kritisch
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Wozu der Mensch da ist

oder: Wie die beste aller Religionen finden?

Zwei Mängel haften den Gläubigen an: zuviel Ignoranz, zuwenig

Redlichkeit. Verstockte, hartherzige und hart denkende Christen

wissen kaum etwas von ihrer eigenen Konfession. Auch sind sie in

der Mehrheit »Laien«. Einige wenige wissen zwar einiges, doch sie

sind nicht redlich genug, Konsequenzen daraus zu ziehen - ihre

Religion aufzugeben.

Dem ersten Mangel, der Ignoranz, kann dieses Buch begegnen,

indem es Fakten zum Nachdenken vermittelt. Den zweiten Mangel

kann es nicht beseitigen. Wer unredlich denken und handeln will, wer

gar durch seinen Brotberuf mit der Unwissenheit anderer spielt, wer

also »Kleriker« ist, der ist zwar bloßzustellen, doch zu helfen ist ihm

nicht.

Ein einschlägiger Text des Neuen Testaments (Lk 10, 30-37)

beschreibt den Normalfall christlicher Nächstenliebe: den Kleriker, der

an einem verwundeten Menschen vorbeigeht, ohne ihm zu helfen.

Geholfen hat dem »unter die Räuber Gefallenen« der barmherzige

Samariter, der von den sogenannten Guten ausgestoßene Fremde. Das

ist eine zeitlose Geschichte. Immer wieder sehen - nichts wissen

wollen, nichts tun. Millionen von Opfern, die das Christentum auf dem

Gewissen hat, verdauen - nichts bereuen. Ein Sehen, das nicht hilft, ein

Wissen, das nichts nützt. Eine »Räuber- und Passantengesellschaft«,

eine christliche Gegenwart.

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Kleriker können weiter an ihren »Katechismus« glauben. Der

Vatikan denkt sich gerade den neuesten aus. Seine »ewigen

Wahrheiten« hängen allerdings meist vom Zeitgeist ab: Nicht weniger

als 24 000 Änderungsvorschläge zum kurialen Entwurf wurden bisher

eingereicht. Eine Heidenarbeit wartet auf die christlichen

Sachverdreher in Rom. Doch viel Neues wird ihr »Katechismus« 1992

nicht bringen, nur Altes neu verpackt. Kleriker können deswegen bei

ihrem Glauben bleiben. Bloß eines sollen sie künftig nicht mehr so

erfolgreich tun dürfen: jene, die weniger Schimpf und Schande der

Kirchen kennen als sie, dafür aber redlich denken und handeln,

ideologisch verführen und finanziell schröpfen. Alle Versuche,

Glauben und Gehorsam interessengeleitet zu begründen, müssen

enden.

Wenn unser Buch sich »gegen« etwas richtet, dann gegen diese

Kirchenleute und ihre Achtelwahrheiten. Wenn es sich um die ganze

Wahrheit der Kirchen bemüht, wenn es ihre dunklen Seiten zeigt,

wenn es gar nachweist, daß diese Seiten vorherrschen, dann ist es

zwar nicht »ausgewogen« in dem Sinn, den pfäffisch Denkende gern

hätten. Dann ist es parteiisch. Ebenso parteiisch wie die tausend und

abertausend Traktätchen der Kleriker, die nur eine helle Institution

ablichten — und die gleich lautstark klagen, wenn den tausend

Büchern der Unwahrheit und der Achtelwahrheiten ein einziges

gefährlich zu werden droht, weil es die historische Wahrheit sagt. Ein

»Anti-Katechismus« ist so lange notwendig, wie die Gründe, die er

gegen die Kirchen und für die Welt nennt, ebensowenig in den

offiziellen Katechismen auftauchen wie die Fakten aus Geschichte und

Gegenwart des real existierenden Christentums. Die Gewichte, die

dieser Anti- Katechismus setzt, sind freilich nicht nur eigenbestimmt.

Sie bemessen sich nach den Vorgaben der Kirchen. Was diesen so

wichtig ist wie Geld, Macht, Krieg, greift unser Buch ausführlicher auf

und an als die Nebenthemen des klerikalen Alltags wie Geist,

Nächstenliebe, Gott.

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Hoffentlich läßt sich niemand ins Bockshorn jagen von jenen, die

Jahrhunderte hindurch mit Unwahrheiten bares Geld gescheffelt

haben und es weiterscheffeln. Hoffentlich ist der Mut derer groß

genug, die sich nicht mehr anlügen lassen wollen. Hoffentlich verfliegt

der Weihrauch. Hoffentlich wird eines Tages die Luft so rein, daß

Menschen atmen können. Wozu der Mensch da ist? Gewiß nicht, um

auf den Knien zu liegen und jene auch noch zu bezahlen, vor denen er

kniet, die ihn belügen und beherrschen.

Wie kommt ein Mensch zur Religion?

Die Menschen, die als einzige von der Religion profitieren, haben zu

allen Zeiten gepredigt, »der Mensch« sei von Natur aus religiös.

Ohne Religion könne er nicht existieren, ver komme er wieder zu dem

Tier, das er in vorreligiösen Zeiten gewesen sei. In diesen urgewaltig

klingenden Sätzen verrät sich der Kern der Argumentation: die

Arroganz der Religionsdeuter, die sich von den Tieren (deren

Unschuld nicht zu übertreffen ist) zu unterscheiden versteht und die

alle Mitmenschen der eigenen Ideologie zu unterjochen sucht, als

handle es sich um eine Wahrheit.

Wo Wahrheit ist, ist Bescheidenheit. Demütig machen müßte die

Interpreten des Religiösen bereits das Wissen um ein paar Fakten der

Menschheitsgeschichte (falls sie es nicht längst schon, um des Profits

willen, verdrängten). Zum einen wissen wir sehr wenig von der frühen

Menschheitsgeschichte, die im Vergleich zu ihren bekannten Teilen

unverhältnismäßig lang gedauert hat. Aufs Ganze dieser Geschichte

gesehen, ist die gegenwärtige Religion eine Winzigkeit. Wird die

Geschichte der Menschen (»wir selbst sind die Neandertaler«) auf

rund 150000 Jahre angesetzt, so nehmen sich die 2000 Jahre der

sogenannten »Hochreligion Christentum« bescheiden aus. Sie

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sind nur in Promillewerten auszudrücken. Und wie heruntergekommen

ist doch die »Hochreligion« bereits nach zwanzig Jahrhunderten

»gedeihlicher Wirksamkeit für das Menschengeschlecht« ! Daß selbst

diese 2000 Jahre voll von Mord und Totschlag, Lug und Trug waren,

sollte die Verfechter des Religiösen noch bescheidener machen. Nichts

außer ihrer Arroganz und Menschenverachtung spricht für ihre

Position. Die beste aller Religionen das Christentum? Dessen eigene

Geschichte blutig dagegen zeugt? Wo die allen Menschen zugelegte

»Naturanlage«, das »Urbedürfnis nach Religion«, doch nicht zu finden

war, mußte ein wenig nachgeholfen und die menschliche Natur

nachgebessert, mußte die Anlage in den meisten Fällen offensichtlich

erst »aktiviert« werden. Bei den Germanen etwa oder den Millionen

von Indios, die das christliche Schwert traf, bis sie sich der

»Hochreligion« ergaben. Ganz so unbedarft von einer »religiösen

Uranlage« des Menschen zu sprechen wie gewohnt ist reiner Hohn.

Dasselbe gilt für die Behauptung, diese »Uranlage« sei in den

sogenannten Hochreligionen, im Christentum zumal, besonders in der

römisch-katholischen Spielart, voll und ganz »erfüllt«. Dagegen

sprechen schon die Schreie eines einzigen Indiokindes, das die

Frohbotschafter an der Brust seiner Mutter erstachen. Nur sehr wenige

Menschen hatten während der zwei Jahrtausende Kriminalgeschichte

des Christentums die Chance, ihrer »Uranlage« froh zu werden. Die

weitaus meisten sind blutig missioniert oder zwangsgetauft worden.

Die letztere Übung findet sich noch heute an allen Orten, an denen

die Geographie zufällig »Christentum« statt Buddhismus oder

Hinduismus anzeigt.

Wozu machen Menschen anderen Menschen Angst -und

Hoffnung?

Als die Menschen sich durch das Bewußtsein ihres Todes vom Tier

unterschieden glaubten, machte sie dies fast automatisch

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zu Denkern, die »über den Tod hinaus« schauten. Und mit diesem

Schauen kamen allmählich Fragen auf nach der eigenen Existenz

(»Seele«), nach einer den Tod überdauernden Lebens form

(»Unsterblichkeit«) und nach einer Instanz, die beides garantieren

sollte (»Gott«).

Diese Fragen fanden im Verlauf der Jahrtausende verschiedene

Antworten. Die Welt der Fragenden war von Geistern und

Stammesgöttern bevölkert, die schließlich die Vorstellung einer

»einzigen ausschließlich wahren Gottheit« ablöste. Generationen von

Interessierten malten mit an diesem Bild, das gegenwärtig als perfekt

gestaltet gilt. Zumeist zeigten diese Gottesbildner den ausgeprägten

Willen, den denkerisch weniger Begabten nicht nur die richtigen

Antworten auf vorformulierte Fragen zu liefern, sondern sich die

Hoffnung auf Erlösung auch honorieren zu lassen. Den wahren Gott

gab es nicht umsonst; Billigkeit ließ das Objekt, das da gehandelt

wurde, nicht zu. Die Angst vor dem Verlust der eigenen Existenz - und

vor einem Verlust auf Dauer - war indes nicht ganz so allgemein, wie

mancher Religionsphilosoph das gern sähe. Vielleicht hat man sie zu

wesentlichen Teilen erst herbeigeredet. Die berüchtigte »Sinnfrage«,

mit deren »richtiger« Beantwortung sich noch heute Geld verdienen

läßt wie mit wenig anderem, ist vielen gar nicht so wichtig, wie

Klerikerkreise meinen. Doch wird die Angst um die Natur des

Menschen wie die um die »Übernatur« durch Jahrtausende von

Priestern jeglicher Provenienz gepredigt, ist es verständlich, wenn viele

den Angstrednern auch die Arznei abkaufen, die diese anbieten: ihre

Moral und ihre Glaubenssätze, deren Befolgung Hoffnung auf das

Jenseits macht.

Es genügt, an die gewaltigen Bauleistungen der Christenheit zu

denken, um Angst und Hoffnung in einem besser zu verstehen: Pflicht

und Lust des Abendlandes, Kathedralen hochzuziehen, entsprangen zu

gleichen Teilen der Höllenangst und der Himmelshoffnung. Auch

Papst Nikolaus V. hatte nicht unrecht, als er 1455 die Kardinale

mahnte, die Erneuerung Roms

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weiterzuführen: »Um in den Hirnen der ungebildeten Masse

dauerhafte Überzeugungen zu schaffen, muß etwas vorhanden sein,

was das Auge anspricht. Ein Glaube, der sich allein auf Doktrinen

stützt, kann immer nur schwach und wankend sein. Wenn aber die

Autorität des Heiligen Stuhls sichtbar wird in majestätischen

Gebäuden. . . die von Gott geschaffen scheinen, wird der Glaube

wachsen ...«

Weitere Kulturleistungen des Christentums wie die Kreuzzüge und

die »Ketzer«-Verfolgungen ließen diesen Glauben gewiß erstarken. In

solchen Hochleistungen wird die Hochreligion unserer Breiten

greifbar. Ist in parteipolitischen Diskussionen die Rede vom

Abendland und dem »ideellen Mehr« des Christentums, dann gründen

sich diese Hinweise wahrscheinlich auf solche und ähnliche

Kulturtaten. Der abendländische Mensch und das Tier beispielsweise:

Wie hoch steht denn dieser Mensch über dem Rest der »Schöpfung«,

wenn er für grauenhafte äonenlange Massenmorde an Tieren

verantwortlich ist? Wie hoch steht der »Schöpfer« selbst über seiner

Schöpfung, wenn er zuläßt, daß Millionen Tiere ermordet werden - um

der »Krone der Schöpfung« willen? Zahlen aus deutschen

Laboratorien: Allein 1990 sind über 2,5 Millionen Versuchstiere

»benutzt«, also gegen ihre natürliche Bestimmung verwandt oder

getötet worden. 1971 wurden in US-Laboratorien 15 Millionen

Frösche, 45 Millionen Ratten und Mäuse, 850000 Menschenaffen,

46000 Schweine, 190000 Schildkröten, 200000 Katzen, 500000

Hunde und 700000 Kaninchen »verwendet«. Zeugt nicht die

Todesangst in den Augen eines einzigen Versuchskaninchens

entschieden gegen den abendländischen Menschen und seinen

»Schöpfer«? Macht euch die Erde Untertan, ihr gläubigen Mörder?

Wie lange denn noch? Wer gibt den Kirchengebundenen das Recht,

den Kirchenfreien Raub und Mord zu unterstellen und sie als

»unentwickelte Menschen« zu diffamieren? Wer darf sich, ohne

schamrot zu werden, darauf berufen, »allein der Gottglaube«

gewährleiste, daß Mord und Tot-

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schlag nicht überhandnähmen? Predigt und Praxis der Gläubigen, wie

sie die bisher erlittenen 2000 Jahre Geschichte des Christentums

geprägt haben, lehren das Gegenteil.

Ewige Lügen, die es gibt, setzen noch keine ewige Wahrheit voraus.

Die »Sinnfrage« selbst löst kein einziges der historischen Probleme.

Sie ist nur für solche Menschen sinnvoll, die beruflich davon

profitieren. Für sie muß alles zweckvoll sein. Und nachdem sie erkannt

haben, wie gut sich Geld mit der zeitgemäß richtigen Antwort auf eine

unzeitgemäß gestellte Frage machen läßt, kommen sie nicht mehr von

ihrem eigenen Sinn los. Ob sich dem Denken selbst je eine Sinnfrage

stellt, bleibt zweifelhaft. Das Sein braucht überhaupt keinen Sinn zu

haben. Der Mensch kann und soll sich seinen Sinn selber geben.

Glaube, der sich als Besitz versteht, will die Wahrheit (und den Sinn)

haben - und von daher alle Wirklichkeit beurteilen und objektivieren.

Glaube ist dann - nach Erich Fromm - eine Krücke für jene, die

Gewißheit wünschen, die einen Sinn im Leben finden wollen, ohne den

Mut zu haben, diesen eigenständig zu suchen. Suche nach Sinn? Daß

nur sehr wenige Christen fähig und bereit sind, diese humane Aufgabe

selbständig mit anzupacken und zu lösen, spricht nicht für sie, sondern

für ihre gutchristliche Tradition. Christen haben sich allzulange daran

gewöhnen dürfen, ihre eigenen Pseudoproblerne zu »Fragen der

Menschheit« aufzuwerfen und ihre Scheinantworten zu vermitteln. In

Zeiten allgemeinen und tiefgehenden Umbruchs wie den

gegenwärtigen müssen sie erkennen, daß sie verpfuschte Fundamente

gelegt haben - und als Bauleute der Zukunft nicht mehr in Betracht

kommen. Das Angst- und Hoffnungsmodell ist überholt. Menschen

sind gewiß nicht dazu da, Angstpredigten zu hören. Menschen

brauchen auch keine Mitmenschen, die - im Besitz angeblich höheren

Wissens als der menschlichen Vernunft - ihren Senf als Hoffnung und

Erlösung verkaufen. Schon gar nicht benötigen Menschen andere

Menschen, die Bekehrungen mit Feuer und Wasser besor-

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gen. Bittere und gute Erfahrungen, die Menschen mit anderen

machen, werden zu neuen Bestimmungen ihres Verhältnisses zur

Umwelt und zu sich selbst. Was ist Wahrheit? Keine Autorität der Welt

kann es verbindlich sagen oder unfehlbar auferlegen. Keine Autorität

darf die Prüfung der Voraussetzungen von Erkenntnis hindern oder

abblocken. In Sachen Wahrheit gilt der Grundsatz: »Weil es wahr ist,

muß es gesagt werden und wurde es von Menschen gesagt.«

Umgekehrt wird ein Irrtum daraus: »Weil es eine Autorität (Jesus,

Papst) gesagt hat, ist es wahr.«

Warum fordern »Missionen« immer Opfer?

Zunächst hat jeder Mensch den Gottesglauben, den ihm ein anderer

aufgeschwatzt hat. Erst allmählich hat er den, den er verdient.

Nietzsches Meinung, fürs Christentum werde kein Mensch geboren,

für diese Religion müsse ein Mensch krank genug sein, relativiert

sich unter bestimmten historischen Umständen. Nicht alle Christen der

Geschichte konnten die entsprechende Krankheit ausbilden; die

meisten wurden von dem todbringenden Virus befallen und mußten

ihn tragen wie ein Wirtstier, wollten sie nicht gleich von denen

umgebracht werden, die ihn freiwillig weitertrugen. Mit Schwert und

Feuer fiel die Religion der Liebe über die Menschen her und brachte

ihnen bei, was sie zu glauben, zu hoffen, zu lieben hatten - und was

nicht. Die Verbreitung des sogenannten Glaubens geschah historisch

niemals ohne Zwang: Bibel und Prügel sind eins, und Buchstabe wie

Backenstreich des »Glaubens« machen den Menschen weich, ducken

ihn, erobern derart eine Welt. Sind Menschen dazu da? Bleiben sie

freiwillig in ihren Kirchen?

Daß eine Religion, die damit prahlt, die wahre Hochreligion zu sein,

so viele andere Kulturen buchstäblich niedergemacht hat, muß den

Menschen guten Willens zu denken geben. Wenn das Christentum nur

auf der Asche seiner Gegner Frucht trägt,

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ist es inhuman. Eine Mörderideologie, eine Anleitung zum

Verbrechen. Kaum auf der Welt, hat es bereits die Gegner beschimpft,

verleumdet, angegriffen. Die frühesten Briefe des Neuen Testaments

und die darauffolgenden Evangelien sind Meisterstücke vor allem in

einer Hinsicht: Sie verherrlichen ihre eigenen »Wahrheiten« und

machen, vor diesem goldenen Hintergrund, die Andersdenkenden

nieder, heißen diese nun »Pharisäer und Schriftgelehrte«, Juden,

Römer oder »Ketzer«. Daß es sich um einen gewaltsam

missionierenden neuen Glauben handelt, wird spätestens zu dem

Zeitpunkt klar, da die Christen in Staat und Gesellschaft bestimmen.

Ein Beispiel für die Wut der neuen Religion gegen die alte: Der heilige

Kirchenlehrer Kyrill, ein großer Marienverehrer, der das Dogma von

der Gottesmutterschaft mit riesigen Bestechungssummen durchsetzt,

läßt im Jahr 415 die in der ganzen damaligen Welt bekannte und

gefeierte Philosophin Hypatia überfallen, in eine Kirche schleppen,

entkleiden und mit Glasscherben buchstäblich zerfetzen. Als sie noch

eine verschwindende Minderheit waren, haben die Christen sich

zurückgehalten und lediglich in ihren heiligen Büchern gegen

ihresgleichen polemisiert. Kaum fühlen sie sich jedoch stärker, gehen

sie entschiedener vor und diffamieren die tradierte Kultur, die

Philosophie, die alte Religion. Denn sie haben etwas Besseres, und sie

setzen dies Bessere, die Liebesreligion, mit Feuer und Schwert gegen

die zurückgebliebenen »Heiden« durch. Die frühe Märtyrer- und

Verfolgtenideologie der Kirche ist wie weggeblasen, als die

Herrenchristen selbst Märtyrer und Verfolgte schaffen können. Sie

berauben, demolieren, vernichten die Tempel. Sie errichten das Kreuz

über Leichen und Ruinen. Sie kassieren den Besitz der Verfolgten. Sie

bereichern sich ganz offiziell am Erbe der hingerichteten

»Ungläubigen«. Aufgeputschte Massen, die den neuen Predigern

nachlaufen, massakrieren die »Heiden«. Mönche stürmen Häuser und

Kultstätten derer, die sich nicht taufen lassen wollen, zerschlagen

Götterbilder, zerstören unersetzliche

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Kunstwerke, veranstalten Spottprozessionen, töten heidnische

Religionsdiener, richten das Kreuz Jesu als Siegeszeichen auf.

Im 20. Jahrhundert behauptet der Theologe Daniélou: »Die Kirche

hat immer betont, daß sie die religiösen Werte der heidnischen Welt

achtet.« In Wirklichkeit hat sich keine kirchliche Stimme von Gewicht

gegen die frühen Vernichtungsfeldzüge erhoben. Predigten, die zum

Rauben und Morden aufriefen, gibt es dagegen genug. »Nehmet weg,

nehmet weg ohne Zagen, allerheiligste Kaiser, den Schmuck der

Tempel«, hetzt um 347 der Theologe Firmicus Maternus, »... alle

Weihegeschenke verwendet zu eurem Nutzen und macht sie zu

eur em Eigentum. Nach Vernichtung der Tempel seid ihr zu höherem

fortgeschritten. Mit Hilfe der Kraft Gottes.« Das alles soll geschehen,

»damit kein Teil des verruchten Samens. . . keine Spur des heidnischen

Geschlechtes bleibe«. Kein Wunder, daß die von Klerikalen

angezettelten Pogrome unvergleichlich blutiger und erbarmungsloser

sind, als es jemals eine Christenverfolgung zuvor war. Noch 1954 lehrt

Papst Pius XII., daß alles, was nicht (seiner) Wahrheit oder Sittennorm

entspricht, »kein Recht auf Existenz« verdient.

Papst Leo X. hat 1520 den Satz Luthers als der katholischen

(wahren) Lehre widersprechend verdammt: »Es ist gegen den Willen

des Heiligen Geistes, daß Ketzer verbrannt werden.« Der Papst setzte

Lut her eine Frist von sechzig Tagen zum Widerruf. Seither ist viel Zeit

vergangen. Inzwischen war Papst Johannes Paul II., Nachfolger jenes

Leo, schon zweimal in Deutschland, dem Land Luthers. Obgleich die

Päpste über 470 Jahre Zeit zum Widerruf jenes Verdammungsurteils

oder wenigstens zum Nachdenken über die Richtigkeit des lutherischen

Satzes gehabt haben, ist noch immer nichts geschehen. Der Wojtyla-

Papst will offensichtlich dem Beispiel Luthers nicht folgen und die

Bulle des Leo verbrennen. Offenbar setzt er auf andere Mittel.

Die Ausrottung des Irrtums durch die sogenannte Wahrheit

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hat Methode. Die Vernichtung der Irrenden ist ebenso konsequent wie

die Zwangsbekehrung zur christlichen »Wahrheit«. Nach militärischen

Siegen der Christen schickt der Papst Glückwünsche, wurde doch

einmal mehr »das Gottesreich ausgebreitet«. Die große Treibjagd auf

die Goten endet im 6. Jahrhundert mit Christenjubel, mit

Gottesdiensten - und Hinrichtungen. Der zwanzigjährige Gotenkrieg

hat Italien in eine rauchende Ruine verwandelt und dem Land

schlimmere Wunden zugefügt als der Dreißigjährige Krieg

Deutschland. Rom, die blühende Millionenstadt von früher, fünfmal

erobert, fünfmal verheert, zählte nur noch 40000 Einwohner, der

römische Bischof aber war unter den Kriegsgewinnlern der erste. Mit

den irrgläubigen Goten wurde zugleich die »Ketzerei« ausgerottet, und

Geld und Gut gab es für den Bischofssitz noch obendrein.

Dieses Beispiel wird in der Kirchengeschichte viele nach sich ziehen.

Immer wieder ist blutig missioniert, überzeugt, bekehrt worden.

Angefangen von der Ausrottung der Samaritaner über die Bekehrung

der Friesen im 7. und 8. Jahrhundert über die Christianisierung der

Sachsen unter Karl »dem Großen«, den Wendenkreuzzug (1147), den

Albigenserkrieg im 13. Jahrhundert bis hin zur »Katholisierung« der

Weißrussen und Ukrainer in Polen zwischen den beiden letzten

Weltkriegen und zu den grauenhaften Kroatengreueln der Jahre von

1941 bis 1943: Immer wieder ist die Wahrheit auf fürchterliche Weise

gegen den sogenannten Irrtum durchgesetzt worden, um Menschen zu

»bekehren«. Immer wieder sollte sich die Zahl der Katholiken mehren

— und das Geld, das eben die größere Zahl zeitigte und zeitigt.

Das neueste Beispiel: Wie die Missionierung Rußlands, ist die

Katholisierung des Balkans ein altes Ziel des Vatikans. Er suchte es

politisch und militärisch immer dringender zu erreichen; erst mit dem

Beistand des Hauses Habsburg, dann mit Hilfe des Preußenkaisers,

zuletzt mit der Mussolinis und Hit-

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lers. So entstand 1941 ein »unabhängiger Staat Kroatien« und wurde

von Papst Pius XII. abgesegnet. Die »besten Wünsche für die weitere

Arbeit« harte der Papst dem neuen Diktator Pavelic auf seinen Weg

mitgegeben, und diese Glückwünsche fruchteten augenblicklich: Die

Katholisierung des Landes begann, orthodoxe Kirchen wurden

hundertweise dem römischen Glauben eingemeindet, wurden zu

Warenhäusern, Schlachthäusern, Ställen, öffentlichen Toiletten

gemacht oder zerstört. Noch im April 1941 hat man die einheimischen

(orthodoxen) Serben auf eine Stufe mit den Juden gestellt; Juden wie

Orthodoxen wurde das Betreten der Gehsteige untersagt. In

öffentlichen Verkehrsmitteln hingen Schilder: »Betreten für Serben,

Juden, Nomaden und Hunde verboten«!

Orthodoxe Bischöfe wurden ermordet, ebenso 300 Priester,

während der katholische Erzbischof von Sarajewo die neuesten

Methoden des »Kroatenführers« als »Dienst der Wahrheit, der

Gerechtigkeit und der Ehre« pries. Was zwischen 1941 und 1943 im

»unabhängigen Kroatien« an Propaga nda für den Katholizismus

geschah, steht hinter den Inquisitionsgreueln nicht zurück. Überall rief

der römisch-katholische Klerus zur Konversion auf, überall drohte er,

Unbekehrte zu bestrafen. Schon innerhalb der ersten sechs Wochen

des katholischen Regimes wurden 180000 Serben und Juden

massakriert. Im Lauf des nächsten Monats kamen 100000 Tote

hinzu, darunter viele Frauen und Kinder. Massenexekutionen waren

üblich, gräßliche Folterungen, vergleichbar mit denen in deutschen

KZs, wurden zur Regel. Pius XII. aber, der sonst zu allem und jedem,

gefragt oder ungefragt, sprach, verlor kein Sterbenswörtchen zu

diesen Greueln seiner »getreuen Söhne«. Vielmehr gab der Papst

Audienzen, versicherte die Kroaten seiner »hohen Befriedigung«,

seiner »väterlichen Empfindungen« und feierte den obersten Mörder

Pavelic als »praktizierenden Katholiken«.

Von zwei Millionen Serben wurden damals 240000 gewalt-

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sam zum römischen Katholizismus bekehrt - und etwa 750000, oft nach

sadistischsten Torturen, ermordet. Kein »Heiliger Vater« hat sie bis

heute beklagt. Lamentiert hat Pius XII. erst 1945, als »Morde an

Bürgern ohne Prozeß oder aus privater Rache« geschahen, als sich die

Kommunisten Jugoslawiens an den Katholiken rächten. So ist dieser

Papst, dessen Seligsprechungsprozeß ansteht, wahrscheinlich mehr

belastet als jeder seiner Vorgänger seit Jahrhunderten, bietet er der

Welt ein fast unvergleichliches Exempel verbrecherischer Unmoral.

Schließlich war das Treiben der Klerofaschisten sogar den

faschistischen Italienern zuviel. Italien griff ein und rettete rund

600000 Menschen aus den Fängen der Katholiken. Was italienische

und deutsche Soldaten selbst gesehen haben, spottet jeder

Beschreibung: einen Kroaten mit einer Halskette aus menschlichen

Zungen und Augen. Auf dem Schreibtisch des kroatischen »Führers«

einen »Geschenk«-Korb: »vierzig Pfund Menschenaugen«, wie

Pavelic renommiert haben soll, ein Mann, der sich eine eigene

Hauskapelle und einen eigenen Beichtvater hielt, der nach dem

Zusammenbruch seines Kroatiens, des »Reiches Gottes und Mariens«,

mit Zentnern geraubten Goldes, als Priester verkleidet, geflohen ist —

vom Papst noch 1959 auf dem Totenbett gesegnet.

Religion als Uranlage? Mission als Zwangstaufe? Mord und

Totschlag als Mittel der Mission? Nichts Neues unter der Sonne.

Dennoch ist zu hoffen, daß sich diese religiöse Tradition nicht fortsetzt,

daß mehr und mehr Menschen aufstehen und den Religionsmördern

die Tatideologien und Tatwerkzeuge aus den Köpfen und den Händen

nehmen. Das bisherige Konflikt modell, welches von einer - unter

allen Umständen, auch höchst mörderischen, gegen den Irrtum und

die Irrenden zu verteidigenden - Wahrheit ausging, ist überholt. Es hat

denen, die es vehement vertraten, gewaltige Profite eingetragen, aber

keine Konflikte gelöst, vielmehr immer neue Konflikte bewirkt. Indem

es davon ausging, unter den Guten müßten, wie in einer

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Festung, Einigkeit und Harmonie herrschen, damit die Soldaten der

Wahrheit »schlagkräftig« gegen die da draußen blieben, hat dieses

Denk- und Handlungsmodell bis heute Krieg nach innen und Krieg

nach außen getragen.

Weshalb werden noch immer Säuglinge getauft?

Zwangsbekehrungen von Menschen erfolgen nicht immer mit Hilfe

von Blut. In den meisten Fällen tut es auch Wasser. Freilich darf es

nicht irgendein Wässerchen sein. In dieser Frage sind die Hirten

heikel. Sie zeigen viel mehr Skrupel, wenn es um die »richtige

Materie« der Taufe als um Schwert-Missionen geht. Dann plustern sie

sich auf, gewichten sie Gewichtloses. Eine mit kirchlicher

Druckerlaubnis immer wieder aufgelegte, als klassisches

Standardwerk geltende »Moraltheologie« lehrt: »... gültige Materie ist

wahres, natürliches Wasser. Darunter ist aber jedes einfache,

elementare Wasser zu verstehen, sei es Meer-, Fluß-, Quell-, Brunnen-

, Zistern-, Sumpf-, Regenwasser, Wasser aus Eis, Schnee und Hagel

aufgelöst, Mineral-, Schwefelwasser, Wasser aus Tau, aus Dämpfen

gesammelt. Wasser, wie es sich zur Regenzeit an den Wänden

niederschlägt und niederläuft, Wasser, das mit etwas anderem gemischt

ist, wenn nur das Wasser vorherrscht, überhaupt was immer für

Wasser, wenn es noch überhaupt wirkliches Wasser ist, auch

destilliertes Wasser, soweit es durch die Destillation bloß von fremden

Bestandteilen gereinigt ist. Dagegen sind ungültige Materie alle

organischen Sekrete, wie Milch, Blut, Speichel, Tränen, Schweiß, der

aus Blumen und Krautern ausgepreßte Saft, ebenso Wein, überhaupt

alle Flüssigkeiten, welche nach dem gemeinsamen Urteil der Menschen

vom Wasser verschieden sind, so auch Bier, Tinte.«

Der Wassertaufe unterliegt nur ein »Mensch«. Moraltheologen

zerbrechen sich daher die Köpfe, wann ein Fötus Mensch ist. Bei

einem »ausgestoßenen Fötus, welcher noch von der

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Netzhaut umschlossen ist, muß diese sorgfältig zerrissen, das ganze

Gebilde in warmem Wasser untergetaucht und emporgehoben werden,

während man die Taufformel spricht«. Und »nur wenn eine vollständig

degenerierte Fleischmasse oder Ähnliches aus dem Mutterschoße

austritt, ist kein Mensch vorhanden, also auch die Taufe nicht zu

spenden. Doch sind solche Massen zu untersuchen, weil sie

manchmal einen belebten Keim enthalten.« Eine Mißgeburt, nur aus

Bauch und Beinen bestehend, zählt wohl nicht als menschliches

Individuum, doch kann auch sie — man weiß ja nie — »bedingt getauft«

werden. Derjenige Papst, der sich am häufigsten und eindringlichsten zu

diesen Themen geäußert und die Hebammen der Welt entsprechend

angewiesen hat, war, wie könnte es anders sein, der große

»Schweiger« Pius XII.

Jesus aus Nazareth, auf den solche Theologen sich berufen, hat die

Taufe weder gepredigt, noch hat er selbst getauft. Allerdings hat er

auch nicht in einem einzigen Fall blutig bekehrt. Erst die

Zwangsreligion unserer Regionen hat das eine wie das andere

praktiziert, hat Millionen Menschen gemordet - und tauft noch heute

Millionen, um den eigenen Nachwuchs zu sichern sowie ihr

ideologisches und finanzielles Überleben. Daß die Zwangsgetauften

unmündige Kinder sind, die sich gegen ihr »Glück« nicht wehren

können, nimmt unter diesen Bedingungen sowenig wunder wie die

Tatsache, daß noch immer sogenannte metaphysische oder

psychologische Gründe gesucht werden, um die Praxis und die hinter

ihr stehende Ideologie des Geldes und der großen Zahl zu stützen.

Doch kommen alle Gründe nicht gegen das Menschenrecht des

Kindes an.

Daß die Zwangstaufe in der Bundesrepublik Deutschland einen

Verstoß gegen das Grundrecht des Kindes auf Religionsfreiheit (Art. 4

Abs. 1 GG) darstellt und sich dennoch niemand darum schert,

verwundert freilich nicht. Im Zweifelsfall zieht man

Klerikalprivilegien gewohnheitsmäßig den allgemeinen Grundrechten

vor. Säuglinge, die eigenes Vermögen besitzen

(durch Erbschaft), werden in der Bundesrepublik mit ihrer Taufe

kirchensteuerpflichtig und müssen die Kirche mitbezahlen. Das Neue

Testament aber kennt überhaupt keine Kindertaufe. Und in den

folgenden Jahrhunderten schoben die besten Christen die Taufe

möglichst weit hinaus, da der Klerus lehrte, durch sie würden alle

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Sünden eines Lebens getilgt. Säuglinge freilich hatten nichts zu tilgen,

Greise schon. Das heilige Wunderbad sollte verrucht leben und

versöhnt sterben lassen.

Weshalb ist die »große Zahl« der Christen falsch?

Sehr wenige Menschen hätten einen Gott, hätte die Kirche ihnen keinen

gegeben. Bei Diskussionen, die den bevorzugten Status der

Großlärchen in der Bundesrepublik begründen helfen sollen, wird gern

das Argument der »großen Zahl« angeführt. Deutschland weist 28

Millionen evangelische, 27 Millionen katholische Christen auf; bei

insgesamt 78 Millionen Bürgerinnen und Bürgern eine satte

Zweidrittelmehrheit. In der Tat beeindrucken die Angaben über die

Zahlmitglieder der beiden Kirchen fürs erste. Doch dieser Eindruck

mindert sich gewaltig, wird zum einen bedacht, daß gut 90 Prozent der

nominellen Zahlmitglieder wenig engagierte Christen und — im

katholischen Raum — die gewöhnlichen »Laien« ohnedies zum

Schweigen verpflichtet sind, geht es um wichtige Entscheidungen ihrer

Kirche. Beide Wirklichkeiten relativieren die »große Zahl« erheblich.

Beide Wirklichkeiten werden im politischen Leben der Republik noch

viel zuwenig ernst genommen. Hinzu kommt, daß die Zahl derer, die

ihre Kirchen verlassen (»Konfessionslose«), nicht nur von Jahr zu Jahr

mächtig ansteigt, sondern bereits eine zweistellige Millionenhöhe

erreicht hat. Kirchenfreie besitzen zumindest eine Sperrminorität. Ihre

Aussichten, früher oder später in der Mehrheit zu sein, sind gut. In

Berlin übertrifft die Zahl der Kirchenfreien mit 47 Prozent bereits die

Zahl der Katholiken (9 Prozent) und Protestanten (37 Prozent).

27

Das Desinteresse vieler Demokraten an diesen Fakten, wie es in

anderen, aufgeklärteren Ländern undenkbar ist, fördert freilich die

Argumentation der bundesdeutschen Himmelslobby. Diese spiegelt

eine Position klerikaler Stärke vor, für deren Weiterleben - wenn die

Fakten ausgewertet werden - keinerlei Grund besteht. Schon vor dreißig

Jahren schrieb Corrado Pallen-berg, ein profunder Kenner des Vatikan:

»Man darf es für schlechthin undenkbar halten, daß die Regierungen

von Großbritannien, Frankreich, Italien und den USA, ja selbst die

ultrakatholischen Spanier es wagen würden, ihren Bürgern solch

schwere Steuerlasten >um des Glaubens willen< aufzubürden. Die

Deutschen ertragen es, weil sie sich daran gewöhnt haben.« Und weil

sie eines der fleißigsten, doch auch politisch dümmsten Völker sind.

Nichts aber ist schlimmer als diese Mischung aus Energie und

Hörigkeit — die beiden Weltkriege beweisen es. Im übrigen haben sich

mittlerweile Italien und Spanien von den mit Mussolini und Franco

geschlossenen Konkordaten befreit. In der Bundesrepublik dagegen gilt

das Hitler-Konkordat von 1933, das unter anderem die Kirchensteuer

garantiert, noch immer. Für die Jahrtausendwende kündigt sich in

Deutschland eine groteske Situation an: Die kirchenfreie

Bevölkerungsmehrheit lebt in einem von den Großkirchen

dominierten Staat.

Sind die Deutschen besonders fromm? Oder brauchen sie einen

speziellen Kirchenservice, um Mensch sein zu können? Benötigen sie

nach wie vor zum Überleben eines der vielen Christentümer? Gar

einen besonders lieben Gott? Der CSU-Politiker Wolfgang Bötsch

drängt in diese Richtung, wenn er vom Bundespräsidenten ein

»hilfreiches und klärendes Wort« gegen den in den neuen

Bundesländern ererbten »aggressiven Atheismus« verlangt und sich

»als Christ daran interessiert« zeigt, daß im mitteldeutschen

»Missionsland« die »Rückbesinnung auf den christlichen Glauben

gefördert« werde. Die Oberhirten hören's mit Freude. Im vereinten

Deutschland, so der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz

Karl Lehmann,

28

will die römische Kirche »viel entschiedener als bisher alle Kraft

ihrem missionarischen Auftrag« zuwenden.

Weshalb streiten sich so viele Christentümer?

Die Hauptreligion der gemäßigten Zonen, das Christentum, hat

sich nicht wenige Privilegien gesichert, die aus der allgemeinen

Anerkennung einer Tatsache folgen sollen, die höchst

zweifelhaft ist. Das Christentum will nicht nur finanziell

gefördert sein, sondern auch den besonderen Schutz des

Staates genießen : weil es (für seine Gläubigen) die einzige

Wahrheit darstellt und weil es (diesmal sollen es auch die

weniger Frommen glauben) Kulturleistungen erster Ordnung

erbracht hat und noch immer erbringt. Beide Begründungen

sind nicht zu halten. Zum einen ist die Chose mit der

»einzigen Wahrheit« nicht mehr allen Gläubigen so geheuer,

wie es Rom oder Wittenberg gern hätte. Inzwischen finden sich

so viele Christentümer mitten unter uns, daß es nicht nur dem

Unbedarften schwerer fällt denn je, das Richtigste von dem

weniger Richtigen zu unterscheiden. Zum anderen wird die

Frage nach den besonderen Kulturleistungen der Christen unter

uns längst nicht mehr so allgemein und so gleichlautend

beantwortet, wie es der harte Kern der Christenleute tut.

Müssen geschichtliche Fakten als Beleidigung des

Christentums verstanden werden?

Waren es die Dümmsten denn, die protestierten, sich

mokierten, erbrachen fast vor Ekel, Zorn ? Der Katholizismus sei

»eine Lüge«, »die Religion der unanständigen Leute« und der

Papst »der beste Schauspieler« Roms, steht da geschrieben. »Der

Katholizismus verteidigte stets den Diebstahl, den Raub, die

Gewalttat und den Mord«, heißt es anderswo; »in der Regel«

werde »jeder katholische Priester zu einem Scheusal«, und »je-

29

der anständige Mensch« müsse es »als eine Beleidigung ansehen .. .

katholisch genannt zu werden«, schreibt man an anderer Stelle. Dem

Christentum wird attestiert, es habe »siebzehn Jahrhunderte

Schurkereien und Schwachsinnigkeiten« auf sich geladen, es sei ein

»Wahn«, der »die ganze Welt bestach«, ein »unsterblicher

Schandfleck«, das »Blatterngift der Menschheit«. Die dies und

anderes mehr erklärten, waren keine kleinen Köpfe abendländischer

Kultur, keine so geringen Geister, wie die Christen es gern hätten. Es

waren Menschen mit großen Namen: Pierre Bayle, Voltaire, Helvetius,

Goethe, Schiller, Heine, Hebbel, Nietzsche, Freud. Leute ohne Einfluß,

mögen Kleriker sagen, Randerscheinungen der menschlichen Kultur.

Aber desavouieren solche Richter sich nicht selbst? Dürfen sich

Vertreter einer Kirche, die gegenwärtig nicht mehr den geringsten

Schritt nach vorn machen kann, die kulturell bedeutungslos wurde, der

in den letzten Jahren selbst die letzten braven Schriftsteller abhanden

gekommen sind, als Repräsentanten ei ner abendländischen Kultur

aufspielen? Durften sie es je? Kam ihnen je eine wesentliche Rolle im

Geistesleben zu — oder nur die Hauptrolle in der Tragödie der eigenen

»Wahrheit« ?

Bei Gott, spricht es für Gott, daß er all die dummen Köpfe braucht,

die ihn predigen ? Das Christentum ist immer die Religion der Kleinen

gewesen, nicht der sogenannten einfachen Leute. Denn die hat es

ganz selten erreicht. Die hat es getauft und gemordet, über deren

wahres Leben, deren alte Volksgötter hat es seinen Firnis gelegt. Eine

Religion dieser kleinen Leute war die »Hochreligion« der Kleriker

nicht. Sie war eine Ideologie der kleinen Geister, deren ausgeprägte

Machtgier es nicht ertragen konnte, den Großen nur dienen zu dürfen.

Also mußten diese nieder in den Staub, und der Kleinchrist konnte

über sie herrschen. Seither sind die Anschauungen der

Andersdenkenden, mochten diese geistig so groß sein, wie sie wollten,

»Seuche«, »Krankheit«, »von Gottlosigkeit strotzende Possen«, »wildes

Heulen und Gekläff«, »Erbrechen und Auswurf«,

30

»stinkender Unrat«, »Kot«, »Jauchegrube«. Seither sind Nichtchristen

— oder Angehörige einer anderen christlichen Denomination als der

eigenen — »Verseuchte«, »Invaliden«, »Vorläufer des Antichrist«,

»Tiere in Menschengestalt«, »Söhne des Teufels«. Alle diese

Kulturwörter stammen aus dem Mund von Bischöfen und Päpsten, alle

sind sie gegen »Ketzer« gerichtet, gegen »schlimme Bestien« also,

»Schlachtvieh für die Hölle«.

Was wäre los im Land, schimpfte ein Großer heute den Papst ein

»Tier«, einen »Drachen und Höllendrachen«, »Bestie der Erde«? Fände

Johannes Paul II. sich plötzlich als »Fastnachtslarve« charakterisiert, als

»Rattenkönig«, »erzpestilenzialisches Ungetüm«? Schriee ihm einer

ins Gesicht, er sei ein »stinkender Madensack«, »besessen vom

Teufel«, »des Teufels Bischof und der Teufel selbst, ja der Dreck, den

der Teufel in die Kirche geschissen«? Dann wären ein ausländisches

Staatsoberhaupt und alle wahren Christen beleidigt, wäre der

»öffentliche Friede« gestört, dann hätte der Staatsanwalt

Ermittlungen nach § 166 StGB eingeleitet, dann hätten ihn die

christliche Kirche und der weltanschaulich neutrale Staat zu fassen

bekommen, hätten ihn verurteilt, den Doktor Martin Luther, diesen

Christenführer, der solches wider einen anderen Christenführer

geschleudert, inzwischen aber in deutschen Landen als salonfähig gilt.

Warum wohl? Weil sich selbst die wahrste aller Kirchen damit hat

abfinden müssen, daß die Wahrheit, die sie gelehrt, nicht die einzige

geblieben ist, sondern nur noch eine unter vielen. Tempi passati?

Vergangene Epochen einer unfriedlichen Geschichte? Abgelegt unter

der Rubrik »Geistesmord«? So hätten die Nachfolger es gern. Deshalb

wollen sie das Geschehene, Erledigte nicht mehr behandeln lassen.

Deshalb rufen sie: Haltet den Dieb!, wagt jemand, die Akten zu

öffnen, die Dokumente einzusehen. Deshalb weisen sie nicht sich

selbst und ihren Vorgängern die Schuld zu, sondern denen, die diese

Schuld offenbaren. Wer Erfahrung hat mit Klerikern, weiß: Die Kritiker

sind stets schuld, die kritisierten Zustände werden hin-

31

genommen. Wer offenlegt und dies nicht nur am Rand des Teppichs,

unter den gekehrt worden ist, verbricht einen »Rundumschlag«. Daß

gerade die Kirchengeschichte Rundumschläge von ganz anderen — und

blutigsten — Ausmaßen kennt, ist Klerikern noch immer keinen

Hinweis wert. Daß ihre Literatur nichts anderes als Rundumschläge

verteilt, darf nicht festgestellt werden: Müssen aber Menschen sich von

Klerikalen mit Hymnen auf die Kirche eindecken, müssen sie sich

Rundumschläge von angeblich Guten bieten lassen?

Trägt dieses Buch alte Argumente vor? Bleibt es vordergründig, weil

ihm der Zugang zum »Wesen der Kirche« fehlt? Ja, vordergründig, so

schreit jeder Pfaffe, deckt man seine Hintergründe, seinen

Schwachsinn auf. Und immer wollen jene, die wenig wissen, wenig

wissen dürfen, religiöse Klatschbasen, Stammtischbrüder, engstirni ge

Bigotte, aufgeblähte Narren, am meisten wissen; können jene, denen

klerikale Traktätchen genügen, mit denen, die ein Leben lang geforscht

haben, ins Gericht gehen: Das Objekt läßt es offenbar zu. Religion

kann jeder vertreten, über Gott kann er mitreden, schon eine kleine

naturwissenschaftliche Frage aber überfordert den »Laien«. Nicht

dieser »Anti-Katechismus« ist ein Pamphlet, nicht er eine

Kampfschrift. Sie kommen aus einer anderen Ecke, sie sind normale

Erzeugnisse klerikalen Denkens. Mittlerweile tragen sie friedliche

Namen wie »Enzyklika«, »Hirtenwort«, »Katechismus«. Doch die

Sache blieb dieselbe, die des Kampfes. In ihren Traktaten tragen sie

den Kampf nach vorn. In ihnen agieren sie wie immer, unfriedlich,

friedensunfähig, friedensunwillig. In ihnen spalten sie die Menschen,

einzeln und allgemein, in gute und böse Teile — und ziehen ihre

geistes- und freiheitsmörderischen Konsequenzen. Sie ertragen die

Sicherheit der Andersdenkenden nicht, bei all ihrer eigenen

Unsicherheit, ihren Identitätskrisen, ihren beseligenden

Kohlkopfharmonien. Sie reagieren empört, mit Haß - der großen

Domäne der Liebesreligion. Sie antworten mit Denkverboten,

Leseverboten,

32

Index und Zensur, mit Verleumdungen, Gift und Galle, Pech und

Schwefel. Und nachdem ihre Scheiterhaufen erlöschen mußten,

schmollen sie und warten auf bessere Zeiten; reagieren sie, indem sie -

höchst diplomatisch - gar nicht reagieren, gar nichts beantworten, die

Kritiker als Unpersonen behandeln, die Argumente ebenso

totschweigen wie die Argumentierenden. Argumente? Niemand kann

guten Wissens und Willens behaupten, daß »nur« die vergangenen

1900 Jahre Christentum böse und blutig gewesen seien, die Situation

der Kirche aber in den letzten Jahrzehnten unseres Jahrhunderts sich

grundlegend geändert, gebessert habe. Das Gegenteil ist wahr: Rein

quantitativ gesehen, belasten die katholische Kirche im 20. Jahrhundert

mindest gleichviel, wenn nicht noch mehr Verbrechen als in

irgendeinem früheren Zeitraum. Hinzu kommt, daß sie in unserer

jüngsten Vergangenheit eine neue Blutschuld brandmarkt, die an

Scheußlichkeit nicht hinter den schlimmsten Missetaten des

katholischen Mittelalters zurücksteht. Der grauenhafteste Skandal des

Christentums im 20. Jahrhundert, die bereits erwähnten Kroatengreuel

zwischen 1941 und 1943, ist nicht ohne Grund das unbekannteste und

am meisten verdrängte geschichtliche Faktum in der christlichen Welt.

Nur die stets Wissenden haben es auch in diesem Fall gewußt: Das

vatikanische Staatssekretariat besitzt angeblich 8000 Fotografien von

den durch Katholiken geschehenen Massakern und

Massenbekehrungen.

Scheinbar einsichtige Christen suggerieren heute, alles Schlimme

der Kirche sei endgültig vorbei. Diese Suggestion macht nur die Toten

schuldig und spricht die Lebenden frei. Doch freut man sich zu früh:

Wer 59/60 der eigenen Kirchengeschichte als verderbt ansieht und nur

das gegenwärtige 1/60 als passabel, der verletzt nicht bloß - übrigens

gegen den Willen der Päpste aller Zeiten — die Tradition der eigenen

»heiligen« Institution, der handelt auch gegen sich selbst unredlich. Er

sieht sich nicht als das, was er ist — und nach katholischer

33

Doktrin sein muß: als Erben einer Vergangenheit, die unabdingbar zur

Gegenwart der konkreten Kirche gehört und von der er sich nur

befreien kann, indem er diese Kirche verläßt. Die Kirche verlassen

hieße in diesem Fall, mit der Tradition brechen, auf das »ewige« Leben

verzichten, um wenigstens einmal im Leben Mens ch statt bloß

Christenmensch zu sein.

Bundesdeutsche Staatsanwaltschaften müssen Jahr für Jahr gegen

»besonders verletzende, rohe Kundgaben der Mißachtung« (so ein

amtlicher Text von 1985) einschreiten, weil sich ein praktizierender

Christ beleidigt fühlt, rechnet ihm jemand die Schandtaten seiner

Kirche anhand unbestreitbarer Fakten vor. Flugblätter, die auf solche

Wahrheiten und ihre Hintergründe weisen, werden amtlich

eingezogen, denn sie sind »geeignet, Gefühle des Hasses und der

Verachtung zu wecken und zu fördern und daher den öffentlichen

Frieden zu stören«. Wer demgegenüber — durch Hirtenworte und

andere »fromme« Flugschriften — Krieg und Haß geschürt, wer den

öffentlichen Frieden über Jahrhunderte eklatant ruiniert hat, wer die

Meinung Andersdenkender bis auf den heutigen Tag der öffentlichen

Mißachtung aussetzt, geht straffrei aus: ein nicht zu übersehendes

Exempel gesunden Rechtsempfindens im Dienst der wahren, das ist der

klerikal bestimmten abendländischen Kultur! Hierzulande scheint sich

niemand von den Verantwortlichen schämen zu müssen. Im Gegenteil:

Die historisch und aktuell Schuldigen stehen - ungeachtet der

vernunftverheerenden Wirkung ihrer Dogmen und Moral - unter dem

besonderen Schutz des weltanschaulich neutralen Staates. Sie werden -

wie keine vergleichbare Gruppe unserer Gesellschaft — finanziell

ausgehalten. Sie haben einen gesicherten Zugang zu allen

gesellschaftspolitisch wichtigen Institutionen. Ihr

Mitentscheidungsrecht oder zumindest ihr Einfluß in Sachen

Kindergärten, Schulen, Universitäten, Rundfunkanstalten,

Presseorgane ist institutionell gesichert. Sie brauchen sich — blutige

Tradition hin oder her — bis auf weiteres keine Sorgen zu machen.

34

Gibt es aber nicht auch Gründe für Kirchen, stolz zu sein? Ist ihre

Vergangenheit nur mörderisch? Ist alles Kirchliche von vornherein

schlecht? Kleriker betonen, daß die Ideale des Evangeliums sehr

hochgesteckt sind. Und sie folgern daraus, daß niemand die konkreten

Kirchen oder die einzelnen Christen schon deswegen verdammen

dürfe, weil sie diese evangelischen Ideale nicht ganz, nicht halb oder

gar nicht realisieren. Sich zu verfehlen sei menschlich, auch und

gerade im Reich Gottes. Doch geht es niemals um kleine

Verfehlungen, Bagatellen. Im Gegenteil. Ist doch keine Organisation

der Welt zugleich so lange, so fortgesetzt und so scheußlich mit

Verbrechen belastet wie die christliche Kirche. Und diese Ansicht ist

erst widerlegt, wird dem bisher von der Kirchenkritik erbrachten

wohlfundierten Material ein ebenso wohlfundiertes Material

gegenübergestellt, welches irgendeine andere Organisation der Welt

genauso fortgesetzt und genauso scheußlich belastet.

Ist das Christentum originell?

Die soeben gemachte Aussage impliziert schon, worin das Christentum

besonders originell ist und bleibt. Doch ist weiterzu-fragen: Gibt es

Gründe für das Vorgehen der Christen gegen Andersdenkende? Ja,

denn Christen, die gegen das »andere« kämpfen, bekriegen es in sich

selbst. Sie spüren mit machtsicherem Instinkt, daß sie nicht besonders

viel Neues in die Welt gebracht haben - und daß diejenigen, die dies

wissen, ihnen gefährlich werden müssen. Jede Religion, die mit ewigen

Wahrheiten jongliert, fürchtet die Enthüllung, daß ihre Wahr heit

nicht von irgendeinem Gott geoffenbart, sondern bei lebendigen

Geistern und Zeitgenossen entlehnt oder gestohlen worden ist.

Kleriker sehen die Wahrheit der christlichen Lehre durch Weissagung

und Wunder bewiesen; aber nichts, angefangen vom zentralen Dogma

bis hin zum peripheren Ritus, ist im Christentum wirklich innovativ

und originell. Wunder wie

35

Weissagungen sind übernommen. Leidende, sterbende,

wiederauferstehende »Gottessöhne« waren in Mythologie und

Geschichte wohlbekannt, als christliche Autoren sie übernahmen.

Dreifaltigkeitslehren gibt es zwar nicht bei Jesus, doch in Fülle in

vorchristlicher Zeit. Die Gottesmutterschaft, die Jungfrauengeburt?

Nichts Neues. Wallfahrten, Gnadenorte, Reliquien? Alles bekannt.

Das Gebot der Nächsten- und der Feindesliebe? Den sogenannten

»Heiden« vertraut. Die Taufe? Die Beichte? Das Abendmahl? Alles,

was im Christentum ein hochheiliges Sakrament sein soll, war schon

lange vor den Christen auf der Welt.

Der größte aller Kirchenlehrer, Augustinus, hat dies auch

unumwunden in Bausch und Bogen und freilich mit dem ihm eigenen

Zynismus eingeräumt: »Das, was man jetzt als christliche Religion

bezeichnet, bestand bereits bei den Alten und fehlte nie seit Anfang

des Menschengeschlechtes, bis Christus im Fleische erschien, von wo

an die wahre Religion, die schon vorhanden war, anfing, die

christliche genannt zu werden.«

Heiden oder Juden oder beide haben die Weltanschauungen

erfunden, bei denen sich die Christen bedienten. Wer Christ sein

wollte, konnte sich nicht auf das eigene, schon gar nicht auf das

innovative Denken verlassen, sondern mußte nehmen, was da war: die

Predigt vom nahen Gottesreich, die Lehre von der Gotteskindschaft,

die Messias- wie die Heilandsidee, die Prophezeiung des Erlösers,

seine Herabkunft, seine Geburt aus der Jungfrau, seine Anbetung

durch die Hirten, seine Verfolgung schon in der Wiege, seine

Versuchung durch Satan, sein Lehren, Leiden, Sterben (auch am

Kreuz), seine Auferstehung (bis hin zum Bild des »dritten Tages« wie

beim ägyptischen Gott Osiris), sein leibhaftiges Erscheinen vor

Zeugen, seine Höllenfahrt, seine Himmelfahrt, die Erbsündenlehre,

die Siebenzahl der Sakramente, die Zwölfzahl der Apostel, das Amt des

Bischofs, Priesters, Diakons, Wunder wie der Wandel auf dem

Wasser, die Sturmbeschwörung, Speisenvermehrung,

36

Totenerweckungen - wozu weiter aufzählen ? Nichts davon ist neu.

Religionsgeschichtler haben längst nachgewiesen, daß es in der

antiken Literatur zahlreiche und genaue Gegenstücke zu den

evangelischen Wundergeschichten gibt; daß diese in Inhalt und

Stilisierung mit den profanen Wundererzählungen weithin

übereinstimmen; daß schließlich selbst der heidnische Ursprung der

neutestamentlichen Wunderlegenden überwiegend wahrscheinlich ist.

Selbst das größte Wunder, die Auferstehung, glückte den

»Göttersöhnen« immer wieder, den mythischen wie den

geschichtlichen; glückte so oft, daß der Kirchenschriftsteller Origenes

im 3. Jahrhundert sagen kann, das Wunder der Auferstehung Christi

bringe keinem Heiden etwas Neues und könne daher nicht anstößig

sein. Auch gekreuzigte Götter gab es vor dem in den Evangelien

gestalteten Jesus aus Nazareth: Dionysos, Lykurgos, Prometheus.

Zum Teil bis in geringste Einzelheiten hinein wiederholt sich beim

Tod Jesu, wie die Evangelisten ihn schildern, was beim Tod der

heidnischen Gottheiten geschehen und überliefert worden war. Der

babylonische Marduk etwa, als guter Hirte gepriesen, wird

gefangengenommen, verhört, gegeißelt, zusammen mit einem

Verbrecher hingerichtet, während ein anderer freikam. Beim Tod

Cäsars verhüllte sich nach Legendenberichten die Sonne, eine

Finsternis trat ein, die Erde barst, und Tote kehrten zur Oberwelt

zurück. Herakles, schon um 500 v. Chr. als Mittler für die Menschen

und zur Zeit Jesu als Weltheiland verehrt, befiehlt seinem göttlichen

Vater seinen Geist — mit fast denselben Worten, die Jesus nach dem

Lukasevangelium gebraucht haben soll. Der Theologieprofessor Joseph

Ratzinger mußte die Tatsachen anerkennen, als er noch nicht

Kurienkardinal und oberster Glaubenswächter Roms war. Er schrieb

1968: »Der Mythos von der wunderbaren Geburt des Retterkindes ist

in der Tat weltweit verbreitet.« Und er vermutet, »daß die verworrenen

Hoffnungen der Menschheit auf die Jungfrau-Mut-

37

ter« vom Neuen Testament aufgenommen worden sind. Aufgenommen

und für die eigenen Belange umgedreht? Daß die frühesten

christlichen Autoren das Stilmittel des frommen Betrugs ebenso

häufig anwenden wie viele ihrer Zeitgenossen, muß nicht eigens betont

werden. Kein einziges Evangelium, überhaupt keine biblische Schrift,

liegt im Original vor, sondern nur in Abschriften von Abschriften von

Abschriften. Die Zahl der verschiedenen Lesarten ist mittlerweile auf

schätzungsweise 250000 gestiegen. Dabei haben die jüngeren

Evangelien (und ihre Abschreiber) die älteren systematisch in ihrem

neuen Sinn verbessert. Paulus, der eigentliche Gründer dessen, was

gegenwärtig Christentum heißt, hat die Person Jesu weitgehend

ignoriert und dessen Lehre fundamental verändert. Er hat - aus

seiner Umwelt entlehnt - verschiedene Doktrinen begründet, die

noch heute christliches Denken und Handeln prägen: die Askese

(Leibfeindlichkeit), die folgenschwere Verachtung der Frau, die

Diffamierung der Ehe. Zudem stellte er Glaubenslehren auf, die der

jesuanischen Botschaft strikt zuwiderlaufen: die Lehre von der

Erlösung, von der »Prädestination« (Vorherwissen und -handeln

Gottes), die gesamte »Christologie«. Kein Wunder, daß es zwischen

Paulus und den Uraposteln zu schweren Auseinandersetzungen

gekommen ist. Kein Wunder, daß diese Kämpfe der »Wahrheitslehrer«

gegen die Lehrer des »Irrtums« die ganze Kirchengeschichte

durchtoben. Noch Papst Pius XII. lehrt: »Was nicht der Wahrheit und

dem Sittengesetz entspricht, hat objektiv kein Recht auf Dasein,

Propaganda und Aktion.« Doch auch kein Wunder, daß sich das

Christentum durchweg bei denen bedient hat, die es als »Heiden« abtut.

Wenn eine Religion jeden Bezug zu Lehren und Bräuchen einer

Vorgängerin offiziell eliminiert, werden die verbannten Denkmuster

und Gewohnheiten wieder in anderen, nur oberflächlich angepaßten

Formen zu neuem Leben erweckt.

Das Christentum hat sich dabei bei sämtlichen zur Verfügung

stehenden »Irrtü mern« nach Gusto bedient.

38

Der endgültige Monotheismus (Glaube an einen einzigen Gott) ist

von ägyptischen Anhängern des Sonnenkultes übernommen und über

die Religion des Mose ins Christentum übergeführt worden. Das

christliche Johannisfest geht in seinen Grundstrukturen auf präkeltische

Rituale zurück, Weihnachten ist ein Fest römischen Ursprungs, das

Allerheiligenfest ist an die Stelle der keltischen Samain-Nacht

getreten. Das Brauchtum, am 1. November Feuer zum Zeichen der

Wiedergeburt anzuzünden, haben die Christen von den Druiden-Kulten

übernommen und auf Ostern übertragen. Das keltische Imbolc-Fest,

das die Mitte des Winters bedeutete und Feuer wie Wasser verehrte,

wurde zum christlichen »Maria Lichtmeß« umgemodelt. Unzählige

christliche Kirchen und Kapellen erheben sich noch heute dort, wo

sich früher heidnische Heiligtümer befanden. Die christlichen

Priester, Mönche, Äbte, Bischöfe haben im sozialen Gefüge der

»eroberten Länder« genau dieselbe Rolle gespielt wie die früheren

Zauberpriester. Der Apostel Irlands, der hl. Patrick, hat die

vorgefundene Priesterklasse sogar nach ihrer sogenannten Bekehrung

zum Christentum zur intellektuellen Elite der neuen Religion gemacht.

Die Urschriften des Christentums sind nicht glaubwürdiger als die

Texte des Hinduismus, der griechischen Religionen oder des Druidentums.

Trotzdem haben der hl. Augustinus und andere Kirchenväter

keine Bedenken gehabt, sich über die Mythen der Heiden lustig zu

machen, sie als verrückte Geschichten hinzustellen und als

Erfindungen des Teufels, um die arme Menschheit vom rechten,

christlichen Weg abzubringen.

Freilich: Im Gegensatz zum Christentum hat es bei den »irrigen

Heidenreligionen« keine absolute und offenbarte Wahrheit gegeben,

die mit Feuer und Schwert hätte verkündet werden müssen. Ob die

gewalttätig überwundenen »Irrtümer« der neuen »Wahrheit« nicht

weit voraus waren?

39

Brauchen die Kirchen Denkhilfen?

Das Wort »Dogma« kommt aus dem Griechischen. Es meint das, was

als richtig erscheint. In seiner Grundbedeutung besagt es nicht die

wahre Lehre, sondern die Lehrmeinung. Allerdings hat es diese

ursprüngliche Unschuld verloren, als es in die Hände der Kleriker

gefallen ist. Inzwischen wird lustig - und seit 1870 auch unfehlbar -

drauflosdogmatisiert: Die erste Definition eines Lehr - und

Glaubenssatzes erfolgte schon im Jahr 325 in Nikaia, die vorerst letzte

im Jahr 1950 zu Rom (Aufnahme Mariens in den Himmel). Alle

Dogmen sind, so die römische Lehre, eingebettet in eine besondere

Struktur des »Bekennens«. Auch sind sie mit rechtsverbindlichen

Normen (Sanktionen gegen Bestreitung) versehen. Sie stellen Lehrsätze

dar; in ihrer Gesamtheit machen sie ein förmliches Lehrgebäude aus,

den »Schatz des Glaubens«. Ob sie geistiges Leben statt klerikale

Lehren fördern, bleibt dahingestellt. Ob diese Wahrheitslehren

jemandem etwas nützen? Wer, wenn nicht die Kleriker selbst, zieht

beispielsweise Nutzen aus der Lehre über die allein erlaubte Form der

Zeugung von Kindern? Daß die Doktrinen Roms den Menschen

schaden, ist demgegenüber unschwer festzustellen. Der

Religionswissenschaftler Friedrich Heiler faßt zusammen: »Ja, das

Christentum ist durch unsühn-bare Verbrechen geschändet worden,

die sich in dieser Form und Ausdehnung in keiner der anderen hohen

Religionen nachweisen lassen. Weder der Islam noch der Buddhismus,

noch der Hinduismus haben auch nur entfernt so viele Menschen um

ihres Glaubens willen getötet wie die christlichen Kirchen.« Je mehr

Licht in die Kirchen- und Dogmengeschichte gebracht wird, desto

dunkler werden diese.

Der Katholizismus hat sich nicht durchgesetzt, weil er besonders

rechtgläubig ist oder weil seine »Wahrheiten« die einzigen wären,

sondern er »ist« rechtgläubig, weil er sich und seine »Wahrheiten«

fürs erste hat durchsetzen können. Die

40

erwünschten einheitlichen Glaubensvorstellungen hat es im

Christentum zu keiner Zeit gegeben, wohl aber schon im 3.

Jahrhundert viele Dutzende, im 4. Jahrhundert bereits Hunderte

rivalisierende »Konfessionen«, die sich den Besitz der jeweils wahrsten

Wahrheit streitig machten. Unter ihnen allen hat schließlich der

»römische Katholizismus« gesiegt. Nicht etwa, weil er die wahrste

Wahrheit gepredigt hätte, sondern weil er alles, was ihm ins politische

Konzept paßte, von den anderen großen »Häresien« und den

Philosophien der zeitgenössischen Umwelt übernahm, dabei geschickt

die wirklichen Extreme vermied und sich, auch organisatorisch, dem

Durch-schnittsmaß anpaßte, eine Haltung, die im Konkurrenzkampf

von größtem Vorteil war. Die »katholische Lehre« setzte sich durch; sie

hatte die geschicktesten Übernahmen heidnisch-philosophischer und

römisch-j uristischer Elemente aufzuweisen. Sie wurde, durch solche

Lehnstücke angereichert, bald zur persönlichen Weisung für das

sogenannte »christliche« Verhalten in der Welt - und darüber hinaus

zur Brücke für die totale Bejahung der vorgefundenen Institutionen

(Kaiser, Reich, privilegierte Herrenschicht). Seit Konstantin I.

(gestorben 337) wird der Katholizismus zur Heils- und Siegesdoktrin,

die es den Andersdenkenden schwermacht, das grandiose Bild der

ideologischen und militärischen Geschlossenheit zu stören.

George Orwell zeichnet in seinem berühmten Roman »1984«

das Bild dieser Seelenlage nach, wie es in totalitären Systemen üblich

ist: »Crimestop bedeutet die Fähigkeit, gleichsam instinktiv auf der

Schwelle jedes gefährlichen Gedankens haltzumachen. Es schließt die

Gabe ein, Analogien nicht zu verstehen, außerstande zu sein, logische

Irrtümer zu erkennen, die einfachsten Argumente mißzuverstehen...

und von jedem Gedankengang gelangweilt oder abgestoßen zu

werden, der in eine ketzerische Richtung führen könnte. Crimestop

bedeutet, kurz gesagt, schützende Dummheit.«

Doch der Christen-Zweifel blieb. Ihn aus dem eigenen Sie-

41

ges-Glauben zu entfernen oder ihn wenigstens in eine Siegesformel zu

bannen war eine wichtige Aufgabe der Klerikalen (und ihrer

politischen Handlanger). Das »Dogma« wurde erfunden, die angeblich

höchste Stufe ideologischer Zuverlässigkeit und Absicherung. Diese

für alle Gläubigen verbindliche »Denkhilfe«, die dem

duckmäuserischen, dem unterkriechenden Denken dient, war selbst

zutiefst von der Abweichung, von Irrtum und Zweifel bedroht. Aber

auch hierfür wußte der Klerus Abhilfe. Eine oberste Instanz entstand,

der unfehlbar den Glauben regierende und die Zwangsidee »Dogma«

legitimierende Papst. Ihm sich anzuvertrauen, auf sein (Petrus-)Amt

zu bauen erschien künftig die einzige Möglichkeit, von den »Pforten

der Hölle« nicht überwältigt zu werden. Daß im Verlauf der

Dogmengeschichte Millionen Denkende dem Sicherheitsbedürfnis

einiger weniger geopfert worden sind, wird in den offiziellen

Verlautbarungen des Papsttums nicht einmal am Rand erwähnt.

Rom hat andere Dinge zu tun. Das Erste Vatikanische Konzil zum

Beispiel hat 1870 als Glaubensdoktrin verkündet, daß zumindest einige

Dogmen nicht von natürlichen Grundsätzen aus verstanden und

bewiesen werden können - und daß, sollte sich ein Widerspruch

zwischen Glaubenslehre und Wissenschaft ergeben, der Irrtum auf

Seiten der menschlichen Wissenschaft steht. Inwieweit sich -

nachweislich - Rom selbst im Lauf der Kirchengeschichte geirrt hat,

steht auf einem anderen Blatt. Der Vatikan kann sich nur durch

ständige Neuinterpretationen früherer Aussagen (»kein Dogma«,

»Fehldeutung«) davor retten, Päpste, Konzilien und Bischöfe als schwer

irrende Menschen und Gruppen entlarvt zu sehen. So bewahrt sich eine

Institution vor dem Irrtum, allerdings auf Kosten der eigenen

Wahrhaftigkeit.

Wer Glauben als umfriedeten Besitz betrachtet, wer seine

Theologie als Wissenschaft der käuflichen Argumentationen verstehen

will, wer Wahrheit in simple Antworten umfunktioniert, wer den

einzelnen Menschen total absorbieren möchte,

42

wer die Netze einer autoritären Disziplin über ihn zu werfen sucht,

der sichert sich ein Monopol - und zieht daraus den größten

persönlichen Profit. Die »Vermittlung« des Heils geschieht von da an

in Form eines Monopols, wo sie unaufgebbar an eine elitäre Gruppe

gebunden wird, die allein den richtigen Weg weiß und ihn den

Unwissenden vermittelt, im klerikalen Jargon: den »Gläubigen«. Die

Eliteformation »Klerus« verkündet nie nur das Heil an sich, sondern

beschwört erst die »Not«, um aus dieser Propaganda Kapital für die

eigene exklusive »Nothelferei« schlagen zu können. Jesus aus

Nazareth, der Christus und der Weltheiland, gibt selbst das

Musterbeispiel für solche Nothilfe ab, seit er in die Hände der Kleriker

gefallen ist: Er ist zur Projektion des nach Heil (und Heilssicherheit)

verlangenden Menschen geworden — und er muß dafür herhalten, als

letzter Grund für die Privilegierung und finanzielle Dotierung

»seiner« Kirche propagiert zu werden. Der katholische Theologe

Gotthold Hasenhüttl: »Jesus Christus ist fast restlos objektiviert; alle

möglichen Sonderheiten sind bei ihm zu finden; vor diesen kann man

sich nur gläubig beugen. Daß man diese selbst hineinspekuliert hat

und ein Geheimnis baute, vor dem man nun niederkniet, fällt nicht

auf, wenn das Denken einen objektivierten festen Grund einfordert.«

Fester Grund? Nothilfe? Das Monopol ist erfahren. Es liefert eine in

sich stimmig erscheinende Welt- und Überweltorientie-rung, ein

System von scheinbar sinnigen Aussagen. Es bietet auch den Plan zu

durchgängiger Handlungsformierung an, damit jeder Mensch, der sich

dem Monopol ausliefert, weiß, wo er steht und was er zu tun und zu

lassen hat. Damit soll das Elend der Realität aufgearbeitet und

aufgehoben sein. Das Elend aber ist nicht nur nicht aufgehoben. Es ist

verstärkt. Der Klerus war nicht gar so siegreich, wie er es selbst in

seinen Schriften darstellt. Immer wieder mußte er sein Heil in großen

Geschichts-lügen suchen. Diese Informationen mit Denkverbot

beziehen sich nicht von ungefähr auf »dogmatische Wahrheiten«.

43

Daß Jesus aus Nazareth selbst eine Kirche - gar die

römischkatholische, die »alleinseligmachende« — gestiftet habe: eine

geschichtliche Unwahrheit. Daß das »Apostolische«

Glaubens bekenntnis auf die Apostel zurückgehe: geschichtlich falsch.

Daß Petrus der erste Papst gewesen ist: historisch unwahr. Daß die

Bischöfe Nachfolger der Apostel seien: völlig unbeweisbar. Daß die

römischen Bischöfe von Anfang an den Primat über die Gesamtkirche

besessen hätten: schlicht erfunden. Daß das Wesen der Kirche

»übernatürlich« sei: Historisch steht das Gegenteil fest, denn bei

Entstehung, Ausbreitung und Durchsetzung der Institution ging

überhaupt nichts übernatürlich zu, sondern alles nur allzu natürlich.

Nach diesem bewährten Prinzip ihrer Tradition lebt und überlebt die

Kirche.

Warum ist von einer »Reform der Kirche« nichts zu

erwarten?

Die Glaubensgrundlage der Kirche ist mißlich. Angesichts dieser

unbestreitbaren Tatsache hat sich die derzeit so viel verhandelte Frage

nach der Kirchenreform eigentlich von selbst erledigt. Denn wollte die

Kirche - und dies wäre doch die unerläßliche Bedingung jeder Reform

— auf den »Stifter« selbst zurückgreifen, auf Jesus aus Nazareth, und

dies heißt heute ohne jede Frage auf jenen Menschen, den eine fast

zweihundertjährige Evangelienforschung und Bibelkritik aus dem

Schutt der Legenden herausgelöst hat, müßten die Oberhirten doch

alles auf-und preisgeben, was ihr Leben so angenehm macht und

woraus ihre Kirche besteht: Dogmen, Sakramente, Bischofsamt,

Papsttum, staatliche Finanzierung und Privilegierung, Ritus und

Folklore, kurz, das gesamte Service- Unternehmen von heute, en gros

und en detail. Erasmus von Rotterdam schreibt dazu vor fast 500

Jahren: »Wie viele Vorteile und Vergünstigungen würden die Päpste

verlieren, wenn sie nur einmal von der Weisheit heimgesucht

würden... dahin wären finanzieller Reich-

44

tum, kirchliche Ehrenstellung, Mitspracherecht bei der Vergabe

wichtiger Amter, militärische Siege, die große Zahl Sonderrechte,

Dispense, Steuern und Ablässe...« An deren Stelle träten Predigten,

Nachtwachen, Gebete, Studien »und tausend ähnliche Belastungen«.

Kopisten, Notare, Advokaten, Sekretäre, Maultiertreiber,

Pferdeknechte, Wechsler, Kuppler wären plötzlich arbeitslos. Doch so

weit läßt Rom es nicht kommen, und Erasmus faßt zusammen: »Ich

sehe, daß die Monarchie des Papstes zu Rom, so, wie sie jetzt ist, die

Pest des Christentums ist.«

Eine wahrhaft jesuanische Reform müßte aber nicht nur das

Unternehmen Großkirche hinwegfegen, sondern auch die

menschlichen Verhältnisse selbst umstürzen: vor allem das

Patriarchat, die Ausbeutung von Menschen durch Menschen. Allein

schon das Gebot der Feindesliebe ließe, endlich einmal auch von

Christen beherzigt, eine ganze Welt anders aussehen und handeln. Von

Kirchenleuten kann eine solche Reform, die Revolution nach innen

wie nach außen bedeutete, niemals erwartet werden. Von einer »stets

zu reformierenden Kirche« (ecclesia semper reformanda) zu sprechen

bleibt Augenwische-rei sogenannter progressiver Theologen. Theresia

von Avila, Franz von Assisi, in dieser Hinsicht zwei Ausnahmen von

der katholischen Regel, haben es besser gewußt als ganze Scharen

heutiger Bischöfe: Jede echte Reform in der Kirche hat nicht bei der

Liturgie zu beginnen, nicht bei der Theologie, nicht bei der

Organisation, sondern bei den Finanzen.

Wenige Menschen sind ähnlich reformunfähig und reformunwillig

wie »wahre Christen«. Oder haben die Christen je reformiert? Doch.

Seit eh und je. Schon die zweite Christengeneration hat gegenüber der

ersten von Grund auf reformiert, indem sie ein ganz neues Jesus-,

Gemeinde- und Glaubensbild geschaffen hat. Die nachkonstantinische

Kirche hat gegenüber der vorkonstantinischen durchgreifend

reformiert: Aus Pazifisten sind damals Kriegsgewinnler geworden,

aus Christen-

45

menschen privilegierte Kleriker. Dann wurde das gesamte Mittelalter

hindurch reformiert, in Rom und anderswo, in Hirsau beispielsweise,

in Cluny, auf den Konzilien. Und da kommen immer noch Reformer

auf die Menschheit zu ? Christliche Reformer, die — 2000 Jahre

Reform im Rücken und ebenso viele Jahre Mord und Totschlag unter

Christen - den Menschen von heute ihr reformiertes Heil predigen ?

Christen, die, nach soviel Kampf gegen den »Irrtum«, den »Dialog«

entdeckt haben? Die das Evangelium den Atheisten bringen, die sie,

wenige Jahrhunderte früher, noch haben verbrennen lassen ?

Reformer, die sich nach rechts wie nach links öffnen, die mit dem

»Alles-halb-so-schlimm-Gesicht« der etablierten Theologen »wir sind

auch noch da« rufen? Soll noch einer denen vertrauen, die das eigene

Unglück nur verlängern, die sich als Helfershelfer der Hierarchen

mißbrauchen lassen? Peinlich, peinlich, diese innerkirchlich

Progressiven! Doch wo alles allzu menschlich ist, hilft vielleicht ein

Gort. Aber welcher?

Wozu ist Gott auf Erden?

Weshalb so viele Verbrechen von Christen öffentlich

zusammentragen? Hat die große Zahl je »Gläubige« erschüttert,

ihr Weltbild ins Wanken gebracht? Wurden sie nicht an die kriminelle

Energie der Ihren gewöhnt? Sprechen sie nicht, gewandte Advokaten

ihrer Oberhirten, vom »Wesentlichen« des Christentums, von Glaube

und Dogma, von Gott gar, der letzten, unangreifbar verfestigten

Instanz, an der sich die Schandtaten der Christen brechen wie an

einem Felsen? Dieser Gott wird es schon richten. Gewiß, im wahrsten

Sinn des Wortes wird er richten. Abrechnen wird er, so seine Väter,

mit den Kritikern des Christentums. Er wird die guten Gläubigen zu

sich in seinen Himmel nehmen und auf Throne setzen zum

Mitrichten, wie es in der Bibel steht. Und ist endgültig

46

abgerechnet, dürfen sie Gott loben mit all seinen Heiligen auf ewig.

Der Auserwählten-Dünkel spielt selten die Demut, die

Bescheidenheit. Denn die »Elite« hat sich ein für allemal auf die rechte

Seite gestellt, auf die der christlichen »Wahrheit«. Der Rest—die Welt

— auf die andere. Diese Aus- und Abgrenzungs-zwänge gehören

notwendig zum Charakter eines Christenmenschen. Gläubige achten

die Gleichdenkenden stets höher als die Andersdenkenden. Aus ihrer

Liebe zum Gleichen, Höherwerti-gen folgt die Verfolgung aller Nicht-

Gleichdenkenden. Der Fanatismus der Verfolger ist die einzige

Willensstärke, zu der auch die Schwachen gebracht werden können.

Selbst das langweiligste Leben wird durch gelegentliche Schlachtfeste

interessant. Weil Erfolg Zuschauer und Kommentatoren braucht, muß

sich Theologie an so vielen Stellen aus barem Unsinn Sinn schaffen

und den Anschein von Tiefsinn erzeugen. Leute gibt es, denen die

Religion wie ein Anzug oder ein Kostüm paßt. Sie tun gut daran, es zu

tragen. Es läßt sie noch besser aussehen, als sie sind.

Gläubigen geht es kaum um historische, philosophische, ethische

Probleme, um Wahrheit gar oder, bescheidener gesagt,

Wahrscheinlichkeit. Es geht ihnen um ihre eigenen Probleme. Sie

»glauben«, weil sie ohne diese Stütze angeblich nicht leben könnten.

Obgleich sie, als Chinesen etwa, einen ganz anderen Glauben hätten.

Woher ihr Glaube stammt, interessiert sie kaum. Hauptsache, ihr

jeweiliger Gott garantiert ihr Leben, hüben wie drüben. Die

Hartnäckigkeit des einzigen Problems, das sie sich leisten dürfen,

spricht für sich. Sie sind derart darauf fixiert, daß ihr Leben zu

einem »Bekennerstatus und -kult« degenerieren muß und sie selbst

kein Pardon mehr kennen für alle, die anders leben. Das völlige Fehlen

von Mitleid gegen Abweichler, die dem eigenen Besitzsystem

gefährlich werden könnten, charakterisiert Kleriker hinlänglich.

Glaubensautorität klebt stets an »zeitlos gültigen Lösungen«. Diese

47

lassen sich glauben, autoritativ deuten, griffig erklären,

moralisch umsetzen, pädagogisch entwickeln. »Ketzer« kann es in

diesem Weltbild nur als Störfaktoren geben, die am Rande

wahrgenommen werden. Ein Ketzerproblem, Signum voll

erwachter Vernunft, stellt sich Gläubigen nicht ernsthaft. Denn

sie haben sich darauf verständigt, allein richtig zu leben. Sie

haben ein gesundes »Mißtrauen gegen das Mißtrauen« entwikkelt.

Sie nehmen ein transrationales Grundvertrauen in ein

Sein mit (für ihre Hirten) erkennbarem Sinn in Anspruch.

Exklusiv. Exklusiv mörderisch gegen Andersdenkende.

Das sogenannte Leben der Gläubigen? Das Leben unter

Gläubigen, das Kirche-Sein, das Sekte-Sein? Eine kollektive

Zwangsneurose sei das, lehren neuzeitliche Wissenschaften,

eine Neurose, wunderbar gedeihend auf dem Humus infantiler

Hilflosigkeit. Denn Kinder, wenn sie unfrei gehalten werden,

brauchen Väter: Menschen, die ihnen immer wieder sagen, wie sie

»richtig« zu leben haben, Väter, die sie lehren, wie sie einmal

richtig zu sterben haben, und schließlich einen Übervater, der

allen Wertevätern auf Erden sagt, was von ihm, ihrem Gott, zu

halten sei. Derart wird Religion organisiert. Hier nisten totale

bis totalitäre Weltanschauungen, hier werden psychische

Heilssysteme heimisch, hier fallen Erleben und Glauben in

eins: Begreifen soll nur der Ergriffene. Und der »Gottesdienst«,

ein nicht ganz harmloser Begriff, der auf Gehorsam spekuliert?

Auch er hat seinen Platz im System: Väter feiern Feste für ihre

Kinder - und lassen sich von diesen feiern.

Weshalb hat Gottvater so viele Väter?

Die guten Gläubigen wissen es selbst nicht so recht. Sie sind

meist etwas erstaunt, hören sie, ihre Religion sei eigentlich eine

»Vaterreligion«. Denn allem Anschein nach werden sie über

alles Mögliche (und Unmögliche) von ihren Predigern

informiert, über alle Nebenfragen des »wahren« Glaubens bis

hin

48

zum Peterspfennig, aber nicht über das Zentrum: Gott, der ein

Vater ist und die Liebe. Offenbar haben sich die Gewichte

innerhalb des Glaubens verschoben: weg vom Zentrum, hin

zum Rand. Was die Kirchen überleben läßt, wird noch

besprochen.

Die Theologie kümmert sich relativ wenig um Gottvater. Sie

zieht, wenigstens gegenwärtig, andere Themen vor: Jesus- und

Christusfragen, Probleme des Papsttums (Unfehlbarkeit,

Konzilien), Befreiung von Diktaturen (nicht von der eigenen).

Kon-zilianz und Kompromißbereitschaft sind solch einer

Wissenschaft gegenüber kaum am Platz. Die Psychoanalyse

aber hat sich schon früh mit dem Thema Vaterreligion befaßt.

Die so lange im Dunklen gehaltenen Seiten des Christentums

mußten sich selbst durchsichtiger und damit kontrollierbarer

gemacht werden. Eventuelle infantil-autoritäre Züge sollten

sich nicht mehr länger, wie unter einem neurotischen

Wiederholungs -zwang, durchsetzen dürfen. Psychoanalyse,

eine Art Hebammenkunst, wollte dem einzelnen Menschen und

ganzen Gruppen helfen, von sich aus Probleme zutage zu

fördern, die die seinen/ihren sind und die niemand für ihn/sie

lösen kann.

Der »Vaterglaube« wird aus infantilen Triebwünschen und

deren Befriedigung hergeleitet. Sigmund Freud hat diese

Wünsche als Illusionen gedeutet, die die vorgegebene

Unmündigkeit des Infantilen fortführen und sichern. Die

Bindung der Gläubigen an einen Vatergott erscheint als

Produkt einer Lebensschwäche, die sich den

Herausforderungen und Chancen der Welt durch Flucht in den

Sicherungsgehorsam gegen den übermächtigen Vater zu

entziehen sucht. Ein Übervater wird geschaffen, der typisch

patriarchale Klassifikationen garantieren soll: Hoffnung auf

Belohnung, Auszeichnung, schließlich — gesellschaftlich und

nationalistisch gewendet - Hoffnung auf Sieg über

Andersdenkende, über »fremde Völker«, auf Weltmacht. So

und nicht anders ist die »conditio hominis«, nicht die »con-ditio

humana«. Nur ein solcher Gott wie der biblische ist unter solch

kriegerischen Umständen zugelassen.

49

Die frühen Vater-Sohn-Dogmen des Christentums (die man heute

wenig predigt, aber heftig glauben muß) sind - nach Theodor Reik -

Ausdruck eines fortdauernden Kampfes, an

dem die verdrängten Triebregungen des Sohnestrotzes und der

Revolution ebenso beteiligt sind wie die Liebe zum Vater. Der im

Herzen der Söhne keimende und nie ganz zu unterdrük-kende

Zweifel am Vater soll durch das Dogma beschwichtigt werden. Doch

weil das nicht ganz gelingen kann, schafft man im Verlauf förmlicher

Immunisierungsstrategien immer noch »präzisere« und noch

»gewaltigere« Zwangsideen (Glaubenssätze). Möglichst im Medium

des Scheinbar-Vernünftigen.

Für diese Schwerstarbeit kann der Klerus keine einfachen

Gläubigen brauchen. Die Kirche bedarf — angefangen bei Paulus und

Johannes — waschechter Theologen, die etwas von ihrem Gott

verstehen — und dies Sonderwissen schlichteren Gemütern

mundgerecht feilbieten können. Werteväter sind gefragt. Läßt sich

schon eine Einsetzung des Priestertums durch den Gottessohn biblisch

nicht nachweisen, so doch eine Einsetzung Gottes durch die Priester.

Der eine Vater — Gottvater — bekommt schließlich mehr und mehr

Väter, die genau sagen können, wie er »ist« und wie er »handelt«.

Schon die Evangelien haben, ebenso wie die Briefe des Paulus,

handfeste Interessen. Diese sind erkenntnisleitend: Sie führen die

Hand der Erstschreiber, sie lenken den Geist der Abschreiber und

Interpreten. Von allem Anfang an ist klar, wie der Vatergott zu sein

und zu handeln hat. Von Beginn an ist auch das Vater-Sohn-Verhältnis

exemplarisch gestaltet: Jesus muß ein zeitloses Beispiel dafür geben,

wie gehorsame Söhne sich gegen ihre Väter verhalten. Die Väter des

Vatergottes, die viele vitale Interessen zu verteidigen haben, wissen,

wie sie ihre Heiligen Schriften abfassen müssen. »Im Namen des

Vaters und des Sohnes« wird noch heute nachgebetet, was

vorgeschrieben worden ist.

Für Gläubige darf es keinen Zweifel geben: Die sogenannte

Orthodoxie besteht aus siegreichen Denkern und Tätern. Sie hat

50

es geschafft, ihre eigenen Irrtümer als Wahrheiten auszugeben. Und

damit alles noch seine letzte Richtigkeit habe, erfinden die Werteväter in

der wahrsten aller Kirchen eine letzte Instanz für ihre Irrtümer. Gott

selbst ha: sie »geoffenbart«, und der oberste Vater auf Eiden, der Papst

(»papa«), wacht unfehlbar über diese Offenbarung. Das Papsttum ist im

Verlauf seiner Geschichte (das heißt über unzahlige Tote hinweg) aus

der Rolle einer Anwaltschaft für das dogmatisierte Vater-Sohn-

Verhältnis in die Rolle einer selbständigen Vaterschaft

hineingewachsen. Der liebe Gott braucht offenbar viele

Miniaturausgaben von Vaterschaft [die fathers, padres der Weltkirche) -

und einen Hauptvater, den römischen Papst. Und nicht nur Gottvater

braucht solche, sondern auch die lieben Kinder, die Gläubigen, die

besser die Gehorsamen hießen. In einem solchen System darf es keine

Lücken geben, die Restschuld zurückließen und Gehorsamsleistungen

unnötig machten. Väter müssen immer präsent bleiben, müssen zu

allen Zeiten und in allen Fragen eine Lösung anbieten können, die

erlöst. Das ist die wirksamste und zäheste Form des Kampfes gegen die

Befreiung der Menschen: ihnen Bedürfnisse einzuimpfen, die die

veralteter Formen des Kampfes ums Dasein verewigen.

Warum ist Gott ein Vater und ein lieber Vater?

Jede Religion muß ein absolutes Bezugssystem haben: eine Gottheit

oder mehrere Gottheiten, deren Dasein, Funktion und Verhalten von

beispielgebender Bedeutung sind. In jeder Tradition, Lehre oder

Institution religiösen Charakters gibt es ausdrückliche Hinweise auf

die »Zeit des Anfangs«, auf >jene Zeit«, da die Gottheit begonnen

haben soll, ins Leben der Menschen zu treten. Beim Christentum ist

das nicht anders. Doch scheint es in einer bestimmten Hinsicht

gehemmt: »Ihr sollt euch kein Bild machen von eurem Gott!« (2 Mose

20, 4) Eigentlich hat dieser Gott deutlich genug gesprochen. Aber

51

würde sein Wort aufs Wort befolgt, wären nicht nur alle Kirchen so

leer, so nüchtern weiß gekalkt wie manche Bethäuser, in deren sich die

strengeren Gruppierungen wohl fü hlen. Auch die beamteten Theologen

der Großkirchen hätten ihre Schwie-rigkeiten. Die Mythen der

Menschheit lieben ein bestimmtes Bild: >In jener Zeit, zur Zeit des

Paradieses, war die Erde mit dem Himmel durch eine Brücke

verbunden, und ein Mensch kam ohne Hindernis vom einen Ende

dieser Brücke zum ändern, weil es den Tod nicht gab. Doch so leicht

geht es schon lange nicht mehr. Inzwischen ist der Übergang

schwierig geworden, und nicht allen gelingt er. Die Brücke wird für

die Gottlosen zur scharen Schneide eines Rasiermessers, und nur die

Guten haben relativ wenig Angst vor dem Betreten des Pfades, der

zum »ewigen Leben« führt. Erfreulich, daß den Gläubigen außerdem

besondere »Brückenbauer« zur Hand ge hen, jene Oberhirten, die -

Bischof oder Papst - sich als Wegweiser fühlen.

Was stellen sie anderes her als Bilder von Gott? Hier ein Strichlein

zum Nachbessern des alten Gemäldes hingetupft, dort eine

Deckfarbe dick aufgetragen. Doch läßt sich weder die Existenz eines

Gottesbeweisen noch seine Nicht-Existenz. Was sich nachweisen läßt

ist die Tatsache, daß die christlichen Kirchen einen bestimmten Gott

verbindlich vorstellen. Und dieser Gott hat nicht etwa »den Menschen

nach seinem Bild« geschaffen, sondern Menschen haben ihn nach

ihrem Bild gemacht. Diese Auffassung ist seit Ludwig Feuerbach nicht

neu. Wer aber nur sagt, der Mensch habe sich seinen Gott geschaffen,

denkt und argumentiert nicht konsequent. Präziser ist beispielsweise

die feministische Theologie (von der manche vielleicht erst jetzt

erfahren): Nicht »der Mensch«, sondern »der Mann« hat einen Gott

für die herrschende Männergesellschaft gestaltet. Aber auch dieser

Satz ist nur vorläufig. Er geht von einer unrichtigen Übersetzung von

»Patriarchat« aus. Nicht »Männerherrschaft« heißt Patriarchat,

sondern »Herrschaft der Väter«. Diejenigen,

52

die einen solchen Begriff gestaltet und durchgesetzt haben, dachten

sich etwas dabei. Ein gesellschaftlich so wichtiger Begriff, ja der

wichtigste Begriff einer ganzen Welt, wird nicht beiläufig, en bagatelle

geprägt. Die religiöse Tradition hat die Vokabel »Patriarchat« so ernst

genommen wie nur irgend möglich. Während sich ihre Philosophen

und Metaphysiker denke-risch mit »Gott« herumgeplagt haben, sind

die Kirchen ihren Heiligen Schriften in dieser Sache treu geblieben.

Die biblischen Autoren (Autorinnen gibt es keine) schreiben nur von

einem Vater. In den paar Jahrtausenden jüdisch-christlicher

Überlieferung wirkte diese Anschauung fort wie keine andere. Sie hat

Meinung, Überzeugung, Glauben organisiert. Beeinflussungen,

Wechselwirkungen, Verschränkungen zwischen religiösen

Vorstellungen und sozialen Erfahrungen sind daher die Regel.

Glaubensexperten haben schließlich die Bedeutungen, die sie alldem

zulegen wollten, verbindlich vereinbart. Nicht von ungefähr nennt

sich der oberste Glaubenswächter der römischen Kirche bis auf den

heutigen Tag »Heiliger Vater«. Wer bei »Männergesellschaft«

stehenbleibt, kann nicht erklären, weshalb der Gott der Christen nicht

nur als Gott vorgestellt wird und schon gar nicht als Mann, sondern

als Vater und als lieber Vater. Dieser zunächst gering erscheinende

Unterschied ist in Wirklichkeit gewaltig. Gelingt es, das Vater-Sein und

das Liebe-Sein Gottes ebenso schlüssig zu erklären, wie das die

Feuerbachsche Doktrin für ihren Teil tat, ist der Durchbruch gelungen.

Er löst durchweg Entsetzen bei den Betroffenen aus. Christen wissen

gut, wovon sie Zeugnis geben. Wenn die religiöse Sozialisation von

einem Vater, vom lieben Vater schlechthin spricht, so ist das keine

Floskel, die bei den Betroffenen folgenlos bliebe. Der geringste

Versuch, diese Vaterfixierung zu lockern, schmerzt besonders. Hier soll

nicht die Käuflichkeit der Schriftauslegung gegen ihre Profiteure

thematisiert und gesagt werden, daß die Auslegung eine der jeweiligen

Gegenwart entsprechende Verfälschung darstellt. Hier ist hinter

53

allen exegetischen Interpretationen das eine Gemeinsame zu

entdecken: Daß Gott ein Vater ist und die Liebe, hat noch keiner

bestritten. Warum muß Gott aber, in dieser Zurichtung, der liebe Vater

sein? Das Bild Gottes als eines Vaters entspricht bis ins Detail der

herrschenden Gesellschaft. Wo Väter regieren und alle Nicht-Väter, also

Frauen und Kinder, unter sich lassen, ist es schlecht vorstellbar, daß

ausgerechnet die höchste Instanz kein Vater ist.

Gott als Mutter? Gott als Kind? Es gibt Versuche, den traditionellen

Gottesbegriff in diese Richtungen aufzulösen. Doch gehen sie an ihrer

eigenen Basis vorbei. Statt »Vaterunser« künftig »Mutterunser« zu

beten, verkennt den gesellschaftlichen Humus, auf dem dies

Hauptgebet der Christen entstanden ist. Worte aus dem Vaterunser wie

»Dein Reich komme« oder »Dein Wille geschehe« (Mt 6, 10) sind

nach allem, was wir heute wissen, geradezu vatertypische

Herrschaftsfloskeln. Sie setzen den Gehorsam des — als »Kind«

adoptierten (1 Jo 3, 1) — Menschen voraus, dem eines Tages als

Gratifikation das Reich winkt, die Landnahme (1 Mose 5,17; PS 36, 3),

das Paradies, in dem er/sie zum »Richten« berufen sein soll. Falls

er/sie sich nicht bis zuletzt als ungehorsam erweist. Denn der in der

Bibel geschilderte Gott ist ein eifersüchtiger Vater. Er wartet darauf,

daß der verlorene Sohn zu ihm zurückkommt. Wer sich solcher Umkehr

bis zuletzt verschließt, findet kein Erbarmen. Auch wenn neuere

Theologen an dieser Aussage herumdeuteln, um zu retten, was

überhaupt noch vom Christentum zu retten ist, bleibt sie bestehen:

Der ungehorsame Sohn ist in den Augen des Vaters kein Sohn

mehr. Er wird enterbt - und in die »Hölle« geworfen auf ewig. »Habt

keine Angst vor Leuten, die nur den Körper töten können, aber nicht

die Seele! Fürchtet vielmehr euren Gott, der Leib und Seele ins ewige

Verderben schicken kann!« (Mt 10, 28) Gehört diese Warnung auch

schon zu den inzwischen ausgesonderten Bibelstellen ? Nein, eine

solche Drohung sollte niemand auf die leichte Schulter nehmen,

54

der sich Christ oder Christin nennt. Vor genau hundert Jahren hat der

Vatikan noch offiziell erklären lassen, das »Höllenfeuer« sei real -

und kein bloßes Bild. Und er ist bis heute nicht von dieser Meinung

abgewichen. Bischöfe ernennen bis auf den heutigen Tag offizielle

»Teufelsaustreiber«, und auch die Existenz des »Fegefeuers« ist als

Glaubenssatz definiert. Desgleichen, daß »die dort festgehaltenen

Seelen durch Gebet und Messe Hilfe finden« und daß sie »dort

zeitliche Sündenstrafen abbüßen«. Niemand soll meinen, diese

»Geographie des Jenseits« habe keinen Zweck. Die »Hölle« ist die

letzte Konsequenz jener Angst vor Schuld, Sünde, Ungehorsam, die

vor uns, unter uns und nach uns Millionen von Menschen gequält hat

und quält. Erlösung, das Pendant zur Sünde, das andere Symptom ein

und derselben Krankheit, ist ausschließlich denen zugesagt, die

gehorsame Kinder ihres Vaters sein wollen. Das ist keine

Privatmeinung, sondern ein tausendfach gepredigter Lehrsatz, der das

offizielle Gottesbild in feurigen Farben malt. Alle biblischen Autoren

drohen — auch im Neuen Testament, nach herrschender Meinung eine

»Frohbotschaft« - den Unbußfertigen mit einer auf Ewigkeit

berechneten Vatersanktion, während sie den Gehorsamen die ebenso

ewige Gratifikation durch denselben Vater verheißen.

Hölle? Viele Generationen von Christen haben sie sich ausgemalt;

die Architektur dieser Wahnvorstellungen ist gewaltig. Nicht selten

erscheint die »Hölle« bis ins letzte Detail hinein wie eine

Folterkammer der spanischen Inquisition. Christen berauschen sich bis

heute an ihrem Foltertraum. Da wird ihnen warm ums Herz, da

können sie »die anderen« braten lassen. Die Vorfreude, die

Schadenfreude wärmt; sie ist für sie die reinste Freude. Jetzt

triumphieren die schönen, die braven Seelen, jetzt wird Marquis de

Sade zum Christen. Denn sie, die Guten, erwischt es nie. Sie sind

gerettet, sie richten selbst mit ihrem Gott die Bösen, nehmen teil an

seiner Vaterliebe, sie verdammen mit auf ewig. Die ewige Qual der

einen ist das

55

ewige Entzücken der anderen! Die Vorfreude hat es in sich: Die

»Hölle« könnte jeder Ort sein, an dem die christliche Kirche -

besonders die römische - schon heute unumschränkt herrscht, eine

Art Fortsetzung des Krieges gegen die Menschen mit anderen Mitteln.

Das hin und wieder herumgeisternde »Fegefeuer*' das Erlöste auf den

Himmel vorbereitet, ist eine spätere Erfindung, dem Neuen

Testament unbekannt; aber dennoch ein kirchliches Dogma.

Aber »Gott ist doch die Liebe«? Eben. Er muß sie sogar sein. Liebe

ist dem System der Vatergewalt immanent. Es läßt sich in allen

patriarchal verfaßten Gesellschaften nachweisen, daß Vaterliche ein

Herrschaftskorrelat der Vatergewalt bleibt. Liebe ist funktionalisiert

wie ein Deckmantel: Sie deckt die Gewalt und kaschiert sie. Liebe

sichert und schützt Gewalt, indem sie deren Ausübung bemäntelt. Die

Folterer wollen nur das beste der Opfer. Der Stasi-Minister Mielke

plärrt in der Volkskammer-»Ich liebe euch doch alle!« Gewalt braucht

nicht nackt aufzutre-ten, wo die Liebe alles zudeckt. Gewalt bleibt

nur bestehen, bleibt sie im Licht, im Schatten jener Liebe, ohne die

sie überleben kann. »Wie ein Vater seine Kinder liebt, so liebt Herr

die, die ihn fürchten.« (Ps 103,13) Und: »Wen der liebt, den

züchtigt er.« (Spr 3, 12) Auch Gottes Vaterliebe ist ausnahmslos mit

dem Anspruch auf Ehrfurcht verknüpft. Soh-nesgehorsam provoziert

Vaterliebe: Legitimation nach innen und nach außen, Schutz gegen

Fremdvölker, Legalisierung des als Besetzung eines »verheißenen

Landes« getarnten Land- und Frauenraubes. Und so fort. Der liebe

Vatergott, von dem hier die Rede ist, unterscheidet sich nicht im

geringsten von denen, die seine vielen Väter sind. Sie haben auf

religiösem Terrain ihr verheißenes Land in Besitz genommen: Ein

genehmer Gott ist

definiert, ein Gott ist geschaffen, der alle Ansprüche derer, die ihn

gestaltet ha ben, im Gehorsam gegen seine Schöpferväter erfüllt.

Ein Gott, der schon im sogenannten Paradies die Angst vor der Frau

und Mutter niederzuhalten hilft. Eva, die nach-

56

geschaffene, die aus der Rippe des Mannes genommene, die zur

bloßen Gehilfin des Mannes herabgedrückte »Auch-Menschin«. Das

paßt nur in ein patriarchales Muster, nirgendwo sonsthin. Und in

diesem Stil geht es durch die Jahrhunderte des Glaubens fort: Alle

phallokratischen Phantasien der Gottesväter werden auf jenen

»allmächtigen« Vatergott abgelenkt, von dem letzte und gewisseste

Sicherheit gegen die Angst (vor der Frau und vor dem Sohn, die

vereint den Vater töten könnten) kommen soll.

Wo von Größe und Macht gesprochen wird, wo ein Mensch sich

einen Namen verschafft, ein Volk zum Eigenbesitz erkauft (2 Sam 7,

23), ist immer dasselbe Prinzip wirksam: der absolute Wille zur Gewalt,

der sich seinen Gott schafft. Ein solcher Gott muß notwendig ein

Kriegsgott sein. Daß die spezifisch religiöse Variante des Kriegstreiber-

und Kriegsgewinnlertums kaum untersucht ist, spricht für die

Verhüllungsstrategien der Patriarchen. Auch das sogenannte Neue

Testament läßt die traditionellen Herrschaftsstrukturen wiederfinden,

und der Vatergott, den seine Autoren schildern, scheint seit Jahwes

Tagen nichts hinzugelernt zu haben. Das für patriarchale Systeme

charakteristische Schema von Gewalt und Liebe wiederholt sich.

»Harret aus in der strengen Zucht«, sagt ein Schriftsteller des Neuen

Testaments, »denn als Söhnen begegnet euch Gott! Wo wäre der Sohn,

den der Vater nicht in seine Zucht nähme? Würdet ihr ohne Strafe

bleiben, wie sie doch alle kosten müssen, so wäret ihr unechte Kinder,

keine Söhne. Und wenn wir unsere irdischen Väter zu strengen

Erziehern hatten und ihnen Ehrfurcht erwiesen, sollen wir uns da nicht

gehorsam unterordnen dem Vater unserer Seelen, um das ewige

Leben zu sichern?« (Heb 12, 7-9)

Sage mir, welchen Gott du hast, und ich sage dir, wer du bist.

Dieser Gottvater ist völlig unabhängig, absolut. Er hat alles Glück in

sich selbst. Er ist wesentlich von der Welt verschieden. So wird er in

den offiziellen Katechismen beschrie-

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ben, so stellt er die höchste Verobjektivierung der Gottheit dar, die

sich Werteväter ausdenken konnten. So ist er total abgeschlossen in

sich, der Welt nur als Grund und Ziel immanent, so stabilisiert er die

bestehenden Verhältnisse am zweckdienlichsten. So schadet er dem

Patriarchat überhaupt nicht. Gerade so ist er aber auch bereits tot.

Die Frage nach dem »Gottesbild«? Der Gott des Alten und des

Neuen Testaments, dessen einzelne Bildvorgaben hier nur

angesprochen werden konnten, hat mit einem möglichen oder

wirklichen Gott nicht mehr zu tun als der griechische Zeus oder der

römische Jupiter oder der germanische Wotan. Alle miteinander sind

diese Götter Herrscherbilder, Gewaltväter. Ob sich die gängige

Religionswissenschaft oder die Theologie des Christentums intensiv

genug mit diesen Vorstellungen, ihren Begründungen und ihren

Konsequenzen für das Leben der Menschen befaßt haben? Sünde?

Beleidigung der Vaterliebe. Verzeihung? Dem bußfertigen Sünder

zugesagt. Nur ihm. Interaktionen wie diese, die sich ständig und

regelhaft wiederholen lassen, sind auslösende Faktoren religiöser

Maschinisie-rung. Kranke, die sich den Formen solcher Religion

überlassen, dürfen Macht an sich erfahren. Die

Religionsmaschinerie gleicht einer Konserve ideologischer Kraft, und

deren Leistungen, die Tausende von Jahren und Millionen von

Menschen ihrem Sieg geopfert haben, lassen sich auf Prinzipien

maschineller Produktion reduzieren. Das Gewaltwort von

»Wertevätern« zergliedert die Wirklichkeiten der Welt und rekonstruiert

diese nach einem eigenen profitablen Wertesystem. Für diese

Zergliederung und Rekonstruktion fordern die Werteväter der Kirchen

reproduzierenden-Gehorsam von denen, die als »nicht

definitionsmächtig« definiert worden sind: den »Gläubigen«. Wo aber

die jahrhundertealte Systemtheorie noch immer Lük-ken belassen hat,

stellen die Werteväter der Kirchen die Maschine ihres Gottes - die

»Vorsehung« zumal — zur Verfügung. Sie soll künftige

Systemverbesserungen antreiben und die

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Organisation der Religion gewährleisten von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Bei den betroffenen Gläubigen verfestigen sich solche

Mechanismen zu psychischen Strukturen. Die Interaktionen

zwischen Vatergott und Menschensohn sind bereits zu so abstrakten

Organisationsmustern (»patterns«) versteinert, daß Liebesleistungen

wie Gebet, Reue, Gehorsam automatisch die Leistung der Vaterliebe

Gottes auslösen. Wie? Ein Gott, der seine Leute liebt, vorausgesetzt,

sie glauben an ihn und tun ihm seinen Willen? Ein Gott, der mit der

Hölle drohen läßt, wird seiner Liebe nicht geglaubt? Wie? Ein Vater?

Selbstverständlich. Nicht mehr als ein Vater. Die Tüchtigkeit eines

Vatergottes, der die Verlorenen liebt, wenn sie zu ihm zurückfinden

(Lk 15, 11-32), kennt die große Geste gegen die Reuelosen

ebensowenig, wie kleinbürgerliche Väter sie gegenüber ihren Kindern

kennen.

Gibt es eine Alternative zum lieben Gott der Christen?

Offizielle Katechismen haben noch vor wenigen Jahrzehnten durch

Bischöfe, »die Gott aufgestellt hat als Lehrer der himmlischen

Wahrheit«, Schulkindern Details über Sein und Tun des wahren Gottes

mitteilen lassen. Da steht: »Was Gott geoffenbart hat, lehrt uns die

katholische Kirche.« Heißt das, daß Gott sich den Seinen nur indirekt

offenbart? Daß die Gläubigen seine Wahrheiten nur aus zweiter Hand

erhalten ? Daß alle Kirchen außer der römischen gar nicht voll

informiert sind? Der katholische Katechismus lehrt weiter: »Gott läßt

Leiden kommen, damit wir für unsere Sünden Buße tun und

himmlischen Lohn erwerben.« Haben also Millionen Leidender,

Ermordeter (auch und gerade von Klerikern Ermordeter) Leid und Tod

nur erlitten, um himmlischen Lohn zu erlangen? Oder mußten gerade

sie, und nicht die schuldigen Täter, »für ihre Sünden Buße tun«? Der

Katechismus, gleichsam eine Checkliste für Men-

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Schenkinder, klärt weiter über seinen Gott auf: »Die Verdammten der

Hölle leiden mehr, als ein Mensch sagen kann. Sie leiden Qualen

des Feuers... und wohnen in der Gesellschaft des Teufels.« Dieser

Unsinn war noch in den fünfziger Jahren Glaubensgut in deutschen

Schulen. Hat sich die Kirche inzwischen eines Besseren besonnen?

Hat sie sich damals - vor so kurzer Zeit — gar geirrt? Gilt heute nicht

mehr, was vor dreißig Jahren noch fest geglaubt werden mußte?

Wer hat den Mut, von seinem Gott Liebesgesten zu fordern, die

einmal von der bourgeoisen Regel abweichen ? Keiner der an den

Christengott Glaubenden hat offensichtlich Mitleid mit einem Gott,

der - wie ein richtiger Vater in den Augen seiner lieben Söhne - alles

kann und alles weiß. Der nichts mehr vor sich hat. Der seine eigene

Vergangenheit, seine eigene Zukunft ist. Kein Verständnis für die

ungeheure Langeweile eines vollkommenen Wesens. Kein Mitgefühl

mit einem Gott, der seine Mitkonkurrenten und Mitkonkurrentinnen

um die Liebe der Menschen aus dem Feld geschlagen hat. Kein

Erbarmen mit einem Gott, dessen Vorsehung für alles verantwortlich

gemacht werden kann. Dessen Vaterliebe alles auferlegt werden darf.

Der Vatergott, den sich die Werteväter der Erde zugerichtet haben,

stellt in der ihm addizierten Perfektion eine unvollkommene

Schöpfung dar. Ihrer Moral fehlt jeder Abstand zu der ihrer Väter.

Dieser Vater belohnt stets genau die Leistung, die ihn geschaffen hat.

Die siegreiche Tüchtigkeit der als gut Definierten. Wer aber durch

Nichtleistung auffällt, wer diesen Gott wieder abschaffen will, gehört

bestraft. Ein armer Gott.

Daß Gott tot sein kann, schreckt die Interessenvertreter des

Patriarchats nicht. Ihr System ist vor jeder Vaterreligion. Die weit

ursprünglicheren Strukturen des Patriarchats behaupten sich gegen

die spätere Religion, die kommen und gehen kann. Das Patriarchat

bleibt. Es bedient sich seiner Religionen als den Deuterinnen und

Verstärkerinnen seines Machtwillens. Hin und wieder benötigt das

patriarchale Errettungsbedürfnis bestimmte

60

Überväter. Sie können neuerdings auch »Große Brüder« heißen.

Patriarchat reicht weiter als nur bis an seine Religion. Falls sich das

Christentum endgültig als für das Patriarchat unnütz erweisen sollte, ist

sein Tod beschlossene Sache. Und sein Ersatz durch profitabler zu

nutzende Weltanschauungen.

Was die Theologie und das offizielle Reden der Kirchen lebensfähig

erhält, entspricht schon jetzt dem, was den Christen von der

Soziologie, der Psychologie, der Anthropologie zur Verfügung gestellt

- und schamlos »ergänzt«, sprich, zum eigenen Profit gewendet —

wird. Die Menschen dürfen gespannt sein, wie schnell sich dann auch

jene Theologen wenden werden, die heute noch den alten Glauben

vertreten. Die noch immer innerkirchliche Streitgespräche führen,

Gezänk anzetteln im abgeschlossenen Denkgetto, Spitzfindigkeiten von

Fachidioten austauschen, Sektenmentalitäten hegen - und schon

lange außerhalb der Realitäten, der Bedingungen menschlichen

Denkens und Tuns leben.

61

Was sich die Menschen bieten lassen oder: Welche

ewige Wahrheit darf es heute sein?

Wer meint, Religion und Kirche seien Angelegenheiten irgend eines

Himmels und dementsprechend allem Irdischen entrückt, bezeugt eine

geglückte klerikale Erziehung - fern aller Wirklich keit. »Das«

Christentum gibt es nur als Abstraktion der Statisti ker oder als einen

Wunschtraum der Theologen. Real gibt es hierzulande die Kirchen:

große (evangelische, römisch -katholische) und kleine (oft

gesellschaftlich namenlose). Die letzteren heißen bei den großen gern

»Sekten«. Einen inneren Grund für diese abwertende Bezeichnung gibt

es nicht: Hier spricht der Machtwille der (noch) Großen. Real sind in

der Bundesrepublik die Verankerungen der Großkirchen in der

Gesellschaft sowie die praktische Symbiose von Kirche und Staat, die

sich gegenseitig ihre Schäfchen zuführen (und deren Geld), obwohl sie

sich auf den Verfassungsgrundsatz der »Trennung« verständigt haben.

Real sind der vergleichsweise hohe Grad an Institutionalisierung dieser

Kirchen, ihre unvergleichlich gute Finanzierung und ihr Reichtum. Wir

haben mit solchen Realitäten zu tun, Tag für Tag. Auch wenn uns der

Überbau der Religion nicht mehr sonderlich interessiert: Das

Bodenpersonal begegnet uns immer. Dieses weiß, woran es sich

klammert. Heinrich Böll hat festgestellt, in unserem Land könnten eher

Dogmen diskutiert und zur Disposi tion gestellt werden als Fragen der

Kirchenfinanzierung. Über wieviel Moral verfügen diese Kirchen denn

noch?

62

»Kirche konkret«, das sind nicht nur Kanzel und Küster, das sind

ebenso die alltäglichen Formen des kirchlichen Soll und Habens. Viele

Menschen stehen der Kirche als einer Arbeitgeberin und

Unternehmerin gegenüber. Wohnungen werden errichtet und

vermietet, Grundstücke vererbt und verpachtet, Konten werden von

Geldinstituten geführt — und das alles macht die Kirche. Die

Tageszeitung kommt aus einem Verlag, der mehrheitlich der Kirche

gehört (die Redakteure wissen es gut), der Sonntagsspaziergang führt

durch einen Wald, den eine Kirchengemeinde meistbietend verpachtet

hat, die Kinder besuchen einen kirchlichen Kindergarten (weil es am

Wohnort keinen anderen gibt), Bier und Wein auf unserem Tisch

stammen aus Kirchengütern und Ordensbrauereien. Die konkrete

Kirche sorgt für unser leibliches Wohl, mögen manche sagen. Für das

geistliche Wohlergehen sorgen die Pfarrer ohnehin, oder nicht? Dafür

wollen sie auch bezahlt sein. Ob sie jedoch genug für ihr Geld leisten,

oder ob sie längst nicht soviel verdienen, wie sie bekommen? Das

Preis-Leistungs -Verhältnis stimmt in der Bundesrepublik am

allerwenigsten auf der ganzen Welt. Nur hier wird die Kirche

überbezahlt und überprivilegiert. Kein anderes Land leistet sich eine

ähnlich teure Kirche. Zu Unrecht? Die Kirchen verfügen doch über

einen wahren Schatz an Moral, an guten Worten und an letzten

Werten, oder etwa nicht?

Wozu gibt es ein solches Service-Unternehmen?

Kaum jemand außerhalb der Bundesrepublik erkennt die Begründung

für diese Überbewertung an, die die Kirche nennt: das sogenannte

»Mehr«, das sie angeblich darstellt oder leistet. Das übrige Europa sieht

da klarer: Kirchen haben weder ein historisches noch ein aktuelles

Mehr. Ihre Vorsprünge vor anderen Interessengruppen sind nicht

allgemein anerkannt. Die

63

Berufung auf sogenannte »letzte Werte« ist in der säkularen

Gesellschaft ebenso wie im weltanschaulich neutralen Staat obsolet.

Von der Tatsache, daß sich die Kirchen in ihrer Geschichte selbst

millionenfach desavouiert haben, ganz zu schweigen. Das hindert diese

aber weder selbst noch ihre Parteigänger in den großen Parteien, den

überholten Grundsatz vom »Mehr« beizubehalten und aggressiv zu

vertreten. Statt endlich auch die Kirche nur als Verband unter

Verbänden zu sehen, ohne ihr schon wieder Privilegien zuzuerkennen,

behaupten solche Lobbyisten entgegen besserem historischem Wissen,

die Kirchen hätten zeitliche und überzeitliche Vorsprünge vor

sämtlichen anderen Gruppen der modernen Gesellschaft. Vor allem

seien sie Kulturträgerinnen ersten Ranges im Abendland und schon

von daher förderungswürdig. Genau dies stimmt nicht. Gerade die

Kirchen, und nur sie, haben eine immense inhumane und damit nichtkulturelle

Vergangenheit. Ein Mehr an Unkultur, zumal an Mord und

Totschlag, läßt sich ebenso leicht nachweisen wie die Tatsache, daß es

zutiefst unbiblisch ist, das sogenannte »ideelle Mehr«, falls es ein

solches wirklich gäbe, finanziell honorieren zu lassen oder durch

besondere Privilegien abzusichern. Kann man sich Jesus aus Nazareth,

der als einziger für das ideelle Mehr stehen mag, als Garant für

Gewinn und Privileg vorstellen? Kann eine kranke Gesellschaft wie

die der Kirche, die beispielsweise das freie Wort nicht schätzt, überhaupt

eine gesunde Kultur, ein ideelles Mehr hervorbringen?

Bei überzeugt Gläubigen (»Gehorsamen«) ist eine auffallend

geringere positive Wertung geistiger Autonomie festzustellen als bei

Nicht-Gläubigen. Denken ist nicht die Stärke der Glaubenden.

Wahrscheinlich werden die Kirchen vor allem deswegen als

Garantinnen ewiger Werte geschätzt und bezahlt, weil der Bedarf an

Ethik um so größer erscheint, je raffgieriger eine Gesellschaft ist. Eine

Gesellschaft, die den individuellen Tod ebensogern verdrängt wie die

Frage nach dem selbstgestalteten

64

Lebenssinn, hält sich für solche Probleme ein Spezialistenteam und

garantiert diesem das Monopol der letzten Tage auch finanziell. Hinzu

kommt, daß man in der Bundesrepublik versäumte, den Anschluß

an die Aufklärung zu halten und eine säkulare Kultur des Humanen

zu entwickeln. Wie es aber um die konkrete abendländische Klerus -

Kultur (und deren letzte Werte) bestellt ist, wird noch zu sehen sein.

Wie viele Menschen bedient die Kirche?

Nicht selten gewinnen Bürgerinnen und Bürger der Republik den

Eindruck, die Oberhirten artikulierten einen »Willen Gottes«, der sich

nur unwesentlich vom Wollen der maßgebenden Christenpolitiker

unterscheidet. Von daher gesehen, nützen Kirchenleute in erster Linie

den staatstragenden Parteitaktikern. Aber zugeben werden dies beide

Seiten des Bündnisses nicht. Sie sprechen viel lieber vom »Volk« und

der »Volkskirche«. Die Zahlen, welche die Klerus-Organisation hierfür

vorlegt, sind beeindruckend. In den letzten Jahren wird von kirchlicher

Seite vor allem auf die sozialen Dienstleistungen verwiesen. Das hat

seinen Grund: Spezifische Glaubensfragen sind längst nicht mehr so

spannend wie früher. Mit dem Dogma macht keine Kirche mehr

Staat. Es ist für sie längst gewinnbringender, wenn sie statt vom

Dogma von der »Cari-tas« sprechen und von deren Leistungen im

Sozialbereich. Was bei den Massen zählt, ist soziales Engagement—

»die Nächstenliebe«. Vorsicht ist jedoch angebracht, wenn die Kirchen

sich als Synonyme der Liebe verkaufen. Vorsicht, wenn sie sich als

Resterscheinungen von Zuwendung in einer lieblos gewordenen

Umwelt verkündigen. Daß hinter den Kulissen der friedfertigen

Charity (die Schuldgefühle in Form von Spenden und Kirchensteuern

übernimmt) die alten Aggressionen lauern, bezeugen die vielen

Berichte von psychisch gefolterten und vergewaltigten Menschen der

Gegenwart, lauter Anklagen der von

65

Mutter Kirche verkrüppelten Kinder. Eine Institution, welche die ihr

Anvertrauten nicht so nimmt, wie sie sind oder sein wollen, kann

sich nicht auf irgendeine Legitimation berufen. Da sie Kinder immer

wieder auf ihr eigenes System hin verkrüppelt, bleibt sie ein ständiger

Skandal.

Gegen sie kann auch niemand auf eine christliche Moral pochen.

Denn die geläufige Moral ist selbst Ergebnis und Bestandteil des

Systems. An ihr Forum zu appellieren ist Unsinn, weil sie ihre eigene

Existenz von denen ableitet, gegen die appelliert werden soll.

Moralische Appelle sind keine systemöffnenden Fragen. Nichts

innerhalb eines bestimmten Rahmens hat die Kraft, den Rahmen

selbst zu leugnen. Spricht die Kirche von Moral, kehrt sie höchst

gefahrlos auf ihr eigenes Territorium zurück. Handelt sie in

»Nächstenliebe«, braucht sie nicht mehr um ihre Existenz zu fürchten.

Sie selbst sagt es seit eh und je der Welt, was unter Liebe zu verstehen

sei. Die Welt ist noch immer voll von solcher Liebe.

Der katholische Caritasverband, der sich in dieser Richtung

organisiert hat, betreibt in der Bundesrepublik rund 30000 Institute

mit 351500 festen Mitarbeitern in Zivil und Ordensgewand. Das sind

mehr Beschäftigte, als die Deutsche Bundespost aufzuweisen hat. In

Krankenhäusern und Pflegeheimen arbeiten 176 000 Menschen für

diese Caritas, in Jugendheimen und Tageseinrichtungen 72000, in

Altenheimen 51000, in Behindertenheimen 30000, in sonstigen

Einrichtungen 22500. Der Wert der vielen sozialen Institute dieses

Verbandes wird auf einen dreistelligen Milliardenbetrag geschätzt.

Keine bundesdeutsche Firma besitzt auch nur annähernd so viele

Immobilien wie die katholische Caritas. Ihre Einnahmen machen Jahr

für Jahr einen zweistelligen Milliardenbetrag aus. Eine umfassende

Kontrolle dieser Milliarden (und der Spendengelder) fehlt ebenso

wie eine einheitliche Vermögensaufstellung für alle Landesverbände.

Bei so viel Dunkel wundert es nicht, daß man immer wieder

66

(und immer häufiger) von Betrug und Unterschlagung in

Millionenhöhe hört. Manch ein Kirchenbediensteter kann der

Versuchung nicht widerstehen, in die eigene Tasche zu arbeiten. Wer

als Kleriker zum Beispiel einen Jahresetat von über 100 Millionen DM

zur Verfügung hat, braucht schon sehr viel Charakterstärke. Und

weshalb soll es ausgerechnet im Klerus keine kriminelle Energie

geben? Die Geschichte der Institution hat doch genügend Beispiele

parat seit der Antike! Aber solche »Einzelfälle« sind noch die geringste

Sorge der Oberhirten. Sie lassen sich isolieren und als Betriebsunfälle

definieren, wie sie überall vorkommen, wo Geld und Macht im Spiel

sind. Schwerer wiegt die Tatsache, daß das Service-Unternehmen

Kirche nicht mehr so akzeptiert wird, wie es dem Klerus gefiele. Die

Kirchen bröckeln nicht nur an den Rändern ab. Ihre Verletzungen sitzen

tief. Zwischen 1979 und 1988 sank in der Bundesrepublik die Zahl der

aktiven katholischen Seelsorgsgeistlichen von 10533 auf 9284. Das

Bistum Augsburg zum Beispiel hat für 600 kleinere Pfarreien nur

noch 178 Priester. Die 220 katholischen Frauenorden melden einen

rasanten Mitgliederschwund: jährlich 350 Eintritte und rund 2000

Todesfälle. Über die Zahl der Austritte aus den Orden werden keine

Angaben gemacht. In den letzten 15 Jahren hat sich die Quote der

katholischen Kirchgänger von 48 auf 24 Prozent halbiert; mehr als

die Hälfte ist über 65 Jahre alt.

Die Akzeptanz der Kirchen wird zum Existenzproblem. Nach

dem Soziologen Ferdinand W. Menne sind in den breiteren Schichten

der Bevölkerung die ausgeformten Morallehren der Kirchen - soweit

überhaupt zuverlässig bekannt - bereits unter die Schwelle der

Konfliktfähigkeit gesunken. Verstöße gegen Dogma und Moral

erfolgen ohne das Bewußtsein einer Normverletzung. Die

Motivationskraft christlicher Ethik (falls es eine solche überhaupt gibt)

verfällt von Tag zu Tag. Was weitergeschleppt wird, sind jene

Restbestände klerikaler Moral, denen es gelang, in allgemeine

konservative Ideologien der Ge-

67

Seilschaft einzudringen und sich in diesen - wie auf dem Terrain Ehe

und Familie - zunächst zu etablieren. Wenn Päpste noch immer

meinen, sie gingen in Sachen Moral der Welt voran, und wenn sie diese

Ansicht in eigenen Enzykliken publizieren, täuschen sie sich: Solche

Hirtenschreiben lösen kein Problem. Sie verraten nur eigene Probleme,

an erster Stelle das des kirchlichen »Lehramtes«, seine Autorität über

Menschen zu behaupten, die sich langsam aus autoritätsvermittelten

seelischen Zwängen und Angstzuständen befreien (G. Hirschauer).

Freiheit aber ist nur zu gewinnen, indem sich ein Mensch vom

bösen katholischen Erbe löst und Abschied nimmt von den Ängsten

seiner Väter.

Warum nicht aus der Kirche austreten?

Keine Organisation gibt gern zu, daß ihr die Mitglieder scharenweise

weglaufen. Bedrohlich sind die Kirchenaustritte auf dem Gebiet der

Bundesrepublik für die Großkirchen — jede führt einige Millionen

Karteileichen — noch immer nicht; für die ehemalige DDR werden sie

als »nennenswert« bezeichnet. Es ist anzunehmen, daß — mit steigender

Tendenz — Jahr für Jahr etwa 80000 Katholiken ihrer Kirche den

Rücken kehren; für 1990 dürften die Zahlen wesentlich höher liegen.

Die Gruppe der Kirchenfreien ist schon ziemlich groß; in Städten wie

Berlin, Hamburg oder Frankfurt umfaßt sie inzwischen mehr als ein

Drittel der Einwohner. Der Anteil der evangelischen Christen in

Hamburg ging zwischen 1970 und 1987 um 20 Prozent zurück, der in

West-Berlin von 67 auf 48,3 Prozent, der in Bremen von 80, 6 auf 59, 7

Prozent. Der Katholikenanteil in diesen Städten lag 1987

durchschnittlich unter 10 Prozent. Damit stellen die katholischen

Bevölkerungsteile eine Minderheit dar; sind die Gruppen der

Konfessionslosen dreimal größer. Dennoch ist im bundesdeutschen

System von Kirche und Staat der (finanzielle, politische) Einfluß noch

immer genau umgekehrt. Wie lange

68

sich die tatsächliche Mehrheit diese Privilegierung der Kirchen noch

gefallen läßt ? Die auf die ehemalige DDR bezogenen Schätzungen (7

Millionen evangelische, 1,1 Millionen katholische Christen) sind

überholt. Von den etwa 16 Millionen Bürgern auf dem einstigen DDRGebiet

ist höchstens noch ein Viertel konfessionell gebunden. Die

Schwemme »politischer Pfarrer« nach der Wende von 1989 hat das Bild

verzeichnet.

Waren 1982 noch 47 Prozent der deutschen Katholiken davon

überzeugt, die Religion könne auf die meisten Zeitfragen eine

hilfreiche Antwort geben, sind es 1989 nur noch 36 Prozent. Die

Bereitschaft, sich wichtigen Lehrentscheidungen des Papstes zu

beugen, ist auf ganze 16 Prozent gesunken, ein noch nie erreichter

Tiefstand. Nur noch 16 Prozent der Katholiken zwischen 20 und 29

Jahren gehen jeden Sonntag zur Messe. Es ist sehr zweifelhaft, ob unter

diesen Umständen weiter behauptet werden darf, Deutschland sei ein

christliches Land und das christliche Sittengesetz auch künftig die Basis

beispielsweise für die Rechtsprechung in Ehe- und Familiensachen. Den

Klerikern wie den von ihnen beeinflußten Juristen kommen nicht nur

die Argumente abhanden, sondern auch die Menschen.

Von einer allgemein verbindlichen christlichen Werteordnung kann

keine Rede mehr sein. Es ist an der Zeit, sich politisch an der

veränderten Situation zu orientieren und die schon vollzogene

Säkularisierung der Gesellschaft entsprechend aufzuarbeiten. Freilich

zögern Millionen Bundesbürgerinnen, die keinen Klerus mehr

brauchen, Konsequenzen zu ziehen und ihre Kirche, die ihnen nichts

mehr bedeutet, auch formell zu verlassen. Die Gründe für diese

Haltung sind unklar: Antriebsschwäche? Versäumnis? Opportunismus?

Angst vor dem Jenseits? Mangel an alternativen Perspektiven? Dabei

ist ein Kirchenaustritt kein Problem: Gang zum Amtsgericht oder

Standesamt, Vorlegen des Personalausweises, Erklärung des Austritts

(ohne Angabe von Gründen), Steuerfreiheit. Der Kir-chenaustritt

stellt die Wahrnehmung eines unverletzlichen

69

Grundrechts dar. Er darf weder behindert noch mit Sanktionen belegt

werden. Dieses demokratische Leitprinzip ist freilich nicht in allen

Regionen der Bundesrepublik anerkannt: Sich in bestimmten

Landstrichen oder Berufen zum Kirchenaustritt zu entschließen kommt

einer Selbstaufgabe gleich. Für Arbeitnehmer im Kirchendienst, von

denen nach vorsichtigen Schätzungen allenfalls drei bis fünf Prozent

noch überzeugte Gläubige sind, ist ein Kirchenaustritt noch immer

praktisch unmöglich. Die Kirchen, die sich als »Tendenzbetriebe«

verstehen, ahnden ihn als Verbrechen gegen ihren Geist. Die

entsprechenden Sanktionen treffen selbst Menschen, die in

Einrichtungen mit konfessioneller Trägerschaft arbeiten, die zu 100

Prozent aus nicht- kirchlichen Mitteln finanziert sind. Der

Kirchenaustritt stellt für viele Menschen eine Lösung persönlicher

Probleme mit der Kirche dar. Das Gesamtproblem löst er vorerst nicht.

Hier ist erst eine Änderung zu erwarten, wenn jene Millionen die

Kirchen verlassen, die heute noch als Karteileichen fungieren.

Wozu werden eigentlich noch Kirchtürme gebaut?

In der bundesdeutschen Gesellschaft werden klerikale Moralstandards

meist nicht im Leben des einzelnen Menschen konserviert. Als

Konservierungseinrichtungen fungieren vielmehr die offizielle Rechts-,

Familien- und Sozialpolitik. Kirche und Staat schützen sich gegenseitig

und leisten sich Amtshilfe, indem sie die gemeinsamen Werte

propagieren. Da der weltanschaulich neutrale Staat offenbar solche

Hilfeleistungen braucht, bezahlt er seine Kirchen entsprechend.

Öffentliche Gelder fließen nicht nur in die Militärseelsorge oder, als

»Entschädigungsleistungen«, in die Taschen der Bischöfe. Sie dienen

auch der Renovierung von Kirchendenkmälern. Sie unterstützen sogar

die Errichtung neuer Kirchen. Schon der Wiederaufbau nach dem Krieg

hatte einen immensen kirchlichen Bauboom ausgelöst. In Stadt

70

und Land gehörten neue Kirchen zum gewohnten Bild. Mancher Pfarrer

stellte seinerzeit Rekorde auf; einige Geistliche galten als besonders

befähigt, weil sie es in ihrem Seelsorgerleben auf mehrere Neubauten

gebracht hatten. Es bleibt abzuwarten, ob es in nächster Zeit einen

ähnlichen Trend auch auf dem Gebiet der früheren DDR geben wird.

Im 20. Jahrhundert dürften mehr Kirchen gebaut worden sein als

in den 400 Jahren vorher. Seit Kriegsende sind etwa 3000

evangelische Kirchen errichtet worden, und allein in der Erzdiözese

Paderborn wurden zwischen 1950 und 1967 nicht weniger als 518

Kirchen, 8 Notkirchen und 393 Dienstwohnungen gebaut. Die Diözese

Speyer hat 1968 fast die Hälfte ihres damaligen Etats, nämlich 16,5

Millionen DM, für Bauten verwendet. Das Bistum Trier plante im

selben Jahr für den Bauhaushalt 17 Millionen, für den sozialen Sektor

aber nur 6 Millionen DM ein. Während 1969 eine durchschnittliche

Kirche noch um eine Million DM gekostet hat, dürfte sich diese

Summe mittlerweile mindestens verdreifacht haben. Investition in

Steine statt in Menschen: Während die Niederlande alte Kirchen

meistbietend versteigern, während in der Diözese Haarlem bis zum

Jahr 2000 wegen des stark rückläufigen Kirchenbesuchs die Hälfte aller

katholischen Kirchen geschlossen werden muß, dürfen sich in der

wohlhabenden Bundesrepublik Landpfarrer und Architekten von

lokaler Bedeutung weiterhin gegenseitig ihren Kunstsinn bestätigen.

Unklar bleibt, wozu noch Kirchtürme gebaut werden. Um ein

»sichtbares Zeichen« zu setzen? Um auf »Gottes Finger« hinzuweisen?

Um Glocken für das Mahnläuten unterzubringen? Um einer Masse

von Armbanduhrträgern öffentlich geförderte Uhren vorzuzeigen?

Selten wird kirchliche Dysfunktion so anschaulich. Nicht wenige

kommen ins Grübeln, wenn sie mit ansehen müssen, wie -mit Mitteln

der öffentlichen Hand - neue und teure Kirchen allein dafür erstellt

worden sind und weiter erstellt werden, um sonntags ein paar

Dutzend Gläubige zu bedienen. Von daher

71

gesehen, sind die Kirchen in der Bundesrepublik völlig unrentabel. Sie

halten keinen Vergleich mit denen anderer Länder aus. Das Thema

muß dringend öffentlich diskutiert, der Skandal beseitigt werden. Die

Zeit der klerikalen Repräsentationsbauten ist ein für allemal vorbei.

Läßt sich der Vatikan aber am Rand der Sahelzone mit einem dem

Volk abgepreßten »Dom« beschenken, der allein 120000

Quadratmeter Marmor für die Prachtstraße zum Besuch des Papstes

verschlungen hat, so ist der Protest nicht Sache der Katholiken (die

schweigen), sondern die aller redlich Denkenden und Fühlenden.

Niemand kann künftig mehr sagen, er habe es nicht gewußt. Wer

durch Spenden, Steuergelder, Wählerstimme einen derartigen

Wahnsinn weiter unterstützt und finanziert, schreibt mit an einem

neuen Kapitel der Kriminalgeschichte des Christentums.

Was verdienen Bischöfe und Pfarrer?

Wenn jemand meint, er bezahle mit seiner Kirchensteuer auch den

eigenen Bischof, und der Konfessionslose tue das nicht, irrt er. Auch aus

der Kirche Ausgetretene tragen hierzulande zum Unterhalt

katholischer Prälaten bei. Die Rechtsgrundlage für solche

bundesdeutschen Spezialitäten sind zum Teil über 150 Jahre alte

Verträge zwischen Staat und Kirche. 1817 wurde — um nur ein

Beispiel zu nennen - eine Übereinkunft zwischen Papst Pius VII. und

Maximilian I. Joseph, König von Baiern, geschlossen, die in ihrem

Artikel IV die Einkünfte »für baieri-sche Erzbischöfe, Bischöfe,

Pröbste, Dechanten, Canoniker, Vi-care« der Erzdiözesen München und

Bamberg sowie der Diözesen Augsburg, Würzburg, Regensburg,

Passau, Eichstätt und Speyer festlegte. Das Konkordat Bayerns mit

dem Heiligen Stuhl von 1924 hat diese Bestimmungen ausdrücklich

akzeptiert. Das Bundesland zahlte denn auch im Jahre 1986 an

Jahresrenten für die bayrischen Erzbischöfe und Bischöfe 900000 DM,

an Gehaltszulagen für Weihbischöfe 180000 DM, an Jah-

72

resrenten für Domkapitulare 8,95 Millionen DM - und zur

»Ergänzung des Einkommens je eines hauptamtlichen Mesners an den

Domkirchen« nochmals 200000 DM. Zuschüsse zur Besoldung von

Seelsorgsgeistlichen schlugen in Bayern damals mit 54,2 Millionen

DM zu Buch, Zuschüsse zum Sachbedarf der Hohen Domkirchen mit

fast 1 Million DM. Diese Gelder haben nichts mit der Kirchensteuer

zu tun; sie erfolgen aus allgemeinen Steuermitteln. Folglich zahlen

auch bayrische Konfessionslose für die Küster an bayrischen Domen

wacker mit.

Bayern hat auf diese Weise an Staatsleistungen für Bischofs und

Pfarrersgehälter u. ä. im Jahr 1986 nicht weniger als 87 Millionen DM

aufgebracht. Andere Bundesländer spendieren ähnliche Summen,

Nordrhein-Westfalen beispielsweise fast 12 Millionen DM jährlich an

»Beihilfen zur Pfarrersbesoldung« und fast 8 Millionen für die

Erzbischöfe und Bischöfe des Landes. Auf diese Weise finanzieren

Kirchenfreie die exotische Kleidung von Bischöfen einer Kirche mit,

die sie selbst schon verlassen oder der sie nie angehört haben. Im

übrigen rentiert es sich — nicht zuletzt aufgrund solcher

Staatssubventionen an Kirchendiener — schon, Oberhirte in der

Bundesrepublik zu sein. Bischöfe werden hier besoldet wie höhere

Ministerialbeamte und beziehen ein Jahreseinkommen von 150000

bis 180000 DM. Ein vergleichbar hohes Gehalt erhalten nur etwa 0,5

Prozent der jeweiligen Landesbeamten. Die weitaus überwiegende

Mehrheit der Beamten (von Arbeitern und Angestellten nicht zu reden)

liegt erheblich darunter. Postbeamte, Polizeibeamte, Finanzbeamte

erreichen in der Regel nicht einmal die Hälfte der Bezüge höherer

Kleriker. Wer also ein »Opferleben« führt, der zölibatäre Priester oder

der Familienvater, ist keine Frage mehr.

Die westdeutschen Kleriker erhalten nach eigenen Aussagen

»Spitzengehälter«; nach Besoldung und Einkommen geht die Schere

zwischen Pfarrern und »Laien«-Mitarbeitern der Groß-

73

kirchen weit auseinander. Pfarrer werden in der Bundesrepublik in der

Regel wie Beamte im höheren Dienst (Hochschulabschluß) bezahlt;

ihr durchschnittliches Einkommen liegt damit zwischen 3000 und

5000 DM. Nicht vergessen werden dürfen in diesem Zusammenhang

die weiteren Vorteile des geistlichen Lebens: freie Dienstwohnung

(einschließlich Energiekosten, Telefongebühren, Dienstwagen),

häufige Einladungen, die das eigene Portemonnaie schonen. Der

Monatsetat eines Klerikers leidet selten übermäßig. Vielmehr kann

manches dem Privatvermögen zugeführt werden. War es früher

erstrebenswert, »wie Gott in Frankreich« zu leben, so ist es

gegenwärtig lohnender, Pfarrer in der Bundesrepublik zu sein. Freilich

scheint dieses Leben nicht allen zu bekommen: Zwei neuere

wissenschaftliche Untersuchungen erwiesen, daß Geistliche beider

Großkirchen nicht nur in überdurchschnittlichem Maß sexuelle

Probleme haben, sondern auch auffällig häufig suchtkrank sind. In der

Bundesrepublik sollen gegenwärtig etwa 4000 geistliche Personen

mehr oder weniger von Alkohol oder Medikamenten abhängig sein.

Sind nicht Diakonie und Caritas der Kirchen liebste

Kinder?

Mit der Angst vor dem Jenseits, also mit spezifischen

Glaubensgründen, können wohl nur noch wenige dazu bewogen

werden, ihr Geld der Kirche zu geben. Dies Paradigma hat beinahe

ausgedient. Um so aktueller ist das neue: Die Kirche braucht Geld, um

karitative Aufgaben zu erfüllen. Nicht von ungefähr kommen nun

Theologen immer häufiger zu dem Schluß, Christentum habe eine

»soziale Seite«, »Nächstenliebe« sei eine zentrale Aussage des Neuen

Testaments und so fort. Das stimmt zumindest in einer Hinsicht:

Niemals war - so die Theologin Uta Ranke-Heinemann - in den

Großkirchen die christliche, das heißt friedenstiftende, gar

pazifistische Tradi-

74

tion vorherrschend. Vielmehr verbindet sich die militarisierende

Verfälschung des jesuanischen Wollens mit der »Caritas«, mit dem

Verbinden von Wunden und dem Bestatten der Toten. Krankendienst

und Waffendienst werden zu hervorstechenden Merkmalen des

Christseins, klassisch verkörpert in den Spitalorden, die zur Zeit der

Kreuzzüge entstanden sind. Wunden und Schmerzen sind Früchte

christlicher Militanz - und Hilfe und Heilung Früchte christlicher

Caritas. Immer haben sich die Christen mit der schönen Pflicht der

Hilfe für Verwundete und Sterbende über die primäre Pflicht

hinweggeholfen und hinweggelogen: Wunden und Tod dadurch zu

verhindern, daß Kriege verhindert worden wären. Unter dem

Gesichtspunkt der Arbeitsplatzbeschaffung für Mann und Frau ist

freilich die gewählte Form vorteilhafter: christliche Soldaten hier und

dort christliche Krankenschwestern.

Die klerikale »Caritas« ist ein Buch mit sieben Siegeln. Sie hat

noch immer »kein System der öffentlichen Abrechnung sowohl für

die Gesamtbilanz als auch für Einzelaktionen gefunden«. Gegen die

Folgerung, daß schon deshalb Spenden an sie »nicht empfohlen«

werden können, zog eben diese Caritas vor den Kadi. Viel Erfolg hatte

sie nicht; sie muß den überwiegenden Teil der Prozeßkosten aus allen

Instanzen tragen. Aus welchem Topf sie das Geld wohl nimmt?

Daß in den letzten Jahren kirchliche Wohlfahrtsverbände ins

Zwielicht geraten, daß ihnen Filz, Korruption und Inkompetenz

vorgeworfen worden sind, wiegt gewiß nicht leicht. Ungleich schwerer

als diese Kritik lastet jedoch der Vorwurf auf den Kirchen, ihre

karitativen Unternehmungen seien erratische Blöcke im

demokratischen Rechtsstaat. Und mit »Caritas« hätten sie recht wenig

zu tun. Vielme hr machten sie nur unlautere Werbung für

Sozialleistungen, die nicht die ihren seien (da zu 90 Prozent vom Staat

finanziert). Ob die Kirche dem Vergleich mit einem weltanschaulich

neutralen Verband wie beispielsweise dem Deutschen Roten Kreuz

überhaupt noch standhält?

75

Werden kirchliche Kindergärten von der Kirche bezahlt?

Kinder sollen beten lernen, Kirchen dafür zahlen? Genau da liegt das

Problem, das mit der Kirche und unserem Geld zu tun hat. Denn, was

viele Eltern gar nicht ahnen: Nicht die katholische Kirche unterhält

finanziell den Kindergarten, der nach ihr benannt und auf ihre

klerikalen Prinzipien ausgerichtet ist, sondern der weltanschaulich

neutrale Staat. Wieder einmal stoßen wir auf eine unglaubliche, aber

wahre bundesdeutsche Spezialität: Das Verhältnis zwischen staatlicher

und kirchlicher Finanzierung der Kindergärten beträgt, alles in allem,

etwa 75 zu 15 (die fehlenden 10 Prozent sind Elternbeiträge). Das

bedeutet, daß zwar alle Steuerzahler - unabhängig von ihrem

Glaubensbekenntnis - mit dazu beitragen, daß Kindergärten in

kirchlicher Trägerschaft betrieben werden können, daß aber nur die

klerikale Kleingruppe (die zu höchstens 18 Prozent beteiligt ist) in

diesen Kindergärten befiehlt. Katholische Kindergärten gehören zu

den klerikal bestimmten und damit demokratiefernen Einrichtungen

der Bundesrepublik.

Die Kirche, das heißt zumeist der — fast ausschließlich seinem

Bischof verantwortliche — Ortspfarrer, entscheidet über die

Einstellung und Kündigung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern

sowie über die Art der Erziehung, die sie über diese handverlesenen

Mitarbeiterinnen den Kindern »angedeihen« läßt - oder zumutet. Das

ist ein Privileg. Oder ein Monopol, worüber nicht nur die jeweiligen

Kleriker wachen, sondern auch deren Außenposten, die christlichen

Kommunalpolitiker. Kindergärten und Kindertagesstätten sind beliebte

Felder kirchlichen Engagements. Weltanschauungsgemeinschaften

wollen die Menschen möglichst früh auf ihre Leitbilder einschwören.

Und was so früh angelegt ist, soll ein Leben lang nicht mehr abgelegt

werden können. »Schon früh«, sagt es ein Faltblatt der evangelischen

Landeskirche Württembergs, sollen die Kinder »die prägende Kraft des

Evangeliums« erfahren. Also Hand auf

76

die Kinder — und die Kindergärten. Und auf die Schulen. »Wer die

Jugend hat, hat die Zukunft«, hieß es bei den Nazis. Und in den

kommunistischen Staaten verfährt man nach dem gleichen Grundsatz.

Sozialleistungen sind zwar im Prinzip von öffentlichen Trägern zu

erbringen. Doch widerspricht die Monopolbildung der Kirchen im

Kindergarten-, Krankenhaus - und Behindertenbe-treuungsbereich dem

Sinn dieses Prinzips. Die Klerikergruppen sind hierzulande schon lange

nicht mehr nur »subsidiär« am karitativen Werk. Sie haben alle

wichtigen Plätze im Sozialsektor eingenommen. Und der Staat bezahlt

sie dafür. Sie genießen nach wie vor Narrenfreiheit. Ihre

missionarische Zielrichtung kann im weltanschaulich neutralen Staat

ohne Bedenken öffentlich propagiert werden. Die Zuteilung der - auch

von Bürgerinnen und Bürgern anderer, ja gegenteiliger

Weltanschauungen aufgebrachten - Finanzmittel wird durch die

entsprechenden Äußerungen des Klerus nicht im geringsten gefährdet.

Ein katholischer Priester konnte daher »seinen« Kindergarten bei der

Einweihung »eine Oase der religiösen Erziehung« nennen, ein anderer

meinen, »das religiöse Training« könne »nicht früh genug beginnen«.

Und ein Leben lang anhalten. Von den 31,2 Millionen DM, die

Bayern 1987 für Erwachsenenbildung bereithielt, flössen allein 6,2

Millionen DM der Katholischen Landesarbeitsgemeinschaft für

Erwachsenenbildung zu. Das ist eine ganze Menge Geld, die nichts

mit Kirchensteuermitteln zu tun hat, sondern mit Staatsleistungen für

Kirchenzwecke. Damit kann die Lobby schon etwas anfangen. Der neue

Erzbischof von Köln, Kardinal Meisner, gab denn auch die

wegweisende Parole aus, die bundesdeutsche Gesellschaft sei

»christlich zu unterwandern«.

77

Können wir mit der Fürsorge der Kirche zufrieden sein?

Nach einer von der Katholischen Nachrichtenagentur im April 1988

veröffentlichten Umfrage sind sich fast alle Kirchensteuerzahler darin

einig, daß die Einnahmen aus der Kirchensteuer vor allem für soziale

Zwecke ausgegeben werden sollten. Tatsächlich entfallen von den

Kirchensteuereinnahmen nur etwa 9 Prozent (katholisch) und 7

Prozent (evangelisch) auf soziale Zwecke. Der ungleich größere Rest,

zwischen 50 und 70 Prozent, geht für die Besoldung von

Kirchenbediensteten drauf. Darüber sprechen diese nicht gern. Vorerst

wird weitergewurstelt wie gewohnt. Konfessionelle Kindergärten sind

fast schon Monopolbetriebe. Und das bringt nicht nur Kinder in die

Kirchen, sondern auch Geld in die Kirchenkassen. Im Saarland beträgt

das Verhältnis von kirchlich betriebenen und nicht-konfessionell

betriebenen Kindergärten etwa 16:1. München zahlt an kirchliche

Kindergärten das über Dreifache von dem, was es pro Jahr an

Kindergärten zahlt, die von freien Wohlfahrtsverbänden und

gemeinnützigen Trägern unterhalten werden. Das heißt, daß rund 77

Prozent der gesamten öffentlichen Zuschüsse in kirchliche

Einrichtungen wandern.

Caritas in diesem Sinn wird vom Steuerzahler finanziert — und von

der Kirche propagandistisch ausgeschlachtet. Den Ruhm der nackten

Zahlen hat allein sie. Sie kann verbreiten, sie unterhalte in der

Bundesrepublik Hunderttausende von Sozialeinrichtungen, sie sorge

für die Menschen, ob klein oder groß, ob arm oder schwach. Denn im

Fall anderer karitativer Institute wiederholt sich das Gesagte:

Einrichtungen, die kranke, behinderte oder alte Menschen in deren

Wohnung betreuen, werden in vielen Gebieten der Bundesrepublik

ebenfalls zum überwiegenden Teil von den Kirchen unterhalten. Aber

finanziell beteiligt sind diese nur etwa zu 13 Prozent der anfallenden

Kosten. Den Hauptteil von 87 Prozent übernehmen Zuschüsse des

Landes und der Kommunen sowie Krankenkassen

78

und Privatpersonen. Wieder zeigt sich das gleiche Bild von der

»Caritas«: Fast 90 Prozent zahlen andere, doch als »Wohltäterinnen«

(und einflußreiche Arbeitgeberinnen) treten aus schließlich die

Kirchen in der Öffentlichkeit auf. Für Hunderttausende von

(konfessionslosen, steuerzahlenden) Eltern aber heißt die

»demokratische« Alternative: entweder katholisches Frühtraining

oder Verzicht auf die Sozialeinrichtung Kindergarten.

Hinsichtlich der »Caritas« bestehen freilich wesentliche

Denkverbote. So ist es noch immer ein besonderes Tabu, die karitativen

Hilfeleistungen der Kirchen zu hinterfragen. Es gelang, wie gesagt,

dem Klerus, in einer Zeit abnehmenden Glaubens die karitative Seite

des Christentums stärker denn je zu betonen. Kirche und Caritas

wurden fast schon zu einem öffentlichen Synonym. Die kirchlichen

Sozialträger finanzieren ihren relativ geringen Kostenanteil übrigens

auch noch aus Straßensammlungen und ähnlichen Bettelaktionen.

Sogar Lotterieeinnahmen fließen in diese Richtung: Zwischen 1967

und 1983 überwies allein die Fernsehlotterie »Ein Platz an der

Sonne« den Kirchen 50 Millionen DM. Die Bundesrepublik

bezuschußte 1984 mit insgesamt über 202 Millionen DM, 1985 mit 211

Millionen DM die kirchliche Entwicklungshilfe. Diese staatliche

Leistung geht zu nicht geringen Teilen an Projekte, welche — im Fall

der katholischen Kirche - ungeniert als »Weltmission« firmieren. Die

Katholiken selbst haben an Spenden für ihre Weltmission nur gut die

Hälfte der staatlichen Subvention, nämlich 117 Millionen DM,

aufgebracht. Nach dem Haushaltsplan für das Bistum Berlin von 1989

sind für »Bischof und Domkapitel« 706000 DM vorgesehen gewesen,

für »Weltmission« 32000 DM. Klerikale Caritas ist wesentlich

fremdfinanzierte Caritas - oder gar keine. Karitativ-soziale Leistungen

machen nur einen geringen Teil in den Haushaltsplänen der

Großkirchen aus. Während der letzten zehn Jahre ist der ohnedies noch

nie hohe Haushaltsposten »Caritas« in den Diözesan-

79

haushalten kontinuierlich zurückgegangen. Im übrigen sind diese

Gelder häufig vermögenschaffend angelegt worden, also für den

Erwerb von Grundstücken oder für bauliche Zwecke. Die kirchliche

Nächstenliebe stammt zu wesentlichen Teilen aus der Staatskasse. Die

halbe Million ehrenamtlicher Mitarbeiterinnen, von der die Kirchen

sprechen, sind — höchstens ein bis zwei Tage pro Jahr - beim Sammeln

von Spenden für Caritas und Diakonie tätig. In karitativen

Einrichtungen der Kirchen wie Krankenhäusern, Alten- und

Behindertenheimen arbeitet so gut wie niemand unentgeltlich. Hier sind

nach Tarif bezahlte Kräfte tätig. Keine zwei Prozent davon sind

Nonnen.

Spricht die Kirche für das Volk?

Die Wahrheit ist konkret; große Worte machen sie ebensowenig aus

wie Fensterpredigten. Machiavelli, ein genauer Beobachter der

Wirklichkeit, erkannte in den Jahren zwischen 1510 und 1520, »daß

die Völker am wenigsten Religion haben, die der römischen Kirche,

dem Haupt unseres Glaubens, am nächsten sind«. Im Kirchenstaat,

einer wahren Klerokratie, in der Priester und Polizei komma ndierten,

gab es noch im 19. Jahrhundert 70 Prozent Analphabeten. Ein weiteres

geschichtliches Faktum erlaubt andere Einblicke in das undemokratische

Innenleben einer »Volks«-Kirche am Hauptsitz Rom: In einer

Volksabstimmung im Herbst 1860 hatten sich schon 230000

Menschen gegen die päpstliche Herrschaft in den Provinzen

Umbrien und den Marken entschieden, und nur 1600 hatten für Pius

IX. gestimmt. Das hielt den Souverän nicht davon ab, nach wie vor ein

Fünftel der landwirtschaftlichen Fläche von ganz Italien zu

beanspruchen und den Seinen die Freiheiten zu versagen, die sie

außerhalb seines Machtbereichs schon längst errungen hatten.

Als der Papst schließlich 1870 seinen Staat verlor, obgleich die

Bischöfe des Erdkreises immer wieder versichert hatten, das

80

weltliche Regiment des Heiligen Vaters - und wohl auch die 40000

Quadratkilometer Landbesitz - sei von Gottes Vorsehung gewollt,

und als sich bei einer Volksabstimmung 133000 Wähler für den

Anschluß an Italien (und nur 1500 dagegen) ausgesprochen hatten,

zog sich Pius IX. schmollend in seinen Vatikan zurück.

Entschädigungsangebote lehnte er ab. Aber nicht etwa, weil er der

Auffassung war, sein früheres Territorium sei ohnedies von seinen

Vorgängern zusammengestohlen gewesen, sondern weil er auf eine

Befreiung aus seiner »Gefangenschaft« hoffte. Schon 1871 wollte er

allen Ernstes, daß das Deutsche Reich ihn militärisch (»Kreuzzug über

die Alpen«) aus seiner Lage befreie und die »Beraubung des Heiligen

Stuhles« rückgä ngig mache. Da hätte er lange warten können. Ganz so

dumm schössen die Preußen nicht. Befreit wurden die im Vatikan

»gefangenen« Päpste erst von Mussolini. Der Faschismus Italiens

machte ein für allemal klar, wie gute Christen mit ihren Päpsten

umzugehen hatten. Daß der Name Mussolini in goldenen Lettern in die

Geschichte der katholischen Kirche eingetragen werde, stand 1929 in

einem Glückwunschtelegramm aus Köln. Absender? Konrad

Adenauer.

Papst Pius IX., dessen Eigensinn die Kirche das Dogma von der

»Unfehlbarkeit« verdankt, ist zu Recht schon lange nicht mehr im

Gespräch. Er war ein Zeitirrtum. Einmal mehr zeigt sich deutlich die

historische Erfahrung der Menschen: Grundrechte müssen gegen die

Amtskirche durchgesetzt werden. Mit ihr zusammen läßt sich nichts

bewegen. An der Emanzipation des neuzeitlichen Menschen hat die

Kirche so gut wie keinen Anteil. Martin Dibelius, ein bedeutender

protestantischer Theologe aus Deutschland, sagte einmal knapp:

»Darum waren alle, die eine Verbesserung der Zustände dieser Welt

wünschten, genötigt, gegen das Christentum zu kämpfen.«

Mit der Demokratie hatte der Vatikan - bis heute Sitz einer in Europa

einmaligen absoluten Monarchie — nichts im Sinn. Immer wieder

kamen von Papst und Bischöfen antidemokratische

81

Äußerungen: Rom weigerte sich aus Gründen der Selbsterhaltung, die

bürgerlichen Rechte auch nur von fern anzuerkennen.

Meinungsfreiheit und Pressefreiheit blieben ihm ein Greuel. Zur

Erinnerung: Die Erklärung der Menschenrechte zu Beginn der

Französischen Revolution wurde von der Kirche mit einer

Verlautbarung beantwortet, die diese Menschenrechte -

Gedankenfreiheit, Religionsfreiheit, Rede- und Pressefreiheit — als

Ungeheuerlichkeiten verdammte. Woher der tschechoslowakische

Staatspräsident Vaclav Havel das Recht nimmt, den Papst, der von

einem »unter dem siegreichen Zeichen des Kreuzes« vereinten Europa

träumt, als »unseren Lehrer und Mitstreiter für die Ideale der

Menschenrechte« zu bezeichnen, bleibt unerfindlich. Hält Havel, von

dem früher anderes zu hören war, das Gedächtnis der Menschen für

erschöpft?

Fuldas Bischof Johannes Dyba schmähte noch 1989 die Französische

Revolution als »Machtübernahme der Gottlosen«, die »vor 200 Jahren

zum ideologischen Völkermord geführt« habe. Die ideologischen

Völkermorde (Religionskriege, Kreuzzüge, Inquisition,

Indianerausrottung), die seiner eigenen Kirche anzulasten sind, hat er

in diesem Zusammenhang zu erwähnen versäumt. Hierzulande kann

sich ein Kleriker so etwas noch immer leisten. Und wenn niemand auf

ihn hört, läßt er die Glocken rufen.

Nebenbei: Wann dürfen in Deutschland die

Glocken läuten?

Deutsche Kirchenglocken haben nachweislich nicht nur - auf Wunsch

des Oberhirten Dyba — zum »Tag der Unschuldigen Kinder« (28.12.)

des Jahres 1989 geläutet, sondern auch aus Anlaß von »Führer«-

Besuchen während der Hitler-Diktatur. Die deutschen Bischöfe haben

zu Hitlers sogenannter »Volksabstimmung« vom 10. April 1938

mahngeläutet, um die Ihren an die Urnen zu treiben. Nach der

Niederlage Polens 1939

82

haben sie sieben Tage hintereinander zwischen 12 und 13 Uhr

festläuten lassen, um Hitlers Angriffskrieg zu feiern. Aus Anlaß der

Vereinigung Deutschlands sollten die Glocken allerdings nicht läuten

dürfen; Kleriker hatten plötzlich »politische Bedenken«. Wie viele der

mahn- und festläutenden katholischen Glocken sind wohl aus

staatlichen Mitteln mitfinanziert worden? Es müssen Tausende sein.

Wo bleibt das »Freie Wort zum Sonntag«?

Privilegien für die Kirchen gibt es zuhauf. Nicht immer sind sie

versteckte Subventionen. Oft brüsten sie sich selbst, und dies in einem

Land, das - offiziell - die Trennung von Staat und Kirche kennt.

Obwohl das Bonner Grundgesetz zu seinen unveräußerlichen und

irreversiblen Grundrechten das Recht und die Pflicht eines jeden

Menschen zählt, wegen seiner Religion weder »bevorzugt noch

benachteiligt« zu werden (Art. 3, 3 GG), werden Kirchen und

Kirchenangehörige hierzulande unwidersprochen bevorzugt. Zu den

wichtigsten Gebieten gehört in diesem Zusammenhang das Medium

öffentlich-rechtlicher Rundfunk. Der frühere Vorsitzende der

»Publizistischen Kommission der Deutschen Katholischen

Bischofskonferenz«, Bischof Georg Moser (Diözese Rottenburg-

Stuttgart), hat 1987 den zur Ratifizierung anstehenden

Medienstaatsvertrag kritisiert, weil »private Rundfunkveranstalter

den Kirchen die Selbstkosten für Sendezeit in Rechnung stellen

könnten«. Der Bischof wußte, wovon er sprach: Bei den öffentlichrechtlichen

Anstalten geht das - und die Kirchen leben offensichtlich

davon - vergleichsweise billig ab. Daß der Klerus für sein »Wort zum

Sonntag« bezahlt, ist nicht bekanntgeworden. Er besetzt diese

Sendeplätze für seine Werbung kostenlos.

Man weiß auch, daß ein »Freies Wort zum Sonntag«, das sich

zum Sprachrohr der Millionen kirchenfreien Bürgerinnen und Bürger

der Republik machen könnte (Themen genug!),

83

bisher von den Besitzkirchen verhindert wurde. Millionen

Konfessionslose bezahlen ihre Gebühren in dieser Hinsicht umsonst,

und jene Politiker, die so gern von allgemeinen Menschenrechten

sprechen, haben noch kein Wort über diese Benachteiligung verloren.

Die Freiheit der Andersdenkenden zu wahren, zu fördern ist unter

Kirchenleuten kein Thema. Auch bei den Privatsendern nicht, bei

denen schon wieder ganz selbstverständlich ein paar Klerikale hocken

und über die Moral aller wachen.

Über wieviel Moral verfügt die Kirche?

Die Gesellschaft hat seit langem die Verwaltung des Religiösen an einen

erfahrenen Konzessionär abgegeben, den Kirchenapparat. Ihn

bezahlen die meisten, von ihm verlangen viele, daß er seine Aufgabe

still und zur allgemeinen Zufriedenheit erfüllt. So lange sie ihn noch

brauchen. Was immer war, muß bleiben: eine Regierung, die privaten

wie öffentlichen Wohlstand garantiert, eine Streitmacht, die diesen

gegen Feinde und Neider verteidigt, und wohlfeile Kirchen, die beides

absegnen. Der Klerus arbeitet nach öffentlicher Meinung aufgrund

einer Konzession, die zu den Grundlagen der »christlichen

Gesellschaft« gehört, auf die - vorerst — nicht verzichtet werden kann.

Die Institution ist gut dotiert, denn der Normalverbraucher läßt sich

seine Religion schon etwas kosten. Nichts Schlimmeres für viele als

das Gefühl, die Konzessionärin sei von ihrer Aufgabe überfordert und

müsse sich dies sogar öffentlich sagen lassen. Kurz: Sie leiste nichts

fürs Geld. Dann wird es für die Kirche lebensgefährlich. Alles kann

sie sich leisten, Skandale zuhauf, aber nicht die allgemeine Meinung,

sie sei eigentlich zu nichts nütze. Satte reagieren ausgesprochen

empfindlich auf alle Störungen ihrer Sicherheit. Die Kirchen strampeln

sich ab; immer wieder suchen sie, den aufkommen-

84

den Eindruck, sie taugten eigentlich nicht viel, durch besondere

Anstrengungen zu verwischen. Und da es mit dem allgemeinen

Glauben schon lange nicht mehr weit her ist, versuchen sie es -die

feiertags üblichen folkloristischen Einlagen hier einmal beiseite gelassen

— mit dem, was sie »Moral« nennen. Auf diesem Terrain fühlen sie sich

zu Hause; es gibt sogar Leute (vor allem Parteipolitiker), die meinen,

die Kirchen besäßen so etwas wie ein Moralmonopol. Aber die

Wirklichkeit sieht wie so oft ganz anders aus. Was von klerikaler Seite

als zeitlose Moral, letzter Wert, göttliches Gebot verkündigt wird, ist

Ergebnis einer geschickten Anpassung an die jeweiligen Zeitläufte.

Beliebigkeit statt Zeitlosigkeit ist an der Tagesordnung. Neue

Theologien oder Moralen verdanken, nach dem Religionssoziologen

Günter Kehrer, ihre Öffentlichkeitswirkung nicht selten dem Gespür

ihrer Erzeuger für die Themen, die in der Luft liegen. Theologen sind

gute Theologen, wenn sie ein solches Gespür offenbaren — und für die

Interessen ihrer Oberhirten einsetzen. Ob die so entstehende und

propagierte »Moral« für die Menschen taugt, ist eine andere Frage.

Der Zeitgeist? Kirchen müssen, wollen sie gehört werden, den

Durchschnitt bedienen. Heilige sind zu selten, als daß eine

»Volkskirche« auf sie, vom »Vorbildcharakter« abgesehen, zählen

dürfte. Volkskirchen müssen eine mittlere, dem allgemeinen Denken

und Empfinden angepaßte Meinung vertreten. Zu mehr reicht es nicht.

Dieser Grundsatz gilt besonders für die katholische »Volkskirche«, die

in einem entschiedeneren Sinn als die protestantischen Kirchen eine

offizielle Moral propagiert. Den Zeitgeist, dem sie ihre Moral

verdankt, verrät sie nie; sie leitet ihre Auffassungen aus ihm ab, selbst

wenn es von Fall zu Fall anders aussieht. Ihr Pech: Es handelt sich

stets um den Geist vergangener Zeiten, dem sie sich angepaßt hat. Nach

vorne weist sie nicht. Als jüngste Schicht in den klerikalen

Moralsystemen lassen sich - so Ferdinand W. Menne - jeweils ethische

Reflexe auf den Teil der Wirklichkeit ausmachen, den

85

die offizielle Kirche positiv oder negativ zur Kenntnis nehmen darf.

Sie schöpft aus dem Vorrat der religiös interessierenden Themen

jeweils die, die zum jeweiligen Zeitgeist passen. Sie setzt ihre

Schwerpunkte nach eigenem Gusto. Dabei beweist sie diplomatisches

Geschick: Sie paßt sich zu fast 99 Prozent an, indem sie Themen von

allgemeinem Interesse nun auch ihrerseits als »moralisches Problem«

behandelt, und sie hält sich ein, zwei Prozente an »Widerspruch« frei

(gegenwärtig die Frage des Schwangerschaftsabbruchs), um von sich

behaupten zu können, sie sei »nicht von dieser Welt«. Derart bleibt sie

- vorerst - im Gespräch und hat heute noch einen bestimmten Einfluß

auf die öffentliche Meinung.

Die Kirche sei geschichtlich, heißt es - eine bloße Banalität. Was

anders sollte sie sein? Was anders als eine zu einem geschichtlich

festzumachenden Zeitpunkt entstandene, legitimierte und ausgestaltete

Institution? Was anders als eine Institution, die ebenso ein

geschichtlich festzustellendes Ende haben wird, wie sie einen

historischen Anfang hat? Gerade das sogenannte »Mehr«, das von

Klerikalen mit Zähnen und Klauen verteidigt zu werden pflegt, hat sich

als geschichtlich gewordenes und geschäftlich ausgenutztes

Sammelsurium von frommen Wünschen erwiesen. Nirgendwo ist der

Nachweis gelungen, daß es -über die Anhäufung von Ängsten und

Wunschphantasien hinaus - ein tatsächliches »Mehr« gibt - und wie

dieses zu fassen oder zu benennen sei.

Diese Wahrheit haben Klerikale zu allen Zeiten besonders

gefürchtet. Sie leben nach anderen Prinzipien, zumal diese sich als sehr

profitabel erweisen. Die überall festzustellende Re-formunwilligkeit

der Kirche ist auch in der Tatsache begründet, daß eine Moral, die nicht

von Menschen stammen will, auch nicht zugeben wird, sie könne von

Menschen verbessert (humanisiert) werden. Und solche Eigenmoral

einer elitären Gruppe soll als Vorbild für eine ganze Welt dienen? Sie,

die vatikanische, soll in andere Kulturen exportiert werden ? Wann

86

endlich ist die Mission zu Ende? Daß die Kirchen historisch gescheitert

sind, beweisen Hunderte von Beispielen. Daß sie unredlich handeln,

ist ebenso erwiesen: Eigentlich hatte der frühe Gott der Kirchenleute

deutlich genug gesprochen. Doch wird sein Wort eben nicht aufs Wort

befolgt, wenn es um das Innenverhältnis der Kirchenleute geht. Nicht

alle Gebote Gottes sind von gleicher Durchsetzungskraft. Nicht alle

haben es geschafft, von den Gläubigen anerkannt zu werden. Offenbar

wählen Kleriker sorgfältig aus den Offerten ihres Gottes aus, was

ihnen als Gebot tauglich erscheint und was nicht. »Ihr sollt nicht

schwören, euer Wort sei eindeutig Ja oder Nein« (Mt 5, 34-37), hatte

Jesus geboten. Die Kirche hält sich nicht im mindesten daran; sie läßt

die Ihren schwören, sooft sie will. »Keinen auf der Erde sollt ihr

euren Vater nennen, denn nur einer ist euer Vater, und der ist im

Himmel« (Mt 23, 9), heißt das strikte Gebot in der Bibel. Der Heilige

Vater zu Rom lacht sich eins, die vielen geistlichen Väter desgleichen.

»Wenn ihr betet, so zuhause, im Zimmer eingeschlossen, in der Stille«

(Mt 6, 6): Auch dies Wort ist längst desavouiert, nicht zuletzt durch die

Prachtbauten der Kirchen in aller Welt.

Die Reihe der still vergessenen und amtlich wegdiskutierten

Gottesgebote ist fast beliebig fortzusetzen. Doch das Schweigen und der

Ungehorsam des Klerus gegenüber dem, den er seinen »Stifter« oder

»Herrn« heißt, ist nur die eine Seite der Moral. Die andere ist nicht

weniger erschreckend. Wo Gebote nicht gehalten werden, wo Moral

beliebig geworden ist, müssen die entstandenen Lücken gefüllt

werden. Darin haben die Kirchen wirklich ein Monopol, weil sie seit

Jahrhunderten die Lücken mit eigenen Anpassungsleistungen stopfen.

Erstaunlich, wieviel »neue Moral« entstand: Aussagen - in der

römischen Kirche sogar »unfehlbare« - über Themen, von denen selbst

der biblische Gott nicht das geringste ahnte und äußerte.

Moraltheologische Lehren über Masturbation, über ehelichen und

vorehelichen Geschlechtsverkehr, über Kondome und Pillen.

87

Von einigen Auswüchsen dieser »Moral« ist im folgenden zu sprechen.

Ihre Schwerpunkte sind von der Kirche vorgegeben. Nicht ohne Grund

haben sich Kleriker mit sexuellen Problemen besonders intensiv

beschäftigt: Besessenheit ist Ausdruck des Mangels. In Sachen

»Umwelt«, einem der wichtigsten Beispiele neuzeitlicher Ethik, ist das

kirchliche Engagement vergleichs weise gering. Eigene und fremde

Schlafzimmerprobleme sind interessanter. Mit Fragen nach dem Sex -

und ihrer »richtigen« Beantwortung - lassen sich viel mehr Menschen

hörig halten als mit der Sorge um die Zukunft einer Welt, die — »Macht

euch die Erde Untertan!« - hemmungslos ausgebeutet worden ist

und weiter ausgebeutet wird.

Aber die Fehlorientierung rächt sich schon: Auf dem Weg zur

humanen Gesellschaft sind die Kirchen längst keine Führerinnen mehr

(wenn sie es je waren). Von Klerikern kann kein Anstoß zum Leben

erwartet werden. Moral, der es um eine lebendigere Zukunft geht,

kommt um die Wahrheit nicht herum. Die Priester haben sich so sehr

in ihren eigenen Netzen verfangen, daß sie in wirklich bedeutsamen

Bereichen kein Gehör mehr finden. Daß sie an einem ausgeprägten

»Wir-auch-Syndrom« leiden, daß sie mit hängender Zunge hinter

jedem neuen Problem herlaufen, um eine »Lösung« zu erarbeiten, die

niemanden interessiert, daß die wirklich praktikablen Lösungen von

anderen kommen, sei hier nur angemerkt.

Sollst du Vater und Mutter ehren oder doch lieber die Kirche?

Die angeblichen Zehn Gebote Gottes haben es schwer in der Kirche.

Nicht allein die einzelnen Sünderinnen und Sünder verstoßen Tag für

Tag gegen sie, sondern die Kirche selbst hält sich von Amts wegen

kaum daran. Den ersten Fall, die Privatpersonen und ihren Umgang

mit dem Gebot, haben manche Beichtväter noch im Griff. Da kann

immer wieder Sündenangst

88

eingejagt werden. Doch den ungleich schwierigeren zweiten Fall, in

dem die Institution selber betroffen ist, löst niemand so schnell.

Beichtväter für die Kirche gibt es wohlweislich nicht, und deshalb tut

sie sich auch so schwer mit Reue und Buße. Daß die

Kirchengeschichte eine Kriminalgeschichte ist, daß sie voll ist von

Mord und Totschlag, daß Kleriker sich selten an das Gebot »Du

sollst nicht töten« gehalten haben, ist evident. Priester haben politische

Morde wie die Bartholomäusnacht (1572 sterben 20000 Hugenotten)

mitverantwortet, Priester haben sich bis heute für die Möglichkeit

staatlichen Tötens (»Todesstrafe«, »gerechter Krieg«) ausgesprochen.

Dabei geht es nicht darum, »Sünder« festzumachen. Kritik an

einzelnen Fehlleistungen wirkt anachronistisch. Kritik an der

»allgemeinen Lehre« der Moral von Bischöfen und Päpsten ist geboten.

Menschen werden doch noch fragen dürfen, über wieviel Moral die

Kirche überhaupt verfügt.

Nicht nur das 5. Gebot, das Tötungsverbot, wird von der Institution

ständig gebrochen. Auch den Verboten des Lügens, Stehlens, des

Fabrizierens von Gottesanschauungen (»Du sollst dir kein Bildnis

machen von Gott, dem Herrn«) oder des Begehrens fremden Eigentums

ist es niemals anders ergangen in der Kirche. Ebenso macht das 4.

Gebot, »Du sollst Vater und Mutter ehren«, keine Ausnahme. Es gilt,

wie die übrigen, nur von Fall zu Fall, gilt nur, solange es keine

entgegenstehenden klerikalen Interessen betrifft. Wie oft doch schlug

jenes Schwert zu, das schon der Evangelist geschärft, indem er den

Sohn wider den Vater, die Tochter wider die Mutter trieb? Wie oft

wurde das 4. Gebot, angeblich in Stein gehauen oder den Menschen

ins Herz geschrieben, um angeblich höherer Interessen willen

übertreten? Höhere Interessen? Wer diese anerkennt und zugleich

bestimmt, was solche Interessen sind, hat bereits ein Gebot seines

Gottes grundsätzlich zur Übertretung frei gegeben. Entweder gelten

nämlich die ehernen Sätze immer oder gar nicht. Entweder sind sie

verständliche, klare, kompro-

89

mißlose Gebote für alle - oder sie sind bloße Handreichungen,

Empfehlungen, zur Deutung durch Dogmen- und Moralwächter

freigegebene Sätze.

»Die Kirche wird's schon richten.« Sie hat auch das sogenannte 4.

Gebot immer so gerichtet, daß es in ihren jeweiligen Kram paßte.

Welche Szenen, Zwiste, Entzweiungen bis heute! Wie haben

Engstirnige, Bigotte, Verpfaffte die Familien vergiftet, gegen Eltern,

Ehemänner, Ehefrauen gehetzt, zur Unmenschlichkeit verleitet, zur

Preisgabe fast aller sozialen Beziehungen, zum Verlassen, Verstoßen,

Fortgang ins Priesterseminar oder Kloster! Wie viele Menschen sind

zum Glaubenswechsel, zum Ungehorsam gegen Eltern aufgestachelt

worden - um des »wahren Glaubens« willen! Kleriker aller Zeiten

haben Kinder ihren Eltern entfremdet, um ihr eigenes Schäfchen ins

trockene zu bringen. Clemens von Alexandrien: »Wenn einer einen

gottlosen Vater oder Bruder oder Sohn hat... mit diesen soll er nicht

zusammenstimmen und eines Sinnes sein, sondern er soll die

fleischliche Hausgenossenschaft der geistigen Feindschaft wegen

auflösen... Christus sei in dir Sieger.« Kirchenlehrer Ambrosius: »Die

Eltern widersetzen sich, doch sie wollen überwunden werden...

Überwinde, Jungfrau, erst die kindliche Dankbarkeit. Überwindest du

die Familie, überwindest du die Welt.« Da werden Opfer verlangt und

gebracht, Opfer, die sich gegen die nächsten Verwandten richten,

Opfer, die Klöster füllen und Kirchenkassen, Opfer, die Eltern ratlos

zurücklassen und diesen, nicht den Kindern, ein Opferleben abnötigen.

»Schreite mutig über den Vater hinweg, und fliehe trockenen Auges

zum Panier Christi«, rät Kirchenlehrer Hieronymus, der bei seinem

Weggang vom Vaterhaus das größte Opfer im Verzicht auf die

Tafelfreuden erblickt.

90

Warum haben es Frauen in der Kirche so schwer?

Opferleben? In der Kirche ein gewichtiges Wort. Die einen raten dazu,

die anderen führen es. Es ist schon nicht mehr merkwürdig, sondern

systemimmanent, daß die großen Ratenden stets Männer, die kleinen

Ausführenden immer Frauen sind. Den Frauen wird — von

Klerikerherren— eingeredet, daß es »frauliche Art« sei, opferbereit zu

werden, zu sein und zu bleiben. Warum ist das so? Daß Männer sich

gern lieben, bedienen lassen, daß sie deswegen den Frauen einreden,

Lieben und Bedienen sei deren Sache, ist ganz üblich in

Männergesellschaften. Wo Patriarchen herrschen, brauchen sie

Untertanen, Opferwesen, Beutemenschen. Solche zu definieren,

auszubilden und sich ihrer dann zu bedienen ist ein herrscherliches

Privileg, also Männerart. In der Männergesellschaft »Kirche« finden sich

nur Spiel- und Abarten dieses generell patriarchalen Prinzips. Freilich

ganz besonders mickrige und verletzende Varianten. Eine

Distanzierung der Kirche vom jeweiligen Zeitgeist gibt es nicht.

Kleriker sehen zwar in nackten Brüsten und kurzen Röcken die

schwersten Gefahren für die Moral. Doch dadurch heben sie sich nicht

von der »Welt« ab, sondern bestätigen ihren Männerstandard. Sie

machen alles (bis hin zum Morden) mit; ihre Moral erhebt sich zu

keiner Zeit über die der anderen. Ihr Gott handelt so, wie es von ihm

verlangt wird.

»Zur Frau sprach der Herr Gott: Vermehren will ich deine

Schmerzen bei deiner Schwangerschaft. Unter Leid sollst du Kinder

gebären, und doch geht deine Brunst hin auf deinen Mann, obgleich

(oder: gerade weil) der über dich herrscht.« (1 Mose 3,16) Das Wort

eines Herrengottes, der dazu geschaffen erscheint, die Brunst dem

Weibchen zuzuschreiben, ist charakteristisch und verräterisch. Es

verkehrt den Sachverhalt. Wer ist denn brünstig? Wer denn will die

tatsächlichen Besitzverhältnisse zwischen Mann und Frau im eigenen

Sinn legitimieren? Wenn dieser Männergott den Mund auftut, weiß

Eva

91

immer, woran sie ist. Die Patriarchen haben es geschafft, ihre Tradition

seit den Zeiten der Bibel fugenlos aufrechtzuerhalten. Der Vatikan, ein

Hochsitz des Patriarchats, äußert sich noch 1988 genauso über

»Würde und Berufung der Frau«, wie er es zu allen Zeiten getan hat.

Er spricht von »Berufung«, um der Welt anzudeuten, daß er sich zum

Sprachrohr des Herrengottes macht. Er spricht vom »grundlegenden

Erbe der Menschheit« und bezieht dadurch ungefragt die Menschen

aller Zeiten und Zonen ein, um sie seiner Doktrin zu unterwerfen. Er

meint mit diesem Erbe der Menschheit (Mannheit) nichts anderes als

die »gottgewollte Tatsache«, daß die Frau und Mutter sich gehorsam

gegen den Willen des Mannes und Vaters zu erweisen habe, sich

also »typisch fraulich« verhält.

Die Reformation hat die Nonnen von ihren Gelübden befreit, doch

hat sie streng darüber gewacht, daß aus Nonnen brave Hausfrauen

wurden, fügsam und stumm wie die übrigen. Luther nennt den Mann

»höher und besser«, die Frau »ein halbes Kind«, ein »Toll Thier«.

Dieser Mönchsmann spricht durchaus im Sinn und im Wortschatz

seines Geschlechts, wenn er predigt, daß die »größte Ehre« der Frau

darin bestehe, Männer zu gebären. Übernimmt die Frau den

Manneswillen, so ist sie eine gute Frau. Wer aber nicht dienen,

sondern eigenbestimmt sein oder werden will, der sündigt. Kein

Wunder, daß Papst Johannes Paul II. sich noch 1988 auf den Apostel

Paulus beruft. Kein Wunder, daß er einen der vielen frauenfeindlichen

Sätze des ehelosen Frauenhassers Paulus verwendet: »Eine Frau soll still

zuhören und sich ganz unterordnen. Ich gestatte es keiner Frau, zu

lehren und sich über den Mann zu erheben. Zuerst wurde ja Adam

erschaffen, und dann erst Eva. Doch nicht Adam wurde verführt,

sondern die Frau ließ sich verführen. Aber ihre Rettung besteht in der

Erfüllung ihrer Mutterpflichten, wenn sie sie sorgsam in Glauben,

Liebe und Gehorsam versieht.« (1 Tim 2,11-15)

Der Papstmann hat gesprochen, der Apostelmann, der Mann-

92

gott. Die Frauen wissen jetzt, was zu tun und zu lassen ist. Die

Geschichte der klerikalen Frauenfeindlichkeit beweist, daß sich der

Manneswille nicht einmal zu ändern brauchte. Die Aussagen waren

stets klar, die Positionen von Mann und Frau ein für allemal

festgelegt. Nachzubessern gab es nichts, von den wenigen Fällen

abgesehen, in denen einige Frauen gegen diesen Herrenwillen

aufbegehrten. Wo klerikale Predigt nicht mehr fruchtete, griff »man«

zu dem innerkirchlich nicht weniger erprobten Mittel des Mordes.

Ungezählte (»Hexen«-)Frauen zum Beispiel mußten sterben, weil die

Verkünder der Frohen Botschaft es so wollten. Solange diese Kirche

Macht über die Herzen besitzt, werden Männerinquisitoren noch

immer mit den Frauen da unten fertig. Über wieviel Moral verfügt

denn die Männerkirche?

Der »Hexenhammer« (Erstdruck 1487 in Straßburg) wurde von

einem Papst abgesegnet und sofort auf der ganzen damals bekannten

Welt als autoritatives Kirchenwort verbreitet. In all seinen 29

Auflagen findet sich eine päpstliche Bulle, die zum Mord aufruft und

wider die kein einziger Papst auch nur ein Sterbenswörtchen verlor —

fast 200 Jahre Heilsgeschichte lang. Warum denn auch ? Wenn schon

der klerikale Gott sich moralisch so verhalten mußte wie seine Erfinder,

war dieselbe Forderung auch gegen die Päpste zu richten: Also ist es

folgerichtig, daß ab 1258 Hexenerlasse von Päpsten nachzuweisen sind.

Also paßt es zum Bild, daß die Hexenbulle des Jahres 1484 sich damit

brüstet, Ausdruck »einer das Innerste bewegenden oberhirt-lichen

Fürsorge« zu sein. Frauen werden peinlich befragt, schamlosen

Verhören durch Priester ausgesetzt. Die inquirie-renden Schweine

foltern Geständnisse heraus, erbärmliche Sauereien allesamt: Riesige

Glieder tauchen auf, stinkende Böcke paaren sich mit lüsternen

Weibern, und die Kleriker hören zu, die Hand unter der Kutte am Glied.

Noch heute verraten die Akten jene säuische Freude der Befrager, noch

immer lassen sich zwischen den Zeilen die Gefühle derer mitlesen,

die sich auf

93

diese Weise aufgegeilt und befriedigt haben. Köstliche Befriedigungen

fürwahr, den Klerikern und ihren Helfershelfern reserviert, denn die

geduldige Suche nach dem teuflischen Mal am Körper der angeklagten

Frau blieb eins der Wesenselemente des Prozesses. Das christliche

Abendland hielt sich Tausende von Folterknechten, die sich abmühten,

in der Nähe der Brüste, des Gesäßes oder der Geschlechtsteile die

berüchtigten schmerzunempfindlichen Zonen zu finden und zu testen,

all die Teufelsmale, welche die Zugehörigkeit zum Satan bewiesen. Ein

Inquisitor teilt mit, er habe 1485 in Como 41 Frauen einäschern lassen,

»nachdem am ganzen Körper die Haare sorgsam abrasiert worden

waren«. Er blieb kein Einzelfall, als der Zeitgeist der Kirche es forderte,

kurzen Prozeß mit den »Teufelshuren« zu machen.

Kurzer Prozeß? Frauen müssen schließlich »sich mit der Kirche

versöhnen lassen«. Das wird ihnen gewährt, »ohne daß die Frau

freilich«, so ein Prozeßprotokoll des 14. Jahr hunderts, »dadurch

verhindern kann, der weltlichen Macht ausgeliefert zu werden, die für

die erforderlichen Strafen sorgen wird«. Das Patriarchat hat sich seine

Funktionen geschaffen: Vergebung (nach Folter) durch die patriarchale

Kirche, Hinrichtung durch den patriarchalen Staat. Vor allem, wenn es

die Hinterlassenschaft der Gemordeten einzuziehen und zu verteilen

gilt, machen Staat und Kirche gemeinsame Sache. Es wurde nicht

bekannt, daß sie sich je von ihrem Raub getrennt hätten. Getrennt

haben sich die beiden »Gewalten« nur von den lästigen Frauen —

sowie von einzelnen Klerikern und Knechten, die den Mut gezeigt

hatten, gegen das allgemeine Wüten und Morden zu protestieren.

Solche Männer verschwanden fast immer in lebenslanger Klosterhaft;

ihre Namen wurden ausgelöscht, während ihre eigene Kirche stets mit

den Wölfen geheult hat.

Das Konzil zu Trient (1545-1563) gilt heute als eine Sternstunde

des Heiligen Geistes. Wichtige Dogmen brachte es der

94

Kirche; Luther und die Seinen wurden in jenen Jahren zumindest

theoretisch »besiegt«. Doch verlor die hochheilige Versammlung der

Kirchenväter, die sich jahrelang mit den subtilsten Problemen der

richtigen Definition einer »Glaubenswahrheit« herumgeschlagen hatte,

auch nur ein Wort über den Mord an »Ketzern«, an Juden, an Frauen?

Frühere Päpste und Konzilien hatten die Folter legitimiert; die eine

geschichtliche Wahrheit. Die andere? Die damals in ganz Europa

brennenden Scheiterhaufen haben keinen einzigen der sogenannten

großen Konzilsväter und Theologen in Trient interessiert.

Bei dem Jahrhunderte andauernden Frauenmord geht es nicht um

vereinzelte »Sünder im Schoß der Kirche«, sondern um eine päpstliche

Lehre. Kein Konzil, kein Heiliger hat sie angefochten. Beendet wurde

das Morden erst, nachdem sich Stimmen durchgesetzt hatten, die

gewöhnlich von außerhalb der Kirche kamen. Sie selbst führte

unverdrossen ihr Foltern und Morden auf den Willen Gottes zurück.

Und da ihr eigener Gott ein gehorsamer, dem jeweiligen Zeitgeist

folgender Gott ist, wird sie auch recht gehabt haben. Und heute? Da das

apologetische Geschwätz der Erben Konjunktur hat? Da gerade

»feministische Theologie« der letzte Chic ist? Da es keiner mehr

gewesen sein will ? Da sich ein Papst lächerlich macht, der von

»Hexen« redet wie seine Vorgänger? Da er sich nicht mehr daran

erinnern lassen will, daß diese jahrhundertelang - unter dem Einfluß

des Heiligen Geistes, wohlgemerkt - dunkelste Magie unterstützt

haben, Mord an »Hexen«, Aberglauben? Heute zieht ein Papst sich

aus der Schlinge, indem er das Vorkommen von »Hexen« leugnet —

und die Tatsache ihrer Verfolgungen verschweigt. Heute spricht er - wie

Johannes Paul II. 1986 — vom Faktum des »Teufels«, von der

Notwendigkeit, an dessen Existenz zu glauben und von der »List Satans,

den Menschen durch Rationalismus zur Leugnung seiner Existenz zu

verführen«. Die Menschheit darf gespannt sein, welcher spätere

Papst einmal auch diesen Unsinn eines Vorgängers ver-

95

schweigt. Wie viele Jahrhunderte es dauert, bis ein Papst unser Denken

nicht mehr als »Rationalismus« und »satanische Verführungskunst«

diffamiert?

Fraulicher Ungehorsam? Ein Nein der Frauen gegen das ihnen von

Gott auferlegte »Oben« des Mannes? In solchen Fällen regt sich nicht

nur die Angst der Männer vor den Frauen; regt sich nicht allein die

Erinnerung an das allen Männern (zumal den Klerikern) gemeinsame

Wissen um die Überlegenheit des »anderen Geschlechts«. Da wird aus

Angst nackte Gewalt. Da zeigt »man« es denen da unten. Da werden

Definitionen gezeugt, Kopfgeburten, zu denen nur Männer fähig sind.

Albertus Ma-gnus, ein 1941 von Pius XII. zum »Patron aller

Naturwissenschaftler« erklärter Mönch aus dem 13. Jahrhundert,

nennt die Frauen defekte Wesen. Der anerkannteste Lehrer der

römischen Kirche, Vorbild bis heute (wenn es nach dem Wunsch des

Papstes ginge), Thomas von Aquino, wird Angst und Sadismus in einem

los: »Frauen sind mißglückte Männer«, Menschen, denen etwas (was

wohl?) zum richtigen Menschsein fehlt. Denn eigentlich müßte ein

Mann stets männliche Kinder zeugen, weil jede Wirkursache ein ihr

Ähnliches hervorbringt, meint der heilige Kirchenlehrer. Doch das

klappt nicht immer. Denn wirkten »widrige Umstände« bei der

Zeugung mit, war beispielsweise das Sperma defekt oder bliesen

während des Liebesaktes feuchte Südwinde (so daß Kinder mit

größerem Wassergehalt entstanden), wurden, Gott sei's geklagt,

Mädchen gezeugt. Hier spricht - über die Jahrhunderte der

Kirchengeschichte hinweg — eine »vernünftige Autorität«. Denn hier

spricht ein Kirchenmann.

Die Frauen werden sich zu richten wissen. Sie wissen, daß die

Kirche — weit entfernt, sich gegen den Zeitgeist der Männergesellschaft

zu wenden — selbst eine Ausgeburt des Patriarchats ist, nicht um ein

Haar besser als diejenigen, die sie sich erfunden haben. In dieser

Kirche wurde zum Beispiel, wie Rudolf Krämer-Badoni schreibt, die

Prostitution »für das vergewaltigte Mädchen letztlich als einzige

Möglichkeit betrachtet,

96

ihre Lust zu sühnen«. Das Bußbuch des Alanus ab Insulis fordert den

Beichtvater auf nachzuforschen, ob die Frau, mit der man gesündigt

hat, attraktiv war; wenn ja, wurde dem Sünder die Buße reduziert.

Noch im 11. Jahrhundert war es unter Kirchenmännern strittig, ob

Frauen überhaupt eine Seele hätten. Jedenfalls blieben sie »unten«,

wo männliche Lust sie so gern sah. Frauen dienten der Männerkirche,

wo immer diese solcher Dienste bedurfte: in Klöstern, in

Pfarrhäusern, bei Tag und, lieber noch, bei Nacht. Die Zahl der zu

Mätressen und Konkubinen Herabgewürdigten in der Kirche ist fast

unendlich; sie ist unter den zölibatären Umständen neuerdings nicht

geringer geworden. Frauen haben die Kirche ihrer Männer mit

aufrechterhalten, Frauen, die noch immer nicht aufmucken, tragen

diese Kirche weiter mit: in den Klöstern und auf Ehebetten wie auf den

Lotterbetten der Pfaffen. Über allem aber schwebt wie eh und je die

geile Phantasie derer, die — als Männer — etwas von Philosophie oder

Theologie zu verstehen glauben. Da träumt sich die augustinische

»Civitas Dei«, eins der Hauptbücher des Abendlandes und für

unzählige Gewissensmorde verantwortlich, in ein Paradies hinein, das

vor allem deswegen ohne Sünde ist, weil ihm trotz seiner Nacktheit die

sexuelle Leidenschaft fremd bleibt. Im Garten Eden ist die Schande des

Koitus noch unbekannt, und das freut jenen Kirchenvater Augustinus

besonders, der erst ein Leben voller Laster hinter sich bringt, bevor

er sich »bekehrt« - und aufbricht, ganz Europa ähnlich zu bekehren.

Welcher Kleriker hat ein Wort des Verständnisses oder der

Entschuldigung für die Millionen, die diesem Kirchenvater auf den

Leim gegangen sind und ihr (Sexual-)Leben, an den schmachvollen

augustinischen Gedanken orientiert, vergeudet haben?

Kirche und Ehe? Da sind klerikale Obsessionen am Werk, wie sie

Hieronymus Bosch wiedergab: Das neuzeitliche Europa sollte, so der

renommierte Historiker Jacques Sole, »im Koitus und den

Versuchungen des Fleisches die höchste Gefahr sehen

97

und dieselbe Lektion von Kanzeln und in Traktaten unablässig

wiederholen«. Da ist von Geschlechtsakten die Rede, die lasterhaft sind

und eklig. Da kann die Frau sich nur vor der Einschätzung als Hure

retten, indem sie sich als jungfräuliche Braut des Herrn oder als treue

Ehefrau und Mutter vieler Kinder bewährt. Der katholische Theologe

A. J. Rosenberg schreibt 1915 allen Frauen ins Stammbuch, worum es

christlicher Militanz und Kinderliebe geht: »Moderne Kriege sind

Kriege, in denen die Massen sehr viel mehr bedeuten. Die gewollte

Einschränkung der Kinderzahl (in Frankreich) bedeutete also den

Verzicht auf gleiche nationale Stärke mit Deutschland... Tausende von

Eltern beklagen den Verlust des einzigen Sohnes... Strafe muß sein. . .

Der Krieg hat das Problem der gewollten Kinderscheu in ein neues

Licht gerückt.«

Eine erleuchtende Anmerkung zum Schluß des Themas: Die

Verfasser des berüchtigten »Hexenhammers«, deren

Schreibtischtäterschaft viele Tausende von unschuldigen Frauen Ehre

und Leben gekostet hat (entschädigungslos!), waren brünstige

Marienverehrer und zugleich typische Klerikermänner: Auf der

einen Seite haben sie lüstern beschrieben, wie den inkrimi nierten

Frauen alle Körperhaare abzuscheren seien, weil sich »in den Haaren

des Körpers, und bisweilen an den geheimsten, nicht namhaft zu

machenden Orten«, zauberische Amulette verstecken könnten. Auf der

anderen Seite luden sie ihre Triebe musterhaft- mannhaft auf die ganz

und gar Reine ab, auf eine junge und schöne Frau, die ihnen niemals

gefährlich werden konnte, da sie ganz hoch droben angesiedelt

worden war.

Muß einer ledig bleiben, um besonders viel von der Ehe zu

verstehen?

Unter Klerikern gilt es als ausgemacht, daß ihre Kirche einen

besonderen Auftrag hat, »Sakramente« wie Taufe, Buße,

Krankensalbung dogmatisch abzusichern und juristisch auszufor-

98

men. In solchen Fragen lassen die Kirchenleute nicht mit sich handeln.

Noch aufgeregter werden sie, geht es um das »Sakrament« der Ehe

(das unter nichtkatholischen Christen gar keines ist). Auf diesem

Terrain verstehen Geistliche überhaupt keinen Spaß. Sie wissen,

warum. Wer - wie gegenwärtig noch die Kirche — die Hand auf der

Ehe hat, kann Millionen Gewissen gängeln.

Nun bleibt die Frage, warum ausgerechnet jene viel über

voreheliche, eheliche, außereheliche, uneheliche und nacheheliche

Themen zu sagen wissen, die selbst ehelos sind, weil ihre Oberhirten

ihnen dies befohlen haben. Die Geistlichen antworten: Wir sind

auserwählt, ein bevorzugtes und reserviertes Wissen über alles und

jedes zu haben - und dieses Wissen, in Normen, in Regeln verpackt,

nach unten weiterzugeben, damit jeder Christenmensch Bescheid

wisse, wie er vor und in seiner Ehe zu leben habe. Mangelnde

Sachkompetenz gibt es unter Klerikern nicht: Zum einen wissen sie

ohnehin alles (da der Geist ihnen einflüstert, was sie nicht wissen),

zum ändern »braucht auch ein Apotheker nicht jedes Gift probiert zu

haben, um es beurteilen und als Arznei weitergeben zu können«. Die

Ehelosen haben die Ehe fest im Griff. Sie verkündigen ihre Wahrheiten,

sie predigen, je nachdem, Gebrauch, Mißbrauch oder Enthaltsamkeit.

Und der Umstand, daß die Bibel so gut wie nichts zum Thema sagt,

fällt den Eingeweihten gar nicht mehr auf. Sie haben ihre eigene

Praxis.

Sie fürchten die eheliche Bindung wie ihr Teufel das Weihwasser.

Sie nehmen lieber jahrzehntelange Konkubinate in Kauf. Sie opfern

ihre Geliebten auf dem Altar der Wahrheit. Noch im Oktober 1990

diskutiert eine Bischofssynode in Rom ernsthaft, ob die römische

Kirche als Ausnahme auch verheiratete Männer zum Priesteramt

zulassen dürfe. Als schließlich bekannt wird, daß es in Brasilien

schon zwei solche Männer gebe, gerät alles in Aufregung. Die

sogenannten Reformer sehen wesentliche Forderungen erfüllt (die

Kirche ändert sich

99

leibhaftig), die Konservativen sehen damit den Anfang vom Ende

gemacht. Um derlei Probleme dreht sich die Moral einer Kirche, die

Millionen von historischen Blutopfern verschweigt und Abermillionen

von gegenwärtigen Gewissensopfern knebelt. Doch welche Moral hat

denn diese Kirche?

Nun, der Papst weiß Rat, und in diesen wenigen Worten ist die

»Moral« einer ehelos geführten Kirche greifbar. Sie richtet sich

fundamental gegen die Ehe, und sie weiß, weshalb. Dispens vom

allgemeinen Gesetz der priesterlichen Ehelosigkeit gibt es nur unter

den folgenden Bedingungen: Der verheiratete Kandidat muß sich

bewußt zu einem zölibatären Leben bekennen, obwohl seine (gültige!)

Ehe nicht annulliert, sondern nur »suspendiert« wird. Seine Frau und

seine Kinder müssen sich rechtsverbindlich mit der Priesterweihe des

Mannes und Vaters einverstanden erklären. Die Ehefrau muß künftig

»von ihrem Mann total getrennt leben«, sie darf weder »im selben

Bett noch unter demselben Dach« anzutreffen sein. Die Angst der

Männer vor den Frauen? Die uralte Furcht, Klerikerhände könnten

nachts einen Frauenleib, morgens den Christusleib anfassen? Jeder

Mensch, der Menschenrechte kennt und wahrnimmt, schüttelt sich.

Doch Millionen Christen, denen solche Rechte versagt bleiben,

schweigen, wie sie immer schweigen, weil sie zu schweigen gelernt

haben. Sie schweigen und übertreten still die geltenden Ehegesetze und

»Moralnormen«. Sie beseitigen so keine einzige Regel der

Klerikermoral. Sie bestätigen sie, indem sie nach dem intakten Schema

weitersündigen — und bei jenen, die ihre Gewissen gefesselt haben,

»Vergebung« erlangen, Woche für Woche. Moraltheologen (ein

schrecklich doppelmoralisches Wort!) können zufrieden sein: Das

geltende Normensystem der Klerikerkirche ist nicht tangiert. Gesündigt

wird nach wie vor, von Verheirateten wie von Zölibatären, und jeder

Sünder und jede Sünderin erlangt, nach Reuebeweis, die Absolution

just von den Pfaffen, die Verantwortung tragen für die Lage der

Frevlerinnen.

100

Die Ehefrau, die noch vor Jahren im Beichtstuhl angebrüllt und als

Mörderin diffamiert worden ist, weil sie Verhütungs mittel angewendet

und dies als »Unkeuschheit« gebeichtet hat, zeugt gegen die Institution,

welche sich heute nicht einmal für die eigenen Todsünden gegen das

Leben der Menschen entschuldigt. Der pubertierende Junge, der noch

vor wenigen Jahren jeden Samstag dieselbe »geheime« Sünde

gebeichtet hat und dessen Leib und Leben Stück für Stück gedemütigt

wurden, klagt den Kleriker an, der im Beichtstuhl für eine Institution

tätig ist, die selbst weder öffentliche Scham noch öffentliche Reue

kennt. Weil gegenwärtig die Beichtstühle leerer sind denn je, kann

der Junge auf mehr Verständnis hoffen. Schließlich macht er die

Institution Beichte noch nicht ganz überflüssig. Aber sind Sünden, die

vor zehn Jahren noch unnachgiebig als solche galten, heute plötzlich

keine mehr? Hat der Zeitgeist die Kleriker endlich eingeholt ? Wer

besonders unmoralisch und inhuman sein will, der erstelle Gesetze, die

zu schwer sind, der lasse sie übertreten, der neige sich den

Übertretenden zu und verspreche ihnen, bis zum nächstenmal, seine

Absolution. Dies Vorgehen schafft wie kein zweites Herren und

Knechte. So und nicht anders pflanzt sich die Unmoral der Kirche

fort von Generation zu Generation. Beispiele für solch klerikale

Unsittlichkeit, die im Vergleich zu den Übertretungen der ihr

Unterworfenen ungeheure Ausmaße angenommen haben, sind Inhalte

der offiziellen Kirchenlehre: Geburtenkontrolle, Zölibat,

Ehescheidung, Normsexualität.

Wer kennt den »normalen Sex« am besten?

Die Frage ist kirchenamtlich längst beantwortet: Wenn schon Sexualität

»ausgelebt« sein muß (ein Problem, mit dem Generationen von

Theologen sich herumgeplagt haben), dann bloß auf geregelte Weise.

Denn, so Pius XII. (einer der Geburtshelfer Hitlers), die nun einmal

nicht wegzudiskutierende mensch-

101

liehe Lust wird nur akzeptiert, um »zum Dienst am Leben anzutreiben«.

Wehrdienst und Liebesdienst? Kriegsdienst und Lebensdienst? Über

alles wacht der Papst. »Geregelt« heißt: innerhalb der gültig

geschlossenen Ehe, nicht vorher, nicht nebenher, und moralisch

korrekt. Das bedeutet, die Kleriker haben sich ihre Gedanken gemacht

und wissen inzwischen, was sie erlauben können und was nicht.

Kondome sind nicht erlaubt (der Papst sagt das in Afrika und in

Lateinamerika, wo immer er den Boden küßt). Das Messen der

Temperatur zur Bestimmung empfängnisfreier Tage ist dagegen

natürlich. Ehebruch aber ist ebenso Frevel wie Masturbation,

vorehelicher Verkehr ebenso verwerflich wie Verkehr zwischen zwei

Männern. Denn das eine ist natürlich, das andere nicht. Was Natur

ist, bestimmt der Patriarch. In der Männergesellschaft kann der Heilige

Vater mit Bestimmtheit sagen, daß es Tage der Frau und Nächte des

Mannes geben muß - und was zu diesen Zeiten geschehen darf und was

nicht. Wehe jenen, die dies nicht anerkennen ! Sie stellen sich auf die

Seite der schwarzen Schafe. Da den verstockten Sexualsündern

entweder der Kirchenbann oder der Liebesentzug durch Vater Bischof

und Vater Papst droht, muß der heutige Gläubige andere Wege

suchen. Er klatscht dem Papst bei einer von dessen »Pastoralvisiten«

Beifall und denkt gleichzeitig an seine Freundin. Diese applaudiert

ebenfalls dem Mann in Weiß - und trägt die Pille im Handtäschchen.

Auf diese Weise sind alle zufrieden, denn der Papst denkt, er habe die

Volksmassen überzeugt, und die Volksmassen haben ihre private Lösung

der wichtigsten Probleme des Vatikans bereits gefunden.

Freilich geht es nicht in jedem Fall so friedlich zu. Es gibt auch

Opfer der vatikanischen Sexualmoral, die nicht mehr applaudieren

können. Hier seien nur diejenigen genannt, deren

Selbstverwirklichung den harten Priestermännern als »Sünde gegen

die Natur« gilt. Homosexuelle Menschen sind im Lauf der

Kirchengeschichte immer verfolgt und oft ermordet wor-

102

den. Sie reihen sich ein in die Gruppe der »Abweichler«, auf die beide

patriarchale Institutionen - Kirche und Staat - Jagd gemacht haben, um

sich selber und ihre Ideologie vor »Anstek-kung« zu schützen. Das

historisch vorerst letzte Beispiel bietet die Hitler-Diktatur: Von einem

Protest der Kirche gegen die Verfolgung Homosexueller ist nichts

bekannt. Die Kirche hat die Verfolgung und Tötung von Menschen

einer sogenannten Minderheit geduldet - und wurde einmal mehr

mitschuldig. In der Regel stehen kirchliche Amtsträger und Ideologen

nicht auf der Seite der Diskriminierten. Die Regel heißt:

Homosexuelle sind - auch beruflich - zur Diskr iminierung durch

sogenannte gute Christen freigegeben. Nach (inzwischen

verschwiegener) katholischer »Moraltheologie« war es einmal

verwerflicher, sich homosexuell zu betätigen oder die Empfängnis zu

verhüten, als eine Frau zu vergewaltigen oder mit der ei genen Mutter zu

schlafen. Denn das eine war »natürlich«, das andere nicht.

Die Diskriminierung der Homosexuellen ist von der

menschenfeindlichen patriarchalen Tradition der Kirche gefordert.

Eben diese Tradition kann jederzeit - guten Willen vorausgesetzt -

abgebrochen werden. Fehlt der gute Wille zum Umdenken bei den

Hirten, dann muß dieser Mangel an Humanität öffentlich

angeprangert werden. Ohne grundsätzliches Umdenken in der Kirche

können Homosexuelle keinen Frieden mit dieser machen. Das

ketzerische Potential der Homosexuellen muß aktiviert werden: Die

Zeit, in der sie ihre Verfolgung hingenommen haben, ist

unwiderruflich zu Ende. Niemand sollte sich künftig verpflichtet

fühlen, eine Institution, die ihn schädigt, finanziell mitzutragen.

Die Evangelische Akademie Tutzing will ab sofort ihre Räume

der Deutschen Aids-Hilfe nicht mehr zur Verfügung stellen, weil

»einige Teilnehmer. . . ihr Schwulsein vor den anderen Gästen

öffentlich in einer Weise demonstriert« hatten, »die als nicht

notwendig und deplaziert empfunden wurde«. Deplaziert in

kirchlichen Räumen? Haben die Homosexuellen

103

etwas anderes getan, als dies unter heterosexuellen Menschen üblich

ist? Sind Umarmungen, Küsse, Handhalten »nicht notwendig und

deplaziert«? Die Doppelmoral der Kirche sagt: Du darfst sein, wie du

willst. Aber konfrontiere mich bitte nicht damit, sonst muß ich die

Konsequenzen ziehen.

Darf sich jemand auch »auf katholisch« scheiden lassen?

Einmal mehr mögen Nichteingeweihte die Köpfe schütteln.

Scheidungen - das wissen alle - sind im Geltungsbereich des

katholischen Kirchenrechts nicht möglich. Es gibt sie einfach nicht.

Auch das Bonner Grundgesetz, welches allgemeine Menschenrechte

verteidigt, ist sich darüber klar: Katholiken, die im Dienst der Kirche

stehen, können sich nicht scheiden lassen und wieder heiraten, ohne ihre

Arbeitgeberin schwer zu beleidigen und eine fristlose Kündigung zu

riskieren. Wer streng katholisch ist, weiß genau, daß eine Scheidung

für ihn nicht in Frage kommt. Die Ehe, so wenigstens die ehelosen

Kleriker, ist »unauflöslich«. Daran haben die Päpste nie rütteln lassen.

Dies ist eine der letzten moralischen Bastionen Roms. Man beruft sich

dabei auf das indiskutable »Herrenwort«, daß der Mensch nicht lösen

dürfe, was Gott verbunden habe. Freilich ist Rom auch in diesem Fall

nicht sehr auskunftsfreudig, geht es darum, die ganze Wahrheit zu

sagen. Es gibt in der Tat eine Scheidung auf katholisch. Nur muß der

Gläubige sie kennen. Das als völlig unantastbar erklärte Herrengebot

von der absoluten Treue in der Ehe und deren »Unauflöslichkeit« ist

längst ausgehöhlt. Auch die katholische Kirche, die auf andere Kirchen

herabsieht wie auf Abtrünnige, kennt nur ein bedingtes, nicht ein

absolutes Scheidungsverbot. Sie hat diese Scheidungsmöglichkeiten

selbst erfunden, denn einmal mehr steht in der Heiligen Schrift nichts

zu diesem Thema.

Der Papst löst eine »gültige« (hier: »sakramentale«) Ehe in einem

einzigen Fall auf: wenn sie »geschlechtlich nicht vollzo-

104

gen« ist. Zwar schweigt Jesus aus Nazareth genau zu diesem Punkt.

Denn nirgendwo ist nachzulesen, der Herr habe

Schlafzimmerprobleme erörtert. Defloration und Penetration sind

Angelegenheiten, die der katholische Klerus unter sich aus macht.

Und steht - durch Experten nachgewiesen - fest, daß ein

»Jungfernhäutchen« nicht beschädigt ist, kann der Papst eine solche

Ehe annullieren. Im Vatikan gibt es ein eigenes Büro für derlei

Aktivitäten, und auch die einzelnen Diözesen haben ihre Fachmänner.

Alle suchen, von Fall zu Fall, nach faktischen Beweisen für ihre

Theorie, lassen Unterkörper von Frauen beschauen und trennen Jahr

für Jahr einige hundert solcher »nichtkonsumierter« Ehen. Das

geschieht selbstverständlich streng nach der Bibel und mit

verachtenden Seitenblicken auf die anderen Kirchen, die gar eine

»Wiederverheiratung Geschiedener« kennen wie die Ostkirche.

Noch eine römisch-katholische Ausnahme: Eine unter Ungetauften

geschlossene Ehe, die sogar »vollzogen« ist, kann ebenfalls

aufgelöst werden. Hier handelt der Papst »um des wahren Glaubens

willen«. Denn von einem Heidenmann, der seine heidnische Ehefrau

verstoßen will, kann nicht verlangt werden, daß er dieser treu bleibt,

auch nachdem er katholisch geworden ist. Er kann sie verstoßen. Das

Ganze nennt sich »Privileg des Apostels Paulus«. Und da nicht nur

Paulus solche Mätzchen mitmachen soll, sondern auch Petrus, gibt es

auch ein »Petrinisches Privileg«, das es dem »Nachfolger« zu Rom

ermöglicht, von den Bedingungen des Paulus selbst wieder zu

dispensieren. Ein Trauerspiel. Traurig, weil sich eine Kirche zu Lasten

der ihr Verfallenen Macht sichert. Traurig, weil die wenigsten

Gläubigen jemals über solche Ausbeutungsmechanismen informiert

worden sind. Traurig, weil jährlich ein paar tausend Frauen auf ihre

»Jungfräulichkeit« hin untersucht werden (Kleriker schauen nicht selbst,

sie »lassen schauen«). Traurig, weil Millionen auch diese Schandtaten

hinnehmen, ohne eine menschenverachtende Kirche für immer zu

verlassen.

105

Muß Geburtenkontrolle »sündhaft« sein?

Die Meinung der Kirchenvertreter zur Frage der Empfängnisverhütung

scheint eindeutig. Aber sie ist es nicht. Zum einen lehren

nichtkatholische Kleriker etwas ganz anderes als katholische, und zum

anderen ist selbst unter katholischen Theologen die »richtige«

Wahrheit umstritten. Neuerdings haben Ober-hirten in diesem

Zusammenhang sogar das »Gewissen« wiederentdeckt. Zwar nicht ihr

eigenes, doch das der »Laien«, die überhaupt noch auf derlei

Spitzfindigkeiten hören. »Laien« sollten sich ohnedies hüten, von

amtskirchlichen Wahrheiten allzuviel zu halten. Denn nicht selten

haben die Hirten schwer geirrt, als sie von der Wahrheit sprachen.

Häufig haben sie baren Unsinn erzählt, als sie meinten, Dogma und

Moral zu verteidigen. Ein Beispiel für viele: Um 1789 — zur Zeit der

Französischen Revolution -, als wichtigste Menschenrechte verhandelt

wurden, spaltete eine Diskussion um den rechten Gebrauch der

Unterhosen die deutschen Protestanten. Pastoren meinten, die

Einengung der Genitalien schade der Samenproduktion und sei daher

nach göttlichem Recht untersagt. Dasselbe gelte, weil enge

Unterhosen Männer zum Masturbieren ermunterten. Masturbation

aber, so lehrte die ererbte christliche Angst vor »illegaler Sexualität«,

sei die Männersünde schlechthin.

Warum? Weil die »Keimstoffvergeudung« (so ein dem christlichen

Dunstkreis entlehnter Begriff nationalsozialistischer

Sexualpädagogik) nicht nur die Manneskraft schwäche, sondern auch

die »natürliche Bestimmung« des Spermas, Kinder zu zeugen, ins

Gegenteil verkehre. Die Masturbation, eine christliche und eine

bürgerliche Hölle, war seit jeher ein Objekt der Theologie.

Masturbation, diese skandalumwitterte Freundlichkeit gegen sich

selbst, wurde einerseits unter dem Gesichtspunkt der »Ausschweifung«

abgehandelt, andererseits mit den verschiedenen verdammenswerten

Formen der Verhütung in

106

Zusammenhang gebracht. Das Vergnügen der Verschwendung zielte

gegen einen der folgenschwersten Grundsätze der Patriarchatskirche:

Das nach Gottes Willen lebenschaffende Sperma ist heilig. Auf

Körper reduzierte Frauen hatten in diesem Männerdenken keinen

anderen Platz als den, gleichsam wie Blumentöpfe den Same n

aufzunehmen und sprießen zu lassen.

Wie die Frau hat die Kirche - sosehr sie es bestreitet - durch fast

2000 Jahre auch die Ehe diffamiert. Angefangen bei den heiligen

Kirchenvätern bis zum heutigen Papst, loben Kleriker den Eunuchen

um des Himmelreiches willen mehr als den Ehemann. Laut

Kirchenlehrer Hieronymus leben Verheiratete »nach Art des Viehs«.

Sie unterscheiden sich im Beischlaf »in nichts von den Schweinen und

unvernünftigen Tieren«. Der Kirchenlehrer Augustinus predigt, daß

Verheiratete im Himmel schlechtere Plätze erhalten als die Eunuchen;

daß nur die »Josephsehe« (die der Namengeber am wenigsten kannte)

eine »wahre Ehe« sei. Von Geschlechtlichem hält sich der Erwählte am

tunlichsten frei (sagt er öffentlich), denn es befleckt ihn. Menschen, die

ein zweites Mal heiraten, wälzen sich, so ein geflügeltes Wort des

Mittelalters, »wie die Sau nach der Schwemme wieder im Kot«. Der

Witwenstand ist ungleich heilsamer, sagen die Ehelosen. Am besten

werden Frauen in vorgerücktem Alter (über 30) bei

Unterleibsoperationen durch den Gynäkologen »ganz zugenäht«; am

besten tragen Frauen (in südlichen Ländern Katholiens) nach ihrer

Hochzeit tiefes Schwarz.

So mußte der Verkehr rigoros eingeschränkt werden. Die

Moralisten der Kirche waren mit Verboten schnell zur Hand. Was

ihnen selbst (offiziell) ganz verboten war, sollten andere nur zu

bestimmten Zeiten genießen dürfen. Untersagt war

Geschlechtsverkehr in vielen Jahrhunderten des Mittelalters an Sonn-

und Feiertagen, Buß- und Bittagen, allen Mittwochen und Freitagen

oder Freitagen und Samstagen, um Ostern und

107

Pfingsten, während der vierzigtätigen Fastenzeit, während der

vierwöchigen Adventszeit, vor der Kommunion, mitunter auch danach,

während der Schwangerschaft und zu Zeiten der Menstruation. Den

Übertretungen folgten Kirchenstrafen und -büßen, den

»Ausschweifungen« schreckliche Racheakte des Patriarchengottes:

aussätzige, epileptische, verkrüppelte, besessene Kinder. Besser hatten

es unter diesen Vorzeichen die Tiere. Als sittliches Vorbild galten in

Klerikerpredigten das Kamel, das nur einmal pro Jahr, und die

Elefantenkuh, die lediglich alle drei Jahre koitiere.

Der einflußreichste Moraltheologe seiner Zeit, H. Noldin, sagte

1911 mit bischöflichem Segen: »Der Schöpfer hat die Lust und das

Verlangen nach ihr in die Natur hineingelegt, um den Menschen zu

einer Sache anzulocken, die in sich schmutzig und in den Folgen lästig

ist.« Wenn schon geliebt werden mußte, dann ohne »Gier«. Ohne

unerlaubte Hilfsmittel, ohne streng verbotene - und daher sündhafte -

Verhütungsmittel, auf die korrekte (gottgewollte) Art, in der klerikal

empfohlenen (gottgewollten) Lage, die Frau unten, wo sie hingehörte,

auf dem Rücken, der Mann obenauf, die »Missionarsstellung« also, ein

bedeutender — und vielbelächelter - Beitrag des Abendlandes zur

Mission der »Wilden« in Afrika. Liebten sich zwei Menschen auf

andere als die behördlicherseits angeregte Art, galt dies als

Verbrechen, schlimm wie Mord. Sich »nach Art der Hündlein« zu

lieben: Verboten! (In einigen Staaten der USA noch immer) Sich vor

unerwünschter Schwangerschaft zu schützen: Streng verboten! (Für

Vatikan-Hörige noch immer.) Die Gläubigen, so verkündigten die

deutschen Bischöfe 1913, sollten lieber jede Not tragen, jeden Vorteil

preisgeben, als Kondome zu benutzen. Die einschlägige Industrie

(besitzt der Vatikan keine einschlägigen Aktienpakete?) wurde wegen

»verbrecherischer Beihilfe« als »fluchwürdig« bezeichnet, da ihre

»verruchten Artikel... unser armes deutsches Volk nicht mit seinem

Geld allein, sondern auch mit seinem Blut, mit der

108

Gesundheit des Leibes und der Seele, mit dem Glück der Familie« zu

bezahlen hat. Hersteller von Gummiartikeln und Antibabypillen

können demnach, so die klerikale Moral, verdammt werden. Die

Rüstungsindustrie hat es da entschieden besser. Bis zu ihr reicht kein

kirchlicher Fluch. Granaten, Kanonen, Bomben sind augenscheinlich

weniger fluchwürdig als Präservative, ja, sie sind es gar nicht. So war

es im Ersten, so war es im Zweiten Weltkrieg — so ist es noch heute.

Der gegenwärtige Papst ist der amtlichen Meinung, selbst die

»Lustseuche« Aids sei nicht Grund genug, Kondome zu benutzen.

Krieg also den Verhütungsmitteln, kein Krieg dem Krieg! Selbst der

Verkauf von Präventivmitteln gilt als »formelle Mitwirkung mit der

Sünde des Käufers«. Der Verkauf von Granaten nicht.

Doch die Kleriker sind ja gar nicht so. Auch sie geben - geht es gar

nicht anders - einmal nach. So hat Papst Paul VI., unrühmlich

bekannt für seine Pillenmoral, die Ausnahme erforscht und als

»natürlich« erlaubt. So ist »Die Heiligsprechung von Knaus-Ogino,

dargestellt durch die Schauspieltruppe des Altersheimes St. Peter

zu Rom unter Anleitung Papst Pauls VI.« erfolgt. Die Schafe werden

sich danach zu richten wissen. Erlaubt aber haben die Kleriker den

Koitus unter Eheleuten nur, um den möglicherweise lustvolleren

außerehelichen zu verhindern. »Drumb«, sagt Luther, »hat das

Meidlein ihr Punzlein, daß es ihm ein Heilmittel bringe, damit

Pollutionen und Ehebrüche vermieden werden.« Und auch zum Zwecke

der »Zeugung von Nachkommenschaft« mußte der Beischlaf gestattet

werden, denn woher sonst zum Beispiel die neuen Kleriker nehmen?

Wieder zeigt Luther, was er bei den Mönchen gelernt hat: »Ob sie (die

Ehefrauen) sich aber auch müde und zuletzt todt tragen, das schadet

nichts, laß sie nur todt tragen, sie sind darum da.«

Übervölkerung der Erde? Verhungern von Millionen? Kein Thema

vatikanischer Moral. Der jetzige Papst meint: »Es ist eine

lebensfeindliche Haltung entstanden, die sich bei vielen

109

aktuellen Fragen bemerkbar macht. Man denke etwa an die gewisse

Panik, die von demographischen Studien der Ökologen und Futurologen

ausgelöst wird, die manchmal die Gefährdung der Lebensqualität durch

das Bevölkerungswachstum übertreiben. Aber die Kirche ist fest

überzeugt, daß das menschliche Leben ein herrliches Geschenk der

Gnade Gottes ist. Gegen Pessimismus und Egoismus, die die Welt

verdunkeln, steht die Kirche auf der Seite des Lebens.« So

verantwortungsvoll denkt und handelt der selbsternannte oberste Hirte

der Weltmoral: Er bezweifelt wissenschaftliche Ergebnisse, er ignoriert

die lebens feindliche Vergangenheit der eigenen Kirche, er hofft auf

bessere, »unegoistische« Zeiten, er erwartet Hilfe von der Vorsehung -

und er ruft die Eheleute zum Weitermachen auf. Am 12. November

1988 hat er die Verwendung von Kondomen durch Aids-Kranke als

»schweres Delikt« verdammt. In einer Ansprache an katholische

Apotheker hat er im Oktober 1990 den Verkauf von

empfängnisverhütenden Mitteln untersagt, weil es sich um

Medikamente handle, die »direkt oder heimlich gegen das Leben

benutzt« werden könnten. Zwar hat sich an dieses Verdikt die

Mitteilung aufgeschreckter deutscher Oberhirten angeschlossen,

Johannes Paul II. habe gar nicht die Pille gemeint, sondern sich

grundsätzlich zum Leben geäußert. Doch wird dieser Papst, der keine

Gelegenheit ausläßt, sich über Kondome auszulassen, mit den

»Medikamenten gegen das Leben« wohl kaum Rattengift gemeint

haben.

Warum kämpft die Kirche für das ungeborene Leben?

Wozu Frauen und Kinder da sind, ist unter Klerikern aller Couleur

ganz klar. Die einen sollen dafür sorgen, daß auch die nächste

Generation von Christen bereitsteht — und Hirten wie Schafe sich

nicht verlieren. Die anderen stellen diese neue Generation dar. Beide,

Frauen wie Kinder, sind funktionalisiert, sind von vornherein in den

Status von Opfer- und Beutemen-

110

sehen verbracht. Das ist der Kirche systemimmanent: Wo Väter und

Männer herrschen, werden Opfer benötigt. Diese Opfer zählen, was

Morde an Frauen und Kindern betrifft, nach Hunderttausenden. Was

die »denkerischen Totschläge« angeht, die in der Männergesellschaft

durch die »Erziehung« (von Kindern und Frauen) erfolgen, reichen

Millionen nicht aus.

Die gegenwärtig virulenten Auseinandersetzungen um den § 218

StGB sind nicht nur aktuell; sie werden von den Klerikal-Konservativen

als Kämpfe von zeitloser Gültigkeit gesehen. Es geht dabei nicht bloß

um eine typisch »katholische Wahrheit«, noch nicht einmal um eine

spezifisch »kirchliche« (obgleich solche Wahrheiten bereits Millionen

Tote gefordert haben). Es geht um ein »allgemein menschliches

Problem«. Denn hier kämpfen Mannmenschen gegen Fraumenschen

vor einem archaischen Hintergrund, streiten ganze

Weltanschauungssysteme gegeneinander, und das macht dies so

gefährlich erregend, läßt die Probleme zu einem wesentlichen Stück

Kampf zwischen Vater, Mutter und Kind werden. Kein Wunder, daß

sich alle patriarchal verfaßten Institutionen und die von deren Denken

befallenen Charaktere fast selbstverständlich auf die eine Seite

schlagen, und ebensowenig ist verwunderlich, daß die nicht (mehr)

patriarchal denkenden und fühlenden Menschen sich auf der anderen

wiederfinden. Beide Seiten setzen den uralten Kampf in dessen

neueren Erscheinungsformen fort.

Hinter dem nur scheinbar errungenen Sieg der Frauen über die

mannmenschliche Reproduktionskontrolle lebt nach wie vor der

Männer- und Väterdiskurs über die Reproduktion als solche weiter.

Dieser Diskurs stärkt sich selbst durch immerwährende Hinweise auf

die Notwendigkeit des Kinderkriegens und -erzie-hens: Wir, die

Patriarchen, brauchen Kinder (am besten viele echte Söhne und dazu

ein nettes Töchterchen), um unsere Väterreihe (»Tradition«) der

Herrschaftsausübung und Privilegierung fortzusetzen. Solange wir

dafür auf Frauen angewiesen bleiben, müssen diese ran (»Sie sind

darum da«, sagte Luther).

111

Ihre Männer haben dafür zu sorgen, daß sie sich nicht verweigern. Die

Grundprinzipien des Patriarchats bestehen weiter, und manche

Moralisten würden sich wundern, wagten sie einmal nachzulesen,

woher sie ihr Wissen über die »Natur« beziehen. Von Autoren, deren

einzige Denkleistung es war, die Angst der Männer vor der Frau zu

verschleiern. Ausgekeimt muß in einer Männergesellschaft werden,

der kostbare Männersamen darf nicht verschleudert sein, auch wenn

Millionen Kinder hungern und verhungern.

Verschleierung kann und soll auch durch Überhöhung geschehen.

Je stärker sich das eine Faktum vernebeln muß, desto wichtiger muß

sich das andere nehmen. Je weniger über die Atomkraft (männlich)

gesprochen werden darf, desto häufiger muß für das ungeborene

Leben (fraulich, kindlich) demonstriert werden. Aussagen der

Geistlichen zum einen Thema finden sich nur sehr sporadisch, zum

zweiten Thema plappern sie ungefragt und ungebrochen. Solange

Kirche und Staat aber sanktionieren, daß beispielsweise die Belastung

menschlicher Ei- und Samenzellen mit Gemischen toxischer

Fremdstoffe andauern darf, ist deren Behauptung unglaubwürdig, der

§ 218 StGB schütze ungeborenes Leben.

Nach einer Studie des US-amerikanischen Worldwatch-Insti-tuts

werden weltweit pro Jahr 50 Millionen Abtreibungen vorgenommen,

davon die Hälfte illegal. Mehr als 200000 Frauen überleben den

Eingriff nicht; eine weit höhere Zahl stirbt an späteren Komplikationen.

Die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche nimmt bei einer restriktiven

Gesetzeslage keineswegs ab. Die Zahl der Todesfälle bei illegalen

Abbruchen nimmt aber drastisch zu. In Ländern, in denen

Empfängnisverhütung aus religiösen Gründen eine geringe Rolle

spielt oder in denen kaum eine Information über Verhütungsmittel

erfolgt, ist die Abtreibung die gebräuchlichste Form der

Geburtenregelung. Am schnellsten ist die Zahl der Abbruche in jenen

Ländern gesunken, die sie zu einem legalen Teil freiwilliger

Familien-

112

planung gemacht haben. In Staaten wie Dänemark, Frankreich, Italien

und den Niederlanden steht der Schwangerschafts abbruch sogar erst

an vierter Stelle der Kontrollmaßnahmen. Im dezidiert päpstlichkatholischen

Polen nimmt er die erste Stelle ein.

Hat auch der Zölibat seine Folgen zu tragen?

Der regierende Papst hat den Pflichtzölibat im Jahr 1979 eine

»apostolische Lehre« genannt. Zwar wären die — durchweg

verheirateten - Apostel sehr erstaunt gewesen ob dieser Doktrin aus

Rom, doch über zwei Tatbestände kann keine Diskussion mehr geführt

werden: Die römische Kirche muß die Ehelosigkeit ihrer höheren

Amts- und Würdenträger offiziell beibehalten (Zölibat), und sie muß -

wie stets in ihrer Geschichte — damit fertig werden, daß die

wenigsten der von diesem Gesetz Betroffenen sich normgerecht

verhalten. Ein Diskurs über Wohl und Wehe des Eunuchentums um

des Reiches Gottes willen ist anachronistisch. Die Oberhirten lassen

nicht davon ab, sich der Richtigkeit ihres Gesetzes zu versichern, und

die niederen Kleriker wissen, warum und wie sie in aller Stille auch viel

Gutes tun können. Das Priesterleben ein »Opferleben«? Gewiß nicht,

weil es an dienstbaren Frauen fehlte. Die waren den Willigen stets zur

Hand. Eher ein Opferleben, aber ein selbstgewähltes, weil der Kleriker

sich als allzeit disponibles, nicht an Frau und Kinder gebundenes

Menschenwerkzeug erwiesen hat, mittels dessen die Oberhirten

herrschen konnten. Empfand der Kleriker sich noch als sündig, weil er

einmal mehr sein Gelübde gebrochen und eine Frau angefaßt oder mit

den Augen begehrt hatte, war er ein besonders qualifiziertes

Instrument: Niemand gehorcht so willig wie der reuige Sünder

demjenigen, der ihm Erlösung zusagt. Verzeihung freilich nur für den

Reuevollen. Der ließ — seine nächste Gelegenheit zur Sünde im

Auge - sich auch schon mal bespitzeln und denunzie-

113

ren. Der schaute zu, wie ertappte »Mitbrüder« gefoltert und getötet

wurden (im Mittelalter der Kirche) oder wie sie, falls sie nicht nur

Kinder gezeugt, sondern auch geheiratet hatten, aus dem Amt gejagt

worden sind (in der Gegenwart). Priesterkinder und Priesterfrauen: ein

noch unaufgearbeitetes Thema klerikaler Mordgeschichte.

Ungleich lustvoller als die Blut- und Gewissensopfer lassen sich die

Bettgeschichten der Eunuchen erzählen: Zölibatäre haben, anstelle des

ihnen versagten einen Weibes, Liebchen in hellen Scharen gehabt.

Keine Klerikerehe, doch ein Klerikerharem ist die Regel. Im 8.

Jahrhundert spricht Bonifatius bereits von Geistlichen, die sich »vier,

fünf, auch noch mehr Konkubinen nachts im Bette halten«. Später

wird es - in Basel, in Lüttich - Bischöfe mit 20, ja 61 Kindern geben.

Im 13. Jahrhundert nennt Papst Innozenz III. seine Priester »sittenloser

als Laien«, bestätigt Papst Alexander IV., »daß das Volk, anstatt

gebessert zu werden, durch Kleriker vollständig verdorben wird«.

Geistliche »verfaulen wie das Vieh im Miste«, sagt ein anderer Papst

dieser Epoche. Im nächsten Jahrhundert sieht ein Prediger die Kirche

Christi als ein »Bordell des Antichrist«. Im 15. Jahrhundert suchen

»stinkende Menschenkadaver« Bischofssitze zu erobern. Beim Konzil

zu Konstanz, das den sittenstrengen »Ketzer« Jan Hus zur höheren

Ehre Gottes verbrennt, sind 300 Bischöfe zugegen und 700 Huren zu

deren Bedienung, nicht gerechnet jene, die die Oberhirten schon selber

mitgebracht hatten.

Papst Pius II. hat 1460 dem Kardinal Borgia (und späteren Papst

Alexander VI.) vorgeworfen, er habe in Siena ein Fest veranstaltet, bei

dem »keine Verlockung der Liebe fehlte« und zu dem die Ehemänner,

Väter und Brüder der anwesenden Frauen nicht eingeladen worden

waren, »auf daß der Wollust keine Grenzen gesetzt seien«. Solche

Vorwürfe konnten die Nachfolger sich schenken; sie kümmerten sich

gar nicht mehr um das, was zur Regel geworden war. Papst Sixtus

IV. baute

114

nicht nur die nach ihm benannte Sixtinische Kapelle im Vatikan,

sondern auch ein Freudenhaus. Er führte — einer der Geilsten seines

Standes, der seine Schwester, seine Töchter beschlief - 1476 das Fest

der »Unbefleckten Empfängnis« ein - und er kassierte von seinen

Huren auch 20000 Golddukaten Luxussteuer jährlich. 1490 weist eine

Statistik in Rom, das damals kaum 100000 Einwohner zählte, 6800

Dirnen auf. Papst Pius II. hatte recht, als er dem böhmischen König,

unter Berufung auf einen Kenner, den hl. Augustinus, beteuerte, ohne

ein geordnetes Bordellwesen könne die Kirche nicht leben. Papst

Alexander VI. präsidierte einem Bankett, das in den Annalen der

Pornographie unter dem Namen »Kastanienballett« berühmt

geworden ist. Fünfzig Dirnen tanzten nach dem Mahl, »zuerst in

Kleidern, dann nackt«. Man stellte Kandelaber auf den Boden und

streute zwischen ihnen Kastanien aus, »die die nackten Dirnen«, so der

päpstliche Sekretär Burchard, »auf Händen und Füßen zwischen den

Leuchtern durchkriechend, aufsammelten«. Der Papst und seine Kurie

schauten zu, gewannen Einblicke und geilten sich auf, so daß alsbald

die Gastgeber sich mit den Kurtisanen paarten — und Preise denen

ausgesetzt wurden, »welche mit den Dirnen am häufigsten den Akt

vollziehen konnten«. Alexander VI. hatte bereits sieben Kinder

gezeugt, als die Vaterschaft des achten sogar in der eigenen Familie

strittig wurde: Zwei päpstliche Bullen legitimierten dieses Kind, die eine

als Nachkomme des Papstsohns Cesare Bor-gia, die andere als Sohn

des Papstes selbst.

In den ländlichen Gegenden der Champagne, wo viele Pfarrer im

15. und 16. Jahrhundert eine Konkubine hatten, bestand der

verbreitete Brauch, diese am Sonntagvormittag zu entführen und

gruppenweise zu vergewaltigen. Nicht alle »Laien« achteten Kleriker,

die ohne weiteres die Nacht in einer Herberge zu zweit verbrachten,

gemeinsam mit einem Mädchen, dem sie einen ihrer Talare geliehen

hatten. Bischöfe erlaubten, so nebenbei, ihren Priestern Nebenfrauen

und nahmen dafür

einen eigenen »Hurenzins«. Noch im 17. Jahrhundert hatten die

Hirten nicht nur Schafe, sondern auch Frauen und Kinder. Salzburgs

Erzbischof von Raitenau allein 15. Am lustvoll ehelosen Leben der

Pfaffen mag sich bis heute nicht viel geändert haben, doch dürfen sie es

nicht mehr gar so offen treiben. Denn inzwischen gehört die

Heuchelei zum Geschäft: »Wenn du schon nicht keusch leben

kannst«, sagt ein Klerikerwort, »so wenigstens vorsichtig.« Nun ist die

alte katholische Unterscheidung zwischen einer heimlichen und einer

bekanntgewordenen Sünde wieder wichtig. Die geheime und allerorten

grassierende Unzucht der Priester mag noch hingenommen werden,

aber nicht die schwangeren Leiber und schreienden Kinder ihrer

Konkubinen. »Was schreit, macht Ärger«, nennt die Moral ihren

eigenen Zustand. Damit genug mit dem »6. Gebot« des Kir chengottes.

Machen Kleriker gute Geschäfte?

Daß sich Geistliche auf weltlichem Terrain betätigen, ist so neu nicht.

Als im 11. Jahrhundert mit der aufkommenden Geldwirtschaft

kaufmännische Tugenden gefragt zu werden begannen, waren Kleriker

von Anfang an dabei. Rechnungsführung und

Wirtschaftskorrespondenz verlangten Leute, die rechnen und

schreiben konnten. Wer bot sich dafür besser an als die geistlichen

»litterati« (Schreibkundigen)? Wer auf einer Domoder Klosterschule

ausgebildet worden war, wem auch einige Lateinkenntnisse nicht

fehlten, hatte die besten Chancen auf einen auskömmlichen

Arbeitsplatz. Kamen noch etwas Geschäftsgeschick und -praxis

hinzu, konnte aus dem Kleriker bald ein brauchbarer Gehilfe für

weltliche Geschäfte werden. Als aber die Praktiken dieser Gehilfen

über das gesunde Maß hinausgingen und die Gewinnsucht der Herren

überhandnahm, wurden die kirchlichen Vorschriften verschärft. 1079

exkommuniziert eine Synode bereits Kleriker, die sich unerlaubten

116

Finanzaktionen widmen. Erlaubte Geschäfte, das heißt Tätigkeiten, die

sich für die Institution und nicht für den einzelnen auszahlten, waren

vom Verdikt freilich immer ausgenommen. Dieser Gummiparagraph

machte alles möglich. In die eigene Tasche zu wirtschaften, unter

dem Vorwand, für das große Ganze tätig zu sein, ist eine sehr alte

und erfolgversprechende Übung. Sie begann bereits in der Antike, und

zwar schon in vorkonstantinischer Zeit.

Die »Laien« des Mittelalters sahen zu, wie sich der elitäre Stand in

ihren eigenen Branchen bediente. Wie er vorgab, aufgrund besonderer

Erwählung auch in ökonomischen Fragen das bessere Wissen, die

höhere Wahrheit zu kennen. Wie er sich bemühte, staatliche

Privilegien (Steuerbefreiungen u. ä.) für sich und seinesgleichen zu

gewinnen. Wie er stets erfolgreicher war, als es der Konkurrenzneid

zuließ. Daß sich in allen Jahrhunderten kirchenrechtliche Regelungen

für das leidig-erfreuliche Geschäft des Klerus mit der Welt finden,

beweist zweierlei: Zum einen hat es solche Geschäfte stets gegeben,

zum anderen haben die oberhirtlichen Mahnungen nichts genutzt.

Immer wieder wurde als geläufiger Grund, es doch zu tun, angeführt:

Wir arbeiten nicht für uns, sondern für das Reich Gottes. Das

päpstliche Ministerium für die Heidenmission zum Beispiel konnte ein

Lied von seinen Versuchen singen, einerseits die Mittel für die Mission

beschaffen zu lassen, andererseits den Unternehmergeist der

Missionare einzuschränken. 1893 erlaubt es schließlich, was längst

schon fromme Übung war, den Handel mit Aktien.

Dieses Verhalten ist nicht nur eine Frage des Geschmacks, sondern

es zeigt das Problem der Theologen, die richtige Antwort auf eine

drängende Frage zu finden. Alle wissen sie, daß das Reich ihres Herrn

»nicht von dieser Welt« (Jo 18, 36) ist. Alle wissen sie um das

eindeutige Gebot des armen Jesus, nicht zwei Herren zu dienen, »Gott

und dem Mammon« (Mt 6, 24). Sie kennen sogar das harte Wort vom

Reichen, der es schwieri-

117

ger hat, in den Himmel zu kommen, als ein Kamel durch ein Nadelöhr

(Mt 19, 24). Aber sie haben auch den Spruch im Ohr, daß man sich

Freunde machen soll »mit dem ungerechten Mammon« (Lk 16, 9).

Und sie haben es auch geschafft, den Reichtum ihrer Kirche nicht zum

Selbstzweck zu erklären, sonder n ihn ausschließlich altruistisch zu

interpretieren. Reich sind wir, sagen sie, weil es Arme gibt, die

von unserem Geld zehren... »Die Kinder dieser Welt sind in ihrer

Art klüger als die Kinder des Lichtes.« (Lk 16, 8) Auf der römischen

Bischofssynode wurde im Oktober 1990 gefordert,

Priesterseminaristen künftig auch in Ökonomie auszubilden, um

»getreue Verwalter des kirchlichen Eigentums und Vermögens« zu

haben.

Zensiert die Kirche noch immer?

Schnüffler gibt es überall, doch es ist kaum bekannt, daß die

Denunziation zu den erprobtesten Methoden kirchlicher »Seelsorge«

gehört. Dabei spricht allein das Blutwort »Inquisition« (Nachforschung)

Bände. Die Kirche kann es sich und ihrer Tradition zurechnen, nicht

nur Bücher zensiert zu haben (»Index librorum prohibitorum«),

sondern auch Menschen. In beiden Fällen hat das Feuer die schlimme

Arbeit der Schreibtischtäter, Hetzer und Denunziatoren vollendet. Auf

dem »Index der verbotenen Bücher« finden sich große Namen der

deutschen Geistesgeschichte wie Heinrich Heine, Immanuel Kant,

Gotthold Ephraim Lessing und Arthur Schopenhauer. Wer vor diesem

Hintergrund noch immer von den »unvergänglichen kulturellen

Großtaten der Kirche« redet, denunziert die Opfer. Ein Zensurdekret

des Papstes Innozenz IV. von 1487 stellt lapidar fest, daß es dem

Geschenk der göttlichen Vorsehung - der Buchdruckerkunst -

widerspreche, werden Bücher übersetzt und gedruckt, die dem

Glauben und der guten Sitte der Kirche schaden. Künftig haben alle

Buchdrucker vor der Drucklegung

118

ein »Imprimatur« einzuholen. Verstöße werden durch Geldstrafen

(zugunsten des Baus der neuen Peterskirche) geahndet. Hinzu komme

die Exkommunikation - und das beanstandete Buch werde verbrannt.

Die Oberhirten hatten und haben einfach Angst. Bücherzensur ist

ein probates Mittel, Angriffe gegen sich selbst und die eigenen

Geschäfte zu unterbinden, die Wahrheit über die bischöflichen

Machenschaften zurückzuhalten, die »Laien« igno-rant und

glaubensgehorsam zu halten. Zensur ist auch in der heutigen Kirche -

die sich so viel auf die ungestörte Kontinuität zum eigenen Gestern

zugute hält — nichts zufällig Hinzugekommenes, Nebensächliches,

sondern ein Wesensmerkmal. Sie ist nicht nur institutionalisiert, sie ist

institutionell vorgegeben. Der Klerus, der einen bestimmten, klar

umrissenen »Glaubens schatz« vertritt und weitergibt, unternimmt erst

gar nicht den Versuch, die Existenz einer Kirchenzensur zu leugnen.

Zensur wird als alltägliche Erscheinungsform des eigentlich

Kirchlichen akzeptiert. Ein ziemlich großer Teil der Bevölkerung ist

prinzipiell zensurfreundlich bis chronisch zensurwillig. Die meisten

Kirchentreuen sind im Ausüben wie im Ertragen von Zensur durchaus

geübt; derlei Maßnahmen, Berufsverbote für Abweichler inbegriffen,

gehören nun einmal zu ihrem gesunden Empfinden - und sind ein

gottgefälliges Werk. Der »Volkswartbund«, eine Art katholische

Literaturpolizei, hat mit Hilfe eines Heeres anonymer Denunzianten

allein von 1959 bis 1962 nicht weniger als 700 Strafanzeigen erstattet

sowie 271 Anträge auf interne Indizierungen »jugendgefährdender

Schriften« gestellt (in 92 Fällen mit Erfolg).

Als die deutschen Bischöfe 1971 die katholische Wochenzeitung

»Publik« einstellten — ausgerechnet wegen »finanzieller

Schwierigkeiten« —, blieben die Massenproteste aus. Inzwischen

unterstützen die Bischöfe ihre Hofblätter, auch dies ohne großen

Protest. Und die Deutsche Bischofskonferenz hat im Februar 1976 den

römischen Zensurerlaß vom 19. März 1975

119

zum Thema »Die Aufsicht der Hirten der Kirche über die Bücher«

übernommen und adaptiert. Das Grundgesetz, das in diesem Fall die

Weimarer Verfassung zitiert (Art. 137, 3), leistet Schützenhilfe.

Religionsgesellschaften ordnen und verwalten »ihre Angelegenheiten

selbständig«. An diesem Verfassungsgebot scheitern alle

Reformvorschlage. Die Kirchen dürfen selbständig regeln. Das bedeutet

in der Praxis Berufsverbote gegen Menschen, die ihr Grundrecht auf

Meinungs - und Wissenschaftsfreiheit wahrnehmen

(»Lehrzuchtverfahren«), und fristlose Kündigungen wegen

»Lebenswandels« solcher, die im Kirchendienst (Kindergarten,

Krankenhaus) stehen. Kündigungen von Arbeitsverhältnissen gab es in

der Bundesrepublik unter anderem wegen Verstoßes gegen die

Ehelehre der Kirche, wegen Befürwortung einer Reform des § 218,

wegen verspäteter Taufe von Kindern und »Verunglimpfung

christlicher Politiker«. Beanstandungen von Andersdenkenden

betrafen Hochschullehrer, Religionslehrer und - in Bayern - Schüler,

die den Religionsunterricht »störten«.

Damit werden im Geltungsbereich des Grundgesetzes rechts-

und demokratieferne Räume geschaffen und genutzt. In welchem Maß

sich diese grundgesetzwidrigen Praktiken rentieren, zeigt die Tatsache,

daß die »Schere im Kopf« gerade beim kirchentreuen Bevölkerungsteil

funktioniert. Fälle von Selbstzensur in Hochschulen, bei

konfessionellen Verlagen und Akademien, im Rundfunkbereich, bei

den konfessionell betriebenen Sozialeinrichtungen sind an der

Tagesordnung. Die Betroffenen, wenn sie sich ihrer unwürdigen Lage

überhaupt bewußt werden, können stets neue Fälle nennen. Die

Kirchen »Horte der Freiheit« - eine krasse Lüge!

120

Hat sich die Kirche als Ausbeuterin bewährt?

Daß Worte und Taten auseinanderfallen müssen, darf als historisch

gesichertes Prinzip klerikaler Fürsorge gelten. Wasser predigen und

Wein trinken: in Kirchenkreisen nichts Besonderes. Die Themen der

hohen Kirchenmoral liegen denn auch im allgemeinen fest. Schon ein

mittelalterlicher Bischof sagt über die Lieblingsbeschäftigungen der

Seinen: »Alles nur um Irdisches und Zeitliches, um Könige und

Königreiche, um Prozesse und Streitigkeiten. Kaum ein Gespräch über

geistliche Dinge war erlaubt.« Der deutsche Chronist Burckhard von

Ursperg sieht im Geld die einzige Gottheit der römischen Kurie. »Freue

dich, Mutter Rom«, spottet er, »die Schleusen der weltlichen Schätze

haben sich weit geöffnet, und von allen Seiten fließt das Geld als ein

Strom zu dir und häuft sich in Bergen an. Es gibt kein Bistum, keine

religiöse Würde und keine Pfarrkirche, um die kein Prozeß geführt

würde, welche dir nicht Leute mit gespicktem Geldbeutel zuführen

würde. Die Schlechtigkeit der Menschen ist die Quelle deines

Wohlergehens. Aus ihr ziehst du deinen Vorteil.«

Von nichts kommt nichts. Da die Kirchenleute stets mit dem

Realistischeren unter Menschen, mit der Bosheit, gerechnet und

nicht auf die Güte der Menschen gesetzt haben, konnten sie Berge

von Geld und Gut anhäufen. Die Päpste, Meister im Ausbeuten des

menschlichen Bedürfnisses nach etwas Besserem, durften sich jeden

Luxus erlauben. Sie standen stets auf der Sonnenseite des Lebens. Sie

kassierten in jedem Fall: für die Schwärze der menschlichen Natur, die

sie in ihren Fensterpredigten beschworen, ebenso wie für das

Deckweiß, das jene Not hienieden übertünchen sollte, da drüben im

sogenannten Himmel. Während der Zeit ihres freiwilligen Asyls in

Avignon (1309-1376) hat eine päpstliche Krönungsfeier um die 10000

Goldgulden verschlungen, das Jahreseinkommen von etwa 2000

Bauern. Allein das Festmahl zur Inthronisation kostete 5000

121

Gulden. Von diesem Betrag hätten 1000 Landarbeiterfamilien

mindestens ein Jahr lang leben können. Kardinale erhielten bei der

Wahl eines Papstes, je nach Abstimmungsverhalten, Gratifikationen in

Millionenhöhe (nach heutiger Kaufkraft). Papst Eugen IV. (1431-1447),

ein zur persönlichen Armut verpflichteter Augustinermönch, bestellte

bei einem Goldschmied in Florenz eine Papstkrone im Gegenwert von

zwei Millionen Franc. Papst Paul II. (1464-1471) hat sich Edelsteine

geleistet, die auf acht bis zehn Millionen Franc geschätzt worden sind.

Aber auch die Gegenwart trägt ihre Zahlen bei: Die Krone des Papstes

Johannes XXIII. (1958-1963), die als Erbe an die Nachfolger ging, wog

etwa sechs Pfund an Gold. Paul VI., sein unmittelbarer Nachfolger, ließ

sich eine weitere anfertigen (oder: »schenken«).

Schätze und Gelder kamen nicht von ungefähr. Sie wurden den

Untertanen, den »Gläubigen«, abgepreßt, sind Resultate nackter

Ausbeutung. Das vatikanische Gold stammt von lebendigen Menschen,

nicht von Engeln. Es schuf soziale Not. Und während die einen darbten,

praßten die anderen. Ein durchaus papsttreuer Kurialer aus der Zeit

von Avignon berichtet, wann immer er die päpstlichen Gemächer

betrat, traf er die geistlichen Herren beim Zählen von Geld. Nahezu

alles haben Päpste, Nachfolger Petri, um Güter und Privilegien

verschachert, fast alles haben sie zu Geld gemacht - Jahrhundert für

Jahrhundert leuchtende Vorbilder an Korruption und Verdorbenheit.

Früher verkauften sie jeden Bischofsstuhl, jeden Abtssitz, jede

Domherrenwürde, verkauften sie sogar die Anwartschaft auf solch

heilige Ämter, manchmal an mehrere Kandidaten zugleich. Sie

verschacherten jede Bulle, jede Dispens, jeden Ablaß, jedes Urteil. Sie

haben die heiligsten Schätze vermittelt und verklopft, haben jeden

»frommen Betrug« im Reliquienhandel gedeckt. Von 19 überprüften

Heiligen existieren noch heute in Kirchen und Kapellen 121 Köpfe, 136

Leiber und eine stupende Fülle anderer Glieder.

Päpste lassen den geistlichen Schacher auf diesem Gebiet

122

noch immer zu: Da es aber nur noch wenige echte Partikel von Heiligen

gibt, kann die massenhafte Nachfrage nur befriedigt werden, indem

»Berührungsreliquien« verkauft werden: Gegenstände (Stoffteilchen u.

ä.) also, die mit einem Originalteil vom jeweiligen Heiligen in

Berührung gekommen sind — und sich auf diese Weise wunderbar

multiplizieren lassen. Papst Johannes Paul II. ist stark mit der Suche

nach solchen und anderen Geldquellen beschäftigt, sei seine Kirche

doch »ärmer, als die meisten Menschen denken«. Sie muß somit auch

an das Geld anderer Leute kommen. Ergo kostet der päpstliche Segen,

auf einer eigenen Urkunde ausge fertigt, 5000 DM. Orden werden

verhökert (je nach Höhe bis zu 120000 DM), Adelstitel desgleichen.

Der Preis für einen päpstlichen Freiherrn-Titel liegt bei 300000 DM.

Wer mehr sein will als ein bloßer Baron, muß mehr anlegen:

Fürstentitel liegen bei 2,5 Millionen DM. Nach einer gewissen

Wartezeit (Schamfrist) wird die Erhebung im Petersdom gefeiert. Die

Nebenkosten für eine solche Prozedur, etwa anläßlich der Ostermesse

dort, belaufen sich auf weitere 50000 DM.

Über solche Gelder kann gespottet werden. Wer unbedingt meint,

er brauche einen akademischen Titel aus dem Vatikan oder einen

päpstlichen Orden oder einen Grafentitel, der soll dafür zahlen.

Schlimmer wird die geistliche Ausbeutung in Millionen anderer Fälle.

Wenn es um diejenigen geht, die nicht nur kein Geld haben, um sich

beim Vatikan Titel zu kaufen, sondern deren Pfennige auch noch vom

selben Vatikan erpreßt worden sind. Die Rede ist von den Armen und

Besitzlosen dieser Welt. Für sie hat sich der Klerus nur in Worten

stark gemacht, wenn überhaupt. Taten hat er keine aufzuweisen.

Sein eigenes Vermögen rührt er für diesen Zweck so gut wie nie an.

Was tut er? Er fordert andere auf, sich praktisch um das Problem zu

kümmern.

123

Wer hat sich bis zuletzt für die Sklaverei engagiert?

Jesus aus Nazareth erschien als Freund der Ausgestoßenen und

Entrechteten, Zöllner und Sünder, der Kranken, Krüppel,

Gezeichneten, Ausgegrenzten, Abweichler. Er ging mit ganz anderen

Kreisen um als dann die Kirchenleute. Er hat die Armen gepriesen,

den Reichen gedroht, und diese Radikalität zog schon früh die

wirklich Armen des Römischen Reiches an, die Sklaven, die

Freigelassenen, die Arbeiter und die kleinen Handwerker, die

vertriebenen Bauern und Tagelöhner. Für sie alle versprach die neue

Religion Erlösung aus dem sozialen wie geistlichen Elend der ersten

Jahrhunderte. Wer sich taufen ließ, rechnete damals nicht nur damit,

von diesem Jesus - dem von Paulus zum Christus hochgeschriebenen

Herrn - erlöst zu werden und »in den Himmel zu kommen«. Er konnte

auch Befreiung aus wirtschaftlicher Not erhoffen, zumal sich das

Christentum anfangs auch als eine Art Erfüllung proletarischer

Hoffnungen auf Erden dargestellt hat.

Doch sehr bald dachte die neue klerikale Herrenclique nicht mehr

im Traum daran, irgendwelche Gesellschaftsstrukturen zu ändern.

Im Gegenteil. Die »Laien« hatten ihre Unterwerfung akzeptiert, oder

sie waren tot, und der Klerus konnte mit dem Erreichten zufrieden

sein. Er stand auf der richtigen Seite, er genoß »den Reichtum der

Heiden«. Seine Kirche, ohne Bezug zum wirklichen Jesus,

entwickelte sich konsequent zu einer konservativen Großmacht ersten

Ranges. Die sozialen Traditionen des kleinen, armen Häufchens der

Urchristen wurden relativiert oder ganz aufgegeben. Das

althergebrachte Wirtschaftssystem fand eine neue Legitimation durch

die christlichen Wortführer. Bereits Paulus - Kirchengründer und -

ideologe - gibt die Devise aus, jeder Mensch bleibe in dem Stand, in

dem er sich befinde. Der Freie bleibt nach Gottes und des Apostels

Willen frei, der Sklave versklavt. Bischof Ignatius verlangt im 2.

Jahrhundert, daß ein Sklave nicht nur unfrei

124

bleibe, sondern »zur Ehre Gottes noch eifriger Sklavendienste tue«.

Kirchenlehrer Ambrosius nennt die Sklaverei ein »Gottesgeschenk«.

Kirchenlehrer Augustinus, ganz auf der richtigen Seite, propagiert

das Ideal der »arbeitsreichen Armut«. Arm bleiben und viel

arbeiten, ist einer seiner Ratschläge an die Betroffenen sowie einer

der wichtigsten Beiträge zum Jahrtausendproblem des Urngangs mit

armen und reichen Schafen. Die religiöse Gleichberechtigung der

Sklaven geht 257 wieder verloren, als ihnen Papst Stephan I. den

Zugang zum Klerus verbietet. Ausgestoßene, Unfreie, Verkrüppelte,

unehelich Geborene und so fort: alles keine Kandidaten für die

Hirtenschaft (bis heute). Wo kämen wir Kleriker hin, wenn wir

solchen Untermenschen den Zugang zu uns erlaubten! Papst Leo

I., der »Große«, meint 443, ein Verbot sei angebracht und Milde

untersagt, »als wäre ein schäbiger Sklave einer solchen Ehre würdig«.

Sklaven bleiben Untermenschen in der Christenherde. Sie gehören mit

der Zeit, als Sachen, zum »Kirchengut«. Nicht von ungefähr

profitieren die Kleriker am meisten von diesem »christlichen

Institut« der Sklaverei (Ägidius von Rom), nicht ohne Grund hält die

päpstliche Hauptstadt Rom unter allen westlichen Städten am

längsten an der Sklavenhaltung fest. Diese Arbeitskräfte im

Weinberg des Herrn sind die billigsten. Und urn sich solche

Untermenschen zu halten, ist den Klerikern jedes Predigtmittel recht.

Noch die moderne amerikanische Negersklaverei, eine unmittelbare

Fortsetzung der mittelalterlichchristlichen Sklavenhaltung, wird

durch die althergebrachten theologischen Argumente gestützt:

Gottgewolltheit (jedem das Seine) und »wesentliche« (religiöse)

Gleichheit vor Gott bei andauernder sozialer Ungleichheit vor den

Herrenmenschen.

125

Was haben Kleriker gegen Bauern?

Ebenso wie die Hirten alle Emanzipationsversuche der Sklaven

bekämpften, sprangen sie mit den Freiheitsbewegungen anderer

Unterdrückter um. Zwar engagierten sich auf der Seite der

Ausgebeuteten immer auch Prediger; Thomas Müntzer ist der

gewaltigste von ihnen. Doch waren dies Einzelfälle. Die offizielle

Kirche hat sich nie zur Sprecherin solcher Bewegungen gemacht, hat

vielmehr - im Verein mit den übrigen Herren -die Entrechteten

durch ihr Mitleid verspottet, ihnen von Fall zu Fall den theologischen

Garaus gemacht - und sie hat geholfen, ihre Führer, die »abgefallenen«

Prediger zuerst, zu ermorden.

Bauernaufstände grassierten derart im Abendland, daß die

Historiker sie bis in unser Jahrhundert nicht selten übersehen. Das 11.

Säkul um schon ist voll von Revolten. In Frankreich, wo sich die

Landsklaven erheben, kostet einer von ihnen 38 Sous, ein Pferd

dagegen 100. Im französischen Bauernaufstand des 14. Jahrhunderts

werden 20000 Bauern vom Adel hingerichtet. Die Kirche schaut

beiseite oder segnet das Morden. Die Bauernerhebung der Deutschen

wendet sich im 16. Jahrhundert dezi-diert gegen Adel und Klerus. Und

beide rächen sich so furchtbar, daß den deutschen Revolten über

Jahrhunderte hinweg die Angst vor weltlichen und geistlichen

Potentaten in den Knochen steckt. Pfaffen und Ritter, Thron und Altar

- mindestens ein Jahrtausend lang haben sie die Menschen da unten

verachtet, unterdrückt, ausgesogen. Und mochten sie sich noch so oft

befehden, sozial hielten diese Herren zusammen, eine auf Macht

und Gewinn versessene, nur vom Schweiß und Blut der Ausgebeuteten

lebende Klasse. Wieviel Moral hat denn die Kirche? Auch Luther

versagte sozial. Er hat — trotz gelegentlichen Tadels der Fürsten —

Hand in Hand mit ihnen gearbeitet und seine Kirche den

Bauernmördern anvertraut. Er hat die abgründige Not der Bauern

ignoriert, ja in einer Schrift wider die

126

Rotten der Bauern, von aller Welt verlangt, die Aufständischen »zu

würgen, zu stechen wie tolle Hunde«. Die Reformation Luthers

verdient keinen Vorzug vor der alten Kirche. Auch die neugläubigen

Herren waren geneigt, diese Reformation mitzumachen »bis zur

äußersten Grenze ihres eigenen Vorteils« (Theodor Lessing). Noch in

der Nationalversammlung von 1848 findet sich unter 600

Abgeordneten ein einziger Bauer. Die Herren blieben in Staat und

Kirche unter sich. Sie haben die Bauern geschunden, erst zu Hörigen,

dann zu Leibeigenen gemacht — mit fortschreitender »christlicher

Zivilisation« immer mehr. Bauern blieben fortan Objekte. Oft galten

sie den Herren weniger als Vieh. Der Hochmeister des

Deutschritterordens, Siegfried von Feuchtwangen, pflegte um 1300 zu

sagen, es schmecke ihm kein Bissen, habe er zuvor nicht ein paar

Bauern aufknüpfen lassen. Was unbarmherziger gegen die armen

Leute sei als die Geistlichkeit, fragt Paracelsus.

Daß sich Päpste, Bischöfe, Kleriker selbst schadlos gehalten haben,

ist geschichtlich erwiesen. Daß sie für ihre eigene Verwandtschaft

sorgten, desgleichen: Päpste sanieren ganze Hundertschaften von

»Neffen« (Nepotismus), sie beschäftigen ihre Favoriten rings um den

Heiligen Stuhl, sie zimmern sich Wirtschaftsmacht zusammen, sie

hinterlassen - wie noch vor wenigen Jahrzehnten Papst Pius XII. -

selbst ein Privatvermögen in fast dreistelliger Millionenhöhe (in

DM!). Moral? Ausbeutung?

Wer hat die »Soziale Frage« nie beantwortet?

Zwar hat sich Jesus aus Nazareth, wie ihn die Evangelisten darstellen,

gerne »in schlechter Gesellschaft« aufgehalten und sich um diejenigen

gekümmert, die zu den Verachteten seiner Zeit gehörten. Doch kann

keine Rede davon sein, daß er die damals bestehenden

Herrschaftsverhältnisse auch nur in Ansätzen in Frage gestellt hätte.

So weit haben es die Evangelien

127

nun doch nicht kommen lassen wollen, und die Kleriker, die sich auf

die »Frohbotschaft« berufen, haben eigentlich gar nichts dagegen. Die

sogenannte »Bergpredigt«, in der Jesus sich in die Sehnsüchte der

Ärmsten hineingefühlt haben soll, ist denn auch in der heutigen

Kirche zur Fensterpredigt verkommen. Bewegen darf sie heute sowenig

wie eh und je. Auf dem Stuttgarter Evangelischen Gemeindetag 1985

löste der Mathematikprofessor Bodo Volkmann Heiterkeit und Beifall

aus, als er darauf hinwies, daß die Bergpredigt nicht wörtlich und

politisch verstanden werden dürfe. Denn dann müßten die

Gerichtsbarkeit (»Richtet nicht!«) und die Polizei (»Widersteht nicht

dem Bösen!«) abgeschafft werden; ebenso die Rentenversicherung

(»Sorget nicht ängstlich!«), die Banken (»Sammelt euch keine

Schätze auf Erden!«) und die Gewerkschaften (»Wenn dich jemand

anstellt, um vierzig Stunden für ihn zu arbeiten, dann arbeite freiwillig

achtzig Stunden«). Wie unschwer zu erkennen ist, hat nicht einmal die

Kernaussage des rebellischen Mannes aus Nazareth eine praktische

Bedeutung für jene, die seinen Namen feiern.

Die gelenkte innerkirchliche Geschichtsschreibung (wer sollte

gelenkt sein, wenn nicht sie?) hat in den Köpfen vieler Unheil

angerichtet, hat bare Unwahrheiten zur Wahrheit hochgejubelt, hat

Menschen glauben lassen, ihre eigenen Päpste hätten die soziale Not

anderer zu lindern gesucht, theoretisch wie praktisch. Die Realität sieht

völlig anders aus. An den klerikalen Beteuerungen ist kein wahres

Wort. Bis ins 19. Jahrhundert hinein hat kein einziger Papst für die

Armen und sozial Bedrängten mehr übrig gehabt als ein Almosen; hat

keiner praktische Vorsorge getroffen, um wenigstens das schlimmste

Leid zu lindern. Soziale Neuerungen, die Erfolg hatten, kamen von

nichtkirchlicher Seite. Und erst als sich diese Neuerungen

durchzusetzen begannen, bequemten sich auch die Kleriker dazu, im

nachhinein statt der üblichen Verdammung ein vorsichtiges »Ja, aber«

zu formulieren.

128

Päpstliche Rundschreiben, die hin und wieder den euphemistischen

Namen »Sozialenzykliken« führen (1991 steht wieder eine ins Haus),

gehen durchweg von allgemeinen und daher ungefährlichen

Betrachtungen aus. Sätze wie »Alle Gewalt kommt von Gott und nicht

vom Volk« passen ins klerikale Menschen- und Gesellschaftsbild. Sie

stützen die Institution, und sie tangieren die Betroffenen so wenig, daß

diese sich zufrieden zeigen können. Kommen die Päpste schließlich

zum Kern der Frage und sollen sie konkrete Innovationen nennen, die

den Herren der Welt übel aufstoßen könnten, reden sie drum herum.

Sie haben bis heute noch kein wesentliches Mittel genannt, das den

Grund für die Mißstände träfe und helfen könnte, sie zu beseitigen.

Sie wissen gut, warum sie solche Konkretionen unterlassen. Sie

dürfen die nicht vergraulen, denen sie ihr Wohlleben verdanken.

Wenn Pius XII. 1943 sagt, seine Kirche habe »sich immer der

gerechten Ansprüche der Arbeiterschicht gegen jede Unbilligkeit

angenommen«, dann sagt er die blanke Unwahrheit.

Leo XIII., der »Arbeiterpapst« aus dem edlen Hause der Grafen

Pecci, hat 1891 bestätigt, was die Seinen gerne von ihm hören wollten:

Das Privateigentum ist und bleibt Naturrecht. Die Armen sollen nicht

danach streben, mehr zu erlangen, als ihnen zukommt. Denn »vor

allem ist von der einmal gegebenen unveränderlichen Ordnung der

Dinge auszugehen, wonach in der Gesellschaft eine Nivellierung von

hoch und niedrig, von arm und reich schlechthin nicht möglich ist«.

Reiche genießen (der Papst gehört selbst dazu), und Armen wird

bestätigt, daß »Leiden und Dulden nun einmal der Anteil unseres

Geschlechtes« sei. Es wird niemanden verwundern, daß Kaiser Wilhelm

II. bekannt hat, in der Arbeiterfrage »durchaus mit dem Papst

übereinzustimmen«. Kein Wunder auch, daß Leo XIII. ein Exemplar

seiner Enzyklika an Zar Alexander III. gesandt hat, weil er allzugut

wußte, gerade für den russischen Alleinherrscher würden die

päpstlichen Sozialprinzipien akzeptabel sein.

129

Noch zur Zeit Leos XIII. hatte Lenin der Welt anhand der

Guthaben von fast drei Millionen Sparkassenbüchern vorgerechnet,

wie lukrativ es seinerzeit in Rußland war, Pope zu sein. Pro Buch

besaßen Zivilbeamte durchschnittlich 202 Rubel, Händler 222 Rubel,

Grundeigentümer 268 — und Popen mit 333 Rubeln die höchste

Summe. Die Sorge für das Seelenheil der Armen war demnach kein

unvorteilhaftes Geschäft. Jahr zehnte zuvor hatte Victor Hugo

gerufen: »Erhebt euch doch, ihr Katholiken, Priester, Bischöfe,

Männer der Religion, die ihr da in dieser Nationalversammlung sitzt

und die ich da mitten unter uns sehe! Erhebt euch! Das ist eure Rolle!

Was macht ihr da auf euren Bänken?« Die einzige Reaktion:

Gelächter.

Erst als die entstehende Arbeiterbewegung Europas begann, selbst

einige Christen aufzuwecken, sahen sich die Päpste — über

Jahrhunderte hinweg Herrenmenschen und nichts als das — genötigt,

die Bewegung zu »taufen« und scheinheilig in die eigenen Bahnen zu

lenken. Dieses Süppchen mußte mitgekocht werden. Der sogenannte

»Arbeiterbischof« Freiherr von Ketteier hatte als einer der ersten die

neue Zeit richtig einschätzen können. Ketteier, der arm zu arm und

reich zu reich legte wie gewohnt, sah das Risiko der Revolte und

nutzte die Chance, alles prinzipiell beim alten zu lassen, indem er an

den Rändern kleine soziale Erleichterungen schuf. Der Klerus mußte

handeln, nicht kraft eigener Einsicht, sondern aus Selbstschutz. Nicht

ohne Grund geben alle päpstlichen Botschaften das eine Thema

wieder: Die gottgewollte Weltordnung ist nun einmal so, wie sie ist,

und alle Not der jeweiligen Zeit kommt allein vom Schwund des

Glaubens, alle Arznei vom neu entfachten Glauben an uns, die Hirten.

Pius XII. hat 1939 in einem Schreiben an die Bischöfe der USA diese

Meinung bekräftigt: »Die Erinnerung an jedes Zeitalter bezeugt, daß

es immer Reiche und Arme gegeben hat; und daß dies auch immer-so

sein wird, läßt die unabänderliche Beschaffenheit der menschlichen

Dinge voraussehen... Die Reichen, wenn sie rechtschaffen und red-

130

lich sind, üben das Amt von Austeilern und Verwaltern der irdischen

Gaben Gottes aus; als Werkzeuge der Vorsehung helfen sie den

Bedürftigen ... Gott selbst hat bestimmt, daß es zur Ausübung der

Tugend und zur Erprobung der menschlichen Verdienste in der Welt

Reiche und Arme geben soll.«

Ob der Papst — privat ein Multimillionär — je darüber informiert

worden ist, was der angebliche Kirchengründer Jesus aus Nazareth über

die Reichen gesagt hat? Ob ein Gott, der nicht gerade zufällig ein Gott

der Edlen und Reichen ist, wirklich der Reichen bedarf, um irdische

Güter zu verteilen? Ob ein Gott, der nicht von Klerikalen erfunden

wurde, wirklich daran interessiert ist, daß täglich 40000 Kinder auf der

Welt verhungern? Wozu es überhaupt eine Kirche gibt? Wenn diese

doch nur bestätigt, was alle wissen: hier arme Leute, dort reiche?

Warum Päpste keine »soziale Frage« beantworten? Nicht, weil sie zu

dumm dazu wären. Nein, weil sie zu klug sind, um ihre eigene Basis zu

gefährden. Alle Antworten, die wirkliche Antworten sind, gefährden

den Reichtum der Kirche und infolgedessen deren soziale und

politische Privilegien. Da macht man besser von »Sozialenzyklika« zu

»Sozialenzyklika« viele nette Worte für arm wie reich und beläßt im

übrigen alles beim alten.

Ist der Kirchendienst für Arbeitnehmerinnen gefährlich?

Arm bleibt arm, und reich bleibt reich. So will es der Kirchengott,

sagen seine Stellvertreter auf Erden. Unternehmer bleibt Unternehmer

und Arbeitnehmer Arbeitnehmer, so praktizieren es hierzulande die

beiden Großkirchen, die Unternehmerinnen, die mehr Leute

beschäftigen als die Deutsche Bundespost. Weil die Großkirchen ihre

Monopolstellung in Sachen Caritas weidlich ausnützen, haben

Menschen mit nichtkirchlicher Weltanschauung, sofern sie sozial tätig

sein wollen, keine echte Berufschance gegenüber diesen

Tendenzbetrieben. Obwohl der Staat bis zu 90 Prozent der Kosten

solcher Einrichtungen trägt,

131

läßt er darin die Kirche völlig frei als Arbeitgeberin walten — und damit,

unter Bezug auf den angeblich undemokratischen Willen Gottes in

Kirchensachen, demokratieferne Räume schaffen. Kirchliches

Dienstrecht - so Stimmen aus dem Klerus - sei weder Arbeitsrecht

noch öffentliches Recht. Es sei schlicht Kirchenrecht und damit dem

Zugriff des Klerus freigegeben. Ergo möchte dieser schalten und

walten, wie er will, und seine Einflußzonen ausdehnen. Nach seinem

Selbstverständnis könnten nicht nur sämtliche konfessionellen

Krankenhäuser, sondern auch kirchliche Kindergärten, Sozialstationen,

Altenheime als »Stätten der Religionsausübung« unter den besonderen

Grundrechtsschutz der Verfassung fallen. Die Kleriker versuchen zu

bestimmen, welche Bereiche unseres Staatslebens von der speziellen

Kirchenfreiheit (Glaubens-, Religionsfreiheit) erfaßt werden.

Gegenüber einer solch expansiven Deutung werden die »Schranken des

für alle geltenden Gesetzes« praktisch bedeutungslos. Religion wird

damit in einem Sektor ausgeübt, der dem Staat verschlossen bleibt.

Es gibt in der Bundesrepublik eine große Zahl konfessioneller

Arbeitsplätze. Der Deutsche Caritasverband hat schon 1979 den

Durchschnittswert des pro Arbeitsplatz investierten Vermögens auf

300000 DM geschätzt: ein Aufwand an Gesamtinvestitionen von über

50 Milliarden DM. Aber was geschieht mit und an diesen

Arbeitsplätzen? Nicht ohne Grund kritisieren Gewerkschaften wie die

ÖTV immer wieder die unter demokratischen Gesichtspunkten

unhaltbaren Zustände in kirchlichen Sozialeinrichtungen. Zwar sind

die Kleriker sofort bereit, überall dort soziale Aufgaben an sich zu

ziehen, wo Ansprüche gegenüber dem Staat oder den

Sozialversicherungsträgern und Krankenkassen geltend gemacht

werden können. Doch weigern sie sich strikt, die Arbeitsbedingungen

ihrer Mitarbeiterinnen tariflich ebenso festzulegen und abzusichern,

wie das den Regeln des demokratischen, sozialen Rechtsstaats

entspricht. Caritas? Oder bloß »Caritasverband«?

132

Es ist unglaublich, aber wahr: Die katholische Kirche, in der

Bundesrepublik eine der größten Arbeitgeberinnen gerade auf

karitativem Sektor, schränkt die - in Verfassung und Gesetz verbrieften

— Rechte ihrer Bediensteten ein. Aus vorgeblich »dogmatischen«

Gründen. Es zeigt sich ein Prinzip kirchlicher Arbeitsmarktstrategie:

Zum einen sind Kleriker nicht von dieser Welt, zum ändern

beanspruchen sie alle Privilegien dieser Welt. Also bedecken sie sich,

was ihre Institution und alle ihre Einrichtungen und Besitztümer

(Brauereien eingeschlossen) betrifft, mit dem Schutzmantel einer

»öffentlich-rechtlichen Körperschaft«. Zum anderen fordern sie

ständig Ausnahmen von den für alle geltenden Gesetzen unter

Berufung auf ihren unvergleichlich »höheren Zweck«. In beiden Fällen

bringt dieses doppelmoralische Verhalten erhebliche finanzielle

Vorteile. Das Btmdesarbeitsgericht hat erst vor kurzem entschieden,

daß in öffentlich-rechtlich organisierten, also auch kirchlichen

Betrieben das Betriebsverfassungsgesetz nicht gilt. Anlaß war die

Klage von Beschäftigten der Andechser Klosterbrauerei, die einen

Betriebsrat bilden wollten. Zuvor hatte das Münchner

Verwaltungsgericht entschieden, daß gewerbliche Betriebe in

Kirchenbesitz — wie zum Beispiel Brauereien — nicht dem

Tendenzschutz unterliegen. Auch müsse ein Personalrat — wie bei

Behörden — eingerichtet werden. Die beklagten Benediktiner, klerikale

Arbeitgeber, waren aber in die Berufung gegangen.

Wer darf sich nicht scheiden lassen und wieder heiraten, ohne

fristlos gekündigt zu werden?

Bürgerinnen und Bür ger im Geltungsbereich des Grundgesetzes, die

in kirchlichen Einrichtungen beschäftigt sind, tun gut daran, sich auch

in ihrem Privatleben an die »Grundsätze der katholischen Kirche« zu

halten. Scheidungen und Wiederverheiratungen, Abtreibungen,

Geburten unehelicher Kinder oder auch nur Stellungnahmen gegen

kirchliche Anschauungen (wie

133

die zum § 218 StGB) gelten als unvereinbar mit eben diesen

Prinzipien - und führen zum Verlust eines Arbeitsplatzes, der zu 90

Prozent aus Steuermitteln bezahlt wird. Prozesse vor Arbeitsgerichten

haben den Betroffenen immer wieder deutlich gemacht, was es heißt,

in einem Land zu leben, das klerikale und damit undemokratische

Räume zuläßt. Daß die Religionsgemeinschaften hierzulande »ihre

Angelegenheiten selbständig regeln«, wie es das Grundgesetz sagt, gilt

als Freibrief für arbeitsrechtlich skandalöse Zustände. Kirchliche

Arbeitnehmerinnen bleiben ArbeitnehmerInnen minderen Rechts.

Der Arzt eines von der katholischen St.-Elisabeth-Stiftung

getragenen und vom Staat wesentlich mitfinanzierten Krankenhauses in

Bochum hat sich 1989 lediglich an einer Unterschriftenaktion des

»stern« gegen den § 218 beteiligt. Die Folge war fristlose Kündigung.

Ein weiterer katholischer Fall zur Illustration der tatsächlichen

karitativen Verhältnisse: Nach l6jähriger Tätigkeit wurde eine

Buchhalterin von der Caritas fristlos gekündigt, weil sie zur

evangelischen Kirche übergetreten war. Zusätzlich hatte die Caritas

dem von ihr abhängigen Malteser-Hilfsdienst den »Verstoß« der

neuen Mitarbeiterin gemeldet. Das Arbeitsgericht Münster hat die

fristlose Entlassung für rechtswidrig erklärt - und eine fristgerechte

Kündigung angemahnt. Die Caritas verpflichtete sich ihrerseits, auf

den neuen Arbeitgeber keinen weiteren Druck auszuüben.

Einige Beispiele aus dem evangelischen Bereich: Das Diakonie-werk

Neuendettelsau hatte einem 39jährigen Gymnasiallehrer wegen

»ungenügender Leistungen« gekündigt, nachdem dieser an Krebs

erkrankt war. Da der Personalchef der kirchlichen Einrichtung

öffentlich argumentiert hatte, »mit Verwundeten kann man keine

Schlacht gewinnen«, folgte das Arbeitsgericht dieser Darstellung nicht.

Es erkannte die »ungenügenden Leistungen« nicht an, sondern

verurteilte das barmherzige Werk zur Nachzahlung der Gehälter und

zu einer Abfindung. Diako-nie ? Ein Einzelfall ? Frauen von

evangelischen Pfarrern, die in der

134

Gemeinde ihres Mannes mitzuarbeiten hatten, sind nach einer

Scheidung nahezu völlig rechtlos. Da sich Scheidungen in diesen Kreisen

häufen (in Ballungsgebieten soll die Zahl geschiedener Pfarrersehen bei

50 Prozent liegen), geht es nicht mehr um ein Randproblem. Die

Kirche versucht einen weiteren Zuwachs zu verhindern. Daß sie sich

dabei nicht scheut, die geschiedenen Pfarrersfrauen wenig karitativ zu

behandeln, ist keine Empfehlung. Dasselbe gilt für die

menschenunwürdige Vorschrift der evangelischen Kirche, nach der ein

Geistlicher keine Jüdin heiraten, wohl aber mit ihr zusammenleben

darf. Haben die Hirten vergessen, daß derjenige, nach dem sie sich

nennen, selbst Jude gewesen ist - und nicht Christ?

Erzieherinnen in evangelischen Kindergärten klagen 1988 auf

einer Bundestagung ihres Fachverbands über unzumutbare

Arbeitsbedingungen. Die Rechtsträger - häufig durch evangelische

Pfarrer vertreten - ließen erzieherische Fachkompetenz zuwenig

gelten. In Personal- wie in Sachfragen gebe es kaum ein Recht auf

Mitbestimmung. Manche kirchlichen Träger nutzten die

katastrophale Arbeitsmarktlage aus, indem sie Dienste im

Kindergarten nur vergaben, wenn zusätzlich inner kirchliche Dienste -

wie Orgelspielen am Sonntag - verrichtet wurden. Auch hat 1989 die

arbeitsrechtliche Kommission der evangelisch-lutherischen Kirche in

Bayern beschlossen, künftig Wegezeiten nicht mehr der bezahlten

Arbeitszeit der im Kirchendienst Tätigen zuzurechnen. Eine

Schrittmacher-Leistung in Sachen Diakonie?

Nach Auffassung der Gewerkschaft ÖTV koppelt die geplante

»Arbeitsvertragsgrundordnung« der Kirche das Arbeitsrecht der

kirchlich Beschäftigten vom geltenden Tarifrecht im öffentlichen

Dienst ab. Die Kirche, Wegbereiterin des Unsozialen? Die sozialen

Nachteile liegen auf der Hand. Sie betreffen die Umsorgten wie die

Umsorgenden. Sich auf klerikale Art sozial versorgen lassen zu

müssen ist für die Menschenrechte nicht weniger gefährlich, als bei

den Einrichtungen klerikaler

135

Caritas beschäftigt zu sein. Wer heute noch freiwillig in den

Kirchendienst geht, ist selber schuld.

Was hat denn ]esus mit alldem zu tun?

Jesus aus Nazareth in einem Atemzug mit einer Kirche zu nennen,

die sich auf ihn als ihren »Stifter« beruft, fällt schwer, auch wenn die

heutigen Kirchen alles versuchen, um sich den Menschen als Jesus-

Kirchen vorzustellen. Oder als Christus -Kirchen? Ganz einig sind sich

die »gestifteten« Kirchen nicht. Jedenfalls kann zum einen nachgewiesen

werden, daß »Jesus« — wenn es ihn gegeben hat - keine einzige

Kirche gegründet oder auch nur angeregt hat. Das bringt jene

Gläubigen, die einen festen Grund, eine unfehlbar sichere Basis für

ihren Kirchenglauben brauchen, um überleben zu können, in schwere

Bedrängnis. Sie rechnen nämlich ständig mit »Kraft« und »Festigkeit«

ihrer Kirche und gründen diese höchst unsicheren Begriffe auf den

»Herrn Jesus Christus«. Doch dieser verläßt sie, falls er als

»Gründer« einer Kirche in Betracht gezogen werden soll. Selbst wenn

eine solche Gründung nachgewiesen werden könnte, rechtfertigte sie

nur ein bestimmtes klerikalautoritäres Bewußtsein, das Wert auf derlei

legt. Die Kontinuität zwischen Jesus und Kirche ist nicht durch

Gründungsurkunden zu erweisen, sondern durch den Selbstvollzug

einer Gemeinschaft. Und gerade daran hapert es bei der Kirche

gewaltig. Ihr »Selbst« fußt auf Gehorsam, auf Fremdbestimmung,

auf Klasseneinteilungen und Hierarchiebildungen, auf Bedürfnissen

nach Absicherung. Ihre Gehorsamen brauchen eine Kirche, die die

Garantie geglückten Lebens übernimmt, die Himmel und Hölle

verwaltet, wenn sich der einzelne ihr nur ganz und gar anvertraut, ihr

absolut gehorcht, an sie »glaubt«, sie »liebt«. Mit diesen extremen

Verobjektivierungen des Menschen kann Jesus aus Nazareth

überhaupt nicht dienen. Es sei

136

denn, sein eigenes Leben werde umgeschrieben, umgedichtet und

angepaßt.

Zum anderen ist jener »Christus«, den die dogmatisch verfaßten

unter den vielen Kirchen so lieben, gegenwärtig nicht gar so attraktiv,

wie ihre Werbung es verspricht. Es ist nämlich nicht jedermanns (und

nicht jederfrau) Sache, sich einem »Gottessohn« auszuliefern, der

förmliche Hoheitstitel auf sich versammelt, der präexistent,

allmächtig, allwissend und so fort sein soll - und der nichts mit dem

geschichtlichen Jesus zu tun hat. Die »Christen« befinden sich in

einem Dilemma, und die »Jesuaner«, die noch hoffen wollen, weil sie

nicht kämpfen können, nicht weniger. Beide Religionen kommen sich

nicht näher, und die Menschen, die weder die eine noch die andere

wollen, werden zahlreicher.

War dieser kreuzbrave »Jesus« vielleicht ein Rebell?

Leichter als zu sagen, wer oder was »Jesus« gewesen ist, fällt die

Aussage, wer er nicht gewesen ist. Ob er überhaupt gelebt hat, ist

weder sicher zu bestreiten noch sicher zu erweisen. Für beide

Annahmen sprechen Gründe. Es ist möglich, daß Jesus gelebt hat,

vielleicht sogar wahrscheinlicher als das Gegenteil; doch auch dies ist

nicht ganz auszuschließen. Wer es von vornherein abtut und die

Geschichtlichkeit Jesu für zwingend erwiesen erklärt, ist befangen.

Ein sicherer Beweis fehlt, und ein solcher ist auch kaum mehr zu

erbringen, wenn keine neuen Quellen erschlossen werden. Die

damalige Geschichtsschreibung jedenfalls schweigt. Das ganze

nichtchristliche 1. Jahrhundert — das Jahrhundert Jesu — ignoriert ihn.

Kein Historiker nimmt von ihm Notiz, weder in Rom noch in

Griechenland oder Palästina.

Kein »christlicher« Lehrsatz, der sich nicht auch schon bei anderen

finden ließe, so beispielsweise bei den »Essenern«. Die 1947

entdeckten Schriften der »Essener«-Sekte (Qumran am

137

Toten Meer), die zur Zeit Jesu entstanden und die in unmittelbarer

Nähe seines Wirkens verfaßt worden sind, erwähnen keinen Jesus

aus Nazareth. Und daß die Historiker des 1. Jahrhunderts der

christlichen Zeitrechnung schweigen, ist um so erstaunlicher, als eine

ganze Reihe von ihnen ausführlich über die damalige Situation

Palästinas schrieb. Im Gegensatz zum Nazarener Jesus ist der Täufer

Johannes eine historisch einwandfrei belegte Persönlichkeit. Selbst

Philon von Alexandrien (etwa 20 v. bis 50 n. Chr.), der

ungerechtfertigte Hinrichtungen durch Pontius Pilatus anprangert,

erwähnt die eines Jesus aus Nazareth nicht. Und nicht jeder »Jesus«,

der in zeitgenössischen Schriften erscheint, meint den Nazarener. Jesus

war seinerzeit ein so beliebter Name wie zu anderen Zeiten Wilhelm

oder Otto.

Seine Existenz aber vorausgesetzt, ist dieser Jesus nicht Christ,

sondern Jude. Die Mitglieder seiner Urgemeinde heißen Hebräer (die

neuere Forschung nennt sie »Judenchristen«). Jesus propagiert eine

Mission nur unter Juden, Jesus ist stark von der jüdischen

Apokalyptik beeinflußt, Jesus glaubt daran, daß das Gottesreich bald

komme. Ob dieses Reich freilich jenes sein sollte, das uns die -

mittlerweile gereinigten — Evangelien präsentieren, ist eine andere

Frage. Ob der historische Jesus überhaupt der überbrave Gottessohn

gewesen ist, der nach Meinung der Evangelisten von Gehorsam gegen

den Vater überfließt? Vielleicht war alles ganz anders. Vielleicht war

Jesus ein trotziger Sohn, der so wenig von »Vater« und »Vaterliebe«

gehalten hat, daß ihn die Werteväter seiner Zeit umbringen mußten.

Vielleicht haben sich die Evangelien nur deswegen durchsetzen können,

weil sie aus dem rebellischen Sohn einen Bestätiger patriarchaler

Gesellschaften im Himmel wie auf Erden gemacht haben, wer weiß.

Jesus ist jedenfalls nicht der notorische Jasager gewesen, der zu allem,

was auf ihn zukam, »Amen, lieber Vater« gesagt hat. Dieser

Sohnesgehorsam paßt freilich auffallend gut in die Interessenlage der

Evangelien.

138

Jesus hat das unmittelbar bevorstehende Weltenende gepredigt und

sich im Zentrum seiner Verkündigung vollständig getäuscht. Dies gilt

als die sicherste Erkenntnis der gesamten modernen historischkritischen

christlichen Theologie. Nicht um des Wahren willen, das

Jesus gepredigt hat, sondern wegen einer Vorhersage, in der er sich

geirrt hat, konnte dieser Mensch zum Mittelpunkt einer neuen

Religion werden. Wäre das Weltenende wirklich so schnell

eingetroffen, wie Jesus das gemeint hatte, wäre keine Kirche

notwendig geworden. Nur sein Irrtum hat die Kirche gebracht; eine

Selbsttäuschung hat ermöglicht, daß andere, wesentlich

machtinteressiertere Kreise sich seiner Person bemächtigen und eine

Täuschung größten Ausmaßes inszenieren konnten: Nicht Jesu Reich

ist auf die Welt gekommen, sondern die Kirche Christi. Zwischen

beiden klaffen Abgründe, und jeder Versuch muß kläglich scheitern,

Brücken von Jesus zu Christus, vom »Reich« zur »Kirche« zu bauen.

Wer solche Hilfsbrücken konstruiert hat, nennt sich zwar

»Brückenbauer« (Pontifex maximus) wie der römische Papst, aber

gelungen ist ihm eine tragfähige Konstruktion nie. Im übrigen ist

selbst jener Petrus, der in Rom als Apostelfürst und »erster Papst« eine

Gemeinde gegründet haben und hingerichtet worden sein soll, eine

ahistorische Legende. In Wirklichkeit wurde über das Schicksal des

Fischers Simon (»Petrus«) nichts bekannt, insbesondere nicht über

Zeit und Umstände seines Todes. »Jesus aus Nazareth« mußte

rekonstruiert werden, damit er zu dem paßte, was heute »seine Kirche«

genannt wird. Er ist kein lebendiges Wesen mehr, sondern die

Kunstfigur eines an bestimmten Aussagen interessierten Glaubens.

Entsprechend unhistorisch ist alles, was sich auf seine Existenz

beziehen soll und in den Evangelien berichtet oder in den klerikalen

Dogmen ausgesagt wird:

Geburtstag, Geburtsjahr und Geburtsort, wie sie die Evangelien

und die fromme Tradition überliefern, sind historisch falsch. Jesus ist

nicht in Bethlehem geboren worden. Der

139

25. Dezember hat eine heidnische Vorgeschichte und wurde im 3.

Jahrhundert als Feiertag im Römischen Reich eingeführt zu Ehren des

»Sonnengottes«.

Es kann kaum ein blinder Zufall sein, daß Mithras, der Heiland

und Sonnengott der Römer, von einer Jungfrau in der Krippe am 25.

Dezember geboren worden sein soll, daß Hirten ihm gehuldigt haben,

daß er der Welt den Frieden versprach, nur um später gekreuzigt zu

werden, zu Ostern aufzuerstehen und in den Himmel zu fahren, um

nur die auffallendsten Ähnlichkeiten zwischen seiner Legende und der

des Jesus Christus zu erwähnen.

Jesus ist nicht das Kind einer Jungfrau; er stammt aus der Ehe einer

Frau namens Maria mit einem Mann namens Joseph. Er hat selbst nicht

ein einziges Mal etwas anderes gesagt. Der aufkommende Marienkult

der Kirche mußte Legenden erfinden und präsentieren: Die neue Göttin

konnte nicht gut als Witwe eines jüdischen Zimmermanns vorgestellt

werden.

Die Geschichte vom Kindermord des Königs Herodes ist ebenso

unhistorisch wie die Legende von der Flucht der Zimmermannsfamilie

mit dem Jesuskind nach Ägypten.

Auch daß Jesus unverheiratet gewesen sein soll, ist kaum

historisch. Daß er zu einer Art »männliche Jungfrau« stilisiert worden

ist, hatte Methode. Sexualität mit ihm oder mit einem seiner

Gefolgsleute zu verbinden erschien einer Kirche, die von Ehelosen

gelenkt wurde, unpassend.

Daß die über Jesus tradierten Wunderberichte fromme

Ausschmückungen eines Heroenbildes darstellen, steht außer Zweifel.

Eine spezielle Doktrin, die ihren Ursprung in Jesus aus Nazareth hätte,

gibt es nicht. Es gibt auch kaum ein Wort Jesu, das in der jüdischen

Literatur vor ihm nicht bereits — wenn auch modifiziert — nachzulesen

gewesen wäre.

Jesus hat keinen »Zwölferkreis« von Jüngern oder Aposteln

ausgewählt. Die »Zwölf Apostel« sind, von der Symbolzahl einmal

abgesehen, eine spätere Konstruktion.

140

Das Gebot der Feindesliebe, mittlerweile als edelste Forderung des

Christentums präsentiert, findet sich in den Urtexten überhaupt nicht,

wohl aber, rigoroser, schon bei Platon.

Jesus hat niemals einen spezifischen Anspruch erhoben, der

Messias der Juden zu sein. Er hat keinen der vielen messia-nischen

Titel angenommen, die die Tradition ihm angeboten hätte. Sich

»Christus« zu nennen oder nennen zu lassen wäre ihm nicht in den

Sinn gekommen. An den messianischen Huldigungen, die die

Evangelien überliefern, ist - historisch gesehen - kein wahres Wort.

Die Passionsgeschichte ist legendarisch ausgeschmückt und hat

sich niemals so zugetragen, wie sie die Evangelien berichten. Jesu

Passion muß alttestamentarische Weissagungen bis ins Detail hinein

»erfüllen« — und wird entsprechend zurechtgebogen. Den Evangelisten

stand hierzu biographisches Material so gut wie nicht zur Verfügung;

Paulus schweigt sich aus. Augen- und Ohrenzeugen fehlen.

Entgegen der allgemeinen Annahme, ein Judas habe Jesus

verraten, ist diese Darstellung tendenziös. Auch wenn nach einer

Umfrage von 1967 noch bare 91 Prozent der Befragten (die sonst

wenig genug glaubten) an den Judasverrat geglaubt haben, ist dieser

unhistorisch.

Einen aufsehenerregenden Prozeß Jesu hat es ebensowenig

gegeben wie bei den Hunderten und Tausenden anderen Verurteilten,

die unter Pontius Pilatus hingerichtet worden sind. Der römische

Oberbeamte war - entgegen der evangelischen Schilderung —

keineswegs mild gestimmt, sondern ein ausgesprochen harter Richter

mit Vorliebe für standrechtliche Verfahren. Wenige Jahre nach Jesu

Tod wurde Pontius Pilatus auf jüdischen Protest hin aus seinem Amt

abberufen.

Eine eigene Verhandlung vor dem Hohen Rat der Juden fand mit

großer Wahrscheinlichkeit nicht statt. Pontius Pilatus war es, der das

Todesurteil gefällt hat. Dieses ist dann von seinen Legionären

(wahrscheinlich Syrern) vollstreckt worden.

141

Ungewiß bleibt das genaue Todesdatum Jesu. Gegenwärtig wird

der 7. April 30 als der wahrscheinlichste Termin angenommen. Jesus

aus Nazareth, der sieben Jahre vor dem offiziellen Geburtsjahr geboren

worden ist, wäre damit 37 Jahre alt geworden.

Der genaue Ort der Hinrichtung ist nicht zu ermitteln. Wo sich

heute die Grabeskirche erhebt, dürfte er nicht gelegen haben. Daß

jemals das Kreuz Jesu aufgefunden worden sei (nach 300 Jahren

durch die Mutter des Kaisers Konstantin!), ist eine Lüge. Die auf die

Welt verteilten Splitter vom »wahren Kreuz« sind Fälschungen.

> Die Behauptung, Jesus habe seinen Kreuzestod freiwillig

auf sich genommen, ist absurd. Todessehnsucht ist dem jüdi

schen Denken ganz fremd.

Jesus hat kein einziges »Sakrament« selbst eingesetzt.

Getauft hat er niemanden. Sogar das Abendmahl hat er nur

eingenommen, nicht aber als Sakrament der Kirche - von der er

nichts ahnte - begründet.

Heißt der Stifter der Kirche »Paulus«?

Es gab einen Menschen mit einem starken Interesse daran, den

historischen Jesus aus Nazareth umzudeuten und - zugunsten der

paulinischen Gemeinden - zum Christus der Welt zu er heben. Ihm

gebührt die Palme; er hat das Christentum begründet. Der erste

»Christ« aus einer Reihe von Millionen und Abermillionen war nicht

Jesus aus Nazareth, sondern Paulus aus Damaskus, wo er seine

»Bekehrung« erlebt haben soll. Er ist der früheste christliche

Schriftsteller. In vieler Hinsicht lehrt er gänzlich anders als der Jesus

der Bibel (der sogenannten historisch-kritischen Theologie). Paulus, der

Jesus selbst nicht kennengelernt hat, gibt dessen Endzeitglauben auf. Er

beweist nicht nur in diesem Fall ein gesundes Gespür für die Zukunft

des Christentums. Taufbefehl und Missionsbefehl sind ganz

142

und gar paulinisch; sie sollen - Jesus in den Mund gelegt — die vielen

Reisen des »Völkerapostels« legitimieren (und sie sind für

millionenfaches Leid der Menschen verantwortlich geworden). Paulus

führt die Erbsündenlehre ein und die Lehre von der Erlösung. Er, der

nachgeborene Apostel, ist ein besonders ehe- und leibfeindlicher

Einzelgänger, dessen Haß sich nicht nur gegen die Frauen richtet (er

bleibt unverheiratet), sondern auch gegen die, mit denen er keine

Gemeinschaft pflegen darf, die wirklichen Urapostel, oder aus

»Glaubensgründen« will, die Juden und die »Ketzer«.

Auf diesem Haß des Ausgeschlossenen errichtet er eine neue

Gemeinschaft, seine Religion, seine Gemeinde, seine Kirche. Noch

heute tragen Millionen Menschen schwer an diesem Erbe. Der

bedeutende Theologe und Arzt Albert Schweitzer urteilt, Paulus

scheine »nicht im entferntesten ein Bewußtsein davon zu haben ...,

persönliche Erlebnisse als etwas Nachzuerlebendes mitzuteilen«,

sondern propagiere »alles als ein aus den Tatsachen unmittelbar und

objektiv sich ergebendes System«. Und der jüdische Autor J.

Klausner meint: »Er gehörte zu jenen >geistigen Tyrannen<, denen

ihre Person und ihr Werk eins werden und die im Namen dieses

Werkes sich unbewußt das zu tun erlauben, was ihnen ihr Egoismus

eingibt...«

Daß, nach einem Wort des Theologen Franz Overbeck, »Jesus

gerade dem Paulus unbegreiflich« gewesen ist, läßt sich begreiflich

machen. Das Judesein Jesu ist für Paulus nur noch eine Beiläufigkeit.

Statt dessen vermittelt dieser Apostel den Eindruck, als habe sich Jesus

in einer ständigen Auseinandersetzung mit dem Judentum, vor allem

mit den Pharisäern befunden. Die echten Zeugen waren demgegenüber

unbrauchbar; Paulus mußte alles daransetzen, sie abzuwerten und

ihnen einen nur geringen Einfluß auf die Gestaltung seines

»Christusbildes« einzuräumen. Jesus aus Nazareth soll nicht mehr

nach dem beurteilt werden, was er wirklich gewollt und getan hatte. Er

ist »von Ostern her« wichtig geworden. Was Paulus

143

über den Nazarener sagt, ist wenig genug: Jesus war ein loyaler Jude

(Gal 3,16), nicht von einer Jungfrau geboren, sondern von einer Frau

(Gal 4, 4). Er hatte mehrere Geschwister (Rom 8, 29), er war allzeit

Gott gehorsam (Phil 2, 8). Die Passionsgeschichte, in den Evangelien

von zentraler Bedeutung, bleibt bei Paulus unerwähnt.

Die Jerusalemer Urapostel, über die direkte Zeugnisse fehlen,

haben sich mit dem Emporkömmling Paulus, der Jesus nicht gekannt

hat wie sie, doch alles über den Christus zu wissen vorgab, immer

wieder angelegt. Die Judenchristen, die Paulus schließlich das

Heidenapostolat absprechen, behaupten, er rede den Menschen nach

dem Mund, sei ein angeberischer, gleißnerischer Mensch, er mache

den Zugang zu Jesus viel zu leicht, er predige nicht Jesus, sondern

Paulus. Sie beschuldigen ihn des finanziellen Betruges und der

Feigheit. Sie halten ihn für verrückt und fallen zuletzt in seine

Gemeinden ein, um sie ihm abzunehmen: Der Kampf um das richtige

Lehren wird bereits - typisch für die Dogmengeschichte - zu einem

Kampf um Einfluß und Macht. Paulus wäre nicht Paulus gewesen,

hätte er dies hingenommen. Er steckt nicht nur ein, er gibt vielfach

zurück. Seine Feindschaft wird unerbittlich. Sie hält bis zu seinem Tod,

und nur unhistorisch Denkende glauben dem frommen Märchen vom

»idealen Apostelfürstenpaar Petrus und Paulus«, wie es in Roms

Legenden zum Nationalfeiertag des Vatikans (29. Juni) als postume

Versöhnungsfeier auftaucht. Von allem Anfang an gab es keine

»Orthodoxie« im Christentum, sondern Streit um eben diese — und

Mord und Totschlag als notwendige Folge solchen Streits.

Siegreich ist schließlich nur der späte Paulus; von seinen

urchristlichen Gegnern verliert sich die geschichtliche Spur. Paulus

aber weiß seine Religion durchzusetzen. Er öffnet dem Zeitgeist Tür

und Tor, und während sich die Jesuaner politisch und sozial nicht halten

können (sondern durch Staat und Kirche leicht unterdrückt werden),

überflutet der Paulinismus die

144

ganze westliche Welt. Paulus ist der nüchterne Organisator, der ein

wesentliches Element guter Politik kennt, die Anlage auf Dauer. Der

seine Kirche so anlegt, als ob es kein Weltenende gäbe. Der mit

Rücksicht auf die scharfe Kontrolle des römischen

Herrschaftsapparates die ursprünglich politische Seite des »Messias-

Gedankens« eliminiert. Der die Frage nach der Legitimation

tatsächlicher Macht gar nicht stellt, sondern sich in seiner Lehre von

der »Obrigkeit« jeder Herrschaft unterordnet und anpaßt. Der das

vorgegebene römische Verwaltungssystem optimal zu nutzen versteht,

der seine Gemeinden mit dem Diesseitigsten, dem Geld, an sich zu

binden sucht. Der maßgeblich jene Entwicklung fördert, die aus Jesus

den Christus werden ließ, den als Erlöser aller Bedürftigen

ausgerufenen Gott und Heiland. Paulus hat die Wende von der

Naherwartung zum »ewigen Leben« eingeleitet und die neue Doktrin

maßgeblich befestigt. Glaubte die Urgemeinde noch an die

Verwirklichung des Gottesreiches auf Erden durch den

wiederkommenden Herrn, lehrte Paulus das profitablere Gegenteil:

Dieses Reich sei mit Jesu »Opfer-Tod« und seiner »Auferstehung«

bereits angebrochen. Kein Jesus kommt mehr auf die Erde zurück,

zumindest nicht in absehbarer Zeit, sondern der einzelne Christ kommt

nach seinem Tod zu ihm in den Himmel - falls er auf dieser Erde

seinen Gott nicht reuelos enttäuscht hat.

Paulus weiß, was er sagt. In seinen Schriften steht der Name Jesus

nur 15mal, der Titel »Christus« jedoch 378mal. Paulus, der historische

Fakten um-schreibt und sich seine Religion zu-rechtformt, entlehnt aus

der zeitgenössischen Geisteswelt alles, was in sein Konzept paßt. Er

malt die Seligkeit des Christen mit lauter griechischen und

hellenistischen Wendungen aus, seine Schriften strotzen vom

religiösen Formelschatz des Heidentums, seine Inhalte decken sich oft

frappierend genau mit Vorstellungen der zeitgenössischen

Mysterienreligionen und der griechischen Philosophie. Beispiel

»Erlösung«: Hier hat die Doktrin des »Völkerapostels« Elemente der

Antike übernom-

145

men und auf die Kunstfigur des »Christus« übertragen. Jesus aus

Nazareth erhält nur noch die Funktion eines Kleiderständers, auf den

das jeweils passende (»modische«) dogmatische Gewand gehängt wird.

Nach allem, was von Jesus überliefert worden ist (und das ist herzlich

wenig!), lag seinem Denken die paulinische Erlösungslehre fern. Daß

dieser Jesus sich selbst als »Erlöser und Heiland der Welt« gesehen

hätte, ist nach historischen Erkenntnissen undenkbar. Der jüdische

Prophet wollte kein Gottessohn der Christenkirchen, und auch die

jüdische Jesussekte wollte um alles in der Welt nicht zur christlichen

Kirche werden. Aus Rom war für Israel noch nie das Heil gekommen.

Wer freilich den paulinischen Christus nicht aner kannte, der verfiel

dem Bann nicht nur des Paulus, sondern auch dem der Kirche, die

sich zu Unrecht auf Jesus statt auf Paulus gründet.

Welche Rolle haben die Evangelisten gespielt?

Als eine Religion des Buches hat das Christentum bei den Seinen stets

um Respekt gegenüber einer Anzahl heiliger Texte geworben. Doch

sind Texte, heilige Texte und die Zahl dieser Texte bis heute strittig.

Frohbotschaft, Drohbotschaft? Für welche der beiden Lösungen sich

die Evangelien entschieden haben, die - in hunderttausend

Abweichungen - auf uns gekommen sind, bleibt wie so vieles unklar.

Das Bild ihres Gottes spricht dafür, daß Gottvater ein strenger Gott

ist, mit dem sich folgenlos nicht spaßen läßt und der früher oder

später seine Rache an den Reuelosen nimmt. Mit diesem »Gottesbild«

stehen die Hauptschriften des Christentums nicht allein. Der Gott,

den sie der Welt verkünden, hat keine Vorsprünge vor seinen

patriarchalen Mitbewerbern. Auch »Heilige Schriften« (oder, besser,

»von der Kirche heiliggesprochene Schriften«) wie die Evangelien

sind in der Religionsgeschichte nichts Auffälliges, sie sind üblich.

Historisches Interesse ist ihnen fremd.

146

Sie wollen missionieren. Sie richten sich - als Stütze - an die bereits

Gläubigen oder - als Aufmunterung - an jene, die es werden sollen.

Mit Jesus haben die Evangelien wenig zu tun. Nicht eines seiner Worte

wurde direkt aufgezeichnet. Was er gesagt hatte, kursierte mündlich,

und nach seinem Tod waren nur Einzelstücke im Umlauf, kleine

Geschichten, Gleichnisse, Sprüche, Spruchgruppen. Wann Jesus was

gesagt hat, wie er es genau gemeint hatte, war zu diesem Zeitpunkt

nicht mehr sicher. Da weder das Wann noch das Wo, noch das Wie

festgehalten werden konnte, durften die Evangelisten Stück um Stück

und Wort um Wort glätten, umgr uppieren, ergänzen. Wunder wurden

hinzugedichtet, passende Sinnstücke und »Herrenworte« desgleichen,

Orts- und Zeitangaben stimmen historisch nicht. Die »Heilige Schrift«

ist ein bereits beträchtlich über Jesus hinausentwickeltes, aus

gläubigem Überschwang entstandenes Literarprodukt, eine Sammlung

von religiösen Erbau- ungs- und Missionierungsschriften, wie sie der

damaligen »Gemeinde« nützlich erschien.

Kein Evangelium ist von einem Augenzeugen verfaßt worden. Die

Verfasser sind durchweg geschichtlich unbekannte Personen. Bei

keinem von ihnen handelt es sich um einen der gleichnamigen Apostel

oder Jünger Jesu. Auch der Verfasser der Petrus-Briefe hat nichts mit

dem im Evangelium aufgeführten Petrus zu tun. Hier und in anderen

Fällen schmücken sich die Autoren mit fremden Federn. Kein

historischer Jünger Jesu wäre - auch wenn er hätte schreiben können —

überhaupt imstande gewesen, theologische Schriften zu erstellen. Die

Diskrepanz zwischen Namengebung und wirklicher Autorenschaft ist

besonders groß beim sogenannten Johannesevangelium. Dieses

wurde von außen, von der frühchristlichen Gnosis, beeinflußt, einem,

wie der evangelische Theologe Hans Conzel-mann formuliert,

»ungeheuerlichen mixtum compositum aus iranischen, babylonischen,

ägyptischen Ideen«. Es ist bei diesem späten Evangelium ganz

auszuschließen, daß es sich um

147

authentische Jesus -Texte oder eine authentische Botschaft Jesu handelt.

Die »schönen Worte«, die der Autor Johannes findet (der kein Jünger

gewesen ist), klingen zwar für theologische Ohren sehr bedeutend, aber

sie stammen nicht von Jesus selbst. Der Nazarener sagte beispielsweise

nie von sich, er sei »das lebendige Brot, das vom Himmel

herabgekommen ist«. Er verlangte von niemandem, um des Heiles

willen sein »Fleisch und Blut« zu sich zu nehmen.

Aber die Ansicht des Johannes hat sich dennoch durchgesetzt.

Einigen wenigen (den besten oder den siegreichsten?) unter den

Hunderten von rivalisierenden Lehrern, die alle behaupteten, die

einzig wahre Lehre Jesu zu kennen und zu vertreten, und die alle

anderen des Betrugs bezichtigten, ist der Durchbruch gelungen. Daß

sich unter den besonderen Umständen, unter denen die Evangelien

entstanden sind, nicht nur (Abschreibe-)Fehler eingeschlichen haben,

sondern auch Widersprüche, ja Unwahrheiten, ist verständlich. Schon

von den Schriften des sogenannten Neuen Testaments sind mehr als

die Hälfte unecht, das heißt entweder ganz gefälscht, oder sie stehen

unter einem falschen Verfassernamen, was anscheinend ihrem

Charakter als »Gotteswort« keinen Abbruch tut. Die offizielle Kirche

weiß wie stets einen Ausweg: Was sie, wenn auch erst Jahrhunderte

später, als Originaltext deklariert hat, ist authentisch, ist »vom

Heiligen Geist inspiriert«, ohne Fehl und Tadel, ohne Abstriche.

Wieder muß sich das Prinzip der Catholica bewähren: Was gefälscht ist

und was nicht, was irrig und was wahr, bestimmt nicht die

Wissenschaft, nicht der denkende Mensch, sondern das bestimmen die

Kleriker — und der Heilige Geist. In der Praxis sieht das so aus: Um der

heillosen Verwirrung der Heiligen Schrift ein Ende zu machen,

beauftragte Papst Damasus (zu diesem sonderbaren Heiligen später) im

Jahr 383 den Hieronymus (einen heiliggesprochenen Verleumder und

Fälscher), einen einheitlichen Text herzustellen. Der Beauftragte tat

sein Bestes. Er änderte den Wortlaut der

148

Vorlagen an etwa 3500 Stellen. Diese Übersetzung des Hie-ronymus,

die sogenannte »Vulgata« - als »allgemein Verbreitete« bezeichnet -,

hat die Kirche selbst über Jahrhunderte hinweg angefochten, im 16.

Jahrhundert aber durch das Konzil zu Trient als »authentisch« erklärt.

Und für Katholiken wurde das Dogma von der göttlichen »Inspiration«

der biblischen Texte auf dem Ersten Vatikanischen Konzil 1870

nochmals bestätigt. Darüber gibt es bis heute keine erlaubte Diskussion.

Die nichtkatholischen Kirchen wundern sich.

Die kanonischen, das heißt die nach langem Streit kirchenoffiziell

anerkannten Evangelien des Markus, Matthäus, Lukas und Johannes

sind erst Jahrzehnte nach dem mutmaßlichen Kreuzestod Jesu

entstanden. Keine Schrift des Neuen Testaments, der Bibel insgesamt,

ist original erhalten. In einem 1966 in Istanbul entdeckten Manuskript,

das Aufschluß über die frühen christlichen Jahrhunderte gibt, wird von

achtzig verschiedenen Versionen der Evangelien berichtet. Das heute

vorliegende Neue Testament entspricht dem Zustand, in dem es um

das Jahr 380 in der östlichen Christenheit verbreitet war. Ursprünglich

dachte niemand an die Möglichkeit einer »Kirche« und an deren

Geschichte oder Zukunft. Interessant wurden solche Aufzeichnungen

erst, als das Weltende nicht eintrat und der »Herr« partout nicht

wiederkommen wollte. Je weniger von diesem Herrn zu sehen war,

desto mehr mußte er — für die Evangelisten, Jünger, Gläubigen —

vergottet werden. Ein gewaltiger Prozeß des Umdeutens und

Umschreibens setzte ein. Die Naherwartung wurde zur Fernerwartung

und noch etwas später zum »ewigen Leben« umgemogelt, die Wunder

Jesu steigerten sich systematisch an Zahl und Qualität, und der Herr

selbst avancierte unter der Hand zum »Messias« für die Juden, zum

»Christus« für die Christen, zum »Gottessohn« für die Menschen aller

Länder und Zeiten. Damit hatte die Zwangsidee »Dogma« endgültig

den armen Mann aus Nazareth besiegt, war die »Kirche Christi«

definitiv zur Institution überhöht, mit

149

deren Hilfe die Menschen einer von Elitegruppen organisierten

Ausbeutung unterworfen werden konnten.

Ausbeutung? Die Stichwörter Ablaß, Hölle, Fegefeuer, Buße,

Spende, testamentarische Schenkung stehen für viele Details dieses

geistlichen Geschäfts mit der Angst. Jeder einzelne dieser

Mechanismen religiösen Schröpfens hat seine unheilvolle Tradition;

jeder von ihnen lebt bis heute fort. Noch in der Mitte unseres

Jahrhunderts wurde beispielsweise der Ablaß als »einer der größten

Faktoren der Wirtschaftsgeschichte« gerühmt, der »die strahlenden

Bischofsdome und lieblichen Münster« erbauen half, »die Landschaft

mit trauten Kapellen und Bildstöcken« füllte und »die Sakristeien und

Schatzkammern« ebenso. Ein 1971 mit kirchlicher Druckerlaubnis

erschienenes Buch schwärmt: »Die Lehre vom Ablaß, aus

Unwissenheit oft bekämpft, ist etwas vom Schönsten unseres

Glaubens. Am besten läßt sich der Ablaß mit einer Aktie vergleichen.

Je mehr Aktien einer besitzt, um so größeren Anteil erhält er am

Kapital und am Gewinn der betreffenden Firma. Die >Firma<, der wir

angehören, ist die Kirche; wer einen Ablaß gewinnt, wird >Aktionär<

der Kirche.«

Und die Beichte, neuerdings »Bußsakrament« geheißen? Der

Jesuit Adolf von Voß schreibt: »Gib Almosen, pflege Kranke,

begrabe Tote, faste, wache, bete, quäle dich, kasteie dich, weine dir

die Augen blind; — nichts von alledem ersetzt die Beichte.« Kleriker

brauchen die Sünden und die reuigen Sünder; sie leben davon, und sie

leben davon nicht schlecht. »Sei ein Sünder und sündige wacker«,

animiert Luther, »aber vertraue und freue dich in Christus.«

150

Was Kirchen Menschen antun oder: Wer

wäscht da seine Hände in Unschuld?

Der Katholische Erwachsenenkatechismus, den die Deutsche

Bischofskonferenz 1985 herausgegeben hat, ist seiner Sache ganz

sicher: »Schließlich ist die Kirche als Tempel des Heiligen Geistes

selbst heilig.« Diese Heiligkeit wird gedeutet als »Ausgesondertsein

aus dem Bereich des Weltlichen und Zuge hörigkeit zu Gott«. Stark

kontrastiert zu dieser Katechismus-Wahrheit die historisch begründete

Meinung der katholischen Theologen Gertrude und Thomas Sartory, die

— wie wachsende Minderheiten in der Kirche - kritisieren: »Das

Christentum ist die mörderischste Religion, die es je gegeben hat.«

Zwar kann auch der Katechismus im Jahr 1985 nicht mehr die

geschichtlichen Schandtaten der Kirche unterschlagen, doch hat er eine

Ausrede parat. Er spricht davon, daß die »Spannung zwischen der

Heiligkeit der Kirche und der Sündigkeit ihrer Glieder« ein

»erschreckendes Ausmaß annehmen« könne - aber nur »zuweilen«,

»etwa im späten Mittelalter«. Daß die Gesamtgeschichte der Kirche

mörderisch ist und keine Ausnahmen zuläßt, gibt der Katechismus

wohlweislich nicht zu.

Sonntag für Sonntag beten Kirchengläubige im sogenannten

Apostolischen Glaubensbekenntnis, dem »Credo«, den uralten Satz

nach: »Ich glaube an die eine, heilige, katholische und apostolische

Kirche.« Kapierten aber die Gläubigen wirklich, was sie plappern,

müßte ihnen der fromme Satz im Mund stek-

151

kenbleiben. Denn kein einziges schmückendes Beiwort ist wahr: Die

Kirche, für die sie sich vollmundig stark machen, ist weder die »eine«

(sondern eine von vielen) noch die »apostolische« (sondern eine

selbsternannte), noch eine »katholische« (sondern, aufs Weltganze

gesehen, zunehmend eine Minderheit). Vor allem ist sie keine pauschal

»heilige« Kirche. Wer »progressiv« argumentiert, von einer »Kirche

der Zukunft« plaudert, die schließlich einmal heilig sein werde und

zumindest reformiert, hat nichts dazugelernt. Er handhabt eine

verdächtig unhistorische Methode. Er ist zu schnell bereit, seiner

Utopie 2000 Jahre Kirchengeschichte zu opfern. Er gibt offen oder

insgeheim zu, daß bisher so gut wie alles falsch gelaufen ist. Er blickt,

radikal und voller Weltveränderungswillen, in die große Zukunft einer

an Haupt und Gliedern erneuerten Kirche, als stünde die Wende

unmittelbar bevor. Er tut gut daran, diesen Glauben beizubehalten, denn

davon lebt er — und von nichts anderem. Er hat eine Lebensstellung, er

wartet auf die Reformation der Kirche.

Weil mancher Oberhirte partout nicht länger Exzellenz sein will,

sondern »Vater Bischof«, weil Pfarrer jetzt Krawatten und mausgraue

statt rabenschwarze Pullis tragen, die Nonnen kürzere Röcke, weil

Galilei nun schon vor Jahren rehabilitiert und so mancher hilfreiche

Heilige — nur weil er nie gelebt hat - aus dem Kalender gestrichen

worden ist, weil so vieles doch »aufbrach«, sich zur Welt hin »öffnete«,

zum »Dialog«, weil Theologen evidenter denn je am »Wir-auch-

Syndrom« leiden, einmal den Sozialismus preisen und neuerdings

wieder nicht, weil selbst Theologieprofessoren in Lateinamerika

Kaffee ernten und dafür in Randspalten auftauchen: Das alles mag

manche glauben lassen, der Katholizismus sei liberal, seine Theologie

fortschrittlich geworden. Ob das aber reicht, vor dem Hintergrund von

2000 Jahren Kriminalgeschichte an eine neuerdings »heilige Kirche«

glauben zu können? Ob Theologieprofessoren wirklich daran glauben?

Franz Schubert, dessen geistliche Mu-

152

sik man nicht ungern auch in Domen aufführt, wußte schon vor 150

Jahren, was das klerikale »Credo« taugt. Bei dessen Vertonung hat er

den Satz von der einen, heiligen, katholischen und apostolischen

Kirche, an die er glauben sollte, ausgelassen. Ob diese Konsequenz den

katholischen Hörern Schuberts je aufgefallen ist? Noch dürfen sie

nichts von der katholischen Wirklichkeit wissen.

Darf es ein bißchen Mord und Totschlag sein?

Wer die Bibel wörtlich nimmt, kennt das sogenannte 5. Gebot. Es

lautet knapp und klar: »Du sollst nicht töten!« Der überlieferte Text

des 5. der Zehn Gebote macht keine Umstände und keine Ausflüchte.

Er sagt, was er will. Zumindest könnte der unbefangene Gläubige das

meinen. Doch so naiv darf niemand sein, sagt ihm seine Kirche. Denn

sie hat längst schon den Klartext des Gottesgebots umgesetzt in

bedingte Tötungsverbote. Sie kennt eine Regel - und einige

Ausnahmen davon. Getötet werden darf nicht, sagt sie. Das gilt für

private Morde oder für Abtreibungen. Da läßt die offizielle Kirche

vorerst nicht mit sich reden. Aber sie meint auch, daß es legitime

Ausnahmen gibt: offiziell erlaubte Morde, Abweichungen vom

Gottesgebot. Zum Beispiel »gerechter Krieg«, »Glaubenskrieg« oder

»Todesstrafe«. Kardinal von Galen, dessen Widerstand gegen Hitler

sich in wenigen Predigten, dessen Zustimmung zu Hitler sich in vielen

Bekenntnissen gezeigt hat, ist ein leuchtendes Beispiel für den Umgang

der Kirche mit Gottes 5. Gebot: In derselben Predigt, in der er die

Vernichtung von Geisteskranken in Heil- und Pflegeans talten

anprangert, unterstreicht er das Recht zur Tötung von Millionen

gesunder Menschen in einem »gerechten Krieg«, dem des Adolf Hitler.

Wie immer handelt es sich um eine Machtfrage. Wer die

gesellschaftliche Macht hat, bestimmte Definitionen von Moral

aufzustellen und

153

durchzusetzen, ist gut dran. Wer diese Macht nicht hat, kann es mit

Argumenten versuchen, mit dem gesunden Menschenverstand, mit

einer Berufung auf Humanität. Ob er Erfolg haben wird, bleibt nach

unseren Erfahrungen mit den Definitionsmächtigen der Welt- und

Kirchengeschichte ausgesprochen zweifelhaft. Von daher gesehen, ist

es sehr chancenreich, Papst zu sein und unfehlbar. Dann kann einer ex

cathedra feststellen, daß Sterbehilfe inhuman ist und Gentechnologie

auch, daß fremde Kriege Sünde sind und die eigenen »gerecht«. Dann

läßt sich ein göttliches Gebot so lange zurechtbiegen, bis es den

eigenen Wünschen und Ansprüchen entspricht.

So ist beispielsweise der Freitod (klerikal als »Selbstmord«

diffamiert) streng untersagt; er richtet sich gegen das Gottesgeschenk

Leben. Allerdings kann das Gebot, andere umzubringen, unter

Umständen Vorrang haben vor dem Gebot, sich selbst nicht

umzubringen. Wenn andere Menschen im »gerechten Krieg« zu töten

sind, kann sogar - so die Moraltheologie -der eigene Tod mit in Kauf

genommen werden. Auch die Todesstrafe wird von Christen nicht

völlig abgelehnt; auch für sie führen gerade Christen »zureichende

Gründe« an. Luther schreibt über die weltliche Obrigkeit: »Die Hand,

welche das Schwert führet und würget, ist nicht mehr Menschen

Hand, sondern Gottes Hand, und nicht der Mensch, sondern Gott

hänget, rädert, enthauptet, würget, krieget.«

Das ist folgerichtig: Der Gott, den sich solche Theologen

ausgedacht haben, unterscheidet sich nicht im geringsten von seinen

Vätern und deren Mordinteresse. Noch heute — so 1973 ein

katholisches Lexikon - sind »die meisten katholischen und

evangelischen Theologen die wohl bedeutsamste Gruppe der erns t zu

nehmenden Verteidiger der Todesstrafe«. Sie haben aus ihrer eigenen

Geschichte gelernt: Seit das Christentum zur Herrschaft gelangt ist,

wurde die Anwendung der Todesstrafe im Römischen Reich nicht

vermindert, sondern vermehrt. Kaiser Konstantin verhä ngte sie auch

für jene Delikte, die den

154

sogenannten Heidenkaisern vor ihm noch als nicht schwerwiegend

gegolten hatten. Gegenstimmen aus der Kirche gab es so gut wie keine.

Zwar hat sich im 15. Jahrhundert Kardinal Bor-gia, später Papst

Alexander VI., einmal gegen die Todesstrafe ausgesprochen. Er hatte

seine Gründe, die Verurteilten gegen Kaution freizulassen: »Der Herr

wünscht nicht den Tod des Sünders, sondern daß er lebt - und zahlt.«

Es wird doch noch gerechte Kriege geben?

Für Mord hatten die frühesten Synoden keine Strafe festgesetzt. Sie

waren davon ausgegangen, unter Christen käme so etwas nicht vor.

Doch um dieselbe Zeit, als der Kirchenlehrer Basilius für Soldaten noch

eine jahrelange Verweigerung des Abendmahls gebot, pries ein anderer

Oberhirte bereits das Töten im Krieg: der hl. Athanasius, der berühmte

»Vater der Rechtgläubigkeit«, ein ebenso kampferfahrener wie

intrigenerprobter Mann. Der seltsame Heilige, von Eidbrüchigen zum

Bischof gewählt und fortan ein besonders eifriger Gegner

zeitgenössischer »Irrlehren«, erklärte zwar den gewöhnlichen Mord

für unerlaubt, fand es aber »sowohl gesetzlich als auch lobenswert,

Gegner zu töten«. Sein Beispiel machte Schule, und bald war die

Privatmeinung des Theologen allgemeine Kirchenlehre und Moral. Sein

Kollege Ambrosius, der viel über die Nächstenliebe schrieb, schwieg

sich über die Feindesliebe instinktsicher aus - sie hätte seiner Kirche

nicht ins politische Konzept gepaßt. Christen wie er hetzten schon bald

in den »gerechten« Krieg, während nichtchristliche Denker der Epoche

durchaus noch zwischen den Parteien zu vermitteln suchten.

Ausschlaggebend für die Durchsetzung des legitimen Mor-dens

aber wurde jener hl. Augustin, der auch die schlimmsten sozialen

Gegensätze gerechtfertigt hat und dessen Ratschlag an die Armen hieß,

»im ewig gleichen unverändert harten Joch des niederen Standes«

auszuharren. Dieser Schreibtischtäter, der

155

lehrte, »wer härter straft, zeigt größere Liebe«, traf die folgenschwere

Unterscheidung zwischen »gerechten« und »ungerechten« Kriegen.

»Was hat man denn gegen den Krieg, etwa, daß Menschen, die doch

einmal sterben müssen, dabei umkommen?« fragt Augustin. Der

heilige Mann, der die Zwangsbekehrung Andersgläubiger, die

Konfiskation ihres Vermögens, die Verbannung Andersdenkender

betrieb, auch schon die Folter erlaubte, sie sogar »leicht« im Vergleich

zur ewigen Höllenstrafe nannte, eine förmliche »Kur« für den

Menschen, verteidigte den »gerechten Krieg« als Weg zum Frieden,

zumal der Erfolg des Guten eine gewisse Verlustquote rechtfertige.

Diese Doktrin stammte von einem Täter, der als »Zunge des Heiligen

Geistes« gefeiert worden ist, von einem Verbrecher des Wortes, »der,

wenn auch irdischer Mensch, doch ein Engel vom Himmel« geheißen

wurde, zumal er »in überirdischen Visionen wie ein Engel immerfort

Gott schaute«. Augustinus hat das blutige Handwerk rückhaltlos

anerkannt und von Grund auf legitimiert. Wahrheit und Irrtum

können und dürfen sich nicht vertragen, meinte der Große, und

deshalb müsse alles, was nicht im klerikalen Sinn wahr sei, mit

Stumpf und Stiel ausgerottet werden. Der frühe Theologe Theodoret

gestand, »uns bringt Krieg mehr Nutzen als Frieden«, und hatte in

bezug auf die Kirche nicht unrecht. Als Christ unter »Heiden« zu leben

kann hart sein. Als Christ oder als Jude oder Heide unter Christen zu

leben ist viel schlimmer.

Was macht einen Krieg gerecht ? Alles, was der Kirchenlehre nützt,

alles, was deren Gegner schädigt. Von hier bis zu der Meinung, alles

antiklerikale Leben sei irrig und daher wertlos, war nur ein kleiner

Schritt. Das reale Töten hatte seinen Ursprung in der vorhergehenden

Vernichtung des anderen durch das Wort. Kardinal Nikolaus von

Kues, nur einer unter Hunderten, hetzt den Christen im 15.

Jahrhundert gegen den Türken, »das Tier der Apokalypse«, »den Feind

aller Natur und der ganzen Menschheit«.

156

Während die agnostisch denkenden Römer im Bereich der Religion

sehr tolerant waren und alle Kulte duldeten, die nicht den Gang des

öffentlichen Lebens störten, während sie auch die Christen erst

verfolgten, nachdem diese Sektierer das Volk aufzuwiegeln begonnen

hatten, haben sich die orthodox denkenden Christen ihre Feinde

systematisch zurechtgebogen, um sie bewußt auszurotten. Christliche

Feindbilder und Ressentiments lassen sich austauschen: »Heiden«,

Türken, Juden, »Ketzer«, »Hexen«, Kommunisten. Wer als irrend

definiert ist, hat sein Leben verwirkt. Zunächst war das Abschlachten

der sogenannten Heiden geboten. Dann galt jedes Gemetzel als

gottgefällig, bei denen die Guten und Gerechten den Bösen die

Feindesliebe mit dem Schwert beibrachten. Um der guten Sache

willen durfte schon etwas härter als gewöhnlich zugelangt werden,

besonders in jenen Kriegen, die man nicht nur gerecht, sondern

»heilig« nannte. Jetzt konnten die Guten guten Gewissens töten, jetzt

war das Gottesgebot endgültig ausgehöhlt. Der römische Kaiser

Konstantin hatte 313 den Christen die volle Religionsfreiheit gewährt,

und schon im folgenden Jahr beschlossen sie die Exkommunikation

fahnenflüchtiger Soldaten. Wer die Waffen wegwarf, galt als gebannt.

Vordem war es umgekehrt. So schnell ändern sich die heiligsten

Traditionen. So schnell sind statt der pazifistischen Christen die

kirchlichen Feldpfaffen zu sehen, statt der getöteten christlichen

Kriegsdienstverweigerer die tötenden christlichen Krieger. Die Kirche

war plötzlich militärfreundlich, und die Namen der frühen

Soldatenmärtyrer wurden aus den Heiligenkalendern getilgt.

Soldatengötter, Christus und Maria, diverse Heilige hielten dafür

Einzug und übernahmen genau die Funktion der heidnischen

Kriegsidole. Im Jahr 416 schließt der Erlaß eines Christenkaisers alle

Nichtchristen vom Heeresdienst aus; Massenmord im gerechten Krieg

ist von nun an allein Sache von Christen.

Noch bis nach Vietnam reichte dieser Gedanke. Im Spiel der

Allianzen war die westlich geprägte Kirche des Landes zur be-

157

vorzugten Partnerin des US-Apparats aufgerückt. Kirche und Armee

traten als mächtige Verteidiger einer etablierten Ordnung auf. Beide

hatten im Gegner den Todfeind erkannt, die Verleiblichung des Teufels,

dessen radikale Bekämpfung banale Selbstverständlichkeit unter

Christen war. Der Krieg wurde de facto zur Religionsausübung. Das

Adjektiv »gerecht«, durchaus ein schmückendes Beiwort, stand dem

Kriegführen, an dem Christen beteiligt waren, stets gut an. Katholische

Theologen haben es bis heute nicht auf die Empfängnisverhütung

angewandt. Geburtenkontrolle ist - von der »natürlichen« Papst Pauls

VI. abgesehen - auch nicht aus »noch so schwerwiegendem Grund«

gerecht. Kinder zu zeugen und zu gebären ist ungleich wichtiger, als

sich um deren Los zu kümmern. Zum Nationalfeiertag 1872, nach

dem von Frankreich gegen Deutschland verlorenen Krieg, wandte sich

Kardinal Mermillod an Frankreich und löste die Schuldfrage: »Du

hast dich von Gott abgewandt, und Gott hat dich geschlagen, du hast

in abscheulicher Berechnung Gräber geschaufelt, anstatt Wiegen mit

Kindern zu füllen, deshalb hat es dir an Soldaten gefehlt.« Mit der Zeit

kamen die Christen freilich in Bedrängnis, da sie immer häufiger und

mit einer gewissen Regelmäßigkeit über ihresgleichen herfielen. Daß

sie auf beiden Seiten durch Fasten, Gebete, Feldgottesdienste,

Feldpredigten auf den heiligen Krieg vorbereitet worden waren,

verschärfte ihr Problem. Was taugte ein gerechter Krieg, dessen

Teilnehmer an allen Fronten durch Predigt und Abendmahl gestärkt,

zu gleichen Teilen mit einem glücklichen Ausgang der gerechten

Sache rechnen konnten? Das Dilemma hat sich noch nicht lösen lassen,

bis heute nicht. Die »Waffen des Worts«, die »Waffen des Lichts«

unterstützen dann, wenn es erst richtig losgeht, den Donner der

Kanonen. Dann finden die Christen sich auf den Schlachtfeldern, dann

morden sie millionenfach, dann werden sie zu Millionen ermordet.

Dann gehen die Theologen, meist recht weit weg vom Schuß, an ihre

Trauerarbeit, dann trösten

158

sie Witwen und Waisen, und zum guten Ende stehen sie - wie ihre

Oberhirten — wieder auf der richtigen Seite. Gerecht ist stets die

Sache der Sieger, und da die Kirche Wahrerin der Gerechtigkeit (auch

und gerade im Krieg) ist, wird es niemanden wundern, läßt sie sich

immer wieder als Siegerin feiern. Verlegen wird die Kirche nie,

daher kennt sie auch keine Scham. Wer sich für Kinder ausspricht,

muß sich ebenso dezi-diert gegen Kriege entscheiden. Sonst

entscheidet man sich für »Kinder für den Krieg«.

Luther zum gerechten Krieg, den er als ein »Werk der Liebe«

bezeichnet, als »köstlich und göttlich«: »Also muß man auch dem

Kriegs- und Schwertamt zusehen mit männlichen Augen, warum es so

würgt und greulich tut. So wird sich's selbst beweisen, daß es ein Amt

ist, an ihm selbst göttlich und der Welt so nötig und nützlich wie

Essen und Trinken oder sonst ein anderes Werk.« Der evangelische

Theologe Althaus meint 1929, die »kriegerischen Zeitalter« seien der

Jugend nicht als »moralisch tieferstehend« zu schildern oder als

»barbarisch zu verleiden«. Solch einer ethischen Begriffsverwirrung

müsse gerade die Kirche scharf entgegentreten. Sie habe den

Mißbrauch aufzudecken, der mit Begriffen wie »Abrüstung« und

»Versöhnung« getrieben wird. Kardinal von Galen, noch immer als

»Widerstandskämpfer« gefeiert, hat 1938, ausgerechnet zur Zeit des

großen Judenpogroms, einen »Fahneneid« auf Hitler autorisiert, der

mit den Worten schloß:

»Was Frost und Leid!

Mich brennt ein Eid.

Der glüht wie Feuerbrände

Durch Schwert und Herz und Hände.

Es ende drum, wie's ende -

Deutschland, ich bin bereit!«

Die deutschen Bischöfe haben ihre Schafe in einen objektiv

verbrecherischen, also ungerechten Angriffskrieg gejagt und

159

den Hitler-Eid von ihnen verlangt. Sie haben die katholischen Soldaten

aufgefordert, »aus Gehorsam zum Führer ihre Pflicht zu tun und bereit

zu sein, ihre ganze Person zu opfern«. Sie haben den Überfall des

Diktators auf die Sowjetunion »mit Genugtuung« begleitet, ihn mit

dem »heiligen Willen Gottes« identifiziert. Und während sie

unermüdlich für den Verbrecher beten und ihre Glocken läuten ließen,

verlangten sie von »jedermann ganz und gern und treu seine Pflicht«,

die »ganze Kraft« und »jedes Opfer«, priesen sie Hitler als

»leuchtendes Vorbild«, seinen Schreckensstaat als »Retter und

Vorkämpfer Europas«, seinen Angriffskrieg als »Kreuzzug« und

»heiligen Krieg«. Kardinal von Galen 1936: » ... ich als deutscher Mann

und Bischof... danke dem Führer unseres Volkes für alles, was er für

das Recht, die Freiheit und die Ehre des deutschen Volkes getan hat.«

Was er damit konkret meinte, sagte der »Widerständler« auch: »Der

Führer, dem Gottes Vorsehung die Leitung unserer Politik und die

Verantwortung für das Geschick unserer deutschen Heimat anvertraut

hat, hat in mutigem Entschluß die Ketten zerrissen, in denen nach dem

unglücklichen Ausgang des Krieges feindliche Mächte unser Volk

dauernd gleichsam gefangenhielten.« Die feindlichen Mächte macht

derselbe Bischof 1945, nach seiner Bekehrung, wieder aus, doch wieder

anderweitig: »Das Gift der nationalsozialistischen Irrlehre hat offenbar

auch andere Völker angesteckt, selbst solche, die sich ihrer Demokratie

zu rühmen pflegten. Selbst die Nationalsozialisten gestatteten den

Häftlingen in Konzentrations lagern, zweimal im Monat Briefe mit

Angehörigen zu wechseln und von ihnen Lebensmittelpakete zu

erhalten. Solche Vergünstigungen gibt es bei den Engländern nicht.«

Schluß: Die KZs der Briten, in denen Nazis saßen und keine Briefe

schreiben durften, waren schlimmer als die der Nazis, in denen

Massenmorde an Juden exekutiert wurden.

Der Katholik Hitler war eben besser als die britischen Angli-kaner.

Der damalige Papst, Pius XII., wünschte dem Führer

160

folgerichtig »nichts sehnlicher als einen Sieg«. Als es dann anders

kam als erwartet, fand sich derselbe Papst sehr schnell auf der Seite

der wahren Sieger. Seine Kirche hatte doch den bösen Mann Hitler

schon vor 1933 tapfer bekämpft, und nach 1945 bekämpfte sie ihn

wieder. Hatte sie nicht jedes moralische Recht, auch künftig zu

definieren, was gut war und was böse? Was gerecht und was

ungerecht? Der Kölner Kardinal Frings hatte schon 1950 den Mut, als

erster öffentlich die Wiederaufrüstung der Deutschen zu fordern. Du

sollst nicht töten?

Auf zu neuen gerechten Kriegen, wo immer diese sich lohnten, hieß

die klerikale Devise. Kriegsdienstverweigerung aber galt deutschen

Oberhirten als »eine verwerfliche Sentimentalität«. 1956 wurde der

stellvertretende Armeebischof Hitlers, Werthmann - der einst

hakenkreuzgeschmückt katholische Kriegsdienstverweigerer

»ausgemerzt und einen Kopf kürzer gemacht« hatte sehen wollen -,

Generalvikar in der Bundeswehr. Du sollst nicht töten? 1959

verkündete der Jesuit Gund-lach, einer der wichtigsten Berater Papst

Pius' XII., als Resultat der päpstlichen Lehre über den gerechten Krieg:

»Die Anwendung des atomaren Krieges ist nicht absolut unsittlich.«

Und die Folgen? Der Moraltheologe meint zum möglichen

Weltuntergang: » ... wir haben erstens sichere Gewißheit, daß die Welt

nicht ewig dauert, und zweitens haben wir nicht die Verantwortung für

das Ende der Welt. Wir können dann sagen, daß Gott der Herr, der

uns durch seine Vorsehung in eine solche Situation hineingeführt hat

oder hineinkommen ließ, wo wir dieses Treubekenntnis seiner

Ordnung ablegen müssen, dann auch die Verantwortung

übernimmt.«

Jesuit Hirschmarin bejahte »unter Aussicht auf millionenfache

Zerstörung menschlichen Lebens in der heutigen Situation das Opfer

atomarer Rüstung«. Ein Gremium katholischer Theologen billigte »die

Anlegung eines Atomwaffenvorrates« und tat die Massentötung

Unschuldiger als erlaubte »Nebenwirkung« des Atomschlages ab.

Die katholische Militärseel-

161

sorge der Bundeswehr bereitete ihre Soldaten darauf vor, daß

»Christus mehr von uns verlangt, als selbst Hitler...«. Du sollst

nicht töten? Doch all dies ist keine römisch-katholische Spezialität:

Nach dem Zweiten Weltkrieg belehrt der protestantische Bestseller-

Theologe Thielicke seine Leser: »Christen, die ihren Kriegsdienst unter

den Augen Gottes ableisten, haben ihr Handwerk des Tötens immer so

verstanden, daß sie es im Namen der Liebe übten!« Und sein Kollege

Künneth erklärt 13 Jahre nach Hiroshima: »Selbst Atombomben

können in den Dienst der Nächstenliebe treten.« In einem

österreichischen Prozeß um Waffenschiebereien hat der katholische

Moraltheologe Andreas Laun noch 1990 in einem Gutachten

behauptet, Waffenexporte seien nicht grundsätzlich verwerflich. So

könne im vorliegenden Fall der Export von Raketen an den Iran nicht

als in sich unmoralisch bezeichnet werden. Wer das sage, müsse zuerst

beweisen, daß der Iran einen Aggressionskrieg geführt und die

gelieferten Waffen »in unmoralischer Weise« eingesetzt habe.

Waffenlieferungen könnten sogar »eine gute Tat« sein.

Die Kirche ist bis in die Gegenwart hinein ein erheblicher Faktor

des Unfriedens. Auch das Zweite Vatikanische Konzil hat die Idee

vom »gerechten Krieg« nicht beerdigt; es hat keine ausdrückliche

Verurteilung des Angriffskrieges ausgesprochen und

Kriegsdienstverweigerung nicht direkt anerkannt. Der gegenwärtige

Papst hat am 11. Juni 1982 vor der UNO die Abschreckung mit

Atomwaffen als moralisch vertretbar bezeichnet, wobei er wie

selbstverständlich nur die westliche Abschreckung gemeint hat und

nicht die von der anderen Seite. Ähnlich haben es die westdeutschen

Bischöfe in ihren Verlautbarungen zum Thema gehalten und sich als

Hilfsbischöfe der NATO bezeugt. Der New Yorker Erzbischof

O'Connor hat vor dem Ausschuß für Außenpolitik des

Repräsentantenhauses dargelegt, daß die Kirche die Anwendung von

Atomwaffen durchaus billige, wenn eine »geringstmögliche

Schädigung von Zivilpersonen gewährleistet ist«.

162

Die Theologin Uta Ranke-Heinemann fragt, was der Ober-hirte

darunter verstanden haben wolle. Darf nur ein Zivilist unter

Milliarden nuklear verheizt werden? Darf nur eine Stadt unter tausend

Städten verstrahlt werden? Darf nur ein Land unter vielen verbrannt,

nur ein Kontinent unter anderen atomar beseitigt werden? Darf nur

ein Planet unter Millionen anderen ausgelöscht werden? Und was

ungeborene Zivilpersonen im Mutterleib betrifft, bis zu welcher

Zahlenobergrenze stimmt die Kirche den nuklear bewirkten

Abtreibungen zu? Und was ist schließlich mit dem Erbgut der

Zivilpersonen? Ist eine Schädigung des Erbgutes bis in die dritte oder

bis in die siebente Generation als »geringstmögliche Schädigung« für

den katholischen Bombenkatechismus noch tragbar? Die Bischöfe der

Bundesrepublik antworten in ihrem einschlägigen Hirtenbrief von

1983 nicht auf diese Fragen. Diese Megaphone der Rüstung, deren eine

Vorgänger die Hexenverfolgung belobigt und deren andere Vorgänger

Hitlers Angriffskrieg unterstützt haben, machen es sich noch

einfacher. Ihre Bombenmoral ist schon zufrieden, wenn sich die

Atomwaffeneinsätze nicht gegen »Bevölkerungszentren« oder

»vorwiegend zivile Ziele« richten.

Den Theologen, die ständig mit Himmel und Erde jonglieren

(darunter tun sie's nicht gern), geraten Situationsdeutungen sehr

leicht und schnell zu Global- und Weltinterpretationen. Weltkrisen

müssen es sein, mit denen sie sich befassen, und die »Welt im Wandel«

ist ein Lieblingsthema solch pauschaler Deutungsversuche. In jedem

Fall muß das Feindbild umfassend sein; seine Errichtung und

Legitimation sind christliches Gedankengut seit eh und je. Innere

aggressive Bedürfnisse, so der Theologe Friedhelm Krüger, werden

ebenso wie Triebspannungen in der Weise verarbeitet, daß man sie in

Fremdgruppen hineinprojiziert, die damit automatisch als

aggressionsgeladene »Feinde« erscheinen. Die Tötungshemmung

braucht ein solch potenziertes Feindbild, um aufgehoben wer-

163

den zu können. Das 5. Gebot Gottes, Du sollst nicht töten!, bedarf der

theologischen Ergänzung durch ein spezifisch christliches Feindbild

(Irrlehrer, Heiden, Juden), um übertreten werden zu können. Die

wahren Kriegsgründe sind gekonnt verschleiert: Der Landnahme-Trieb

(»verheißenes Land«) ist einer von ihnen.

Haben Päpste und Bischöfe sich wenigstens selbst an das 5.

Gebot gehalten und »nicht getötet«?

Der Krieg von Christen gegen Christen, von Oberhirten gegen

Oberhirten ist keine Ausnahme der Kirchengeschichte gewesen,

sondern die Regel. Päpste haben jahrhundertelang gegen i hre

Konkurrenten (»Gegen-Päpste«) gekämpft, und Bischöfe gegen

Bischöfe oder auch gegen Klöster, ja Mönche gegen ihre Äbte. Keiner

schont den Mitchristen. Du sollst nicht töten? Päpste sind bald mit

Helm, Panzer und Schwert auf der Weltbühne erschienen. Sie hatten

eigene Heere, ihre eigene Marine, ihre Waffenfabrik. Um Schlösser,

Grafschaften, Grundbesitz führten sie Krieg. Ganze Herzogtümer

wurden von den »Nachfolgern des hl. Petrus« geraubt. Überall

warben sie Söldner und schlachteten ihre Gegner ab. Papst Leo IX.

ignorierte 1053 die Friedensbestrebungen der Reformer von Cluny,

ignorierte sein eigenes Wehrverbot für Kleriker, ignorierte Treueid und

Lehensdienst, den ihm die getauften Normannen versprachen, und

bekriegte sie. Dabei verwandte er zum erstenmal den Begriff des

»heiligen Krieges«, eine der folgenreichsten und verhängnisvollsten

Entscheidungen des Papsttums, die nicht nur das Elend des

Kreuzzugsjahrhunderts einleitet. Leo IX. erklärte seine Soldaten zu

Märtyrern und Heiligen; ein Beispiel, das bald zum Mißbrauch des

Begriffs »heilig« führen sollte. Vierzig Jahre später waren die

Kreuzzüge, allesamt heilige Kriege, geboren, um mit wechselnden

Namen und Zielen die folgenden 900 Jahre zu überdauern.

164

Krieger müssen gestählte Körper haben — und geduckte Geister.

Christlicher Kriegsdienst verlangte eine kollektive soziale Askese. Nur

die Disziplin solcher verkappten Mönche, die auf Gehorsam und

Verzicht eingeschworen worden waren, würde es schaffen, die

Überlegenheit des Christenglaubens über alle Rivalen zu begründen

und vor den Augen einer ganzen Welt durchzusetzen. Schöpferisch

und aggressiv, weil diszipliniert und verdrängend, hieß die siegreiche

Lebensanschauung der Glaubenskämpfer. Papst Gregor VII. (1073-

1085) hatte ein Motto: »Verflucht sei der Mensch, der sein Schwert

vom Blut zurückhält.« Er rief eine ganze Welt zur Bildung eines

Heeres auf, an dessen Spitze er als »Führer und Bischof«

marschieren wollte. Gregor IX. (1227-1241) zog gegen den siegreich

vom Kreuzzug heimkehrenden Kaiser Friedrich. Urban VI. (1378-

1389), ein Wahnsinniger auf dem Thron, der den Bischof von Aquila

ermorden, fünf Kardinale fürchterlich foltern und hinrichten ließ, focht

mit seinen Söldnern im sizilianischen Erbfolgekrieg. Pius V., von

dessen Heiligkeit noch die Rede sein wird, und Sixtus V. lieferten

Türken und Briten gewaltige Seeschlachten. Julius II. (1503—1513)

führte in fast jedem Jahr seiner Regierung einen Krieg: »Wenn mir

schon Sankt Peters Schlüssel nicht weiterhelfen, so doch sein Schwert!«

Papst Paul IV. (1555-1559) sah seinen Arm »bis zum Ellbogen in Blut

getaucht«, war aber so moralisch, daß er Michelangelos »Jüngstes

Gericht« übermalen ließ. Noch vor gut hundert Jahren rekrutierte Pius

IX. (1846-1878) eigene Truppen. Und noch vor fünfzig Jahren hätten

Päpste das Diktum Pauls IV. wiederholen können, sogar mit größerem

Recht - obgleich auch sie sehr auf Moral hielten. Pius XII. (1939-1958)

beispielsweise, der Ende 1939 als Ursache des »heutigen Elends« nicht

Hitlers Weltkrieg sah, sondern die kurzen Röcke der Damen.

Bischöfe und Äbte hielten sich, das Vorbild der Päpste vor Augen, in

ihren eigenen Territorien nicht zurück. Sie waren jahrhundertelang

die Söhne, Br üder, Vettern des weltlichen

165

Adels, waren so machtgierig und habsüchtig wie dieser, auch gewiß

nicht weniger verhaßt. Das bezeugen die Bischofs- und Abtsmorde im

Mittelalter, die Pfaffenkriege und Pfaffenjagden sowie unzählige

literarische Dokumente. Die »Kardinals-Verschwörung« - ein Beispiel

von vielen - richtete sich 1517, dem Jahr von Luthers Thesenanschlag,

gegen Papst Leo X. Der Giftanschlag scheiterte, und der Papst rächte

sich furchtbar an den Verschwörern. Die Verhöre sollen grausige

Enthüllungen erbracht haben, Geständnisse wurden erpreßt,

geflüsterte Berichte über den Prozeß verwirrten den Kirchenstaat. Der

27jährige Kardinal Petrucci wurde mit einer angemessenen Schlinge

aus purpurner Seide von einem Mohren erdrosselt; kein Christ durfte

einen Kirchenfürsten hinrichten. Angesichts dieses Exempels

winselten die übrigen Kardinale um Gnade. Diese wurde ihnen gegen

Zahlung riesiger Bußgelder gewährt; allein Kardinal Riario berappte

150000 Golddukaten, gut die Hälfte der päpstlichen Jahreseinnahmen.

Leo X. kassierte - und ernannte gleich 31 neue Kardinale auf einen

Schlag. Nach politischen Gesichtspunkten, wie manche meinten, nach

der Zahlungskraft der Kandidaten, wie Kenner wußten.

Die Oberhirten — Du sollst nicht töten! — kommandierten ganze

Armeen. Manche Prälaten vollstreckten die Blutrache an den Irrenden

mit eigener Hand. Kein Bistum, dessen Hirte nicht zuweilen

jahrzehntelange Fehden führte. Oft wurden weder Frauen noch Kinder

geschont, weder Greise noch Invaliden. Bischöfe kämpften mit den

Königen gegen die Fürsten, mit den Adligen gegen die Könige, mit dem

Papst gegen den deutschen Kaiser, mit dem Kaiser gegen den Herrn zu

Rom, mit einem Papst gegen den anderen, mit den Pfarrgeistlichen

gegen die Mönche und umgekehrt, im offenen Feld, in Straßen-,

Kirchenschlachten, mit Dolch und Gift. In Katechismen und Büchern

der Kirchengeschichte ist von solchen Dingen wenig bis nichts zu lesen.

Die klerikal gelenkte Geschichtsschreibung baut lieber

Nebenkriegsschauplätze auf. Sie ist beispielsweise bestrebt, die

166

Zahl der christlichen Märtyrer möglichst hoch anzusetzen, um ihre

These zu bekräftigen, der christliche Glaube sei durch das Blut der

Verfolgten zur Staatsreligion geworden. Doch diese Heldensage

stimmt nicht. Sie wird auch durch Wiederholung nicht wahr. Die

große Zahl wird bereits durch den Kirchenschriftsteller Origenes im

3. Jahrhundert stark relativiert, der schreibt, die christlichen

Blutzeugen seien »leicht zu zählen«. Es wird freilich noch lange

dauern, bis die offiziellen Katechismen auch in dieser Hinsicht redlich

werden.

Wer meint, das 5. Gottesgebot habe jemals uneingeschränkt auch

für Kleriker gegolten, irrt. Die Devise lautete: Du sollst Gottes Feinde

töten, wo immer du auf sie triffst! Und du sollst zuerst definieren, wen

du am meisten für Gottes Feind hältst! . Und du sollst am tunlichsten

deine eigenen Feinde als die der Kirche - und Gottes — ausgeben! Denn

das verschafft dir freie Hand. Niemand vor Stalin und Hitler hat in

Europa das menschliche Leben so unentwegt aufs äußerste

verachtet, in den Staub getreten, ja diese Vernichtung als

»gottgewollt« verkündet wie die christliche Kirche.

Wie oft mußte die Madonna als Kriegsgöttin dienen?

Waren die beschriebenen Taten nicht bloße Männeruntaten, wie sie

im Patriarchat vorkommen? Gibt es nicht auch eine andere, feminine

Seite des Christentums? Einen unpolitischen Marienkult? Wer so zu

fragen gewohnt ist, verrät seine Ignoranz in Dingen klerikaler

Wirklichkeit. Denn nichts in der Kirche ist harmlos, alles ist

machtpolitisch kalkuliert. Gewiß gilt Maria als die »reine Jungfrau«,

»unsere liebe Frau«, zu der Scharen von Beterinnen und Betern

wallfahren. Aber die Madonna, von den Ihren seit eh und je

funktionalisiert, ist keineswegs so friedlich: Wie ihre Vorläuferinnen -

die Liebes- und Kampfgottheit Ischtar etwa oder die jungfräuliche

Kriegsgöttin Athene - wurde auch sie die große Rachegöttin, »Unsere

Liebe

167

Frau vom Schlachtfeld«, die »Siegerin in allen Schlachten Gottes«. Mit

Maria zu morden ist alter römisch-katholischer Brauch. Daß Männer

der Kirche mit Maria in jeden Religions krieg ziehen konnten, ist eine

Tatsache. Maria wird zum »Schlachtruf der Christen«: auf den

Kreuzzügen der Ritterherren, auf den Ketzerjagden der Mönchsherren,

in den Türkenkriegen der Abendlandsherren, im Kampf der guten

Herren um ihre heiligsten Güter gegen die gottlosen Untermenschen

der neueren Zeit, die Bolschewiken. Immer zieht die Jungfrau mit den

Kriegern. Immer erweist sie sich den Ihren als siegreich, denn »ein

Diener Mariens geht niemals verloren«. Selbst wenn er auf dem Feld

der Ehre fällt, ist er nicht vergessen: Die Madonna hat es schon da

drüben gerichtet.

Hienieden haben die Kleriker ihre Madonna nach Gusto

hergerichtet. Wenn schon Gottvater ins Bild passen mußte und auch

der Sohn Jesus, konnte die Mutter nicht zurückstehen. Beispiele für

eine solche Zurichtung finden sich zuhauf. Dreihundert Jahre lang

hatte sich der Klerus desinteressiert gezeigt, wie sich das

Geschlechtsleben Marias im weiteren Verlauf ihrer Ehe mit Joseph

gestaltet hatte. Dann aber kam der Jungfrauenkult auf und forderte sein

Recht. Geschlechtliche Enthaltsamkeit ist, so der Jesus-Forscher

Weddig Fricke, eine klerikale Erfindung, und diese Erfindung entsprach

just der Interessenlage des römischen Kaisertums im 4. Jahrhundert:

Menschen mögen sich paaren, eine Göttin tut so etwas nicht. Also hat

Maria außer Jesus keine weiteren Kinder gehabt und ist »vor, in und

nach der Geburt Jungfrau« geblieben, wie das Dogma lehrt. Im übrigen

spricht der Jesus, den die Evangelisten zeichnen, seine eigene Mutter

nicht ein einziges Mal mit einem respektvollen oder gar liebevollen

Wort an. Diese Mutter ist - im Vergleich zum göttlichen Vater (auf den

es patriarchalen Denkern und Schreibern auch allein ankommt) - nur

das »Weib«. Im Neuen Testament findet sich nicht der geringste

Ansatz für den später ausufernden Kult um Maria. Die Dogmen der

römischen Pa-

168

triarchatskirche mußten Stück um Stück hinzuerfunden werden, als es

politisch angezeigt war. Maria unter dem Kreuz? Papst Johannes Paul

II., dessen Regierungsdevise »totus tuus«, »ganz der deine« (an Maria

gerichtet), lautet, interpretiert 1987 seine Maria als eine Mutter, die

der Hinrichtung des Sohnes »in mütterlichem Geist. .. liebevoll

zugestimmt« habe. Leicht zu sehen, wieviel Ahnung Kirchenmänner

von mütterlichem Geist haben. Aber auf ihre Fahnen pflanzen sie ihre

Madonna. Oströntische Truppen nahmen ihr Bild mit in den Krieg.

Zahlreiche katholische Großschlächter waren innige Marienverehrer.

Kaiser Justinian I., der mit päpstlichem Beistand zwei Germanenvölker

ausgerottet hat, schrieb seine Blutsiege Maria zu. Ebenso erkor sie

sein Neffe Justinus II. zur Schutzherrin im . Kampf gegen die Perser.

Ein Monstrum wie Chlodwig - nach dem Köln noch heute einen Platz

benennt - führte seine brutalen Triumphe über die »ketzerischen«

Gegner auf die Madonna zurück. Karl der Große, der über seinen

vielen Frauen und Nebenfrauen immerfort Marias Bild auf der Brust

trug, konnte i n 46 Regierungsjahren auf fast fünzig Feldzügen ganze

Völker dezimieren und Hunderttausende Quadratkilometer Land

rauben. Dankbar errichtete er seiner »himmlischen Schützerin auf dem

Schlachtfeld ehrwürdige Heiligtümer«.

Der Marien- und Schlachtkult wurde ausgebaut: Beim Ritterschlag

empfing der Reisige das Schwert zu »Mariens Ehr«. Das

Feldgeschrei hieß »Maria, hilf!«. Die Kreuzfahrer riefen die

Madonna an, bevor sie mordeten, und danach lobten sie die

jungfräuliche Siegerin. Im Osten standen die Ritter des Deutschen

Ordens, die töteten und notzüchtigten, »allein im Dienste ihrer

himmlischen Dame Maria«. Die fürchterliche Massakrierung der

albigensischen »Ketzer« war »ein Triumphzug Unserer Lieben Frau

vom Siege«, der das ganze Mittelalter durchziehende Krieg gegen den

Islam ein Sieg der »Gottesmutter«. Im Kampf um Belgrad (1456),

einer »marianischen Waffentat unter der Führung eines großen

Marienpredigers«,

169

sollen mit Mariens Hilfe 80000 Türken erschlagen worden sein. 8000

»Ungläubige« fielen in der Seeschlacht von Lepanto, zu deren

Andenken der Papst ein eigenes Marienfest eingeführt hat. Denn

»weder Macht noch Waffen, noch Führer, sondern Maria vom

Rosenkranz hat uns zum Sieg verholfen«. Auch das erste große Blutbad

im Dreißigjährigen Krieg, die Schlacht am Weißen Berg von 1620,

war ein Mariensieg. Der Heerführer Tilly, ein inbrünstiger

Madonnenverehrer, erfocht »seine 32 Siege im Zeichen Unserer

Lieben Frau von Altötting«. Die Hauptfahne der Katholischen Liga

zeigte das Bild »Marias vom Siege«. So ging es weiter bis in unsere Zeit:

Mussolinis Fliegertruppen hatten Maria zur Schutzpatronin, und selbst

der Spanische Bürgerkrieg war in den Augen Francos von einem

mariani-schen Endsieg gekrönt. Freilich machte die Madonna nicht auf

Anhieb alle Finten mit, sondern half auch der falschen Seite: Obgleich

der fanatische Marienpapst und Hitler-Unterstützer Pius XII. zum 31.

Oktober 1942 die ganze Welt ihrem unbefleckten Herzen geweiht

hatte, erfolgte an diesem Tag der Durchbruch der englischen Truppen

bei El Alamein. Der nächste Mariensieg fiel mit Stalingrad zusammen:

Am Fest Maria Lichtmeß triumphierte die Rote Armee. Die

Befreiung von Tunis und Nordafrika geschah am Fatimatag, die

Kapitulation Italiens fiel auf Maria Geburt, die japanische Kapitulation

auf das Fest Maria Himmelfahrt. Auch in der jüngsten Vergangenheit

will die himmlische Heerfrau offensichtlich nicht immer so, wie der

Vatikan es gern hätte. Doch besteht noch die Hoffnung, daß sich die

päpstlichen Dinge zum Guten wenden: Der gegenwärtige polnische

Pontifex, bei dessen Visiten in aller Welt die Marienwallfahrtsorte

Kulminationspunkte sind, erwartet von seiner Patronin die baldige

Bekehrung der Sowjetunion. Die Marienverehrung des Wojtyla-

Papstes ist Ausdruck seiner politischen Theologie, und Präsident

Watesa trägt die Schwarze Madonna am Revers.

170

Wozu sind Kreuzzüge geführt worden?

Über Jahrhunderte hinweg predigte der Klerus den Heiligen Krieg, zu

dem Papst Urban II. im Jahr 1095, in richtiger Einschätzung der

Angelegenheit, noch die Räuber aufrief. Er garantierte den

Kämpfenden Sündenvergebung im Jenseits, im Diesseits reiche Beute

und ein Land, in dem Milch und Honig fließen. »Gott will es, Christus

befiehlt es!« hieß die Devise, die Tausende in den sicheren Tod trieb.

Mit dem Kreuz, dem Siegeszeichen, zogen sie los. Auf Kleider, auf

Fahnen hatten sie es nähen lassen. Schon an Rhein und Donau

erschlugen sie in Seinem Namen Tausende von Juden. Dann

vergewaltigten und mordeten sie die christlichen Ungarn. Bei der

Einnahme Jerusalems im Sommer 1099 - an einem Freitag, zur Stunde

der Kreuzigung, wie entzückte Chronisten jubeln - massakrierten sie

fast 70000 Sarazenen. Sie töteten, da sie alles zu rauben beschlossen,

»jeden Einwohner«, wie ein Erzbischof schreibt. Sie troffen von Blut

und hängten an den Eingang der »gesäuberten« Häuser zum Zeichen

ihrer Besitzergreifung den eige nen Schild, das »Wappen«. Mord,

Totschlag, Landnahme wurden eins. Im Tempel Jerusalems metzelten

sie derart, daß sie »durch Gottes wunderbares und gerechtes Urteil bis

zu den Knien und sogar bis zu den Sätteln der Pferde in Blut wateten«.

Dann, so ein Augenzeuge, gingen sie »glücklich und weinend vor

Freude hin, um das Grab Unseres Erlösers zu verehren«.

Für die katholische Welt wurden die Kreuzzüge freilich bald ein

einziges Fiasko. Ganze Heere verschwanden fast spurlos, auch 50000

Kinder, die perverse Prediger gegen die »Ungläubigen« gehetzt.

Andererseits erstarkte der Islam, das dauerhafteste Resultat der

Kreuzzüge überhaupt. Den Muslims von heute Fanatismus, Mordlust,

Fundamentalismus, heilige Kriege vorzuwerfen verkennt die

historische Ausgangslage. Für jeden einzelnen Vorwurf stehen

Tausende von historischen Beweiszeugen im christlichen Lager.

Papst Gregor XIII. stellt 1584 die

171

Nichtkatholiken auf eine Stufe mit Seeräubern und Verbrechern. Als

man den Westfälischen Frieden schließt, nach Dreißigjährigem Krieg

und in totaler Erschöpfung der ausgebluteten Völker, ist es Papst

Innozenz X., der feierlich gegen den Friedensschluß protestiert. Die

Päpste treiben immer wieder in den Krieg. Die Kreuzzugsidee wird

zum beherrschenden Gedanken ihrer Außenpolitik, und dies bis zum

Ende des Mittelalters. »Die höhere Seeräuberei«, wie Nietzsche urteilt,

bringt Gewinn. Die religiöse Idee, falls es eine solche je gegeben hat,

wird mit den militärischen, wirtschaftlichen und politischen Aspekten

des Unternehmens in eins gesetzt. Der Heilige Krieg ist Angriffs- und

Landnahmekrieg, und mit der Zeit machen sich die Päpste nicht

einmal mehr die Mühe, diesen Sachverhalt zu kaschieren.

Haben etwa die »Ketzer« die Inquisition erfunden?

Von Augustinus, dem Prototyp der späteren Ketzerjäger, führt eine

gerade kirchenpolitische Linie zur Inquisition. Der Begriff selbst

wurde relativ spät gefunden und legitimiert. Die Sache ist wesentlich

älter. Die »Suche nach dem bösen Feind« (Inquisition) begann in der

Karolingerzeit mit der Einrichtung von bischöflichen Sendgerichten

und führte allmählich zur systematischen Sektenfahndung, zur

bewußten Produktion eines Terrors, der über Jahrhunderte hinweg

ungezählte Menschen vernichtet hat. Von einer Entschädigung für

die Opfer ist unter den Klerikalen nie die Rede gewesen. Eine

öffentliche Bitte um Vergebung für diese Morde kommt keinem Papst

über die Lippen; es gibt weder einen (wenn auch nur symbolischen)

Fonds in der Kirche zur Wiedergutmachung noch irgendeinen

Gedenktag im Festkalender, der an die eigenen Blutopfer erinnert.

Unter den Tausenden Festtagen, die Jahr für Jahr den

Kirchenkalender füllen und sich mehrfach auf jeden einzelnen Tag

des Kirchenjahres legen, findet sich kein

172

einziger, der die eigene Schuld bekennt. Die Institution, die aller

Welt Sünden vorrechnet und Reue verlangt, ist selbst zwar

hunderttausendfach schuldig geworden, aber völlig reueunfähig.

Die historische Inquisition gipfelte im Herausschneiden der Zunge,

im Erdrosseln, im Feuertod. 1194 wurde sie zunächst in Spanien, dann

in Italien, Deutschland und Frankreich gesetzlich geregelt. Papst

Innozenz IV. stellte 1252 alle nichtkatholischen Christen auf eine Stufe

mit Banditen und verpflichtete die weltlichen Herrscher, schuldige

Ketzer innerhalb von fünf Tagen umzubringen. Die Dominikaner,

Schüler des Thomas von Aquino, der energisch die Vernichtung

»verpesteter Menschen« verlangt hatte, richteten eigene Bluthunde für

die Ketzerjagd ab. Nun wurden die »Schuldigen« gemartert und mit

Weihwasser bespritzt, auf den Folterbock gebracht, auf die Wippe, in

glühende Kohlen, Spanische Stiefel. Die Guten schlugen Kreuzzeichen

und zerschlugen Andersdenkende. Sie riefen beim Zusammentritt des

Tribunals zum Heiligen Geist und erlaubten während des

Schauprozesses alle Mittel des Betrugs. Jeder Katholik mußte eidlich

die Mithilfe bei der Ketzersuche geloben und den Schwur alle zwei

Jahre wiederholen. Kam es zum Brennen, wurden die besten Plätze am

Scheiterhaufen meistbie-tend verkauft. Gläubige, die das Brennholz

heranschleppen halfen, bekamen vollkommene Ablässe zugesagt. Alles

geschah auf legale und gottgefällige Weise. Die vatikanische

Jesuitenzeitschrift lobt noch 1853 die Inquisition als »ein erhebendes

Schauspiel sozialer Vollkommenheit«. Denn der Mord kannte sein

Rezept und hatte seine Kunst. Du sollst nicht töten?

Ketzerverfolgungen geschahen - so die offizielle Lehre -, um der

Wahrheit gegen den Irrtum zum Sieg zu verhelfen, aus Wahrheitsliebe.

Papst Urban II. (1088-1099), seliggesprochen und somit unfehlbar im

Himmel beheimatet, sah im Erschlagen und Verbrennen von

Gebannten »aus Eifer für die Mutter Kirche« keinen Mord. Die

Seinen hielten sich denn auch daran.

173

Allein der Großinquisitor Torquemada schickte in Spanien 10220

Menschen in den Feuertod und 97371 auf die Galeeren. Und auch die

Strafe der »Sippenhaft« ist keine nazistische Erfindung: Papst Gregor

IX. (1227-1241) hat bis in die siebte Generation exkommuniziert.

Tote, deren Irrlehre erst später aufgedeckt wurde, mußten exhumiert

und wie zu Lebzeiten behandelt werden. Berüchtigte frühe Beispiele

bieten Päpste selbst. Stephan VI., ein grauenhaft pathologischer

Pfaffe, befahl 897, den Vorgänger Formosus (891-896) auszugraben.

Dann wurde der Ketzerpapst offiziell verurteilt; sein Nachfolger schlug

ihm zwei (»Segens«-)Finger der rechten Hand ab. Es war freilich eine

der letzten Schandtaten des Papstes Stephan, bevor ihn das Volk von

Rom in den Kerker werfen und erwürgen ließ. Doch Sergius III., eine

der Leitgestalten der päpstlichen Pornokratie im 10. Jahrhundert, ließ

den Leichnam des Formosus 905 nochmals ausgraben, ihn in päpstliche

Gewänder hüllen und auf den Thron setzen, bevor dem Toten,

neuerlich verdammt, drei weitere Finger und der Kopf abgehackt

wurden. Sergius III. hatte, was das Bild des Papsttums seiner Zeit

abrundet, eine Mätresse namens Marozia, die nach dem Urteil des

Historikers Hans Kühner umsichtig begonnen hatte, »Päpste

einzusetzen, abzusetzen, zu morden und zu gebären«.

Verfolgung über den Tod hinaus? In Sachen Inquisition nichts

Ungewöhnliches. Nachdem der Züricher Reformator Zwingli

erschlagen worden war, wurde er unter rechtgläubiger Aufsicht

gevierteilt und verbrannt. Um seine Asche zu ver-unehren, mischte

man Schweinemist unters Feuer. Nichts Neues: Bereits unter den

Scheiterhaufen des Jan Hus, den die Kirche 1415 in Konstanz

verbrannte, hatte man ein verfaultes Maultier gesteckt, um den tumben

Gläubigen den Gestank des Teufels zu demonstrieren. Solche Fälle

können den Blick auf die Mordwut nicht verstellen, die ganz Europa

überzog. Wer nicht katholisch war und es partout nicht werden wollte,

sollte vom Erdboden verschwinden, Europa voll von guten

Katholiken

174

sein. Diese Devise galt bis ins 20. Jahrhundert hinein, im klerofaschistischen

Spanien etwa oder in Kroatien, wo »Söhne des hl.

Franziskus« sich zwischen 1940 und 1942 als KZ-Kommandanten,

Anführer gewaltiger Pogrome und Massenmörder betätigt haben.

Theoretisch gibt sich das Christentum für die friedliebendste

Glaubensgemeinschaft der Weltgeschichte aus. Praktisch ist es

nachweislich die blutrünstigste aller Religionen. Christen führten

Krieg und ließen andere für sich Kriege führen. Sie vernichteten das

Heidentum, sie schufen die Inquisition, sie betrieben Kreuzzüge

gegen Türken und Christen. Doch war es ihnen noch immer nicht

genug.

Wer hatte Lust daran, »Hexen« foltern zu lassen?

Vom 13. bis ins 19. Jahrhundert hinein verbrannte zunächst die

katholische, dann auch die protestantische Kirche Frauen, die sie als

»Hexen« definiert und damit zum Vernichten freigegeben hatte.

Primitivster Geister-, Dämonen- und Teufelsglaube - selbst bei dem

Kirchenlehrer Papst Gregor I. - verbindet sich mit einem durch und

durch rational kalkulierten Machtwillen, es denen einmal richtig zu

zeigen, die Klerikermänner fürchten und hassen: den Hexenweibern.

Frauen in der Kirche? Richtige Priester schütteln sich. Kluge Frauen

für die Kirche, die in der Gemeinde nicht nur fromm vor sich hin

schweigen, sondern den Mund auftun? Die gar mehr wissen von Gott

und der Welt als die beamteten Pfaffen? Da sei Gott vor, da muß

»man« eingreifen, denunzieren - und töten.

Entgrenzungsvorgänge, historisch zu belegende Prozesse, in denen

Menschen sich den gewohnt klerikal-patriarchalen Defi nitionsmächten

entzogen, hat es immer gegeben. Manche von ihnen, die

Bauernkriege, die Ketzerbewegungen, sind noch greifbar, auch wenn

die Sieger alles getan haben, um das Gedächtnis in den Menschen neu

zu formulieren. Die »damnatio

175

memoriae«, die Auslöschung und negative Sanktionierung bestimmter

Erinnerungen, hat ihre Geschichte. Aber sie ist nicht nur eine Sieger-

Historie. Auch die Opfer leben weiter. Hunderttausende von

sogenannten Hexen sind verbrannt, ihre Überreste weggeworfen

worden, nichts sollte an sie erinnern. Ihre Mörder haben zum Teil

noch heute ihre Erinnerungsstätten; Straßen und Plätze wurden nach

ihnen benannt. Die Namen der Opfer sind gelöscht. Und doch hält sich

das Gedächtnis an sie. Aus dem vergessen Gemachten wird das

politisch Er innerte. Die Prozesse der Vernichtung blieben nicht das

letzte Wort der Geschichte. Die Antriebe jener, die Hexenpogrome

brauchten, um sich selbst vor Ansteckung zu bewahren, werden

offengelegt. Der »Hexenhammer« (1487), eines der blutrünstigsten

Bücher der Welt und schon deswegen mit päpstlichem Segen

erschienen, sagt aus, was alle Patriarchen-Kleriker denken und fühlen:

»Also schlecht ist das Weib von Natur, da es schneller am Glauben

zweifelt, auch schneller dem Glauben abschwört, was die Grundlage

für Hexerei ist.« Hexenverfolger wissen genau, was sie tun, wenn sie

mordbrennen: Ihre Angst vor der Rache der wissenden Frauen schlägt

um in Haß, in Verleumdung fremden Lebens. Die Ve rbindung von

Vergeltungsangst und Schuldgefühl, die Kleriker zum Töten treibt,

braucht eine Erlösung. Diese muß wieder systemimmanent sein, also

in einer patriarchal bestimmten »Vaterreligion« wie dem Christentum

aufgehoben werden. Augustinus, Heiliger und Kirchenlehrer, ein

Schreibtischtäter mit widerwärtigsten Gedankenleistungen, geht von

einem sexuell bestimmten Teufelspakt der Frauen aus. Dieser

ermöglicht es, daß alle Mittel, Manipulationen, Worte, Gebärden ein

besonderes Zeichensystem ausbilden, mit dessen Hilfe Dämonen und

Hexen korrespondieren können. Kleriker sind folglich gezwungen,

ihren eigenen Logos gegen die zauberische Alternative zu verteidigen.

Tod den Alternativen.

Das Wort Hexenwahn verhüllt bewußt. Historisch war hier

176

eben kein Wahn am Werk, sondern eine überlegte Strategie. Zwischen

1258 und 1526 sind nicht weniger als 47 päpstliche Erlasse gegen die

Hexen erschienen. Klerikermänner und ihre Helfershelfer aus dem

»gläubigen Volk« haben alle Medien der Epoche gewandt benutzt, alle

Maschinen eingesetzt, alle Methoden durchgearbeitet. So gab es nicht

nur Flugblätter, die den Mord geistig vorbereiteten, sondern auch

Fangprämien für eingebrachte Frauen, schrankenlose Torturen,

technisch auf dem neuesten Stand und immer wieder verbessert. »Du

sollst so dünn gefoltert werden, daß die Sonne durch dich scheint«,

hieß eine Hexenformel. Eine Viehseuche im Erzbistum Salzburg

führte 1678 zum Feuertod von 97 Frauen. Der Bamberger Bischof

mordete um 1630 an die 600 Menschen, und sein Vetter, der Oberhirte

zu Würzburg, brachte es auf 1200 Morde. Mitte des 17. Jahrhunderts

klagt ein Pfarrer aus Bonn, gewiß gehe bald die halbe Stadt drauf, zumal

unter dem Druck des Kölner Erzbischofs bereits dreijährige Kinder

wegen ihrer »Buhlteufel« verbrannt worden waren. Überall wurden

Frauen »weggebeizt« und »weggeputzt«, wie die christlichen Chroniken

prahlen. »Da wir nun die alten nahezu erledigen und hinrichten

ließen«, meint Landgraf Georg von Darmstadt 1582, »so geht es jetzt

an die jungen ...« In vielen protestantischen Territorien starben noch

mehr Hexen als in katholischen. Im Braunschweigischen, wo

protestantische Kleriker Ende des 16. Jahrhunderts oft zehn an einem

Tag verbrannten, sahen die Pfähle, an denen die Frauen standen, bei

Wolfenbüttel wie ein verkohlter Wald aus. Und noch im späten 18.

Jahrhundert zeigte sich ein evangelischer Bischof in Schweden tief

betrübt über die neue »freidenkende Zeit«, die sich dagegen wehre,

angeklagte Hexen zu verheizen. Steht etwa in den Gemeinden, die

noch immer ihre Straßen und Plätze nach Mördern benennen, auch

nur ein einziges Denkmal für die Opfer? Schon die Antwort auf diese

Frage verurteilt die »Religion der Liebe«.

177

Kennen wir die Namen einiger Judenmörder vor Hitler?

Ablenkungsmanöver und Scheingefechte auf Nebenschauplätzen sind

bei christlichen Schriftstellern beliebt. Wer es schafft, die historische

Schuld der eigenen Kirche unter den Teppich zu kehren, hat in den

Augen seiner Kumpane eine wissenschaftliche Großtat vollbracht.

Lange Zeit ist so und nicht anders verfahren worden, doch es gelingt

nicht mehr. Immer mehr Menschen wollen die Wahrheit erfahren.

Diese heißt aber hier: Es gab klerikale Judenmörder zuhauf, und ihre

Namen sind bekannt. Der blutige AntiJudaismus christlicher

Elitegruppen, zu denen Bischöfe und Päpste in Massen zählten, währte

zwei Jahrtausende lang. Er gehört als Signum zur

Kirchengeschichte. Er ist eines ihrer Wesensmerkmale. Niemanden

kann es wundern, daß er direkt in die Gaskammern des »gläubigen

Katholiken« Adolf Hitler geführt hat. Wie kam es dazu?

Weil im Christentum so gut wie nichts originell ist, sondern

geliehen, zerschlagen und neu zusammengeleimt, hat es alles, was

nicht von antiken Heiden stammt, vom Judentum bezogen: Engelheere,

Erzväter, Propheten, Gottvater und -sohn. Doch weil die Juden das

angeblich Christliche ihres eigenen Glaubens nicht einsehen konnten

und weil sie den angeblichen Stifter der christlichen Kirche ermordet

haben sollen, weil sie eben »verstockt«, »perfide« blieben, flammte

der klerikale Judenhaß durch zwanzig Jahrhunderte. Auch er begann

bereits bei jenem Paulus, der mit seinen Vätern noch haderte, nachdem

er endlich »bekehrt« war. Fast alle antiken Kirchenväter sind in seiner

Nachfolge (nicht in der des Juden Jesus) überzeugte Antijudai-sten

gewesen. Sie haben den AntiJudaismus fast zu einer eige nen

Literaturgattung gemacht. Tertullian, Augustinus, Johannes

Chrysostomus schreiben eigene Kampfschriften »Gegen die Juden«.

Gegen das auserwählte Volk zu wüten und die eigene Auserwähltheit

an ihm auszulassen wurde zum Markenzeichen des wahren Christen.

Schon im 2. Jahrhundert gibt der hl.

178

Justin - seinerzeit der bedeutendste christliche Apologet - den Juden

nicht nur schuld am Unrecht, das sie selber tun, sondern »auch an dem,

das alle anderen Menschen überhaupt begehen«. Dieses Pauschalurteil

trägt den Keim zur Legitimation der Endlösung in sich, und nicht

einmal Julius Streicher wird es überbieten können. »Der Teufel als des

Juden Vater« steht in den Schaukästen der antisemitischen Zeitschrift

Streichers, aber auch im Neuen Testament (Jo 8, 44).

Der heilige Kirchenlehrer Ephraim, als »Zither des Heiligen

Geistes« gerühmt, nennt die Juden Wahnsinnige, Sklavennaturen,

Teufelsdiener, Mördergesellen, ihre Führer Verbrecher, ihre Richter

Ganoven, denn »sie sind 99mal so schlecht wie Nichtjuden«. Der

heilige Kirchenlehrer Johannes Chrysosto-mus, der »Goldmund«, hält

Juden insgesamt für »nicht besser als Schweine und Böcke« und

meint von ihrer Synagoge: »Nenne sie einer Hurenhaus, Lasterstätte,

Teufelsasyl, Satansburg, Seelenverderb, jeden Unheils gähnender

Abgrund oder was immer, so wird er noch immer weniger sagen, als

sie verdient hat.« Nachdem die Saat schreibend gesät worden war,

mußte sie bald aufgehen und zur Ernte anstehen: Schon im 4.

Jahrhundert brennen Synagogen, verbünden sich Kirchenlehrer mit

den Mordbrennern von der Straße, ziehen christliche »Heilige«

jüdisches Vermögen ein, raubt man den Besitz der »verworfenen

Schweine und Teufelsdiener«, läßt Juden internieren und vertreiben.

Der hl. Kyrill, Patriarch von Alexan-drien, bereitet im 5. Jahrhundert

die erste Endlösung vor: Mehr als hunderttausend Juden fallen ihr

zum Opfer.

Es hat noch immer nicht gereicht: Dutzende von Christensynoden

verfügen eine scharf antijüdische Bestimmung nach der anderen, bis

das 6. Konzil von Toledo 638 die Zwangstaufe aller in Spanien

lebenden Juden befiehlt und das 17. Konzil von Toledo 694 sämtliche

Juden zu Sklaven erklärt. Die Immobilien dieser Sklaven werden

eingezogen (zu wessen Gunsten wohl?), ihre Kinder vom siebten

Lebensjahr an ihnen weggenommen.

179

Das Prinzip der Enteignung von Personen und Sachen funktioniert gut:

Im Mittelalter fallen in immer mehr Ländern Juden und ihre Habe

dem Königsgut zu. Noch nicht einmal ganz umsonst: Lagen auf

diesem sogenannten Schutz doch hohe Abgaben und Steuern, die in die

Taschen der allerchristlichsten Majestäten wanderten. Zuweilen

mußten die Juden im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation

nach der Wahl eines jeden römischen Königs und der Krönung eines

jeden römischen Kaisers diesen ein Drittel ihres Vermögens geben -

für die »Gnade«, nicht sofort verbrannt zu werden. Im 12. Jahrhundert

schreibt Abaelard: »Wenn Juden zum nächsten Ort reisen wollen,

müssen sie sich mit hohen Summen den Schutz der christlichen

Kirchen erkaufen. Diese wünschen in Wahrheit ihren Tod, um ihren

Nachlaß an sich zu reißen. Äcker und Weingärten können Juden nicht

besitzen, weil es niemanden gibt, der ihren Besitz garantiert. Also

bleibt ihnen nur das Zinsgeschäft, und dies macht sie wiederum den

Christen verhaßt«.

Keine der Erscheinungsformen des Antisemitismus im 20.

Jahrhundert kommt dem neu vor, der die Kirchengeschichte kennt. 306

verbietet eine Synode (Elvira) die Ehe und den Ver kehr zwischen

Christen und Juden sowie die gemeinsame Einnahme von Speisen.

Juden ist es nicht erlaubt, öffentliche Amter zu bekleiden (Synode

von Clermont, 535), Juden dürfen keine christlichen Mitarbeiter

beschäftigen (3. Synode von Orleans, 538). Die 12. Synode von Toledo

(681) ordnet die Verbrennung jüdischer Bücher an. Christen wird

untersagt, jüdische Ärzte zu konsultieren (Trullanische Synode, 692).

Juden dürfen an christlichen Feiertagen nicht auf die Straße (3. Synode

von Orleans, 538). Christen dürfen nicht bei Juden wohnen (Synode

von Narbonne, 1050). Juden müssen wie Christen den Kirchenzehnten

bezahlen, obgleich sie nicht zur Kirche gehören (Synode von Gerona,

1078), Juden dürfen Christen nicht vor Gericht bringen oder gegen sie

als Zeugen aussagen (3. Lateran-

180

konzil, 1179). Den Juden ist es verboten, ihre zum Christentum

übergetretenen Glaubensbrüder zu enterben (3. Laterankonzil, 1179).

Juden müssen an ihrer Kleidung ein Unterscheidungs zeichen tragen (4.

Laterankonzil, 1215). Juden dürfen keine Synagogen mehr bauen

(Konzil von Oxford, 1222). Juden dürfen nur in Judenvierteln wohnen

(Synode zu Breslau, 1267). Christen ist es untersagt, Grund und Boden

an Juden zu verkaufen oder zu verpachten (Synode von Ofen, 1279).

Juden dürfen nicht als Unterhändler bei Verträgen zwischen Christen

fungieren (Konzil von Basel, 1434). Juden können keine akademischen

Grade erwerben (Konzil von Basel, 1434). Juden müssen Geldbußen für

die »Ermordung christlicher Kinder« zahlen (Regensburg, 1421).

Jüdische Forderungen gegen christliche Schuldner werden konfisziert

(Nürnberg, Ende 14. Jahrhundert). Das Eigentum von Juden, die in

einer deutschen Stadt ermordet wurden, gilt als öffentliches Eigentum,

weil die Juden selbst Besitz der Reichskammer sind (Gesetzbuch

aus dem 14. Jahrhundert).

1179 dekretiert das 3. Allgemeine Laterankonzil - bis heute als

Versammlung unter dem besonderen Einfluß des Gottesgeistes

definiert -, daß »Christen, die sich erdreisten, mit Juden zu leben, dem

Kirchenbann verfallen sind«. Papst Innozenz III., unter seinesgleichen

als Größe verehrt, nennt sie 1205 »gottverdammte Sklaven« und

schreibt an den Grafen von Toulouse, den er bei dieser Gelegenheit

bannt: »Der Christenheit zur Schmach verleihst du öffentliche Ämter

an Juden... Der Herr wird dich zermalmen!« Dieser Papst, wohl der

mächtigste der Geschichte, schrieb 1205 an den Bischof von Paris:

»Der Jude ist wie ein Feuer im Busen, wie eine Maus im Sack, wie eine

Schlange am Hals.« Und von derlei mußte der wahre Christ sich

befreien. Das von Innozenz geleitete 4. Laterankonzil bestätigte, unter

Berufung auf den hl. Augustin, die Behauptung von der ewigen

Knechtsexistenz allen jüdischen Lebens.

Kein Wunder, daß der aufgeputschte christliche Pöbel von

181

Pogrom zu Pogrom schreitet. Juden werden erschlagen, wo sie

aufzugreifen sind, werden an Stricken und Haaren zum christlichen

Taufbecken geschleift. Die Kreuzzüge, die zu den ersten allgemeinen

Judenmassakern führen, wurden zu beträchtlichen Teilen mit

jüdischem Kapital finanziert, und indem man die Geldgeber erschlug,

befreite man sich von der Rückzahlung von Geld und Zinsen. In Mainz

ließ Erzbischof Ruthard die Juden, denen er gegen Geld seinen Schutz

zugesagt hatte, liquidieren, zwischen 700 und 1200 Menschen. Bei der

Eroberung Jerusalems trieben die Christenherren die jüdische

Bevölkerung in den Synagogen zusammen und verbrannten sie bei

lebendigem Leib. 1389 töten die Christen an einem einzigen Tag in

Prag 3000 Juden. Nach einer Predigt des hl. Johannes von Capistrano

(Fest am 28. März) geschieht 1453 in Schlesien dasselbe mit

allen nur greifbaren Juden. 1648 werden in Polen um die 200 000

Juden ermordet. Doch zu dieser Zeit sind die mordenden Katholiken

schon nicht mehr unter sich. Denn auch der Reformator Luther hat teil

am allgemeinen Schlachten: Auch er hat die Juden mit Schweinen

gleichgesetzt, auch er fand sie »schlimmer als eine Sau«, auch er

forderte für die Ausübung ihres Gottesdienstes die Todesstrafe,

verlangte ein Verbot aller jüdischen Schriften, Zerstörung aller

Synagogen und Bethäuser, »daß kein Mensch einen Stein oder

Schlacke davon sehe ewiglich. Und solches soll man tun unserem

Herrn und der Christenheit zu Ehren, damit Gott sehe, daß wir

Christen seien.«

Hitlers Schergen brauchten nur zuzugreifen und sich zu nehmen,

was seit Jahrhunderten bereitlag. Der Diktator war der Erbe des

christlichen Gedankengutes und der klerikalen Mordpraxis. Die über

Jahrhunderte hinweg schlagkräftigste Armee der Päpste, der

Jesuitenorden, forderte von seinen Kandidaten »Judenreinheit« bis in

die fünfte Generation. Papst Paul IV. ließ alle erreichbaren Exemplare

des Talmud öffentlich verbrennen, zwang die Juden seiner

Territorien zum Tragen

182

gelber Hüte, verbot ihnen Grund und Boden, untersagte ihnen

christliche Angestellte, schloß sie von akademischen Berufen aus -

Verfügungen, die fast ausnahmslos im Kirchenstaat bis ins 19.

Jahrhundert hinein gelten. Derselbe Kirchenstaat stellt zu dieser

Zeit, auch bis ins kleinste Detail, das frühere Getto wieder her.

Als Hitler 1933 den Vertreter des deutschen katholischen

Episkopats empfängt, erklärt er dem Bischof, er tue gegenwärtig

nichts anderes, als was die katholische Kirche 1500 Jahre lang

getan habe. Der Bischof widerspricht nicht. Auch dann nicht, als

Hitler meint, vielleicht erweise er in der Judenfrage dem

Christentum den größten Dienst. Nachher wollte es keiner gewesen

sein. Der Historiker Friedrich Heer: »Adolf Hitler konnte zu einer

Weltmacht, zu einer Mordsmacht aufsteigen, da das Gewissen von

mehreren hundert Millionen Christen zu seinen Taten schwieg oder

diesen gar zustimmte. Dieses Gewissen war ein Privatgewissen, nur

beschäftigt mit Angelegenheiten der privaten Intimzone: der andere

da draußen vor der Tür, der Jude, der Pole, der Zigeuner, der

Italiener, der wurde aus geklammert. Auschwitz und . . . auch

Hiroshima und seine Todesengel beruhen auf

eineinhalbtausendjährigen erlauchten theologischen Traditionen der

Kirche.« Im Reich Hitlers sind die meisten Katholiken

gleichgeschaltet und schweigsam. Ein nach Holland geflüchteter

Jesuit nennt im April 1936 die katholische Presse Deutschlands ein

»unappetitliches Instrument der Lüge«. Doch das fällt nicht auf,

denn schon 1934 hatte der führende Dogmatiker Michael Schmaus

(seit 1951 Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften)

geschrieben: »Katholizismus und Nationalsozialismus können und

sollen Hand in Hand marschieren.« Sein Kollege Karl Adam

(nach dem heute ein Studentenhaus der katholischen Kirche in

Stuttgart benannt ist) sekundierte: »Nationalsozialismus und

Katholizis mus gehen zusammen wie Natur und Gnade.«

Ob sich seither viel geändert hat? Noch 1956 darf der katho-

183

lische Theologe Albert Sleumer mit amtskirchlichem Segen über die

Filmwirtschaft mitteilen: »Wann wird das deutsche Volk sich

aufraffen, um den ausländischen (galizisch-polnisch-russischen)

Schmutzfinken und ihren inländischen Ebenbildern es zum

Bewußtsein zu bringen, daß deutsch sein so viel wie anständig sein

bedeuten soll ?!. . . Jeder Einsichtige wird darum doch die Hersteller

solcher Schmutzfilme — und das weiß selbst der deutsche Michel,

daß 95 Prozent der Filmfabrikanten JUDEN sind! - als gemeine

Verführer betrachten, denen nur der eigene Geldbeutel heilig ist.«

Aus Anlaß des Papstbesuches in der Tschechoslowakei im

Frühjahr 1990 haben enthusiastische Slowaken die Heiligsprechung

des politischen Prälaten Jozef Tiso gefordert, der von 1939 bis 1945

Präsident des Nazi-Vasallenstaates Slowakei gewesen ist und 70000

Juden an die Nazis hat ausliefern lassen. Tiso, ein katholischer Priester

an der Spitze eines faschistischen Regimes, wörtlich: »Ist es christlich,

wenn die Slowaken sich von ihren ewigen Feinden, den Juden,

befreien wollen? Die Liebe zu unserem Nächsten ist Gottes Gebot.

Seine Liebe macht es mir zur Pflicht, alles zu beseitigen, was meinem

Nächsten Böses antun will.« Tiso, jetzt offenbar ein »Märtyrer« und

ein »Verteidiger der christlichen Zivilisation«, wurde wegen

Hochverrats zum Tode verurteilt und 1947 hingerichtet.

Die Evangelische Kirche Deutschlands, die bereits 1933 einen

judenfeindlichen Arierparagraphen geschaffen hatte, veröffentlichte

1941 eine Bekanntmachung über die kirchliche Stellung

evangelischer Juden, in der sie nicht nur die Schuld am Zweitem

Weltkrieg ausschließlich den Weltjuden zuschrieb, sondern auch alle

Bürger jüdischen Glaubens als »geborene Welt- und Reichsfeinde«

schimpfte. Den evangelischen Ober hirten war es unter diesen

Umständen ein leichtes, sich auf Luther zu berufen und dessen

Forderung zu wiederholen, daß »schärfste Maßnahmen gegen die

Juden zu ergreifen und sie aus deutschen Landen auszuweisen« seien.

Dieselben Oberhir-

184

ten waren in diesem Schanddokument auch fest entschlossen,

»rassejüdischen Christen« in der Kirche »keinen Raum und kein

Recht« zu geben und »keinerlei Einflüsse jüdischen Geistes auf das

deutsche religiöse und kirchliche Leben zu dulden«. Sollte von den

zigtausend Traktätchen, Predigten, Entschließungen,

Synodalbeschlüssen, Papst- und Bischofsbriefen, die sich von den

jüdischen »Schweinen« abgrenzten und zu deren Vernichtung

aufriefen, etwa kein direkter Weg zu Hitlers Endlösung führen? Ist

Auschwitz etwa kein christlicher Ortsname? Mußten irgendwelche

dahergelaufene Faschisten und Gottesfeinde irgend etwas erfinden,

was bekannte Christen und Gottesfreunde nicht seit Jahrhunderten

gekannt und praktiziert hatten? Wir kennen in der Tat viele Namen

von Schreibtisch-Juden-Mördern (und viele Heilige der Kirche

sind unter ihnen): Justin, Ephraem, Johannes Chrysostomus,

Ambrosius, Isidor, Innozenz III., Paul IV., Johannes von Capistrano -

keinesfalls die einzigen, die aufzufinden und öffentlich zu benennen

sind. Sie alle haben sich auf den Satz des Matthäusevangeliums (Mt 27,

25) stützen dürfen, der die Juden, »das ganze Volk«, bei der Passion

Jesu rufen läßt: »Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!« Ein

schrecklich erlogener Vers, eine entsetzlich folgenschwere Erfindung.

Es ist schlimmer Haß auf die Juden, der diesen Satz eingegeben hat.

Es ist einer jener Sätze, die schuldig sind am Mord an Millionen

Menschen. Auch ein Evangelist kann zum Judenmörder werden.

Haben Päpste Grund gehabt, einen Weltkrieg zu

verhindern?

Nichts liegt so weit zurück, wie es die kirchliche Geschichtsschreibung

gern hätte. Die Untaten der Oberhirten erstrecken sich nicht nur aufs

»finstere Mittelalter«. Die Heilsgeschichte der Päpste bleibt aktuell.

Unser eigenes Jahrhundert zeigt, wie lebendig die althergebrachten

Ideale kurialer Weltanschauung

185

sind. Die Kontinuität ist atemberaubend. Der Vatikan wollte vor dem

Ersten Weltkrieg - und später erst recht - mit aller Energie an der Seite

Habsburgs den Balkan erobern (sprich: das abgefallene Territorium neu

missionieren). Serbien, ein nichtkatholisches Land, mußte

niedergeworfen werden - und sein Protektor Rußland ebenfalls. Papst

Pius X. hatte schon die Annexion Bosniens und der Herzegowina

durch Österreich abgesegnet, und die katholische Mission arbeitete mit

allen Mitteln. Ein hoher Prälat schmuggelte Waffen, wurde entdeckt,

verurteilt, schließlich aber »befreit« und vom Papst zum Bischof

erhoben. Der Wiener Kardinal Nagel forderte ein »katholisches

Slavenreich«. Ein katholisches Sonntagsblatt Österreichs meinte

bereits im Oktober 1912, der »lang erwartete europäische Krieg« sei

nun nicht mehr aufzuschieben, zumal es dem Kontinent nicht schade,

einmal »gründlich durchgerüttelt« zu werden. Pius X. war derselben

Ansicht. Er verlangte, die Serben »für all ihre Vergehen« endlich zu

bestrafen. Als Öster reichs Thronfolger 1914 ermordet wurde, sprach

der Pontifex -über dessen Mitwisserschaft am Attentat gegen den

liberalen und ungeliebten Erzherzog noch nicht die letzte Gewißheit

besteht - die wegweisenden Worte: »Hier ist der zündende Funke!«

Ein Wiener katholisches Blatt sagte es auf seine Art: »Noch einmal

weist uns der Finger Gottes den Weg...« Endlich konnte ein weiterer

»gerechter Krieg« beginnen, ein Waffengang, den Pius X. hatte

kommen sehen, ein Krieg gegen Rußland, den »größten Feind der

Kirche«, wie das römische Oberhaupt erklärt hatte. Daß die Slawen

allesamt Barbaren seien, war diesem Papst schon 1913 entfahren, und

nun, 1914, kurz vor seinem Tod, freute er sich, daß es - aus

gerechtem Grund - losgehen konnte. Der gerechte Grund des Papstes:

die Kriegsschuld Rußlands.

Einen Waffengang verhindern helfen? Die Bestrafung der Bösen

aufschieben? Kein Gedanke für den Papst. Zwar waren Millionen Tote

zu erwarten, doch die Kleriker trugen und tra-

186

gen deren Schicksal mit Fassung. »Jeder Krieg steht sogar in einem

geheimen Zusammenhang mit dem blutigen Drama auf Golgatha«,

wußte damals der Prior des Klosters Maria Laach, »er ist eine

Fortsetzung, er ist tatsächlich ein Stück des Kamp fes, den unser

Erlöser geführt hat. Liegt... darin nicht ein einzigartiges Motiv, das

Heilige - ich meine den Krieg - heilig zu behandeln?«

Also kein ausreichender Grund mehr für Christensoldaten und

ihre Prediger, Jesus selbst nicht zu militarisieren. Sie sprechen davon,

daß dieser in Form der Mobilmachung in die Welt gekommen sei, daß

seine Menschennatur seine erste Uniform, sein erstes Biwak der

Schoß der Jungfrau, sein zweites Bethlehem gewesen sei, seine

Schlacht Golgatha und sein Hauptquartier der Himmel. Seine Reden

wurden unter der klerikalen Hand zum Maschinengewehr, zum

Zünder der Gottesliebe. Was hätte ein Papst da noch bremsen, was

hindern sollen? Immerhin waren 188 Millionen Katholiken - zwei

Drittel aller damaligen Romtreuen — direkt in den Ersten Weltkrieg

verwickelt.

Auch die Madonna trat wieder an: »Türkensiegerin, segne die

Bajonette, segne, was sich eingräbt ins blutige Bette verlogenen

Fleisches und schlage deine Flügel um unsere Soldaten«, heult ein

Feldpfaffe, »Gottesmutter, wir singen dir Schlachtenpsalmen.« Denn

es war den deutschen Katholiken so ernst, daß sie den Krieg — wie

Jesuiten bekannten — selbst gegen die eigenen Glaubensgenossen

führen wollten, die zufällig auf der anderen Rheinseite beheimatet

waren. Die Franzosen, Katholiken von jenseits, standen nicht zurück.

Ihr Klerus feierte dasselbe Schlachtfest als Kreuzzug gegen das

evangelische und heidnische Preußen, und es nahm niemanden

wunder, daß 25000 Priester, Ordensleute und Seminaristen auf

französischer Seite für diesen eigenen gerechten Krieg ins Feld zogen.

Die französischen Schützengräben wurden - Originalton Feldpfaffe -

zum »Gethsemane«, das Schlachtfeld zu »Golgatha«,

187

der Augenblick des Schlachtens zur »göttlichen Minute«. Denn

Christus, »der die Franzosen liebt«, sollte leben, hochleben,

weiterleben! Die Zeit der Wiedergeburt Frankreichs stand bevor. Daß

diese Wiedergeburt 1,3 Millionen Tote gekostet hat, stand auf einem

anderen Kirchenblatt. Ebenso die Tatsache, daß der Nachfolger jenes

Papstes, der den Ersten Weltkrieg nicht hatte verhindern wollen, weil

er mit dem Sieg Habsburgs über die Slawen gerechnet hatte, danach

von einem seiner Kardinale als »der am besten aus dem Krieg

herausgekommene Mann« gefeiert worden ist. Der Vatikan auf Seiten

der Sieger und ein Kriegsgewinnler: nichts Neues unter der Sonne.

Heilige Kriege gab es nicht nur in früheren Zeiten. Noch der

katholische Feldbischof der Wehrmacht Hitlers feiert den

Rußlandfeldzug als »europäischen Kreuzzug«. Alle deutschen und alle

österreichischen Bischöfe haben diesen Waffengang »mit Genugtuung«

begleitet. Pius XII. setzt noch darauf, wenn er den Krieg gegen die

Sowjetunion, der mehr als 1700 Städte und 70000 Dörfer zerstört und

20 Millionen Tote allein unter den Überfallenen fordert, als

»Verteidigung der Grundlagen der christlichen Kultur« rühmt. Daß ein

solcher Papst den Zweiten Weltkrieg ver hindern oder seinen Auslöser

Hitler auch nur bremsen wollte, ist nicht anzunehmen. Pius XII. hatte

sich gegenüber dem Diktator stets freundlich verhalten. Bereits dessen

Annexionen vor Beginn des Krieges waren im Vatikan beifällig

registriert worden. »Wir haben Deutschland, wo Wir Jahre Unseres

Lebens verbringen durften, immer geliebt, und Wir lieben es jetzt

noch viel mehr. Wir freuen uns der Größe, des Aufschwungs und des

Wohlstandes Deutschlands, und es wäre falsch zu behaupten, daß Wir

nicht ein blühendes, großes und starkes Deutschland wollen«, meint der

Papst am 25. April 1939. Hitler dürfte in der Annahme nicht

fehlgegangen sein, ein von ihm ausgehender Krieg werde im Vatikan

auf keine großen Vorbehalte stoßen. Der Papst tat ihm bereits am 6.

Juni 1939 den Gefallen. »Der große Tag X ist nahe«, wird eine An-

188

spräche des Obersten Oberhirten wiedergegeben, »der Tag des

Einmarsches in die Sowjetunion.«

Auch dieser Papst hatte, wie sein heiliger Vorgänger zu Beginn des

Ersten Weltkriegs, allen Grund, die »Unterwerfung aufsässiger

Untertanen« herbeizuwünschen, die »Rückkehr Rußlands« und seiner

Christen in den Heimathafen der römisch-katholischen Kirche,

»seiner« Kirche. Auch dieser Papst hatte kaum einen Grund, den

Zweiten Weltkrieg nicht als Großtat der Vorsehung zu begreifen. Als

England und Frankreich darauf bestanden, er möge Hitlerdeutschland

als Angreifer bezeichnen, lehnte er ab. Schon Mitte August 1939 hatte

er dem deutschen Botschafter beim Vatikan versichert, wenn Hitler

Polen bekriege, werde er sich jeder Verdammung des Reiches

enthalten. Zu Weihnachten 1939 appellierte er an die Katholiken, ihre

»Kräfte gegen den gemeinsamen Feind, den Atheismus«, zu

vereinigen. Nach dem Attentat vom 8. November 1939 auf Hitler hat

der Münchner Kardinal Faulhaber -heute als »Widerstandskämpfer«

gepriesen - einen Dankgottesdienst für die glückliche Errettung des

Führers gefeiert, und die bayrischen Bischöfe haben gemeinsam Hitler

gratuliert. Pius XII. ließ seine persönlichen Glückwünsche übermitteln:

Der Angriffskrieger, der allem Anschein nach einen »gerechten Krieg«

für die Ziele dieses Papstes führte, war durch göttlichen Eingriff errettet

worden, und das schien aller Ehren wert.

Erst inmitten des Krieges erkannte der Stellvertreter Christi auf

Erden, daß er lange, zu lange, auf die falsche Karte gesetzt hatte. Doch

kam die Wende des »heiligmäßigen« Pacelli-Pap-stes noch zur rechten

Zeit, noch so zeitig, daß auch er - wie alle seine Vorgänger - auf der

Seite der Sieger stehen durfte. Der polnische Außenminister Beck, in

diesem heiligen Fall Vertreter der Gegenseite, sagte nach dem

deutschen Überfall und der Niederlage seines Landes durch Hitlers

»Blitzkrieg«: »Einer der Hauptverantwortlichen für die Tragödie

meines Landes ist der Vatikan. Zu spät erkannte ich, daß wir eine

Außenpolitik

189

betrieben hatten, die lediglich der egoistischen Zielsetzung der

katholischen Kirche diente.«

Und die deutschen Bischöfe? Nach dem Sieg der Diktatur über

Polen, dem »uns aufgezwungenen Waffengang« (wie einer von ihnen

predigte), ließen sie sieben Tage die Glocken läuten. Der Kölner

Kardinal Schulte hatte schon zu Hitlers Geburtstag 1939 beteuert,

die Treue der Seinen zum Führer könne »durch nichts erschüttert

werden«. Denn »sie beruht auf den unveränderlichen Grundsätzen

unseres heiligen Glaubens«. Daß die Stadt des Kardinals bald zu

72 Prozent zerstört wurde, konnte noch hingenommen werden. Daß

die bischöfliche Treue nach dem 8. Mai 1945 zu 100 Prozent

zerstört werden sollte, war nur Gottes unbegreiflicher Vorsehung

zuzuschreiben.

So weit ein wenig Kirchengeschichte der letzten Jahrzehnte. Der

Katholik Friedrich Heer weist über solche »historische« Schandtaten

der Kirche hinaus auf die Zukunft: »Ein christliches und kirchliches

Vorplanen, Vordenken, Vorbereiten - in Handlangerdiensten - eines

neuen Krieges schließt direkt an die Unterstützung des Hitlerkrieges

durch die Führungen der beiden Großkirchen an.« Er hat recht: Die

Welt darf auf weitere Kriegshetze der Kleriker gefaßt sein, auch wenn

die Schalmeien aus Rom nach wie vor zum »Frieden« blasen.

Kommt Krieg gar aus der Kirche selbst?

Der englische Bischof Joseph Hall hat es im 17. Jahrhundert gesagt:

»Man ist seines Lebens dort sicherer, wo es gar keinen Glauben gibt,

als dort, wo alles zur Sache des Glaubens gemacht wird.« Der

Oberhirte hatte recht. Daß die Geistlichkeit, um der Verteidigung der

eigenen Werte willen, in bestimmten Abständen von der

»erzieherischen« oder »ausgleichenden« Funktion eines handfesten

Krieges spricht, der sich gegen das Reich des Bösen richtet,

verwundert unter diesen Umständen nicht.

190

Offensichtlich kann die Kirche, um ihres lieben Friedens willen, nicht

auf den »Verteidigungsfall« verzichten. Was nach menschlicher

Erfahrung an dessen Ende steht — der Tod von Millionen —, zählt

gering im Vergleich zu der Aussicht der Kirche, durch

»Umverteilung« alte Werte zu sichern und neue Güter zu ergattern.

Inwieweit Kleriker Kriegsgewinnler hohen Grades sind, muß nicht erst

nachgewiesen werden: Nicht allein Gewinne durch »Landnahme«

machen den heutigen Kirchen-besitz aus. Kurz nach dem jeweiligen

Friedensschluß ist auch die Predigt gefragt, die außerhalb der eigenen

Reihen nach Schuldigen sucht und nach innen Schuldlosigkeit

(römischkatholisch) oder Vergebung (evangelisch) verspricht.

Soll hingenommen werden, daß offizielle Verlautbarungen der

Kirche bis in die jüngste Zeit hinein sich dezidiert für die

Vernichtungswaffen aussprechen, daß Bischöfe von Amts wegen nicht

dagegen predigen, daß man Atomwaffengegner mit dem

mitleidheischenden, wenn nicht gar diffamierend gebrauchten Namen

»Pazifisten« belegt? Muß es abendländisch-vernünftig bleiben, daß

man Abrüstungsvorleistungen als der Bergpredigt des Jesus aus

Nazareth widersprechend hinstellt, daß Kontinente sich zu Tode

verteidigen lassen, daß Weihnachten als einziger Friedenstag unter 365

Tagen des (kalten und des heißen) Krieges zelebriert wird, daß

werdenden Müttern ungleich mehr klerikale Aufmerksamkeit gilt als

werdenden Atomopfern, daß die Menschheit in jeder Minute des

Kirchenjahres eine Million DM für die Rüstung auswirft, während alle

paar Sekunden ein Kind verhungert? Sollen wir einfach schweigen,

wenn — wie 1981 in Münster - der Ring christlich-demokratischer

Studenten fordert, daß die Bundesrepublik als »potentieller Frontstaat«

an der »Vorwärtsverteidigung« festhält und auch an der »Bereitschaft

zum nuklearen Ersteinsatz, vor allem auch unmittelbar gegen

sowjetisches Territorium«, und kein einziger Oberhirte dagegen auch

nur ein Wort verliert? Sollen wir zusehen, wie vielen Mitmenschen

einfach die Seele ausgetauscht, wie ihnen sugge-

191

riert wird, es sei Aufgabe der Deutschen (wohlbemerkt der

Kriegsmacher in diesem Jahrhundert), auf den nächsten Weltkrieg

zuzurasen, wie man da jede anderslautende Meinung als

»Einmischung« in die Kriegsspiele der Experten moralisch

disqualifiziert? Oder sollten wir uns endlich von den falschen

Propheten lösen, von jenen zumal, deren Staats- und

kirchenerhaltende Kraft sich schon zweimal in grausamen Kriegen

hat entfalten und »bewähren« dürfen ?

Der Friede: »Gottes Geschenk, den Menschen anvertraut«? Diese

arg klerikale Formel, die so fromm daherkommt und so einleuchtend

wirkt, kann die Kenner der Kirche nur schaudern machen. Vielleicht

zählen diese deswegen nicht zu den in päpstlichen Ansprachen so

gern genannten »Menschen guten Willens«. Vielleicht sind sie bloß

nützliche Idioten, die das Geschäft der Gegenseite betreiben, gegen die

der abendländische Friede so drohend gerichtet ist. Doch der offerierte

»Gottesfriede« bleibt verdächtig. Zu lange hat sich die Kirche darin

gefallen, Gott und Krieg in einem Atemzug zu nennen und für diese

Gleichung Millionen Tote in Kauf zu nehmen. Zu lange hat sie die

jeweils modernsten Waffen gesegnet, als daß sie ausgerechnet heute

denselben Gott als den Geber des (ihres?) Friedens interpretieren

dürfte, ohne massive Zweifel an ihrer Glaubwürdigkeit aufkommen

zu lassen. Wer die Schand- und Mordtaten dieser Kirche, wie sie —

geschichtlich beweisbar — sich gegen Juden, Heiden, »Ketzer«,

»Hexen«, Indios und Andersdenkende schlechthin gerichtet haben,

nicht vergessen kann, der wird auf den Gedanken kommen, es gebe

eine ganz gewöhnliche Gewalt innerhalb der Kirche, eine förmliche

Kriegstheologie auch, eine spezifisch aus dem Kirchenglauben

herrührende Bedrohung der Welt. Eine Religion wie das Christentum,

im Innersten durch und durch unfriedlich, kann kein »Salz der Erde«

sein, ist nicht mehr als verbrannte Erde.

Allerdings ist diese Einsicht noch lange kein Allgemeingut.

Christen in allen Kirchen verschließen sich ihr - freilich nicht

192

aus Scham über die Untaten der eigenen Konfession. Im Gegenteil. Sie

schämen sich nicht, sie leugnen und verdrängen schamlos, was sie

wissen oder wissen müßten. Wie lange wird es dauern, bis es als

Schande gilt, sich öffentlich zum Christentum zu bekennen? Wie lange

wird es noch als humaner gelten, die Millionen Toten, die auf dem

Gewissen der Christenheit lasten, zu ignorieren, als sie zu nennen und

zu ehren? Was muß denn noch passieren, bis auch der letzte Christ

sich dafür entscheidet, die Geschichte des Grauens abzubrechen, um

ein freier Mensch zu werden ?

Haß ist es nicht, was die Greuel der Kirchen aufdecken läßt. Die

Unterstellung, Kirchenkritiker seien haßerfüllte Menschen oder

handelten aus Rache, ist zwar beliebt, doch gerade deswegen spiegelt

sie das Denken und Fühlen jener wider, die das unterstellen. Kein

Wunder, denn Kirchentreue haben zu hassen und sich zu rächen

gelernt. Ihre eigene Konfession hat über die Jahrhunderte hinweg aus

keinen anderen Beweggründen gelebt: Haß gegen Andersdenkende

und Rache an diesen sind Grundmuster starr ideologischen, sprich,

dogmatischen Denkens. Die Geschichte der Kirchen zeigt, wie sehr sie

ihre Gläubigen korrumpiert. Daß sich die Mehrheit der Betroffenen

noch immer nicht befreien will, verdient keinen Haß, verdient auch

Mitleid nur in den seltensten Fällen. Was ansteht, ist Verachtung.

Sollen wir noch an die »heilige Kirche« glauben?

Verachtung gegenüber den noch immer Kirchensüchtigen ? Den Treuen

mit dem unheilbar guten Gewissen? Die Chronique scandaleuse ist

nicht alles, was »Kirche« ausmacht, sagen sie. Wir glauben nicht ins

Ungewisse hinein oder ins Ärgerliche. Es gibt da auch viel Gutes, zum

Beispiel das Beste, unsere Heiligen. In diesen Menschen sehen wir

Beispiele geglückten Le-

193

bens, menschliches Leben, das seine Identität gefunden hat und frei ist

von Entfremdung. Diese These der Kirchenleute ist an konkreten

Fällen auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen.

Wurden nur Vorbilder heiliggesprochen?

Die Legenden, die in Predigten und Kinderbüchern ihr Leben fristen,

haben mit der Wahrheit wenig zu tun. Nicht alle sogenannten

Heiligen, die der Bevölkerung präsentiert werden, sind nach den

Maßstäben des Menschseins tugendhafte oder gar große Menschen

gewesen. Im Gegenteil: Unter ihnen gibt es leibhaftige Verbrecher,

Mörder und Totschläger. Doch bis heute steht die Kirche nicht zu

dieser Wahrheit. Ihre Gläubigen können sie offenbar nicht ertragen.

Die Päpste und ihr System stecken selbst in der Klemme. Wenn ein

Papst heiligspricht, muß er notgedrungen dafür seine »Unfehlbarkeit«

in Anspruch nehmen. Da amtlich erklärt wird, ein bestimmter

Mensch sei »heilig« und könne als Heiliger verehrt werden, dürfen

sich keine Fehler einschleichen. Ein Irrtum darüber, daß ein Toter im

Himmel ist und nicht in der Hölle, bleibt unerlaubt.

Unechte Heilige wie Christophorus oder Georg, die nie gelebt haben,

doch jahrhundertelang als Schutzpatrone herhalten mußten, wurden

inzwischen aus dem Festkalender der römischen Kirche getilgt. Aber

unsaubere Heilige durften in dem heiligen Buch bleiben: Kaiser gehören

zu ihnen, Kirchenlehrer, Bischöfe, Päpste. Im folgenden werden

Beispiele für heilige Verbrecher genannt. Es sind nur wenige Beispiele,

doch hängt diese Beschränkung nicht damit zusammen, daß es nur

wenige gibt. Wenn man ihre Heiligenlegenden liest, sagt Helvetius,

findet man die Namen von tausend heiliggesprochenen Verbrechern.

Und harmlos ist kein einziger Heiliger, nicht einmal der aus Gips.

Geld machen läßt sich mit Heiligen und Heiligtümern immer. Das

einzige Wunder, was sich mancherorts permanent

194

ereignet, ist das Wirtschaftswunder. So verkraftet der bekannteste

Wallfahrtsort der Welt, das französische Lourdes - das seine

Attraktivität den Marienerscheinungen von 1858 verdankt (die

»Seherin« Bernadette wurde inzwischen heiliggesprochen) -, täglich

riesige Kolonnen von Reisebussen und Autos. Die 18000 Einwohner

zählende Stadt hat 350 Hotels und Pensionen, die den anderthalb

Millionen Wallfahrern jährlich drei Milliarden Franc (etwa eine

Milliarde DM!) abnehmen. Pro Jahr werden 400 neue Gästebetten

eingerichtet. Eine weitere Geldquelle ist der Handel mit Souvenirs. Die

in 600 Shops teuer verkauften Massenartikel - Kruzifixe,

Marienstatuen, Weihekerzen, Medaillons, Rosenkränze,

Andachtsbildchen — sind zumeist billige Massenware aus Südostasien.

Heiligkeit zahlt sich aus. Der Vatikan gönnt sich ein eigenes

Ministerium, das den »Grad an heroischer Tugend« bei einzelnen

Katholiken (Andersgläubige scheiden von vornherein aus) festzustellen

und dem Papst schließlich einen heroisch Tugendhaften oder eine

heroisch Tugendhafte zur »Seligsprechung« vorzuschlagen hat. Die

Untersuchung der biographischen (und literarischen) Details benötigt

verständlicherweise viel Zeit und Geld. Die römische Behörde, der

Unterabteilungen in Bistümern und Orden zuarbeiten, geht davon aus,

daß jedes noch so kleine Lebenszeichen eines Menschen auf seinen

»heroischen Grad« hin erforscht werden müsse. Daher können sich nur

wohlhabende Familien oder Ordensgemeinschaften einen derart teuren

»Prozeß« erlauben, um einen oder eine der Ihren »zur Ehre der

Altäre« erhoben zu sehen. Auf der anderen Seite sucht der Vatikan aus

finanziellen Gründen, möglichst viele und langwierige Prozesse zu

führen. Die Beschäftigungstherapie lohnt sich, und der jetzige Papst

Johannes Paul II. sprach denn auch in seiner bisherigen Amtszeit (seit

1978) eine stu-pende Zahl von Katholikinnen und Katholiken selig oder

heilig.

Angesichts aller inflationären Aktivitäten um den »Herois mus«

mancher erst noch heiligzusprechender katholischer

195

Christen und Christinnen ist es verwunderlich, daß bei den bereits

als Heilige Verehrten nicht sorgsamer verfahren worden ist und wird:

Fänden sich sonst in den Akten der Heiligen der römischen Kirche

gar so viele wenig Tugendhafte? Werden die »Tugenden« der im Lauf

von Jahrhunderten Heiliggesprochenen überprüft, verstärkt sich der

Eindruck, nur bestimmte anerzogene Charaktermerkmale sind in

den Geruch katholischer

' Heiligkeit gelangt: bei Frauen Demut und Opferbereitschaft, bei

Männern ein starker bis fanatischer Wille, im Interesse der Kirche

selbst über Leichen zu gehen. Tugend macht benutzbar. Katholische

Heilige waren vor allem kirchenpolitisch griffig zu verwendende, für

machtpolitische Zwecke taugende Menschen. Tugend kommt auch in

diesem Fall von Tauglichkeit. Tugend haft sein meint: für alles und

jedes taugen. Zur Ehrenrettung

einiger Ausnahmen von dieser Klerikerregel sei gesagt, daß der

einzelne noch nicht einmal sich selbst als derart tauglich verstanden

zu haben braucht. Die Methoden der durchweg kirchenpolitisch

motivierten »Heiligsprechungsprozesse« lassen den Toten, die sich

nicht mehr gegen ihre Heiligsprechung wehren können, nicht die

geringste Chance auf Gegendarstellung, nicht mehr die Würde, es

auch anders gewollt zu haben. Die folgenden Regelfälle klerikaler

Tugendhaftigkeit dürften von solchen Zweifeln wenig berührt

gewesen sein: Sie blieben für die jeweiligen Kirchenzwecke (die sich

ihrerseits kaum je wesentlich geändert haben) tauglich. Es sind die

sogenannten Besten der Kirchengeschichte.

Welchem Heiligen verdankt die Kirche ihre Anerkennung?

Der Kirchenlehrer Augustinus - selbst eine höchst zweifelhafte,

richtiger: hochkriminelle Gestalt der frühen Kirche - hat den

»heiligen« Konstantin, den ersten »christlichen Kaiser«, der 17

Jahrhunderten Kirchengeschichte seinen Stempel aufdrückte,

verständnisvoll gelobt: »In allen Kriegen, die er unter-

196

nahm und leitete, siegte er glänzend.« Das Urteil trifft des Kaisers

Kern. Bischof Eusebius von Kaisareia, den Jacob Burck-hardt den

»ersten durch und durch unredlichen Geschichtsschreiber des

Altertums« genannt hat, bleibt nicht zurück, wenn es um die

Tugenden Konstantins geht: »Er allein hatte ja .unter den römischen

Kaisern Gott, den höchsten Herrn, mit unglaublicher Frömmigkeit

verehrt, er allein mit Freimut die Lehre Christi verkündet, er allein

seine Kirche verherrlicht wie nie einer seit Menschengedenken.« Und

auch noch Theologen unserer Zeit sind voll des Lobes und feiern den

Kaiser aus dem 4. Jahrhundert als »leuchtendes Vorbild« und

»wirklichen Gläubigen«. Denn »wer so handelt und vor allem so

handelt in einer Welt, die überwiegend heidnisch ist, ist Christ, und

zwar Christ dem Herzen, nicht nur der äußeren Handlung nach«,

meint Kurt Aland.

Der englische Denker Percy Bysshe Shelley (1792-1822) aber

kommt der geschichtlichen Wahrheit näher als alle Lohnschreiber: » ...

dieses Ungeheuer Konstantin... Dieser kaltblütige und scheinheilige

Rohling durchschnitt seinem Sohn die Kehle, erdrosselte seine Frau,

ermordete seinen Schwiegervater und seinen Schwager und unterhielt

an seinem Hofe eine Clique blutdürstiger und bigotter christlicher

Priester, von denen ein einziger genügt hätte, die eine Hälfte der

Menschheit zur Abschlachtung der anderen aufzureizen.«

Konstantin (geboren um 285) hat ohne Zweifel ein historisches

Verdienst: Er begann damit, die bestehende Ordnung des römischen

Staates umzudrehen, indem er einen Angriffskrieg nach dem ändern

führte und einen Mitregenten nach dem ändern beseitigte. Er hat auf

diese Weise revolutionär gewirkt, hat aus dem Christentum - bis dahin

eine (in Maßen) staatlich verfolgte Religion- eine Staatsreligion

gemacht. Diese Umwälzung förderte eine neue Herrenschicht zutage,

den Klerus, vom Kaiser hofiert und dotiert wie keine andere

Interessengruppe im Neuen Reich. Da dieser Klerus aber die alten, auf

Krieg und

197

Ausbeutung beruhenden Verhältnisse beibehielt, brauchte sich unter

ihm nichts wirklich zu verändern - von der eigenen Stellung dieser

Lobby einmal abgesehen, die sich zunehmend von unten nach oben

drehte.

Führt sich die fromme Folklore der Kirche auf einen

Verbrecher zurück?

Klerus und Militär machten die Basis des Neuen Reiches aus. Die

verheerend fortwirkende politisch- militante Religiosität, die noch

heute Gewalt über Menschen besitzt, gilt seit Konstantin als

Staatsideologie. Da niemand besser als die Staatskleriker die neue

Weltanschauung legitimieren konnte, wurden diese vom Kaiser mit

Ehrungen überhäuft. Eine Hand begann die andere sauberzuhalten.

Konstantin »säubert vor allem die Welt von der Feindschaft gegen

Gott« und wird dadurch - in den Augen der kirchlichen

Geschichtsschreiber - zum Vorbild aller späteren Kaiser, zum

unerreichten Ideal eines Herrschers, der aller Welt zeigt, wie mit den

Feinden und wie mit den Freunden Gottes zu verfahren ist. Auf die

einen warten Folter und Hinrichtung, auf die anderen Geschenke im

Überfluß. Konstantins Gunsterweise brechen über die Geistlichen

herein, und diese schnappen nach den unverhofft fetten Bissen. Gott in

Gestalt eines Kaisers meint es gut mit ihnen. Bischöfe haben jetzt

Anspruch auf besondere Titel, auf Weihrauch und Staatsgewänder,

kurz: auf jenen Talmiglanz, der bis heute seinen Eindruck auf schlichte

Gemüter nicht verfehlt. Bischöfe werden kniefällig begrüßt und sitzen

auf Thronen. Viele der »konstantinischen Gnadenerweise« für die

Bischöfe sind noch heute, nach Jahrhunderten, wirksam: Kleider,

Throne, Titel. Wer feiertags eine katholische Bischofskirche betritt, kann

sich satt sehen. Er bekommt in solchen »Gottesdiensten« kostenlosen

Anschauungsunterricht in byzantinischer Geschichte.

Kirchen in Rom erhalten Grundbesitz nicht bloß im Stadtge-

198

biet (über den sie noch heute verfügen), sondern auch in Süditalien und

auf Sizilien. Roms Stadtkirche bekommt eine Tonne Gold und zehn

Tonnen Silber geschenkt, die Kirchenbauten selbst werden erlesen

geziert. Erst so sind sie das, was der Kaiser braucht: Dankesmale für

seine - und des Herrn Jesus Christus -heiligen Siege über das unheilige

Gewürm auf Erden: die Andersdenkenden. Der katholische

Papsthistoriker V. Gröne, der mit seiner Interpretation zahlreiche

Verdreher und Schönfärber der Zunft vertritt, schreibt dazu: »Der

oberste Bischof der Kirche wurde genöthigt, sich mit weltlicher Pracht

zu umgeben und in Kleidung, Wohnung, Gastmählern Aufwand zu

machen, um die Kirche mit ihren kostbaren Bibliotheken, ihren

goldenen Gefäßen, purpurnen Gewändern, herrlichen Altären auch der

Welt gegenüber würdig zu repräsentieren.«

Darf sich ein überführter Massenmörder als

»Stellvertreter Gottes« fühlen?

Niemand gibt umsonst, schon gar kein Machtpolitiker wie Konstantin.

Um »Gottes Lohn« - wie die verdummten Untertanen von Staat und

Kirche - tut ein Kaiser nichts. Er bekommt als Gegengabe genau das,

was er will - und was er politisch vermarkten kann: Er erklärt, alles,

was er sei und habe, schulde er dem »größten Gott«. Aber er sei auch

dessen »Stellvertreter auf Erden«, nicht mehr und nicht weniger. Also

darf er die entsprechende Verehrung verlangen. Sie geschieht nicht nur

im Hofzeremoniell (Kaiserkult) wie bei den vorchristlichen

Monarchen. Konstantin entmachtet mit Hilfe seiner neuen Ideolo gie

alle, die nicht - gleich ihm - Gottes Stellvertreter sind, somit alle

Menschen seines Reiches. Menschenrechte gibt es nicht, nur den

Willen eines Kaisers, der sich mit Gottes Willen identifizieren läßt.

Warum wohl eine typisch klerikal geprägte Kirche wie die römische

noch heute nichts mit den allgemeinen Menschenrechten anzufangen

weiß ?

199

Der ungetaufte und noch nicht einmal als Taufbewerber anerkannte

Konstantin verhilft der Kirche zu einem wichtigen Dogma. Nach dem

katholischen Kirchenhistoriker Hermann-Josef Vogt bestand der Kaiser

kraft seiner politischen Erfahrung — das heißt seiner Erlebnisse als

Herrscher und Heerführer -darauf, den Sohn Gottes nicht für ein

geringeres Wesen als Gottvater zu halten, sondern ihn auf dieselbe

Stufe des Wesens und der Würde wie den Vater zu stellen. Das Konzil

von Nikaia übernimmt 325 diese Ansicht und lehrt, unter Strafe des

Bannes, der Herr Jesus Christus sei »wesensgleich« mit dem Vater. Und

Konstantins »Credo« wird noch heute nachgebetet. Der Kaiser,

ungetaufte Autorität in Glaubensdingen, hat dafür gesorgt, und er

hatte seine Gründe. An der dogmatischen Aussage lag ihm nichts; er

schaute darauf, daß der Sohn nicht weniger galt als der Vater. Seine

Siege waren unter dem Zeichen des Kreuzes geschehen, und der Sohn,

der am Kreuz gestorben war, konnte kein untergeordneter Gott sein.

Ein Gott zweiten Ranges als siegreicher Beschützer des Regenten war

undenkbar. Konstantin mußte von den unterworfenen Völkerschaften

seines Imperiums, die diversen Religionen huldigten, anerkannt sein

als derjenige, dem der höchste Gott in allem beistand, der

»wesensgleiche« Gottessohn. Daß für eine solch politische Dogmatik

Religionskriege geführt und viele »Ketzer« (Arianer) geopfert werden

mußten, erschien dem Kaiser als Bagatelle. Er hatte seinen Willen,

die Christen hatten ihr Dogma.

Bischöfe und Theologen seiner Epoche feiern Konstantin als

»gottgeliebten Führer«, den »von Gott eingesetzten allgemeinen

Bischof«. Der Kaiser, der endlich als »13. Apostel« bestattet wird, gilt

als großer Heiliger. Noch im mittelalterlichen England werden ihm

zahlreiche Gotteshäuser errichtet, noch im 20. Jahrhundert wird er als

Idealfigur des christlichen Herr-schertums überhaupt verehrt.

Doch der »Schöpfer des christlichen Weltreichs«, der heilige

200

Konstantin, war ein Massenmörder. Der »gottgeliebte und dreimal

selige« Kaiser hat sein Reich auf Angriffskriege gestützt und durch

nichts anderes als durch Schlachtenglück legitimiert. Kein Bischof, kein

Papst, kein Kirchenvater hat diese Perversion gegeißelt, Das Kreuz als

siegreiches Kriegszeichen und die »Gott-mit-uns«-Parole sind keine

Verirrungen menschlichen Denkens, sondern Wesensinhalte

christlicher Predigt. Die Rüstungswut des Abendlandes ist auf dem

Boden der Kirchen gewachsen; der Haß stammt aus christlichen

Herzen. Unter solchen Umständen, da die Größe des Wütens das

Verbrechen straflos macht, ja heiligt, fallen die eher privaten Morde

Konstantins gar nicht mehr auf: Der Heilige hat seinen Schwiegervater

erhängen, seine beiden Schwäger erwürgen, seinen eigenen Sohn

vergiften, seine Frau im Bad ersticken lassen. Den gesamten Besitz

der ermordeten Gattin aber erhielt der Papst geschenkt, und der

besitzt ihn wohl noch immer. So arbeiten Papst und Kaiser Hand in

Hand, und Thron wie Altar wanken nicht, wo Heilige am Werk sind.

Finden sich sogar ein paar heilige Päpste?

Wer unbedingt heiliggesprochen werden möchte, hat statistisch die

größten Chancen, sein frommes Ziel zu erreichen, wenn er eine

Papstkarriere macht. Ein Viertel der bisherigen Amtsinhaber hat es

schon geschafft. Das ist eine relativ hohe Zahl. Für Familienväter oder

Pfarrer vom Lande stehen die Vorzeichen wesentlich ungünstiger.

Bisher wurde erst ein einziger Dorfpfarrer kanonisiert. Aber insgesamt

78 Päpste gelten den Ihren als heilig; die ersten paar Dutzend der

Papstgeschichte sind ohnedies unbesehen heiliggesprochen worden.

Das Papsttum nahm es da nicht so genau. Später ging die Flut an

heiligen Päpsten zurück. Bisweilen herrschte fast schon Ebbe, und nicht

jeder Amtsinhaber konnte von vornherein damit rechnen, durch

einen seiner Nachfolger die höchste Würde der katholi-

201

sehen Christenheit zu erhalten. Inzwischen ist wieder Land in Sicht.

Auch im 20. Jahrhundert gibt es bis jetzt zumindest einen

heiliggesprochenen Papst: Pius X. Für andere läuft das • Verfahren

noch. Pius XII. zählt zu diesen Kandidaten: ein »Stellvertreter Christi«,

der ein Privatvermögen von 80 Millionen DM besaß, als er 1958 starb,

und der zuvor alle faschistischen Staatsverbrecher Europas unterstützt

hat.

Heilige Päpste? Zum Beispiel der Priestersohn Damasus (366-384),

schwer zu durchschauen, skrupellos und hart, ein Charakter, der

freilich wegen eben dieser Persönlichkeitsmerkmale gut zur Epoche

und zur Heiligenhistorie paßt. Durch Terror und Bestechung Papst

geworden, erkannte er früh die Möglichkeiten seines Amtes. Er

schaffte es, dem römischen Kaiser Gratian den bisherigen

Imperatoren-Titel »Pontifex Maximus« auszureden — und den bis

heute gebräuchlichen Titel auf den Bischof von Rom zu übertragen.

Damit war die Basis für die kommende Machtfülle des Papsttums

gelegt. Auch nannte Damasus seinen eigenen - römischen — Thron

die »Sedes Apostolica« und unterminierte auf diese Weise die Stellung

der übrigen Bischöfe des Erdkreises. Rom wurde zur geistlichen

Vormacht, die römische Kirche zur autoritären Herrin über andere,

statt die erste unter gleichen Gemeinden zu bleiben. Papst Damasus

nannte seine Kirche »allen anderen Städten der Welt vorangestellt«,

seinen Bischofssitz, den er erst nach monatelangen Krawallen und

blutigen Straßenschlachten erobert hatte, einen Platz ohne »Fleck und

Runzel«. Damasus hatte sich nur mit Hilfe einer eigens angeheuerten

Söldnertruppe wider seinen Gegenkandidaten durchsetzen können.

Seine Spießgesellen waren die schlagkräftigeren Prügler gewesen,

seinem Geld war es geglückt, die Mehrheit zu bestechen. Über 150

Tote lagen in Rom, als der hl. Damasus seinen Thron besteigen

konnte. Die Mordzüge gegen seine persönlichen Feinde gingen

allerdings weiter. Katholische Kirchengeschichtler aber loben seinen

»kindlich-frommen Sinn«, nennen ihn einen »gottbe-

202

geisterten Priester«. Der Papstverbrecher wird noch immer in den

offiziellen Heiligenkalendern geführt. Das Fest des wegen Ehebruchs

und wegen Mordes angeklagten Kirchenfürsten ist auf den 11.

Dezember datiert; in Italien gilt er als Fürbitter gegen

Fieberkrankheiten. Der Repräsentationshof des heutigen Vatikans trägt

mit Recht seinen Namen.

Daß Damasus - nach seinem Sekretär, dem heiligen Kirchenlehrer

Hieronyrnus, »Licht der Welt und Salz der Erde« -den anderen Kirchen

vorlog, die beiden wichtigsten Apostel, Petrus und Paulus, hätten

seine Gemeinde gegründet, rundet das Bild ab. Erstmals war es

gelungen, den konkreten Fischer Simon (Petrus) vergessen zu machen

und an seine Stelle eine Abstraktion namens Petrus zu setzen. Mit

dieser würde sich in Zukunft jeder einzelne »Stellvertreter«

identifizieren können, um die Tradition der Macht fortzusetzen. Kein

Wunder, daß römische Päpste ohne den nicht auskommen wollen, den

sie zu ihrem ersten gemacht haben. Kein Wunder, daß sie sogar den

Boden unter ihrer größten Kirche, dem nach diesem benannten

»Petersdom«, haben aufreißen lassen, um Reste des ersten zu fi nden.

Kein Wunder, daß es Papst Pius XII. geglückt ist, im Verlauf der

Ausgrabungen (seit 1940) zur richtigen Gelegenheit auch etwas zu

finden: nicht nur das »authentische Grab«, sondern wahrscheinlich

auch die darin befindlichen »echten Gebeine« des vor fast 2000 Jahren

Hingerichteten. Damasus, der seinerseits alles darangesetzt hatte,

möglichst »viele Leiber der Heiligen« aufzuspüren, um den Glanz der

eigenen Kathedra zu mehren, hatte weniger Erfolg. Obwohl er »eifrig

die Eingeweide der Erde« durchsuchte und der zeitliche Abstand zu

Petrus noch relativ gering war, hatte Petrus selbst sich ihm versagt.

Der sogenannte erste Papst wollte mit der Entdeckung seines Skeletts

warten.

Damasus, wegen seiner einschmeichelnden Predigten »Ohrenkitzler

der Damen« geheißen, hatte begonnen. Seine Nachfolger brauchten

nur noch weiterzumachen. Am Hof dieses

203

Bischofs von Rom soll bereits besser gegessen und üppiger getrunken

worden sein als an der Tafel der Könige, und hin und wieder kam auch

der arme Landklerus vorbei, um sich »ungesehen zu betrinken«. Ein

zeitgenössischer Heide sah, was sich am »ersten« Sitz der Christenheit

tat, und meinte: »Macht mich zum Bischof von Rom, und ich werde

sofort Christ.« Weitere Erfolge blieben nicht aus: Damasus gelang es,

den »weltlichen Arm« für Belange der Priester einzusetzen und damit

eine verhängnisvolle Entwicklung einzuleiten. Die staatliche Gewalt

wurde in der Folgezeit zum Instrument der klerikalen Herrschsucht —

bis hin zur Inquisition. Wen Geistliche künftig beseitigen lassen wollten,

ob »Ketzer«, Juden oder »Hexen«, den oder die konnten sie der

Staatsmacht übergeben, die ihren Wunsch erfüllte, die Endlösung

bereithielt. Blutige Hände machte sich der Klerus auf diese Weise

nicht, und blutrünstiges Denken und Fühlen war ohnedies sein

Kennzeichen.

Wie stand es um die »päpstliche Heiligkeit« im 16.

Jahrhundert?

Das 16. Jahrhundert kennt geschichtlich höchst interessante Päpste:

Eingeleitet wird es von Alexander VI. Borgia, einem skrupellosen

Potentaten, vor dessen Nachstellungen Frauen, sogar die eigene

Tochter, nicht sicher sein konnten. Stendhal schreibt über die

Kardinale, deren — von Aktien- und Immobilienhandel

gekennzeichnete - Wahl den Borgia zum Papst gemacht hat:

»Frömmigkeit war selten im Heiligen Kollegium, Atheismus

allgemein.« Alexander VI. selbst wird vom Papsthistoriker Hans

Kühner treffend als »vollkommener Verbrecher« bezeichnet. An die

Heiligsprechung dieses Mannes, der von verschiedenen Mätressen

neun Kinder hatte, war nicht einmal unter kurialen Verhältnissen zu

denken. Freilich' hat auch der große Gegenspieler Alexanders VI., der

Dominikanermönch Girolamo Savonarola (vom Papst als »Ketzer«

ermordet), bis

204

heute noch keinen vatikanischen Heiligsprechungsprozeß bestanden.

Noch immer halten die Päpste lieber zu ihresgleichen als zur

geschichtlichen Wahrheit, von den Menschenrechten ganz zu

schweigen.

Auch die Nachfolger des Borgia, darunter Kriegsherren wie Julius

II. della Rovere, Lebemänner wie Leo X. Mediä oder Machtpolitiker

wie Klemens VII. Medici, hatten wenig Chancen, heiliggesprochen zu

werden. Dasselbe galt, für Kenner der Kriminalgeschichte etwas

abgeschwächt, für Paul IV. Carafa, nach Hans Kühner »wohl die

grausamste Gestalt der ganzen Papstgeschichte, der personifizierte

Scheiterhaufen der Inquisition«. Ein pathologischer Haß auf

Andersdenkende und Meinungsfreie ließ diesen Paul IV. sagen, selbst

wenn sein eigener Vater Ketzer gewesen wäre, hätte er, der Papstsohn,

das Holz für das Feuer zusammengetragen. Paul IV. verschuldete

auch das einzige Massenverbrechen der italienischen Geschichte an

zwangsbekehrten Juden: 24 Flüchtlinge wurden auf seine Anweisung

hin verbrannt. Weitere Taten aus diesem Pontifikat sind die

Errichtung des Gettos für römische Juden sowie die Einführung des

sogenannten Index, der alle für katholische Leser verbotenen Bücher

aufzählt.

Paul IV., nach dessen Tod die römische Bevölkerung das Gebäude

der Inquisition eingeäschert und die Statue des Papstes auf dem

Kapitol umgestürzt hatte, durfte nicht heiliggesprochen werden. Die

heroische Tugend des Tötens hin oder her: So weit konnten es die

Verantwortlichen seinerzeit nicht treiben. Das 16. Jahrhundert weist

nur einen heiliggesprochenen Papst auf. Dieser Pius V. (1504-1572)

war ein relativ einfach denkender Mensch. Er glaubte, viel von der

sogenannten Übernatur zu verstehen. Sicher ist, daß er jedenfalls von

der Welt und ihren Menschen wenig begriff. Um so gefährlicher wurde

dieses simple Denken denen, die wagten, anders zu denken als der

Papst. Pius V. tat sich als einer der hartnäckigsten Ketzerverfolger der

Kirchengeschichte hervor, und dies will,

205

aufs Ganze dieser Verfolgergeschichte gesehen, schon etwas heißen. Die

kriminelle Energie des Heiligen Vaters schuf sich ihr Ventil.

Regelmäßige Hinrichtungen von Häretikern und von Kritikern des

Papsttums gehörten zu diesem »heiligmäßigen« Pontifikat. Mit der

Bulle »Hebrorum gens sola« hinterließ Pius V. eines der

erschütterndsten Dokumente des christlichen Kampfes gegen die Juden,

das den »Unbußfertigen«, deren Väter Jesus aus Nazareth ermordet

haben sollen, schwerste körperliche Strafen androht. Pius V. ließ die

Juden aus dem Kirchenstaat vertreiben (ausgenommen Rom und

Ancona). Wagte es ein bekehrter Jude, alte Freunde im Getto zu

besuchen, ließ der Papst ihn tagelang foltern. Jüdinnen wurden

ausgepeitscht.

Zeitbedingte Grausamkeit? Allgemeine Humanität? Heroischer

Tugendgrad? Vorbild im Himmel für alle Zeiten? Der Ketzerjäger und

Judenverfolger schlimmsten Ausmaßes wurde im Jahr 1712 durch

Klemens XI. heiliggesprochen, zur Zierde der römischen Kirche, zur

Schande für die Menschheit. Fragwürdig bleibt, warum nur der

Verfolgerpapst Pius V. und nicht auch der Verfolgerpapst Paul IV.

kanonisiert worden ist. Beide unterscheiden sich nicht im heroischen

Grad ihres Hasses auf »Ketzer« und Juden. Ausschlaggebend mag der

Machtinstinkt der Institution Kirche gewesen sein, der einen Pius V.

gegen die unbefragten Gläubigen eher durchzusetzen wagte als

einen Paul IV.

Wie war es um die heroischen Tugenden eines Papstes aus dem 20.

Jahrhundert bestellt?

Verglichen mit dem 16. Jahrhundert, wo es selbst den interessiertesten

Repräsentanten der Kirche schwerfiel, massentaugliche Ideal-Päpste

zu finden, weist unser Jahrhundert eine Menge von idealen

Papstgestalten auf, die miteinander im edlen Wettstreit um die Krone

der Heiligsprechung liegen. Der wahre Gläubige von heute ist versucht,

diese Krone nun jedem

206

Heiligen Vater zuzuerkennen. Denn »kleine Päpste« hat es im 20.

Jahrhundert nicht gegeben, folgt man der einschlägigen

Geschichtsschreibung. So darf die gläubige Bevölkerung gespannt sein,

wer von ihren Großen das Rennen macht. Geschafft hat es bisher nur

einer, Papst Pius X. (1835-1914), der 1954 von dem berüchtigten

Faschistenpartner Pius XII. (inzwischen selbst ein Anwärter auf die

höchste Ehre) kanonisiert worden ist.

»Von der Politik verstehe ich nichts, mit der Diplomatie habe ich

nichts zu tun, meine Politik ist der da«, damit deutete Pius X. auf den

Gekreuzigten. Allein dieser Ausspruch hätte genügt, den Papst in den

Augen der im Vatikan wirklich Herrschenden zum Vorzeigeheiligen zu

prädestinieren. Daß Pius X. diesen Klerikalen treu gedient hat,

beweisen die Taten seiner Regierungszeit. Sie erfüllten den Zweck, den

die eigenen Interessenpolitiker ihrer Kirche zugelegt haben. Unter der

Devise, ein »Reformpapst« und weiter nichts sein zu wollen, betrieb

Pius X., was dem Papsttum am zuträglichsten war - und ihn zum

politischen Heiligen werden ließ. Der naiv-fromme Mann, der seine

Politik mit dem Gekreuzigten machen wollte, besorgte wie kaum ein

anderer das Geschäft der klerikalen Scharfmacher seiner Epoche.

Gerade die Tatsache, daß Pius X. absolut nichts von der politischen

Wirklichkeit verstand, die er als Souverän des Vatikans leiten sollte,

degradierte ihn zum Werkzeug derer, die wußten, worauf es ankam.

Sachfragen ließen sich von dem Naiven nicht beantworten; er blieb

denen ausgeliefert, die für ihn bereits entschieden hatten. Ihm selbst

wurde freilich der Eindruck vermittelt, als seien alle Entscheidungen

die seinen.

»Rein wie eine Parzivalnatur« nannte diesen »Stellvertreter«

Bischof Alois Hudal, Träger des Goldenen Parteiabzeichens der

NSDAP. Als tumb-fröhlicher Gottesmann wurde Pius X. damals wie

heute verkauft: Eine gelenkte Presse rühmte seine Schlichtheit, seine

einfache Kleidung, seine Nickeluhr. Dieser Papst der »Kleinen, Armen

und Pfarrer« konnte schon aus »Herzensgüte« nichts falsch machen.

Hatte sein unmittelbarer

207

Vorgänger Leo XIII. noch ein Vermögen von über 60 Millionen

hinterlassen, durfte von Pius X. allenfalls eine Hinterlassenschaft von

wenigen Pfennigen erwartet werden. Doch das Erbe, das der

Herzensgute hinterließ, war weder in Millionen noch in Pfennigen

auszudrücken. Der für alles und jedes taugliche Papst, der nicht

anders denken konnte als in den Kategorien Gut und Böse, Schwarz

und Weiß, teilte die ihn bedrängende Welt entsprechend ein. Was

dabei herauskam? Protestanten waren böse, Reformatoren galten als

»arrogante Feinde des Kreuzes Christi«, ihr Gott war »der Bauch«;

Österreich führte den Ersten Weltkrieg als einen »ausnehmend

gerechten« Kampf gegen die Alliierten; Rußland galt als »der größte

Feind der Kirche«. Ihm wurde vom Papst die Kriegsschuld

zugeschoben. Inwieweit er selbst auf seine unpolitische Weise zum

Krieg beigetragen hat, ist noch nicht recht erforscht. Verhindern

wollte er ihn gewiß nicht. Vielmehr forderte Pius X. mehrmals,

Österreich habe endlich seine Nachbarn an der Donau zu »züchtigen«.

Der Krieg sei seit Jahren emsig und ernst vorbereitet worden, und

eine der wichtigsten Vorbereitungen zum Krieg sei der »Eucharistische

Weltkongreß zu Wien« 1912 gewesen, konnte ein österreichischer

Bischof unwidersprochen und karrierefördernd bekennen. Der Papst

stand hinter der »Apostolischen Majestät«, dem »katholischen Kaiser

Europas und Sohn der Kirche«, Franz Joseph. Das französische Gesetz

über die Trennung von Staat und Kirche jedoch wurde von demselben

Papst »kraft der erhabenen Machtvollkommenheit, die Uns von Gott

übertragen worden ist«, einfach »annulliert«, weil es »Gott im tiefsten

Sinne verächtlich behandelt«. In Frankreich herrschten die Bösen, die

Vertreter der Meinungsfreiheit auch in der Kirche, die »Laizisten«.

Dem war zu begegnen. Der Heilige hatte - als Bischof - seinem Klerus

bereits das Radfahren scharf verboten und als Kardinal »die Zeitirrtümer

der Denk-, Gewissens-, Rede-, Kult- und Preßfreiheit« heftig

bekämpft. Als

208

Papst konnte er noch weiterreichende Kulturtaten begehen. Die

römische Kurie wurde mit Fundamentalisten reinsten Wassers

durchsetzt (gewiß die »Guten«). Ein bisher noch nicht in diesem

Ausmaß gekanntes Spitzel- und Denunziantenwesen blühte auf, das

die Schwarzen von den Weißen unterscheiden helfen sollte. Die

»bösen« Theologen, die anders zu denken wagten als der reine Tor im

Vatikan, wurden als Teufel verdächtigt und gewissenlos verfolgt. Die

offizielle Kirche Roms grenzte sich endgültig von der »bösen Welt« ab,

vatikanische Geheimpolizisten und Spione im Kirchensold übernahmen

die Aufgaben einer zweiten Inquisition, das katholische Abendland

mußte sich daran gewöhnen, im Namen des Papstes durchschnüffelt

und denunziert zu werden. Bei kirchlichen Lehrzuchtverfahren

wurde die Usance anderer neuzeitlicher Diktaturen eingeführt, den

Beschuldigten, als Unpersonen dämonisiert, keinerlei Möglichkeit zur

Verteidigung zu lassen. Der Papst bedrohte alle, die es wagten, sich

gegen die haltlosen Verdächtigungen ihres Denkens zu verteidigen und

damit eigene Menschenrechte wahrzunehmen, mit der höchsten

Kirchenstrafe, der Exkommunikation. Diese geistliche Gewohnheit,

Verurteilungen von vornherein festzulegen, ist noch immer nicht

beseitigt; sie ge hört zum System einer Kirche, die nach außen statt

nach innen die Menschenrechte predigt.

Über dem erst in unseren Tagen aufgedeckten Sumpf, der den

Humus für den Diktator und Papstfreund Mussolini abgeben sollte,

schwebte eine Gestalt in Weiß, der heilige Papst. Dieser machte sich

die Hände nicht schmutzig. Er ließ die Dreckarbeit seine

Hofkamarilla machen. Pius X., der nicht mehr die Macht seiner

Vorgänger hatte, Scheiterhaufen für die Gegner klerikalfaschistischen

Denkens zu errichten, hat jedoch für die Vergiftung der Atmosphäre in

Kirche und Gesellschaft gesorgt, hat das üble Denken einer

Interessengruppe zur Weltanschauung der Katholiken erheben lassen

und auf diese »unpolitische« Weise Millionen Köpfe und Herzen

besudelt.

209

Pius X. ist kurz nach Kriegsbeginn 1914 gestorben, nach Meinung der

Klerikalpresse als »1. Opfer und 1. Märtyrer des Krieges«, nach

Ansicht von Roger Peyrefitte vor Freude. Ein gebrochenes Herz,

gebrochen vor Freude über den endlich gelungenen Streich Österreichs

gegen das schismatische Serbien, dessen »Züchtigung« nun begann.

Für wen hat die »Heiligkeit« sich ausgezahlt?

Faseln Theologen von der »heiligen Kirche«, dann geraten sie schnell

in Hitze. Das wundert nicht: Je durchdringender der Ruf nach

Heiligkeit wird, je praktikabler sich Heilige verwerten und vorzeigen

lassen, desto schneller vergessen die Adressaten solcher »Theologie der

Heiligkeit«, was deren Autoren vergessen machen wollen: die

Tatsache, daß die heilige Kirche vor allem finanziell stark von der

Heiligkeit profitiert. Theologen des »Überbaus«, die nicht müde

werden, alle möglichen heroischen Tugenden zu erfinden und ihre

Erfindung gleich auf wirkliche Menschen anzuwenden, übersehen

bewußt das »Unten«. Keine Rede ist da vom Geld - schließlich ein ganz

untergeordneter Wert. Dabei lebt ihre Kirche davon, und sie selbst

haben auch ihr Auskommen. Heiligkeit zahlt sich in Mark und Pfennig

aus. Sie ist ein wesentlicher Wirtschaftsfaktor. Sie rentiert sich nicht

allein in den vielen Wallfahrtsorten, wo sie massenhaft in Spenden

umgesetzt wird. Sie lohnt sich nicht nur lokal oder regional. Sie

liefert eine wichtige Grundlage für die Gesamtfinanzierung der Kirche.

Wäre diese Kirche nicht »heilig«, verstünde sie nicht, diese

»Heiligkeit« als letzten Wert auf Erden zu verkaufen, könnten

Menschen auf die Idee kommen, sich von der Kirche zu verabschieden -

oder die Konfession zumindest nicht mehr finanziell zu bedienen.

Kirche und Geld, Vorschuß auf jenseitiges Heil durch diesseitige

Dotation? Als Leitwort soll die Äußerung des Vorsitzenden der

Deutschen Bischofskonferenz aus dem Jahr 1988 dienen, nach der ein

Un-

210

ternehmen »nicht moralisch diskreditiert werden« darf, »weil es

Gewinne macht«.

Daß sich der Hauptsitz der römischen Kirche »Heiliger Stuhl«

nennt, kommt nicht von ungefähr. Die größten

Unter nehmensgewinne sind noch immer dort zu machen, wo es sich

um Investitionen in das Jenseits handelt. Ist gar das Unternehmen in

aller Öffentlichkeit noch als »heilig« legitimiert, müssen Geld und

Immobilien sich mehren. Nicht ohne Grund ist es gelungen, das

angebliche Petrusgrab zu Rom in eine der augenfälligsten

Anhäufungen von Besitz an Grund und Boden zu verwandeln. Gewiß

haben geistliche Herren und Damen auch selbst hart für ihr

Fortkommen gearbeitet. Aus der langen Geschichte des christlichen

Klosterwesens wissen wir, daß die »Weltflucht« der Klosterleute zur

Quelle ungeheuren kollektiven Reichtums wurde. Arbeitet eine

Kommune bienenfleißiger Menschen, die bedürfnislos leben, Jahr um

Jahr für ihr Kloster, erwirtschaftet sie notwendig Überschüsse. Einen

kleinen Teil davon mag sie Bedürftigen gegeben haben, den großen

Rest hat sie in den eigenen Besitz investiert.

Doch war dies nicht die einzige und noch nicht einmal die

wichtigste Möglichkeit, den Besitz zu mehren. Noch heute ist im

Zusammenhang mit kirchlichem Grund und Boden hin und wieder die

Rede von »Schenkungen«. Das hört sich gut an, ohne es freilich zu

sein. Denn die gewaltigsten »Schenkungen«, die die Kirchengeschichte

kennt, beruhen auf Fälschungen. Und der Erfolg der Päpste bei ihren

Territorien und Immobilien war auch den unteren Chargen nicht

verborgen geblieben. Bald wollte jeder Bischof, jeder Abt seinen

eigenen »Priesterstaat« auf deutschem Boden. Alle bedienten sich am

Kuchen, und sie führten, nach römischem Vorbild, ihre eigenen

»Schenkungs nachweise« ein. Sie gingen keiner Fehde um ein

Stückchen Land mehr aus dem Wege. Erfolglos waren auch sie nicht.

Da sie es inzwischen durchgesetzt hatten, geistliche Gnaden zu

verteilen oder zu versagen, war es ein leichtes für sie, jeden zu

211

verdammen, der klerikalen Besitz kassiert oder eine Enteignung auch

nur begünstigt hat. Die noch immer verbreitete und von interessierter

Seite gepflegte Angst vieler Menschen, der Kirche (die nie »ihre«

Kirche gewesen ist) zu nahe zu treten, hat eine lange Tradition. Aber

noch immer liegt völlig im dunkeln, welche Liegenschaften, die

gegenwärtig der Kirche »gehören«, auf welche Weise »geschenkt« oder

»erobert« worden sind. Es braucht nicht viel Phantasie, sich

vorzustellen, daß auf diesem Terrain, würde wirklich einmal

sorgfältig geforscht, die schlimmsten Betrügereien aufgedeckt

werden könnten.

Blut und Boden ? Bodenerwerb durch Blut. Das gilt auch für die

folgenden Beispiele. In der Kirche gab es immer Fraktionen: Auf der

einen Seite die kleine Gruppe derer, die w ußten, was die wahrste

Wahrheit war, wo und bei wem sie lag - und bei wem nicht. Das

waren die orthodoxen, rechtgläubigen Christen; zumeist Kleriker.

Denn sie allein hatten mit der Zeit ein Wahrheitsmonopol errungen.

Diesen selbsternannten Elitecharakteren stand die Mehrheit

gegenüber: die »einfachen« Christen, denen gesagt werden mußte,

was Wahrheit sei, und die paar Christen, die eine andere Auffassung

von Wahrheit hatten als die jeweiligen Hirten - und dies auch offen

bekannten.

Ein kleiner, doch nicht unwichtiger Umstand: Die meisten der von

der Kleingruppe Klerus Verfolgten und Ermordeten waren

vermögend; die Juden vergleichsweise sehr. Dazu ein winziger

Ausschnitt aus der Kirchengeschichte: 1349 wurden in mehr als 350

deutschen Städten und Dörfern nahezu alle Juden verbrannt. In

diesem einzigen Jahr haben Christen weit mehr Juden ermordet als die

Heiden einst Christen in den 200 Jahren Christenverfolgung der

Antike. Diese Zahlen erscheinen in der gewöhnlichen

Geschichtsschreibung der Kleriker ebensowenig wie im normalen

Religionsunterricht: Da handelt man lieber von den vielen armen

Christen, die den Heiden und ihren Löwen zum Opfer gefallen sein

sollen. Hier aber geht es

212

um Fakten des 14. Jahrhunderts und nicht um Legenden: Nach der

Ermordung der Nürnberger Juden werden ihre Häuser beschlagnahmt

und die Geldvermögen eingezogen. Der Bischof von Bamberg kassiert

dabei ebenso wie beim Pogrom in seiner eigenen Bischofsstadt, wo er

fast sämtliche Häuser der Opfer übernimmt.

1931 hat der Regensburger Bischof Buchberger das »übermächtige

jüdische Kapital« als »Unrecht am Volksganzen« bezeichnet. Und Adolf

Hitler erklärte im April 1933 dem Osnabrücker Oberhirten Berning,

Vertreter des deutschen Episkopats bei der Reichsregierung: »Die

katholische Kirche hat 1500 Jahre lang die Juden als die Schädlinge

angesehen... Ich gehe zurück auf die Zeit, was man 1500 Jahre lang

getan hat... und vielleicht erweise ich dem Christentum den größten

Dienst.« Von einem Widerspruch des katholischen Bischofs, der seine

Briefe »Mit Deutschem Gruß und Hitler Heil!« unterzeichnete, ist

nichts bekannt. Staat und Kirche finden sich, als sei dies die natürlichübernatürlichste

Sache der Welt.

Warum liegen Mord und Landnahme so nahe beisammen?

Neben den Juden auc h die »Ketzer«, die »Hexen«: Ein Mainzer Dechant

ließ zur Zeit der Hexenverfolgungen in zwei Dörfern über 300

Menschen verbrennen, nur um ihre Güter zu seinem Sprengel zu

schlagen. Jedes der zahlreichen Todesurteile in der Diözese Augsburg

endete mit der Formel: »Ihr Hab und Gut verfällt dem Fiskus Ihrer

Fürstlichen Gnaden des hochwürdigsten Herrn Marquard Bischofs zu

Augsburg und Dompropstes zu Bamberg.« Die Inquisitoren und

Beichtväter strichen stets Blutgelder ein. Galt doch - so ein geflügeltes

Wort — als das schnellste und leichteste Mittel, reich zu werden, das

Hexenbrennen. Deshalb hielten sich auch die Kirchen der Reformation

wacker an dieses Prinzip. Vermögen einziehen, Kontributionen

auferlegen, vertreiben, verbrennen, das ist die eine Seite

213

des damaligen kirchlichen Tuns. Nichts mehr davon wissen, die andere,

die heutige. Was wurde aus den Vermögen und Liegenschaften, die

deutsche Kleriker ihren Blutopfern geraubt haben ? Daß es keine

einzige Statistik gibt, die nach der schlimmen Herkunft vieler

kirchlicher Immobilien fragt, beantwortet vieles. Daß kein einziger

unter den 10000 Klerikern der Bundesrepublik auch nur darauf käme,

an eine Art Entschädigung zu denken, beantwortet alles.

Die Reformation hat es weitgehend geschafft, die deutschen Gelder

von den früheren Adressaten, den Klöstern und Kirchen, abzuziehen -

und auf die eigenen Pfründen umzuleiten. Große Unterschiede

zwischen der alten und der neuen Kirche sind in diesem Punkt nicht zu

erkennen. Beide Großkirchen bedienen sich mit ähnlich geistlichem

Eifer. Mit nichts sonst wurde je soviel Geld verdient wie mit dem

relativ einfachen Faktum, daß niemand sicher sagen kann, ob diese

Welt die einzige ist — oder ob es noch etwas danach gibt. Warum wohl

sind in deutschen Großstädten noch einige der besten Innenstadtlagen

Kirchengut, auch wenn heute Kaufhäuser darauf stehen oder

Parkplätze?

Zu den Zeiten, da Bischöfe auch Landesherren waren, die mit

Feuer und Schwert das Gottesreich ausbreiteten, fiel immer wieder ein

Stück Land ab. Jeder Prälat mehrte auf solche Weise seinen

Grundbesitz, und manchen gehört dieser bis auf den heutigen Tag.

Deutsche Kleriker haben früher als politische Beamte, Minister,

Kronschatzverwalter, Heerführer des Königs gewirkt. Unter Kaiser

Otto II. (955—983) stellten sie einmal mehr als doppelt soviel

Gepanzerte wie alle weltlichen Fürsten. Die Erzbischöfe von Mainz,

Köln und Trier nahmen als erste deutsche Kurfürsten wesentlichen

Einfluß auf die deutsche Politik. Schon seit 1198 mußten sie an jeder

Wahl eines deutschen Königs oder Kaisers beteiligt sein, sonst war die

Wahl ungültig. Bischöfe haben ganze Armeen befehligt — fremde und

eigene —, haben auch höchst eigenhändig gemordet und die

Besitztümer

214

ihrer Opfer eingezogen: »Also stunt es mit der Pfaffhait, wo man

poses horte oder krig wer und man fragte, wer tut das, so hies es, der

bischof, der pfaff.«

Stimmt es, daß der Papst finanziell in der Klemme steckt?

Es ist nicht so, als müßte der Vatikan heutzutage bei

Entwicklungsländern betteln gehen und sich von afrikanischen

Macht- habern teure Riesendome schenken lassen, um die Notdurft

der Seinen zu decken. Der Eindruck trügt, als sei der Kleinstaat des

Papstes selbst ein wirtschaftliches Entwicklungsland, mochte auch

Papst Paul VI. noch 1966 von seinen »begrenzten finanziellen

Mitteln« sprechen. Das Lamento ist Zweckpropaganda. Mit der

Wirklichkeit hat es nichts zu tun. Der Wahrheit näher kam ein

Amtsvorgänger Pauls VI., Papst Leo X. Medici, der nach seiner Wahl

rief: »Der liebe Gott hat Uns nun einmal das Papsttum verliehen, da

wollen Wir es auch genießen.« Leo X. (1513-1521), dessen Krönung

allein 50000 Golddukaten gekostet hatte, gab monatlich für seine Tafel

10000 Golddukaten aus (ein Theologieprofessor wie Martin Luther

erhielt seinerzeit 8 Dukaten Jahresgehalt). Leo X. war übrigens der

Papst, der Luther in den - bis heute offiziell behaupteten -

Kirchenbann tat.

Die im wahrsten Sinne des Wortes reiche Vergangenheit des

Kirchenstaats spricht für sich. Schon bald nach dem Tod des Jesus

aus Nazareth wurde die christliche Botschaft nicht mehr durch

apostolische Wanderprediger verkündigt, sondern durch seßhafte

Gemeindevorsteher. Diese strebten — vor allem am Hauptsitz Rom -

nach materieller Sicherheit für sich und die Ihren. Gegen Ende des 4.

Jahrhunderts sagt der Historiker Ammianus Marcellinus, wer Bischof

von Rom werde, werde schnell reich und könne ein feudales Leben

führen. Kein Wunder, daß die Kandidaten sich so hartnäckige Kämpfe

um den Posten lieferten. Seit 475 gab die römische

Christengemeinde

215

ein Viertel der Gesamteinkünfte dem Bischof, ein Viertel dem Klerus,

ein Viertel für Kirchbauten - und das letzte Viertel den Armen. Dieses

Prinzip hat sich seither bewährt in der Heilsgeschichte: 75 Prozent für

sich, 25 Prozent für andere. Während die römische Kirche und ihr

Klerus immer wohlhabender wurden, immer reicher, blieben die

Armen der Welt so elend, wie sie stets gewesen waren.

Seit dem 5. Jahrhundert ist der Bischof von Rom der größte

Grundbesitzer im Römischen Reich. Die neue Herrenklasse -der

Klerus - profitierte von allen Rechts- und Wirtschaftsordnungen des

untergehenden Imperiums zuletzt fast als einzige. Und so ging es

weiter. Daß einmal ein Kaiser Konstantin (der »Heilige«) im 4.

Jahrhundert dem Papst Silvester I. (314-335) und seinen Nachfolgern

Rom und das ganze Abendland »geschenkt« haben soll, ist eine fromme

Fabel. Das haben sich, viel später, im 8. Jahrhundert, Kleriker in Rom

ausgedacht - und die entsprechenden Dokumente gefälscht -,

Priester, die Grundbesitz und abendländische Ideologie zugleich

interessierten. Um einen »von Gottes Gnaden« deutschen König

hereinzulegen, erfanden sie die Konstantinische Schenkung. Pippin, so

hieß der Karolinger, der Vater Karls des Großen, fiel auch auf den

Betrug herein, und seither gibt es den mittelalterlichen Kirchenstaat,

eine »Pippinische Schenkung« aus dem Jahr 754 mit ungeheuren

territorialen Zusagen. Diese sollten Pippin schon auf Erden Gewinn

eintragen, noch mehr aber an der Himmelstür, wo der hl. Petrus, von

den Päpsten als »erster Papst« verkündigt, über Sein oder Nichtsein

Wache hielt. Den eigentlichen Gewinn, wenn nicht den

ausschließlichen, hatten freilich die römischen Päpste. Pippin

versprach, aus lauter Angst vor dem Verlust diesseitiger wie jenseitiger

Gnade, künftig das Kirchengut in seinem Reich nicht nur zu schützen,

sondern auch zu mehren.- Er erließ ein Staatsgesetz, das die Zahlung

des Zehnten an den Klerus garantierte, und wurde derart gar so etwas

wie ein Erfinder der deutschen Kirchensteuer. Der

216

Apostel Petrus aber besaß einige Grundstücke in Rom. Und die

vatikanischen Kleriker erhielten von denen, die künftig zu diesem Ort

pilgerten - Kaiser, Könige, Kaufleute voran -, reiche Geschenke. Die

Erfolge solcher Immobilienpolitik sind noch heute zu sehen. Ist dies

nicht der Fels, worauf der Vatikan steht - und sich hält? Jedenfalls sind

mehr als Zweifel angebracht, geht es um die jahrhundertealten

Besitzansprüche der Kirche. Noch fragwürdiger aber wird es, spricht

man in diesem Zusammenhang von »Entschädigung«.

Papst Gregor VII. hat gegen Ende des 11. Jahrhunderts dekretiert,

allein er und seine Nachfolger könnten Kaiserreiche und Königtümer

sowie überhaupt die Besitztümer aller Menschen bestätigen oder

bestreiten, geben und nehmen. »Nach den Verdiensten eines jeden.«

Und neben der jahrhundertelangen Ausbeutung weltlicher Güter durch

geistliche Vertröster ist an die Einnahmen der Kurie durch Verkauf von

Dispensen, Gnaden und Reliquien zu erinnern, an Einnahmen

durch Zinsen, Mieten und Verkäufe, an Einnahmen durch

Börsenspekulationen, durch Bestechungsgelder, Sondersteuern, durch

eigene Kriegskassen.

Hockt der Heilige Stuhl auf seinem Geld?

Irgendwo muß das Geld geblieben sein. Oder haben die Päpste es

verpraßt? Hat die römische Kurie Mißwirtschaft betrieben? Hat sie es

gar an die Armen verteilt? Papst Paul VI. (1963-1978) versäumte es

nicht, den Glauben der Welt in letztere Richtung zu weisen. Klagte er

über den chronischen Geldmangel der Kurie, so erinnerte er an den

»mißlichen Umstand... daß die Kirche der materiellen Mittel

ermangelt, die sie für ihre Werke der unbegrenzten Wohltätigkeit und

Barmherzigkeit braucht...«. Vielleicht war er wirklich in Not. Die Welt

horchte auf, als eine Schlagzeile erschien, die den armen Souverän des

Vatikans zutiefst erschrecken ließ: »Erzbischof betrog Papst Paul um

752

217

Millionen«. Es ging um die jüngste der vielen vatikanischen

Bankaffären, die noch lange nicht die letzte gewesen sein wird. Paul

VI. hat gern von »Unserer heiligen Armut« geredet, vom »Mangel

Unserer Geldquellen«. Aber in Rom, wo es genug Arme gibt, die in

Slums hausen, wohnte er keineswegs in einer Notunterkunft. Seine

Suite im Vatikan umfaßte 13 Zimmer, für ihn persönlich, und fünf

Domestiken bedienten ihn.

Das Wort von der armen Kirche bleibt dem im Hals stecken, der an

ihren Grundbesitz denkt, insgesamt viele Millionen Hektar, in einigen

Ländern fast 20 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche; und an

die Beteiligung an Banken und Industrieunternehmen, an den

weitgestreuten Wertpapierbesitz in Staaten mit liberalem

Kapitaltransfer. Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde das

päpstliche Vermögen auf 2,12 Milliarden Lire geschätzt. Damit war es

ungefähr sechsmal größer als das des damals reichsten Deutschen, das

von Krupp. Nach einer Angabe aus dem Jahr 1974 verfügte der Vatikan

allein im römischen Stadtgebiet über 15 Millionen Quadratmeter

Land. Die Stadt Rom selbst besaß rund 4 Millionen Quadratmeter

unbebaute Fläche.

Die Lateranverträge, die der Heilige Stuhl 1929 mit Mussolini

schloß, brachten weiteres Geld. Zwar erklärte die Kirche, die

»ungeheuren Schäden«, die ihr durch den Verlust des früheren

Kirchenstaates (des auf gefälschten Dokumenten beruhenden

»Patrimonium des hl. Petrus«) entstanden seien, könnten mit

italienischem Geld allein nicht behoben werden. Doch ließ sie sich

dann doch abfinden. Die Entschädigungssumme betrug zum 19. Februar

1929 nicht weniger als 91656250 Dollar —und die für damalige

Verhältnisse riesige Summe wurde gewinnbringend angelegt.

Der Vatikan wuchert mit diesen Pfunden. Mit Zinsen,

Zinseszinsen, Spekulationsgewinnen und -Verlusten. »Für Werke der

Religion und der christlichen Barmherzigkeit in aller Welt.« Genaueres

ist nicht zu erfahren. Der römische Korrespondent

218

der »FAZ« hat 1982 mit einem Bestand von mehreren hundert

Millionen Dollar aus diesem Bereich gerechnet, »was wohl einige

Dutzend Millionen Dollar Rendite einbringt«. Der Heilige Stuhl besitzt

nach Corrado Pallenberg riesige Aktienberge, oft sogar die

Aktienmehrheit, von italienischen Banken und

Versorgungsunternehmen (Gas, Licht, Transport, Telefon), von

Hotelketten, Immobiliengesellschaften, Versicherungen. Die

Aufsichtsratsmandate in diesen Gesellschaften werden von

katholischen »Laien« wahrgenommen, die freilich den Direktiven

hoher Kurialer unterliegen. Die auswärtigen Finanzreserven des

Vatikans sind vornehmlich an der Wall Street konzentriert. Insgesamt

dürfte sich der Gesamtbesitz der Kirchenzentrale an Aktien und

anderen Kapitalbeteiligungen schon 1958 auf etwa 50 Milliarden DM

belaufen haben. Trotz verschiedener Bank- kräche und -skandale wird

diese Summe bis heute nicht gerade geringer geworden sein. Die

sonstigen Einnahmen sind vergleichsweise bescheiden. Der Verkauf

von Briefmarken, Medaillen und Münzen, die Konzessionen für

Andenken und Devotionalien, der Handel des Vatikans mit zollfreien

Waren (darunter Benzin) und die Eintrittsgelder aus den Museen

können die gewaltig angestiegenen Personalkosten nicht abdecken,

auch wenn berücksichtigt wird, daß selbst ein Kardinal der römischen

Kurie angeblich noch immer nicht mehr als umgerechnet 3000 DM pro

Monat - und damit weniger als ein bundesdeutscher Pfarrer - verdient.

Nach einem Bericht der italienischen Wochenschrift »L'Es-presso«

hatte Johannes Paul II. 1979 eine völlig »revolutionäre Änderung«

angeregt, die sich nur »ein ausländischer Papst« erlauben durfte. Er

wollte eine Bilanz der vatikanischen Finanzen vorlegen, eine Art

konsolidierte Bilanz. Unter dem Strich kam schließlich ein Defizit des

päpstlichen Staatshaushalts heraus, über dessen Millionenhöhe sich die

Experten noch immer streiten. Noch heftiger ist freilich der Streit,

geht es darum herauszufinden, wie das alljährliche Loch im Haushalt

gestopft

219

werden soll. Oberhirten wissen da manches — weil sie viel zahlen. Die

eine oder andere DM reist im Köfferchen mit über die Alpen, wenn ein

Bischof aus Deutschland seinen Chef in Rom besucht. Pius XII. hatte

zwar beteuert: »Die Kirche Christi geht den Weg, den ihr der göttliche

Erlöser vorgezeichnet hat. . . Sie mischt sich nicht in rein...

wirtschaftliche Fragen ein.« Doch da gab es beispielsweise das

langwierige Gerangel zwischen dem Vatikan und Italien um die

Besteuerung des kirchlichen Aktienbesitzes. Daß kein Papst sich

bereitfinden will, für seine Wertpapiere und deren Dividenden

Kapitalertragssteuer zu zahlen, ist verständlich.

Und beinahe wie eine Bagatelle wirkt die Episode aus dem Jahr

1973, als der Leiter der Abteilung für Organisiertes Verbrechen und

Korruption beim US-Justizministerium, Lynch, im Vatikan

auftauchte - das Originaldokument in der Tasche, in dem der Vatikan

bei der New Yorker Mafia »gefälschte Wertpapiere im fiktiven

Gegenwert von nahezu einer Milliarde Dollar« bestellt hatte.

Was heißt denn »Peterspfennig«?

Daß der Vatikan sich von auswärtigen Kirchen mitfinanzieren läßt,

steht fest. Nicht nur in der Form des sogenannten »Peterspfennigs« -

Jahr für Jahr zum Fest Peter und Paul (29. Juni), dem

»Nationalfeiertag des Vatikans«, gesammelt - fließen Gelder nach Rom.

Wiedereingeführt wurde diese »Papstspende«, wie es gegenwärtig

verschämt heißt, durch Pius IX. Dieser hatte 1870 den Kirchenstaat

verloren und wollte sich dann dafür schadlos halten lassen. Freilich ist

die Höhe dieser Direktspende an das Papsttum von der Popularität des

jeweiligen Amtsinhabers abhängig. Bei Pius XII. wie bei Johannes

XXIII. soll - so die »Zeit« vom 5. Oktober 1979 - das Geld reichlich

geflossen sein. Unter dem wenig geliebten Paul VI. sei die

Spendenfreudigkeit dann sehr zurückgegangen; Papst Wojtyla

220

galt - vor allem in seiner Frühphase - aber wieder als

Kassenmagnet.

Peterspfennig? Ein kaum harmloser Name für eine keineswegs

harmlose Sache. Der Name stimmt ebensowenig wie derjenige der

»Rose von Jericho«, die weder eine Rose ist, noch aus Jericho kommt.

Und der Peterspfennig geht ebensowenig an den hl. Petrus, wie es

sich bei dieser Spende um bloße Pfennige handelt. Wie viele

Millionen gehen aus dieser Quelle im Vatikan ein? Nach einem

Bericht der »Welt« vom 14. März 1990 hält der Peterspfennig

gegenwärtig den Papst von Geldnot frei. Das vatikanische Defizit von

rund 145 Millionen DM für 1989 soll vollständig durch Spenden

abgedeckt sein. Unter den Spenden der Gläubigen aus aller Welt

rangieren die der US-Katholiken, die etwa ein Viertel der

Gesamtsumme aufbringen, an erster Stelle; den zweiten Rang der

Spendernationen nahmen die Bundesdeutschen den Italienern ab.

Als sich deutsche Bischöfe kurz nach dem Zusammenbruch des

Kirchenstaats nach der Verwendung des Peterspfennigs erkundigten,

hatte der Vatikan geantwortet, darüber führe er keine Bücher.

Wenn beträchtliche Summen verschwänden, sei eben, um einen

öffentlichen Skandal zu vermeiden, Nachsicht zu üben.

Auch außerhalb des Peterspfennigs stehen Gelder bereit. Über

deren Höhe sind keine Angaben möglich. Sicher ist nur, daß

Millionen mit einzelnen Bischöfen und Prälaten den Weg über die

Alpen nehmen. Diese Millionen zählen unter anderem zu den

»zweckgebundenen Sonderleistungen«: Gebühren für

Ordensverleihungen, Beträge zur Finanzierung von

Seligsprechungsprozessen. Orden gibt es immer wieder: Johannes Paul

II. hat 1990 den bayrischen Kultusminister Zehetmair zum Komtur des

Gregoriusordens, den Staatssekretär Goppel zum Komtur des

Silversterordens ernannt. Die Auszeichnungen wurden vergeben für

die »Förderung einer vertrauensvollen Zusammenarbeit zwischen

Staat und Kirche, insbesondere bei der Errichtung

221

der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Eich-stätt in

Ingolstadt«. Damit ist anerkannt, daß Staatsbeamte sich mit Hilfe

öffentlicher Gelder für eine »Katholische Universität« (ohne

nennenswerte Studentenzahlen) stark machen. Wer die Gebühren für

die verliehenen Orden bezahlt hat, die Ausgezeichneten oder die

Steuerzahler, ist noch nicht bekannt.

Gebühren für Ordensverleihungen? Kosten der Selig- und

Heiligsprechungsprozesse? Eine Person, eine Familie, eine Diözese darf

nicht kleinlich sein, wenn einer der Ihren zum päpstlichen Ritter

geschlagen oder - im Fall des Kardinals von Galen, der die

hochverbrecherischen Kriege des Dritten Reichs »mit Genugtuung«

verfolgt hat - als Widerstandskämpfer gegen Hitler zur Ehre der

Altäre erhoben werden soll: ein kirchen- und parteipolitisch zu

verwertender Heiliger mehr im römischen Festkalender. Ein Mann,

der 1936 stolz darauf war, daß »kein Tropfen fremdrassigen Blutes« in

seinen Adern rann. Der 1934 die »Treue zu den Ehegesetzen der

Kirche« als »beste Eugenik« feierte, »für die Reinerhaltung des

Blutes«. Der 1942 vom »spanischen Befreier Franco« sprach und 1943

von den (im gerechten Krieg?) »neuerworbenen Gebieten des Ostens

und des Westens«. Der die Alliierten nach Kriegsende nicht als

Befreier vom Hitlerfaschismus sah, sondern dessen Herz 1945 »blutete

beim Anblick der durchziehenden Kriegsgegner«.

Sind die Kirchen wirklich

»nicht von dieser Welt«?

Das schöne Bibelwort wird in Kirchenkreisen häufig zitiert. Die es

zitieren, glauben, daß es gut zu ihnen paßt: »Mein Reich ist nicht von

dieser Welt.« Nun sind schon historische Zweifel gegen diese

Selbstidentifikation des Klerus mit einem Spruch des Jesus aus

Nazareth angebracht. Auch erlaubt die Kirchengeschichte nicht den

Schluß, das »Reich« sei jemals nicht von

222

dieser Welt gewesen. Noch mehr: Die Gegenwart spricht Bände gegen

dieses Wort. Denn Kleriker sind immer dann, wenn es ihnen in den

Kram paßt, »nicht von dieser Welt«, und sind auch immer, wenn es

paßt, wieder ganz »von dieser Welt«. Sie jonglieren gekonnt mit dem

Jenseits und mit ihren angeblichen Kontakten zu einer anderen Welt.

Doch sie nehmen auch alles mit, was sich ihnen hienieden an

Vergünstigungen bietet. Festzulegen sind sie hüben wie drüben nicht.

Daß der Kölner Kardinal Meisner im März 1990 von der

»Fremdkörperfunktion« seiner Kirche in der ehemaligen DDR

geredet hat - um den eigenen Anteil am erbitterten öffentlichen

Widerstand gegen das sozialistische Regime zu würdigen -, erfüllt die

erste Wahrheit des Kleriker-Grundsatzes. Daß er hierzulande in den

Widerstand gegangen wäre und wenigstens begonnen hätte, die halbe

Milliarde DM an Vermögen anzutasten, die seiner Erzdiözese gehört,

ist nicht bekanntgeworden. Damit erfüllt er die zweite Wahrheit des

Prinzips. »Zeichen setzen« bleibt eine Frage der Perspektive. Im

Verhältnis von Staat und Kirche, im Zusammenspiel der beiden

»Reiche«, wie es bis auf den heutigen Tag vor aller Augen gespielt

wird, in den Beziehungen zwischen Privilegierung und Heiligkeit wird

deutlich, inwieweit das »Reich« doch von dieser Welt ist - und sein

muß, um überhaupt bestehen zu können.

Mögen Bischöfe die soziale Marktwirtschaft?

Die Liebe bundesdeutscher Oberhirten zur Marktwirtschaft hat keine

vorrangig geistlichen Gründe. Der Kölner Erzbischof ist selbst

Großaktionär. Nach der Haushaltsrechnung für 1982 hatte sein

Sprengel Einnahmen von 730 Millionen DM. Darin versteckt waren

Vermögensgewinne von 79 Millionen DM, davon 67 Millionen aus

Kapitalbeteiligungen und 2,2 Millionen aus Grundbesitz. Macht der

Kapitalertrag eines einzigen Jahres fast 70 Millionen DM aus, dann

kann unschwer auf die Höhe

223

des zugrundeliegenden Kapitals (Aktien usw.) geschlossen werden. Es

muß 1982 mindestens 498 Millionen DM betragen haben. Der

Grundbesitz, aus dem Einnahmen erzielt worden sind, läßt sich auf

einen Wert von mindestens 26,5 Millionen DM veranschlagen. Allein

in einem einzigen Jahr, in einer einzigen deutschen Diözese. Das

Kölner Klerus -Kapital arbeitet also, wie sich das gehört, wenn

Gewinne herausschauen sollen. Von 1979 bis 1982 stiegen die

Einnahmen aus Aktien und Beteiligungen jährlich um nicht weniger als

20 Prozent. Kein Arbeitnehmereinkommen erreicht auch nur

annäherungsweise diesen Steigerungssatz.

Kleriker errichten nicht nur Kirchen. Sie betätigen sich auch im

Wohnungsbau mit eigenen Siedlungsgesellschaften. Auch andere

Gebiete des Service-Unternehmens kosten Geld - und schaffen

Investitionsvermögen. Bildungseinrichtungen wie die vielen

Evangelischen und Katholischen Akademien, in denen sich die

kirchliche Intelligenz dem »Dialog« mit der weltlichen (politischen,

künstlerischen) Intelligenz unterzieht, verschlingen enorme Summen.

Wer diese recht komfortablen Bauten und Einrichtungen betrachtet,

mag sich fragen, ob die Ergebnisse des Dialogs das Geld wert sind, das

sie die Steuerzahler gekostet haben. Das Argument »Wir auch!« zieht

nicht mehr in jedem Fall. Dasselbe gilt für die Versuche der Kirchen,

sich eigene Zugänge zu den Massenmedien zu erschließen durch

eigene Presseagenturen, konfessionelle Zeitschriften (in denen sich

Katholiken an Katholiken wenden), durch Verlagsbeteiligungen - alles

Ergebnisse erheblicher Investitionen. Doch gelingt es kaum einem

dieser kostspieligen Medien, sich auf dem kulturellen Sektor der

bundesrepublikanischen Gesellschaft irgendwo anders als am Rande

zu bewegen. Nicht nur »Gott findet hier keine Leser« mehr, sondern

es glückt auch keinem einzigen kirchlichen Medium, sich

schrittmachend, statt begleitend oder nachhinkend zu betätigen.

224

Werden bestimmte Kirchen noch immer an erster Stelle

privilegiert?

Es gilt unter Politikern als Ehrensache, sich hin und wieder beim

Papst sehen zu lassen. Doch sind dies Ausnahmetage in ihrem Leben.

Ungleich alltäglicher ist jene Gratifikation, die sie den Kirchen

zukommen lassen, weil diese angeblich »letzte Werte« vertreten, ohne

die kein Mensch leben könne, wolle er wahrer Mensch sein. Der

religionsferne Mensch ein Monster? Der klerikal bestimmte dagegen

einer mit dem Heiligenschein? Die geschichtlichen Erfahrungen mit

den Kirchen sprechen gegen diese Annahme. Dennoch wird sie nach

wie vor hartnäckig verfochten — oder zumindest suggeriert. Denn

irgendwie sind immer die anderen die Bösen, und irgendwie ist stets die

eigene Gruppe, auch und gerade die religiöse, die Heimstatt aller

Guten. Mord und Totschlag also jenseits der Kirchenmauern? Die

Kirchen selbst »Wächterinnen« über Sitte und Anstand der Bürger, ja

mehr noch: über die Moral einer Welt?

Mitten im Zweiten Weltkrieg war in den »Catholic Princi-ples of

Politics« — einem mit päpstlicher Billigung publizierten Lehrbuch an

katholischen Universitäten - zu lesen, es gebe nur eine wahre Religion,

und die römische Kirche müsse in den USA Staatskirche werden.

Denn die Doktrin dieser Kirche sei fundamental wahr: »Der Staat muß

die wahre Religion anerkennen.« Und die weniger wahren Religionen

niederhalten und ausrotten helfen? Und die einzig wahre finanziell

aushalten? »Wächterin Kirche«? 1953 verlangten die deutschen

Bischöfe vom Gesetzgeber eine Totalrevision des Ehe- und

Familienrechts: die prinzipielle Unscheidbarkeit der Ehe, die

Abschaffung der obligatorischen Zivilehe, das ausschlaggebende

Entscheidungsrecht für den Vater, die Nichtbegünstigung der

berufstätigen Ehefrau und Mutter. Alle Forderungen waren gestützt

auf göttliches und natürliches Recht. In der Diskussion um den § 218

StGB ist das inzwischen genauso. Doch die Rede

225

vom »Wächteramt« der Kirche läßt sich weder historisch belegen - es

sei denn, klerikale Anpassungsleistungen gälten als Widerstand gegen

den Zeitgeist -, noch ist sie unter aktuellen weltanschaulichen

Gesichtspunkten wahr. Dennoch wird die »Wächterin« belohnt wie eh

und je: - das Bonner Grundgesetz respektiert nicht nur die Tatsache,

daß eine Kirche schalten und walten kann, wie sie will (also römischkatholisch-

undemokra-tisch) Die Verfassungen des Bundes und der

Länder lassen es auch zu, daß eine solche Gruppe privilegiert wird wie

keine andere. Wohl nur wenige Staatsbürger, Berufspolitiker und

Kirchenbedienstete haben eine zutreffende Vorstellung vom

finanziellen Ausmaß und von der Reichweite dieser Privilegien.

Freilich wollen die meisten Menschen auch gar nicht viel davon wissen.

Sie haben ihren eigenen Willen abgetreten, wie sie sich mit ihrem

Scherflein an die Kirchen von ihrer Verpflichtung für die Bedürfnisse

der Weltarmen freigekauft zu haben glauben.

Sind Staat und Kirche etwa keine Partner?

Die Unwahrheit fängt sehr früh an. Schon im Neuen Testament wird

gelogen. Es erschien den Evangelisten besser, Jesus aus Nazareth nicht

als einen Mann schildern zu müssen, der den typischen Rebellentod

am Kreuz gestorben war. Die tendenziöse Berichterstattung über die

»Passion Jesu« mußte nach anderen Kriterien gestaltet werden.

Hauptschuldige hatten nicht die Römer zu sein, sondern die Juden.

Bald auch verlangte das Apostolische Glaubensbekenntnis die

Aussage, Jesus sei »unter« Pontius Pilatus hingerichtet worden. Es galt

mittlerweile als anstößig, die Wahrheit zu sagen und die Römer für die

Kreuzigung verantwortlich zu machen. Das war Kalkül: Wurde die

Schuld am Tod Jesu den Juden angelastet, so war die junge Kirche von

vornherein jedes wirklichen und unüberwindlichen Konfliktes mit der

Weltmacht Rom enthoben. Mit Rom legte sich niemand gern an.

226

Die vergleichsweise machtlosen Juden konnten sich nicht wehren.

Paulus schreibt also gegen die Juden und zugunsten der damaligen

Machthaber. Sein Brief an die Römer hat es in sich: »Jedermann sei

Untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine

Obrigkeit ohne von Gott; wo aber Obrigkeit ist, die ist von Gott

verordnet.« (Röm 13, 1) Diese Textstelle hat nicht nur das Gewissen

von Millionen Glaubens-untertanen belastet. Sie ermöglichte es auch

stets den Oberhir-ten, ihre Interessen gegenüber dem - prinzipiell

anerkannten— Staat zu wahren. Seinerzeit waren übrigens gerade die

römischen Gemeindemitglieder, an die Paulus sich konkret wendet,

besonders stark vom Sog des römischen Sieges über Israel erfaßt. Sie

wußten, wo die wahre Macht saß — und Paulus wußte es auch. Es ist

der Staat des Nero, von dem Paulus spricht. Nach dem Soziologen

Anton Mayer der »Staat eines Polit-clowns, Bruder- und

Muttermörders«. Und »während römische Intellektuelle das römische

Unrechtssystem scharf angreifen, drücken Paulus und seine Schüler

die Augen vor dem Unrecht zu«. So ist es bis in die Gegenwart

geblieben, wenn Kirche sich der Staatsgewalt anbiedert.

Zwei Mächte, zwei Gewalten, zwei Reiche? Dem modernen Leser

wird es nicht selten merkwürdig vorkommen, daß sich neben den

Staat, den er kennt, eine andere Gewalt drängt, die er für überholt

hält: die Kirche. Während weder eine Gewerkschaft noch eine Partei es

in neuzeitlichen Demokratien wagen kann, ähnliche Ideen von

»Gewalt« zu äußern. Die Kirche neben dem Staat? Historisch gesehen,

ist dies anders gewesen. Päpste haben auf der Höhe ihrer Macht nicht

nur das »neben« gefordert, sondern das »über« durchzusetzen gesucht.

Der ungeheure Machtzuwachs, den die frühe Kirche durch ihren

»heiligen Kaiser Konstantin« gewonnen hatte, ließ sie nicht nur zur

Kombattantin des weltlichen Reiches werden, sondern auch zur

Konkurrentin und Gegnerin. Blieben weltliche Herrscher allerdings

mit der ihnen von den Päpsten zugewiesenen Rolle des

227

»unten« zufrieden, so konnten sie ungestört regieren und sich eines

Tages vielleicht sogar als Heilige verehrt wissen. Nur wenn sie gegen

die immer unverschämter als »Gottes eigene Rechte« auftretenden

Ansprüche der Kleriker aufbegehrten, hatten sie Widerstand zu

erwarten. Denn die Devise, daß »man Gott mehr gehorchen muß als

den Menschen«, erwies sich als sehr funktionstüchtig; sie ließ alle

politischen Gegner früher oder später kuschen. Gott und Kirche

mußten nur in eins gesetzt werden, und niemand mehr wagte auf

Dauer den Ungehorsam. Gott, der höchste, der unüberbietbare Wert,

und die Kirche, Gottes Sprachrohr und Interpretin: Gegen diese

Verbindung anzugehen erwies sich als politischer Selbstmord. Die

Ideologie, sich die Welt und den Geist der Menschen dadurch zu

unterwerfen, daß die Kirche sich auf ihren Gott berief und gleichzeitig

die Stelle der unfehlbaren Deuterin dieses Gottes beanspruchte, zeitigt

ihre furchtbaren Konsequenzen bis heute. Sie hat Köpfe und Herzen

der Menschen verwüstet.

»Soviel aber die Seele über alles Irdische erhaben ist, um soviel

muß auch unser Reich über das des Kaisers erhaben sein«, sagte

Kirchenlehrer Johannes Chrysostomus schon vor 1600 Jahren. Und

nichts hat sich seither am Anspruch dieses klerikalen Machtprinzips -

Nuancierungen hin oder her — geändert. Noch immer finden sich

Menschen, die »berufen« sein wollen, das erhabenere Reich mit

aufzubauen und zu besitzen. Noch immer finden sich, gerade unter

zeitgenössischen Politikern, andere Menschen, deren Untertanengeist

verlangt, ein solches Prinzip auch politisch zu vertreten. Zwar denkt

gegenwärtig weder die eine noch die andere Seite daran, ein förmliches

Gottesreich auf Erden zu realisieren. Dazu fehlen der Mut und die

Macht. Aber die dem Reichsgedanken zugrundeliegende Ideologie

blieb virulent. Wer hierzulande die »letzten Werte« vertritt - und dies

ohne jede historische oder demokratische Legitimation -, der kann die

besten Plätze im Meinungsstreit für sich in Beschlag nehmen. Dabei

ist es den Kirchen

228

noch immer möglich, das uralte Prinzip anzuwenden, nach dem sie

gegenüber dem Staat kein anderes Prinzip kennen als das der

Mehrung der eigenen Macht. Sie gehen unverdrossen den Weg des

geringsten Widerstands. Sie kollaborieren stets mit der jeweils

stärksten und für sie nützlichsten Seite. Spielt der Staat mit, ist alles

gut. Dann eröffnen sich, wie in der Bundesrepublik, die Kleriker nur

Nebenkriegsschauplätze: Der Streit um den § 218 StGB läßt sich gut

als parteipolitischer Hebel einsetzen, um eine Art »Widerspruch«

gegen den Zeitgeist zu inszenieren. Daß die Kirche, die so tapfer für

das ungeborene Leben kämpft, selbst Millionen Menschen auf dem

Gewissen hat, fällt nicht auf. Daß sie von den Menschen, die sie in

Sachen Schwangerschaftsabbruch attackiert, Jahr für Jahr Milliarden

Kirchensteuer und - indirekt — öffentliche Mittel für ihre klerikalen

Belange einsteckt, interessiert offensichtlich auch niemanden.

Am besten zahlen alle Staaten weiter wie bisher. Oder sie nehmen

bestimmte Zahlungen auf. Zwei Beispiele von 1990: Die Präsidentin

von Nicaragua, Violeta Chamorro, sagte zu, den Bau einer neuen

Kathedrale in Managua ungeachtet der katastrophalen Finanzlage ihres

Landes mit Staatsgeldern zu unterstützen. Und wenige Tage vor seinem

Überfall auf Kuwait zeigte sich Iraks Präsident Saddam Hussein als

großzügiger Freund der Katholiken: Er schenkte der katholischen

Kirche des chaldäischen Ritus, der 2,4 Prozent der Iraker angehören,

ein 25 000 Quadratmeter großes und auf über 15 Millionen Dollar

beziffertes Grundstück in Bagdad zum Bau einer Kathedrale. Diese

Großkirche soll 5000 Personen fassen und zwanzig Millionen USDollar

kosten.

Weigert sich ein Staatswesen, das schlimme Spiel mitzumachen,

und hängt eine Gesellschaft den kirchlichen Brotkorb etwas höher,

dann ist klerikales Lamento angezeigt: Dann eifern die Theologen, die

ihren Brotberuf am Evangelium haben, solche Staaten hätten die

Tendenz, sich »zum Antichrist der End-

229

zeit« zu entwickeln. Einen völligen Rückzug treten sie freilich nicht an,

solange der tendenzielle Antichrist sie wenigstens weiterhin bezahlt.

Daß typische Klerikale eingefleischte Monarchisten sind oder

auch, lohnt es sich noch mehr, Lobredner der Diktatur, ist nicht

verwunderlich: Die Kirche, deren Reich nicht von dieser Welt ist,

versteht sich am besten mit Herren von Gottes Gnaden. Dann finden

Herrenmenschen und Herrenmenschen zusammen. Bischof Faul haber

1921: »Könige von Volkes Gnaden sind keine Gnade für das Volk, und

wo das Volk sein eigener König ist, wird es über kurz oder lang auch

sein eigener Totengräber. « Auf evangelischer Seite klang es 1919 nicht

unähnlich, als der Kirchentagspräsident dem Weltkriegsverbrecher

Wilhelm II. nachtrauerte: »Die Herrlichkeit des deutschen

Kaiserreichs, der Traum unserer Väter, der Stolz jedes Deutschen ist

dahin. Mit ihr der hohe Träger der deutschen Macht, der Herrscher. «

Woher sollte unter solchen kirchlichen Umständen das Ja zur Republik

kommen ?

Aber hat sich inzwischen nicht alles zum Beßren gewendet? Die

Kirche sagt immerhin, auch sie verstehe jetzt etwas von Demokratie.

Denn es sei ihr göttlicher Auftrag, sich zwar nicht selbst zu

demokratisieren oder die allgemeinen Menschenrechte einzuführen,

doch anderen etwas von Demokratie und Menschenrechten zu

erzählen. Wenn die Kirche zu anderen spreche, nehme sie ihr

spezifisches »Wächteramt« wahr. Diesen Auftrag habe sie direkt vom

lieben Gott. Also spreche sie nicht nach innen zu sich selbst und lasse

da alles beim alten. Also lasse sie die Frauen nach wie vor nur zu

dienender Tätigkeit zu. Also reserviere sie alle Machtpositionen den

Männern. Also kenne sie — bei ihren Amtsträgern — kein

Menschenrecht auf Ehe und Familie. Also versage sie sich — bei ihren

Theologen — jeden Gedanken an Meinungs- und

Wissenschaftsfreiheit. Doch was solche Menschenrechte da draußen,

außerhalb ihrer Mauern, seien und wie genau sie wahrgenommen

werden

230

müßten, das sage sie unerschrocken, gelegen oder ungelegen. Und für

diese Verkündigung wolle sie auch bezahlt sein, gelegen oder

ungelegen. Offenbar wird diese Argumentation so willig akzeptiert,

daß nicht die geringsten finanziellen Abstriche befürchtet werden

müssen. Die Kleriker können sich ins Fäustchen lachen. Ihre Pseudo-

Fragen nehmen viele noch immer politisch so ernst wie ihre Schein-

Antworten. Ist die Kirche nicht doch grundsätzlich »andersartig« ?

Kann sie sich überhaupt mit Gewerkschaften oder anderen Verbänden

vergleichen lassen, ohne sich aufzugeben? Sie meint, sie könne nicht.

Und in den Regierungserklärungen der sozialliberalen Koalition

stand seinerzeit dasselbe. Die Kirche ließ sich von SPD wie F.D.P.

bescheinigen, daß sie ein besonderes, ein unantastbares

Selbstverständnis ihr eigen nenne, also müsse die Republik auch

etwas Besonderes für sie tun. Johannes Chrysostomus läßt grüßen.

Honoriertes Selbstverständnis? Da werden Interessen der

Herrschsüchtigen mit den »Bedürfnissen« der Beherrschten verquickt.

Wenn jemand, der Geld machen will, demjenigen, der Geld hat,

einredet, er sei angetreten, ihm karitativ oder seelsorgerisch zu helfen,

ist alles klar. Wer Seelennöte und Seelenängste eingeredet bekommt,

läßt es sich etwas kosten, von dem befreit und erlöst zu werden, was er

von sich aus gar nicht hätte und wüßte.

Neuerdings wird ein Argument herangezogen, das selbst das

Bundesverfassungsgericht in seinen Bann schlug: die »Partnerschaft«

zwischen Staat und Kirche. Das klingt nicht schlecht -klingt aber sofort

auch hohl. Zu einer Zeit, in der sich jeder Mensch anstrengen muß,

Partner zu sein oder zu werden, in einer Epoche, in der man Ehen

durch Partnerschaften ablöst und »Partnerschaft« beinahe als höchster

Ausdruck zwischenmenschlicher Verbundenheit gilt, können die

Kleriker nicht zurückstehen. Sie kämpfen um ihre Macht wie andere

Lobbyisten auch. Was sie an unmittelbarem Einfluß auf unsere

Gesell-

231

Schaft verloren haben, wollen sie dadurch ersetzen, daß sie ihre

Institutionen absichern und für ihre Service-Offerten kassieren.

»Klerikalismus« — allem Anschein nach ein bei manchen nicht zu

behebender Charakterfehler — ist stets bestrebt, die gesellschaftliche

Entwicklung im Sinne der eigenen Optionen mitzubestimmen. Diese

uralte Ambition wird heute meist damit begründet, daß die Kirche

»eine besondere Verantwortung für die Welt« habe. Ergo müsse sie

eine allgemein wirksame, global tätige Kraft sein oder (wieder) werden,

die zwar am besten außerhalb der Gesellschaft stehe, um ihre

Eigenständigkeit gegen den »Zeitgeist« verteidigen zu können, die

jedoch »wie ein Sauerteig« eben diese Gesellschaft durchdringen

müsse, um sie ganz und gar umzuformen.

Vorbei sind die Zeiten, als sich der Papst und seine Kirche als Herren

der Restwelt aufspielten. Inzwischen ist die frühere Ideologie bankrott.

Kein Kleriker kann mit ihr mehr Staat machen. Aber Partner könnte

und wollte er schon sein. Doch die »grundsätzliche Gleichordnung von

Staat und Kirche als eigenständigen Gewalten«, wovon der

Bundesgerichtshof noch 1961 sprechen durfte, wird nun auch nicht

mehr akzeptiert. Von »Gewalten« wie früher spricht heute kein

Mensch mehr gern, der an seine Interessen (und Wähler) denkt. Staat

und Kirche gleichberechtigt nebeneinander zu nennen ist nicht mehr

opportun. Doch »Partner« hört sich passabel an. Solidarität zwischen

Gesellschaft, Staat und Kirche, Harmonie aller zugunsten der

gemeinsamen Probleme und erst recht zugunsten der sozial Armen und

Schwachen, das macht sich gut. Das läßt Wahlen gewinnen. Vor 1918

gab es ein »Ineinander« von Kirche und Staat, in der Weimarer

Republik ein »Nebeneinander«, von 1933 bis 1945 ein sogenanntes

»Gegeneinander« - und jetzt gibt es ein »Miteinander«. Merkwürdig,

daß die Kirche in jedem einzelnen dieser Fälle finanziell profitiert hat.

Offensichtlich dreht keine noch so prostitutive Argumentation der

Kleriker (»wir können es mit jedem«) den staatlichen Geldhahn zu.

232

Das heutige »Miteinander«? Der evangelische Theologe Claus -

Dieter Schulze stellt die gegenwärtige Lage dar: »Das unverändert

westliche Staatskirchenrecht ist die Voraussetzung für die volle

Integration der Kirchen in das Wertesystem der sozialen

Marktwirtschaft, zugleich die Stillhalteprämie für Zurückhaltung in

deutscher Selbstkritik angesichts weltweiter Ungerechtigkeit und

Erdverwüstung. Die partnerschaftliche, eheähnliche, zwillinghafte,

arbeitsteilige, parallele Zuordnung von Kirche und Staat... bedeutet

eine ausbalancierte gemeinsame Verpflichtung auf die herrschende

Gesellschaftsordnung.«

Ist die Kirche wirklich eine gleichberechtigte Gesprächs- und

Aktionspartnerin? Ist die Solidaritätsfrage unter Demokraten noch

offen? Nein. Denn mit Klerikern sind nur taktische Übereinkünfte

möglich. Grundsätzlich können Demokraten aller Lager nicht mehr

mit Leuten verhandeln, die in ihrer eigenen Institution und Gruppe ein

undemokratisches System aufrecht erhalten, das nicht einmal der

Menschenrechts-Charta der UNO entspricht. Der deutsche

Kurienkardinal Ratzinger ließ 1984 die Katze aus dem Sack. Er

bezeichnete — wie im 19. Jahrhundert im Vatikan üblich - den

modernen Staat ebenso unver froren wie entlarvend als »unvollständige

Gesellschaft« und bot ihm, dem Unvollkommenen, aufgrund der

Überlegenheit der Kirche »Kräfte von außerhalb seiner selbst« an,

»um als er selbst bestehen zu können«. Seither könnten manche

wissen, woran sie sind. »Partnerschaft« ist zu hoch gegriffen, der

Begriff nach Lage der Dinge ähnlich unpassend, wie wenn er auf andere

totalitäre Systeme angewandt würde. Nichtdemokraten können von

Demokraten nicht ohne Gesichtsverlust Partner genannt werden. Wer

meint, sich dennoch mit klerikalen »Partnern« sehen lassen und

handeln zu können, der hat keine Entschuldigung vor der Zukunft

mehr. Er nimmt nicht auf die Mehrheit der Bevölkerung Rücksicht,

sondern auf die Empfindlichkeiten einer bestimmten sozialen Klasse in

der Kirche.

233

Nützen »Kirchenverträge« nicht allen?

Während sich die Völker fast überall in der Welt zwischen den beiden

Weltkriegen von einem klerikalen Erbe befreien konnten, das nie das

ihre war, arbeiteten die Deutschen dem Vatikan geradewegs zu.

Federführend auf vatikanischer Seite ist der Nuntius Pacelli, später

Papst Pius XII. Er zieht die Fäden der Konkordatspolitik. Er hat die

deutsche Seite ziemlich fest in der Hand. Alle Konkordate jener Zeit,

die mit deutschen Ländern oder mit Hitler geschlossen worden sind,

atmen nicht nur seinen (dem Vatikan gegenüber loyalen) Geist, sie

tragen auch seine Unterschrift. Pacelli hat eine diplomatische

Meisterleistung nach der anderen vollbracht: Er hat in den von ihm

ausgehandelten und unterschriebenen Verträgen nicht nur seiner

Kirche alle Vorteile gegenüber den Deutschen verschafft. Er verstand es

auch, den Deutschen weiszumachen, sie zahlten im eigenen Interesse,

zum eigenen Vorteil.

Eine deutsche Zeitung nennt Pacelli, als er nach dreizehn Jahren

Berlin verläßt, »unseren Schutzengel«. Wie wahr das ist, wird sich

während des Hitlerkrieges herausstellen. Als Pacelli im März 1939

Papst wird, teilt er dies dem »Führer« als erstem Staatsoberhaupt der

Welt mit; in deutscher Sprache -»ein Akt besonderen

Ent gegenkommens«. Gegenüber einem Verbrecher, der damals bereits

die »Reichskristallnacht« hinter sich gebracht hatte, um nur ein

Beispiel aus seiner schon sechs Jahre andauernden Terrorherrschaft

zu nennen. Pacelli war über die Vorgänge so wohlinformiert wie stets.

Er kannte Deutschland. Er hatte als Nuntius alles getan, um seine

Schäfchen ins trockene zu bringen. Rom konnte triumphieren.

Innerhalb weniger Jahre war es der Kurie geglückt, mit deutschen

Ländern wie Preußen, Baden, Bayern Konkordate abzuschließen und

dann auch mit dem Dritten Reich des katholischen Diktators.

Erstaunlich, und auch wieder nicht. Da Bischof Faulhaber - seit 1921

Münchner Kardinal und in Bayern bis

234

heute als »Führer des katholischen Widerstandes gegen Hitler«

angesehen - die erste deutsche Republik als Produkt von »Meineid

und Hochverrat« geschmä ht hatte, wäre anzunehmen gewesen, daß

der Klerus sich mit Vertretern der Weimarer Republik nicht an einen

Tisch gesetzt hätte, um über Konkordate zu verhandeln. Doch genau

dies geschah. Zudem gelang es der Kirche, die Kirchenartikel der

Weimarer Verfassung so vorteilhaft zu gestalten, daß sie deren

Übernahme ins Grundgesetz der Bundesrepublik ebenso leichten

Herzens tolerieren konnte wie die fortwirkende Bonner Garantie

für das Konkordat mit

Hitler.

Wer annimmt, die staatlichen Unterhändler seien von den

Kirchendiplomaten bei Konkordatsverhandlungen über den Tisch

gezogen worden, kennt nur die halbe Wahrheit. Gewiß lassen sich

Kleriker nie lumpen, wenn es um ihren Vorteil geht; gewiß fühlen sich

die Vertreter einer Institution, die sich für überzeitlich hält, den

Repräsentanten der sogenannten vorletzten Werte von vornherein

überlegen. Doch brauchen Täter auch willige Opfer.

Willfährigkeit und Unterlegenheitsgefühl auf der Seite des Staates

und seiner Repräsentanten kommen nicht sehten und bis auf den

heutigen Tag zusammen, wenn es um kirchliche Belange geht.

Volksmeinungen interessierten die Herren nicht (der Evangelische

Bund hatte gegen das Preußen-konkorda« drei Millionen

Unterschriften gesammelt), Regie-rungskoalitionen wankten, ja

stürzten (in Baden), und das Wort des deutschen Dichterfürsten

schien vergessen:

»Ist Concordat und Kirchenplan Nicht

glücklich durchgeführt? -Ja, fangt

einmal mit Rom nur an, Da seid ihr

angeführt.«

Die Lemminge stürzten sich ins Meer. Obwohl in der ganz

überwiegenden Zahl der Fälle die Kirche nachweislich mehr an einem

Konkordat verdient als der Staat, haben sich die Deut -

235

sehen das Recht nicht nehmen lassen, solche insbesondere finanziell

höchst nachteiligen Verträge mit dem Heiligen Stuhl zu schließen.

Die seinerzeit geschlossenen Verträge sind noch heute nicht gelöst,

nicht abgeschüttelt. Sie sind gültig; auch das unter schmählichsten

Umständen zustande gekommene Hitler-Konkordat. Sie regeln — über

das Bonner Grundgesetz — das Verhältnis zwischen Staat und Kirche.

Und noch immer meinen die Deutschen, sie zögen Vorteile aus dieser

Weitergeltung. Noch immer unternehmen sie nichts, um die damals

beschlossene Verankerung des katholischen Kirchenrechts zu lockern

oder zu lösen.

Ein Staat aber, der auf seinen eigenen Vorteil und auf den seines

Volkes sieht, darf von vornherein gar kein Konkordat schließen. Die

USA oder die Niederlande haben das beherzigt. Und die Deutschen ?

Das letzte Reichskonkordat war 1448 zwischen Papst Nikolaus V. und

Kaiser Friedrich III. zustande gekommen. Es hatte bis 1806 Rechtskraft.

Die Kirche wollte sich zwar mit dem seither eingetretenen Mangel an

Einfluß und Geld nicht abfinden. Doch erst nach langem Warten gelang

es ihr, auf deutscher Seite einen verläßlichen Partner zu finden. Einen

Politiker, den zum Reichspräsidenten zu wählen schon 1932 auf

massenhaft verteilten Handzetteln den Katholiken empfohlen worden

war. Der »gläubige Katholik« hieß Adolf Hitler.

Leistete die Kirche Geburtshilfe für den Faschismus?

»Gleiche Klientel, gleiche Symptome« könnte ein Merkspruch über das

Verhältnis von Klerikalismus und Faschismus lauten. Er wäre

historisch belegt. Alle faschistischen Regimes wurden mit intensiver

Unterstützung des Papsttums an die Macht gebracht. Gleich und

gleich gesellte sich da allzugern. Italiens Mussolini und Spaniens

Franco sind von Katholikenmassen gestützt worden (von wem

eigentlich sonst?). Zwar hatte Benito Mussolini, Verfasser von »Es

gibt keinen Gott« und »Die Mä-

236

tresse des Kardinals«, noch 1920 religiöse Menschen als Kranke

bezeichnet und auf die Dogmen gespuckt. Doch schon im Jahr darauf

rühmte er den Vatikan und dessen Reich derart, daß Kardinal Ratti -

ein Jahr vor seiner Wahl zum Papst Pius XI. -entzückt ausrief:

»Mussolini ist ein wundervoller Mann. Hören Sie mich? Ein

wundervoller Mann!«

Papst und Duce kamen aus Mailand. Beide haßten Kommunisten,

Liberale, Sozialisten. Mussolini rettete zudem den »Banco di

Roma«, dem die Kurie hohe Summen anvertraut hatte, vor dem

Bankrott, indem er öffentliche Gelder lockermachte. Worauf der

oberste Faschist vom Dekan des Kardinalskollegrums als »auserwählt

zur Rettung der Nation« gerühmt wurde. Und auch Pius XI. (1922-

1939) förderte natürlich den Diktator Italiens: Er protestierte nicht, als

Geistliche von Faschisten getötet wurden. Er hielt den Mund, als

Kommunisten und Sozialisten ermordet wurden. Er sprach am 20.

Dezember 1926 die wegweisenden Worte: »Mussolini wurde uns von

der Vorsehung gesandt.« Drei Jahre später schlössen Klerikale und

Faschisten die Lateranverträge, die den einen eine Millionenrente für

das Reich einbrachten, das nicht von dieser Welt war, den anderen den

päpstlichen Segen und die öffentliche Anerkennung. Der

Katholizismus wurde Staatsreligion in Italien. Der Faschismus

übernahm die politische Leitung. Beide Ideologien verstanden sich

prächtig, ihre Ziele gingen Hand in Hand, Klientel und Symptome

waren oder wurden dieselben.

In Italien bestanden damals die Bücher der Grundschulen zu einem

Drittel aus »Katechismus«-Stücken und Gebeten, zu zwei Dritteln

aus Verherrlichungen des Faschismus und des Krieges. Beide Reiche

stammten wieder von dieser Welt. Nachdem Mussolini Abessinien in

einem »gerechten Verteidigungs krieg« (katholische Meinung)

niedergeworfen hatte, nachdem sich eine Munitionsfabrik in

vatikanischem Besitz als einer der wichtigsten Kriegslieferanten

bewährt und der Kardinal von Mailand den Krieg als

»Evangelisationsfeldzug« gerühmt hatte,

237

feierte der katholische Klerus den »wundervollen Duce« gemeinsam als

Führer des »neuen Römischen Reichs, das Christi Kreuz in alle Welt

tragen wird«. Mein Reich ist nicht von dieser Welt?

In Spanien, einem seit Jahrhunderten von klerikalen Macht- habern

finanziell und geistig ausgepowerten Land, forderten die Bischöfe

schon 1933 - das Jahr ist kein Zufall — ebenso wie der Papst einen

»heiligen Kreuzzug für die Wiederherstellung der kirchlichen Rechte«.

Francos Putsch gegen die legale Regierung begann denn auch mit dem

Segen der Prälaten. Nur einen Verteidigungsfeldzug wollten Frankisten

und Klerikale führen. Gegen den gottlosen Kommunismus. Gegen ein

Volk, das nicht ganz so wollte wie sie selbst. Als erste ausländische

Flagge wehte über Francos Hauptquartier die des Papstes, und über

dem Vatikan wurde bald die des Caudillo gehißt. Pius XI. wußte,

wie sehr sein Reich von dieser Welt war, als er mitten im Bürgerkrieg

dem Faschistengeneral Franco ein Huldigungstelegramm schickte, bei

dem er »den angestammten Geist des katholischen Spanien

pulsieren« fühlte. Im Sommer 1938 lehnte es derselbe Papst ab, sich

der Bitte Englands und Frankreichs anzuschließen und gegen die

Bombardierung der republikanischen Zivilbevölkerung zu protestieren.

Als Franco schließlich mit Hilfe aus Berlin und Rom über das

spanische Volk gesiegt hatte, beglückwünschte ihn der neue

Papst, Pius XII., am 1. April 1939: »Indem Wir Unser Herz zu Gott

erheben, freuen Wir Uns mit Ew. Exzellenz über den von der

katholischen Kirche so ersehnten Sieg. ... Wir hegen die Hoffnung«,

schrieb der Papst weiter, »daß Ihr Land nach der Wiedererlangung des

Friedens mit neuer Energie die alten christlichen Traditionen

wiederaufnimmt!« Er hatte nicht vergebens gehofft: Franco ließ in den

folgenden Jahren mehr als 200000 Andersdenkende erschießen.

Auch in der deutschen Kirchengeschichte ist erwiesen, daß die

Bischöfe — gelegen oder ungelegen, im Verein mit dem

238

Vatikan und dessen Chef, Papst Pius XII. - Hitler mit aufgebaut und

fast bis zuletzt gestützt haben. Die vielen Versuche einer

Mohrenwäsche versagen vor den Fakten. Das Ermächtigungsgesetz

vom 24. März 1933 (vorher schon waren die bürgerlichen

Grundrechte der Weimarer Verfassung außer Kraft gesetzt) wurde mit

den die Mehrheit beschaffenden Stimmen der klerikal geführten

Katholikenpartei (»Zentrum«) beschlossen. Und ihre Zustimmung war

an die Zusage Hitlers gebunden, über den Abschluß eines

Reichskonkordats zu verhandeln. Am 10. April, inmitten von

Boykottbefehlen und Pogromen gegen Juden, ist Hitlers Paladin

Göring im Vatikan empfangen worden, um Deutschland zu seinem

neuen Führer beglückwünschen zu lassen. Am 3. Juni 1933, als schon

Tausende von Katholiken verhaftet sind, schreiben die Bischöfe: »Wir

wollen dem Staat um keinen Preis die Kräfte der Kirche entziehen.«

Am 20. Juli 1933 wird das Reichskonkordat unterzeichnet. Es enthält

nicht nur finanzielle Zusagen, die das Dritte Reich der katholischen

Kirche macht, sondern auch ein geheimes Zusatzprotokoll, das eine

Wiederaufrüstung Deutschlands absegnet. Es gilt noch heute.

Das Reichskonkordat wurde mit Festgottesdiensten gefeiert, wobei

das neu begründete Verhältnis von Staat und Kirche auch liturgisch

zum Ausdruck kam: Bischöfe stimmten das Tedeum an,

nationalsozialistische Geistliche hielten vor angetretener SA und SS

Festpredigten, Sturmfahnen der SA nahmen am Altar Aufstellung,

SA-Kapellen spielten Kirchenmusik. Alles jubelt, und wer nicht

jubeln kann, sitzt bereits im KZ. Papst Pius XI. läßt sich von seinem

Kardinal und Widerständler Faulhaber als den »besten, am Anfang

sogar einzigen Freund des neuen Reiches« rühmen. Und die deutschen

Bischöfe ordnen dies Konkordat am 20. August 1935 richtig ein: Der

Heilige Vater hat, so bescheinigen sie Hitler, »das moralische Ansehen

Ihrer Person und Ihrer Regierung in einzigartiger Weise begründet und

gehoben«. Noch 1937, als der Oberhirte Faulhaber

239

bereits wußte, was Hitler seit 1933 getan hatte, sagte er zum Thema:

»Zu einer Zeit, da die Oberhäupter der Weltreiche in kühler Reserve

und mehr oder minder voll Mißtrauen dem neuen Deutschen Reich

gegenüberstehen, hat die katholische Kirche, die höchste sittliche Macht

auf Erden, mit dem Konkordat der neuen deutschen Regierung ihr

Vertrauen ausgesprochen. Für das Ansehen der neuen Regierung im

Ausland war das eine Tat von unschätzbarer Tragweite.«

Papst Pius XII., der Oberste Oberhirte seiner Kirche und der

Meisterdiplomat der deutschen Konkordatsära, schwärmt nach der

Besetzung der Tschechoslowakei, er liebe Deutschland »jetzt noch

viel mehr«. Nach dem Überfall auf Polen wiederholt er diesen

Liebesschwur gegenüber seinen besten Finanziers. Und sein

»Osservatore Romano« schreibt, um die Kriegsschuldfrage von

vornherein richtig zu beantworten: »Zwei zivilisierte Völker beginnen

einen Krieg«. Als England und Frankreich darauf bestehen, die Kurie

möge Hitler zum Angreifer erklären, lehnt Pius XII. ab. Noch im

November 1943, mitten in Hitlers hochverbrecherischem

Angriffs krieg, beteuert der Papst, seine »ganz besondere Sorge« gelte

»dem jetzt so schwergeprüften deutschen Volke vor allen anderen

Nationen«. Und die Erzdiözese Freiburg hatte schon in den ersten 15

Kriegsmonaten über 1,3 Millionen Reichsmark an

»Kriegshilfeleistungen« erbracht. Kein Wunder, verfaßte doch

Oberhirte Gröber, selbst Förderndes Mitglied der SS, in dieser Zeit

nicht weniger als 17 Hirtenbriefe, die allesamt zur Opferbereitschaft

aufriefen.

Widerstand? Widerstandskämpfer unter den Bischöfen? Von den

26000 deutschen Klerikern saß ein Prozent in Dachau, darunter kein

einziger Bischof — weder Faulhaber aus München noch Galen aus

Münster. Als Hitler sich über Teilbestimmungen des Reichskonkordats

hinwegsetzt, beklagen Bischöfe und Papst nur die eigene

Benachteiligung. Der Historiker Hans Müller sieht in der

Verteidigung der katholischen Institution

240

»den ersten und beinahe einzigen Ansatzpunkt katholischen

Widerstands«. Der deutsche Katholizismus war nahezu aus schließlich

an der Erhaltung seiner Rechte, Freiheiten und Organisationen

interessiert. Dagegen ignorierte er das Unrecht, den Terror, den Mord,

die Vergewaltigung des Menschen. So beklagt Bischof Galen am 26.

Mai 1941 in einem Brief an seinen Kollegen Berning zwar ausführlich

die Einschränkung kirchlicher Rechte. Von der Verfolgung, die über

Nichtkatholiken hereingebrochen war, spricht er aber mit keinem Wort.

Äußerungen gegen die Jagd auf Juden sind von Galen nicht

bekanntgeworden. Juden waren für die deutschen Bischöfe ein »uns in

kirchlicher Hinsicht nicht nahestehender Interessenkreis«. Freiburgs

Erzbischof Gröber schreibt 1937, der Bolschewismus, gegen den Hitler

rüstete, sei ein »asiatischer Despotismus im Dienste einer Gruppe von

Terroristen, angeführt von Juden«. Bischof Gföllner von Linz meinte

schon 1933, kurz vor Hitlers Machtübernahme, es sei strenge

Gewissenspflicht eines jeden Christen, »das entartete Judentum« zu

bekämpfen, welches im »Bunde mit der Weltfreimaurerei... der

Begründer und Apostel des Bolschewismus« sei. Galen selbst schreibt

in seinem Glückwunsch zum Überfall Hitlers auf die Sowjetunion von

der »jüdisch-bolschewistischen Machthaberschaft von Moskau«, die

nun gestoppt werde. Wie groß war hier noch der Abstand zur

mörderischen Nazi-Formel von der »jüdischen Weltverschwörung« ?

Nie protestieren diese Bischöfe gegen die Aufhebung der

demokratischen Grundrechte aller Deutschen, nie gegen die Beseitigung

von Liberalen, Demokraten und Kommunisten, nie gegen den

Antisemitismus und seine verbrecherischen Taten an Millionen. Kein

einziger Hirtenbrief, lobt sich 1936 ein deutscher Kardinal, hat je den

Staat, die Bewegung oder den Führer kritisiert. In Spanien ist, so Galen,

der gottlose Bolschewismus »mit Gottes und Hitlers Hilfe besiegt

worden«.

Freilich, hinterher standen sie alle wieder auf der Seite der

241

Sieger. Kein einziger Hirte wollte es nun gewesen sein. Vielmehr

prangern im Juli 1951 Kleriker jene Katholiken als jämmerliche

Versager an, »die sich durch den totalitären Staat täuschen ließen« und

»in friedfertiger Gesinnung eine politisch verhängnisvolle

Kompromißbereitschaft« zeigten. Die Sündenböcke sind gefunden. Die

Tendenz, alle Schuld auf die Nazis abzuschieben und auf deren

Mitläufer, soll das eigene Versagen (nicht nur Mitläufer gewesen zu

sein) kaschieren. Dokumente werden gereinigt, klerikal bestimmte

Kirchenhistoriker dürfen wesentliche Dinge übergehen und

unwesentliche in aller Breite schildern. Ein aktuelles bundesdeutsches

Lexikon teilt unter dem Stichwort »Faulhaber, Michael von« mit, der

Kardinal sei »schon vor 1933 entschiedener Gegner des

Nationalsozialismus« gewesen. Doch diese Widerstandslüge ist nichts

Besonderes. Sie ist allen - zufällig am 8. Mai 1945 - vom Faschismus

bekehrten katholischen Bischöfen zu eigen. Ihr Reich war nie von

dieser Welt. Kardinal von Galen hat im Sommer 1945 selbst ein

Parteiprogramm für eine neue, christlich orientierte Volkspartei

entworfen. Von nun an wird an der Lebenslüge des deutschen

Nachkriegskatholizismus vom angeblichen Widerstand gestrickt.

Kleriker müssen fortan dementieren, ja entrüstet zurückweisen, daß

sie Hitlers Geld nahmen. Sie müssen verdrängen, daß ihr Papst zu

lange auf die falsche weltanschauliche Karte gesetzt hatte und erst

umgeschwenkt war, nachdem sich eine militärische Niederlage der

Deutschen abzeichnete. Sie müssen ihre eigenen Worte desavouieren.

Nie sagten sie, was schwarz auf weiß geschrieben steht. Kein einziger

deutscher Bischof aber war als Häftling in einem Hitler-KZ. Bischof

Berning hat sogar einige KZs besucht, hat die Lagereinrichtungen, die

Wachen gelobt, die Häftlinge zu Gehorsam und Treue gegen Volk und

Führer ermahnt und seine Predigt mit einem dreifachen »Sieg Heil«

beschlossen.

Lob für die Bischöfe kam von Hitlers Scherge Heydrich.

242

Dieser rühmte den Hirtenbrief des Ermländer Bischofs Kalier, der

noch 1941 versichert hatte: »Gerade als gläubige, von der Liebe

Gottes durchglühte Christen stehen wir treu zu unserem Führer, der

mit sicherer Hand die Geschicke unseres Volkes leitet.« Auch Bischof

von Galen stand nie zurück. Schon am Tag seiner Bischofsweihe (28.

Oktober 1933) predigte er: »Wir wollen Gott dem Herrn für seine

liebevolle Führung dankbar sein, welche die höchsten Führer unseres

Vaterlandes erleuchtet und gestärkt hat, daß sie die furchtbare Gefahr,

welche unserem geliebten deutschen Volke durch die offene

Propaganda für Gottlosigkeit und Unsittlichkeit drohte, erkannt haben

und sie auch mit starker Hand auszurotten suchen.« Die starke Hand?

Die Ausrottung? Die Legitimation Hitlers durch den Bischof? Dieser

Widerständler kannte seine wirklichen Feinde. Sie hörten nicht auf den

Namen Nationalsozialisten. Sie waren unter den Kommunisten, diesen

»vertierten Bestien« (Galen 1945). Schon das Wort »Demokratie« war

ihm peinlich. Als im Herbst 1941 eine Fälschung zirkuliert, nach der er

zum passiven Widerstand gegen Hitler aufgerufen haben soll, läßt

der »Löwe von Münster« das Schriftstück, »dessen Tendenz zu seiner

Gesinnung und Haltung in schroffem Widerspruch steht«, ener gisch

dementieren.

Wer wirklich Widerstand leistete? Zum Beispiel der katholische

Pfarrer Dr. Max Joseph Metzger, der wegen seiner

Friedensbemühungen im Jahr 1944 hingerichtet wurde. Sein eigener

Bischof, das SS-Mitglied Gröber aus Freiburg, hatte sich von Metzger

und dessen »Verbrechen« in einem Brief an den Präsidenten des

Volksgerichtshofs Freisler distanziert. Diesem, nicht seinem Pfarrer,

bekundete er in diesem Brief »hohe Wertschätzung und Verehrung«.

Und selbst die Bekehrung des 8. Mai 1945 bewirkte bei Erzbischof

Gröber nichts: Als sich die elf Priester seiner Erzdiözese, die das KZ

überlebt hatten, 1946 trafen, verweigerte er ihnen seinen Besuch und

untersagte, das Treffen in Offenburg öffentlich zu machen. Die Lage

des offi-

243

ziellen Kirchenchristentums war damals so heikel, daß »nur ein

gigantisches Verdeckungsmanöver« (der Historiker Friedrich Heer) das

Gesicht der Bischöfe retten konnte. Im Schatten der Ruinen entstand

dann jenes mächtige Gebäude der Lebenslüge vom Widerstand - und

bald schon wurden die Bischöfe, die eben noch so schlimm versagt

hatten wie ihr Papst, zu Garanten der neuen Werte (und entsprechend

honoriert). Ein Beispiel für viele: München benennt eine Straße an

zentraler Stelle nach Kardinal Faulhaber. Sie ist nicht weit von der

Pacelli-Straße entfernt (die Pius XII. ehrt). Beide Straßen liegen nahe

am Platz der Opfer des Nationalsozialismus.

Hat die Kirche Hitler zuwenig versprochen?

Mein Reich ist nicht von dieser Welt? Hitler konnte 1940 dem Papst

sagen lassen, der nationalsozialistische Staat verwende jährlich eine

Milliarde Reichsmark zugunsten der katholischen Kirche, »eine

Leistung, deren sich kein anderer Staat rühmen könne«. Hitler sagte

die Wahrheit, und kein Papst widersprach. Vielmehr hatte sich der

Vatikan bereits 1933, als Hitler seine Maske schon abgelegt hatte,

bereit gefunden, seine Bischöfe künftig schwören zu lassen, »die

verfassungsmäßig gebildete Regierung zu achten und von meinem

Klerus achten zu lassen« (Artikel 16). Die deutschen Bischöfe, nach

Friedrich Heer »Söhne jenes autoritären Klerokratismus, der auf dem

Ersten Vatikanischen Konzil 1870 triumphiert hat«, waren

vertragstreu. Der Nationalsozialismus hatte sich ihnen, den

Hochklerikalen, präsentiert als einziger Kämpfer gegen Liberalismus,

Bolschewismus und Demokratie. Diese Bischöfe haben geschworen,

geachtet und achten lassen. Auch war ein eigenes »Gebet für das

Wohlergehen des Deutschen Reiches und Volkes« zugesagt worden

(Artikel 30), das an allen Sonntagen in allen Kirchen »eingelegt«

werden mußte. Ob sich dieses Kon-kordats-Gebet ausgezahlt hat, ist

dem Urteil anderer zu über-

244

lassen. Die Bischöfe waren vertragstreu. Sie haben gebetet — und

beten lassen. Im Gegenzug hatte Hitler zugesagt, den Gebrauch

geistlicher Kleidung durch Laien »mit den gleichen Strafen wie den

Mißbrauch der militärischen Uniform« zu belegen (Artikel 10). Da

muß nichts erfunden werden. Dies ist keine Satire, sondern geltendes

deutsches Recht. Bischofs- und Generalsmütze, Meßgewand und

Ausgehuniform, Barett und Käppi sind bei uns strafrechtlich

gleichermaßen geschützt. Jede Elite hat sich ihre Rechte gesichert:

Während das Militär seine Uniform gegen die Nichtsoldaten abschirmt,

schützt der Klerus seinen Talar gegen jene Laien, die ihn bezahlen. Die

deutschen Bischöfe waren vertragstreu. Sie haben ihre »Uniform«

geschützt - und schützen lassen.

Das Reichskonkordat hatte auch das Amt des Nuntius garantiert,

»um die guten Beziehungen zwischen dem Heiligen Stuhl und dem

Deutschen Reich zu pflegen« (Artikel 3). Pacelli wußte, wovon er

sprach - und Hitler auch. Die deutschen Bischöfe waren vertragstreu.

Sie haben die guten Beziehungen zwischen dem Dritten Deutschen

Reich und dem Heiligen Stuhl gepflegt - und pflegen lassen. So weit

ein kleiner Exkurs über die Inhalte jener Abmachungen, die Vatikan

und Diktatur getroffen haben, um die guten Beziehungen

untereinander zu pflegen. Jeder Bischof der Bundesrepublik ist auf

diese Normen verpflichtet. Kein einziger von ihnen hat sich je

darangemacht, diese Abmachungen mit Hitler zu beseitigen.

Vielmehr erscheint es jedem Bischof noch heute wichtiger, die im

Hitler-Konkordat festgelegten Privilegien zu wahren. Privilegien

freilich nicht der Schafe, sondern der Hirten: die Befreiung der

geistlichen Amtseinkommen von der Zwangsvollstreckung (Artikel 8)

beispielsweise. Oder der Schutz der Kleriker vor Beleidigung ihrer

Person oder ihres Amtes (Artikel 5). Oder die Zusage des Artikels 13,

die allem klerikalen Besitz und Vermö gen besonderen Rechtsschutz

sichert. Oder die Garantie des Artikels 17, daß »aus keinem irgendwie

gearteten Grunde« ein

245

»Abbruch von gottesdienstlichen Gebäuden« erfolgen dürfe. Oder die

Zusage an den Nuntius des Papstes, grundsätzlich der »Doyen«

(Sprecher) des Diplomatischen Korps sein zu dürfen (Schlußprotokoll).

Oder - und dies vor allem - Hitlers Garantie der Kirchensteuer

(Schlußprotokoll). Die deutschen Bischöfe sind vertragstreu. Sie

rühren sich keinen Millimeter, um ihre Privilegien aufzugeben. Sie

haben nicht den geringsten Grund dazu. Ihr Reich ist nicht von dieser

Welt.

Die katholische Amtskirche leistete dem NS-Regime zu keiner Zeit

Widerstand, wie dies einzelne Christen oder die Kommunisten getan

haben. Diese Kirche ist nicht, wie viele Intellektuelle, ins innere Exil

gegangen. Sie hat sich nicht einmal angepaßt, um als harmlose

»Mitläuferin« möglichst ungeschoren davonzukommen. Sie hat mit den

Nazis um die Macht über Köpfe und Herzen der Menschen konkurriert.

Sie hat sich dabei der gleichen Argumente und der gleichen

demagogischen Sprache bedient. Sie hat sich selbst gleichgeschaltet,

um sich für die Nazis unverzichtbar zu machen. Als dann alles anders

kam als erhofft, ist es ihr gelungen, mit dem Hinweis auf ihren

»Widerstand« das Bild einer integren, von der NS-Ideologie

unbefleckten Kirche zu zeichnen - und sich (wie die Richter-,

Offiziersund Industriellenkaste) vor jeder wirklichen Entnazifizierung

zu retten. War ihr Reich zwischen 1933 und 1945 durchaus von dieser

Welt, so war es nach 1945 für kurze Zeit wieder jenseitig. Bis es ihr

gelang, in der entstehenden Bundesrepublik das Reich wieder in dieser

Welt aufzurichten. Bischof Simon Konrad Lan-dersdorfer aus

Regensburg, dessen Klerusblatt sich besonders für Hitler und dessen

Kriege engagiert hatte, sagte 1958 in seiner Jahresschlußpredigt, die

Sünden der Menschheit seien bereits wieder so groß, daß Gott wohl

einen Dritten Weltkrieg verhängen werde. Der Oberhirte, bequem

eingebettet in die postfaschistische katholische Gesellschaft seiner Tage

und entsprechend dotiert, blickte nach Osten.

Noch ist es nicht soweit. Dafür hilft »Partner Staat« kräftig

246

wie immer mit, das »Reich« auf Erden zu etablieren. Ein winziges

Beispiel: die Ausgabenpolitik der Bundespost. Auch wenn man es

kaum glaubt, die Briefmarke ist in Deutschland — im Gegensatz zu den

USA und der Schweiz, die jede kirchliche und religiöse Aussage streng

vermeiden - Trägerin weltanschaulicher Werbung. Zwischen 1949 und

1985 trugen 12,6 Prozent der Sondermarken kirchliche oder religiöse

Motive, aber nur 1,4 Prozent waren der Gewerkschafts- oder

Arbeiterbewegung gewidmet. Allein für die Kirchentage wurden 16

Sondermarken ausgegeben, mehr als für alle Marken mit

gewerkschaftsnaher Aussage zusammen. Die Gesamtauflage der

bundesdeutschen Luther-Sondermarken betrug 2,561 Milliarden

Exemplare, auch dies eine kostenlose Propaganda eines Staates für

eine Großkirche, auch dies eine auf keine andere gesellschaftliche

Gruppe der Republik zu übertragende Privilegierung.

247

Was Kirchen überleben läßt

oder: Wie lange noch wird es so weitergehen?

Die beliebte Frage zum Schluß: Was geht, was bleibt? Inner kirchliche

Antworten gibt es viele. Ein Beispiel: In Priesterseminaren geht es ganz

lustig zu. Schließlich kann kein Mensch dauernd von »Opfern« leben,

zumindest nicht von seinen eigenen (von den Spenden anderer schon

eher). Und stehen die heiligen Weihen bevor, dann nimmt nicht nur der

sittliche Ernst erheblich zu, sondern auch die Kurzweil. Dann wird über

Mitbewerber um das heilige Amt geraunt, und hin und wieder ist auch

ein Urteil über die Geistesgaben manch eines von ihnen fällig. Ein

unter Klerikern bekannter Spruch weist bereits künftige Stellen im

Personalkegel eines Bistums an: »Frömmigkeit vergeht, Dummheit

bleibt.« Diese Aussage hat Jahrhunderte der Erfahrung mit geistlichen

Herren für sich. Denn »wir tragen den Schatz in irdenen Gefäßen«,

meinte schon der Apostel. Freilich findet sich kein Satz von ähnlichem

Erfahrungswert, wenn es nicht um den einzelnen geistlichen Herrn

geht, sondern um den Fortbestand der Institution. Da ist dann die Rede

davon, daß die Kirche »in Jahrhunderten denkt«. Da spricht der

Kleriker von den »zeitlosen Wahrheiten«, die aus dem »ewigen Rom«

kommen. Doch der Leitsatz des Überlebens ist in den blumigen

Reden und wolkigen Worten nicht zu hören. Dabei ist er von tiefer

Erfahrung geprägt - und historisch gültig. Er lautet: »Geist ist

geschwunden, geblieben ist Geld.« Die Spanier, die

248

mehr vom Katholizismus verstehen als die Deutschen, sagen seit

langem: El dinero es muy católico, Geld ist sehr katholisch.

Wie meinte Paulus ? Die Seinen trügen den Schatz in irdenen

Gefäßen ? Inzwischen aber sind die Gefäße wertvoll geworden, und die

den Schatz des Wortes tragen, setzen alles daran, ihre Gefäße nicht

zerschlagen zu lassen. Vieles darf untergehen, die Pforten der Hölle

dürfen selbst den Geist zerstören, das Volk der Gläubigen kann sich

in alle Winde zerstreuen: Eine muß bleiben, die auf äußeren

Sicherungseinheiten wie Privileg und Geld beruhende Institution. Sie

und damit sich selbst zu legitimieren wurde zum Selbstzweck der

Kleriker. Der berüchtigte »heilige Rest« ist beileibe nicht das »arme,

arme Häuflein« der übriggebliebenen Gläubigen. Dieser heilige Rest

besteht in barer Münze, und ihn verteidigen Scharen von

Kirchenleuten. Doch in keinem »Katechismus« sind Zahlen zu finden.

Nicht vom Geld ist die Rede, sondern von der »irdischen

Erscheinungsform der Kirche«. Daß es ausschließlich eine irdische

Erscheinungsform der Kirche gibt und nichts darüber hinaus, wird

verschwiegen. Auch hier wäre die Wahrheit geschäftsschädigend. Das

klerikale Gezeter über die »Leistungsgesellschaft« ist unredlich:

Fragwürdige Theologentricks sollen die Leistung anderer

herabwürdigen und dabei verschweigen, daß Kleriker - über die

Kirchensteuer - von der Leistung anderer leben und sonst von gar

nichts. Die »Konsumgesellschaft«? Wer außer der Kirche profitiert

mehr von ihr? Wer außer ihr muß weniger leisten, um solche Profite

einzustecken? Gehören nicht gerade die Kleriker zu jener

Gesellschaftsschicht, die sich durch hö heren Konsum, interessantere

Bedürfnisse und angeblich besseren Geschmack von denen da unten

unterscheidet?

249

Was alles stecken sich die Kirchen in die Tasche?

Ein Satz der alltäglichen Erfahrung: Bevor andere Leute an unser

Geld kommen, müssen sie etwas dafür tun. Auch bevor Geld zum

»Geld der Kirche« wird, ist es zunächst unser Geld. Bevor wir es

herausrücken, muß die Kirche etwas dafür leisten. Und hat sie es

bekommen, muß sie nachweisen, was sie damit getan hat. Das ist kein

schlechter Grundsatz. Doch in der Bundesrepublik Deutschland, einem

mit christlichen Restsymbolen verbrämten Staat, gilt er in aller Regel

nicht. Die beiden Großkirchen haben die Gesetze für sich, auch das

Grundgesetz (vielleicht sogar die nächste Verfassung der Deutschen).

Das Grundgesetz (Artikel 140) macht die beiden Großkirchen zu

privilegierten Gruppen. Es garantiert ihnen eine Finanzierung, die in

der Welt ihresgleichen sucht. Es ist auch für Nichtdeutsche von

Interesse, was hier alles möglich ist. Heute könnten die Kirchen solche

Gesetze kaum mehr durchbringen; es gäbe im Bundestag keine

Mehrheit dafür. Aber sie brauchen ihre Privilegien gar nicht

demokratisch durchzusetzen. Sie können sich auf Abma chungen

berufen, die zum Teil fast 200 Jahre alt sind.

Die Trennung von Kirche und Staat, die das Bonner Grund gesetz

von der Weimarer Verfassung übernahm, ist faktisch ausgehöhlt. Wer

die tatsächliche Lage in Deutschland bedenkt, kommt nicht auf die

Idee, eine solche Trennung sei von der Verfassung vorgeschrieben

oder bereits verwirklicht. Und ob sich an dieser »Normallage« so

schnell etwas ändern läßt? Der Verwaltungsrichter Gerhard Czermak

schreibt, die gesamte umfangreiche staatskirchenrechtliche Literatur

werde zu 95 Prozent »von zumindest kirchennahen Juristen

beherrscht mit entsprechenden Auswirkungen auf die

Rechtsprechung«. Folgerichtig gelten gegensätzliche Positionen als

abwegig und kaum zitierfähig. Und es gibt gegenwärtig »kein

größeres Rechtsgebiet, in dem sich Literatur und Rechtspraxis von Text

und Geist der grundlegenden Normen noch weiter entfernt

250

haben als im sogenannten Staatskirchenrecht«. Keine anderen Juristen

haben diese Korruption zu verantworten als jene, die für die

»Katholisierung des Rechts« (Verfassungsrichter Helmut Simon)

stehen.

Da gibt es erheblichen politischen Nachholbedarf. Inzwischen

leben die Kirchen fröhlich weiter von unserem Geld. Sie haben nicht

das geringste Interesse, daß sich etwas ändert. Es ist allgemein

bekannt, wie schwer es den meisten Menschen fällt, vom Üblichen

abzuweichen, Tabus zu brechen, »die Kirche und unser Geld« zu

hinterfragen. Die Existenz einer psychischen Hemmschwelle vor

dem Tabubruch wird von Kirchen und Politik bewußt ins

gemeinsame Kalkül einbezogen. Kleriker leben wie die Maden im

Speck. Wovon sie leben und wie gut sie leben, zeigen die folgenden

Abschnitte.

Warum Kirchensteuer zahlen?

Wird das Thema »Kirche und Geld« diskutiert, geht es meist um die

Kirchensteuer. Die kennt jeder, ob er nun zahlt oder nicht

(wünschenswert wäre ein ähnlich hoher Bekanntheitsgrad in den

Fällen der stillschweigenden Subventionierung der Kirchen durch

Bund, Länder, Kommunen). Der Begriff »Kirchensteuer« entlarvt das

ganze System, für das er steht. Die Kirchensteuer ist eine

Zwangsabgabe, die von allen Kirchenangehörigen erhoben wird, ohne

daß diese einen konkreten Rechtsanspruch auf Gegenleistung hätten.

Ein von der eigenen Verfassung (Artikel 3,3 GG) zur

Gleichbehandlung aller verpflichteter Staat garantiert nicht nur den

Vereinsbeitrag bestimmter Religionsgemeinschaften. Er treibt, ohne

verfassungsrechtlich dazu verpflichtet zu sein, deren Mitgliedsbeiträge

sogar mit Hilfe seiner Behörden ein (»Staatsinkasso«). Keine andere

Interessenvertretung in der Bundesrepublik genießt eine auch nur

annähernd ähnliche Bevorzugung. Das Besteuerungsrecht der beiden

Großkirchen ist von der Ver-

251

fassung verbrieft (Artikel 140 GG). Staatskirchenverträge und Gesetze

der Bundesländer sowie kirchliche Steuerordnungen und Beschlüsse

über Hebesätze konkretisieren das Kirchensteuersystem.

Voraussetzung für die Kirchensteuerpflicht ist die Mitgliedschaft in

einer steuererhebenden Kirche; der Austritt daraus beendet diese

Steuerpflicht. Die Intensität der persönlichen Bindung an eine Kirche

spielt nicht die geringste Rolle. Was zählt, ist die formelle

Zugehörigkeit. Und sie wird durch die (Säuglings -)Taufe begründet.

Der formelle Kirchenaustritt -auch aus Gründen der Steuerersparnis

- ist noch immer mit dem Kirchenbann bedroht und das Verhältnis zu

Gott in Deutschland ans willige Zahlen einer Steuer gebunden. Die

europäischen Nachbarn in Ost und West hören es staunend: Vieles ist

unglaublich, aber wahr in der Kirche der Deutschen. Denn bevor es

dem Bundesverfassungsgericht gelang, die Kirchen in ihre Schranken

zu verweisen, scheuten diese sich nicht einmal, selbst bei sogenannten

juristischen Personen (Firmen, Aktiengesellschaften) Kirchensteuern

einzuziehen. Freiwillig waren die Großkirchen nicht bereit, von

(ungetauften) Firmen keine Kirchensteuer zu fordern oder einen

Mohammedaner für seine christliche Frau nicht mitzahlen zu lassen.

In einigen deutschsprachigen Kantonen der Schweiz wird von

juristischen Personen (Gewerbebetrieben, Banken u. ä.) noch immer

»Kirchensteuer« eingetrieben. Dieses Verfahren bringt den Kirchen

ein erkleckliches Zubrot; allein im Kanton Solothurn nahm die

evangelisch-reformierte Kirche 1989 über 600000 Franken ein.

Insgesamt dürften es 18 Millionen Franken pro Jahr sein, die auf diese

Weise in die Taschen schweizerischer Kirchen fließen.

252

Muß es Sondertarife für Besserverdienende geben?

Die Kirchensteuerschuld wird in Prozentsätzen der zugrundeliegenden

Steuerschuld berechnet (meist nach Maßgabe der Einkommen- und

Lohnsteuer). Der Prozentsatz liegt gegenwärtig bei acht bis neun

Prozent. Bis zur Währungsreform lag er bei drei bis vier Prozent.

Spitzenverdiener können regelmäßig Sondertarife aushandeln. Dem

Großindustriellen Krupp wurde schon vor Jahrzehnten eine

Sonderregelung eingeräumt, und andere Prominente wie die Spitzen

der Familie Hoesch bildeten einmal einen sogenannten kirchlichen

Wirtschaftsbeirat, der mitbestimmen wollte, wie die Steuergelder

seiner Mitglieder verwendet wurden. Kleinere Leute haben nicht soviel

Glück bei der Kirche. Sie müssen in jedem Fall voll bezahlen.

Stundungs - und Erlaßanträge sind Sache der Kirchen, da diese - nicht

der Staat — Steuergläubigerinnen sind. Sie entscheiden von Fall zu Fall,

ob und wie sie die Steuerschuld eintreiben oder erlassen. Das Staatsinkasso,

zu dem die Bundesrepublik und ihre Länder - wie gesagt -

nicht verpflichtet sind, wird mit drei bis vier Prozent des

Kirchensteueraufkommens abgegolten. Die Hauptlast des Inkassos hat

der Staat auf die Arbeitgeber abgewälzt, die bei ihren Arbeitnehmern

die fälligen Kirchensteuerbeträge entschädigungsfrei einbehalten

müssen. Dieses Verfahren setzt freilich voraus, daß die

Konfessionszugehörigkeit auf den Lohnsteuerkarten eingetragen ist.

Der Bekenntniszwang im Lohnsteuerwesen ist verfassungsrechtlich

bedenklich.

Schon lange ist klar, daß nicht die angeblich höheren

Verwaltungskosten der Grund für das klerikale Festhalten am

Staatsinkasso sind. Bei dem heute erreichten Standard der

Großrechenanlagen dürfte eher das Gegenteil zutreffen. Die

Erfahrungen in den Schweizer Kantonen Basel-Stadt und Basel-Land

zeigen, daß eine Abbuchung der Kirchensteuer vom Gehaltskonto

wesentlich stärker ins Auge springt als ein unscheinbar wirkender

Abzug vom Bruttolohn, der zwischen den

253

sonstigen Steuern und den Sozialabgaben fast verschwindet. Wird

demgegenüber direkt vom Konto abgebucht, nimmt die

Austrittsneigung stark zu, zumal dann auch der Arbeitgeber nichts

mehr von einem Kirchenaustritt mitbekommt. Austritte aber sind das

letzte, was eine auf Geld erpichte Kirche sich erlauben kann. Daher

beläßt sie es in Deutschland beim bisherigen Inkasso-Mißbrauch. Und

die ehemalige DDR muß mitziehen, weil ihr in einem Akt klerikaler

Piraterie das bundesdeutsche Verfahren übergestülpt worden ist.

Man darf gespannt sein, ob eine Verfassungsklage von Betroffenen

Erfolg hat: Immerhin sind Kirchensteuergesetze Ländersache, und

bislang ist noch nichts aus den fünf neuen Bundesländern bekannt, was

auf eine solche Gesetzgebung schließen ließe.

Die Bindung an die Steuerpolitik bringt es mit sich, daß

Steuersenkungen wie -erhöhungen sich auf die Kirchensteuer

auswirken. Die Kirche ist dadurch abhängig von der staatlichen Lohn-

und Steuerpolitik wie vom Wirtschaftswachstum. Frei ist sie

deswegen nicht, aber wohlhabend. Im gegenwärtigen Steuersystem

zahlt ohnedies nur eine Minderheit der Kirchenangehörigen

Kirchensteuer. Bundesbürgerinnen ohne Einkommen und solche, die

über nur geringe Einkünfte verfügen, sind von der Steuerpflicht

ebenso befreit wie die Bezieherinnen hoher Sozialrenten. Es stimmt

also nicht, daß alle Kirchenmitglieder zum Unterhalt der

Kirchenbediensteten beitragen - und daß die bundesdeutschen

Großkirchen von den Besserverdienenden ganz unabhängig sind.

Nehmen die Kirchen Jahr für Jahr mehr oder weniger

Geld ein?

Das gewohnte kirchliche Gejammer über Steuerausfälle ist nicht

begründet: Der Anstieg der Kirchensteuer hat nach einer Auskunft des

Bundesfinanzministers vom 1. Oktober 1990 auf eine Anfrage der

Grünen im Bundestag seit 1970 jährlich im

254

Durchschnitt sieben Prozent betragen. Dieser Anstieg übertrifft

sowohl die durchschnittliche Inflationsrate als auch den

Lohnkostenanstieg. Daß die Durchschnittseinkommen von

bundesdeutschen Arbeitnehmern zwischen 1970 und 1990 um

durchschnittlich 3,2 Prozent pro Jahr gestiegen sind, ist die eine Seite

der Wirklichkeit. Daß die durchschnittliche Jahreswachs tums rate der

Kirchensteuereinnahmen in diesem Zeitraum 5,9 Prozent betragen hat,

die andere. Die Steigerungsrate beim Pro-Kopf-Aufkommen in den

Evangelischen Landeskirchen betrug zwischen 1975 und 1985 nicht

weniger als 73,9 Prozent, in Berlin-West sogar 103,9 Prozent.

Erhielten die Kirchen vor 1945 noch durchschnittlich zwei bis drei

Mark pro Kopf ihrer Mitglieder, waren es 1963 schon 45 Mark. Im

Jahr 1986 hat jedes Mitglied einer evangelischen Landeskirche

durchschnittlich 231 DM an Kirchensteuern gezahlt. Die Steigerung

des Kirchensteueraufkommens zwischen 1984 und 1985 betrug

14,46 Prozent, zwischen 1985 und 1986 5,69 Prozent. 1963 haben die

beiden Großkirchen noch 2,4 Milliarden DM eingenommen; 1980

waren es schon 9,33 Milliarden DM — und 1990 werden es mindestens

14 Milliarden DM gewesen sein. Die Diözese Rottenburg-Stuttgart

frohlockt über das »unerwartete Mehr« von 1990 und rechnet für

1991 hoch: Eine Steigerung der Kirchensteuereinnahmen von

nochmals 6,5 Prozent gilt als sicher, auch wenn sich

»Schwächetendenzen z. B. in der US-Konjunktur und Golfkrise«

negativ auswirken könnten.

Es will schon etwas heißen, wenn ein durchschnittlich

verdienender Kirchensteuerzahler in seinem Arbeitsleben zwischen

30000 und 60000 DM berappt, das heißt nahezu ei n volles Jahr

seines Lebens nur für die Kirche arbeitet. Ob der Service, den diese

ihm dafür leistet, nicht weit überbezahlt ist? Nicht einmal besondere

Serviceleistungen wie Trauung oder Begräbnis gelten durch die

zigtausend DM Kirchensteuer eines Lebens abgegolten. Das sollte zu

denken geben.

Kirchensteuern sind in der Bundesrepublik in voller Höhe -

255

als Sonderausgaben — von dem zu versteuernden Einkommen

abzuziehen. Das wirkt sich Jahr für Jahr beim

Lohnsteuerjahresausgleich und bei der Einkommensteuererklärung

aus. So büßt der Staat jährlich über drei Milliarden DM an

Steuereinnahmen ein. Die Deutschen lassen sich diese Steuer gefallen.

Nicht wenige fühlen ihr soziales Gewissen durch das Staatsinkasso

entlastet: Wer automatisch zahlt, hat seinen Beitrag zur Linderung

der Not in nah und fern bereits geleistet und ist weiterer guter Taten

enthoben. Andere klagen hin und wieder, vor allem wenn es

Weihnachtsgeld (und die entsprechend hohen Abschläge für die

Kirchensteuer gibt), aber sie zahlen weiter.

Auch die Menschen auf dem Gebiet der früheren DDR müssen sich

seit dem 1. Januar 1991 ungefragt dem bundesdeutschen System

anschließen. Ein soziales Engagement der Kirchen wäre der DDRBevölkerung

1990 gewiß ebenso willkommen gewesen wie in

vorrevolutionären Zeiten. Doch der erste Akt, den die Kirchen

Deutschlands vorgenommen haben, war die Einführung des

bundesdeutschen Kirchensteuersystems auch in den Ländern der

DDR. Zweistellige Kirchenaustrittszahlen waren die berechtigte Folge.

Wo Geld statt Geist regiert, können denkende Menschen nicht anders

reagieren. Wo Piraten statt Demokraten handeln, dürfte von Moral

keine Rede mehr sein.

Welche Subventionen beanspruchen die Kirchen?

Großkirchen leben nicht von der Kirchensteuer allein. Sie erhalten in

der Bundesrepublik erhebliche Gelder aus allge meinen

Steuermitteln. Das wissen nur wenige von denen, die mitfinanzieren

müssen. Alle bundesdeutschen Steuerpflichtigen, unabhängig davon,

ob sie einer Großkirche angehören oder nicht, ob sie Christen oder

Mohammedaner sind, zahlen die Subventionen mit, die ihr Staat den

beiden Großkirchen zukommen läßt. Zu diesen »Staatsleistungen«

zählen: die bun-

256

desweite Finanzierung des konfessionellen Religionsunterrichts, die

jährlich etwa 3 Milliarden DM verschlingt; die Ausbildung des

kirchlichen Nachwuchses an Universitäten und Hochschulen (1,1

Milliarden DM); die Unterstützung kirchlicher Hochschulen und der

Universität Eichstätt; die staatliche Förderung konfessioneller

Seelsorgseinrichtungen bei Bundeswehr, Polizei und Justizvollzug (130

Millionen DM); die Ausgaben für Denkmalpflege (270 Millionen DM);

die Staatszu-schüsse zu der Besoldung von Geistlichen; die Befreiung

der Kirchen von Grund- und Grunderwerbssteuern, von Schen-kungs -

und Erbschaftssteuern sowie die Abzugsfähigkeit der Kirchensteuer.

Diese Subventionen ergeben eine jährliche Summe von über 7

Milliarden DM. Hinzu kommen Leistungen von Kommunen und

Kreisen, von der Bundesanstalt für Arbeit für ABM-Stel-len sowie

vom Bundesamt für Zivildienst. Der Subventionsbericht der

Bundesregierung sprach noch 1980 von insgesamt 31,7 Milliarden

DM jährlich, die an die Kirchen gegangen sind. 1983 war aufgrund

veränderter Kriterien nur noch von 15,5 Milliarden DM die Rede.

» Staatsleistungen« beruhen auf Gesetzen, Verträgen und besonderen

Rechtstiteln, die den Großkirchen das Recht auf spezielle

Subventionen einräumen. Dieses Recht ist in manchen Fällen über 150

Jahre alt. Auch wird seine Ablösung und damit das Ende der

Staatsleistungen bereits in der Weimarer Verfassung (Artikel 138 I)

gefordert. Aber die Bundesrepublik hat entgegen dem

Verfassungsgebot noch immer keine Anstalten gemacht, die Uralt-

Verpflichtungen abzulösen. Das bedeutet, unser Staat läßt noch immer

eine in und für Großkirchen orga nisierte religiöse Betätigung

ausnahmslos von allen Steuerpflichtigen finanzieren. Die

Großkirchen werden sich hüten, eine derart sichere Einnahmequelle

auch nur diskutieren zu lassen.

Hatte Rheinland-Pfalz 1962 noch gut 10 Millionen bezahlt,

257

waren es 1966 schon 13,3 Millionen DM. 1968 waren insgesamt 260

Millionen DM an solchen Staatsleistungen zu zahlen. Heute handelt es

sich gut um den fünffachen Betrag. Allein das Land Nordrhein-

Westfalen entrichtet der Kirche aufgrund seiner »ererbten«

Verpflichtungen jährlich die stattliche Summe von rund 350 Millionen

DM (das Parlament dieses Bundeslandes muß sich mit einem Zehntel

der Summe bescheiden). Darüber hinaus erläßt Nordrhein-Westfalen

den Kirchen Steuern, Gebühren und Abgaben in geschätzter Höhe von

150 Millionen DM pro Jahr. Diese halbe Milliarde stammt nicht aus

Kirchensteuern, sondern aus normalen Steuermitteln. Sie wird von

Christen wie Nichtchristen aufgebracht, von Kirchengebundenen wie

Kirchenfreien. Ohne es zu wissen, hat jeder nordrhein-westfälische

Steuerzahler 1987 mitfinanziert: 7,8 Millionen DM an »Dotationen

für die Erzdiözesen und Diözesen« - der Unterhalt für die Bischöfe des

Landes und deren Domherren; 25 Millionen DM für die Bezahlung

von ungefähr 200 Dozenten der Theologie und für die entsprechenden

Investitions- und Verbrauchsmittel; 292 Millionen DM für die

Gehälter von Religionslehrern an den Schulen des Landes -

Arbeitsmittel und Raumkosten nicht mitgerechnet. 1987 hat allein die

katholische Kirche zusätzlich 2,3 Milliarden DM an Kirchensteuern in

Nordrhein-Westfalen kassiert.

Neuere Staatskirchenverträge wie das niedersächsische Konkordat

von 1965 schleppen die Zahlpflicht nach wie vor mit sich herum. Als

hätten demokratisch gewählte Parlamente und Regierungen nichts

Volksfreundlicheres zu tun, als den Status quo für alle Zeiten

fortzuschreiben. Als hätten neuzeitliche Volks vertreter eine Option

darauf, die Sonderinteressen einer verschwindend kleinen (Kleriker-)

Gruppe noch immer in denselben Formen zu bedienen, die vor 200

Jahren - unter völlig anderen politischen Bedingungen - als Recht

galten. Seit 1919 wurden keine ernsthaften gesamtdeutschen

Anstrengungen unternommen, das Verfassungsgebot der

»Ablösung von

258

Staatsleistungen« einzulösen. Das herrschende Interesse geht in die

entgegengesetzte Richtung: Statt von Ablösung zu sprechen, wird eine

»Garantie« der Staatsleistungen gefordert, die künftige Änderungen

unmöglich machen soll. Die in diesem Geist geschlossenen neueren

Kirchenverträge garantieren die bisherigen Leistungen in Form von

Geldrenten; von Ablösung sprechen sie nicht. Die Kirche lebt auf

Rentenbasis, und sie lebt ganz gut. Die Staatsleistungen laufen so lange

weiter, wie niemand ihren Stopp fordert und durchsetzt.

Wofür sollte die Kirche denn »entschädigt« werden?

Warum müssen die Bundesländer solche Leistungen erbringen ? Wer

hat ihnen diese gesetzlichen und vertraglichen Verpflichtungen

eingebrockt? Sie haben die Folgen der »Säkularisation« zu tragen, jener

Enteignung von Kirchengut aus dem Jahr 1803, für die immer noch

»Entschädigung« an die Großkirchen zu zahlen ist. Die Kirche hatte

einmal den größten Grundbesitz in deutschen Landen. Wie sie zu der

unheimlich großen Menge Land kam, ist eine andere Frage. Noch

immer liegen darüber keine verläßlichen Angaben vor. Die

Geschichtswissenschaft hüllt sich in Schweigen, und die Kirchenge

schichtler tun gut daran, nicht allzuviel zu wissen.

Der Klerus besaß im 13. Jahrhundert fast ein Viertel allen Grund

und Bodens in Deutschland. Selbst die Reformation hat an diesen

Tatsachen nicht viel geändert. Zwar wurden im Dreißigjährigen Krieg

ehemals bischöfliche und klösterliche Besitzungen zuhauf säkularisiert,

das heißt in weltlichen Besitz übergeführt. Doch blieb noch genug

übrig. Gefahr drohte beispielsweise den geistlichen Kurfürsten von

Köln, Trier und Mainz sowie den Bischöfen von Worms und Speyer —

alle miteinander Erben und Nutznießer zusammengeraubten Besitzes -

erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Kaiser Franz II. mußte 1801

namens des sich auflösenden Reichs das gesamte Land

259

links des Rheins an Frankreich abtreten. Die deutschen Reichsfürsten

schrien Zeter und Mordio: Sie wollten für ihre links rheinischen

Verluste rechtsrheinisch entschädigt werden. Als Entschädigungsmasse

bot sich das Kirchengut an. Der »Reichs-deputationshauptschluß« von

Regensburg (22. Februar 1803) hat eine allgemeine Säkularisation der

Reichskirchen festgelegt. Alle reichskirchlichen Hoheitsrechte und

Güter wurden zugunsten weltlicher Fürsten konfisziert. Diese

Säkularisation betraf ein Gebiet von über 1700 Quadratmeilen mit

mehr als drei Millionen Einwohnern, die drei rheinischen

Kurfürstentümer Köln, Trier und Mainz sowie das Fürsterzbistum

Salzburg, dazu 18 Reichsfürstenbistümer, etwa 80 reichsunmittelbare

Abteien und Stifte sowie über 200 Klöster. Die weltlichen Herren

konnten zufrieden sein: Bayern hatte das Siebenfache seines Verlustes

erhalten, Preußen das Fünffache, Württemberg das Vierfache. Aber

die Kirche war unzufrieden, der Verlust rief nach Sühne. Daher

wurden die säkularisierenden Fürsten dazu verpflichtet, künftig für die

Ausstattung von Bischofskirchen und für die Zahlung von Pensionen an

die Geistlichkeit zu sorgen. Im Lauf der folgenden Jahrzehnte wurden

diese Verpflichtungen in eigenen Kirchenverträgen konkretisiert;

Zusagen, die bis heute eingehalten werden müssen. Wer sich als

deutscher Staat versteht, zahlt. Das Kaiserreich hat gezahlt, die

Weimarer Republik ebenso, und die Bundesländer machen es nicht

anders. Während die Kirche keines ihrer vielen Opfer je entschädigt

hat, läßt sie selbst sich über Jahrhunderte hinweg entschädigen.

Wird diese Tatsache auch nur im entferntesten tangiert, kommt

sofort das klerikale Lamento auf. Im Dezember 1918 hatten die

deutschen Bischöfe nichts Wichtigeres zu tun, als gegen den

drohenden Entzug der Staatsleistungen zu protestieren und mitten im

Nachkriegseiend Deutschlands von ihrer eigenen »Beraubung« zu

sprechen. Pfarrer predigen gern Verzicht und Opfer. Ihre Kirche geht

nicht mit gutem Beispiel

260

voran. Sie klammert sich an die überholten Staatsleistungen wie an

eine gesicherte Rente. Ihre Wortführer haben es geschafft, sich als

»Opfer« darzustellen. Und alle zahlen, ungefragt, noch weitere

Entschädigung an den Klerus. Die Bundesrepublik ist

Gesamtschuldnerin der Kirche geblieben. Zum Trost: Für früher

geschehene Enteignungen von Kirchengut, wie sie etwa Karl Martell

(gestorben 741) durchgeführt hat, brauchen wir nicht auch noch zu

zahlen. Kein Bundesland interpretiert sich als Rechtsnachfolger des

Karolingers. Die von Klerikern im Zusammenhang mit den

Staatsleistungen gebrauchte Formel von der »Folgehaftung« der

Deutschen greift in diesem Fall nicht.

Wieviel Steuergelder reicht der Verteidigungsminister an die

Großkirchen weiter?

Grundsätzlich: Die Armee ist nicht unglücklich über ihre Pfarrer. Denn

bei der sogenannten Militärseelsorge geht es darum, »ein getröstetes

Gewissen für das legitime Tun des Soldaten im Kriege zu geben«, wie

ein Informationsblatt der Hardthöhe meldet. Getröstete Gewissen

bezahlen ganz gern. Wird ihr Tun gerechtfertigt, sollen die Tröster

nicht darben. Es kann guten Gewissens davon ausgegangen werden,

daß jährlich um die 45 Millionen DM an Löhnen und Gehältern allein

an das kirchliche Bodenpersonal gehen. In diesen Grundbezügen sind

nicht enthalten: Trennungsgelder, Umzugskosten, Vergütungen für

Dienstreisen. Die beiden Militärbischöfe — einer katholisch, einer

evangelisch — kassieren eigene Sonderzulagen. Ihre Gehälter liegen

jeweils bei 180000 DM pro Jahr. Versteckte Zahlungen wie die

Erstattung von Telefongebühren, die Bereitstellung von Kraft- und

Schmierstoffen, die Bezahlung von dienstlich verbrauchter Energie

(Strom, Gas, Öl) kommen hinzu. Erwerb und Haltung von

Dienstfahrzeugen für Militärpfarrer kosteten 1988 über 900000 DM.

Der für alle Rekruten verbindliche

261

(und damit verfassungswidrige), von Militärpfarrern erteilte

»Lebenskundliche Unterricht« machte 890000 DM erforderlich. Für

die Teilnahme von Soldaten an religiösen Sonder-übungen wie

Exerzitien war fast eine Million DM vorgesehen. Die Anschaffung

seelsorgerischer Schriften und der Druck militärgeistlicher

Verlautbarungen kosteten die Bundesrepublik über 400000 DM. Eine

ähnlich hohe Summe haben 1988 die Gebet- und Gesangbücher von

Soldaten verschlungen. Dazu kamen 167000 DM für Kultgeräte und

Kultkleidung. Das Bun-desverteidigungsministerium zahlt demnach

nicht nur für Panzer und Raketen, sondern auch für Altarkerzen und

Meßweine. Alle Kirchenfreien zahlen mit. Dabei dürfte der

weltanschaulich neutrale Staat nach seiner eigenen Verfassung eine

Militär-seelsorge nur zulassen, nicht aber »einrichten«, geschweige

denn voll finanzieren.

Daß vorerst in der Bundesrepublik alles weiterlaufen wird wie

gehabt, beweisen die am 1. Januar 1990 in Kraft getretenen

»Päpstlichen Statuten für den Jurisdiktionsbereich des Katholischen

Militärbischofs für die Bundeswehr«. Sie garantieren den Bischöfen

und Pfarrern, die sich der Seelsorge an den Soldaten widmen, Geld,

Diensträume und Kirchen — alles auf Staatskosten. Papst Johannes Paul

II. hat nicht ohne Grund den Militärdienst als »würdig, schön und

edel« bezeichnet — und den Dienst mit der Waffe als »sehr positiv«,

zumal der Friede endgültig erst im Reiche Gottes zu erlangen sei.

Damit steht er voll in der Tradition seines Amtes.

Doch nicht alle sehen es ebenso. Die Einführung der

Militärseelsorge in den fünf neuen Bundesländern stößt auf

evangelischer Seite auf erhebliche Schwierigkeiten. Aus Kreisen

evangelischer Pastoren ist zu hören, daß keine Neigung besteht, die

überwundene sozialistische Weltanschauungsarmee durch eine neue,

klerikal getröstete ersetzen zu lassen.

262

Sollen Kirchenfreie den Kölner Dom mitbezahlen?

Kirchen kann ein Mensch für Denkmäler aus überholten Zeiten halten,

aus Zeiten, die am besten nicht mehr wiederkommen, als »Grabmäler

Gottes«, um mit Nietzsche zu sprechen. Doch diese Meinung bewahrt

nicht davor, für den Erhalt vieler Kirchenmuseen mitbezahlen zu

müssen. Die Bürger der Bundesrepublik berappen über die

Denkmalpflege Jahr für Jahr Millionen zum Erhalt und zur

Renovierung von Kirchen, die nicht besonders effektiv genutzt

werden. Der bayrische Landeshaus halt 1986 führte folgende

Titelgruppen auf: zur Unterhaltung der kircheneigenen kirchlichen

Gebäude 19,5 Millionen DM; zur Ablösung von Bauverpflichtungen

des Staates 2 Millionen; zur Instandhaltung der bayrischen Dome 3,8

Millionen; zur Bauverpflichtung an einzelnen kirchlichen Gebäuden

19,5 Millionen DM. Der Etat für 1987 ging von insgesamt fast 59

Millionen DM für kirchliche Gebäude aus. Zuschüsse von Kreisen und

Kommunen waren in dieser Summe noch nicht enthalten. Nordrhein-

Westfalen zahlt durchschnittlich fast ein Drittel der Landesmittel für

Denkmalpflege für kirchliche Gebäude. Seit 1980 wurden allein in

diesem Bundesland 190 Millionen DM an Steuergeldern für Kirchen

investiert. Bayerns Aufwendungen haben sich zwischen 1980 und

1988 fast verdoppelt. Der Freistaat hat insgesamt für über 1300

kirchliche Gebäude mit staatlicher Baulast und staatseigene

Kirchengebäude aufzukommen. Der kirchliche Eigenanteil liegt etwa

bei 25 Prozent der staatlichen Aufwendungen. Unter diesen

Umständen leuchtet es ein, daß von einem förmlichen Boom in Sachen

Kirchenrenovierung gesprochen werden kann. Gemeinden entrichten

bis zu 100 Prozent der Kosten für Kirchtürme, Innen- und

Außenrenovierungen, Turmuhren, elektrische Läutewerke. Die Pfarrer

halten die Hand auf, und die Kommunalpolitiker drängen: Keine

Gemeinde will sich lumpen lassen, wenn die Nachbargemeinde bereits

»renoviert« hat. Für die Innenrenovierung

263

des Regensburger Doms zahlte Bayern 3,8 Millionen DM, bei einer

Eigenleistung der Diözese von 766000 DM. Das bedeutet, daß die

reiche Kirche selbst nur ein Fünftel, die öffentliche Hand vier Fünftel

der Renovierung einer Bischofskirche übernimmt. Ähnlich wird es in

anderen Fällen sein: Die Renovierung des Doms zu Fulda soll

Gesamtkosten von 52 Millionen DM verursachen. Wieviel will die

betroffene Kirche beisteuern? Wieviel müssen die unbeteiligten

Kirchenfreien auf dem Umweg über ihre Steuerzahlungen berappen?

In Frankfurt ist schon klar, was auf sie zukommt: Die Restaurierung

des Kaiserdoms wird etwa 28,5 Millionen DM kosten; die katholische

Kirche möchte davon gerade 3 Millionen DM tragen. Das sind nicht

einmal lächerliche 11 Prozent.

Das Verhältnis zwischen kirchlicher Eigenleistung und staatlicher

Bezuschussung ist in Deutschland nach einem bewährten Prinzip

geregelt: Immer übernehmen nichtkirchliche Stellen den Löwenanteil

der Kosten, während die Kirchen ihren Eigenanteil so gering wie

möglich halten. Die klerikale Lobby hat ihre nachweislichen Erfolge

auch auf diesem Gebiet, zumindest solange die bundesdeutschen

Steuerzahler keinen Widerstand gegen diese Plünderung öffentlicher

Kassen leisten.

Bezahlen Konfessionslose für Priesterschüler,

Atheisten für Theologen?

Die Personalkosten für den Fachbereich Evangelische Theologie der

Universität Hamburg lagen 1985 bei 2 Millionen DM, die Sachkosten

bei 163000 DM. Bayern gibt durchschnittlich fast 2 Millionen DM

aus, um »das Einkommen der Leiter und Erzieher an bischöflichen

Priester - und Knabenseminaren zu ergänzen«. Hinzu kommen jährlich

320000 DM als Unterhaltsbeitrag für solche Seminare. Für Neubauten

im Bereich des Augsburger Priesterseminars wurden 1985 und 1986 je

2,5 Millionen DM aufgebracht; das Münchner Pries terseminar ko-

264

stete die Steuerzahler (auch die kirchenfreien) zwischen 1982 und

1983 über 2 Millionen DM. Nordrhein-Westfalen war die Ausbildung

von Priesterschülern und Theologen 1987 etwa 25 Millionen DM

wert.

Die beiden neuesten »Fälle« von Theologen, die wegen ihrer Heirat

in Tübingen aus dem Amt getrieben worden sind, haben eine rege

Diskussion um die Finanzierung konfessioneller Universitätsfakultäten

entfacht. Der baden-württembergische Wissenschaftsminister Engler

(CDU) möchte künftig die Kirche an der Finanzierung beteiligen:

Immerhin machen die Gehälter der vier Tübinger infolge

innerkirchlicher Querelen geschaßten Professoren pro Jahr um die

500000 DM aus. Für den vom Land zu stellenden »Ersatz« (also vier

weitere Professoren) ergibt sich die gleiche Summe, Kosten für

Mitarbeiter und Sachkosten nicht eingeschlossen.

Daß den theologischen Fakultäten an bayrischen Universitäten (ohne

Eichstätt) 1985 nicht weniger als 166 Professoren und 166 Stellen für

wissenschaftliches Personal zur Verfügung gestellt wurden

(Personalkosten 30,377 Millionen DM), kann nur mit einer

effizienten Lobby erklärt werden. Noch immer sind zum Beispiel

Gewerkschaften nicht annähernd erfolgreich. Ihnen steht kein

Weltanschauungsprofessor zur Verfügung, der an einer eigenen

»Gewerkschaftsfakultät« einer staatlichen Universität besoldet würde.

Noch immer - wie lange noch? -läßt es sich auch ohne Volk klerikal

leben.

Die von den (alten) Bundesländern zu tragenden Kosten für die

Priester- und Theologenausbildung an Universitäten und

Kirchenhochschulen werden gegenwärtig auf eine volle Milliarde DM

pro Jahr geschätzt; eine horrende Summe. Noch makabrer wird diese

Zahl, wenn man bedenkt, daß sie in etwa der Summe entspricht, die

die Kirchen aus eigenen Mitteln für das öffentliche Sozialwesen

ausgeben. Also: Hier eine Milliarde vom Staat für den

Klerikernachwuchs, da die gleiche Summe von der Kirche für die

Caritas. Eine um so üblere — wenn auch

265

oft angewandte — Methode ist es, Konfessionslose als Schmarotzer

kirchlicher Sozialeinrichtungen zu diffamieren. Zum einen wenden

die Kirchen nur einen sehr geringen Prozentsatz ihrer

Kirchensteuereinnahmen für öffentliche karitative Zwecke auf,

zum anderen finanzieren Kirchenfreie über ihre allgemeinen Steuern

die Priesterausbildung, den Religionsunterricht, die Militärseelsorge

und andere typisch klerikale Einrichtungen mit. Stellt man die

kirchlichen Sozialleistungen zugunsten der Öffentlichkeit den

Subventionen der öffentlichen Hand für klerikale Angelegenheiten

gegenüber, so ergibt sich ein krasses Mißverhältnis von mehr als 1:8

zum Nachteil der Konfessionslosen. Wer's nicht glauben will,

plädiere für eine schrittweise vorzunehmende Entflechtung staatlicher

und kirchlicher Subventionierung und lasse verifizieren, welche Seite

mehr von der anderen profitiert!

Was hat sich denn da angehäuft?

Geld statt Geist. Manche wollen dies gar nicht gern hören. Doch die

Fakten sprechen augenfällig für die Richtigkeit dieses klerikalen

Leitsatzes. Es ist ja nicht so, als hätten die Kirchen die Armut

gepachtet. Nicht einmal erfunden haben sie diese. Wer sich

aufmerksam umschaut, sieht an allen Ecken und Enden, was sich in den

Jahrhunderten des Raffens hat anhäufen lassen. Er begreift, weshalb die

Propheten des Verzichts, die im Lauf der Kirchengeschichte

aufgetreten sind, kein Gehör fanden. Wo Geld ist, wo der Wille zum

Geld ist, sammelt sich weiteres Geld. Unaufhaltsam. Die Fensterreden

über Opfer und Verzicht, die sich die Besitzenden Sonntag für Sonntag

in ihren Predigten abringen, sind weder ernst gemeint, noch ernst zu

nehmen. Klerikaler Grund- und Aktienbesitz sprechen die wahre

Sprache. Es gehört nicht viel guter Wille dazu, sie auch zu hören.

266

Wieviel Grund und Boden besitzen die Kirchen?

Nach dem Ende der Hitler-Diktatur präsentierte sich die Catho-lica —

vertreten durch ihre Bischöfe — als jene Institution, die fast als einzige

moralisch integer und ohne größere Schuld aus dem Bankrott des

Dritten Reiches hervorgegangen sei. Westdeutschland fing wieder an

zu beten. Mitten im materiellen und ideellen Chaos der frühen Jahre

gelang es der Kirche, sich ohne Anerkenntnis eigener Schuld einer

aufgewühlten bis verwirrten Öffentlichkeit als Wahrerin ewiger (und

damit unzerstörbarer) Werte anzudienen. Flugs reparierten die

Wechsler ihre Tische, stellten sie wieder auf und machten ihre

Geschäfte, als sei nichts gewesen.

Papst Pius XII. erwies sich als Schrittmacher. Auch seine

Geisteswende 1945 grenzte ans Wunderbare. Wieder einmal hatte der

Pontifex alles von Anfang an gewußt; von neuem begann er, seine

wegweisenden Reden zu halten, wenn auch mittlerweile in die andere

Richtung. Über die Ermordung von Millionen Juden verlor er

ebensowenig ein Wort wie über den Anteil seiner Person und seiner

Kirche an der Legitimation und Festigung des Nationalsozialismus. Die

Richtung, die der oberste Wendehals wies, wurde wegbestimmend für

die katholische Zukunft: Ganze klerikale Literaturen — so der

Historiker Hans Kühner — sind seit 1945 bemüht, »jede Andeutung

von Mitschuld und Mitverantwortung weit von sich zu weisen und

jeder sachlichen Dokumentation ... Wen, Gewicht und zum Teil

wirklich christliches Bemühen um Erkenntnis abzusprechen und als

Kirchenfeindschaft auszulegen, was der Wahr heitsfindung dient«.

Nicht ohne Wirkung auf gläubige Gemüter: Noch im Juni 1986 hat

Bundeskanzler Kohl bedauert, »daß einem der Vorgänger des jetzigen

Papstes durch einen Schriftsteller deutscher Zunge Unrecht

widerfahren« sei. Die Rede war von Rolf Hochhuth und dessen

»Stellvertreter- Trauerspiel um den großen Schweiger Pius XII.

Vom Unrecht, das

267

Menschen durch Päpste widerfahren ist, hat kein Bundeskanzler im

Namen des deutschen Volkes auch nur ein Sterbenswörtchen gesagt.

Während ringsum alles in Trümmern lag, während die vielen

vorletzten Ideale entlarvt waren, zeigte sich eine Institution ohne jeden

Makel. Eine für die »Lobbyistin des Himmels« ausgesprochen

günstige Zeit. Günstig nicht nur in ideeller Hinsicht. Günstig auch,

was die pekuniäre Seite des Unternehmens betraf. Einer Kirche, die

sich als siegreich Gerettete präsentierte und den ausgehungerten

Hirnen und Herzen zeitlose Wahrheiten predigte, krümmte keiner der

neuen Beter ein Haar. Kriegsschuld hatten andere zu tragen. Die Frage

nach Reparationsleistungen stellte sich dieser Kirche nicht. Von einer

Institution, die sich als schuldfrei definiert hatte, Derartiges zu

verlangen, wäre als Skandal empfunden worden. Eine Retterin erntet

Dank.

Was heute vergessen wird: Kirchen hatten bereits in den ersten

Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg wieder einen respektablen Kredit

(Glaubwürdigkeit) und erhebliche geldwerte Vorsprünge — genau wie

nach dem Ersten Weltkrieg, als der Klerus die Inflation vermöge seines

ausländischen Kapitals in Deutschland derart nutzte, daß er hier — um

nur dies zu nennen -von 1919 bis 1930 monatlich durchschnittlich

zwölf bis dreizehn Klöster gegründet hat. Der sogenannte

Neuanfang und der Neuaufbau nach 1945 sind Leistungen des

Wiederaufbaus gewesen: Die ererbten Strukturen und

Besitzverhältnisse wurden im vollen Wortsinn restituiert,

wiederaufgebaut. Die Kirchen konnten mit der Garantie des Status

quo gut bis sehr gut leben. Ihr Vorsprung hat es ihnen erleichtert,

Monopole auszubauen und die Prozesse der Konzentration

wirtschaftlicher Macht zu nutzen. Das garantierte ideelle und

materielle Vermögen war eine Quelle zusätzlichen Einkommens und

dieses wiederum eine Quelle zur Bildung neuen Vermögens. Kein

Wunder, daß sich in der Hand der Großkirchen eine immer

268

größer werdende ökonomische und politische Macht konzentrierte.

Nein, kein Wunder, keine hilfreiche Hand Gottes, sondern das

Resultat wirtschaftlicher Prozesse, wie sie - unter dem Schutz eines

weltanschaulich neutralen Staates — zugunsten der besitzenden Kirchen

erfolgen. »Wer hat, dem wird noch dazugegeben werden.« (Mt 13, 12)

Eines der seltenen Worte aus der Heiligen Schrift, die sich auf klerikale

Praktiken anwenden lassen.

Es war den Kirchen nicht nur geglückt, ihre früheren

Liegenschaften und Ländereien aus dem Chaos zu retten. Sie

konnten auch für den beim Wiederaufbau abgetretenen Grund und

Boden meist größere Ersatzländer erwerben. Verringert hat sich ihr

Besitz an landwirtschaftlich genutzten (und verpachteten) Böden, an

Wald und bebauten Grundstücken nicht, auch wenn - aus Gründen der

Wirtschaftlichkeit - immer wieder umgeschichtet wurde. Der gesamte

Besitz der katholischen Kirche in der Bundesrepublik an

landwirtschaftlicher Nutzfläche wird 1967 auf 3,5 Milliarden

Quadratmeter geschätzt - eine Fläche etwa elfmal so groß wie die der

Stadt München. Von diesen 3,5 Milliarden Quadratmetern waren

1967 ungefähr 77,5 Prozent verpachtet — und brachten mindestens 45

bis 50 Millionen DM an jährlicher Pacht ein.

Der entsprechende Grundbesitz der evangelischen Landeskirchen

ist verhältnismäßig gering, doch auch nicht unerheblich. 1967 wurde

er auf 700 Millionen Quadratmeter landwirtschaftliche Nutzfläche

geschätzt, also auf ein Fünftel des römisch-katholischen Besitzes. Die

evangelische Landeskirche Berlin-Brandenburg gab 1987 an, unter

anderem über 226 Hektar »Kirchhofs-Land« zu verfügen und auf

Kirchhöfen über 23 »Wartehallen und Läden«. Der Haushaltsplan der

katholischen Kirche in West-Berlin führte 1989 an

Grundstückserträgen 771 000 DM an. Zinserträge aus demselben Jahr

haben in Berlin 3,5 Millionen DM ausgemacht. Nach einer

Mitteilung von 1977 besaßen die evangelischen Kirchen in der DDR,

damals die

269

einzigen nichtstaatlichen Großgrundbesitzer, dort etwa 1,5 Milliarden

Quadratmeter Ackerland. Die evangelische Kirche ist - nach der

katholischen (wie immer) - die zweitgrößte nichtstaatliche

Grundeigentümerin Deutschlands. Zum Vergleich: Die drei

Stadtstaaten Hamburg, Bremen und West-Berlin kommen mit 1,634

Milliarden Quadratmetern zusammen auf eine nur geringfügig

größere Gesamtfläche.

Ein Großteil des kirchlichen Vermögens besteht aus Gebäuden, die

dem Kult und dessen Dienern dienen. Kathedralen, Kirchen, Kapellen

und Pfarrhäuser sollen freilich, wie immer wieder zu hören ist, »kaum

einen Marktwert« haben. Doch fänden solche Gebäude, stünden sie je

zum Verkauf, wirklich keine Interessenten? Diese Werte stehen nicht

einfach bloß auf dem Papier. Ob sich zwar ein Käufer für den Kölner

Dom einfände, müßte sich erst noch zeigen. Sicher ist, daß all die

Pfarr- und Gemeindehäuser, die es in jedem Ort gibt, jederzeit

verkäuflich wären. Die 1967 von Klaus Martens genannten

Schätzungen des kirchlichen Besitzes in Höhe von sechs bis zehn

Milliarden DM sind realistisch. In der Zwischenzeit erfuhr der

Kirchenbesitz einen Wertzuwachs, so daß er gegenwärtig auf etwa

zwanzig Milliarden DM geschätzt werden kann. Solche Schätzungen

enthalten noch nicht die zunächst unschätzbar erscheinenden Werte,

die den Kirchen auch gehören : Kunstschätze in Milliardenhöhe. Hinzu

kommen die riesigen (auf eine dreistellige Milliardenzahl geschätzten)

Vermögen der »karitativen« Einrichtungen der Kirchen. Auch diese

Werte werden gern als unrentabel eingestuft. Gewiß erbringen

Kindergärten und Altersheime keinen großen wirtschaftlichen Nutzen.

Doch sind sie deswegen noch keine Nullen in der Berechnung eines

Gesamtvermögens.

Die Kirchen sind mit den Renditen ihrer Ländereien ebensowenig

unzufrieden wie mit den Erfolgen ihrer unternehmerischen

Aktivitäten. In aller Stille wird einiges eingefahren. Öffentlich

sprechen Kleriker davon, daß die - zu wesentlichen

270

Teilen aus dem Mittelalter stammenden und recht zweifelhaften -

Besitztümer an Wald, Weinberg und Wiese keine hohen Erträge

abwerfen. Warum aber geben die Kirchen solche als unrentabel

bezeichneten Grundstücke nicht einfach auf? Sie werden als

»Tauschpfänder« benötigt, wenn die Kirche an »geeigneter Stelle

Bauplätze für Heime und Kindergärten sucht«, heißt eine offiziöse

Auskunft. Gegen dieses Argument haben es jene Bauern schwer, die

das kirchliche Gebaren erregt, das notwendige Flurbereinigungen

unmöglich macht. Wer möchte schon daran mitschuldig sein, daß

keine Kindergärten mehr gebaut werden können, weil er gerade dem

Pfarrer ein Grundstück abgekauft hat? Die katholische Kirche — in

Bayern trotz der Säkularisation noch immer größte nichtstaatliche

Grundbesitzerin - kauft bis heute immer wieder über verschiedene

Stiftungen den Besitz verschuldeter Bauern auf.

Soll niemand mehr die Kirche »beschenken«?

Klerikale Empfehlungen haben ihre Methode und ihre Tradition. Der

Theologe Salvian hatte bereits im 5. Jahrhundert wohlhabenden Eltern

empfohlen, ihr Vermögen lieber der Kirche als »Opfergabe« zu

hinterlassen als den eigenen Nachkommen, weil es besser sei, die

Kinder litten in dieser Welt, als daß die Eltern in der nächsten

verdammt würden. Im Jahr 321 wurde die Kirche allgemein zur

Annahme von Erbschaften berechtigt. Dies trug ihr soviel ein, daß

kaum zwei Generationen später der christliche Staat Gesetze erlassen

mußte »gegen eine Ausbeutung frommer Gläubigkeit, besonders der

Frauen durch den Klerus«. Gleichwohl wuchs der kirchliche Besitz ins

Riesenhafte, da die Schenkungen epidemische Ausmaße annahmen:

Die Kirche besaß zeitweilig ein Drittel Europas.

Wer ein Stück Land an die Kirche verschenkt, damit diese ein

Altersheim darauf errichtet, kann glauben, er habe auf Erden Gutes

getan. Aber wem hat er es getan? Den anderen, den

271

Beschenkten, oder sich selbst? Gerade im »Glauben« liegt dann viel

Gewalt beschlossen, wenn auch nur der geringste materielle oder

ideelle Nutzen mit im Spiel ist. Oder läßt sich bei solchen

Schenkungen etwa ganz ausschließen, daß der Schenkende sich »da

drüben« besser versorgt glaubt, als wenn er nicht geschenkt hätte?

Ein religiöser Mensch, sagt Nietzsche, denkt nur an sich. Und ist es

von vornherein undenkbar und jeder menschlichen Erfahrung fremd,

daß sich diejenigen, die eine solche Schenkung anregen, des Mediums

»Glauben« bedienen, um an Geld und Gut anderer zu kommen? Ganz

uneigennützig sind weder die Schenkenden noch die Beschenkten. Die

einen glauben, für den Himmel Schätze erworben zu haben. Die

anderen wissen, daß sie schon hier auf Erden Schätze erlangt haben.

Von denjenigen, welchen die Schenkung dienen soll, ist bei solchen

Geschäften meist nur am Rand die Rede. Das ist konsequent: Sie, die

Armen, sind austauschbar. Der Schenkende ist verstorben, die Kirche

hat das Grundstück, und die Armen sind darauf angewiesen, daß sie es

wenigstens nutzen dürfen. Gehören wird es ihnen in keinem Fall.

Immer sind sie in der Rolle derer, die das Almosen aus dem Eigentum

(der Kirche) empfangen. Es ist nicht unwichtig, sich solche

Grundregeln einzuprägen. Sie sind immer und überall gültig, wo es

um Schenkungen an die Kirche geht. Wo geschenkt und vererbt wird,

häuft sich Geld. Schon 1940 wurde das Rohvermögen der Klöster in

Deutschland auf über 608 Millionen Reichsmark beziffert. Und der

Gemeinschaftsbesitz von Klöstern in der Bundesrepublik wird

inzwischen vorsichtig auf drei Milliarden DM geschätzt. Es ist offenbar

gelungen, das Armutsgelübde, das für den einzelnen Mönch und die

einzelne Nonne gilt, im Hinblick auf die »Gemeinschaft« von Nonnen

und Mönchen zu umgehen.

Die Anteile der Kirchen an sonstigen Wirtschaftsunternehmen der

Bundesrepublik werden als »unbedeutend« eingestuft. Diese

Harmlosigkeit vortäuschende Bezeichnung wird gestützt

272

durch Hinweise auf die eine oder andere Brauerei von regionaler

Bedeutung, die der Kirche gehört. Doch sagen solche Hinweise mehr,

als sie selbst wollen. Daß es in Passau eine diöze-sane Brauerei, in

Bayern ein Dutzend Klosterbrauereien, an Rhein und Mosel kirchliche

Weingüter gibt, daß Klosterliköre ebensogern produziert wie getrunken

werden, daß Wallfahrer-Tropfen ihre Gewinne abwerfen, daß man ein

paar kircheneigene Hotels und Restaurants unterhält, malt ein

idyllisches Bild von der Gesamtlage. Kaum jemand verdenkt es dem

Klerus, wenn er sich auf diese Weise ein bescheidenes Zubrot verdient -

oder sich für seinen Dienst an den Armen der Republik rüstet. Doch

kann nicht übersehen werden, daß diese paar Brosamen vom Tisch

einer sehr reichen Institution fallen, die anderweitig unverhältnismäßig

mehr Geld gemacht hat und macht, durch Industriebeteiligungen

nämlich und Wertpapierbesitz in Milliardenhöhe. Über diese stillen

Teilhaberschaften spricht man unter geistlichen Herren nicht. Auch

sind Kleriker als Mitglieder oder Vorsitzende von Aufsichtsräten so

gut wie nie im Gespräch.

Priester nennen ungern die Summen, die aus frommen Stiftungen

und Spenden stammen. Ein einziges bundesdeutsches Bistum rechnet

jedoch pro Jahr allein mit einem Spendenaufkommen von 33 Millionen

DM. Ein evangelischer Präses stellt fest, daß noch immer

testamentarische Millionen fließen, die rheinischen

Schwerindustriellen jedoch nicht mehr wie früher hohe Stiftungen

aussetzen. Wer weiß? Der Lehrsatz, daß man Trinkern, Spielern und

Pfarrern kein Geld schenken soll, weil dies das Problem nur verlängert,

ist noch nicht allgemein anerkannt.

273

Gibt es realistische Alternativen zur Kirchensteuer?

Immer wieder tauchen Vorschläge auf, die eine Änderung des Status

quo anstreben. 1968 setzte der Bonner Kirchenrechtler Hans Barion

anstelle der »Austritts-Alternative« eine »Weige-rungs -Alternative«.

Der Frankfurter Jesuit Oswald von Nell-Breuning hat diesen Vorschlag

aufgegriffen und 1969 angeregt, der Staat solle künftig den Einzug der

Kirchensteuern davon abhängig machen, ob der Steuerpflichtige

widerspricht oder nicht und damit formlos seine Einwilligung gibt

oder verweigert. Dadurch könne der einzelne sich dem staatlichen

Inkasso entziehen, ohne deshalb schon kraft rechtsförmlicher Erklärung

mit der Kirche brechen zu müssen. Und der damalige Ratsvorsitzende

der Evangelischen Kirche in Deutschland, Bischof Scharf, hatte sich

schon 1967 gegen das Staatsinkasso als solches ausgesprochen. Keiner

der beiden Vorschläge war erfolgreich. Das liegt nicht allein an dem

unheilbar guten Gewissen der Kleriker. Es hat auch mit Angst zu tun,

die jede Veränderung bei den von ihr Betroffenen erzeugt. Die

Kleriker, die zu wesentlichen Teilen von der Kirchensteuer leben,

bekommen Angst um ihre Existenz, und die sogenannten einfachen

Christen bekommen gezielt Angst gemacht: Wird verändert, wird alles

schlimmer. Jedes Experiment auf diesem heiklen Gebiet kann nur

schiefgehen. Würden alle jedoch ehrlich und vollständig informiert,

sähe alles anders aus.

Anregungen für eine Wende gibt es genug. Die Interessierten

brauchen sich nur umzusehen, wie das Problem in den anderen

Wohnungen des gemeinsamen europäischen Hauses

staatskirchenrechtlich geregelt ist. Beispiel Kirchensteuer: 1972 wurde

in der Bundesrepublik eine Alternative zum gewohnten System der

Kirchenfinanzierung vorgelegt (»Herrmann-Mo-dell«). Dieses Modell,

das eine Solidarabgabe aller Bürgerinnen und Bürger für

Gemeinschaftsaufgaben anregte, hat man in Deutschland schnell unter

den Teppich gekehrt. Andere Länder

274

zeigten weniger Berührungsängste. Seit ein paar Jahren ist es in

Europa zweimal (in modifizierter Form) eingeführt worden. Der

Vatikan hat sich bereits 1979 in einem Vertrag mit Spanien auf ein

Modell festlegen lassen (oder es selbst gewählt, um keine noch

größeren Einbußen zu erleiden), das in der Bundesrepublik noch nicht

einmal 1991 als diskutable Lösung der eige nen Probleme gilt. Die

Steuerpflichtigen in Spanien konnten in ihrer Erklärung ankreuzen —

entweder »für die wirtschaftliche Erhaltung der katholischen Kirche

beizutragen« oder »andere Ziele von sozialem Interesse« mit ihrem

Beitrag von etwas über einem halben Prozent des Steuerbetrages

mitzufinanzieren«. 37 Prozent der Spanierinnen und Spanier haben

sich dabei für die Zahlung ihrer Solidarabgabe an die Kirche

entschieden. Das entspricht etwa der Zahl der regelmäßigen

sonntäglichen Kirchenbesucher.

Das Konkordat zwischen dem Heiligen Stuhl und der Republik

Italien vom 18. Februar 1984, welches die 1929 mit Mussolini

geschlossenen Lateranverträge revidieren sollte, ging einen ähnlichen

Weg. Zwar ist es noch immer durchsetzt mit typisch klerikalen

Ansprüchen, gegen die viele Italienerinnen und Italiener seither

protestieren. Doch auch dies Konkordat — und seine Zusätze — sind

auf finanziellem Terrain weitaus moderner als die veralteten Verträge, an

die sich die Bundesrepublik noch immer halten muß, weil sich offenbar

niemand findet, der hier durchgreifend ändern will. In Italien ist dies

geschehen. Die Steuerpflichtigen können persönlich darüber

bestimmen, wer Steuergelder erhalten soll. Die Gelder derjenigen, die

nicht optiert haben, werden aufgeteilt, wie es der prozentualen

Gesamtentscheidung all derer entspricht, die sich festgelegt haben. Wer

nicht optiert, wendet wenigstens einen Teil seines Steuergeldes der

Kirche zu. Wie wäre es mit einer ähnlichen Solidarabgabe bei uns?

Mancher Steuerpflichtige ergriffe doch die Chance und investierte sein

Geld lieber in Projekte des Umweltschutzes als in die Besoldung des

Küsters an einer Bischofskirche, wäre das

275

bereits möglich. Geld für bedrohte Bäume statt für den Druck von

bischöflichen Verordnungsblättern? Solidarabgaben für die Reinhaltung

des Grundwassers statt für Militärmeßweine? Ein Land wie die

Bundesrepublik, wo die Religion in der Rangliste der Bedürfnisse auf

einen der untersten Plätze abgerutscht und Kirche zum Überflüssigsten

in der Überflußgesellschaft dege neriert ist, leistet sich noch immer die

teuerste Kirche der Welt.

Wozu brauchen die Kirchen überhaupt noch Geld?

Wer schon bei dieser Frage zuckt, beweist, wie sehr er das Opfer seiner

Kirche ist. Offenbar macht es einem solchen Opfer nichts aus, daß

die Kirchen an Geld und Gut nehmen, was immer sie und von wem

auch immer sie's bekommen können. Ein richtiges Opfer der Kirche

interessiert sich auch nicht dafür, was die Kirchen mit dem

eingenommenen Geld tun. Wer gibt es wieder aus und wer nicht? Und

wofür gibt der Kleriker (nicht der Laie) es aus? Etwa, wie das Opfer

meinen soll, für die »Caritas«? Der Vatikan läßt Sündenböcke

suchen. Papst Wojtyla meint: »Wenn das sittliche Gefüge einer Nation

geschwächt wird, wenn das persönliche Verantwortungsbewußtsein

abnimmt, dann ist die Tür offen für die Rechtfertigung von

Ungerechtigkeiten, für Gewalt jeder Art und für die Manipulation der

Mehrheit durch eine Minderheit.« Seine eigene Kirche, die

Minderheit der Klerikalen, wollte er damit gewiß nicht angesprochen

haben.

Wer gibt das Geld der Kirchen wieder aus?

Wofür die Milliarden an Kirchensteuereinnahmen ausgegeben werden,

ist noch immer nicht sehr klar. Kleriker lassen sich nur ungern in die

Karten schauen. Sie arbeiten gewinnträchtiger mit Andeutungen. Im

übrigen wird mit Kirchensteuermitteln

276

zumindest in der katholischen Kirche nicht demokratisch verfahren:

Der jeweilige Bischof hat stets das letzte und entscheidende Wort. Die

katholischen Diözesankirchensteuerräte demokratischer mit

unabhängigen und kompetenten Leuten zu beschicken, statt sie von

Pfarrern und Bischöfen »handverlesen« zu gestalten, ist ein noch

immer utopischer Wunsch vieler Katholiken. Dasselbe gilt für die

Option, nicht mehr in absurd gewucherte diözesane und gemeindliche

Bürokratien zu investieren, sondern endlich andere Prioritäten in den

kirchlichen Haushalten zu setzen (Dritte Welt).

Die katholische Kirche hat noch keine ernsthaften (und

schmerzhaften) Konsequenzen aus dem Grundsatz »Besteuerung ohne

Vertretung ist Tyrannei« ziehen müssen, dessen Mißachtung unter

anderem die Loslösung Nordamerikas von der englischen Krone

mitbewirkt hat. Auf evangelischer Seite ist dagegen aufgrund

synodaler und presbyterialer Verfassungen eine Mitwirkung »von

unten« gegeben.

Da die Milliarden aufgrund des in der Bundesrepublik geltenden

Systems fließen und nicht eigens eingeworben werden müssen, wird

eine Verselbständigung der amtskirchlichen Bürokratie gefördert. Das

bundesdeutsche Kirchensteuerwesen begünstigt die

Machtkonzentration auf den höheren Leitungs-ebenen. Diese sind, auf

katholischer Seite, Männern vorbehalten. Mit Hilfe von

Kirchensteuerkapital kann eine »Abweichung« in nachgeordneten und

finanziell abhängig gehaltenen Gremien (Pfarreien) oder bei

Einzelpersonen (Arbeitnehmer im Kirchendienst) diszipliniert werden.

Der finanzielle Druck kommt stets von oben. Das ist

systemimmanent, wo Geld und Herrschaft Hand in Hand gehen.

Viele Menschen glauben der immer wieder aufgestellten

Behauptung, der Großteil der Kirchensteuer komme sozialen

Zwecken zugute. Das ist falsch, und für falsche Behauptungen kann es

kein Gewohnheitsrecht geben. In Wirklichkeit werden 60 bis 80

Prozent der Kirchensteuereinnahmen für die Bezah-

277

lung von Pfarrern und anderen Kirchenbediensteten verbraucht. Der

Rest der Kirchensteuereinnahmen fließt größtenteils in die kirchliche

Verwaltung sowie in Kirchenbauten und -renovierungen. Für öffentliche

soziale Zwecke bleibt — selbst nach Angaben aus Kirchenkreisen — nur

relativ wenig: etwa 8 Prozent der Einnahmen.

Die Evangelische Landeskirche Württemberg, die mit 910 Millionen

DM an Kirchensteuern rechnet, beziffert den Sozialanteil (Diakonisches

Werk, Familienhilfe, Beratungsstellen, Ausbildungsstätten) im

Jahreshaushalt 1991 auf 7,29 Prozent, die entsprechenden

Personalausgaben auf 4,74 Prozent. Das Bistum Essen gab 1981 ganze

8 Prozent für Caritas und soziale Dienste an. Die Behauptung, die

Kirchen gäben Milliardenbeträge für soziale Dienste aus, wird nicht

bewiesen. Das Gegenteil ist wahr: Sie nehmen Milliarden aus

Steuermitteln für solche Zwecke ein. Was viele jedoch nicht wissen

können - oder nicht wissen dürfen: Die Kosten von konfessionell

betriebenen Schulen, Kindergärten, Krankenhäusern und

Altersheimen werden ganz überwiegend aus öffentlichen

Steuermitteln finanziert, soweit sie nicht ohnehin aus Elternbeiträgen,

Krankenkassensätzen usw. bezahlt werden. Auf diese Weise aber

bittet man auch jene Millionen Bundesbürgerinnen zur Kasse, die aus

der Kirche ausgetreten sind. Auch sie finanzieren konfessionelle

Einrichtungen mit. Übrigens dienen nicht geringe Teile der stillen

Mitfinanzierung der Kirchen dazu, über die geistige Indoktrination

(Kanzel, Katheder) die Nichtmitglieder oder Ausgetretenen zu

diskrimieren — oder sie (und ihre Kinder) zumindest zu missionieren.

Millionen zahlen so für ihre eigene Bekehrung Milliarden. Kein

Wunder, daß andere Staaten das »Modell Deutschland« nicht

übernehmen wollen, obwohl es ihnen von interessierten Klerikern

noch immer angedient wird. Das Kirchensteuer-Modell macht

entgegen einer hartnäckig aufgestellten Behauptung die Kirchen nicht

frei. Geld macht wohlhabend - und fettsüchtig. Daß die bundes-

278

deutsche Kirche die beste der Welt sei, glaubt sie wohl selbst nicht.

Daß sie die reichste wurde, kann kaum als Auserwählung im Sinne der

Bibel gelten.

Ob beamtete Kirchendiener dies anders sehen? Im Westteil der

Bundesrepublik, also auf dem Territorium der reichsten Kirche der

Welt, sank die Zahl der Priester zwischen 1965 und 1989 von 27500

auf 18900; ein beredtes Zeichen für die wahre Lage einer auf

Hierarchien gegründeten Organisation. Im Kirchendienst stehen schon

heute mehr Männer über siebzig als unter dreißig. Genügend

Nachwuchs ist nicht in Sicht: Begannen 1962 noch 777

Priesteramtskandidaten mit dem Theologiestudium, so waren es 1989

nur noch 429. Die Folgen: Etwa ein Viertel der rund 12400

westdeutschen Pfarreien hat keinen eigenen Pfarrer mehr. Priester

werden hin und wieder notgedrungen zu Multifunktionären, und die

Stimmung unter ihnen gilt seit langem als miserabel.

Wie die Hirten, so die Herde? Die vom kirchlichen Personal

angebotenen Service-Leistungen werden immer weniger angenommen.

Eine repräsentative Umfrage der Gesellschaft für rationelle

Psychologie ermittelte 1990, daß 87 Prozent der Männer und 74

Prozent der Frauen in Deutschland »so gut wie nie« und nur 8 Prozent

der Deutschen jeden Sonntag zur Kirche gehen. Auf die Frage, ob sie

häufiger zur Kirche gingen, wären die Kirchen »so wie im Fernsehen«

(wo sich neuerdings Pfarrer- und Nonnenserien ablösen),

antworteten 4 Prozent mit Ja, dagegen 96 Prozent mit Nein. Die

Einstellung zu den realen Kirchen verbesserte sich durch die TV-Serien

mit kirchlicher Thematik bei nur 9 Prozent, verschlechterte sich

bei 5 Prozent - und blieb bei 86 Prozent so wie immer. 1986 waren

bereits bei 12,1 Prozent der Geburten ein Elternteil konfessionslos.

Nur 10 Prozent der 25- bis 44jährigen Eltern sehen in der religiösen

Erziehung ihrer Kinder noch ein lohnendes pädagogisches Ziel. Aber

Kirchensteuer zahlen noch immer wesentlich mehr Menschen.

279

Was hat die Kirche eigentlich für die Dritte Welt getan?

Aus Kirchensteuermitteln wird den Entwicklungsländern kaum

geholfen. Was ihnen zufließt, stammt überwiegend aus

Spendengeldern. Überall hält man die Deutschen für spendefreudig. Sie

haben Geld, raunt es ringsum, und sie geben es für gute Zwecke aus.

Worauf es ankommt: »gute Zwecke« erfolgreich zu definieren. Die

Kirchenlobby ist darin seit langem beispielgebend tätig. Wer das

Spendengeld ausgibt und wie er es ausgibt, unterliegt bis heute

manchem Zweifel. Der katholische Kirchenrechtler Georg May

(Mainz) meint, die Gläubigen seien davor zu schützen, »ihre

Opferbeiträge zu unkatholischen Zwecken verwendet zu sehen«. Am

wirksamsten werde dieser Schutz »immer noch von dem universalen

Hoheitsrecht des Heiligen Vaters gewährleistet«. Das impliziert, daß

den Landesbischöfen selbst in dieser Hinsicht nicht zu trauen ist.

Gezahlt wird dennoch. Amtliche Kollekten der evangelischen

Landeskirche, die den geringeren Teil des Spendenaufkommens

ausmachen, ergaben in West-Berlin zwischen 1970 und 1986 pro Jahr

durchschnittlich 1,5 Millionen DM. Die bundesdeutschen Katholiken

haben 1980 nicht nur 4,5 Milliarden DM an Kirchensteuer

aufgebracht, sondern auch 1 Milliarde DM an Spenden. 1979 wurden

für das Lateinamerika-Hilfs-werk »Adveniat« 105 Millionen DM, für

das bischöfliche Hilfs-werk »Misereor« 102 Millionen DM und für das

Hilfswerk »Missio« 100 Millionen DM gespendet. Die sogenannten

missionierenden Orden haben 1980 etwa 138 Millionen DM in Länder

der Dritten Welt investiert; 85 Prozent dieser Mittel stammten aus

Spenden von Katholiken der Bundesrepublik. Weitere Gelder kommen

aus staatlichen Zuschüssen zur katholischen »Entwicklungshilfe« — die

stets Mission ist — sowie von Spenden deutscher Glücksspiel-

Unternehmen. Die Kirchen erhalten ferner Jahr für Jahr von staatlicher

Seite einen Zuschuß in Höhe von über 100 Millionen DM für ihre

Missionsprojekte;

280

die »Glücksspirale« hat 1984 rund 4 Millionen DM an die Cari-tas

bezahlt.

Die sogenannten guten Zwecke sind selten fest umrissen. Zum

einen lassen heutige Theologen häufig eine endzeitliche Aufgeregtheit

erkennen, wenn sie soziale Themen ansprechen. Sie »schwelgen in

weltweiten Dimensionen des Hungers, der Not und der Unsicherheit«

(Religionssoziologe Günter Kehrer). Konkrete Korrekturen, partielle

Lösungen, kleine Schritte sind ihnen zuwenig. Zum anderen streuen

Bischöfe Sand in die Augen der Spender. Das bischöfliche Hilfswerk

für Lateinamerika mit dem sinnigen Namen »Adveniat« (»Dein

Reich komme«) rechnet offensichtlich nicht mit dem geschichtlichen

Gedächtnis der Menschen. Denn nach Südamerika ist das »Reich«

schon einmal gekommen, und der Subkontinent trägt noch heute

schwer an den Folgen. Seine Länder haben sich nicht von diesem

mörderischen Ereignis erholt. »Die Christen«, schreibt ein

Beobachter aus dem 16. Jahrhundert der Mission, »drangen unter das

Volk, schonten weder Kind noch Greis, weder Schwangere noch

Entbundene, rissen ihnen die Leiber auf und hieben alles in Stücke,

nicht anders, als überfielen sie eine Herde Schafe... Sie machten

auch breite Galgen ... hingen zu Ehren und zur Verherrlichung des

Erlösers und der 12 Apostel je dreizehn und dreizehn an jeden

derselben, legten dann Holz und Feuer darunter, und verbrannten sie

alle lebendig. . . Da nun die Indianer, welches jedoch nur ein paarmal

geschah, einige Christen in gerechtem und heiligem Eifer erschlugen,

so machten diese das Gesetz unter sich, daß allemal hundert Indianer

umgebracht werden sollten, so oft ein Christ von ihnen getötet

wurde.«

Adveniat? Die Insel Haiti war von einem hochstehenden

Indianervolk besiedelt. Bei Ankunft der Katholiken lebten dort über

eine Million Einwohner, wenige Jahre später waren es gerade noch

tausend. Johannes Paul II. aber sagte bei seinem Besuch auf der Insel:

»Die Kirche möchte sich den Indios wid-

281

men. Heute ebenso, wie sie es an ihren Vorfahren tat. Hier wurde

unter Schwierigkeiten und Opfern Schönes erreicht.« Derselbe Papst

leistete es sich, 1980 einen der Indio-Missionare zur Ehre der Altäre zu

erheben, einen »Apostel Brasiliens«, der seinerzeit gerufen hatte:

»Schwert und Eisenrute sind die besten Prediger!« Von einem

Widerspruch derer, die das Hilfs -werk »Adveniat« bedienen,

verlautete bis heute nichts.

Nichts gegen die Spendenfreudigkeit deutscher Katholiken. Sie

verschafft ein gutes Gewissen und von seiten des Papstes hohes Lob.

Ob aber auch nur einer von denen, die Jahr für Jahr für den guten

Zweck des »bischöflichen Hilfswerks« spenden, über die mörderischen

Umstände der ersten »Ankunft des Gottesreiches« in Lateinamerika

informiert worden ist? Von einem Schuldbekenntnis des Papstes und

seiner Kirche wurde nichts bekannt. Von einer Entschädigungsleistung

ebensowenig, die die »Liebesreligion« an die Erben jener

millionenfachen Blutopfer entrichtet hätte. Adveniat? In Brasilien

besitzen heute drei Prozent der Einwohner fast zwei Drittel der Fläche

des ganzen Landes. In manchen Regionen kommt auf 300000

Einwohner ein einziges Krankenhaus. Hat das Christentum in den

letzten 500 Jahren zur sozialen Ordnung auf diesem Hunger-

Kontinent geführt? Der Papst, Haupt des millionenschweren Vatikans,

sagte den Ärmsten da drüben seine »besondere Zuneigung« zu. Ob er

aber aus seinen eigenen Beständen mitzahlt? Hilfswerke wie die

bundesdeutschen »bischöflich« zu nennen ist ein grober

Etikettenschwindel. Bischöfe helfen am allerwenigsten. Sie lassen nur

jene Gelder verteilen, die Nichtbischöfe gespendet haben. Kein

Spender kann darüber bestimmen, wohin sein Geld fließt. Das regeln

allein die Oberhirten, die innerkirchliches Wohlverhalten in

Lateinamerika finanziell belohnen können oder nicht. Immerhin liegt

ein Bericht vor, nach dem südamerikanische Bischöfe die dortigen

»Befreiungstheologen« per Computersystem überwachen lassen. Wer

wohl diese Datenbank finanziert hat?

282

Ein weiterer Bericht existiert, wonach Bischöfe in Lateinamerika in

Palästen residieren, die Zeitungen kontrollieren, zu den das Volk

ausbeutenden Politikern stehen und das ihnen selbst gespendete Geld

für die dubiosesten Zwecke verwenden. »Während meiner

Anwesenheit in Lateinamerika verbrachten die Geistlichen aller

Ränge ihre Zeit damit, Geldsammlungen zu veranstalten; vom

Ergebnis behielten sie, wenn sie zum Beispiel zehntausend Dollar

erhalten hatten, viertausend für sich, und für den Zweck, für den die

Spende erhoben worden war, wurden am Ende noch zweitausend

Dollar ausge geben.« Dies Urteil stammt von dem katholischen

Geistlichen Giuliano Ferrari, der - mit etwa fünfzig Kardinalen

bekannt, mit prominentesten Kurienkardinälen wie Tisserant, Bea,

Confalonieri befreundet, mit Kardinal Samore eng befeindet - nach

wiederholten Mordversuchen (so er selbst, der zur »Mörderbande«

auch Bischöfe zählte und namentlich nannte) am 3. Juli 1980 in einem

leeren Abteil des Schnellzugs Genf-Paris tot aufgefunden wurde.

Wörtlich erklärt der katholische Priester, der die katholische Kirche als

das »größte und schmutzigste Geschäftsunternehmen der Welt«

bezeichnet: »Hätten die Leute vom Reichtum der Bischöfe oder der

Religionsgemeinden auch nur die leisteste Ahnung, dann würde

niemand mit Verstand in Zukunft irgendeine weitere Zuwendung,

welcher Art auch immer, leisten.«

»Misereor« heißt ein anderes Hilfswerk. Das Wort stammt von

jenem, der da allein berechtigt war, sich arm zu nennen, Jesus aus

Nazareth. »Das Volk erbarmt mich« (Mt 15, 32), ein Wort, das nur zu

ihm paßt, aber nicht zu irgendeinem bischöflichen Werk. Er kann sich

allerdings nicht mehr gegen seine Erben wehren. »Es ist nicht

Aufgabe des Evangeliums, an den bestehenden Verhältnissen irgend

etwas zu ändern«, meinte 1952 ein offizielles Heft zur Vorbereitung

des Stuttgarter Evangelischen Kirchentags. Christliche Soziallehre ist

karitativ ausgerichtet, nicht kreativ. Sie reagiert auf bestehende

Verhält-

283

nisse, krempelt diese nicht um. Sie kuriert Symptome, zielt keine

strukturellen Ursachen an. Johannes Paul II. hat noch 1990 gelehrt,

das Evangelium dürfe »niemals durch eine besondere Sensibilität für

soziale Probleme verdunkelt« werden. Seine Praxis, den Protzbau

eines zweiten Petersdoms an der Elfenbeinküste als Geschenk

anzunehmen, entspricht dieser Theorie.

Warum verkaufen die Großkirchen ihren Besitz nicht

zugunsten der Armen?

Augustinus weist den Weg: »Wir sind die Zeiten; wie wir sind, so sind

die Zeiten.« Das ist der Zusammenhang von Zeit, Geld und Angst.

Die klerikale Argumentation steht felsenfest: »Würde die Kirche

ihren Besitz veräußern, würden die Armen ärmer und die Besitzenden

nur reicher.« Ist das realistisch? Gehört die Kirche selbst nicht zu den

Besitzenden, die immer nur reicher geworden sind? Auf welcher Seite

sie steht, ist doch seit der Antike keine Frage mehr. Die

Kirchenvermögen haben inzwischen eine Größenordnung erreicht, die

sie gesellschaftlich so gut wie nicht mehr kontrollierbar machen. Vor

allem die katholische Kirche kann wie ein weltweiter multinationaler

Konzern agieren, der sich eigene Banken und Finanzorganisationen

leistet.

Ein öffentlicher Diskurs über das Eigentum und über dessen

Umverteilung scheitert immer wieder. Ihn mit Klerikern zu führen,

die ihren Reichtum gegen die Armen verteidigen, indem sie ihn »für

die Armen« einzusetzen vorgeben, ist unmöglich. Das kirchliche

Eigentum wird als Medium der Zensur eingesetzt: Wer erklärt, sein

Eigentum sei sozialgebunden und sein Besitz diene den Ärmsten,

unterbindet jede Nachfrage durch eben diese Ärmsten. Caritas als

Zensurmittel: ein erprobtes Instrument im Kampf für den Status quo.

284

Kosten konfessionell betriebene Schulen nicht zuviel?

Selbst wenn der Streit um die sogenannte »Konfessionsschule«

abgeflaut ist, haben die Kleriker ihren ideologischen Anspruch

keineswegs aufgegeben, sondern nur auf Eis gelegt. Sie scheinen auf

bessere Zeiten zu warten, um wieder in die Mottenkiste greifen zu

können. Inzwischen vertrauen sie nicht nur auf den Religionsunterricht,

der — als einziges Unterrichtsfach! — von der Verfassung als

ordentliches Lehrfach garantiert ist. Sie setzt auch auf private

Bekenntnisschulen. Kein Wunder, daß Andersdenkende weniger

bekennen sollen. Kein Wunder, daß sich die Großkirchen über die

Zunahme von Waldorfschulen alarmiert zeigen. Hier entsteht ihnen

eine finanzielle Konkurrenz.

Die Kirche unterhält nicht nur im Bundesgebiet rund 2200 Schulen,

davon allein in Bayern fast 900. Sie läßt sich ihre »Schlacht um den

Schüler« (O-Ton Evangelischer Schulbund) auch noch bezahlen.

Kirchliche Privatschulen werden, wie könnte es anders sein,

hauptsächlich vom Staat finanziert, in Bayern faktisch bis zu 90

Prozent. Rheinland-Pfalz finanziert die fünfzig Ordensschulen des

Landes jährlich mit etwa 165 Millionen DM. Von einem wesentlichen

Eigenanteil der Kirche kann unter diesen Umständen keine Rede mehr

sein. Der Kirche freilich ganz und gar eigen ist die hundertprozentige

Ausrichtung solcher Schulen und ihres Personals auf die

Weltanschauung der siegreichen Kleriker. So läßt sich Orthodoxie in

Geld umsetzen. Und Geld in Orthodoxie. Erst eine Klage vor dem

Bundesverfassungsgericht gegen das Hamburger Privatschulgesetz von

1977 brachte es ans Licht: Der Stadtstaat hat kirchliche und

Waldorfschulen mit 77 bis 82 Prozent subventioniert (1985 waren das

51 Millionen DM), während die übrigen privaten Schulträger nur 25

Prozent Förderung erhielten. Bis 1977 wurden überhaupt nur private

Bekenntnisschulen gefördert. Dann sah sich die Hamburger

Bürgerschaft aufgrund von Gerichtsurteilen dazu gezwungen, auch

andere Projekte zu un-

285

terstützen. Das Bundesverfassungsgericht aber entschied 1987 in der

Sache: Nichtkonfessionelle Privatschulen dürfen vom Staat finanziell

nicht »willkürlich« schlechter gestellt werden als kirchliche. Daß ein

solches Urteil nötig war, spricht für sich - und für das intime

Verhältnis zwischen Staat und Kirche hierzulande, das bis zu diesem

Urteil offenbar »Willkür« zuließ.

Ein Siebtel des gesamten Kultusetats des Freistaats Bayern kommt

nichtstaatlichen (kommunalen, kirchlichen, freien) Schulen zugute.

1987 verschlang dieser Posten rund 987 Millionen DM, während

Bayern im Jahr zuvor noch 889 Millionen DM bezahlt hatte. Für 1988

waren dann bereits 1,024 Milliarden DM vorgesehen. Damit stiegen

innerhalb von zehn Jahren die Zuschüsse nahezu auf das Doppelte.

Nicht enthalten sind in dieser Milliarde die Zuschüsse Bayerns für den

Neubau privater Schulen. Die Katholische Hochschule Eichstätt, über

deren Effizienz so gut wie keine öffentlichen Diskussionen geführt

werden, wird vom Freistaat Bayern jährlich mit etwa 40 Millionen DM

subventioniert. Das bedeutet, daß der Staat bei dieser Hochschule fast

90 Prozent der Gesamtkosten übernimmt, weit mehr übrigens als bei

anderen (nichtkatholischen) Hochschulen in kirchlicher Trägerschaft.

Wozu benötigen Schülerinnen noch Religionsunterricht?

Die Evangelische Landeskirche in Württemberg hat für die Besoldung

von Religionslehrern und deren Fortbildung in ihrem Haushaltsplan

1991 über 11,7 Millionen DM veranschlagt. Diese Kosten erstattet

ihr zu zwei Dritteln das Land. Lehrer an öffentlichen Schulen werden -

auch wenn sie Religionsunterricht erteilen - ohnedies vom Staat

besoldet. Der Anteil an Religionsstunden, den darüber hinaus Pfarrer,

Vikare, Katecheten und Diakone erteilen, wird den Kirchen aus

öffentlichen Haushalten bezahlt. In Berlin wurden 1985 die

Zuschüsse für

286

konfessionelle Schulen auf 85 Prozent angehoben, jene für

Religionsunterricht von 80 auf 90 Prozent. Das bedeutet: Allein der

Religionsunterricht kostete die Stadt, deren Einwohner (West) zu

mehr als einem Drittel kirchenfrei sind, 47,6 Millionen DM.

Bundesländer übernehmen bis zu 100 Prozent der Personalkosten an

kirchlichen Schulen, doch sehen Behörden beiseite, wenn einer der an

solchen Schulen Beschäftigten Schwierigkeiten mit der

konfessionellen Bindung seines Lehramtes hat. In Berlin - einem

Beispiel für viele - rühmt sich der Diepgen-Senat im November 1986,

als er den Kirchen weitere Gelder zusagen will, mit den neuen

Vereinbarungen werde »die gute und fruchtbare Zusammenarbeit

Berlins mit den beiden Kirchen fortgesetzt«. Auch werde »erneut die

große Bedeutung der Kirchen für Staat und Gesellschaft und ihr

Engagement vor allem im sozialen und pädagogischen Bereich sowie

im Gesundheitswesen gewürdigt«. Das Land Berlin leistet denn auch

1986 einen Anteil an den Personalkosten der Evangelischen Kirche

für die Berliner Kirchenmusikschule in Höhe von 196790 DM. Auch

darüber freuen sich alle Beteiligten mit Ausnahme der Zahlenden:

»Die Evangelische Kirche in Berlin-Brandenburg (Berlin West) und

das Land Berlin begrüßen auch diese neue Vereinbarung als Ausdruck

partnerschaftlicher Zusammenarbeit in freundschaftlichem Geiste.«

Freude hin oder her, Partnerschaft desgleichen. Die große - und

entsprechend gut dotierte - Bedeutung der Kirchen im

pädagogischen Bereich nimmt ab. Dieselbe Drucksache des Berliner

Abgeordnetenhauses stellt fest, daß die Zahl der Schülerinnen und

Schüler, die am evangelischen Religionsunterricht teilnehmen, von

135823 auf 90732 im Jahre 1985 zurückgegangen sei. Doch

»rechtfertigen diese Teilnehmerzahlen den Religionsunterricht nach

wie vor«. Stimmt das? Der Religionsunterricht verliert laufend

seine Klienten. An den Gymnasien Nordrhein-Westfalens bleiben

ihm bereits über zehn Prozent der Schüler fern, in den

Gesamtschulen elf Pro-

287

zent. Eine Studie der Evangelischen Kirche in Deutschland kommt

1985 zu dem Ergebnis, daß etwa 4, 5 Millionen jugendliche

Kirchenmitglieder »sozusagen den Fuß bereits aus der Kirche

herausgesetzt« haben. Das entspräche dem Dreifachen jener Zahl von

Kirchenaustritten, die seit 1975 zu registrieren waren.

Der als Ersatz geplante oder bereits angeordnete »Ethikunterricht«,

in dem kirchenfreie Schüler ihr Quantum an Moral nachgereicht

bekommen sollen, hilft dem Religionsunterricht nicht mehr auf die

Sprünge. Solche Surrogate haben in anderen Ländern keine Chance:

Das Oberste Gericht in Belgien entschied 1990, daß Schüler weder am

Religionsunterricht noch an nicht konfessionsgebundener

»Morallehre« teilzunehmen brauchen, weil die fehlende Wahlfreiheit

gegen die Europäische Menschenrechtserklärung von 1950 verstößt.

Das spanische Parlament verabschiedete ebenfalls 1990 gegen den

erbitterten Widerstand der katholischen Kirche ein

Schulreformgesetz, das die Teilnahme am Religionsunterricht

freistellt und auch kein Ersatzfach vorsieht.

Und bei uns? In Hamburg sollen sich nach einer Untersuchung

weniger als die Hälfte der evangelischen Religionslehrer noch mit der

Kirche und nur geringfügig mehr mit den zentralen Aussagen des

Christentums verbunden fühlen. Neun Prozent sind sogar aus der

Kirche ausgetreten. Die katholische Seite wird frohlocken: So etwas

könnte ihr nicht passieren. Wer nicht mehr an sie glaubt und so dumm

ist, dies auch noch zu äußern, fliegt. Auf katholisch wird im dunkeln

»gesündigt«.

»Der Spiegel« vom 5. November 1990 wird konkret: Bei einem

Priesterkurs im Rhein-Main-Gebiet stellte der Leiter fest, daß von

den teilnehmenden 20 Priestern 18 eine Beziehung mit einer Frau

hatten. Drei Viertel der deutschen Theolo gieprofessoren sollen eine

feste Partnerin haben. Die Beobachtung des Zölibatsgesetzes ist längst

die Ausnahme. Eine in Boston veröffentlichte Studie meint, nur noch

zwei von hundert

288

katholischen Priestern in den USA lebten streng nach den gesetzlichen

Bestimmungen des Zölibats. Jeder dritte US-Priester ist sexuell aktiv.

Die Untersuchung, die auf Befragungen von 1500 Personen im

Zeitraum von 1960 bis 1985, beruht, stuft fast ein Viertel der

Betroffenen als homosexuell ein. 10 Prozent der Priester sind ein

aktives homosexuelles Verhältnis eingegangen, 20 Prozent verfügen

über »eine recht gut definierte nicht-zölibatäre Beziehung zu einer

Frau«, 6 Prozent sollen Beziehungen zu Minderjährigen haben, und 8

Prozent geben zu, mit nichtzölibatären Lebensformen zu

»experimentieren«. Wo bleibt die oft beschworene Glaubwürdigkeit

der Hirten ? Wohin hat sich die »Mutter Kirche« manövriert, die ihren

»besten Söhnen« nicht mehr viel sagt, sich aber von allen Bürgern teuer

bezahlen läßt?

Läßt es sich nicht ohne diese Kirchen menschlicher leben?

Manche halten bereits die Frage für absurd. Für sie ist sie auch nicht

gestellt. Doch es gibt Millionen andere, die sich Tag für Tag von den

Kirchen belästigt fühlen, übersättigt sind von der Verdrängungs - und

Desorientierungsliteratur der Kleriker. Viele von diesen wissen

schon, daß man ohne Religion nicht schlechter, ja sogar besser lebt als

mit einer religiösen Bindung. Die bisher Unentschiedenen wissen weder

das eine noch das andere. Ihnen aber sollen nicht nur die okkulten

Praktiken (Schwarze Magie u. ä.) eine Antwort geben. Sie haben

Anspruch auf mehr. Lösen sie sich von der Kleingruppe der

»Katechismus-Katholiken« und der »Bekenntnis-Protestanten«, die

lange Zeit für sie gedacht und gehandelt haben, so eröffnen sich

Ausblicke in eine Zukunft des Menschen. Kein Mensch erfüllt sein

Leben, indem er vorgegebene Meinungen über die Existenz Gottes,

über die Autorität der Bibel oder des Papsttums sowie über das Leben

nach dem Tode teilt. Menschen werden zu Menschen durch die

mitmenschliche Tat.

289

Totalitäre Weltanschauungen, Moralmonopole der Welt,

selbsternannte Experten finden sich heute überall. Gegen sie müssen

immer mehr Menschen ihre ureigenen Bedürfnisse erkennen und

behaupten lernen. Menschen haben nämlich ein Recht, in ihrer

Umwelt verwurzelt zu sein; kein Mensch braucht sich denen

auszuliefern, die seine Umwelt nach ihrem Profit gestalten wollen.

Menschen können kreativ werden; die herkömmliche Überbetreuung

von Menschen durch Menschen war eine Abfolge ausbeuterischer

Akte. Die Menschen haben ein Recht auf Mitsprache in allen

Belangen, die sie betreffen; die Vorausinterpretationen der

»Amtsträger« in der Kirche waren nie demokratisch legitimiert. Die

Menschen haben ein Recht auf ihre eigene Ethik und Religion;

Moralisten und »Religionsdiener« jeder Couleur besitzen keine

besonderen Wissensvorsprünge, keinen Anspruch auf (geldwerte)

Privilegien und Rechte. Menschen haben gegenüber ihrer

Todesbedrohung ein Recht auf Leben. Und sie haben gegenüber ihrem

Leben ein Recht auf ihren Tod.

290

Literaturverzeichnis

Um dieses Buch nicht zu überfrachten, haben wir nur das grundlegende und

allgemein weiterführende Schrifttum aufgenommen. Dort können die

interessierenden Details nachgelesen und nachgeprüft werden. Auf

Fußnoten und Anmerkungen haben wir verziehtet. Nicht, daß wir - im Stil

aller kirchenamtlichen Katechismen - keine Nachweise anzubieten hätten:

Zum einen meinen wir, auch in dieser Hinsicht durch unsere

Veröffentlichungen ausgewiesen zu sein. Zum anderen wollen wir zum

»detektivischen« Weiterstudium anregen. In der allgemeinen Literatur sowie

in den dort genannten Spezialunter-suchungen können die Belege ohne

unzumutbare Mühe aufgespürt und eingesehen werden.

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