gespenstisch leer.

Nach und nach wurden die Bücher aus der Nationalbibliothek

herausgeschmuggelt, um sie im neuen Bibliotheksbau benutzen

zu können, der auf dem Ersatzuniversitätsgelände in Givat Ram

-291-

in Westjerusalem errichtet worden war. Die gewaltigen

Investitionen auf diesem Areal und in das neue Zentrum des

Hadassa-Krankenhauses in Ein Karem, die beide in den

sechziger Jahren entstanden, signalisierten Israels zögernde

Akzeptanz des Status quo eines geteilten Jerusalem.

Die West-(Klage-)mauer in Jerusalem im August 1967, einige

Wochen nach der israelischen Eroberung des Ostteils der Stadt und

nach dem Abriss von 135 davor gelegenen Häusern, um einen großen

Platz zu schaffen.

Vor Juni 1967 forderten nur wenige politische Stimmen in

Israel und keine einzige innerhalb der Regierung eine

irredentistische Politik gegenüber Ostjerusalem. Deshalb war

das Land weder politisch noch diplomatisch noch psychologisch

darauf vorbereitet, als, ganz unerwartet, nach neunzehn Jahren

der Teilung Jerusalem fast über Nacht wieder vereinigt wurde,

unter israelischer Herrschaft.

-292-

6. DIE ANNEXION

Am 7. Juni 1967 eroberten israelische Truppen im Zuge ihres

Vormarschs durch das Westjordanland Ostjerusalem. Um die

Mittagszeit dieses Tages ging der israelische

Verteidigungsminister Mosche Dayan zur Westmauer und

erklärte Jerusalem als «befreit». «Wir haben Jerusalem, die

geteilte Hauptstadt Israels, vereinigt. Wir sind zur heiligsten

unserer Heiligen Stätten zurückgekehrt und werden uns nie

wieder von ihr trennen.»1 Das Ereignis wurde in der gesamten

jüdischen Welt mit unermesslicher Freude aufgenommen,

obwohl Israel doch vor dem Juni 1967 keinerlei Dringlichkeit

gezeigt hatte, die Hoheitsgewalt über die Altstadt von Jerusalem

ausüben zu wollen. Israel sollte aber eines Tages erkennen, dass

es mit der Eroberung von Ostjerusalem die Büchse der Pandora

geöffnet hatte.

-293-

Die Eroberung

Ob Israel gegen Jordanien in den Krieg gezogen wäre, wenn

König Hussein ihm nicht einen Vorwand dafür geliefert hätte,

bleibt eine offene Frage. Die Israelis erwarteten fast, dass sich

die Jordanier wie 1956 still verhalten würden. Obwohl die

jordanischen Streitkräfte aufgrund des zwischen Ägypten und

Jordanien geschlossenen Bündnisses vom 30. Mai 1967

nominell ägyptischem Kommando unterstellt waren, hatte König

Hussein doch auch weiterhin ein hohes Maß an Kontrolle über

sie. Nachdrücklich hob die spätere israelische Propaganda die

Botschaft hervor, die Premierminister Lewi Eschkol an General

Odd Bull, den Stabschef der UN-Organisation für die

Überwachung des Waffenstillstands, zur Weiterleitung an König

Hussein gesandt hatte.2 Darin hieß es, Israel werde keine

feindseligen Aktionen gegen Jordanien anfangen, aber wenn

Jordanien den Krieg beginne, werde es die Konsequenzen zu

tragen haben. Bull bezeichnete diese Mitteilung später als «reine

Drohung».3 Husseins Antwort auf diese Botscha ft lautete: «Sie

haben die Schlacht angefangen. Schön, gerade bekommen sie

unsere Antwort auf dem Luftweg.»4 Seine Entscheidung für den

Krieg stellte, nachdem die ägyptische Luftwaffe im

Morgengrauen des 5. Juni vernichtet worden war, keine

strategische Bedrohung für Israel mehr dar, da Jordanien selbst

nur über geringe Offensivkapazitäten verfügte. Das militärische

Vorgehen Jordaniens in Jerusalem war an diesem Morgen

weitgehend symbolisch, obwohl die israelische Enklave auf dem

Skopusberg bombardiert wurde und jordanische Einheiten in das

Gelände der Vereinten Nationen eindrangen. Es gibt keinen

Beleg dafür, dass Jordanien einen großangelegten Angriff auf

den jüdischen Staat geplant hatte; seine Streitkräfte waren

größtenteils auf Verteidigung ausgerichtet.

-294-

Selbst wenn Hussein nicht die Feindseligkeiten eröffnet hätte,

hätte Israel im Juni 1967 wahrscheinlich nicht der Versuchung

widerstehen können, sich Ostjerusalems zu bemächtigen. Am

Nachmittag des 5. Juni wurde die jordanische Luftwaffe von der

israelischen vernichtet. Unterdessen trieben israelische

Bodentruppen die Jordanier aus dem UN-Gelände und drangen

ins Regierungsgebäude ein. General Bull und seine Leute

wurden hinausbeordert und auf israelisches Gebiet eskortiert.

In der Kabinettssitzung an diesem Tag wurde deutlich, dass es

in den Reihen der israelischen Minister hinsichtlich eines

Großangriffs auf Ostjerusalem Meinungsverschiedenheiten gab.

Arbeitsminister Yigal Allon, dessen Ansicht von seiner

militärischen Erfahrung untermauert wurde, plädierte

nachdrücklich für einen Angriff auf die Altstadt. Menachem

Begin, der Vorsitzende der rechtsgerichteten Herut-Partei,

stimmte ihm zu. Chaim Mosche Shapira, der zum Lager der

Tauben gehörende Innenminister und Führer der

Nationalreligiösen Partei, plädierte hingegen für Vorsicht: «An

der Altstadt festzuhalten wird ein politisches Problem sein. Ist

sie erst einmal in unseren Händen, werden sie von uns

verlangen, sie zu internationalisieren. Falls das geschieht, werde

ich dafür stimmen.» Erziehungsminister Zalman Aranne von der

Arbeiterpartei stimmte ihm zu. Allon bestand darauf, dass

Ostjerusalem ohne Beschädigung der Heiligen Stätten erobert

werden könne. Die Altstadt könne «aus Richtung Nebi Samuel,

Französischer Hügel und Skopusberg eingeschlossen werden».5

Die Diskussion ergab kein eindeutiges Meinungsbild.

Zusammenfassend meinte Eschkol: «Und doch muss es einen

Gegenangriff gegen den Beschuss der jordanischen Seite geben.

» Später hieß es, der Premierminister habe an diesem Tag

gesagt: «Selbst wenn wir die Altstadt und die Westmauer

erobern, werden wir am Ende doch davon ablassen müssen.»6

In der Nacht vom 5. auf den 6. Juni wurden die jordanischen

Streitkräfte am Munitionshügel, von dem aus man die Straße

-295-

zum Skopusberg beherrschte, von den Israelis vernichtend

geschlagen. Am folgenden Tag erhielt Dayan die Genehmigung

des Kabinetts, die Altstadt mit israelischen Truppen zu

umstellen. Noch immer war sich das israelische Kabinett jedoch

darüber uneins, ob man einen Angriff auf die Altstadt

genehmigen solle.

Drei Jahrzehnte später erinnerte sich General Motta Gur, der

Kommandeur der Fallschirmjägerbrigade, die die Altstadt

einnahm, dass er zu Beginn des Krieges nach einem Vorwand

Ausschau gehalten hatte, um gegen Jordanien loszuschlagen. Er

hatte gehofft, dass es am 7. Juni so weit sein werde, falls die

Jordanier den vierzehntägigen Konvoi zum Skopusberg

blockieren sollten.7 Pläne, um einen freien Zugang zu

erzwingen, waren schon mehrere Jahre zuvor vorbereitet

worden. Während der Suez-Krise vom Oktober 1956 wäre es

beinahe dazu gekommen, aber man ließ davon ab, als Jordanien

es unterließ, einen Kriegsgrund zu liefern.8 Gurs anfängliche

Befehle lauteten auf ein begrenztes Vorgehen, um den

Skopusberg zu schützen. Dann wurden sie auf die Eroberung

des Ölbergs ausgeweitet. Am frühen Morgen des 7. Juni weckte

Begin Eschkol und drängte auf einen sofortigen Angriff auf die

Altstadt, vor einem Aufruf der Vereinten Nationen zum

Waffenstillstand. Eschkol willigte ein, und der Angriffsbefehl

wurde erteilt.

Gur gelangte um 9.50 Uhr durch das St. Stephanstor in die

Altstadt und fuhr in Richtung Tempelberg, der bereits von

Infanterie eingenommen worden war. «Zu diesem Zeitpunkt»,

schrieb Gur kurz danach, «trat der Gouverneur der Stadt

zusammen mit dem Kadi an mich heran und informierte mich

von der gewichtigen Entscheidung, die Stadt nicht zu

verteidigen. Er versicherte mir, dass die [jordanischen] Truppen

allesamt abgezogen seien und es keinen weiteren Widerstand

geben werde.»9 Um 14 Uhr betrat Dayan die Altstadt, begleitet

von Generalstabschef Jitzhak Rabin und dem Chef des

-296-

Oberkommandos Mitte, Uzi Narkiss. Am Abend hatten die

israelischen Streitkräfte das gesamte Westjordanland in ihrer

Hand; einige Einheiten überschritten sogar den Jordan, wurden

aber nach einer diplomatischen Intervention der USA wieder

vom Ostufer zurückgezogen.10 Der Blitzsieg der Israelis erfolgte

aber nicht ohne Blutvergießen: 645 Araber wurden getötet,

darunter 240 Zivilisten, von denen die meisten durch

israelischen Beschuss umkamen; die Israelis beklagten ungefähr

zweihundert Tote, darunter fünfzehn Zivilisten.

-297-

Die Vereinigung

Seit langem hatte es in Israel militärische Planungen für die

Besetzung des Westjordanlandes gegeben, für den Fall, dass das

Haschemitenregime stürzen sollte - was am Anfang von König

Husseins Herrschaft als sehr wahrscheinlich erschien. 1963 war

der israelische Offizier Chaim Herzog, der spätere israelische

Staatspräsident, zum potentiellen Militärgouverneur für das

Westjordanland bestimmt worden. Entsprechend diesen Plänen

nahmen israelische Agenten unmittelbar nach Eroberung der

Stadt mehrere Hundert Leute fest, deren Namen auf einer Liste

gestanden hatten. Die hässlichen Mauern, die an strategischen

Stellen wie Notre-Dame de France und an der Mamilla-Straße

die Stadt zerschnitten hatten, wurden abgerissen,

Stacheldrahtverhaue, befestigte Stellungen und Minenfelder

beseitigt. Am 29. Juni waren die Sperren zwischen West- und

Ostjerusalem größtenteils wieder entfernt. Einwohner des Ost-

oder Westteils konnten sich nun frei bewegen, wobei die

meisten von Westen nach Osten gingen: Zehntausende Israelis

wanderten mit Staunen durch ein Universum, das sie in den

letzten neunzehn Jahren hatten sehen, aber nicht betreten

können. Es gab keine Anzeichen von Spannung. Im Großen und

Ganzen wurden die Eroberer höflich und freundlich empfangen,

was viele glauben machte, dass sie willkommen seien.

Diese Tage riefen in der Haltung der Israelis gegenüber

Jerusalem - sowie in derjenigen der Juden auf der ganzen Welt -

eine Veränderung hervor. Plötzlich schien es nicht mehr

vorstellbar, dass es den jüdischen Staat ohne die Stadt geben

könnte. Ein amerikanischer Beobachter drückte es so aus: «Erst

nach der Einnahme Ostjerusalems nahm die Altstadt im

Nachhinein den Status einer terra irredenta für Israel an.»12

Zwar konnte Israel problemlos das Militär aktivieren, aber

-298-

einen diplomatischen Notfallplan gab es, so erstaunlich es auch

sein mag, nicht. Die Besetzung Ostjerusalems kam für das

Außenministerium und die Zivilbehörden - ziemlich

überraschend. Sofort kam die Frage auf, ob der ehemals

jordanische Sektor der Stadt wie das übrige gerade eroberte

Westjordanland als besetztes Gebiet behandelt oder umgehend

in Israel eingegliedert werden solle - was auf die Annexion

hinauslief. Das Kriegsvölkerrecht verlangte, dass auf besetztem

Gebiet bis zu einem Friedensvertrag weiterhin jordanisches

Recht galt, wenn auch unter israelischer Militärregierung. Die

Eingliederung Ostjerusalems in Israel hätte andererseits zur

Folge gehabt, dass es israelischem Recht unterworfen wäre.

Ein zwei Tage nach der Besatzung im Auswärtigen Amt

verfasstes Memorandum enthielt erste Anzeichen für den Kurs,

den man einzuschlagen gedachte. «Das Ziel», schrieb Michael

Comay, ein hoher Beamter des Ministeriums, «sollte eindeutig

die ‹de facto-Integration› mit dem israelischen Jerusalem sein.

Dies beinhaltet, dass man die Verantwortung für den

öffentlichen Dienst unseren nationalen und städtischen Organen

übergibt, statt an die Militärregierung für das Westjordanland.

Letzterer Kurs würde nur den Status der Altstadt an den anderer

besetzter Städte wie Bethlehem und Nablus angleichen.» Comay

fügte noch hinzu, «demselben Gedankengang folgend sollten die

religiösen Interessen und Institutionen in der Altstadt

unverzüglich unter die Schirmherrschaft des Misrad Hadatot

[des Ministeriums für Religionsangelegenheiten] gebracht

werden und nicht direkt Sorge der Militärregierung sein».13

Am 10. Juni legte Professor Avigdor Levontin von der

Rechtsfakultät der Hebräischen Universität der Regierung ein

Gutachten vor, das uns zu diesem frühen Zeitpunkt Einblick in

die israelischen Überlegungen (und das Fehlen einer vorherigen

Planung) zur Zukunft eines vereinigten Jerusalem ermöglicht.

Levontin machte darauf aufmerksam, dass die Einnahme

Ostjerusalems Israel vor knifflige rechtliche und politische

-299-

Probleme stelle. Er erwartete weniger Schwierigkeiten seitens

der Christen, mehr seitens der Muslime. Vorausschauend wies

er darauf hin, dass eine erhebliche Gefahr von Juden kommen

könnte: die bedrohliche Möglichkeit, dass Extremisten

versuchen könnten, den Traum vom Wiederaufbau des Tempels

zu verwirklichen.

Levontin schlug ein Fünf-Punkte-Programm für Jerusalem

vor: 1. Ganz Jerusalem solle der Hoheitsgewalt Israels

unterstellt werden. 2. Man solle einen Unterschied machen

zwischen der «intramuralen» Altstadt und den außerhalb der

Stadtmauern liegenden Teilen Ostjerusalems (also der

arabischen Neustadt). Israel müsse sich der Fülle religiöser

Verknüpfungen wegen auf ernsthaften Widerstand gegen die

Annexion der Altstadt einrichten. 3. Aus diesem Grund solle

Israel erklären, dass es den Status quo in der Altstadt

aufrechterhalten werde. Zwar solle das gesamte Territorium

unter israelischer Hoheitsgewalt stehen, aber vor

unangebrachten Baumaßnahmen bewahrt werden. 4. Das

Ministerium für Religionsangelegenheiten solle für die

muslimischen Heiligen Stätten einen internationalen

muslimischen Rat schaffen. Nichtarabische Muslime aus

Ländern wie dem Iran oder der Türkei sowie israelische

Muslime sollten von Anfang an zur Teilnahme eingeladen

werden. Für Christen solle ein ähnlicher Rat geschaffen werden,

obwohl es sich hierbei zunächst als schwierig herausstellen

könnte, willige Teilnehmer zu finden. Diese Räte sollen seiner

Meinung nach ausschließlich eine beratende Funktion haben.

Das israelische Religionsministerium solle die alleinige

«Adresse» für alle Verwaltungsfragen in diesem ganzen Bereich

sein (mit dem «ganzen Bereich» scheint Levontin die

christlichen und muslimischen Viertel der Altstadt gemeint zu

haben, obwohl das aus seiner hebräischen Formulierung nicht

eindeutig hervorgeht). 5. Das jüdische Viertel der Altstadt solle

der direkten Verwaltung des Jerusalemer Stadtrats unterstellt

-300-

werden, jedoch mit besonderen Schutzbestimmungen zur

Wahrung seines historische n Charakters.14

Levontins Memorandum war einer der ersten Versuche, die

unterschiedlichen Gebiete der Stadt unter den neuen

Gegebenheiten in den Griff zu bekommen, eine Frage, die

bislang von der israelischen Obrigkeit vernachlässigt worden

war. Genauso wie es keine oder kaum eine Planung auf

diplomatischer Ebene für die Annexion gegeben hatte, so

scheint es auch an juristischen und administrativen

Vorüberlegungen gefehlt zu haben.

Allen Betroffenen war allerdings klar, dass Israel entschlossen

war, die Kontrolle über ganz Jerusalem nicht wieder

aufzugeben. Die rechtliche Form einer solchen Kontrolle, und

ob sie für die unterschiedlichen Teile der Stadt gleich sein solle,

blieb einstweilen ungeklärt. Mit aller Vorsicht antwortete

Außenminister Abba Eban am 14. Juni dem britischen

Botschafter, der sich nach «seinen Vorstellungen hinsichtlich

Jerusalem» erkundigt hatte. Es gebe «gewisse offenkundige

Fakten». Erstens: «Jerusalem sei jetzt eine vereinigte Stadt. Das

sei gewiss gut.» Zweitens: «Es sei unrealistisch, von der

Internationalisierung Jerusalems zu reden, wenn damit eine

politische oder administrative Internationalisierung gemeint

sei.» Zugleich deutete er jedoch an, dass Israel eine «spirituelle

Internationalisierung» der Heiligen Stätten vorgesehen habe,

obwohl, «wie dies erfolgen werde, noch nicht ausgearbeitet

worden ist».15 Eine Woche später hieß es, Eban habe

lateinamerikanischen UN-Delegierten gesagt, dass Israel bereit

sei, eine christliche Autorität die christlichen Heiligen Stätten

und eine muslimische die muslimischen Heiligtümer verwalten

zu lassen.16

Am 17. Juni fasste das israelische Kabinett den

Grundsatzbeschluss, die israelische Oberhoheit auf Ostjerusalem

auszudehnen. Die amerikanische Regierung riet den Israelis zur

Vorsicht. Der britische Außenminister George Brown warnte sie

-301-

entschieden davor, die Altstadt zu annektieren.17 Da aber diese

Warnung nicht von der Androhung von Sanktionen begleitet

war, wurde sie von der israelischen Regierung nicht allzu ernst

genommen. Der jüdische Staat war in ausgelassener Stimmung,

und weder die öffentliche Meinung noch die Regierung neigten

dazu, Ratschläge, so gut sie auch gemeint sein mochten, von

Freunden zu beherzigen, die sie ihres Erachtens in der dem

Krieg vorangegangenen Krise mit Ägypten im Stich gelassen

hatten.

Bevor rechtliche Schritte in Richtung auf die Annexion

unternommen werden konnten, musste darüber entschieden

werden, um welches Gebiet es genau dabei ging. Die Regierung

wollte sichergehen, dass die Stadt künftig über genügend Raum

für einen großen Zustrom jüdischer Einwanderer verfügte.

Deshalb setzte sie einen Ausschuss mit Vertretern der

Ministerien, der Armee sowie der israelischen Stadtverwaltung

ein, um neue Grenzen für das Stadtgebiet festzulegen. Die

Öffentlichkeit wurde nicht einmal über die Existenz eines

solchen Ausschusses informiert. Während der Arbeit schieden

sich die Mitglieder in Minimalisten und Maximalisten. Zu den

redefreudigsten unter den Letzteren gehörte der Falke General

Rehavam Ze'evi, der zusammen mit anderen einen strategischen

Ansatz befürwortete, mit dem die Verteidigungsfähigkeit der

Stadt durch Israel für immer sichergestellt wäre. Dies mache

erforderlich, sämtliche die Stadt umgebenden Hügel sowie den

Zivilflughafen im Norden in das Stadtgebiet einzubeziehe n. Auf

den Hügeln lagen allerdings zweiundzwanzig arabische Dörfer

mit insgesamt 103000 Einwohnern vor der Eroberung. Im oder

unmittelbar nach dem Krieg waren schätzungsweise 8000

Menschen geflohen, aber es gab dort noch immer 95000

arabische Einwohner. Andere Ausschussmitglieder sträubten

sich gegen den Gedanken, der städtischen Bevölkerung weitere

Araber in derart großer Zahl hinzuzufügen. So wurden denn die

Pläne der Maximalisten abgelehnt, und arabische Dörfer wie

-302-

Abu Dis und al-Azarija blieben außerhalb der Stadtgrenzen. Im

Norden wurde die Grenze direkt östlich der Straße zwischen

Jerusalem und Ramallah gezogen, wodurch die vielköpfige

arabische Bevölkerung der Straßensiedlungen und der weiter

östlich der Straße dicht an dicht liegenden Flüchtlingslager

ausgeschlossen blieben. Der Ausschuss beschloss auch, die

Einbeziehung der Stadt Bethlehem nicht zu befürworten. Eine

Ausdehnung der Stadtgrenzen nach Westen hin (d. h. innerhalb

des schon vor 1967 israelischen Territoriums) wurde auch nicht

befürwortet. Dennoch wurde das Stadtgebiet von den 52,6 km2

des israelischen und jordanischen Teils auf nunmehr 113,3 km2

ausgeweitet. Infolge der Veränderungen stieg die Bevölkerung

der Stadt auf 267800 Einwohner an (196800 Juden und 71000

Araber).18

Aufgrund der neuen Grenzen gehörte am nördlichen,

östlichen und südlichen Stadtrand nun ein breiter Gürtel meist

unbewohnten Landes zum Stadtgebiet. Das neu

hinzugekommene Areal erstreckte sich vom Jerusalemer

Flughafen in Qalandija (Atarot) im Norden über den Bogen der

zentraljudäischen Hügelkette im Osten bis hinunter nach Gilo

im Süden. Vor allem auf diesem neu hinzugekommenen Land

hat Israel in den nächsten dreißig Jahren einen großen Ring

jüdischer Vororte gebaut, die dazu beitrugen, dass sich die

Bevölkerung Jerusale ms mehr als verdoppelte.

Am 23. Juni trat ein Ministerausschuss, der Vorschläge für

den formalen Status von Jerusalem erarbeiten sollte, zur

Diskussion über das weitere Vorgehen zusammen. Sein

Vorsitzender war Justizminister Yaakov Shimshon Shapiro, und

zu seinen Mitgliedern gehörten Dayan und Begin sowie

Mordechai Bentov von der linksgerichteten Mapam-Partei und

Zerah Warhaftig, der Minister für Religionsangelegenheiten. Sie

beschlossen, im Kabinett die Zustimmung zur Ausweitung der

Stadtgrenzen zu befürworten.19

Entsprechende Kabinettsbeschlüsse wurden auf den Sitzungen

-303-

vom 25. und 26. Juni gefasst.20 Am folgenden Tag

verabschiedete die Knesset ein Gesetz, wonach Israels «Recht,

Gerichtsbarkeit und Verwaltung... sich auf jedes Gebiet des

Landes Israel erstrecken soll, das von der Regierung durch

Verordnung dazu bestimmt wird».21 Zugleich wurde die

Gemeindeordnung ergänzt, um «dem Minister... nach seinem

Ermessen und ohne Anfrage» zu ermöglichen, «durch Erlass das

Gebiet einer bestimmten Gemeinde zu vergrößern», sowie dem

Minister zu gestatten, «aus der Einwohnerschaft der neu

hinzugekommenen Gebiete zusätzliche Gemeinderäte zu

ernennen».22 Ebenfalls an diesem Tag verabschiedete die

Knesset ein Gesetz, in dem es hieß, «die Heiligen Stätten sollen

vor Entheiligung und Beschädigung sowie allem geschützt sein,

was den freien Zugang für Angehörige der unterschiedlichen

Religionen zu den ihnen Heiligen Stätten oder ihre

Empfindungen hinsichtlich dieser heiligen Stätten verletzen

könnte».23 Am folgenden Tag wurde mittels Erlass Ostjerusalem

der Gemeinde Jerusalem unter israelischem Recht einverleibt

(siehe Karte 11).

In den ersten drei Wochen der israelischen Besatzung hatte

Rawhi al-Khatib, der arabische Bürgermeister des jordanischen

Jerusalem, in jeder Hinsicht mit den israelischen Behörden

zusammengearbeitet und hatte mehrere freundschaftliche

Treffen mit hochrangigen Staatsrepräsentanten, u. a. auch mit

Teddy Kollek.24 Nachdem er aus der Zeitung von dem

Gesetzeserlass der Knesset erfahren hatte, berief er eine

außerordentliche Sitzung seines Stadtrats ein, zu der aber nur

zwei von elf Mitgliedern erschienen.25 Am Abend des 29. Juni

wurde Khatib zusammen mit vier Stadträten in das militärische

Hauptquartier der Israelis einbestellt, wo man ihm einen

Militärbefehl aushändigte, der den Stadtrat für aufgelöst

erklärte. Man bedankte sich bei Khatib und seinen Mitarbeitern

«für ihre Dienste» und entließ sie.26

Die Regierung vermied absichtlich den Begriff «Annexion»,

-304-

und israelische Sprecher bestritten sogar, dass es sic h um eine

solche gehandelt habe. Bei einer Pressekonferenz beharrte Abba

Eban darauf, dass die gesetzliche Regelung «sich ausschließlich

auf die städtischen und administrativen Aspekte dieser Politik

[der Vereinigung Jerusalems] beziehe», und der israelische

Botschafter in Washington, Abraham Harman, erklärte Eugene

Rostow vom State Department, es gehe einfach um eine

Ausdehnung der städtischen Zuständigkeit, damit die Bewohner

der von den israelischen Streitkräften besetzten Stadtteile mit

öffentlichen Dienstleistungen versorgt werden könnten.27 Ebans

Äußerung blieb Israels öffentlicher Standpunkt, auch wenn er in

späteren Jahren von dem damaligen Gesetz als einem

«Vereinigungsgesetz» sprach.28 In gewissem Sinne war die enge

Interpretation sowohl theoretisch als auch praktisch korrekt: Das

Völkerrecht kennt keine Annexion durch einen einseitigen

Gesetzgebungsakt; die städtischen Dienste der beiden

Stadthälften wurden tatsächlich vereinigt, und die Mehrzahl der

ehedem bei der jordanischen Stadtverwaltung Angestellten

setzten ihre Arbeit unter den Israelis fort. Auch wenn es nicht so

hieß, galt das israelische Gesetz letztlich doch allgemein als

Annexion.

Rasch ließ Israel seine Entschlossenheit erkennen, das

jüdische Viertel in der Altstadt wiederherzustellen. In einer

Aktion, die der für Ostjerusalem verantwortliche Meron

Benvenisti als «freiwillige Evakuierung» bezeichnete, wurden

seit dem 10. August arabische «Hausbesetzer» aus dem Bezirk

entfernt.29 Am Jahresende waren 2959 Menschen, die Mehrzahl

der arabischen Bewohner dieses Viertels, evakuiert worden.30

Am 14. August hielt das Appellationsgericht des Beth Din (des

religiösen Gerichtshofs) dort eine Sitzung ab, und eine Woche

später bezog eine Jeschiwa (eine Talmudschule) wieder ihren

Sitz im jüdischen Viertel; im Lauf der Zeit kamen weitere hinzu.

In den nächsten zwanzig Jahren wurde dieses Viertel, das zuvor

ein halb verfallener Slum gewesen war, weiträumig

-305-

wiederhergestellt und vorwiegend von orthodoxen Juden

wiederbesiedelt.

Karte 11: Jerusalem seit 1967

-306-

In mehreren vom Obersten Gerichtshof zu entscheidenden

Fällen wurden, vor allem in den Jahren 1969 und 1970, die

Gültigkeit und Beschaffenheit der israelischen Präsenz in

Ostjerusalem überprüft. Im Verfahren Hanzalis gegen den

Gerichtshof des Patriarchats der griechisch-orthodoxen Kirche

gab der stellvertretende Gerichtspräsident Silberg bekannt, dass

«seit dem 28. Juni 1967 Ost- und Westjerusalem hinsichtlich der

äußeren Teilung und der Rechtsanwendung eins sind». Richter

Halevi (dessen nationalistische Auffassung bekannt war)

stimmte zu, ging jedoch einen Schritt weiter: «Am 28. Juni 1967

wurden Jordaniens Gesetze, Rechtsprechung und

Rechtsverwaltung in Ostjerusalem durch die israelische

Rechtsprechung und Verwaltung ersetzt, und seit diesem Datum

wurde das vereinigte Jerusalem zum unablösbaren Bestandteil

Israels [Hervorhebung wie im Original].»31 Im Verfahren Ruidi

und Mâches gegen den Militärgerichtshof von Hebron vertrat

ein Kaufmann, der bislang ohne die im Westjordanland

erforderliche jordanische Exporterlaubnis Antiquitäten nach

Ostjerusalem eingeführt hatte, die Auffassung, dass

Ostjerusalem für Jordanien nicht als Ausland gelte und darum

keine Genehmigung erforderlich sei. Der Oberste Gerichtshof

entschied hingegen, Ostjerusalem sei zu einem Te il Israels

geworden. Dies wurde die nach israelischem Recht definitive

Entscheidung.32

-307-

Jerusalem unter israelischer Herrschaft

Die politische Hauptfigur im israelischen Jerusalem war im

folgenden Vierteljahrhundert Bürgermeister Teddy Kollek. Der

untersetzte, gesellige, eigenwillige und liberal gesinnte Mann,

der die sprichwörtliche Gemütlichkeit seiner Heimatstadt Wien

ausstrahlte, fand für seine Politik, die sich um praktische

Lösungen und Alltagsharmonie zwischen den vielfältigen

Gruppen in der Stadt bemühte, weltweiten Beifall.

Teddy Kollek, Jerusalems Bürgermeister von 1965 bis 1993

Aus der Tatsache, dass es nach 1967 sein vorrangiges Ziel

war, Israel den dauerhaften Besitz Jerusalems als seiner

vereinigten Hauptstadt zu sichern, machte er zwar kein großes

Geheimnis, aber er war der Meinung, dass dies besser durch

-308-

guten Willen als durch Gewalt zu erreichen sei. Er gründete ein

Internationales Jerusalem-Komitee sowie eine Jerusalem-

Stiftung, die das neue Israel-Museum, Parks und andere soziale

und kulturelle Projekte in beiden Teilen der Stadt finanzierte.

Mit Fingerspitzengefühl und politischem Mut setzte er sich

erfolgreich für die Errichtung eines Denkmals für die arabischen

Opfer des Sechstagekriegs von 1967 ein. Aber auch unter seiner

Führung blieb Jerusalem eine geteilte Stadt und wurde es infolge

staatlicher und städtischer Politik im Laufe der Zeit noch mehr.

In technischer Hinsicht kam die Vereinigung auf mancherlei

Gebieten verhältnismäßig schnell zustande. Die

Telefonverbindung und öffentliche Strom-, Gas- und

Wasserversorgung zwischen den beiden Teilen der Stadt wurden

wieder hergestellt. Die Buslinie 9 zum Skopusberg fuhr wieder

die alte Route, die sie bis 1948 gefahren war, als sei der Verkehr

nur mal wegen Ferien eingestellt worden. Neue, dreisprachige

Straßenschilder tauchten auf. Schließlich bekamen einige

Straßen in Ostjerusalem neue Namen - aus der Suleimander-

Prächtige-Straße wurde beispielsweise die

Fallschirmjägerstraße, und aus dem Allenbyplatz wurde der

Zahalplatz (Zahal ist das hebräische Akronym für die

israelischen Streitkräfte).

Während die Israelis die Stadt fester in den Griff nahmen,

begann man, langfristige Pläne für die Zukunft auszuarbeiten.

Im September 1967 besprach ein Ministerausschuss unter

Vorsitz des Ministerpräsid enten einen Plan zur Schaffung eines

Nationalparks rund um die Altstadt. Der Minister für religiöse

Angelegenheiten Zerah Warhaftig opponierte anfangs dagegen,

weil er befürchtete, dass dadurch die Altstadt vom

Hauptzentrum der jüdischen Bevölkerung in Westjerusalem

abgeschnitten werden könnte.33 Andere sahen darin eine

willkommene Gelegenheit, die Ruinen und Müllkippen zu

beseitigen, die sich in den vergangenen neunzehn Jahren im

Niemandsland angesammelt hatten, ein Mittel, die Schönheit der

-309-

alten Stadtmauern hervorzuheben, und eine Touristenattraktion.

In abgewandelter Form wurde dieser Plan dann auch realisiert.

1968 wurde ein Stadtentwicklungsplan beschlossen. Der Plan

rief Kritik seitens der Stadtplaner hervor und wurde 1970 von

einer internationalen Expertengruppe abgelehnt. Arthur Kutcher,

ein Architekt, der eine Zeitlang für die Planung der Altstadt

verantwortlich war, übte besonders scharfe Kritik und sagte,

dass «die Absicht, die dem Vorschlag für eine vereinigte, auf ein

einziges Handelszentrum zugeschnittene und mittels eines

Gitters aus neuen Straßen zusammengebundene Stadt zugrunde

gelegen hatte, politischer Natur gewesen sei». Diese Einheit, so

sei zu befürchten, solle «auf Kosten vieler ästhetischer und

ökologischer Werte...durchgesetzt werden».34 Zusammen mit

anderen machte er auf die Zerstörung von Jerusalems zarter

Skyline durch viele nach 1967 hochgezogene Bauten

aufmerksam: die ohne Baugenehmigung errichteten Omariyya-

Wolkenkratzer in Talbieh, die unansehnlichen Hochhäuser auf

dem Französischen Hügel, die hoch aufschießenden Wolfson-

Gebäude über dem Tal des Kreuzklosters, deren Proportionen

nicht in die Umgebung passen, den architektonischen Leviathan

des neuen Geländes der Hebräischen Universität auf dem

Skopusberg und den scheußlichsten Ba u überhaupt, das Plaza-

Hotel, das den Unabhängigkeitspark beeinträchtigt und

verunstaltet.

Viele der neuen Bauten entstanden auf dem Terrain, das vor

1967 zu Israel gehört hatte. Aber im Januar 1968 kündete die

Regierung die Enteignung von 339 Hektar Land in Ostjerusalem

an, auf denen man 1400 Wohneinheiten zu errichten plane,

wovon 400 für aus dem jüdischen Viertel der Altstadt

umgesiedelte Araber bestimmt seien.35

Dies war die erste von mehreren weiträumigen Enteignungen

arabischen Besitzes in Ostjerusalem. Neue Wohnquartiere für

Juden wurden auf diesem Land errichtet, darunter Ramat

Eschkol, Französischer Hügel, Gilo und Pisgat Ze'ev. Die

-310-

Baumaßnahmen schritten rasch voran. Nach und nach trat

zutage, dass die Planungen eine geopolitische Absicht

verfolgten: die Schaffung eines von Juden bewohnten Rings um

den nördlichen, nordöstlichen und südlichen Stadtrand. «Das

Ziel», sagte Kollek 1968 in einem offenherzigen

Zeitungsinterview, «ist sicherzustellen, dass das ganze

Jerusalem für alle Zeit Teil Israels bleibt. Wenn diese Stadt

unsere Hauptstadt sein soll, dann müssen wir sie zu einem

integralen Bestandteil unseres Landes machen, und dafür

brauchen wir jüdische Einwohner.»36

Israels Politiker bestätigten diese Entscheidungen fast

einmütig. David Ben Gurion, der im April 1969 äußerte, «im

Austausch für Frieden würde ich all das im Juni 1967 eroberte

Territorium zurückgeben», fügte hinzu, dass dies «gewiss nicht»

Ostjerusalem oder die Golanhöhen beinhalte.37 Auf israelischer

Seite kamen fast die einzigen Klagen von denjenigen, die, wie

der ehemalige Ministerpräsident, darüber murrten, dass die

Neubauten zu langsam vorankämen. Von Ben Gurions aus den

politischen Kulissen tönendem Nörgeln angetrieben, setzte

Eschkol im Dezember 1967 einen Ministerausschuss ein. Dieser

erhöhte die Zielgröße auf 7000 neue Wohnungen und

verdoppelte die Fläche des für die Hebräische Universität auf

dem Skopusberg vorgesehenen Geländes.38

Welche politischen Beweggründe der Jerusalemer

Stadtplanungspolitik zugrunde lagen, wurde in einem lokalen

Stadtplan für Jerusalem niedergelegt, den der Planungs- und

Bauausschuss des Distrikts 1978 erarbeitete: «Jeder Bereich der

Stadt, der nicht von Juden bewohnt wird, läuft Gefahr, von

Israel losgelöst und arabischer Kontrolle unterstellt zu werden.

Der Verwaltungsgrundsatz hinsichtlich des Areals der

gemeinderechtlichen Zuständigkeit der Stadt muss deshalb

dadurch in die Praxis überführt werden, dass in allen Teilen

dieses Bereichs gebaut und an den abgelegensten Örtlichkeiten

damit begonnen wird.»39 Während der Wohnungsbau für Juden -

-311-

im Einklang mit diesem Grundsatz - gefördert wurde, hielt sich

der Bau von Wohnungen für Araber in Ostjerusalem in engen

Grenzen, und dies trotz des Umstands, dass die arabische

Bevölkerung der Stadt rascher wuchs als die jüdische. So

wurden zwischen 1967 und 1995 für Juden 64880

Wohneinheiten errichtet, während für Araber 8890 bestimmt

waren.40 Entgegen allen öffentlichen Bekundungen der

israelischen Regierung wurde das enteignete Land nicht dazu

verwendet, um Wohnungen für Araber zu bauen.41 Im

Allgemeinen stießen Araber auf Schwierigkeiten, wenn sie

Baugenehmigungen erhalten wollten. Der Großteil des nicht

enteigneten und noch unbebauten Landes in Ostjerusalem wurde

für andere Zwecke aufgeteilt. Ohne einen Bebauungspla n waren

Neubauten verboten, aber zwischen 1967 und 1994 wurden nur

für dreizehn der etwa dreißig arabischen Wohnbezirke

Jerusalems solche Bebauungspläne verabschiedet. Einige

ungenehmigte Bauten von Arabern tolerierte man, aber in

anderen Fällen wurden ohne Baugenehmigung errichtete Häuser

als Abschreckungsmaßnahme abgerissen. Während es sich bei

neuen jüdischen Wohngebäuden in der Regel um

Apartmentblocks handelte, waren arabische Bauten, soweit man

sie denn überhaupt genehmigte, häufiger kleinere

Wohneinheiten. Für viele Araber war es einfacher, neue

Wohnungen oft unmittelbar außerhalb der Stadtgrenzen in

Gebieten wie a-Ram an der Landstraße nach Ramallah zu bauen.

Der Wohnungsbau war nur eines von den Gebieten, auf denen

die Ostjerusalemer Araber unter politisch motivierter

Diskriminierung zu leiden hatten. In den Jahren 1994-96 von der

Stadt in Auftrag gegebene Untersuchungsberichte und auch

Bücher ehemaliger städtischer Bediensteter, die in den

neunziger Jahren veröffentlicht wurden, enthüllten Ausmaß und

Art solcher Diskriminierungen bei städtischen Dienstleistungen

jedweder Art, von der Straßenbeleuchtung über den Straßen-

und Schulbau bis zur Abwässerbeseitigung und Müllabfuhr.

-312-

Westjerusalem besaß beispielsweise 1079 öffentliche Parks,

Ostjerusalem nur 29. In Westjerusalem lebten 690 Einwohner

pro Kilometer Bürgersteig, in Ostjerusalem waren es 2917. Und

so weiter. Teddy Kollek bemühte sich, wenigstens den äußeren

Anschein eines anständigen Umgangs mit den arabischen

Einwohnern zu wahren, aber in seinem letzten städtischen

Haushalt vom 1992 beliefen sich die pro Kopf-Ausgaben der

Bevölkerung im jüdischen Sektor auf 900 US-Dollar, verglichen

mit 150 US-Dollar im arabischen. Sechs Prozent des

Gesamtbetrags waren im Haushalt für den arabischen Sektor

vorgesehen, der allerdings ungefähr 28 Prozent der Bevölkerung

ausmachte.42

-313-

Arabischer Widerstand

Wie bereits erörtert, war in der spätosmanischen und

britischen Zeit unter den Arabern Ostjerusalems eine mächtige

und selbstbewusste Führungsschicht entstanden. Trotz

jordanischer Versuche zwischen 1949 und 1967, den Status

Jerusalems herabzustufen, hatte sie sich unter jordanischer

Herrschaft im großen und ganzen halten können. Nach 1967

übernahm diese Führungsschicht wieder ihre traditionelle Rolle

an der Spitze der arabischen Bevölkerung; es gelang ihr, deren

Institutionen zu erhalten und zu stärken und zur Wahrung ihrer

Identität beizutragen.

Seit den ersten Tagen der Annexion regte sich der Widerstand

der Araber gegen die israelischen Maßnahmen. Anfangs war er

gewaltlos. Erstmals trat er gegenüber der Stadtverwaltung

zutage. Nach der Entlassung Khatibs als Bürgermeister stellte

sich die Frage, ob er für den vergrößerten Stadtrat kandidieren

würde, dessen Errichtung für die vereinigte Stadt erwartet

wurde. Die gesetzliche Regelung der Knesset sah vor, dass beim

ersten Mal zusätzliche Stadträte ernannt würden. Die Israelis

hofften, durch das Kooptieren ehemaliger jordanischer Stadträte

in die israelische Stadtverwaltung einer einheitlichen, von allen

Teilen der Stadt gewählten städtischen Selbstverwaltung den

Weg zu ebnen. Khatib wurde «versuchsweise angesprochen»

und auch «gebeten, die anderen arabischen Stadträte zu

sondieren».43 Dieser entschloss sich jedoch, der Aufforderung

nicht nachzukommen, und die anderen Stadträte folgten ihm

darin. Schließlich wurden er und sieben weitere ehemalige

Stadträte gebeten, offiziell ihre Nominierung anzunehmen (die

übrigen vier Stadträte waren nach Jordanien geflüchtet). Nach

einer gemeinsamen Besprechung gaben sie eine schriftliche

Antwort, in der sie erklärten, dass ihre Annahme «eine offizielle

-314-

Anerkennung wäre, dass wir prinzipiell die Annexion des

arabischen Jerusalem zu dem von Israel besetzten Sektor

akzeptieren, ein Sachverhalt, der von uns nicht de facto

hingenommen und nicht einmal anerkannt werden kann».44 Als

Kollek gefragt wurde, wer stattdessen nominiert werden könnte,

antwortete er unbefriedigend (und nicht ganz zutreffend), «er

kenne da drüben keinen».45

Khatibs Beispiel leitete einen höchst effektiven arabischen

Boykott des israelischen politischen Systems einschließlich der

städtischen Selbstverwaltung ein. Obwohl man ihnen die

Möglichkeit anbot, israelische Staatsbürger zu werden,

entschieden sich die meisten Araber dagegen und blieben

Jordanier. Jedoch im Unterschied zum Westjordanland bekamen

die Einwohner von Ostjerusalem israelische Kennkarten.

Tabelle 2:

Die Teilnahme Ostjerusalemer Palästinenser an städtischen Wahlen

(1969-1993)

Jahr Anzahl arabischer

Wähler

Prozentsatz der Wahlberechtigten

1969 7500 21%

1973 3150 7%

1978 8000 14%

1983 11603 18%

1989 4000 3 %

1993 8000 5 %

Quellen: Michael Romann und Alex Weingrod, Living Together

Separately: Arabs and Jews in Contemporary Jerusalem, Princeton

1991, S. 207; Roger Friedland und Richard Hecht, To Rule Jerusalem,

Cambridge 1996, S. 332. und 519; Daily Telegraph, 9. November

1978; New York Times, 9. November 1978; Jerusalem Post, 6.

November 1983; New York Times, 3. November 1993.

-315-

Anmerkung: An exakte Zahlen über die arabische Wahlbeteiligung

in Ostjerusalem kommt man nur schwer heran. Das Innenministerium

legt offenbar solche Statistiken an, und die obigen Zahlen bis 1983

basieren auf diesen Daten. In der israelischen Presse veröffentlichte

und von der Jerusalemer Stadtverwaltung bekanntgegebene Zahlen

wichen oft weit voneinander ab: Beispielsweise verkündete 1969 ein

Sprecher der Stadt, dass 10000 Ostjerusalemer an den Wahlen

teilgenommen hätten, was einer Wahlbeteiligung von 80 Prozent

entspreche.1 Nach Teddy Kollek gaben 1969 über 11000 Araber ihre

Stimme ab, aber aus verschiedenen Gründen seien nur 8000 davon

gültig gewesen.2

1 Gideon Weigert, Israel's Presence in East Jerusalem, Jerusalem

1973, S. 17.

2 Teddy Kollek, Ein Leben für Jerusalem, Hamburg 1980, S. 334.

Nach einer Novellierung des Wahlgesetzes durch die Knesset

im Januar 1969 war es jordanischen Bewohnern Ostjerusalems

gestattet, an den Stadtratswahlen teilzunehmen; Kollek hoffte

auf eine große Beteiligung. In Wirklichkeit aber machte in den

folgenden Wahlen nur eine kleine Minderheit von diesem Recht

Gebrauch (siehe Tabelle 2), und kein einziger Ostjerusalemer

Araber kandidierte bei den Wahlen für den Stadtrat. Dieser

Widerstand trug dazu bei, dass sich in der arabischen

Bevölkerung die Meinung verfestigte, die israelische Herrschaft

sei nicht legitim. Aus arabischer Sicht hatte er freilich auch die

unwillkommene Folge, dass die Politik und Verwaltung der

Stadt den Israelis überlassen wurde.

Im Gegensatz zu den Stadträten arbeiteten die besoldeten

Bediensteten der jordanischen Stadtverwaltung unter israelischer

Ägide weiter, aber zumeist unverändert in untergeordneter

Stellung. So wurde der jordanische Stadtverordnete Salah al-Din

Jarallah zum stellvertretenden Stadtverordneten und der

jordanische Stadtingenieur zum stellvertretenden Stadtingenieur

ernannt. Jordanische Polizisten wurden in die israelische Polizei

integriert, jedoch hauptsächlich in den arabischen Gebieten der

-316-

Stadt eingesetzt. Eine Beschäftigung auf nicht politischem

Gebiet wurde meistens von der arabischen Bevölkerung

akzeptiert; sogar die Polizisten wurden nicht der Kollaboration

bezichtigt. Aber mit der Zeit stellte sich heraus, dass die

politische Nichtmitwirkung der Araber ausgesprochen

nachteilige Folgen für die Wahrung bzw. die Durchsetzung der

Interessen der Ostjerusalemer Araber hatte. Insofern war der

arabische Widerstand nur in sehr begrenztem Maße erfolgreich.

Der muslimischen Führung gelang hingegen ein wesentlich

wirkungsvollerer Widerstand gegen die israelische Politik. Am

24. Juli 1967 trat auf dem Haram al-Scharif eine Versammlung

von vierundzwanzig muslimischen Notabein zusammen. Zu den

religiösen Würdenträgern zählten auch der Präsident des

Scharia-Berufungsgerichts, Scheich Abd al-Hamid al-Sa'ih, und

der Mufti von Jerusalem, Saad al-Din al-Alami. Zu den

weltlichen Teilnehmern gehörten Leute wie Anwar al-Khatib,

der ehemalige jordanische Gouverneur von Jerusalem, Aref al-

Aref, ein ehemaliger Bürgermeister und jordanischer Minister,

und Anwar Nusseibeh, der in den ersten Jahren der Besatzung

zur führenden politischen Figur unter Jerusalems Palästinensern

wurde.46 Sie alle erklärten, dass sie die Legitimität der Annexion

nicht anerkannten, nicht mit dem Ministerium für

Religionsangelegenheiten zusammenarbeiten und sich weigern

würden, dem «Ersuchen» der muslimischen Abteilung dieses

Ministeriums nachzukommen, die Predigt zu überprüfen, die der

Imam jeden Freitag in der Al-Aqsa-Moschee zu halten

beabsichtige.47 Darüber hinaus kündigten sie die Schaffung

eines neuen Organs an, des Muslimrats mit al-Sa'ih als

Präsidenten. (Dieser Rat darf nicht mit dem Obersten Muslimrat

aus der Mandatszeit verwechselt werden; obwohl manchmal im

Englischen kein Unterschied in der Bezeichnung gemacht

wurde, lautete seine arabische Bezeichnung anders: al-Haya al-

Islamiyya. Da er in denselben Räumlichkeiten auf dem Haram

seinen Sitz hatte und schließlich religiöse, gerichtliche,

-317-

finanzielle und politische Funktionen ausübte, sonnte er sich

bisweilen im Glanz des Ruhmes des Obersten Muslimrats, auch

wenn er nie dasselbe Maß an Macht erreichte.) Des weiteren

gaben sie bekannt, dass sie «bis zum Ende der Besatzung» auf

ihrem Posten bleiben und ihre Funktionen ausüben würden.

Interessanterweise erwähnte die Erklärung der muslimischen

Führer, die Aref al-Aref persönlich den Konsuln aushändigte,

kein einziges Mal die Worte «Palästina» und «palästinensisch».

Die Verfasser, allesamt ehemalige jordanische Amtsträger,

stellten ausdrücklich fest: «Das arabische Jerusalem ist ein

integraler Bestandteil Jordaniens.» Eine Fassung des Dokuments

wurde vom jordanischen Vertreter bei den Vereinten Nationen

in Umlauf gebracht. (Seltsamerweise wurden in dieser Fassung

nur zwanzig Unterzeichner genannt; es fiel auf, dass der Name

von Anwar Nusseibeh fehlte.)48

Die israelische Reaktion erfolgte sofort und war scharf. Am

31. Juli wurden Anwar al-Khatib und drei weitere politische

Führer für drei Monate aus der Stadt verbannt. Khatib sollte in

Safed leben, die anderen in anderen Städten Israels oder des

Westjordanlandes.49 Am 7. August kam es in Ostjerusalem zu

einem eintägigen Generalstreik - der erste von vielen in den

folgenden dreißig Jahren. Am 9. August erschien eine weitere

Protesterklärung, die von fünf Mitgliedern des Muslimrats,

darunter auch al-Sa'ih, unterzeichnet war.50 Daraufhin wurden er

und weitere Mitglieder des Muslimrats am 25. September in das

Westjordanland deportiert. (Nusseibeh blieb unbehelligt.)

Durch die Deportationen ließ der muslimische Widerstand

gegen die israelische Herrschaft in Jerusalem nicht nach. Wie

schon gelegentlich früher bei den christlichen Kirchen,

versuchten die Israelis zu Anfang, die waqf-Behörden, die für

die Stiftungen zuständig waren, mit Geld für sich zu gewinnen.

Kurz nach Beginn der Besatzung liehen die Israelis ihnen eine

beträchtliche Summe zur Deckung der Gehaltszahlungen und

«anderer Verpflichtungen».51 Aber kurz darauf erklärten die

-318-

waqf-Behörden ihre Unabhängigkeit gegenüber den

Besatzungsbehörden.

Den Israelis gelang es nicht, den Rat auszuschalten oder ihm

die Kontrolle über die religiösen Stiftungen, Gerichte und

anderen Institutionen in Jerusalem und bis zu einem gewissen

Grad auch im Westjordanland zu entziehen. Oberst David Farhi,

ein Orientalist, der 1967 für die israelische Militärregierung als

Verbindungsoffizier zur arabischen Führung in Ostjerusalem

tätig war, hat berichtet, dass der Versuch der Israelis, Einfluss

auf die islamische Oberschicht in Jerusalem zu gewinnen,

scheiterte.52 Farhi wies darauf hin, dass als eine direkte Folge

des Krieges die muslimischen Gerichtshöfe im Westjordanland

von Jordanien abgeschnitten wurden. Diese Spaltung bedeutete

in der Praxis, dass das Berufungsgericht in Amman von nun an

keine Fälle aus dem Westjordanland aufgreifen und entscheiden

konnte. 1967 wollte die israelische Regierung nicht den

Anschein erwecken, als beabsichtige sie - wie im Fall von

Jerusalem - auch das Westjordanland zu annektieren. Deshalb

stellte sich die Frage, ob sie nur das Jerusalemer

Religionsgericht und die dortigen muslimischen Einrichtungen

integrieren solle. Diese vom übrigen Westjordanland

abzuschneiden, wäre jedoch ein schwieriges Unterfangen

gewesen und würde zudem auf heftigen Widerstand bei der

arabischen Bevölkerung stoßen. Wenn die Israelis versucht

hätten, die Aktivitäten des Rats zu stoppen, hätte man ihnen

vorwerfen können, die Religionsfreiheit zu missachten - nämlich

zu einer Zeit, als es ihnen darum ging, der Welt zu

demonstrieren, dass sie würdige Wächter der Heiligen Stätten

aller Religionen seien.

Zwar legte der Muslimrat mit seiner anfänglichen Erklärung

ein Lippenbekenntnis zur Autorität Jordaniens ab, aber er war

nicht nach jordanischem Recht einberufen worden. Dennoch

war es ihm möglich, seiner Autorität Geltung zu verschaffen, da

er einer der Hauptverteiler der Geldmittel der jordanischen

-319-

Regierung an das Westjordanland war. Das Jerusalemer

muslimische Religionsgericht, das unter der Schutzherrschaft

des Rats amtierte, trug erheblich zu dessen Autorität bei.

Zunächst wurden die Entscheidungen des Muslimrats von Israel

nicht offiziell zur Kenntnis genommen, vor ihm geschlossene

Ehen vom israelischen Innenministerium nicht anerkannt und

von ihm gefällte Urteile von israelischen Gerichten nicht

vollstreckt. Die Israelis stellten aber fest, dass ihr Versuch, das

Jerusalemer Gericht dem muslimischen Gerichtssystem in Israel

zu unterstellen, nicht funktionierte. Schließlich kam man zu

einem Kompromiss, demzufolge der muslimische Gerichtshof

im israelischen Jaffa die Entscheidungen des Jerusalemer

Gerichts «bestätigte». 1987 wurde in Westjerusalem ein

israelisches muslimisches Gericht eingerichtet. Zwar vermochte

dieses Gericht einige Rechtssuchende an sich zu ziehen,

besonders Leute, denen an Vollstreckungsmaßnahmen gelegen

war, die, wie es hieß, dieses Gericht «zu handhaben» imstande

war (vermutlich, weil es zur Durchsetzung seiner Verfügungen

auf israelische Beamte zurückgreifen konnte), aber es gelang

ihm nicht, das muslimische Scharia-Gericht in Ostjerusalem zu

verdrängen.53

Der erreichte modus vivendi war für beide Seiten

zufriedenstellend. Die Muslim