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Santideva

Eintritt in das Leben zur Erleuchtung

Eintritt in das Leben zur Erleuchtung: Poesie und Lehre des Mahayana-

Buddhismus=(Bodhicaryavatara)/Santideva.

 

 

Santideva, nach der Legende ein Königssohn aus Südindien, lebte in der

ersten Hälfte des achten Jahrhunderts n. Ch. und wirkte als Mönch in einer

der großen Bildungsstätten Indiens, im Großkloster von Nalanda, südlich des

heutigen Patna. Er ist Verfasser zweier erhaltener Werke, des

Siksasamuccaya (Sammlung der Regeln) und des Bodhi caryavatara. Beide

Werke zeugen von seinem starke Interesse an der buddhistischen

Lebensführung und der Ethik des Bodhisattva. Während aber der

Siksasamuccaya diese Praxis in wenigen Versen knapp zusammenfasst und

vor allem durch die kommentariellen Ergänzungen berühmt ist, die eine Fülle

von Zitaten aus teilweise verlorengegangenen Lehrtexten des Mahayana

überliefern, ist der Bodhicaryavatara nicht nur ein Lehrtext, sondern darüber

hinaus ein Werk von hohem literarischen Rang. Bei aller Verbundenheit mit

den Begriffen, Themen und Bildern seiner Tradition ist der oft berühren

persönliche Ausdruck des Dichters unverkennbar. Wohl darum hat sein

Lehrgedicht sofort große Anerkennung gefunden. Es wurde viele Male

kommentiert allein zehn alte Kommentare sind überliefert, wenn auch fast

alle nur noch in tibetischer Übersetzung-, und es ist als Lehrtext in der

tibetischen Tradition ständig in Gebrauch geblieben. Einige der schönsten

Verse etwa aus dem Anfang des zweiten Kapitels sind in die buddhistische

Ritualliteratur übernommen worden und werden von den Tibetern bis auf den

heutigen Tag rezitiert.

Lob des Erleuchtungsdenkens Gegenstand und Zweck

1. Nach ehrfürchtiger Verneigung vor den Buddhas mit ihren geistigen

Söhnen und dem Leib der Lehre und vor allen Lobwürdigen will ich der

Überlieferung gemäß kurz beschreiben, wie man die Disziplin der

Buddhasöhne aufnimmt.

2. Weil ich hier nichts Neues zu sagen habe und auch in der Komposition

nicht geschickt bin, und mir daher gar nicht einbilde, dass es anderen nützt,

habe ich dieses Werk verfasst, um meinen eigenen Geist zu durchtränken.

3. Dadurch verstärkt sich zunächst bei mir die Kraft der geistigen Klarheit,

die das Gute hervorbringt; sollte es dann auch ein anderer, wesensgleicher

betrachten, hat es auch daher einen Zweck.

Bedeutung des Erleuchtungsdenkens

4. Das überaus schwer zu erlangende Glück der günstigen Umstände fordert,

wenn es erreicht ist, das Ziel der Menschen. wenn man so einen Fall nicht als

heilbringend ansieht, wie sollte sich dieses Zusammentreffen je wieder

einstellen?

5. Wie der Blitz in der Nacht, wenn Wolkenmassen sie verfinstern, für einen

Augenblick erleuchtet, so könnte die Welt durch die Hilfe der Buddhas

einmal für einen Augenblick die heilsamen Werke erkennen.

6. Daher ist das Gute stets schwach, groß dagegen die Kraft des Bösen und

schrecklich, welches andere Gute als das Denken an die vollständige

Erleuchtung könnte sie überwinden?

7. Eben dies ist das Heilsame, das die großen Weisen in ihrer viele Zeitalter

langen Betrachtung gefunden haben, weil das mühelos voll entwickelte

Glück [der Buddhaschaft] die unermessliche Flut der Wesen [aus dem Ozean

des Leidens] heraustreten lässt.

8. Wer die hundertfachen Leiden des Daseins überwinden will, wer von den

Wesen die Übel fortnehmen und die vielhundertfachen Seligkeiten genießen

will, darf niemals das Erleuchtungsdenken [bodhicitta] aufgeben.

9. Der Elende, der an den Kreislauf des Daseins gefesselt ist, heißt

augenblicklich ein Buddhasohn, sobald das Erleuchtungsdenken in ihm

entstanden ist und ist verehrungswürdig in den Welten der Menschen und

Götter.

10. Wenn es das unreine Bildwerk des Körpers ergriffen hat, macht es dieses

zum unschätzbaren Bildwerk eines Buddha-Juwels, Greift also ganz fest nach

diesem durch und durch dringenden Heilselixier, das man

Erleuchtungsdenken nennt!

11. Ihr, die ihr umherzieht auf den Marktplätzen der Existenzen, greift ganz

fest nach dem Juwel des Erleuchtungsdenkens, das die unermesslich klugen

einzigen Karawanenführer der Welt für überaus wertvoll geschätzt haben.

12. Jedes andere Gute stirbt ab wie der Bananenbaum, wenn es seine Frucht

getragen hat; der Baum des Erleuchtungsdenkens aber trägt immer Frucht,

stirbt nicht ab, ist wahrlich fruchtbar,

13. Augenblicklich entkommt man in seinem Schutz, hat man auch

schrecklichste Sünden begangen, wie man großen Gefahren im Schutz eines

Helden entrinnt. Warum nehmen die unwissenden Wesen nicht bei ihm ihre

Zuflucht?

14. Augenblicklich verbrennt es vollständig die großen Sünden, gleich dem

Feuer zur Endzeit der Zeitalter. Seine unermesslichen Vorzüge hat der weise

Maitreyanatha dem Sudhana geschildert.

Zwei Arten des Erleuchtungsdenkens

15. Dieses Erleuchtungsdenken ist kurz als zweifach an zusehen: als die

geistige Haltung des Vorsatzes [pranidhi] zur Erleuchtung und als Streben

[prasthana] nach der Erleuchtung.

16. Wie man den Unterschied zwischen einem, der abreisen will, und einem,

der auf dem Wege ist, begreift, so sollen die Verständigen den Unterschied

zwischen diesen beiden [Arten des Erleuchtungsdenkens] entsprechend

erkennen.

17. Die geistige Haltung des Vorsatzes zur Erleuchtung trägt auch im

Kreislauf [der Existenzen] große Frucht, aber nicht den ununterbrochenen

Strom von Verdienst wie die Haltung des Strebens.

Lob des Erleuchtungsdenkens

18. -19. Sobald einer dieses Denken unverwandten Geistes für die Erlösung

der ganzen Wesenwelt aufnimmt, schwellen ihm, selbst in Schlaf und

häufiger Zerstreuung, die ununterbrochenen Ströme des Verdienstes

äthergleich an.

20.Das hat der Buddha selbst zum Heil derer, die dem Kleinen Fahrzeug

ergeben sind, in der Frage der »Frage der Subahu« dargelegt und begründet.

21. -22. Unermessliches Verdienst wird dem Wohlmeinenden zuteil, der

denkt »Ich will die Kopfschmerzen der Wesen beseitigen«, um wie viel mehr

dem, der jeden einzelnen vom beispiellosen Schmerz befreien und jedem

einzelnen Wesen unermessliche Vorzüge verschaffen will.

23. Wessen Mutter und wessen Vater wird wohl ein solches Heilsverlangen

haben? Und welche Gottheit, welcher Seher, welcher Brahmane?

24. Niemals, selbst im Traum nicht, haben diese Wesen auch zu eigenem

Wohle ein solches Verlangen gehabt. Warum soll es ihnen zum Wohle

anderer erwachsen?

25. Wie entsteht dieses einzigartige, unvergleichliche Wesensjuwel, das ein

Verlangen nach dem Wohle anderer hat, wie es bei anderen nicht einmal zum

Wohle eigenen Wohle aufkommt?

26. Wie soll man das Verdienst dieses Gedankenjuwels ermessen, das der

Same der Freuden der Welt und das Heilkraut für ihre Leiden ist?

27. Der bloße Wunsch nach dem Heil aller Wesen ist verdienstvoller als die

Verehrung der Buddhas, um wie viel mehr die Bemühung um das

vollkommene Glück aller Wesen.

28. Die den Leiden entfliehen wollen, eilen bloß auf das Leiden zu. Schon

durch den Wunsch nach Glück zerstören sie, Feinden gleich, töricht ihr

Glück.

29. -30. Woher sollte ein guter kommen, der gleich ihm den nach Glück

gierenden, vielfach gequältenWesen Sättigung an jedem Glück verschafft

und alle Schmerzen lindert, ja die Verblendung beseitigt? Woher ein solcher

Freund? Woher ein solches Verdienst?

31. Man lobt schon den, der ein Verdienst mit einem anderen vergilt, was

aber soll man von dem Bodhisattva sagen, der gut ist ohne Antrieb?

32. -33. Die Menschen verehren einen, der wenigen Leuten ein Liebesmahl

bietet, als einen, der Gutes tut, weil er demütigend für einen Augenblick ein

schlechtes Mahl bloß hingegeben und ihnen für einen halben Tag das Leben

verlängert hat. Um wie viel mehr ist den zu verehren angemessen der einer

grenzenlosen Zahl von Wesen für unbegrenzte Zeit bis zum Ende der

äthergleich unendlichen Wesen unaufhörlich Erfüllung aller Wünsche

gewährt?

34. Und wer gegen einen solchen Gastgeber, einen Sohn des Buddha, in

seinem Herzen Böses plant, der wird für so viele Zeitalter wie es der Zahl der

Momente des Entstehens des bösen Gedankens entspricht, in den Höllen

bleiben. So hat der Herr gesagt.

35. Wessen Sinn ihm dann aber gläubig geneigt ist, dem dürfte eine Frucht

erwachsen, die größer ist als die frühere Frucht des Bösen, denn Böses gegen

die Buddhasöhne ist nur unter Anstrengung möglich, mühelos dagegen das

Gute.

36. Ihre Körper verehre ich, in denen dieses beste Gedankenjuwel entstanden

ist, die zu kränken selbst Glück zur Folge hat. Zu diesen Fundgruben des

Glücks nehme ich meine Zuflucht.

Sündenbekenntnis

Bodhisattvaritual

1. Lobpreisung

1. Um dieses Gedankenjuwel zu erlangen, verehre ich in der richtigen Weise

die Buddhas, das makellose Juwel der wahren Lehre und die Buddhasöhne,

die Ozeane an Vorzügen.

2. Opferung

2. -6. Alle Blumen und Früchte und Kräuterarten und alle klaren und

bezaubernden Edelsteine und Gewässer, die Berge aus Edelstein, die der

unterscheidenden Erkenntnis günstigen Waldplätze, die durch ihren Schmuck

von schönen Blüten leuchtenden Lianen, und die Bäume, deren Äste durch

herrliche Früchte gebeugt sind, und die Wohlgerüche und Düfte in den

Welten der Götter und anderer, dieWunschbäume und die Bäume aus

Edelstein, die lotusgeschmückten Teiche, überaus bezaubernd durch das Lied

ihrer Wildgänse, die wilden Pflanzen und die angebauten Pflanzen und den

ganzen anderen Schmuck für die zu Verehrenden, den die Weite des Äthers

umfasst, und all das, was niemandem gehört, umfasse ich im Geiste und

opfere sie den Königweisen mit ihren Söhnen. Mögen sie es annehmen, sie,

denen die besten Opfergaben gebühren und die in ihrem großen Mitleid mit

mir barmherzig sind!

7. Ohne Verdienste bin ich sehr arm; anderes habe ich nicht für das Opfer.

Mögen sie daher die Herren, die stets an das Wohl der anderen denken, kraft

ihrer Fähigkeit zu meinem Wohl annehmen!

8. Ich gebe mich den Siegern über das Leid und ihren Söhnen ganz und gar

hin. Nehmt Besitz von mir, ihr erhabenen Wesen! Aus liebender Hingabe

werde ich euer Diener.

9. Von Euch in Besitz genommen bin ich im Dasein ohne Furcht. Zum Heile

der Wesen bin ich tätig. Das Böse von früher lasse ich hinter mir und andres

Böse wirke ich nicht mehr.

10. -11. In wohlriechenden Badehäusern, die mit von Edelsteinen

leuchtenden Säulen bezaubern, mit strahlenden perlenbesetzten Baldachinen

und mit Fußböden von klaren und leuchtenden Kristallen, bereite ich den

Buddhas und ihren Söhnen mit vielen Edelsteinkrügen voll angenehmer

Gerüche, Wasser und Blüten ein Bad mit Liedern und Instrumenten.

12. Und mit duftenden, makellosen und unvergleichlichen Tüchern reibe ich

ihren Körper ab. Dann reiche ich ihnen auserlesene, schöngefärbte und

wohlparfümierte Gewänder.

13. Mit himmlischen, weichen, feinen, bunt glänzenden Gewändern und mit

auserlesenem Schmuck ziere ich Samantabhadra, Ajita, Manjughosa,

Lokesvara und die anderen Bodhisattvas.

14. Mit den besten Parfüms, deren Duft sich in alle dreitausend Welten

ausbreitet, salbe ich die Körper aller Königsweisen, die funkeln wie

wohlgeläutertes, wohlpoliertes und wohlgewaschenes Gold.

15. Mit allen wohlduftenden, entzückenden Blüten wie denen des

Korallenbaums, des Blaulotus und des Jasmin verehre ich die

verehrungswürdigen Königweisen und mit herzerfreuend gewundenen

Kränzen.

16. Ich räuchere sie mit Wolken und Rauch, berückend mit ihrem schweren,

durchdringendem Duft. Und mit vielerlei weichen und festen Speisen und mit

Getränken bringe ich ihnen Opfer dar.

17. Lampen aus Edelsteinen bringe ich ihnen dar, die in Goldlotussen

aneinandergereiht sind, und auf die parfümbesprengten Fliesen streue ich

mancherlei entzückende Blumen.

18. Ich opfere diesen Liebeswesen zahllose leuchtende Luftpaläste, die mit

hängenden Perlengirlanden verziert und von lieblichen Lobgesängen erfüllt

die Himmelsrichtungen schmücken.

19. Ich überreiche den großen Weisen prachtvolle hohe perlenbesetzte

Edelsteinsonnenschirme mit eleganten goldenen Stöcken.

20. Mögen sich fortan die herzerfreuenden Wolken des Opfers erheben und

die alle Wesen beglückenden Wolken der Musik und der Chöre!

21. Und möge auf allen Juwelen der wahren Lehre, auf die Schreine und auf

die Bildwerke ein Regen von Blüten und Edelsteinen und anderen

Kostbarkeiten fallen!

22. Wie Manjugosha und die anderen Bodhisattvas die Sieger verehren, so

verehre ich auch die beschützenden Buddhas mit ihren Söhnen.

23. Ich preise die Ozeane von Tugenden in Hymnen mit Meeren von

Tonfolgen. Mögen sich die unzähligen Lobeschöre in meinem Sinne erheben!

24. So viele Atome es gibt in allen Buddha-Erden, so oft werfe ich mich

nieder vor den Buddhas aller Zeiten, vor der Lehre und vor den Besten der

Gemeinde.

25. Alle Schreine grüße ich und alle Aufenthaltsorte des Bodhisattva. Ich

verneige mich vor den Verehrungswürdigen Lehrern und Asketen.

3. Zufluchtnahme

26. Ich nehme Zuflucht zum Buddha bis ich das Wesen der Erleuchtung

erlangt habe. Ich nehme Zuflucht zur Lehre und zur Schar der Bodhisattvas.

4. Sündenbekenntnis

27. Den vollständig Erleuchteten in allen Regionen und den vom Großen

Mitleid erfüllten Bodhisattvas verkünde ich mit gefalteten Händen:

28. -29. Alle Sünden, die ich blindes Vieh im anfanglosen Kreislauf oder hier

in diesem Leben begangen oder nur veranlasst habe, alle, die ich aus

Verblendung zu meinem eigenen Schaden gutgeheißen habe, diese

Verbrechen bekenne ich nun von Reue gequält.

30. -31. Alle Vergehen, die ich in Handeln, Reden und Denken aus

Niedertracht gegen die drei Juwelen, gegen Vater und Mutter oder andere

würdige Personen begangen habe, die schrecklichen Sünden, ihr Führer, die

ich, durch Laster verdorbener Sünder, begangen habe, all das bekenne ich.

33. Wie dem entkommen? Beschützt mich schnell! Dass doch ein rascher

Tod mich nicht ereile, bevor meine Sünden getilgt sind!

34. Der Tod fragt nicht danach, was wir getan haben oder nicht getan, und

vernichtet uns durch unsere Vertrauensseligkeit. Starke wie Kranke können

ihm nicht trauen, dem unvermuteten Blitzschlag.

35. Für Angenehmes und Unangenehmes habe ich vielfach gesündigt. Das

habe ich nicht erkannt, dass ich alles aufgeben und fortgehen muss.

36. Die mir unlieb sind, werden nicht mehr sein; der mir lieb ist, wird nicht

mehr sein; ich selbst werde nicht mehr sein; nichts wird mehr sein.

37. Alles, was ich erfahre, wird zur Erinnerung; alles wird wie im Traume

gesehen vergangen sein und nicht wieder gesehen werden.

38. Während ich in dieser Welt weilte, sind zahlreiche Freunde und Feinde

dahingegangen, die Sünden aber, die ich um ihretwillen begangen habe,

stehen schrecklich vor mir.

39. Dass ich wie sie ein Durchreisender bin, habe ich nicht erkannt. Aus

Verblendung, aus Neigung und Hass habe ich vielfach gesündigt.

40. Tag und Nacht nimmt das Leben ohne Unterlass ab und kein Gewinn

stellt sich ein. Warum sollte ich etwa nicht sterben?

41. Zwar liege ich hier auf dem Bett, und meine Verwandten umgeben mich,

all die Schmerzen aber, die in mein Innerstes schneiden, muss ich ganz

alleine ertragen.

42. Wo findet sich ein Verwandter, wo ein Freund, wenn man von Yamas

Boten gepackt ist? Verdienst allein ist dann Rettung, und das habe ich nicht

gepflegt.

43. Aus Hingabe an das unstete Leben habe ich, ohne diese Gefahr zu

erkennen, im Rausch viele Sünden angehäuft, ihr Herren.

44. Selbst dem, den man heute hinführt, um ihm ein Glied abzuhauen,

vertrocknet der Leib, er dürstet, er sieht erbärmlich aus, die Welt sieht er

verkehrt.

45. -46. Wie wird es erst mir ergehen, wenn mich die grausigen Boten des

Yama gegriffen haben, wenn ich von Entsetzen und Fieber verschlungen,

vom Ausfluss meines Kotes besudelt bin, und wenn ich mit angstvollen

Blicken überall Rettung suche? Welcher Gute wird mich aus dieser Gefahr

erretten?

47. Wenn ich die Welt ohne Rettung gefunden habe und wieder in

Verwirrung verfallen bin, was will ich dann tun an diesem Ort großen

Schreckens?

48. Heute noch nehme ich Zuflucht zu den mächtigen Herren der Welt, die

sich bemühen die Welt zu retten und alle Furcht nehmen, die Sieger.

49. Und zur Lehre, die sie erkannt haben, und die die Schrecken des

Kreislaufs beendet, nehme ich Zuflucht von ganzem Herzen, und zur

Bodhisattvaschar.

50. Vor Angst außer mir gebe ich mich hin dem Samantabhadra, und und

auch dem Manhughosa gebe ich von selbst mich hin.

51. Nach Avalokita, dem Herrn von mitleiderfülltem Wesen, heule ich

angstvoll den Schmerzensschrei. Möge er mich Sündigen schützen.

52. Die Rettung suchend heule ich nach dem edlen Akasagarbha und nach

Ksitigarbha von ganzem Herzen, und nach allen anderen, die von Großem

Mitleid sind.

53. Ich verneige mich vor dem Träger des Vajra, bei dessen Anblick die

Bösen, die Boten des Yama und andere entsetzt in die vier

Himmelsrichtungen fliehen.

54. Eure Gebote habe ich übertreten; jetzt sehe ich die Gefahr und nehme

angstvoll Zuflucht zu Euch. Macht der Gefahr ein Ende!

56. Selbst in der Angst vor einer vorübergehenden Krankheit wird man das

Wort des Arztes nicht übertreten, um wie viel weniger, wenn einen die

vierhundertvier Krankheiten gepackt haben, von denen eine einzige genügt,

dass alle Menschen in Jambudvipa zugrundegehen, und gegen die sich in

allen Himmelsrichtungen kein Heilmittel findet.

57. Das Wort des allwissenden, alle Schmerzen behebenden Arztes dazu

übertrete ich. Schmach über mich in meiner abgründigen Verblendung.

58. Auch an anderen Abgründen stehe ich mit übergroßer Vorsicht, um wie

viel mehr an jenem lange währenden Abgrund von Tausenden von Meilen.

59. Heute wird der Tod schon nicht kommen! Dieses Behagen kommt mir

nicht zu. Notwendig wird die Stunde nahen, da ich nicht mehr sein werde.

60. Wer hat mir gegeben furchtlos zu sein, oder wie werde ich entrinnen?

Notwendig werde ich nicht mehr sein: Warum bleibt mein Geist ruhig?

61. Welcher Gehalt ist mir geblieben von dem, was ich früher genossen und

was nun vergangen ist, dem ich so zugetan war, dass ich das Wort der

Meister missachtet habe?

62. Diese Welt der Lebenden, die Verwandten und die Freunde werde ich

verlassen und allein irgendwohin gehen. Was nützen mir dann alle Freunde

und Feinde?

63. Dieser Gedanke steht mir dann Tag und Nacht zu: Aus der Sünde folgt

notwendig Leiden. Wie kann ich ihr entrinnen?

64. -65. Alle Sünden, die ich verblendeter Narr angehäuft habe, alles der

Natur nach Anstößige, all das bekenne ich vor den Herren und werfe mich

dabei mit gefalteten Händen voll Angst vor dem Leiden wieder und wieder

zu ihren Füßen.

66. Mögen die Führer meine Verfehlung wie sie ist erkennen! Sie ist

verwerflich, ihr Herren. Ich will sie nicht wieder begehen

Aufnahme des Erleuchtungsdenkens

5. Freudige Zustimmung zum Guten

1. An dem Guten finde ich mit Freuden Gefallen, das von all den Wesen

vollbracht wird und durch das die Leiden der schlechten Schicksale zu Ende

kommen. Mögen doch die Bedrückten glücklich sein!

2. An der Erlösung der Geschöpfe aus dem Leid des Kreislaufs finde ich

Gefallen. Ich finde Gefallen an der Bodhidattvanatur und der Buddhanatur

der Erretter.

3. Ich finde Gefallen daran, dass die Lehrmeister wie Ozeane tief und stetig

den Erleuchtungsgedanken hervorbringen und damit das Glück aller Wesen

herbeiführen und allen Wesen das Heil verleihen.

6. Bitte um Belehrung

4. Mit gefalteten Händen flehe ich die vollendeten Buddhas in allen

Weltgegenden an: Mögen sie für die aus Verblendung in das Leid Gestürzten

die Lampe der Lehre entzünden!

7. Bitte um Verweilen

5. Mit gefalteten Händen bitte ich die Sieger, die endgültig zu erlöschen

wünschen: Mögen sie endlose Zeitalter verweilen! Möge diese Welt nicht

blind sein!

8. Opferung des Verdienstes

6.Durch das Gute, das ich durch solches Tun erlangt habe, möge ich fähig

sein, alle Leiden aller Wesen zu stillen.

7. Ein Heilkraut für die Kranken möge ich sein, und ein Arzt möge ich sein

und ein Pfleger für sie, bis die Krankheit nicht wiederkehrt.

8. Durch Schauer von Speise und Trank möge ich die Qual des Hungers und

Durstes löschen. Möge ich während der Hungerperioden der kleinen Zeitalter

Trank und Speise sein.

9. Möge ich den bedürftigen Wesen ein unerschöpflicher Schatz sein. Möge

ich ihnen in mannigfachen Arten der Unterstützung beistehen.

Selbsthingabe

10. Alle meine Existenzen und Güter, das Gute, das ich auf allen drei Wegen

erworben habe, gebe ich ohne Bedenken hin, um das Heil aller Wesen zu

verwirklichen.

11. Das Erlöschen ist das Aufgeben von allem: und mein Geist strebt nach

dem Erlöschen. Wenn ich alles aufgeben soll, ist es besser, es den Wesen

hinzugeben.

12. -13. Allen Lebewesen habe ich diesen Körper nach ihrem belieben

überlassen. Mögen sie mich immerdar schlagen, mögen sie mich schmähen,

mit Staub bedecken, mögen sie spielen mit meinem Leib, ihn verlachen,

verspotten. Ich habe ihnen den Leib übergeben, was kümmert es mich?

14. Mögen sie mich Werke vollbringen lassen, die ihnen Vergnügen bringen;

möge aber niemals einem, der sich mit mir befasst, ein Schaden entstehen.

15. Mögen die, die zornig oder unzufrieden mit mir sind, allezeit gerade

dadurch der Erreichung aller Ziele finden.

16. Die mich verleumden und die mir schaden, die mich verspotten, mögen

sie alle die Erleuchtung erlangen.

17. -18. Möge ich den Schutzlosen ein Beschützer sein, ein Führer den

Reisenden, denen, die zum anderen Ufer wollen, ein Boot, ein Damm, eine

Brücke, eine Lampe für die, die eine Lampe brauchen, ein Bett für die, die

ein Bett brauchen, ein Diener für alle Lebewesen, die einen Diener brauchen.

19. Möge ich den Lebewesen ein Wunschjuwel sein, ein Glückskrug, eine

Zauberformel. ein Wunderheilkraut, ein Wunschbaum und eine Wunschkuh.

20. -21. Wie die Erde und die anderen Elemente in vielfacher Weise den

unermesslich vielen Wesen von Nutzen sind, die den endlosen Äther

bevölkern, so möge auch ich in vielfacher Weise allen Wesen nützen, die der

Äther birgt, solange noch nicht alle erlöst sind.

Hervorbringung des Erleuchtungsdenkens

22. -23. Wie die früheren Buddhas das Erleuchtungsdenken erfasst haben,

und wie sie in der Praxis eines Bodhisattva fortschreitend fest geblieben sind,

so will ich zum Heile der Welt das Erleuchtungsdenken hervorbringen, und

gerade so will ich diese Praktiken der Reihe nach üben.

Preis der Hervorbringung

24. Wenn so der Weise freudig das Erleuchtungsdenken aufgenommen hat,

möge er nun folgendermaßen dieses Denken begeistern, um es für die

Zukunft zu nähren.

25. Nun trägt meine Geburt Frucht, habe ich glücklich die menschliche

Existenz erlangt. Nun bin ich in die Familie der Buddhas geboren. Nun bin

ich ein Buddhasohn.

26. Jetzt muss ich mich wie Leute, die der Sitte ihrer Familie gemäß handeln,

so verhalten, dass der makellosen Buddhafamilie keine Schande entsteht.

27. Wie ein Blinder in Unrathaufen eine Perle finden dürfte, ist mir, ich weiß

nicht wie dieses Erleuchtungsdenken aufgegangen

28. - dies Elixier, das entstanden ist, um den Tod der Wesen zu vernichten,

dieser Schatz, der die Dürftigkeit der Wesen beseitigt,

29. -dies beste Heilmittel, das die Krankheiten der Wesen heilt, der Baum,

der die von Irrfahrten auf den Wegen des Daseins ermatteten Wesen

ausruhen lässt,

30. -die Brücke, offen für alle Reisenden, um die schlechten Existenzen zu

überschreiten, der Mond des Denkens, aufgegangen um die Leidenschaften er

Wesen zur Ruhen zu bringen,

31. -die große Sonne, die das Dunkel des Nichtwissens in der Welt vertreibt,

die frische Butter, die durch das Schlagen der Milch der wahren Lehre

entstanden ist.

32. Diese Mahl des Glücks, das alle herbeigekommenen Wesen zufrieden

stellt, ist nun bereitet für die auf den Wegen des Daseins ziehende Karawanw

der Wesen, die nach dem Glücksgenuss hungert.

33. Wahrlich, vor allen Beschützern sind heute die Wesen von mir zum

Buddhatum eingeladen, und bis zu seiner Erlangung zu irdischem Glück.

Mögen die Götter, die Asuras und die anderen Wesen sich freuen!

Wachsame Sorge um das Erleuchtungsdenken

Verantwortung des Bodhisattva

1. Hat so ein Sohn der Sieger das Erleuchtungsdenken sicher erfasst, möge er

sich stets und unermüdlich bemühen, von der Regel der Boddhisattvas nicht

abzuweichen.

2. Was hastig unternommen, was nicht richtig geprüft wurde, er wird

überlegen, ob er es ausführt oder nicht, selbst wenn er es versprochen hat.

3. Was aber von den Buddhas und ihren Söhnen von großer Einsicht geprüft

wurde und auch von mir selbst nach meinem Vermögen, warum schiebe ich

das auf?

4. Und würde ich nach so einem Versprechen es nicht verwirklichen, hätte

ich sie alle betrogen. Was für ein Los wird mir dann wohl zuteil?

5. "Wer nicht in Wirklichkeit gibt, obwohl er mit dem Verstande zu geben

gedacht hat, der wird ein Gespenst", heißt es, auch wenn es sich bloß um eine

Kleinigkeit handelt.

6. Was für ein schlimmeres Los wird mit wohl zuteil, wenn ich aus ganzem

Herzen laut das höchste Glück verkündet und dann die ganze Welt betrogen

habe?

7. Der Allwissende allein kennt jenen unvorstellbaren Lauf der Werke, der

die Menschen befreit, auch wenn sie das Erleuchtungsdenken aufgeben

haben.

8. Daher wiegt jedes Versagen des Bodhisattva besonders schwer, denn wenn

er versagt, zerstört er das Heil aller Wesen.

9. Selbst wenn ein anderer auch nur für einen Augenblick das Verdienstwerk

des Bodhisattva behindert, werden seine schlechten Schicksale endlos sein,

schadet er doch dem Heile der Wesen.

10. Denn wenn man dem Heil eines einzigen Wesens schadet, geht man

zugrunde; wie erst wenn es sich um das Heil der Wesen handelt, die im

ganzen, endlosen Äther leben?

11. Und so treibt der Bodhisattva durch die Kraft der Verfehlungen und

durch die Kraft des Erleuchtungsdenkens im Kreislauf hin und her und

schiebt seine Ankunft auf den Bodhisattva-Erden hinaus.

12. Daher muss ich sorgfältig tun, wie ich versprochen habe. Wenn ich mich

heute nicht anstrenge, werde ich bald tiefer und tiefer gefallen sein.

Wert des Lebens

13. Zahllose Buddhas auf der Suche nach jeglichem Wesen um es zu retten

sind vorübergegangen; durch meine eigene Schuld hat sich ihre Heilkunst

nicht auf mich gerichtet.

14. Wenn ich auch heute so bleibe wie ich wieder und wieder gewesen bin,

werde ich wohl in die schlechten Schicksale geraten, krank werden und

sterben, verstümmelt, zerrissen werden und anderes.

15. Wann werde ich dann wieder erlangen, was kaum zu erlangen ist: das

Auftreten eines Buddha, den Glauben, das Menschsein und die Fähigkeit

immer wieder Gutes zu tun?

16. Gesundheit und der Tag mit genügend Nahrung und ohne Plage, der

Augenblick des Lebens, sie sind trügerisch, der Körper gleich einer

geborgten Sache.

17. Das Menschsein werde ich sicher nicht wieder erlangen, wenn ich mich

derartig verhalte. Wenn man aber das Menschsein nicht erlangt, trifft einen

nur Böses. Woher sollte das Gute kommen?

18. Wenn ich nicht Gutes tue, obwohl ich zum Guten fähig bin, wie will ich

es dann tun, wenn ich durch die Leiden in schlechten Existenzen verstört bin?

19. Und wenn ich nicht Gutes tue, das Böse aber vermehre, dann ist für

hundert Millionen von Zeitaltern selbst das Wort "Gutes Schicksal" für mich

ausgelöscht.

20. Daher hat der Erhabende gesagt: Das Menschsein zu erlangen ist überaus

schwierig, wie es für eine blinde Schildkröte schwierig ist, ihren Hals durch

die Öffnung eines Joches zu stecken, das im Ozean umhertreibt.

21. Durch eine in einem einzigen Augenblick begangene Sünde weilt einer

für ein Weltzeitalter in der untersten Hölle; wie könnte vom guten Schicksal

noch die Rede sein, wenn man die Sünden seit anfanglosen Zeiten angehäuft

hat?

22. Und er wird auch nicht frei, wenn er bloß diese eine Sünde gebüßt hat,

denn durch sie entsteht, noch während er sie büßt, eine neue Sünde.

23. Es gibt keine größeren Betrug, es gibt keine größere Verblendung, wenn

ich eine solche günstige Gelegenheit erreicht habe und nicht immerfort Gutes

tue.

24. Und wenn ich nach solchen Gedanken weiter in meiner Verblendung

verharre, werde ich wieder mich quälen für lange Zeit, von den Boten des

Yama gehetzt.

25. Lange wird das unerträgliche Feuer der Höllen meinen Körper brennen,

lange wird das Feuer der Reue mein unentschiedenes Denken brennen.

26. Die überaus schwer zu erreichende Stufe des Heils habe ich - ich weiß

nicht wie - erlangt, und, obwohl ich es nun weiß, werde ich wieder in

dieselben Höllen geführt.

Zerstörung der Laster

27. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Wie von Zaubersprüchen

verblendet weiß ich nicht, wer mich blind macht, wer hier in mir steckt.

28. Die Feinde, Gier und Hass, haben weder Hände noch Füße, sind weder

heldenstark noch klug. Wie haben sie mich versklaven können?

29. In mein Denken sich sie eingedrungen und bekämpfen mich aus sicherer

Stellung, und ich zürne ihnen nicht einmal. Schmach über diese

unangebrachte Duldsamkeit.

30. -31. Selbst wenn alle Götter und Menschen meine Feinde wären, könnten

sie doch nicht das Feuer der untersten Hölle zustandebringen, durch dessen

Berührung vom Weltberge Meru selbst nicht einmal mehr Asche zu finden

wäre. Da hinein stoßen mich augenblicklich die mächtigen Feinde, die

Laster.

32. Denn das Leben aller anderen Feinde ist nicht so lang wie das anfanglose

und endlose, überaus lange Leben meiner Feinde, der Laster.

33. Alle anderen Feinde dienen dem Heil, behandelt man sie nach Gebühr.

Wenn man aber die Laster pflegt, werden sie noch viel quälender.

34. Wenn solche unablässigen, langlebigen Feinde, die einzige Ursache für

den Lauf des Unglücksstromes, in meinem Herzen wohnen, wie könnte ich

mich da ohne Ängste am Dasein werden?

35. Wenn diese Wächter im Kerker des Lebens und Henker der Verdammten

in den Höllen meines Geistes, dem Käfig der Gier, sich finden, wie könnte

ich da glücklich werden?

36. Solange daher diese Feinde nicht offenkundig vernichtet sind, werde ich

das Joch der Aufmerksamkeit und Bemühung nicht niederlegen. Stolze

Menschen, die einem Beleidiger zürnen, sei er auch gering, finden keinen

Schlaf, bevor sie ihn nicht vernichtet haben.

37. Rasend in vorderster Schlacht, mit Gewalt die Elenden zu töten, die

unselig sind, von Natur aus zum Sterben bestimmt, zählen sie nicht die

Schmerzen der Schläge von Pfeilen und Speeren und wenden sich nicht

zurück, ohne ihr Ziel erreicht zu haben.

38. Warum sollte gerade ich nun, selbst wegen hunderter Leiden verzweifelt

und elend sein, der ich mich erhoben habe, die natürlichen Feinde, die

ständigen Ursachen allen Leidens zu vernichten.

39. Grundlos tragen jene die vom Feinde geschlagenen Wunden wie

Schmuck an ihren Gliedern. Ich aber habe begonnen, das große Ziel der

Erlösung aller Wesen zu verwirklichen; wie könnten die Leiden mich daran

hindern?

40. Die Fischer, die Parias, die Bauern und andere ertragen, allein auf den

eigenen Unterhalt bedacht, alle Mühsal wie Kälte und Hitze. Warum soll ich

sie nicht zum Heile der Welt ertragen?

41. Die Wesen von den Lastern zu befreien, die der Äther in den zehn

Richtungen birgt, habe ich mich verpflichtet, obwohl ich selbst nicht von den

Lastern frei bin.

42. Ohne mein Maß zu kennen, rede ich also wie ein Verrückter. Daher will

ich immer und unablässig die Vernichtung der Laster betreiben.

43. Daran will ich mich klammern, und voll Feindschaft will ich alle

bekriegen, ausgenommen das eine Laster, das die Vernichtung der Laster

bringt.

44. Sollen ruhig meine Eingeweide hervorquellen, soll doch mein Kopf

fallen! Meinen Feinden den Lastern werde ich niemals mich beugen.

45. Ein Feind, selbst wenn er vertrieben ist, könnte in einem anderen Lande

Asyl finden und von dort mit gesammelten Kräften wieder einfallen; der

Feind Laster aber hat keinen solchen Weg.

46. Wohin könnte er gehen, der in meinem Denken sitzt, wenn er verjagt ist?

Wo könnte er sich aufhalten und an meinem Verderben arbeiten? Allein - ich

strenge mich nicht an, viel mein Geist schwach ist; doch die Elenden Laster

sind nur durch die Schau der Einsicht besiegbar.

47. Die Laster sind nicht in den Sinnesobjekten und nicht in der Schar der

Organe, auch nicht dazwischen, noch anderswo. Wo also sind sie und

erschüttern die ganze Welt? Es ist bloß ein Zaubertrug. Daher mache dich

frei, mein Herz, von Furcht! Bemühe dich um die Einsicht! Warum quälst du

dich ganz ohne Grund in den Höllen?

48. So halte ich es fest und werde mich bemühen, die Bodhisattva-Regeln,

wie sie gelehrt worden sind, zu befolgen. Wie kann einer, der durch

Heilmittel geheilt werden kann gesunden, wenn er von der Vorschrift des

Arztes abweicht?

Behütung der Bewusstheit

Hütung des Denkens

1. Wer die Regel eines Bodhisattva beachten will, muss sorgsam sein Denken

hüten. Wer das flüchtige Denken nicht hütet, kann die Regel nicht beachten.

2. Ungezähmte Elefanten in der Brunst richten hier nicht das Unheil an, das

der entfesselte Elefant Denken in der untersten und den anderen Höllen

anrichtet.

3. Wenn der Elefant Denken mit der Fessel der Wachsamkeit völlig

gebunden ist, dann ist alle Gefahr geschwunden und alles Gute nahe.

4. -5. Tiger, Löwen, Elefanten, Bären, Schlangen und alle Feinde, alle

Höllenwächter, Dakini-Hexen und Raksasa-Dämonen, alle sind sie gebunden,

wenn nur das Denken gebunden ist. Wenn nur das Denken gezähmt ist, sind

alle gezähmt.

6. Denn alle Gefahren und die unermesslichen Leiden gehen allein aus dem

Denken hervor. So hat es der Verkünder der Wahrheit erklärt.

7. Wer hat die Waffen in der Hölle sorgsam gefertigt, wer den glühenden

Eisenboden? Und woher stammen jene die Ehebrecher peinigenden Weiber?

8. Das all das aus dem sündigen Denken entstanden ist, hat der Weise gelehrt.

Deshalb ist in der Dreiwelt nichts so furchterregend wie das Denken.

9. Wenn die Vollkommenheit der Hingabe darin besteht, die Dürftigkeit von

der genommen zu haben, dann hat sie den früheren Errettern gefehlt - die

Welt ist ja heute noch dürftig.

10. Den Gedanken, was man besitzt allen Wesen hinzugeben samt der Frucht

dieser Hingabe, nennt man die Vollkommenheit der Hingabe. Sie ist also

nichts als Denken.

11. Wohin soll ich etwa die Fische bringen, damit ich nicht schuldig werde

an ihrem Tode? Wenn aber der Gedanke des Verzichts gefasst ist, ist das die

Vollkommenheit der Sittlichkeit.

12. Wie viele Böse, deren Zahl äthergleich endlos ist, könnte ich töten?

Wenn aber das zornige Denken getötet ist, sind alle Feinde getötet.

13. Wo könnte ich Leder finden, die ganze Erde zu bedecken? Mit dem Leder

einer Sandale ist die Erde bedeckt.

14. Ich kann ja in dieser Weise die äußeren Dinge nicht meistern; mein

Denken aber könnte ich meistern; was geht es mich dann an, ob die anderen

Dinge gemeistert sind.

15. Selbst zusammen mit Rede und Körper hat ein träges Denken nicht die

Frucht, die ein scharfes ganz allein hat: die Brahmaschaft und anderes.

16. Gebete und alle Askese sind sinnlos, auch wenn sie für lange Zeit geübt

wurden, wenn träges Denken sich auf anderes richtet. Das hat der

Allwissende erklärt.

17. Vergeblich irren jene das Leid zu vernichten, das Glück zu finden im

Weltraum umher, die nicht das subtile Denken in der Betrachtung geübt, das

der Grund für die Gesamtheit der Gegebenheiten ist.

Wachsamkeit und Bewusstheit

18. Deshalb muss ich das durch Wachsamkeit gelenkte Denken von mir

durch Bewusstheit wohl gehütet werden. Was nützen mir die vielen anderen

Übungen ohne die Übung der Hütung des Denken?

19. Wie man in unruhiger Menge sorgsam seine Wunde hütet, so möge man

auch unter Sündern stets die Wunde des Denkens hüten.

20. Aus Angst vor dem bisschen Wundschmerz hüte ich meine Wunde voll

Sorge; warum auch die Wunde des Denkens, aus Angst, von den Bergen in

der Samghata-Hölle zermalmt zu Weden?

21.Denn wenn der Asket ein solches Leben führt, bleibt er auch unter den

Sündern, auch unter den Schönen fest und unerschüttert.

22. Mag mein Besitz zugrundegehen, die Ehrungen, der Leib, das Leben, und

mag alles andere Gute zugrundegehen, niemals aber das Denken!

23. Ich verehre die, die das Denken hüten wollen. Mögt ihr die Wachsamkeit

und die Bewusstheit mit aller Kraft hüten.

24. Wie ein von Krankheit gestörter Mensch zu keiner Tätigkeit fähig ist, so

ist auch ein Denken, dem jene beiden fehlen, zu keiner heilbringenden

Tätigkeit fähig.

25. Wessen Denken ohne Bewusstheit ist, in dessen Wachsamkeit bleiben die

Gegenstände der Überlieferung, der Überlegung und der Betrachtung nicht

erhalten, sowenig wie Wasser in einem gesprungenen Topf.

26. Viele sind gebildet, gläubig und strengen sich an; dennoch besudeln sie

sich mit der Sünde durch die der Unbewusstheit.

27. Die Unbewusstheit, wie ein Dieb, geht aus auf den Raub der

Wachsamkeit, und die von ihr Bestohlenen, mögen sie auch Verdienste

gesammelt haben, gehen einem bösem Geschick entgegen.

28. Die Räuberschar der Laster sucht einen Zutritt. Hat sie den Zutritt

gefunden, dann raubt sie unsere Verdienste und macht uns ein Leben in

künftigem guten Geschick unmöglich.

29. Daher darf man die Wachsamkeit nie von der Tür unseres Denkens

entfernen. Und wenn sie fort ist, soll man sie eingedenk der höllischen

Qualen wiederum aufstellen.

30. Wenn sie mit den Lehrern zusammenleben, stellt sich mühelos bei den

Glücklichen, Hingebungsvollen durch die Unterweisung der Meister, ja selbst

durch die Angst vor ihnen die Wachsamkeit ein.

31. -32. "Auf alles richten die Buddhas und Bodhisattvas ihren unbehinderten

Blick. Alles ist vor ihren Augen. Auch ich stehe vor ihnen". In diesem

Gedanken wird er wohl von Scheu, Achtung und Furcht erfüllt sein. So wird

ihm auch die achtsame Betrachtung des Buddha stets gegeben sein.

33. Wenn die Wachsamkeit an der Türe des Denkens steht, um es zu hüten,

dann kommt die Bewusstheit, und, ist sie gekommen, geht sie nicht wieder

fort.

34. Am Anfang muss zunächst dieses mein Denken stets in dieser Weise

umsorgt sein. Stets muss ich mich so verhalten, als wäre ich ohne die Sinne,

wie Holz:

35.Niemals dürfen die Augen ziellos umherirren. Der Blick sei immer

gesenkt, wie in tiefer Versenkung.

36. Um den Blick auszuruhen, kann wohl der Anfänger zuweilen den

Horizont betrachten, und hat er die bloße Erscheinung eines

Näherkommenden gesehen, mag er ihn ansehen, um ihn zu begrüßen.

37. Auf dem Wege möge er ständig, um die Gefahr zu erkennen, in die vier

Himmelsrichtungen blicken. Er halte und blicke gegen den Horizont und,

rückwärts gewandt, nach hinten.

38. Und er möge nach vorne gehen oder nach hinten zurückkehren, nachdem

er geprüft hat. So soll er verfahren, nachdem er in allen Lagen erkannt hat,

was getan werden muss.

39. Hat er im Wissen "So muss ich den Körper halten" etwas unternommen,

soll er immer wieder nachsehen, wie er seinen Körper hält.

40. Ebenso ist der brünstige Elefant des Denkens mit aller Mühe zu

überwachen, dass er, an den großen Pfosten der Beachtung der religiösen

Pflicht gebunden, sich nicht befreie.

41. "Worauf richtet sich mein Denken?". Derart ist das Denken zu

beobachten, dass es auch nicht einen Augenblick das Joch der Konzentration

abwerfe.

42. Ist der Bodhisattva aber etwa bei Gefahr oder einer Festlichkeit dazu

nicht imstande, mag er nach belieben handeln. Denn es heißt, dass man im

Moment der Hingabe die Sittlichkeit vernachlässigen kann.

43. Was er aber überlegt zu tun begonnen hat, an nichts anderes soll er

denken. Nur dies soll er zunächst zu Ende bringen, mit ganzem Herzen ihm

zugetan.

44. Denn so wird alles gut getan sein, anderenfalls beides nicht, und auch der

Fehler der Unbewusstheit wird sich so wieder entwickeln.

45. Das eifrige Verlangen möge er bekämpfen, das sich einstellt bei den

häufig stattfindenden, vielfältigen Unterhaltungen, bei allen Wunderdingen.

46. Nutzloses Geschehen wie Erdzerbröseln, Grasausrupfen, Linienziehen

möge er ängstlich ohne zu zögern vermeiden, der Regel der Buddhas

eingedenk.

47. Wenn er Lust hat, sich zu bewegen oder auch zu sprechen, soll er sein

Denken zuerst prüfen und ihm Festigkeit geben.

48. Wenn er merkt, dass sein Denken angezogen oder abgestoßen ist, soll er

weder handeln noch sprechen; wie Holz soll er verharren.

49. -50. Wenn das Denken zerstreut oder höhnisch, hochmütig und

eingebildet, besonders roh, falsch und arglistig ist, wenn es sich selbst

hervorhebt oder andere tadelt, verachtungsvoll oder streitsüchtig ist, wie Holz

soll er dann verharren.

51. Mein Denken strebt wieder nach Gewinn, nach Ehren, nach Ruhm, es

strebt nach Anhängerschaft, und es strebt nach Huldigungen. Darum verharre

ich wie Holz.

52. Mein Denken ist gegen den Vorteil anderer gerichtet, ist auf meine

Vorteil bedacht und liebt Gesellschaft, es will reden. Darum verharre ich wie

Holz.

53. Es ist unduldsam, faul, furchtsam, anmaßend und geschwätzig, und des

ist parteiisch für meinen Anhang. Darum verharre ich wie Holz.

54. Wenn er in dieser Weise erkannt hat, dass das Denken befleckt ist oder

von nutzloser Geschäftigkeit, möge der Held es jedes Mal durch einen

entsprechenden Gegensatzes in seine Gewalt bringen.

55. -57. Entschlossen, freundlich, fest, voll Achtung und Ehrfurcht, voll

Scheu und voll Furcht, ruhig, ganz bedacht, die anderen für sich

einzunehmen, unbeirrt durch die widerspruchvollen Wünsche der

Unverständigen, mitleidig im Wissen, dass sich dies bei ihnen durch das

Auftreten der Laster ergibt, stets zu meiner eigenen und der Wesen

Verfügung in untadligen Dingen will ich das Denken wie eine magische

Schöpfung ohne Selbstgefühl halten.

58. Unaufhörlich eingedenk des nach langer Zeit erlangten besten Umstands

menschlicher Existenz will ich in dieser Weise das Denken halten, dass es

unerschütterlich ist wie der Weltberg Sumeru.

der Körper

59. Warum unternimmt andernfalls der tote Leib nichts zu seiner

Verteidigung, wenn er von fleischgierigen Geistern hin und her gezerrt wird.

60. Warum, o mein Geist, hältst du diesen Haufen für dein Selbst und

behütest ihn? Wenn er von dir verschieden ist, was bedeutet dir da sein

Vergehen?

61. Ach du Narr! Eine saubere Holzpuppe hältst du nicht für dich; warum

hütest du diese aus Unrat geschaffene, stinkende Maschine?

62. -63. Hebe zuerst mit deinem Denken diese Hauthülle ab: dann löse mit

dem Messer der Einsicht das Fleisch vom Knochenskelett. Spalte auch die

Knochen und betrachte das Mark im Inneren. Und prüfe selbst, ob da ein

Kern sei.

64. Hast du in dieser Weise sorgsam gesucht und dabei keinen Kern

gefunden, sage nun, warum du noch immer den Körper behütest.

65. Du kannst das Unreine (den fleischlichen Körper) nicht essen, das Blut

nicht trinken, die Eingeweide nicht schlürfen. Was also willst du mit dem

Körper tun?

66. Es ist sicher gut, ihn zum Fraß für Geier und Schakale etwa zu behüten.

Eine Krücke beim Handeln ist doch nur dieser Körper des Menschen.

67. Der mitleidlose Tod wird den Körper, auch wenn du ihn behütest,

rücksichtslos den Geiern geben. Was wirst du dann dagegen tun?

68. Weiß man, dass er nicht bleiben wird, gibt man einem Diener weder

Kleidung noch anderes. Der Körper wird fortgehen, nachdem er gegessen

hat. Warum nimmst du die Kosten auf dich?

69. Deshalb gib ihm seinen Lohn und widme dich nun, o Geist, deinem

eigenen Zweck; denn man gibt einem nicht alles, was er als Lohn verdient

hat.

70. Stell`dir deinen Körper als Schiff vor, weil er geht und kommt, und dann

lass den Körper nach belieben kommen, damit du die Zwecke der Wesen

förderst.

Verhaltensregeln

71. Also, Herr über sein Selbst, möge der Bodhisattva stets lächeln, das

Runzeln der Augenbrauen unterlassen, als erster die Worte der Begrüßung

sprechen, der Welt ein Freund sein.

72. Er stellt nicht Bänken und anderes mit Krachen und hastig nieder, und an

Türen schlage er nicht. Stets gefalle er sich darin, keinen Lärm zu machen.

73. Reiher, Katze und Dieb bewegen sich lautlos und ruhig, und erreichen

das gesetzte Ziel. Ebenso möge sich stets der Asket bewegen.

74. Respektvoll nehme er die Worte jener an, die in der Leitung anderer

geschickt sind und helfen ohne gebeten zu sein. Stets möge er ein Schüler

aller sein.

75. Bei allen Lobesworten drücke er seine Zustimmung aus. Sieht er ein

gutes tun, ermutige er ihn durch Beifall.

76. Über die Vorzüge anderer rede er vertraulich; öffentlich stimme er

freudig zu. Und wird über seine eigenen Tugenden gesprochen, betrachte er

nur, dass die anderen Vorzüge schätzen können.

77. Aller Bemühungen Ziel ist Zufriedenheit; sie ist auch durch Reichtümer

kaum zu erhalten. So will ich das Glück der Zufriedenheit durch die Vorzüge

genießen, die anderen mit Mühen erworben haben.

78. Ich verliere nicht nur nichts in diesem Leben, sondern gewinne großes

Glück für das nächste. Durch Hassgefühle aber gewinne ich in diesem Leben

das Leid der Unzufriedenheit und großes Leid für das nächste.

79. Er rede zuversichtlich und geordnet, klar und herzerfreuend, zu Ohren

gehend und im Mitleid wurzelnd, im Tonfall sanft und gemessen.

80. Er betracht die Wesen stets mit geradem Blick, als wolle er sie mit dem

Auge trinken: Allein auf sie gestützt wird mir dereinst die Buddhaschaft

zuteil.

81. Großes Heil entsteht aus dauerhafter gläubiger Neigung, aus den

Gegensätzen, im Hinblick auf das Feld der Vorzüge und der Wohltäter, und

auf den Leidenden.

82. Stets sei er geschickt, voll Energie und von sich aus tätig. In keiner

Angelegenheit gebe er einem anderen Raum.

83. Die Hingabe und die anderen Vollkommenheiten sind der Reihe nach

jeweils vorzüglicher als die vorhergehenden. Er soll die bessere nicht

zugunsten der geringeren aufgeben, ausgenommen den Damm des

Verhaltens.

84. In dieser Erkenntnis möge er sich stets dem Nutzen der anderen widmen.

Selbst Verbotenes ist dem Mitleidigen gestattet, der den Nutzen erkennt.

85. Er verteile drei Viertel vom Almosen an die Elenden, Verlassenen und

Frommen. Er esse mäßig. Er gebe alles hin, ausgenommen der drei

Gewänder.

86. Seinen Körper, der Lehre der Guten dient, möge er nicht für einen

Niederen quälen; denn nur auf diese Weise dürfte er die Hoffnung der Wesen

rasch erfüllen.

87. Er gebe deshalb sein Leben nicht für einen hin, dessen Veranlagung für

das Mitleid unvollkommen ist, für einen, der von gleicher Veranlagung ist,

soll er es aber opfern. So ist nichts verloren.

88. Er trage die Lehre nicht einem gesunden Hörer vor, der keinen Respekt

hat und einen Turban trägt, der einen Sonnenschirm, Stock oder ein Schwert

hat, und der sein Haupt verhüllt.

89. Tief und erhaben trage er sie nicht Unbegabten, und Frauen nicht ohne

Beisein eines Mannes vor. Die gleiche Achtung erweise er den geringen und

den überlegenen Lehren.

90. In die geringe Lehre führe er nicht den ein, der erhabenen Lehre wert ist;

auch verführe er nicht unter Aufgabe der praktischen Pflicht durch bloßes

Lesen der Sutren und Mantren.

91. Unzulässig ist, öffentlich das Zahnholz wegzuwerfen und auszuspucken.

Verboten ist es auch, in Wasser und auf kultivierte Erde zu urinieren usw.

92. Er esse nicht mit vollem Mund, geräuschvoll und mit offenem Mund. Er

sitze nicht mit hängenden Füßen. Er reibe beide Arme nicht zur gleichen Zeit.

93. Er reise nicht mit der Frau eines anderen, wenn sie allein ist, noch schlafe

oder sitze er mit ihr unter einem Dach. Er sehe sich um und frage, und

vermeide dadurch alles, was den Leuten ein Ärgernis ist.

94. Er gebe keine Aufträge mit einem Finger, sondern höflich mit der ganzen

rechten Hand. Ebenso weise er auch den Weg.

95. Hat er keine große Eile, rufe er niemanden mit hochgestreckten Armen.

Hingegen mag er etwa mit den Fingern schnalzen. Andernfalls wäre er nicht

im Rahmen der Vorschriften.

96. Er lege sich in beliebiger Richtung schlafen in der Art des Herrn auf dem

Bett des Erlöschens, bewusst, rasch sich erhebend, unbedingt bevor man ihn

dazu auffordert.

97. Zahllos sind die geschilderten Praktiken der Bodhisattvas, aber die

Reinigung des Denkens ist die Praktik, die er notwendig zuerst durchführen

möge.

98. Dreimal zur Nacht und dreimal am Tage möge er die drei Bestandteile

des Heilweges in Bewegung setzen. Dadurch tilgt er den Sündenrest, weil er

sich auf das Erleuchtungsdenken und auf die Sieger stützt.

99. In welch Lagen er geraten möge, sei es von sich aus oder auch durch

andere, mit Eifer möge er die Praktiken üben, die diesen Lagen entsprechen.

100. Denn es gibt nichts, das die Söhne der Sieger zum Heile der Wesen

nicht üben müssten, nichts, was nicht verdienstvoll wäre, wenn einer sich so

verhält.

101. Mittelbar oder unmittelbar möge er ausschließlich zum Wohle der

Wesen handeln, und zum Wohle der Wesen allein möge er alles auf die

Erleuchtung hin ausrichten.

102. Und niemals verlasse er, selbst um den Preis seines Lebens, den

geistigen Freund, der die Bodhisattvapraktiken erfüllt und den Sinn des

Großen Fahrzeuges kennt.

Quellen

103. Und aus der "Erlösung des edlen Sambhava" möge er lernen, wie man

sich gegen den Lehrer verhält. Das vom Buddha Verkündete das hier

vorgetragen wurde und das andere das nicht vorgetragen wird soll er aus den

Vorträgen der Sutren erkennen.

104. Die Regeln für die Bodhisattvas findet man in den Mahayana-Sutren. Er

möge sie deshalb rezitieren. Und im "Sutra des Akasagarbha" möge er die

schweren Sünden finden.

105. Auch die "Sammlung der Regeln" muss er notwendig immer wieder

nachsehen, denn in ihr ist die Praktik der Guten ausführlich dargelegt

worden.

106. Oder er möge mit Eifer die "Sammlung der Sutren", eine Darstellung

zusammenfassender Art, nachsehen und das zweite Werk gleichen Namens,

das der ehrwürdige Nagarjuna verfasst hat.

107. Was ihm in diesen Werken verboten und was ihm vorgeschrieben wird,

das möge er in Kenntnis der Regel mit dem Ziele befolgen, den Geist der

Wesen zu behüten.

Bewusstheit

108. Die Definition der Bewusstheit ist kurz gefasst folgende: die ständige

Prüfung sämtlicher körperlichen und geistigen Zustände.

109. Handelnd will ich "lesen"; was soll dagegen das Lesen von Worten

nützen? Wie könnte dem Kranken das bloße Lesen der Heilkunde helfen?

Vollkommenheit der Geduld

Hass

1. All der gute Wandel, die Hingabe, die Verehrung der Buddhas, die man

durch Tausende von Zeitaltern geübt hat, der Hass macht sie zunichte.

2. Es gibt kein Böses gleich dem Hass, es gibt keine Buße gleich der Geduld.

Darum möge er mit ganzer Kraft auf verschiedene Weisen die Geduld üben.

3. Das Denken kommt nicht zur Ruhe, gewinnt nicht die Lust der Freude, es

findet nicht Schlaf nicht Beständigkeit, wenn der Stachel des Hasses im

Herzen sitzt.

4. Den durch seinen Hass unertäglichen Herrn wollen selbst die vernichten,

die er durch Güter und Ehrungen hochhält. und die seinen Schutz gesucht

haben.

5. Selbst die Freunde fürchten ihn. Er gibt, aber man ist ihm nicht nahe. Kurz,

es gibt nichts, das einen Zornigen glücklich machen könnte.

6. Wer den Zorn, den er als Feind erkennt, der diese und andere Leiden

verursacht, mit Kraft vernichtet, der ist hier und in der anderen Welt

glücklich.

7. Weil ich beginne, was mir von Nachteil, und weil ich vereitle, was mir von

Vorteil ist, stellt sich die Unzufriedenheit ein. An dieser Nahrung sättigt sich

der Hass und vernichtet mich.

8. Deshalb will ich die Nahrung dieses Feindes zerstören, denn dieser

Widersacher hat kein anderes Ziel als meine Vernichtung.

Geduld:

1. Ertragen der Leiden

9. Selbst wenn die ärgsten Widrigkeiten mich befallen, darf ich meine

Heiterkeit nicht erschüttern lassen. Denn auch in der Unzufriedenheit liegt

kein Vorteil, das Gute aber geht verloren.

10. Wenn es ein Heilmittel gibt, warum dann unzufrieden sein? Und warum

unzufrieden sein, wenn es kein Heilmittel gibt?

11. Leid, Beleidigung, Schimpf, Verleumdung wollen wir weder für uns,

noch für die, die wir lieben. Beim Feinde wieder ist dies umgekehrt.

12. Das Glück erlangt man nur mit Mühe, das Leid stellt sich ohne weiteres

ein. Doch nur durch Leid entkommen wir den ewigen Existenzen. Darum,

mein Geist, sei fest!

13. Die Anhänger der Göttin Durga im Karnata-Land ertragen die Schmerzen

des Brennens etwa und Schneidens für nichts; warum soll ich da verzagen,

wenn es um die Erlösung geht?

14. Es gibt nichts, was Übung nicht meistern könnte. Durch die Übung im

kleinen Leiden wird daher auch großes Leiden erträglich.

15. Moskitos, Bremsen, Fliegen, Hunger, Durst und andere schmerzhafte

Empfindungen, und Leiden wie heftiger Juckreiz, warum lässt du sie als

nutzlos außer acht?

16. Durch Kälte und Hitze, Regen und Wind, Erschöpfung am Weg,

Krankheit, Gefängnis, Schläge lass dich nicht weich machen; sonst leidest du

noch mehr.

17. -18. Wenn die einen durch den Anblick ihres Blutes noch heftiger

vorwärtsstürmen und andere in Ohnmacht fallen, wenn sie anderer Blut

sehen, dann kommt das von der Festigkeit und von der Schlaffheit ihres

Geistes. Man lasse sich daher vom Leid nicht bezwingen und überwinde den

Schmerz.

19. Auch im Leiden möge der Weise die Gelassenheit seines Geistes nicht

zerrütten, denn mit den Lastern wird gekämpft, und in der Schlacht verletzt

man sich leicht.

20. Die sind die siegreichen Helden, die mit der Brust die Schläge der Feinde

suchend die Gegner besiegen; die anderen bringen nur Tote um.

21. Und ein anderer Vorzug des Leidens ist, dass durch die Erschütterung der

Übermut zerbricht, dass Mitleid mit den Wesen im Kreislauf, Angst vor dem

Bösen und Liebe zum Buddha entsteht.

2. Ertragen von Unrecht

22. Ich hege keinen Zorn gegen die Galle und die anderen Körpersäfte,

obwohl sie große Leiden verursachen. Welchen Sinn hätte der Zorn gegen die

geistbegabten Wesen? Auch sie sind nicht ohne Ursachen zornig.

23. Wie eine Krankheit entsteht, obwohl sie von keinem der Säfte gewollt ist,

so entsteht mit Kraft der Zorn, obwohl er nicht gewollt ist.

24. Der Mensch denkt nicht "ich will zornig sein" und ist zornig aus eigenem

Willen, und auch der Zorn denkt nicht "ich will entstehen" und entsteht.

25. Alle Verfehlungen und die vielerlei bösen Taten entstehen kraft

entsprechenden Ursachen. Nichts ist unabhängig.

26. Es denkt weder der Komplex der Ursachen "ich will hervorbringen" ,

noch das Hervorgebrachte "ich bin hervorgebracht".

27. Was man als Urmaterie annimmt, was man als Selbst ansiegt, das entsteht

nicht, nachdem es gedacht hat "ich will entstehen".

28. Denn vor dem Entstehen existiert es nicht. Wer könnte dann zu entstehen

wünschen? Und weil ein ewiges Selbst sich tätig auf die von der Urmaterie

geschaffenen Objekte bezieht, kann es nicht aufhören zu sein.

29. Ein ewiges und ungeistiges Selbst nämlich ist offensichtlich untätig wie

der Äther. Wie sollte, was sich nicht verändert, tätig sein, selbst wenn es mit

anderen Ursachen verbunden ist?

30. Was bewirkt das für die Tätigkeit, das zur Zeit der Tätigkeit ist, wie es

woher war? Welches der beiden (Selbst und Tätigkeit) veranlasst das andere,

wenn man mit den Worten "die Tätigkeit des Selbst" eine Verbindung

bezeichnet?

31. So hängt alles von einem anderen ab; auch das, wovon es abhängt, ist

abhängig. Wenn die Dinge in dieser Weise ohne eigenen Willen sind wie ein

Zauberwerk, worüber ist man zornig?

32. Wenn einer meint, dass es in dieser Weise auch nicht möglich sei dem

Zorn zu widerstehen und sich fragt, wer wem widerstehe, sagen wir, dass es

möglich ist. Weil es die Abhängigkeit gibt, meinen wir, dass das Leiden zur

Ruhe kommt.

33. Deshalb möge er, selbst wenn er gesehen hat, dass Freund oder Feind

Unrecht tut, gelassen sein im Gedanken, dass entsprechende Ursachen bei

ihm vorhanden sind.

34. Wenn sich aber bei allen Wesen die Erfüllung auf ihren Wunsch hin

einstellte, dann würde niemand leiden, denn zu leiden wünscht niemand.

35. Aus Unbedachtheit peinigen sie sich selbst in den Höllen mit

Dornenlagern und anderen Martern, aus Zorn, aus Lüsternheit nach

unerreichbaren Frauen usw., mit Nahrungsentzug und anderen Höllenstrafen.

36. Einige töten sich selbst; sie hängen sich auf oder stürzen sich in einen

Abgrund, nehmen Gift oder schädliche Stoffe und anderes zu sich und

begehen Verbrechen.

37. Wenn sie so in der Gewalt der Laster sogar ihren teuren Leib zerstören,

wie sollten sie dann den Leib der anderen schonen?

38. Wie ist es möglich, dass man für die, die sinnverwirrt durch die Laster an

ihrem eigenen Verderben arbeiten, nicht nur kein Mitleid hat, sondern dass

sogar Zorn aufkommt?

39. Wenn es der Unmündigen Natur ist, die anderen zu bedrängen, dann steht

mir der Zorn gegen sie wenig zu wie gegen das Feuer, das von Natur brennt.

40. Und wenn dieser Fehler zufällig ist, die Wesen also von Natur

liebenswert sind, auch dann ist der Zorn gegen sie so unberechtigt wie gegen

die Luft, wenn sie von beizendem Rauch erfüllt ist.

41. Wenn man z.B. den Stock, die Hauptursache, übergeht, und zornig ist auf

den, der ihm führt: Auch er wird von Hass getrieben. So gebührt mir eher der

Hass auf den Hass.

42. Auch ich habe früher den Wesen die gleiche Pein bereitet. Daher

geschieht es mir recht, der ich den Wesen Unglück gebracht habe.

43. Seine Waffe und mein Körper, beide sind Ursache des Leidens. Er hat die

Waffe, ich den Körper ergriffen: worüber zürnen?

44. Diese Beule in Form eines Körpers habe ich mir angeschafft, die keinen

Stoß verträgt. Worüber soll ich, blind vor Gier, zornig sein, wenn sie

schmerzt?

45. Das Leid will ich nicht, in meinem Unverstand will ich aber den Grund

für das Leid. Warum zürne ich über anderes, wenn sich das Leid aus eigener

Schuld ergibt?

46. Wie der Schwertblätterwald, wie die Höllenvögel durch meine eigenen

Taten allein verursacht sind, so auch dies gegenwärtige Leid. Worüber zürne

ich also?

47. Angestachelt alleine von meinen eigenen Taten tun die Menschen mir

Unrecht. Sie werden deshalb in die Höllen kommen. Habe nicht ich sie

vernichtet?

48. Um ihretwillen wird mir, wenn ich Geduld übe, große Schuld getilgt; um

meinetwillen aber kommen sie in die Höllen mit lange dauernden Qualen.

49. Ich selbst bin es, der ihnen Unrecht tut, und sie sind mein Wohltäter.

Warum drehst du es um, o Verblendeter, und zürnest?

50. Es wird wohl die Reinheit meines Herzens sein, wenn ich dennoch nicht

in die Höllen komme. Wenn ich mich selbst rette, was geht das diese an?

51. Wenn ich ihnen das Unrecht vergälte, auch dann sind sie nicht gerettet.

Wohl aber ist meine Laufbahn als Bodhisattva gescheitert. Dann sind die

Unglücklichen ganz verloren.

3. Ertragen der Erkenntnis der Wirklichkeit

52. Nichts kann jemals das Denken verletzen, denn es ist ohne Gestalt. Aber

da wir am Körper festhalten, wird unser Geist vom Leiden gequält.

53. Beleidigung, Schimpf und Verleumdung, all das trifft den Körper nicht.

Warum zürnst du daher, mein Geist?

54. Wird der anderen Missgunst mir gegenüber etwa mich in diesem oder in

einem anderen Leben verzehren, so dass sie mir widrig ist?

55. Wenn sie mir widrig ist, weil sie meinen Erfolg verhindert: Mein Erfolg

wird noch in diesem Leben vergehen, die Sünde aber wird beharrlich bleiben.

56. Das Beste wäre, wenn ich noch heute stürbe, aber nicht ein langes,

falsches Leben. Denn wenn ich auch lange verweile, das Leiden des Todes

bleibt für mich doch das gleiche.

57. -58. Der eine genießt im Traum hundert Jahre des Glücks und erwacht,

der andere ist einen Augenblick glücklich und erwacht. Vergeht nicht bei

beiden das Glück, wenn sie wach sind? Das Gleiche gilt in der Stunde des

Todes für den, der ein langes, und den, der ein kurzes Leben gehabt hat.

59. Wenn ich auch viele Güter erworben und lange die Freuden gekostet

habe, mit leeren Händen und nackt werde ich hinübergehen, wie

ausgeplündert.

60. Wenn ich nun aber durch meinen Gewinn lebe und die Sünden tilge und

Gutes tue? Verliert der nicht eher Verdienst und sündigt, der um Gewinnes

willen sich ereifert?

61. Wenn das zugrunde geht, für das allein ich lebe, was nützt mir dann das

Leben, das nichts als Böses wirkt?

62. Wenn du den hasst, der dich verleumdet, weil er damit die Wesen

vernichtet, warum gerätst du dann nicht ebenso auch über den in Zorn, der

andere verleumdet?

63. Nachsicht erweist du den Missgünstigen, weil ihre Missgunst sich gegen

andere richtet, aber keine Nachsicht deinem Verleumder, der durch das

Auftreten der Laster bedingt ist.

64. Auch die, die Bilder, die Stupas, die Wahre Lehre zerstören und

schmähen, verdienen meinen Hass nicht, denn die Buddhas und die anderen

Vollendeten leiden nicht darunter.

65. Wenn sie die Lehrer, Verwandten und die, die wir lieben, kränken, möge

man, wie gesagt, sehen, dass das seine Ursachen hat und den Zorn

unterdrücken.

66. Das Leid, von Geistigem und Ungeistigem verursacht, ist unausweichlich

für die Wesen. Bewusst wird das Leid beim geistigen Wesen. Erdulde daher

dieses Leid!

67. Die einen tun Übles aus Verblendung, die anderen, verblendet, sind

zornig. Wen unter ihnen nennen wir fehlerlos und wen nennen wir schuldig?

68. Warum hast du früher so gehandelt, dass du von den anderen nun so

gepeinigt wirst? Alle Ursachen des Leidens sind bedingt durch unsere Taten.

Wer bin ich, dass ich das ändern könnte?

69. Da ich das aber weiß, will ich mich so um die guten Werke bemühen,

dass alle füreinander von Liebe erfüllt werden.

70. -71. Wie man, wenn ein Haus brennt, das Stroh und anderes, woran sich

das Feuer halten könnte, wenn es ins Nachbarhaus übergesprungen ist,

herauszieht und fortschafft, ebenso muss man das, woran sich das Denken

klammert und daher vom Feuer des Hasses verbrannt wird, auf der Stelle

aufgeben, aus Furcht, das Verdienst könnte verbrannt werden.

72. Wenn ein zum Tode verurteilter nach Abhauen einer Hand freigelassen

worden ist, ist das ein Unglück? Wenn man durch die menschlichen Leiden

von der Hölle befreit ist, das ein Unglück?

73. Wenn man jetzt schon ein geringes Leid nicht ertragen kann, warum

bekämpft man dann nicht den Zorn, den Grund für die höllischen Leiden?

74. Tausendmal bin ich wegen des Zornes in den Höllen gemartert worden

und habe damit weder mir selbst noch anderen gedient.

75. Weniger Schlimm ist das Leiden in dieser Welt und großen Vorteil wird

es bringen. Freude ist daher angemessen in dieser Welt über das Leid, das die

Leiden der Welt beseitigt.

Neid

76. Wenn andere das Glück der Freude darin finden, dass sie große Vorzüge

der Nächsten rühmen, warum freust nicht auch du dich, mein Geist, wenn du

sie rühmst?

77. Und dieses Glück der Freude in dir ist untadelig, eine Quelle des Glücks.

Auch die Tugendhaften lehnen es nicht ab, dieses beste Mittel, andere für

sich einzunehmen.

78. "Es ist doch sein Glück". Wenn es dir also nicht wert ist, dann hört jede

Verhütung wie das Bezahlen des Lohnes auf. Die sichtbaren und

unsichtbaren Früchte unserer Taten dürften dann wohl zerstört sein.

79. Zwar schätzt du die Freude der anderen, wenn deine eigenen Vorzüge

gelobt werden; werden der anderen Vorzüge gelobt, schätzest du die eigene

Freude nicht.

80. Aus dem Wunsch nach dem Glück aller Wesen hast du den

Erleuchtungsgedanken entwickelt. Warum zürnst du nun jenen Wesen, die

von sich aus das Glück der Freude gefunden haben?

81. Du wünschst doch gewiss für die Wesen die in den drei Welten

verehrungswürdige Buddhaschaft; warum erhitzest du dich, wenn du merkst,

dass man ihnen niedrige Ehre erweist.

82. Wer den ernährt, den du ernähren sollst, der gibt doch dir. Du findest

einen, der deine Familie unterhält, und freust dich nicht, ja ärgerst dich.

83. Was wünscht der nicht den Wesen, der ihnen die Erleuchtung wünscht?

Woher könnte der das Erleuchtungsdenken haben, der sich über die anderen

Glücksgüter ärgert?

84. Wenn er es nicht erhält, dann bleibt es im Hause den Spenders, aber auf

keinen Fall gehört es dann dir. Was kümmert es dich also, ob es ihm gegeben

wurde oder nicht?

85. Soll er seine Verdienste, die Wohltäter, seine Vorzüge zurückhalten? Soll

er nicht nehmen, wenn er erhält? Sprich: Worüber ärgerst du dich?

86. Nicht nur beklagst du dich nicht selbst, der du Sünden begangen hast; mit

den anderen, die Gutes getan haben, willst du in Streit geraten.

87. Wenn deinem Feinde Unangenehmes widerfährt, kommt das etwa, weil

du damit zufrieden bist? Doch auf deinen bloßen Wunsch hin wird nichts

entstehen, das keine wirkliche Ursache hat.

88. Und wenn es auf deinen Wunsch hin geschehen ist, bist du dann

glücklich, wenn er unglücklich ist? Auch wenn dies ein Vorteil sein könnte,

ist nicht der Nachteil noch viel größer?

89. Denn dies ist ein schrecklicher Angelhaken, den die Laster als Fischer

erhalten haben. Von ihnen werden die Höllenwächter dich kaufen und in

ihren Töpfen kochen.

90. Lob, Ruhm und Ehre kommen weder dem Verdienste zugute noch dem

Leben, weder der Stärke noch der Gesundheit, noch auch meinem

körperlichen Behagen.

91. Und von dieser Art dürfte der Vorteil sein für den Klugen, der seinen

Vorteil kennt. Dem Trinken, Spielen und anderem wird der sich widmen, der

nach Fröhlichkeit verlangt.

92. Um Ruhmes willen opfern sie ihr Gut, ja bringen sich selbst den Tod.

Sind die Silben der Lobreden etwa essbar? Und, wenn man tot ist, wer

genießt dieses Glück?

93. Wie ein Kind, das mit schmerzlichem Geschrei über sein zerstörtes

Sandhaus weint, erscheint mir mein Denken, wenn Lob und Ruhm vergangen

sind.

94. Lob ist nur Schall. Da er nicht geistig ist, ist es nicht möglich, dass er

mich lobt. Der Gedanke, dass ein anderer an mir sich freut, ist Grund meiner

Freude.

95. Was habe ich von eines anderen Freude über mich oder einen anderen? Er

allein hat das Glück ihrer dieser Freude; ich habe daran nicht den kleinsten

Anteil.

96. Wenn mein Glück von seinem Glück kommt, so möge es mir in jedem

Falle gegeben sein. Warum bin ich nicht glücklich, wenn sie durch ihr

Wohlwollen gegen andere beglückt sind.

97. Also wächst mir die Freude, weil ich gelobt worden bin. Auch das ist

ebenso ungereimt und daher bloß Kinderei.

98. Lobesworte und anderes vernichten mir die Ruhe des Gemüts und das

Entsetzen vor dem Kreislauf der Existenzen. Sie bewirken den Neid auf

Wesen von Verdienst und Zorn über ihr Wohlergehen.

Feinde sind Wohltäter

99. Sind also nicht die, welche sich gegen mich erhoben haben, um Lob und

anderes zu untergraben, in Wahrheit dazu da, mich vor dem Sturz ins Unheil

zu bewahren?

100. Auch sind bei mir, der ich nach Erlösung strebe, die Fesseln von Erfolg

und Ehre nicht am Platz. Warum sollte ich die hassen, die mich von diesen

Fesseln befreien?

101. Die für mich, der ich in das Leid zu stürzen verlange, gleichsam durch

die Macht der Buddhas zur Sperrpforte geworden sind, warum sollte ich die

hassen?

102. "Er hemmt meine guten Werde!" Auch hier ist Zorn nicht angebracht.

Es gibt keine Buße gleich der Geduld. Und hat nicht er sie mir ermöglicht?

103. Wenn ich aus eigener Schuld gegen ihn Geduld nicht übe, dann habe ich

selbst da ein Hindernis aufgebaut, als sich ein Grund für Verdienst bot.

104. Das allein, ohne das ein anderes nicht ist und sich findet, wenn es

vorhanden ist, ist seine Ursache. Wie kann man es Hindernis nennen?

105. Der Bettler, der zur rechten Zeit sich einstellt, bereitet doch der Gabe

kein Hindernis. Und trifft man auf einen Bettelmönch, spricht man nicht von

einem Hindernis für den Eintritt in diesen Stand.

106. Sehr leicht findet man Bettler in dieser Welt, sehr schwer dagegen

Übelwollende. Denn niemand wird mir übel wollen, wenn ich nicht übel will.

107. So ist mir ein Feind, der sich einstellt wie ein mühelos im Hause

gewonnener Schatz liebenswert; denn er hilft mir auf dem Weg zur

Erleuchtung.

108. Also ist diese Frucht der Geduld, die durch mich wie durch ihn

gewonnen wurde, zuallererst ihm zuzuwenden; denn meine Geduld setzt ihn

voraus.

109. Wenn der Feind nicht hochgehalten werden soll, weil er gar nicht die

Absicht hat, meine Geduld zu entwickeln: Warum verehrt man dann die

Wahre Lehre, obwohl auch sie ohne Absicht Grund für die Vollendung ist?

110. Wenn man den Feind nicht hochhält, weil es seine Absicht ist zu

schaden, auf welche andere Weise soll meine Geduld sich ergeben? Etwa

dann, wenn ein Arzt sich bemüht um mein Wohl?

111. Hat man also seine böse Absicht erkannt, entsteht die Geduld. Der Feind

allein ist daher die Ursache der Geduld, die ich wie die Wahre Lehre

verehren muss.

Liebe zu den Wesen

112. Deshalb hat der Weise erklärt, dass die Wesen das eine Feld des

Verdienstes sind, die Sieger über das Leid das andere; denn viele haben

dadurch , dass sie diese beiden hochhalten, die äußerste Seligkeit erreicht.

113. Wenn man durch die Wesen wie durch die Sieger in gleicher Weise die

Eigenschaften der Buddhas erlangt, wozu dann die Abstufung, dass man den

Wesen nicht die gleiche Ehrerbietung erweist wie den Siegern?

114. Die Größe der Absicht kommt nicht aus ihr selbst, sondern aus ihrer

Wirkung. Und die Größe der Wesen ist daher die gleiche; sie sind daher den

Buddhas gleich.

115. Dass der verehrt wird, dessen Trachten voll Liebe ist, das ist wahrlich

die Größe der Wesen. Das Verdienst, das vom Glauben an die Buddhas

kommt, das ist wahrlich die Größe der Buddhas.

116. Sofern sie ein Teil sind bei der Erlangung der Eigenschaften der

Buddhas, sind die Wesen daher den Siegern gleich; dennoch gibt es in

Wahrheit keine, die den Buddhas gleich sind, diesen schon in ihren Teilen

unendlichen Ozeanen der Tugend.

117. Wenn man einen der Vorzüge jener, die eine einzige Fülle des Kerns

aller Vorzüge sind, und sei er nicht so klein, in irgendeinem Wesen findet,

dann reicht selbst die Dreiwelt nicht aus, es zu verehren.

118. Dennoch findet sich in den Wesen ein ganz ausgezeichneter Teil, der

imstande ist die Eigenschaften der Buddhas hervorzubringen; diesem Teil

gerecht soll man die Wesen verehren.

119. Wie sonst können wir ferner diesen wahren Verwandten, deren Hilfe

unermesslich ist, unsere Dankbarkeit erweisen, wenn wir auf die Würdigung

der Wesen verzichten.

120. Was wir für die tun, um deretwillen jene ihren Körper zerstückeln, ja in

die unerste Hölle eingehen, das ist wohlgetan. Daher soll man auch den

größten Feinden nur Gutes in jeder Hinsicht erweisen.

121. Um deretwillen selbst meine Meister so gleichgültig sind gegen sich,

warum verhalte ich mich hochmütig gegen diese anderen Meister die Wesen

und nicht vielmehr dienend?

122. Über deren Glück die hohen Weisen sich freuen, über deren Leid sie

betrübt sind, wenn ich die zufrieden stelle, sind alle hohen Weisen zufrieden,

wenn ich diese kränke, kränke ich die Weisen.

123. Wie es für einen, dessen Körper von Flammen umhüllt ist, durch kein

einziges Sinnesobjekt Wohlbehagen gibt, so gibt es für die, die voll Mitleid

sind, keinen Grund zur Freude, wenn die Wesen leiden.

124. Deshalb will ich das Leid, das ich allen Wesen von Großem Mitleid

zugefügt habe, indem ich den Geschöpfen Leid brachte, heute als Sünden

bekennen. Mögen die Weisen das vergeben, wodurch ich ihnen Kummer

bereitet habe.

125. Um den Buddhas zu huldigen, will ich mich heute mit ganzem Herzen

zum Diener der Welt machen. Mögen Scharen von Geschöpfen ihren Fuß auf

mein Haupt setzen oder mich töten! Möge der Herr der Welt (der Buddha mit

mir) zufrieden sein!

126. Die ganze Welt haben sie, ganz Mitleid, zu ihrem Selbst gemacht. Das

steht außer Zweifel. Erscheinen nicht eben dese Herren in der Gestalt der

Wesen? Wie wäre da Nichtachtung angebracht?

127. Das allein ist die Verehrung der Buddhas, das allein die Verwirklichung

des eigenen Zieles, das allein die Vernichtung des Leidens der Welt. Deshalb

soll das allein mein Auftrag sein.

128. -130. Wie ein einziger Mann des Königs ein großes Volk bedrückt und

das Volk, vorausschauend, nichts daran ändern kann, weil er eben nicht ganz

und die Macht des Königs seine Macht ist, so möge man sich an keinem

Schwachen, der schuldig geworden ist, vergehen; denn seine Macht sind die

Wächter der Höllen und die Mitleidsvollen. Deshalb möge man die Wesen

verehren wie ein Diener den reizbaren Herrn.

131. Könnte ein zorniger König wohl etwas tun, das der Pein in den Höllen

gleichkäme, das man erfährt durch das den Wesen bereitete Missbehagen?

132. Könnte ein zufriedener König wohl etwas verleihen, das der

Buddhaschaft gleichkäme, das man erfährt durch das den Wesen bereitete

Wohlbehagen?

133. -134. Aber lassen wir die künftige Buddhaschaft, die sich aus der

Hochhaltung der Wesen ergibt! Siehst du nicht, dass der Geduldige, während

er im Kreislauf der Existenzen weilt, hier schon Glück, Ruhm und

Wohlergehen erreicht, Schönheit, Gesundheit, Freude und langes Leben und

das volle Glück eines Weltbeherrschers?

Vollkommenheit der Stärke

1. Der in der Weise über Geduld verfügt, möge die Stärke üben, denn die

Erleuchtung beruht auf der Stärke. Ohne Stärke nämlich ist kein Verdienst,

wie keine Bewegung ist ohne Wind.

2. Was ist die Stärke? Die Kraft im Guten. Was nennt man ihren Gegensatz?

Die Trägheit, den Hang zu Unwürdigem und die Selbstverachtung aus

Mutlosigkeit.

Die Gegenkräfte

3. Aus der Teilnahmslosigkeit gegenüber dem Leid im Kreislauf der

Existenzen ergibt sich durch Untätigkeit, Geschmack an der Lust, Schlaf und

Verlangen nach Halt der Trägheit.

4. Von den Lastern, den Jägern, bist du aufgespürt worden und in die

Fangnetze der Geburten geraten. Weißt du selbst jetzt noch nicht, dass du in

den Rachen des Todes gelangt bist?

5. Siehst du nicht, wie deine Gefährten einer nach dem anderen ums Leben

gebracht werden? Und dennoch schläfst du wie der Büffel unter Schlächtern.

6. Wie kannst du dich am Essen erfreuen, wenn der Tod dich beobachtet und

jeder Ausweg versperrt ist, wie am Schlaf, wie am Genuss der Liebe?

7. Wenn der Tod alles bereitet hat, wird er rasch kommen. Selbst wenn du

dann, zur Unzeit, die Trägheit aufgibst, was wirst du tun?

8. -10. "Das habe ich nicht erreicht; das habe ich angefangen; das ist halb

getan geblieben; unerwartet ist der Tod gekommen. Ach! Ich bin verloren",

denkst du und siehst die hoffnungslosen Verwandten, die Gesichter mit von

der Gewalt des Kummers verschollen, tränenvollen, geröteten Augen, und die

Gesichter der Todesboten; gepeinigt durch die Erinnerung an deine Sünden

und die Schreie aus den Höllen in den Ohren, vor Angst den Leib verschmiert

mit Kot, bestürzt, was wirst du tun?

11. "Ich bin wie ein Fisch, der lebendig zum verzehren bewahrt wird". So ist

es recht, dass du dich hier schon fürchtest; wie sehr erst, Sünder, vor den

schrecklichen Leiden der Höllen.

12. Schon die Berührung von heißem Wasser schmerzt dich, zartes Kind,

Wie bleibst du so gelassen nach Taten, die zur Hölle führen?

13. Untätiger, dennoch auf Lohn Hoffender, zartes Kind, an Schmerzen

Reicher, du bist vom Tode erfasst, der du dich für unsterblich hältst. Wehe,

Unglücklicher, du gehst zugrunde.

14. Hast du das Boot der menschlichen Existenzen gefunden, überquere den

großen Strom des Leidens! Tor, es ist nicht die Zeit zum Schlafen! Dieses

Boot ist kaum wiederzufinden.

15. Hast du die edelste Freude am Guten verworfen, an die sich endlose

Freude anschließt, wie kannst du dich freuen an Leichtsinn, Lachen und

anderem, das Leiden bewirkt?

Die Hilfsmittel der Stärke:

16. Selbstvertrauen, die Gesamtheit der Kräfte, ausschließliche Hingabe,

Selbstzucht, Gleichheit des anderen und das Selbst und die Austauschung des

anderen und des Selbst sind die Hilfsmittel der Stärke.

Selbstvertrauen

17. Den Mut darf man also nicht sinken lassen: "Wie könnte mir je die

Erleuchtung zuteil werden?", denn der Buddha, der die Wahrheit sagt, hat

diese Wahrheit gesprochen:

18. "Auch sie, die kraft ihrer Mühe die kaum erlangbare höchste Erleuchtung

erlangt haben, sind einmal Bremsen, Mücken, Fliegen und Würmer

gewesen."

19. Und ich, ein Mensch von Geburt, imstande Gutes und Schlechtes zu

erkennen, sollte ich den Hinweisen des Allwissenden folgend die

Erleuchtung nicht erlangen?

20. Ich aber fürchte mich davor, Hände, Füße und dergleichen opfern zu

müssen. Aus Unüberlegtheit bin ich wohl verwirrt über das, was schwer ist

und leicht

21. Verstümmelt soll ich vielmals werden, aufgeschlitzt, gebrannt und

zersägt, unzählige Millionen von Zeitaltern lang, und die Erleuchtung wird

mir nicht zuteil. Das ist schwer, aber ich halte es für leicht.

22. Das Leiden dagegen, das die Erleuchtung bewirkt, ist mir begrenzt, wie

das Leiden an der Entfernung des eingesunkenen Dorns, wenn der Schmerz

sich legt. Das ist leicht, und halte es für schwer.

23. Wohl alle Ärzte stellen die Gesundheit durch schmerzhafte Kuren wieder

her. Um viele Leiden zu lindern, muss man daher ein kleines Leid ertragen.

24. Aber solche, wenn auch angemessene Kur hat der beste Arzt uns gar

nicht auferlegt; durch wohlabgestimmte Behandlung heilt er die schwer

Erkrankten.

25. Zu Anfang hält der Meister an zur Gabe von Gemüse und anderem. Dann

wirkt er allmählich dahin, dass man später auch sein eigenes Fleisch hingäbe.

26. Wenn sich auch dem eigenen Fleisch gegenüber eine Auffassung einstellt

wie gegenüber den Gemüsen, ist es dann wohl schwierig für den, der Fleisch

und Knochen hingibt?

27. Er leidet nicht, weil er die Sünde abgetan hat. Er ist nicht betrübt, weil er

wissend ist. Denn durch falsche Auffassung leidet der Geist, durch die Sünde

der Körper.

28. Durch gute Werke ist der Körper beglückt, der Geist ist glücklich durch

das Wissen. Was also könnte den Mitleidvollen bedrücken, der zum Wohle

der anderen im Kreislauf verbleibt?

29. Bloß durch die Kraft des Erleuchtungsdenkens tilgt er die früheren

Sünden und gewinnt Meere an Verdienst; so eilt er schneller zum Ziele als

selbst die Hörer.

30. Welcher Vernünftige würde verzagen, wenn er so auf dem Wagen des

Erleuchtungsdenkens, der ihm, die Ermüdung durch all die Anfechtungen

erspart, von Glück zu Glück eilt?

die Kräfte:

31. Die vielfache Kraft, das ist das Verlangen nach Gutem, die

Entschlossenheit, Freude und die Entsagung, dient der Verwirklichung des

Heils der Wesen. Aus Furcht vor dem Leiden möge man das Verlangen nach

Gutem entwickeln und unter Betrachtung der Segnungen durch das Gute.

32. Hat man so den Gegensatz entwurzelt, mühe man sich um die Mehrung

der Stärke mit Hilfe der sechs Kräfte des Verlangens nach Gutem, der festen

Gesinnung, Freude, Entsagung, der ausschließlichen Hingabe und der Zucht.

das Verlangen nach Gutem

33. Unermessliche Fehler muss ich beseitigen, eigene und die anderer Wesen,

wobei es sogar jeden einzelnen Fehler zu tilgen, unzählige Zeitalter braucht.

34. Dabei findet sich bei mir so gut wie gar nichts, mit einer Tilgung dieser

Fehler Ernst zu machen. Wenn ich zu unermesslichem Leid bestimmt bin,

warum zerspringt mir nicht meine Brust?

35. Und Tugenden muss ich viele erringen, eigene und die anderer Wesen.

Dabei wird die Übung jeder einzelnen Tugend wohl unzählige Zeitalter

währen.

36. Selbst eine billige Tugend habe ich niemals geübt. Nutzlos habe ich

meine mit Not erlangte, wunderbare Geburt als Mensch vergeudet.

37. Ich habe das Glück durch die Feste zur Verehrung der Erhabenen nicht

erlangt, ich habe die Lehre nicht geehrt, die Hoffnung der Armen nicht

erfüllt.

38. Den Wesen in Furcht habe ich Sicherheit nicht gegeben, die Gequälten

nicht glücklich gemacht. Zum Leiden bloß bin ich ein Fötus im Schoß einer

Mutter geworden.

39. Weil in früheren Existenzen das Verlangen nach der Lehre gefehlt hat, ist

mir nun solches Unheil zuteil geworden. Wer würde mit dieser Einsicht dem

Verlangen nach der Lehre entsagen.

40. Auch hat der Weise das Verlangen nach Gutem als die Wurzel aller guten

Taten bezeichnet. Und die Wurzel dieses Verlangens ist die ständig geübte

Betrachtung der Früchte, die aus unseren Taten reifen:

41. Vielfache Leiden, Verzweiflungen und Ängste, sowie die Zerschlagung

ihrer Hoffnungen ergeben sich für die Sünder.

42. Wohin sich auch der Wunsch der Guten richtet, da wird er ihrer

Verdienste wegen mir dem Gastgeschenk der Frucht gewürdigt.

43. Wohin sich dagegen der Sünder Wunsch nach Glück richtet, da wird er

ihrer Sünden wegen mit den Waffen des Leidens vernichtet.

44. Im Sukhavati-Paradies werden die Buddhasöhne, die im Schoß großer,

duftender und kühler Lotusblüten ruhten, deren starker Glanz durch die süße

Nahrung der Stimme des Siegers verursacht wurde und deren schöne Körper

dann aus den durch die Strahlen des Weisen entfalteten Lotusblüten

hervorkamen, um ihrer guten Werken willen in Gegenwart des Buddha

Amitabha geboren.

45. Brüllend vor Schmerz, wenn ihm von den Knechten das Yama die Haut

zur Gänze abgezogen, der Körper mit durch Feuersgluten verflüssigtem

Kupfer beträufelt wird und seine Fleischteile zerfetzt werden durch hunderte

Hiebe mit flammenden Schwertern und Spießen, stürzt der Sünder um seiner

Sünden willen viele Male in die mit glühendem Eisen gepflasterten Höllen.

46. Nach solcher Betrachtung der Früchte möge man deshalb mit Sorgfalt das

Verlangen nach Gutem entwickeln.

die feste Gesinnung

Hat man das Werk begonnen, möge man nach dem Gebot des

Vajradhvajasutram nunmehr die feste Gesinnung üben.

47. Hat man zuerst die Gesamtheit der ursächlichen Bedingungen geprüft,

mag man ein Werk beginnen oder unterlassen. Nicht zu beginnen ist

sicherlich besser als nach dem Beginnen aufzuhören.

48. Auch in einem Dasein ist dann diese Gewohnheit vorhanden, und aus

dieser Sünde wächst das Leiden; ein anderes deswegen unterlassenes Werk

und die Zeit für das dann wieder aufgegebene Werk sich verloren, und auch

dieses ist nicht vollbracht.

49. Bei dreien soll man eine feste Gesinnung einnehmen, bei dem eigenen

Werk, bei den sittlichen Schwächen und bei der eigenen Macht.

"Ich allein muss es tun!",da ist die feste Gesinnung beim Werk.

50. Die Welt, abhängig von den Lastern, ist nicht imstande ihr Heil zu

erreichen. Deshalb muss ich es für sie tun, denn ich bin nicht unfähig wie die

anderen Wesen.

51. Warum macht ein anderer die niedre Arbeit, obwohl ich da bin? Tue ich

sie aus Stolz nicht, dann mag mein fester Sinn lieber zugrunde gehen.

52. Vor einer toten Eidechse wird selbst ein Rabe zum Adler. Wenn mein

Geist kraftlos ist, wird mir selbst eine kleine Schwäche schaden.

53. Sind nicht solche Schwächen häufig, wenn einer durch Kleinmut nicht

tatfreudig ist? Aufrecht und tatfreudig aber ist er auch bei großen Schwächen

kaum zu bezwingen.

54. Deshalb schwäche ich mit festem Sinn meine Schwäche. Dass ich die

Dreiwelt besiegen will, ist lächerlich, wenn mich die Schwäche besiegt hat.

55. Denn alles muss ich besiegen, nichts darf mich selbst besiegen. Das ist

die feste Gesinnung, die ich einzunehmen habe, weil ich ein Sohn der

löwenhaften Sieger bin.

56. Vom Stolz besiegte Wesen sind elend, nicht fest gesinnt. Der

Festgesinnte gerät nicht in die Gewalt des Feindes, aber diese sind in der

Gewalt des Feindes Stolz.

57. -58. Der Stolz hat sie ein schlechtes Geschick geführt; doch selbst wenn

sie Menschen sind, sind sie freudlos, essen das Brot des anderen, sind

Sklaven, dumm, hässlich, schwächlich und von allen Seiten erniedrigt, die

stolzstarren Elenden. Wenn auch sie zu denen von fester Gesinnung zählen,

dann sage, wie die wahrhaft Erbärmlichen aussehen.

59. Diese sind stolz und siegreich, diese allein sind Helden, die ihren Stolz

zum Siege führen über den Stolz, den Feind, die diesen Feind Stolz, wenn er

auch mächtig hervorbricht, zerschlagen und dann in der Welt die Frucht ihres

Sieges kundtun.

60. Mitten in der Horde der Laster möge er tausendfach überheblicher sein.

Unbezwinglich ist der durch die Lasterscharen, wie der Löwe durch die

Scharen der Tiere.

61. Selbst in großen Bedrängnissen sieht ja das Auge nicht den Geschmack.

so wird er, auch in Bedrängnis, nicht in die Gewalt de Laster geraten.

Freude

62. Dem Werk, das sich einstellt, möge er sich von ganzem Herzen widmen,

berauscht von diesem Werk, unersättlich, als wollte er das Glück eines

Spielgewinnes erhaschen.

63. Um des Glückes willen wird das Werk getan; doch mag sich das Glück

erweisen oder nicht. Ist aber das Werk allein sein Glück, wie kann er untätig

glücklich sein?

64. An den Lüsten, die dem Honig auf der Schneide des Rasiermessers

gleichen, wird er in diesem Dasein nicht satt. Wie sollte er satt werden an den

nektargleichen guten Werken, süß durch ihre Reifung und glückbringend?

65. Deshalb stürze er sich, selbst wenn ein Werk beendet ist, in das nächste

Werk, wie der vom Mittag erhitzte Elefant, der den See erreicht hat, sich

sogleich in das Wasser stürzt.

Entsagung

66. Wenn er aber dem Werk bis zum Schwinden seiner Kräfte treu war, lasse

er es ruhen, um es später wieder aufzunehmen. Auch das wohlgetane Werk

lasse er ruhen, nach immer weiteren dürstend.

ausschließliche Hingabe

67. Er hüte sich vor den Schlägen der Laster und schlage der Laster mit aller

Kraft, als wäre er im Schwertkampf mit einem geübten Gegner.

68. Wie man dabei das entfallene Schwert voll Schrecken eilends wieder

ergreifen wird, so wird man das enfallene Schwert der Wachsamkeit

ergreifen, der Höllen eingedenk.

69. Wie Gift, ist es ins Blut gelangt, im Körper sich verbreitet, gerade so

verbreitet sich im Geiste das Übel, har es eine Blöße gefunden.

70. Wie einer, der von Leuten mit gezogenem Schwert überwacht einen Krug

voll mit Öl trägt, aus Furcht vor dem Sterben, wenn er versagt, seine ganze

Aufmerksamkeit darauf richten wird, so auch der, der die Disziplin eines

Bodhisattvas aufgenommen hat.

71. So rasch, wie einer aufspringt, wenn eine Schlange auf seinen Schoß

gleitet, soll daher, wenn sich Schlaf und Trägheit einstellen dagegen

ankämpfen.

72. Über jegliche Schwäche äußerst bekümmert möge er überlegen: "Wie soll

ich es anstellen, dass mir das nicht wieder geschieht?"

73. Aus diesem Grunde suche er die Gemeinschaft mit den geistlichen

Freunden oder das durch ihren Rat empfangene Werk: "Wie könnte ich unter

diesen Umständen wohl die Wachsamkeit üben?".

Zucht

74. So mache er sich beweglich im Gedanken an die Lehrrede von der

Wachsamkeit, so dass er, noch bevor das Werk sich einstellt, zu allem bereit

ist.

75. Wie die Baumwollflocke dem Gehen und Kommen des Windes gehorcht,

so möge er der Kraft im Guten gehorchen; und so entwickelt sich die

Wunderkraft.

Vollkommenheit der Versenkung

1. Hat der Bodhisattva in dieser Weise die Kraft im Guten entwickelt; möge

er sein Denken in der Versenkung befestigen; denn ein Mensch, dessen

Denken zerstreut ist, steckt zwischen den Zähnen der Laster.

Weltverzicht:

2. Dadurch, dass er Körper und Geist (von der Welt) trennt, stellt sich die

Zerstreuung nicht ein. Also möge er die Welt fallen lassen und dann auf die

zerstreuenden Überlegungen verzichten.

körperliche Abgeschiedenheit:

3. Aus Liebe und aus Gier nach Gewinn und anderem lässt man die Welt

nicht fahren. Deshalb möge der Kluge zu ihrer Preisgabe folgendes

bedenken:

4. "Die Laster vernichtet, wer durch geistige Ruhe mit Klarsicht wohl

versehen ist". In dieser Erkenntnis soll man zuerst die geistige Ruhe suchen;

und diese ergibt sich durch Gleichgültigkeit gegen die Freude an der Welt.

Verzicht auf Liebe

5. Kann es für ein endliches Wesen Liebe zu endlichen Wesen geben? Für

Tausende von Existenzen ist jeder, den man liebt, nicht wieder zu sehen!

6. Sieht man ihn nicht, wird man betrübt, und man verbleibt nicht in der

Versenkung. Und man ist nicht zufrieden, auch wenn man ihn gesehen hat:

wie früher wird man von heftigem Verlangen gequält.

7. Man sieht die Wirklichkeit nicht, man verliert den heilsamen Schrecken

vor den Höllen, durch denselben Kummer wird man weiter versengt, weil

man nach Gemeinschaft mit dem Geliebten verlangt.

8. Da man ständig mit ihm sich befasst, geht wieder und wieder ein kurzes

Leben nutzlos dahin. Durch einen unbeständigen Freund geht die beständige

Lehre verloren.

9. Wer in der Art der Toren lebt, gerät mit Sicherheit in ein schlechtes

Geschick. Und wer nicht lebt wie sie, wird von ihnen nicht geschätzt. Was

hat man vom Umgang mit Toren?

10. Bald sind sie Freund, bald sind sie Feind. Über einen Anlass zur Freude

zürnen sie. Schwer zufriedenzustellen sind die Kinder der Welt.

11. Sie zürnen, hat man mit gutem Rat sie versehen, und sie halten vom

Guten mich ab. Wenn man aber auf sie nicht hört, sind die zornig und geraten

in schlechtes Geschick.

12. Den Überlegenen beneidet, mit dem Ebenbürtigen streitet, den Geringen

verachtet er, durch Lob ist er berauscht, wird er getadelt, hasst er. Wann also

könnte von einem Toren Gutes kommen?

13. Selbstverherrlichung, Herabsetzung des anderen, Reden über die Freuden

de Welt: irgendein Übel dieser Art kommt sicher dem Toren von einem

Toren zu.

14. Auch für den anderen ergeben sich diese Übel, da er zu jenem sich

gesellt. Dadurch kommt nur Unheil zustande. Allein will ich leben, glücklich

und unbefleckten Geistes.

15. Weit flüchte man vor einem Toren! Hat man aber einen getroffen,

gewinne man ihn mit Liebenswürdigkeiten. Aber nicht, um mit ihm

vertraulich zu werden, sondern in der Art des gleichmütigen Mannes von

Ehre.

16. Wie die Biene nur Blütensaft aus der Blume nimmt, werde ich überall

bloß mit dem, was der Lehre dient, leben, unvertraut wie der Neumond.

Verzicht auf die Gier nach Gewinn und Ruhm

17. Dem Sterblichen, der durch falsches Glück denkt "Ich bin begütert und

geehrt, und viele verlangen nach mir", stellt die Angst vor dem nahen Tod

sich ein.

18. Worin immer der durch falsches Glück verwirrte Geist seine Lust sucht,

all das stellt sich, zu Leid geworden, tausendfach vergrößert dar.

19. Der Weise möge nach dieser Lust daher nicht verlangen. Aus dem

Verlangen entsteht die Angst. Und ganz von selbst geht diese weg. Man

warte ab in Festigkeit.

20. Viele Begüterte hat es gegeben und viele Berühmte. Nicht weiß man von

ihnen, wohin sie gegangen sind mir ihrem Gut und mir ihrem Ruhm.

21. Mich verachten die anderen ja; warum freue ich mich, bin ich gelobt?

Mich loben die anderen ja; warum gräme ich mich, bin ich geschmäht?

22. Die Wesen mit ihren vielfachen Neigungen, selbst durch die Buddhas

sind sie nicht befriedigt, um wie viel weniger durch Unwissende wie mich.

Wozu sich also kümmern um die Welt?

23. Sie schmähen das begüterte Wesen, vom begüterten denken sie schlecht.

Wie stellt mit denen die Lust sich ein, mit denen von Natur aus schlecht zu

leben ist?

24. Dass der Tor niemandes Freund ist, haben die Buddhas gesagt; denn bei

einem Toren ergibt sich Zuneigung nicht ohne Eigennutz.

25. Zuneigung durch den Eigennutz ist nichts als Zuneigung für sich selbst,

wie Kummer über den Verlust von Besitz, denn dieser ist durch Verlust an

Vergnügen bewirkt.

das Leben in der Wildnis

26. Die Bäume denken nicht schlecht und sind nicht mühevoll zu gewinnen.

Wann werde ich mit ihnen wohnen, mit denen gut zu leben ist?

27. Wann werde ich unbekümmert dahingehen, in einem verlassenen Tempel

verweilend, am Fuß eines Baumes oder in Höhlen, ohne zurückzublicken?

28. Wann werde ich in den jungfräulichen weiten Regionen, die keinem zu

eigen, frei und unbehaust umherstreifen.

29. Wann werde ich vom Besitz bloß einer Schale aus Ton und mit dem

Mönchskleid ohne Nutz für Diebe, furchtlos, den Leib nicht achtend

umherstreifen?

30.Wann werde ich die mir zu eigene Leichenstätte betreten und meinen

Leib, der Verwesung ist, mit anderen Skeletten vergleichen?

31. Denn dieser mein Leib wird ebenso faulig werden, so dass vor dem

Gestank selbst die Schakale nicht heranschleichen werden.

32. Obwohl er als Einheit gilt, werden die Knochenstücke dieses Leibes, die

zu ihm gehören, ganz und gar verstreut sein; um wie viel mehr wird der

andere, teure Mensch von mir getrennt sein, der niemals mit mir eins war.

33. Allein wird der Mensch geboren, und ganz allein stirbt er. Kein anderer

hat Teil an seiner Qual. Was sollen die Lieben, die mein Verdienst

behindern?

34. Wie einer, der auf der Straße zieht, eine Unterkunft nimmt, so nimmt

auch der die Straße der Existenzen ziehende die Unterkunft einer Geburt.

35. Solange er noch nicht von den vier Männern zur Leichenstätte

fortgetragen wird, von den Leuten beweint, möge er in die Wildnis ziehen.

36. Frei von Vertraulichkeit und Zwist ist einzig der armselige Leib

geblieben. Für die Welt schon vorher gestorben, trauert er nicht, wenn er

stirbt.

37. Niemand wird ihn umstehen und mit seiner Trauer quälen, und niemand

wird seine dem Buddha etwa geweihte Andacht stören.

38. Deshalb muss ich mich stets der liebenswerten, mühelosen, beglückenden

und alle Zerstreuung beruhigenden Einsamkeit hingeben.

geistige Abgeschiedenheit

39. Frei von allen anderen Sorgen, die Aufmerksamkeit allein dem eigenen

Denken gewidmet, will ich mich bemühen, das Denken zu sammeln und zu

zähmen.

die Fleischeslust

40. Denn die Lüste bewirken Unheil in diesem Leben und im nächsten: hier

Gefängnis, Tod und Verstümmelung, und dort die Höllen und andere Qualen.

41. -43. Um deretwillen du oft die Kuppler und Kupplerinnen höflich begrüßt

hast und um deretwillen du ehedem Sünde oder Schande nicht gezählt hast

und dich selbst sogar der Gefahr ausgesetzt und Geld vergeudet hast, die

umarmt zu haben höchste Seligkeit gewesen ist, dies hier sind dieselben

Knochen, keine anderen, frei und ohne Herrn. Warum findest du keine

Seligkeit, wenn du nach Lust sie umarmt hast?

44. -45. Das Gesicht, das sich nur mit Mühe heben ließ, das aus Scham zu

Boden gerichtet wurde, das du einst gesehen oder, war es vom Schleier

verhüllt, nicht gesehen hast, dieses Gesicht ist nun von den Geiern entblößt,

als ob sie Mitleid hätten mit deiner Drangsal. Sieh es an! Warum fliehst du?

46. Was wohl gehütet vor den Blicken anderer Wesen, das wird inzwischen

verschlungen. Warum, Eifersüchtiger, hütest du es nicht?

47. Du hast den von Geiern und anderen gefressenen Haufen von Fleisch

gesehen: die Atzung anderer bedenkst du mit Kränzen, Sandel und Schmuck.

48. Obwohl es sich nicht bewegt, entsetzt du dich vor dem in diesem Zustand

gewahrten Skelett. Warum hast du vorher keine Angst, wenn es wie durch

irgendeinen Leichendämon bewegt wird?

49. Speichel und Kot dieser Fleischhaufen entstehen aus ein und derselben

Nahrung. Der Kot ist dir da widerlich. Warum ist dir der Speicheltrank lieb?

50. Die Liebenden, von Sinnen nach Kot, erfreuen sich nicht an

baumwollgefüllten weichen Polstern, weil sie keinen üblen Geruch

verströmen.

51. Worauf sich, obgleich es verborgen, diese Begierde richtet, warum ist es

unverborgen widerlich? Wenn du nichts davon hast, warum liebkost du das

Verborgene?

52. Wenn du das Unreine nicht begehrst, warum umarmst du dann den

anderen mit Fleischunrat zugeschmierten, durch Sehnen verknüpften

Knochenhaufen?

53. Du hast selbst viel Unsauberes. Sei damit allein zufrieden! Vergiss,

Unflatlüsterner, den anderen Kotsack!

54. "Das Fleisch dieses Knochenhaufens ist mir lieb", sagst du und verlangst

es zu sehen und zu berühren. Warum verlangst du nach Fleisch, das von

Natur ohne Geist ist?

55. Wonach du eigentlich verlangst, dies Geistige kannst du nicht sehen und

nicht berühren; und was du sehen und berühren kannst, das erkennt nicht.

Warum umarmst du es ohne Sinn?

56. Dass du nicht erkennst, dass der Körper des anderen aus Kot besteht, ist

nicht erstaunlich. Verwunderlich ist, dass du diesen deinen eigenen nicht als

von Kot erkennst.

57. Außer an einem jungen Lotus, der unter den Strahlen der wolkenlosen

Sonne erblüht, was kann ein dem Kot verfallener Geist für Freude an einem

Unflathaufen haben?

58. Wenn du die Erde und anderes nicht berühren willst, weil sie von Kot

besudelt, warum willst du den Leib berühren, von dem dieser Kot gekommen

ist?

59. Wenn du das Unreine nicht begehrst, warum umarmst du dann das

andere, das in einem Kotschoße entstanden ist, aus ihm keimt und dadurch

genährt ist?

60. Den aus Kot entstandenen Wurm, weil er klein ist, willst du nicht; den

aus Kot bestehenden Leib, der auch aus Kot entstanden, hast du gern.

61. Nicht nur verabscheust du nicht, dass du selbst Kot bist, nach anderen

Gefäßen von Kot, Unflatlüsterner, verlangst du.

62. Wenn schmackhafter Kamfer und andere Gewürze oder Reis und andere

Nahrungsmittel aus einem Munde gefallen sind oder ausgespuckt wurden,

hält man sogar die Erde für unrein.

63. Wenn du, obgleich es offenkundig, nicht glaubst, dass dies Kot ist, sieh

dir doch auch die anderen grausigen Leiber an, die auf den Leichenacker

geworfen wurden.

64. Warum entzückst du dich wieder, obwohl du es weißt, gerade an dem,

was dich ungeheuer entsetzt, wenn die Haut aufgerissen ist?

65. Dieser Duft, obschon auf den Körper aufgetragen, kommt bloß vom

Sandel, nicht von anderem. Warum entzückst du dich an dem einen auf

Grund eines fremden Duftes?

66. Ist es nicht ein Glück, wenn sich durch den natürlichen üblen Geruch

keine Begierde zum Körper ergibt? Warum salben ihn die Leute in ihrem

Hang nach Schädlichem mit Duft?

67. Was ist denn da dem Körper geschehen, wenn der Sandel gut riecht?

Warum entzückst du dich an dem einen auf Grund eines fremden Duftes?

68. -69. Wenn der eine Schmutzkruste tragende nackte Körper mit langen

Haaren und Nägeln, mit fleckigen gelben Zähnen von Natur erschreckend ist,

warum wird er mühsam gepflegt, wie ein Schwert um sich selbst zu töten?

Die Welt ist voll von Verrückten, die eifrig dabei sind, sich selbst zu

täuschen.

70. Natürlich graut dir vor dem Leichenacker beim Anblick einiger Skelette;

im Leichenacker des Dorfes, in dem die wandelnden Skelette sich drängen,

bist du vergnügt.

71. Und diesen, obschon so unreinen Knochenhaufen erlangt man nicht ohne

Geld. Ihm gilt die Mühsal des Erwerbens und die Qual in den Höllen und

anderen schlechten Schicksalen.

72. Das Kind ist zum Erwerb nicht fähig. Wodurch könnte es in der Kindheit

glücklich sein? Die Jugend vergeht mit Erwerben. Der Alte, was macht er mit

Liebesfreuden?

73. Einige, schamlos begehrend, kommen erschöpft von den Arbeiten bis zu

Tagesneige nach Hause und liegen am Abend wie Tote.

74. Andere, gequält durch die Pein der Abwesenheit infolge von Feldzügen,

sehen selbst jahrelang Söhne und Frauen nicht, für die sie sich plagen.

75. Wofür diese Liebesnarren sich selbst verkauft haben, das haben sie nicht

erreicht. Ganz vergeblich haben sie ihr Leben in Arbeit für andere verbracht.

76. Die Frauen wieder, die sich verkauft haben und die Aufträge ihrer Herren

durchführen, gebären auf Reisen unter den Bäumen des Waldes.

77. Um zu leben stürzen sie sich unter Gefahr für das Leben in die Schlacht.

Um des Stolzes willen werden die liebestollen Verblendeten zu Sklaven.

78. Einige Liebhaber werden verstümmelt, andere gepfählt; dass sie

verbrannt werden, sieht man, und dass sie getötet werden mit Speeren.

79. Erkenne, dass Besitz ein unendliches Unglück ist, wegen der Mühsal des

Erwerbens und Behütens, und wegen des Kummers bei Verlust. Weil sie

darauf versessen sind, finden sie, deren Sinn am Reichtum hängt, keine

Gelegenheit für die Befreiung aus dem Leiden des Daseins.

80. So sind die Nöte der Lüsternen groß, wie für das Tier, das den Karren

zieht, der Lohn des bisschen Futters.

81. Um dieses bisschen Genuss, selbst für ein Vieh nicht schwer zu erlangen,

hat der vom selbst geschaffenen Schicksal Geschlagene das überaus schwer

zu erlangende Glück der günstigen Umstände zerstört.

82. -83. Die Anstrengung, die er allzeit um eines sicher dahingehenden,

minderen Körpers willen auf sich nimmt, der in die Höllen und andere

schlechte Schicksale stürzt, selbst um den hundertmillionsten Teil dieser

Anstrengung könnte die Buddhaschaft sich ergeben. Groß ist das Leiden

verglichen dem Leiden im Wandel des Bodhisattvas, und doch finden die

Lüsternen nicht die Erleuchtung.

84. Weder Schwert noch Gift, weder Feuer nicht Abgrund noch Feind ist mit

den Lüsten vergleichbar, wenn man sich die Qual in den Höllen vor Augen

hält.

85. In solchem Schauder vor den Lüsten möge man sich in den von Streit und

Mühsal freien, friedvollen Gefilden der Wildnis entzücken an der

Abgeschiedenheit!

86. Die Glücklichen wandeln von lautlosen, lieblichen Winden des Waldes

gefächelt auf reizenden Felsflächen umher, weit wie Palastterrassen und

gekühlt vom Sandel der Strahlen des Mondes, und sinnen zum Heile der

anderen.

87. Solange er mag, wohnt er irgendwo, in einer leeren Behausung, am fuße

eines Baumes, in Höhlen, und frei von Verdruss über der Hütung von Besitz,

streift er ohne Rücksichtnehmen umher, wie er will.

88. Das Glück der Zufriedenheit, das der genießt, der nach eigenem Wunsche

wandert und wohnt und an keinen gebunden ist, ist selbst für Indra, den

König der Götter, schwer zu erlangen.

Betrachtung

Gleichheit des anderen und des Selbst

89. Während man durch die Betrachtung der Vorzüge der Abgeschiedenheit

auf diese und andere Weise die zerstreuenden Überlegungen beruhigt, möge

man dafür das Erleuchtungsdenken betrachtend üben.

90. Zuerst betrachte man sorgfältig in folgender Weise die Gleichheit des

anderen und des Selbst: Alle haben das gleiche Leid und das gleiche Glück.

Ich muss sie beschützen wie mich selbst.

91. Wie der durch verschiedene Körperteile, Hand usw., vielfache Körper als

Einheit beschützt werden muss, so auch diese ganz ebenso verschiedene Welt

der Wesen, die in gleichem Glück und in gleichem Leid besteht.

92. Wenn auch mein Leid in den anderen Körpern nicht peinigt, so ist doch

dies Leid für mich durch die Liebe zum Selbst schwer zu ertragen.

93. Und wenn auch des anderen Leid von mir selbst nicht gespürt werden

kann, so ist doch dies Leid für ihn durch die Liebe zum Selbst schwer zu

ertragen.

94. Des anderen Leid muss ich beseitigen, weil es Leid ist, wie mein eigenes

Leid. Und ich muss den anderen helfen, weil sie Wesen sind, wie ich selbst

ein Wesen bin.

95. Wenn mir und anderen ganz das gleich Glück lieb ist, was zeichnet dann

das Selbst vor anderen aus, dass Glücksbemühungen nur auf dieses sich

bezieht.

96. Wenn mir und anderen Angst und Leid zuwider sind, was zeichnet dann

das Selbst vor anderen aus, dass ich dies hüte und den anderen nicht.

97. Wenn ich den anderen deshalb nicht behüte, weil sein Leid mich nicht

peinigt: Auch durch das Leid des zukünftigen Körpers wird mir keine Pein.

Warum behüte ich ihn dann?

98. Anzunehmen, dass auch dann im nächsten Leben nur ich es sei, ist falsch,

denn ein anderer ist gestorben, ein anderer ist geboren.

99. Wenn nur der das Leid abwehren soll, der es empfunden hat, dann ist der

Schmerz des Fußes nicht die Sache der Hand. Warum behütet sie ihn?

100. Wenn man meint, dass dies, obschon falsch, aus dem Ichbewusstsein

hervorgeht, sagen wir, dass das, was falsch ist, eigenes oder fremdes, nach

Kräften beseitigt werden muss.

101. Kontinuum und Aggregat sind irreal, wie eine Reihe von Ameisen und

ein Heer. Zu dem das Leid gehört, den gibt es nicht. Wem also wird es eigen

sein?

102. Herrenlos sind alle Leiden ohne Unterschied. Der Leidhaftigkeit alleine

wegen sind sie zu besiegen. Was könnte da eine Einschränkung auf eigene

Leiden oder die anderer begründen?

103. "Warum muss das Leid beseitigt werden, da es doch zu keinem gehört?"

Weil alle dieser Meinung sind. Wenn man es beseitigen muss, dann gilt das

für ein jedes Leid; wenn nicht, dann auch nicht für das eigene, wie für jedes

andere Leid.

104. "Wozu ergibt sich mit Gewalt im Wandel eines Bodhisattva das große

Leiden durch das Mitleid?" Sieht man das Leid der Welt, wie ist das Leiden

durch das Mitleid groß zu nennen?

105. Wenn das Leiden vieler durch eines einzigen Leiden vergeht, dann muss

der, der für sich und für die anderen voll Mitleid ist, dieses Leiden eben

hervorrufen.

106. Deshalb hat der Bodhisattva Supuspacandra, obwohl er das Unheil, das

vom König drohte kannte, zugunsten der vielen Leidenden das eigene Leid

nicht gescheut.

107. So dringen die Bodhisattvas, deren geistiges Kontinuum voll entwickelt

ist, und die, was ihnen lieb, dem Leiden anderer gleich halten, in die

schlimmste Hölle ein, wie Gänse in ein Lotusdickicht.

108. Sie, die ein Meer von Freude sind, wenn die Wesen erlöst werden,

haben sie nicht damit ihr äußerstes Glück erreicht? Was bedeutet ihnen noch

eine Erlösung ohne Geschmack

109. Und hat dann der Bodhisattva das Heil der anderen gewirkt, gibt es nicht

Stolz noch Hochmut, noch ein Verlangen nach abgegoltener Furcht, denn er

dürstet allein nach der anderen Heil.

110. Wie ich mich selbst letztlich vor Herabsetzung schütze, so verwirkliche

ich deshalb auch den anderen gegenüber die geistige Haltung des Schützens

und die des Mitleids.

Austauschung des anderen und des Selbst

111. Aus Gewohnheit gibt es die Erkenntnis "ich" mit Bezug auf die fremden

Tropfen von Samen und Blut, obgleich es kein Wirkliches gibt, das Grund für

die Erkenntnis sein könnte.

112. Warum wird nicht auch der fremde Körper als Selbst erkannt? Das

Fremdsein des eigenen Körpers steht ja fest und so ist die Austauschung des

anderen und des Selbst nicht schwierig.

113. Hat man das Selbst als fehlerhaft erkannt und die anderen als

Tugendmeere, soll man die Aufgabe des Selbst und die Annahme des

anderen üben.

114. Warum sind einem die Wesen als Teile der Welt nicht ebenso teuer, wie

die Hand und andere Glieder als Teile des Körpers.

115. Wie die Erkenntnis des Selbst sich aus Gewohnheit auf diesen eigenen

wesenlosen Körper bezieht, warum ergibt sich nicht ebenso aus Gewohnheit

der Begriff des selbst mit Bezug auf die anderen?

116. Und hat man so das Heil der anderen gewirkt, gibt es nicht Stolz noch

Hochmut. Hat man sich selbst in den anderen genährt, ergibt sich auch kein

Hoffen auf eine Frucht.

117. Wie du dich selbst vor Schmerzen etwa und Kummer schützen willst, so

sollst du deshalb der Welt gegenüber die geistige Haltung des Schützens und

die des Mitleids üben.

118. Daher hat der Bodhisattva Avalokita, der schützende Herr, sogar seinen

Namen gewidmet, um dem Menschen, der an ihn denkt selbst die Furcht vor

der Scheu in einer Versammlung zu nehmen.

119. Vor einer schwierigen Aufgabe möge man nicht fliehen, denn kraft der

Gewohnheit freut man sich nicht mehr ohne das, vor dem man schon zittert,

hört man es nur.

120. Wer rasch das Selbst und die anderen retten will, der möge sich diesem

höchsten Geheimnis widmen: der Austausch des anderen und des Selbst.

121. Aus übergroßer Liebe zum Selbst entsteht die Angst auch durch geringe

Gefahr. Wer würde dieses Selbst nicht hassen, das Angst bringt, wie ein

Feind,

122. dies Selbst das, Krankheit, Hunger, Durst und anderes abzuwehren,

Vogel, Fisch und Wildtier tötet, und allen feindlich im Weg steht,

123. dies Selbst, das des Gewinns und der Ehren wegen selbst Vater und

Mutter morden, den Besitz der drei Juwelen rauben würde, so dass es in der

schlimmsten Hölle Brennstoff werden dürfte?

124. Welcher Verständige wird dieses Selbst begehren, es schützen, es

verehren? Wer wird es nicht für einen Feind ansehen und wird es achten?

125. Wer denkt "Wenn ich gebe, was werde ich essen?" wird um des Selbst

willen zu einem menschenfressenden Dämon. Wer denkt, "Wenn ich esse,

was will ich geben?" wird um des anderen Willen zu einem Götterkönig.

126. Hat man um des Selbst willen den anderen gequält, wird man in den

Höllen usw. gekocht. Hat man aber um des anderen Willen sich selbst

gequält, ergibt sich Glück in allem.

127. Hat man eben dies Verlangen, sich selbst zu erhöhen, durch das sich um

nächsten Leben ein schlechtes Geschick, Niedrigkeit und Blödheit ergeben,

auf den anderen übertragen, stellen ein gutes Geschick, Ehre und Verstand

sich ein.

128. Hat man um des Selbst willen über den anderen verfügt, erfährt man

Sklaventum und andere Abhängigkeit. Hat man dagegen über das Selbst um

des anderen willen verfügt, erfährt man Herrschaft und andere Freiheit.

129. Die unglücklichen sind in der Welt, sie alle sind es durch das Verlangen

nach eigenem Glück. Die glücklichen sind in der Welt, sie alle sind es durch

das Verlangen nach dem Glück der anderen

130. Wozu viele Worte? Betrachtet doch diesen Unterschied zwischen dem

Toren, der seine eigenen Zwecke verfolgt, und dem Weisen, der für die

Zwecke der anderen wirkt!

131. Die Buddhaschaft ist sicherlich nicht zu verwirklichen, doch wie könnte

selbst im Kreislauf der Existenzen Glück sich einstellen, wenn man das

eigene Glück nicht mit dem Leiden der anderen tauscht?

132. Lassen wir einmal das nächste Leben! Selbst sichtbarer Nutzen in dieser

Welt stellt sich nicht ein, wenn der Diener sein Werk nicht tut, der Herr den

Lohn nicht gibt.

133. Die Verblendeten verzichten darauf, sich gegenseitig Glück zu bereiten -

der Ursprung des Glücks in der sichtbaren und in der unsichtbaren Welt -

und, da sie einander leiden lassen, wählen sie grausiges Leid.

134. Die Heimsuchungen, die die Welt bietet, die vielen Leiden und

Gefahren, all das kommt davon, dass man ein Selbst begreift. Was nützt also

dieses Begreifen?

135. Ohne das Selbst zu meiden, kann dem Leid nicht entgehen, wie man

nicht, ohne das Feuer zu meiden, dem Brand entgehen kann.

136. Um das eigene Leid zu stillen und um der anderen Leid zu stillen, gebe

ich deshalb das Selbst den anderen und nehme die anderen an als mein

Selbst.

137. "Mit den anderen bin ich verbunden." Versichere dich dessen, mein

Geist! Nun darfst du an nichts anderes mehr denken als an den Nutzen aller

Wesen..

138. Es ist nicht recht, dass die Augen usw., die diesen gehören, den eigenen

Nutzen sehen usw., es ist nicht recht, dass die Hände usw., die anderen

gehören, zu eigenem Nutzen sich rühren.

139. Was immer du daher, ganz auf die Wesen bedacht, an diesem Körper

siehst, all das nimm von ihm weg und nütze es zum Heil für die anderen!

140. Hast du die Idee des Selbst in die niedrigen Wesen und andere gelegt,

und die Idee des anderen in dich selbst, dann magst du unbedenklichen

Sinnes Eifersucht und Stolz üben:

141."Dieser wird geehrt, ich nicht; ich bin nicht reich wie er; er wird gelobt,

mich muss man tadeln; unglücklich bin ich, er ist glücklich.

142. Ich mache die Arbeit, er aber steht bequem dabei; er ist freilich groß in

der Welt, ich bin gering und unzulänglich.

143. Was fängt man an mit einem, der ohne Vorzug ist? Eines jeden Selbst

hat seine Vorzüge. Es gibt Leute, unter denen bin ich gering; es gibt Leute,

unter denen bin ich besser.

144. Dass meine Sitten und Anschauungen voll Mängel sind etwa, kommt

von der Kraft der Laster, nicht durch mich selbst. Wenn möglich, soll man

mich heilen; selbst Schmerzen nehme ich auf mich.

145. Wenn ich aber für ihn nicht heilbar bin, warum verachtet er mich? Was

habe ich von seinen Vorzügen? Er selbst aber ist an Vorzügen reich.

146. Er hat kein Mitleid für den Menschen, der im Raubtierrachen der

schlechten Schicksale steckt; obendrein will er aus Stolz auf seine Vorzüge

die Weisen übertreffen.

147. Hat er bemerkt, dass er selbst gleich anderen ist, trachtet er, sogar durch

Streit, zu Mehrung seiner Überlegenheit Gewinn und Ehren für sich

durchzusetzen.

148. Wenn doch überall in der Welt meine Vorzüge offenbar würden, und

wenn doch von den Vorzügen, die er besitzt, niemand mehr hörte!

149. Möchten doch auch meine Fehler verdeckt werden, möchte doch mir

Verehrung zuteil werden, nicht ihm! Nun bin ich leicht zu Reichtum gelangt;

verehrt bin ich, er aber nicht.

150. Voll Freude sehen wir endlich nach langem, dass er verächtlich gemacht

worden ist, ein Gespött für alle Welt, hier und dort geschmäht.

151. Denn dieser Elende misst sich tatsächlich mit mir. Hat er denn soviel

Gelehrtheit, Wissen, Schönheit, Familie und Gut?

152. Wenn ich so höre, wie meine Vorzüge hier und dort gepriesen werden,

genieße ich erregt mit gesträubten Härchen das Freudenfest.

153. Wenn er auch ein Gut besäße, wir müssten es mit Gewalt ihm nehmen

und ihm nur das Lebensnotwendige lassen, falls er unsere Arbeit tut.

154. Und aus dem Glück soll er vertrieben werden, mit unserer Not für

immer beladen. Alle sind wir von ihm hundertfach in den Kreislauf gestürzt

worden."

155. Unermessliche Weltalter sind vergangen, während du den eigenen

Nutzen suchtest. Durch diese große Mühsal hast du nichts als Leid

gewonnen.

156. Widme dich so auf meinen Befehl dieser Betrachtung der Austauschung

des anderen und des Selbst ohne zu zögern! Ihre Vorzüge wirst du später

sehen, denn die Worte des Buddha sind wahr.

157. Wenn du dies Werk schon früher getan hättest, wärest du nicht in

diesem Zustand, ganz zu schweigen von dem Glück der Vollendung, das den

Buddhas zu eigen und das du bereits gewonnen hättest.

158. Wie du mit Bezug auf den fremden Tropfen von Samen und Blut das

Ichbewusstsein gepflegt hast, so übe es deshalb auch mit Bezug auf die

anderen Wesen!

159. Was immer du nun als fremder Späher an diesem Körper siehst, all das

nütze, um es ihm zu nehmen, zum Heil für die anderen.

160. Dieses Selbst hat es gut, der andere ist übel dran. Der andere ist am

Boden, dieses Selbst ist erhöht. Der andere arbeitet. dieses nicht: So sollst du

voll Eifersucht sein auf das Selbst.

161. Und aus dem Glück vertreibe das Selbst, zwinge es in das Leid des

anderen. Prüfe seine krummen Wege: Wann tut es was?

162. Lass Schuld, auch wenn von anderen begangen, allein auf sein Haupt

fallen, und enthülle dem Buddha seine Schuld, auch wenn sie gering ist.

163. Verdunkle dadurch seinen Ruf, dass du den besseren Ruf des anderen

verkündest, und stelle es wie einen niedrigen Sklaven an für die Bedürfnisse

der Wesen.

164. Denn dies aus Schuld bestehende Selbst soll man nicht des Anteils

zufälliger Tugenden wegen loben. Handle so, dass niemand seinen Vorzug

erkenne!

165. Kurz, was immer du um des Selbst willen anderen angetan hast, lass all

das Böse um der Wesen willen auf dich selbst fallen.

166. Auf keinen Fall soll man dem Selbst Kraft gewähren, dass es

geschwätzig werden könnte. Wie eine Jungvermählte soll man es halten,

schamhaft, furchtsam und zurückgezogen.

167. Handle so! Halte dich so! Das darfst du nicht tun! - so soll man es

beherrschen. Bestraft werden muss es, übertritt es diese Befehle.

168. Wenn du dies nicht tun wirst, o mein Geist. obwohl es dir so

aufgetragen, werde ich dich strafen, denn alle Fehler liegen bei dir.

169. Wo willst du hingehen? Ich sehe dich. Allen Stolz zerschlage ich dir.

Die alte Zeit hat sich verändert, als ich von dir vernichtet worden bin.

170. Lass nun die Hoffnung fahren, du wärst auch heute noch von Interesse.

Dich habe ich an die anderen verkauft, der du ihrer großen Verzweiflung

nicht achtest.

171. Wenn ich dich nämlich aus Leichtsinn nicht den Wesen übergebe, wirst

du mich den Wächtern der Hölle übergeben. Kein Zweifel.

172. Und so bin ich ihnen von dir schon oft übergeben worden und wurde

lange gequält. Dieser Feindlichkeit eingedenk vernichte ich dich Sklaven

eigener Zwecke.

173. Wenn du das Selbst liebst, darfst du dich selbst nicht lieben. Wenn du

das Selbst schützen musst, darfst du es nicht schützen.

Schlussbetrachtung

174. Je mehr dieser Körper behütet wird, umso zarter wird er und fällt umso

mehr hinab.

175. Aber obschon er fällt, ist diese ganze Erde nicht genug, um sein

Begehren zu stillen. Wer also wird sein Verlangen stillen?

176. Wer das Unmögliche verlangt, erfährt Mühsal und die Zerstörung seiner

Hoffnungen, doch unvergängliche Seligkeit, wer nirgends hofft.

177. Man darf daher dem Körper zum Gedeihen seiner Wünsche keine

Freiheit lassen. Gut ist wahrlich nur das, was man nicht ergreift, da man nach

ihm verlangt.

178. Dieses grausige unreine Standbild, dessen Ende in der Asche liegt, das,

leblos, von einem anderen bewegt wird, warum betrachte ich es als mein?

179. Was habe ich von dieser Maschine, sei sie lebendig oder tot? Was

unterscheidet sie etwa von einem Klumpen Lehm? O Ichbewusstheit, du

vergehst nicht!

180. Vergeblich erwirbt man dadurch das Leid, dass man zum Körper hält.

Was hat er, einem Holze gleich, von Hass oder von Liebe?

181. Er zeigt weder Liebe noch Hass, mag ich ihn derart behüten, mag er von

Geiern etwa gefressen werden. Warum liebe ich ihn?

182. Wenn er selbst davon nichts weiß, dessen Erniedrigung mich erzürnt

und dessen Verehrung mich befriedigt, für wen bemühe ich mich dann?

183. Die diesen Körper lieben, die freilich sind meine Freunde. Alle aber

lieben ihren Körper; warum sind nicht auch sie mir wert?

184. Gleichgültig habe ich den Körper aufgegeben zum Heil der Welt. Von

nun an trage ich ihn, obschon er voll Fehler, wie ein Werkzeug.

185. Genug darum von den Lebensweisen der Welt! Den Weisen will ich

folgen, im Gedanken an die Lehrrede über die Wachsamkeit Starrheit und

Schlaffheit meines Geistes abwehrend.

186. Um jedes Hemmnis zu beseitigen, ziehe ich den Geist vom schlechten

Wege ab und will die Sammlung üben, die sich beständig auf ihr

entsprechendes Objekt bezieht.

Vollkommenheit der Einsicht

EINLEITUNG

1. Dass diese ganze Schar von Vollkommenheiten der Einsicht dient, hat der

Weise gesagt. Die Einsicht möge der Bodhisattva daher entwickeln, da er

sich nach dem Aufhören des Leidens sehnt.

ZWEI ARTEN VON WIRKLICHKEIT.

Definition

2. Die verhüllte Wirklichkeit und die absolute Wirklichkeit, diese zwei

Wirklichkeiten nehmen wir an. Die absolute Wirklichkeit ist nicht

Gegenstand von Erkenntnis. Die Erkenntnis wird als verhüllte Wirklichkeit

bezeichnet.

Unterschied der Menschen dem Erkenntnisgrad nach

3. Diesen beiden Wirklichkeiten entsprechend kennen wir zwei Arten von

Menschen: den die Versenkung übenden Yogis und die gewöhnlichen

Menschen. Von diesen beiden Arten von Menschen werden die

gewöhnlichen in ihrer Weltsicht von den Yogis entkräftigt.

4. - auch die Yogis werden dem höheren Grad der Erkenntnis entsprechend

von den jeweils fortgeschritteneren entkräftigt -, und zwar durch das von

beiden den gewöhnlichen Menschen für die Welt im Traum, und den Yogis -

und bei in unterschiedlicher Weise - für die Welt der Erscheinungen im

weitesten Sinne anerkannte Beispiele der Illusion usw., auf das sich der

Nachweis der Wesenlosigkeit aller Erscheinungen stützt, denn um das Zieles

(der Buddhaschaft) willen zögern sie nicht, die Mittel dafür zu gebrauchen.

5. Die gewöhnlichen Menschen sehen die Dinge und halten sie auch für

wirklich, nicht aber für gleich einer Illusion. Darin liegt der Unterschied in

der Auffassung zwischen dem Yogis und dem Gewöhnlichen.

Entkräftigung

- des buddhistischen Realismus

6. Auch die wahrnehmbaren Konstituenten der Persönlichkeit, das

Körperliche usw., sind durch Konvention gegeben, nicht durch gültige

Erkenntnis. Diese Konvention ist falsch, wie die, welche Unreines usw. für

Reines usw. hält.

7. Der Meister hat die Dinge gelehrt, um die gewöhnlichen Leute an die

wahre Lehre heranzuführen. In Wirklichkeit gibt es die augenblicklichen

Dinge nicht. Meint man, dass es sie der verhüllten Wirklichkeit nach gibt und

dass diese Auffassung in Widerspruch steht mit der Wahrnehmung

nichtaugenblicklicher Dinge,

8. sagen wir, dass es diesen Widerspruch nicht gibt, weil der verhüllten

Wirklichkeit der Yogis nach, die die Substanzlosigkeit erkannt haben, die

Dinge als augenblicklich erkannt werden. Gegenüber der Welt der

gewöhnlichen Leute sind es diese Yogis, die die Wirklichkeit erkennen.

Andernfalls würdet auch ihr mit der Welt in Konflikt stehen, wenn ihr die

Frau als unrein betrachtet, die von der Welt als rein gehalten wird.

9. Einwand: Wie kann durch den einer Illusion vergleichbaren Buddha

Verdienst entstehen, indem man ihn verehrt?

Antwort: Und wie, selbst wenn er wirklich wäre?

Einwand: Wenn das Wesen einer Illusion vergleichbar ist, wie kann es dann,

einmal gestorben, wieder geboren werden?

10. Antwort: Auch eine Illusion währt nur so lange wie der Komplex ihrer

Ursachen. Warum sollte es bloß dadurch, dass das Kontinuum von Ursachen

und Wirkungen lange dauert, das Wesen in Wirklichkeit geben?

11.Ein Phantom zu töten etwa, ist keine Sünde, weil ihm das Denken fehlt.

Verdienst und Sünde ergeben sich aber, wenn das Wesen mit der Illusion des

Denkens ausgestattet sind.

12. Einwand: Da etwa Zaubersprüche nicht fähig sind es hervorzubringen,

kann es ein illusorisches Denken nicht geben.

Antwort: Auch Illusion ist von vielerlei Art und von vielerlei Ursachen.

13. Nirgends ist eine einzige Ursache fähig, alles hervorzubringen.

Einwand: Wenn das der absoluten Wirklichkeit nach im Nirvana befindliche

Wesen der verhüllten Wirklichkeit nach im Kreislauf der Existenzen wandert,

14. dann wird auch der Buddha im Kreislauf sein. Was ist dann der Zweck

des Lebens zur Erleuchtung?

Antwort: Solange die Ursachen nicht unterbrochen sind, ist auch die Illusion

nicht unterbrochen.

15. Wenn aber die Ursachen unterbrochen sind, dann gibt es selbst der

verhüllten Wirklichkeit nach keine Existenz mehr.

- des buddhistischen Idealismus

Einwand: Wenn es den Irrtum eines illusorischen Denkens nicht gibt, wer

erkennt dann die Illusion?

16. Antwort: Wenn es für dich einmal die Illusion als wirkliches Objekt gibt,

was wird dann erkannt? Wenn auch diese objekthafte Erscheinungsform bloß

eine des Denkens ist, ist die doch sachlich etwas von seiner subjektiven

Erscheinungsform verschiedenes.

17. Wenn aber das Denken selbst die objektive Illusion ist, was wird dann

von wem erkannt? Außerdem hat der Buddha gesagt, dass das nicht das

Denken sieht.

18. Wie ein Schwertblatt sich selbst nicht schneidet, so sieht auch das

Denken nicht sich selbst.

Einwand: Das Denken erleuchtet sich selbst wie das Lampenlicht.

19. Antwort: Das Beispiel ist falsch, denn das Lampenlicht wird keineswegs

erleuchtet, weil es nicht von Dunkel verhüllt war.

Einwand: Es hängt doch nicht ein Blaues, um blau zu sein, von einem

anderen ab, wie ein Kristall.

20. So sieht man, dass einige Dinge von anderen abhängen, und einige

unabhängig sind.

Antwort: Auch das zweite Beispiel ist falsch, denn wenn das Blausein fehlt,

weil die Ursachen dafür fehlen, kann doch das Blaue nicht sich selbst von

sich aus blau machen.

21. Wenn wir nun zugestehen, dass das Lampenlicht sich selbst erleuchtet:

Dass das Lampenlicht licht ist, erkennt und vermittelt die Erkenntnis; dass

aber die Erkenntnis licht ist, wodurch wird das erkannt und vermittelt?

23. Wenn die Erkenntnis ihrerseits durch nichts erkannt wird, mag sie nun

licht sein wie das Lampenlicht oder nicht licht wie ein Topf, dann ist sie,

auch wenn von ihr geredet wird, sinnlos, wie die Koketterie der Tochter einer

Unfruchtbaren.

24. Einwand: Wenn es das Selbstbewusstsein nicht gibt, wie kann man sich

dann an die Erkenntnis erinnern?

Antwort: Man erinnert sich an die Erkenntnis, wenn etwas anderes als die

Erkenntnis wahrgenommen worden ist, durch die Verbindung, die die

erfassende Erkenntnis mit dem Objekt hat, wie im Falle von Rattengift, das

zuerst eingegeben wird und später wirkt, wenn es donnert.

25. Einwand: Weil man ein mit anderen Bedingungen, wie der Kunst des

Gedankenlesens oder der übernatürlichen Hellsicht usw. in Beziehung

stehendes Denken anderer Person erkennt, erleuchtet die Erkenntnis sich

selbst und ebenso auf Grund bestimmter Bedingungen, wie der unmittelbar

vorhergehenden gleichartigen Erkenntnis, des Objektes hat usw..

Antwort: Der Topf, den man durch Verwendung einer Zaubersalbe gesehen

hat, dürfte doch sicherlich nicht die Salbe selbst sein.

26. Dass es durch Sinneswahrnehmung, glaubwürdige Überlieferung und

Schlussfolgerung Erkanntes gibt, verneinen wir im Rahmen der

Erfahrungswelt keineswegs. Wir verwerfen aber in unserer Sicht, dass die

Annahme der Erkenntnis der wahren Wirklichkeit nach Grund für das Leiden

sei.

27. Wenn ihr meint, die Illusion sei nichts anderes als der Geist, stellen wir

fest, dass sie auch nicht dasselbe ist. Wenn sie ferner wirklich ist, wie kann

sie dann nicht etwas anderes sein als der Geist? Und wenn sie dasselbst ist,

dann ist sie nicht wirklich.

28. Wie die Illusion, obwohl sie nicht existiert, sichtbar ist, so ist (nach

unserer Auffassung) der Geist das, was sieht, obwohl er ebenfalls nicht

existiert. Wenn du meinst, der Kreislauf der Existenzen stütze sich auf etwas

Wirkliches, nämlich auf den Geist, dann wird er etwas anderes als dieses

Wirkliche sein und daher unwirklich wie der Äther.

29. Wie könnte ein Nichtseiendes wie der Kreislauf durch eine wirkliche

Grundlage Wirksamkeit erhalten? Für dich ergibt sich also tatsächlich, dass

der Geist mit einem Nichtseienden verbunden und daher allein ist.

30. Wenn der Geist ohne Objekt ist, dann sind alle Wesen Buddhas. Und

wenn es so wäre, was hast du davon, selbst wenn du der Meinung bist, dass

es nur den Geist gibt?

Die Methode der Madhyamaka

31. Einwand: Auf welche Weise hört denn das Laster auf, selbst wenn man

erkannt hat, dass die Welt einer Illusion gleicht? Entflammt nicht in Liebe

auch ihr Schöpfer zu der Frau, die er durch Zauber geschaffen hat?

32. Antwort: (Ja, aber deshalb), weil bei ihrem Schöpfer die Tendenz, seinem

Objekt ein Sein zuzuschreiben, nicht aufgehört hat und deshalb, wenn er

diese Frau sieht, sie als leer zu erkennen zu schwach ist.

33. Wenn man sich der Tendenz zur Leerheit versichert, schwindet die

Tendenz zum Sein, und später schwindet durch die Einübung der Erkenntnis,

dass nichts existiert, auch diese Tendenz zur Leerheit.

34. Wenn man auf kein Sein mehr stößt, von dem man annehmen könnte,

dass es nicht existiere, wie könnte sich dann dem Geist ein anhaltsloses

Nichtsein bieten?

35. Wenn sich dem Geist nicht Sein noch Nichtsein bieten, dann findet er,

anhaltslos, die Ruhe, denn eine andere Möglichkeit gibt es nicht.

Das Wesen des Buddha und der Sinn seiner Verehrung

36. Wie das Wunschjuwel, wie der Wunschbaum, der die Wünsche der

Wesen erfüllt, so erscheint der Leib des Buddha durch die Reifung der

heilsamen Taten der Gläubigen und die vom Buddha noch als Bodhisattva

gefassten Vorsätze, das Heil der Wesen zu verwirklichen.

37. -38. So wie der Pfahl, den ein Schlangenbeschwörer vor seinem Tode

noch geweiht hat, die Wirkungen von Giften und anderem beilegt, auch wenn

dieser schon lange tot ist, so wirkt auch der Buddha-Pfahl, der dadurch

geweiht ist, dass der Bodhisattva dem Leben zur Erleuchtung entsprochen

hat, alle Wirkungen, auch wenn der Bodhisattva erloschen ist.

39. Aber wie brächte ein Kult Frucht, der einem Wesen ohne Geist erwiesen

wurde? Weil in der Überlieferung gelehrt wird, dass die Frucht des Kultes die

gleiche ist, beim lebendigen und beim erloschenen Buddha.

40. Der Überlieferung nach ist die Frucht seines Kultes von verhüllter oder

auch wahrhafter Wirklichkeit. Daher hat auch der Kult des erloschenen

Buddha seine Frucht. Wie wäre es sonst möglich, dass der dem wirklichen

Buddha erwiesene Kult eine Frucht hat, da der Buddha in jedem Falle

erloschen ist?

AUCH DAS ZIEL DES HINAYANA, BLOßE ERLÖSUNG, SETZT DIE

ERKENNTNIS DER LEERHEIT VORRAUS

41. Einwand: Die Erlösung ergibt sich aus der Erkenntnis der vier edlen

Wahrheiten. Wozu dann die Erkenntnis der Leerheit?

Antwort: Weil die Überlieferung lehrt, dass es ohne diesen Weg keine

Erleuchtung gibt.

Authentizität des Mahayana

42. Einwand: Nun ist aber das Mahayana für mich als autoritative

Überlieferung gar nicht gesichert.

Antwort: Wieso ist denn deine Überlieferung gesichert?

Gegner: Weil sie für uns beide gesichert ist.

Antwort: Aber für dich war sie auch nicht gesichert, bevor du selbst sie

erkannt hast.

43. Aus welchen Gründen du diese deine Überlieferung wert hältst, mache

doch auch im Falle des Mahayana von derselben Wertschätzung Gebrauch!

Wenn du aber meinst, dass das wahr sei, was von zwei anderen angenommen

wird, nämlich von dir und von den Brahmanen, dann ist auch der Veda usw.

wahr.

44. Wenn du meinst, das Mahayana als Tradition sei voller

Meinungsverschiedenheiten, dann gibt auch deine eigene Überlieferung auch

und jede andere Überlieferung, denn Meinungsverschiedenheiten gibt es auch

in deiner Tradition sowohl mit Andersgläubigen, als auch mit Anhängern der

eigenen und anderen Schulen des Hinayana.

Ungenügen des Hinayana

45. Die Lehre des Buddha wurzelt im Zustand des Bettelmönchs, der von

allen Lastern ledig ist; und eben dieser Zustand des Bettelmönchs, aber auch

das restlose Nirvana, ist bei denen kaum möglich, deren Geist noch an

Objekten hängt.

46. Wenn sich die Erlösung durch die Zerstörung der Laster ergäbe, dann

müsste sie unmittelbar nach dieser Zerstörung der Laster durch die

Erkenntnis der vier edlen Wahrheiten eintreten. Und doch wissen wir aus der

Überlieferung, dass die der Laster ledig ist noch fähig zu einem Werk, wenn

es auch lasterfrei ist.

47. Wenn nun festgestellt wird, dass bei diesen der Durst, die Ursache der

Wiedergeburt, nicht mehr vorhanden ist, fragen wir: Ist nicht dennoch Durst,

auch wenn er lasterfrei ist wie das Streben nach dem Nirvana, bei ihnen

vorhanden, genauso wie die lasterfreie Verblendung des Glaubens, dass die

Gegebenheiten leidvoll sind?

48. Außerdem ist der Durst durch die Empfindung verursacht; und

Empfindung findet sich bei ihnen. Und das Nirvana ist nicht möglich, denn

ein Geist, der noch ein Objekt hat, muss noch auf diesem oder jenem

verweilen.

49. Ohne die Leerheit kehrt der objekt-gebundene Geist wieder, wie im Falle

der Versenkung der Unbewusstheit. Daher soll man die Leerheit betrachtend

üben.

Unmöglichkeit der Furcht vor der Leerheit

53. Einwand: Weil sie aber einerseits an der Existenz hängen und sich

andererseits vor der Leerheit fürchten, werden sie nicht erlöst. Daher steht

das Verbleiben der leidenden Wesen im Kreislauf wegen ihrer Verwirrung

über das Objekt der erlösenden Erkenntnis fest. Die Leerheit hat also dieselbe

Frucht.

54. Antwort: Der in dieser Art gegen die These von der Leerheit als Grund

für die Erlösung vorgebrachte Einwand ist nicht angebracht. Daher soll man,

der Zweifel ledig, die Leerheit betrachten.

55. Denn die Leerheit ist das Gegenmittel für das Dunkel der Hemmnisse der

Laster und des zu Erkennenden. Warum betrachtet sie nicht unverzüglich,

wer nach Allwissenheit sich sehnt?

56. Vor dem, was Leiden bringt, mag Furcht entstehen. Die Leerheit bringt

das Leid zur Ruhe. Warum sich vor ihr fürchten?

57. Vor dem oder jenem mag man sich fürchten, solange das "Ich" etwas

Wirkliches ist; wenn aber eben das "Ich" nichts Wirkliches ist, wer soll sich

dann fürchten?

NACHWEIS DER LEERHEIT

Nachweis der Wesenslosigkeit eines substantiellen Ich

Das "Ich" ist nicht körperlich - gegen den Materialismus

58. -60. Ich bin nicht die Zähne, das Haar, die Nägel, die Knochen und nicht

das Blut, der Rotz bin ich auch nicht und nicht der Schleim, auch nicht der

Eiter oder der Speichel; ich bin nicht das Fett und nicht der Schweiß; nicht

die Lymphe noch die Eingeweide bin ich; die Gedärme bin ich und nicht der

Kot und der Urin; ich bin nicht das Fleisch noch die Sehne, nicht die

Körperwärme noch der Körperwind, und ich bin nicht die Körperöffnungen

und in keiner Weise die sechs Sinneserkenntnisse.

Das "Ich" ist nicht geistig - gegen das Samkhya

61. Wenn die Hör-Erkenntnis das Ich wäre, dann erfasste man den Ton

immer, weil ihr das Ich als ewig betrachtet. Ohne Objekte aber, was erkennt

sie, dass man sie Erkenntnis nennt?

62. Wenn Erkenntnis ist, was nicht erkennt, dann folgt, dass Holz Erkenntnis

ist. Daher steht fest, dass es eine Erkenntnis ohne ein mit ihr in Beziehung

stehendes Objekt nicht gibt.

63. Die nämliche Erkenntnis, die den Ton erfasst, erkennt die Farbe. Warum

hört sie nicht auch zu selben Zeit? Meint man, weil der Ton dann nicht mit

ihr in Beziehung steht, dann gibt es auch diese Erkenntnis des Tons nicht.

64. Wie könnte jene Erkenntnis, deren Natur es ist, den Ton zu erfassen, die

Farbe erfassen? Ein und derselbe kann sowohl als Vater als auch als Sohn

gedacht werden, es ist aber nicht der Wirklichkeit nach,

65. denn die drei Konstituenten der Urmaterie Güte, Leidenschaft und

Finsternis, die nach deiner Meinung das Wirkliche sind, sind weder Sohn

noch Vater. Die mit dem Erfassen des Tons verbundene Natur der Erkenntnis

dagegen ist von der die Farbe erfassenden Erkenntnis nicht zu denken.

66. Die nämliche Erkenntnis des Tons könnte nach deiner Auffassung die

Farbe in einer anderen Natur erfassen, wie ein Schauspieler, der verschiedene

Kostüme trägt, und der ist nicht ewig. Meinst du, es sei dasselbe Ich oder

derselbe Schauspieler, die mit einer anderen Natur agieren, das wäre

allerdings eine unerhörte Einheit dieses Prinzips.

67. Meinst du, die andere Natur sei nicht wirklich, dann musst du mir seine

eigene Natur angeben. Soll es die Natur der Erkenntnis sein, dann folgt, dass

alle Menschen ein und dasselbe sind.

68. Auch wären Geistigkeit der Seele und Ungeistigkeit der Urmaterie ein

und dasselbe, weil die Natur der Existenz bei beiden gleich ist. Wenn nicht

Identität, sondern Ähnlichkeit die Gleichheit der Erkenntnis oder Existenz

begründen soll, aber der Unterschied nicht wirklich ist, worauf soll dann die

Ähnlichkeit beruhen? Das "Ich" ist nicht die mit Erkenntnis verbundene

ungeistige Seele - gegen das Nayaya-Vaisesika.

69. Auch das ungeistige Selbst, die Seele ist nicht das Ich, weil es ungeistig

ist, wie etwa ein Tuch. Meint man, die Seele erkenne auf Grund der

Verbindung mit dem Geistigen, dann folgt, dass sie, wenn sie nicht erkennt,

tot ist.

70. Wenn das Selbst ganz unverändert ist, was kann die Geistigkeit dann für

es tun? So kann man auch meinen, dass der nicht erkennende und nicht tätige

Äther das Selbst sei.

Kausalität der Werke ist ohne ein "Ich" möglich

71. Meint man, ohne ein Selbst gäbe es keine Verbindung zwischen dem

Werk und der Vergeltung, wem wird dann die Vergeltung zuteil, wenn er, der

das Werk getan hat, zugrunde gegangen ist?

72. Für uns beide ist erwiesen, dass Werk und Vergeltung verschiedene

Bereiche haben, und das Selbst ist nach deiner Meinung in dieser Hinsicht

untätig. Ist dann der Streit über dieses Selbst nicht überflüssig?

73. Den Fall, dass der, der mit dem Werk verbunden ist, auch mit der

Vergeltung verknüpft ist, können wir nicht sehen. Nur auf die Einheit des

Kontinuums hat der Buddha sich bezogen, als er einen Täter und einen

Genießer gelehrt hat.

74. Vergangener und zukünftiger Gedanke ist nicht das Ich, denn er ist nicht

vorhanden. Ist das vorhandene Denken das Ich, dann gibt es das Ich wieder

nicht, wenn es vergangen ist.

75. Wie der in Teile zerlegte Stamm der Banane nicht existiert, so ist auch

das Ich nicht wirklich, wenn es kritisch geprüft wird.

Entwicklung des Mitleids ist ohne ein "Ich" möglich

76. "Wenn es die Wesen nicht gäbe, wem gegenüber übte dann der

Bodhisattva das Mitleid?" Es ist das Wesen, das dem Irrtum der verhüllten

Wirklichkeit nach vorgestellt wird, den man sich um des Zieles der

Buddhaschaft willen zu eigen macht.

77. Wenn es das Wesen nicht gibt, wer hat dann ein solches Ziel? Richtig!

Die Anstrengung aber beruht auf dem Irrtum. Den Irrtum des Zieles aber

lehnen wir nicht ab, weil wir das Leid beenden wollen.

78. Aus dem Irrtum des Selbst erwächst doch das Ichbewusstsein, des

Leidens Ursache. Und wenn es durch diesen falschen Glauben an das Selbst

nicht beseitigt werden kann, ist die Betrachtung der Ichlosigkeit vorzuziehen.

Nachweis der Wesenslosigkeit der Gegebenheiten:

durch die "vier Konzentrationen der Wachsamkeit"

- auf den Köper

79. -80. Nicht die Füße, nicht die Unterschenkel, nicht die Oberschenkel sind

der Körper, auch nicht die Hüften; es ist auch nicht der Bauch, nicht der

Rücken, nicht die Brust, nicht die Arme; die Hände sind es nicht, die Seiten

nicht, die Achseln nicht, die Schultern nicht; der Hals ist nicht der Körper,

nicht der Kopf. Was von diesen ist der Körper nun?

81. Wenn sich der Körper teilweise in allen diesen Gliedern befindet, sind es

die Glieder, die sich in den Gliedern befindet, und wo befindet er sich selbst?

82. Wenn sich der Körper als ganzes überall, in den Händen usw., befindet,

dann wird es wohl ebenso viele Körper geben, wie es Hände usw. gibt.

83. Der Körper ist also weder innerhalb, noch ist er außerhalb. Wie könnte er

dann in den Händen usw. sein? Von den Händen usw. ist er nicht getrennt. In

welcher Weise ist er nun vorhanden?

84. Also gibt es den Körper nicht. Auf Grund des durch die besondere

Komposition von Händen, Füßen usw. hervorgerufenen Irrtums aber gibt es

die Vorstellung von einem Körper, die sich auf die Hände usw. bezieht,

genauso wie es die Vorstellung von einem Menschen gibt, die sich auf einen

Pfahl bezieht.

85. Solange der entsprechende Ursachenkomplex währt, erscheint der Körper

als Mann oder als Frau. Ebenso sieht man, solange dieser Komplex in den

Händen usw. währt, in diesen den Körper.

86. Weiter: Was könnte der Fuß sein, da er nur ein Haufen von Zehen ist?

Und dieser, da er nur eine Vereinigung von Zehengliedern ist? Und das

Zehenglied, da es nur aus seinen Teilen besteht?

87. Und seine Teile, da sie nur aus Atomen bestehen? Und dieses Atom, da

es nur in den sechs Richtungsabschnitten besteht? Der Abschnitt einer

Richtung am Atom aber ist, weil er teillos ist, der leere Äther. Daher gibt es

kein Atom.

88. Welcher Prüfende würde sich wohl an das Körperliche klammern, das in

dieser Weise einem Traumbild gleicht? Und wenn es somit keinen Körper

gibt, was ist dann eine Frau und was ist ein Mann?

-auf die Empfindungen

89. Wenn es Schmerz in Wirklichkeit gibt, warum quält er dann nicht die, die

sich erfreuen? Wenn es Lust, etwa wohlschmeckende Nahrung, in

Wirklichkeit gibt, warum erfreut sie dann nicht den von Kummer usw.

Bedrückten?

90. Meint man, dass die eine Empfindung nicht gefühlt werde, weil sie von

einer stärkeren überwältigt wird, wie kann das Empfindung sein, was nicht

gefühlt wird?

91. Meint man, dass bei denen, die Lust empfinden, der Schmerz in subtilem

Zustand vorhanden sei, sein manifester Zustand aber unterdrückt durch die

stärkere Empfindung der Lust, und ferner, dass sein subtiler Zustand eine von

der Lust verschiedene reine, aber eben schwächere Freude sei, dann ist auch

diese verschiedene Form ein subtiler Zustand der Lust, aber kein Schmerz.

92. Wenn nach einer anderen Meinung der Schmerz in Gegenwart der ihm

entgegengesetzten Ursache nämlich der Lust nicht aufkommt, ist dann nicht

zugestanden, dass die Empfindung nichts ist als durch Einbildung verursachte

Neigung?

93. Daher unternehmen wir ja diese Untersuchung als Gegenmittel für diese

Neigung. Dass die Empfindung nur eine solche Neigung ist, ergibt sich auch

daraus, dass die Yogis sich nämlich nähren aus den auf dem Felde der

Vorstellungen gewachsenen Versenkungsstufen.

94. Wenn das Sinnesorgan und sein Objekt, falls die Empfindung durch die

Berührung zustande kommen soll, voneinander getrennt sind, wie könnten

die beiden dann zusammenkommen? Und falls sie nicht getrennt sind, dann

sind sie ein und dasselbe. Was kommt dann womit zusammen?

95. Auch bei den teilelosen Atomen ist eine Berührung nicht möglich, denn

das Atom kann in ein anderes Atom nicht eindringen, da es dicht ist und

gleichförmig. Somit gibt es weder eine Verschmelzung ohne ein Eindringen,

noch ein Zusammenkommen ohne Verschmelzung.

96. Es ist also ganz unmöglich, dass etwas Teilloses sich mit einem anderen

verbindet. Solltest du aber jemals bei einer Verbindung Teillosigkeit

festgestellt haben, dann weise sie auf!

97. Die Erkenntnis des Objekts überdies, die ja gestaltlos ist, kann sich

ebenso wenig mit dem Sinnesorgan und dem Objekt verbinden. Schließlich

auch nicht die aus Atomen zusammengesetzte Masse, denn sie ist gar nicht

wirklich, wie ich früher erklärt habe.

98. Wenn es in dieser Weise eine Berührung nicht gibt, wodurch soll es dann

eine Empfindung geben? Was hat es dann für einen Zweck, sich für Lust und

Leid zu plagen? Wer könnte denn leiden und wodurch?

99. Wenn es weder einen gibt, der empfindet, noch eine Empfindung, warum

löst du dich dann nicht auf, o Durst, wenn du diesen Umstand bemerkt hast?

100. Man sieht zwar, und man fühlt, aber das kommt daher, was man sieht

und fühlt zusammen mit dem Denken, dessen Wesen seinerseits einem

Traumbild, einem Zaubertrug gleicht, in ein und demselben

Ursachenkomplex entstanden ist, und die sich daraus ergebende Wirkung,

das Sehen und das Fühlen, ist, weil sie entstanden ist, nicht wirklich. Wir

stellen daher in Wirklichkeit keine Empfindung fest.

101. Auch dass das Sehen und Fühlen später von einer Erkenntnis erfasst

wird, ist keine Erklärung, denn eine früher und eine später eintretende

Erkenntnis ist Erinnerung, aber keine Empfindungswahrnehmung.

Schließlich nimmt die Empfindung auch nicht sich selbst wahr, und sie wird

auch nicht durch eine weitere gleichzeitige Erkenntnis wahrgenommen.

102. Es gibt auch kein Subjekt der Empfindung, also ein Prinzip, das die

Empfindung empfinden könnte. Die Empfindung ist somit nicht wirklich.

Wenn dieses ganze psychische Bündel ohne ein Ich ist, wer wird dann in

Wirklichkeit von der Empfindung gequält?

- auf den Geist

103. Das Denken ist weder in den Sinnesorganen noch in ihren Objekten der

Farbe usw., noch dazwischen. Nicht innerhalb, noch außerhalb des Körpers,

noch auch anderswo findet man das Denken.

104. Was weder im Körper ist, noch anderswo, weder in beiden zugleich,

noch irgendwo für sich, das ist in Wirklichkeit nichts. Daher sind die Wesen

von Natur aus vollständig erlöst.

105. Wenn die visuelle Erkenntnis früher ist als das Objekt, auf welches

Objekt stützt sie sich, wenn sie entsteht? Wenn die Erkenntnis gleichzeitig ist

mit dem Objekt, auf welche Ursache stützt sie sich, wenn sie entsteht?

106. Und wenn sie später wäre als das Objekt, woraus könnte die Erkenntnis

dann entstehen?

- auf die Gegebenheiten

Eben in dieser Weise stellt man bei allen Gegebenheiten ein Entstehen nicht

fest.

Einschub: diese Betrachtung beeinträchtigt nicht die Lehre von den zwei

Wirklichkeiten

107. Wenn es sich so verhält, dann gibt es keine verhüllte Wirklichkeit.

Warum gibt es dann zwei Wirklichkeiten? Ist auch diese Wirklichkeit durch

eine weitere verhüllte Wirklichkeit, nämlich die vorstellende Erkenntnis

geschaffen? Wie könnte dann ein Wesen erlöst sein, da man auch dieses

vorstellen kann und damit seine verhüllte Wirklichkeit schaffen würde?

108. Diese Vorstellung gehört zum Denken eines anderen Wesens als des

erlösten. Das aber existiert nicht einer eigenen verhüllten Wirklichkeit nach.

Wenn es eine als Folge einer Ursache bestimmte Gegebenheit gibt, dann ist

eben die verhüllte Wirklichkeit vorhanden, und wenn es diese Gegebenheit

nicht gibt, dann ist die verhüllte Wirklichkeit nicht vorhanden.

109. Die Vorstellung und das Vorgestellte, diese setzen einander

wechselseitig voraus. Jede kritische Untersuchung, sagen wir, stützt sich auf

das, was gemeinhin bekannt ist.

110. Einwand: Wenn man aber mit einer Kritik kritisiert, die ihrerseits

kritisiert ist, dann gibt es keinen Halt, denn auch diese neue Kritik wird

kritisiert.

111. Antwort: Wenn kritisiert worden ist, was kritisierbar ist, dann hat eine

weitere Kritik keine Basis mehr und weil sie keine Basis hat kommt sie nicht

mehr vor. Und das nennen wir Nirvana.

112. Wer aber diese beiden, Kritik und Kritisiertes, für absolut wirklich hält,

der ist in einer besonders elenden Lage: Wenn sich nämlich der Gegenstand

kraft der Erkenntnis ergibt, wie ergibt sich dann wieder die Wirklichkeit der

Erkenntnis?

113. Oder, wenn sich die Erkenntnis kraft des Erkannten ergibt, wie ergibt

sich dann wieder die Wirklichkeit es Erkannten? Oder die Wirklichkeit

beider ist wechselseitig begründet, dann wären wohl beide nicht wirklich.

114. Wenn es keinen Vater gibt ohne einen Sohn, wodurch soll dann der

Sohn entstehen? Gibt es keinen Sohn, gibt es auch keinen Vater. Ebenso sind

auch diese beiden nicht wirklich.

115. Einwand: Der Spross entsteht aus dem Samen; der Same wird durch ihn

ans Licht gebracht. Warum erkennt man nicht ebenso durch die aus dem

Erkannten entstandene Erkenntnis dessen Wirklichkeit?

116. Antwort: Dass der Same vorhanden ist, wird durch eine vom Spross

verschiedene Erkenntnis erkannt. Wodurch aber ist die Wirklichkeit der

Erkenntnis erkannt, so dass man durch sie das Erkannte erkennt?

Nachweis der Argumentation:

Das Argument mit vier Positionen

Die Dinge entstehen nicht aus sich, ohne Ursache

117. Zur Lehre, dass die Vielfalt der Dinge aus sich, ohne Ursache, gegeben

sei, ist zu sagen: Die Welt erkennt zunächst die Wahrnehmung und durch

Schlussfolgerung, dass es Ursachen jeglicher Art gibt, denn die

verschiedenen Teile eines Lotus, Blüte, Stängel usw., entstehen aus

verschiedenen Ursachen.

118. Was bewirkt nun die Verschiedenheit der jeweiligen Ursache? Die

Verschiedenheit der früheren Ursache. Und aus welchem Grunde bringt die

Ursache eine Wirkung hervor? Durch die Wirksamkeit der früheren Ursache.

Die Dinge entstehen nicht aus einer ewigen Ursache:

-nicht aus Gott -gegen den Nyaya

119. Gott ist die Ursache der Welt. Sage, wer ist nun Gott? Sind es die

Elemente so mag es hingehen. Doch warum die Mühe etwa die Existenz

Gottes zu beweisen, wenn es sich bei Gott nur um einen anderen Namen für

die Elemente handelt?

120. Ferner sind die Elemente Erde usw. vielfach, vergänglich, untätig, ohne

göttliches Wesen, man kann sie vernachlässigen, und sie sind unrein. Gott ist

es nicht.

121. Der Raumäther ist nicht Gott weil er untätig ist, noch das Selbst, denn

wir haben es früher schon widerlegt. Und eines unbegreifliches Gottes

Schöpfertum, nennt man auch es unbegreiflich?

-nicht aus Gott und zusätzlichen Ursachen

122. -123. Und was hätte er zu schaffen beabsichtigt? Das Selbst. Das ist

doch ewig. Die ewige Natur der Erde und der anderen Elemente, sich selbst,

den ewigen Gott, das Erkennen, das durch das Objekt entsteht und ohne

Anfang ist, und Lust und Leid, die aus dem Werk hervorgehen, sage, was hat

er geschaffen? Wenn die Ursache keinen Anfang hat, wie könnte dann die

Wirkung einen Anfang haben?

124. Warum schafft er nicht immerdar, da er ja von nichts anderem abhängt?

Da ist keiner, den er nicht geschaffen hätte. Worauf müsste er also warten?

125. Wenn er von einem Ursachenkomplex abhängt, dann ist Gott nicht die

Ursache, die ihr wünscht. Er ist nicht imstande, den Ursachen-Komplex nicht

zu schaffen ist er nicht imstande, und ihn zu schaffen ist er nicht zu schaffen,

weil es ihn nicht gibt.

126. Wenn Gott schafft, ohne es zu wollen, dann folgt, dass er abgängig ist.

Und wenn er es will, hängt er wohl vom Willen ab. Wie könnte einer, der

schafft, Gott sein?

- nicht aus den Atomen

127. Jene, die ewige Atome behaupten, sind schon früher widerlegt worden.

Die Dinge entstehen nicht aus der ewigen Urmaterie - gegen das Samkhya

Die Samkhya-Denker meinen, die Urmaterie sei die ewige Ursache der Welt.

128. Die Konstituenten der Urmaterie, "Güte, Leidenschaft und Finsternis",

werden im Zustand gleichmäßiger Verteilung "Urmaterie" genannt. Auf

Grund der Konstituenten in ungleichmäßiger Verteilung spricht man von

Welt.

129. Das eines drei Naturen hat, ist falsch. Daher ist es nicht. Ebenso gibt es

die Konstituenten nicht, denn auch sie sind jeweils dreifach.

130. Und wenn es die Konstituenten nicht gibt, ist ein Sein der

Umgestaltungsprodukte Ton usw. weit entfernt. Ebenso könnten die

Konstituenten Lust usw. d.h. "Güte usw." nicht in Ungeistigem wie Kleidern

usw. vorhanden sein.

131. Meint ihr, die ungeistigen Dinge seien ihrer Natur nach Ursache dieser

Lust usw.: Sind denn nicht die Dinge gerade kritisiert worden? Auch ist ja für

dich gerade die Lust usw. Ursache, und daher nicht die Kleider usw.

132. Lust usw. gibt es wohl vielmehr auf Grund der Kleider usw.; und wenn

diese fehlen, gibt es auch Lust usw. nicht. Außerdem nimmt man niemals

eine Ewigkeit von Lust usw. wahr.

133. Wenn die Lust in entfaltetem Zustand vorhanden ist, warum empfindet

man sie dann nicht immer? Die nämliche Lust wird subtil: Wie kann diese

Lust grob sein und subtil?

134. Wenn sie nach Aufgabe des groben Zustandes subtil wäre, dann sind

grober und subtiler Zustande endlich. Warum nehmt ihr dann nicht genauso

die Endlichkeit eines jeden Dinges an?

135. Wenn der grobe Zustand der Lust nichts anderes als die Lust ist, dann ist

die Endlichkeit der Lust klar. Meinst du, nichts, das nichtseiend ist, entstehe,

weil es eben nicht ist,

136. so hast du, auch wenn du nicht willst, ein Entstehen des entfalteten

Zustandes der Lust, der nichtseiend ist. Wenn ferner die Frucht in der

Ursache vorhanden wäre, dann würde einer, der Reis isst, Exkremente essen

137. und dann soll man sich für den Preis eines Kleides Baumwollsamen

kaufen und sich damit bekleiden. Meinst du, nur die Welt sehe aus

Verblendung nicht, dass die Wirkung einer Ursache vorhanden ist: Auch der,

der die Wahrheit kennt, zeigt das nämliche Verhalten.

138. Und auch der Weltmensch hatte diese Erkenntnis, die ihn die Wirkung

in der Ursache erkennen ließe. Warum erkennt er es nicht? Wenn es darauf

beruht, dass der Weltmensch nicht maßgeblich ist, dann ist auch die

Manifestation der entfalteten Dinge nicht vorhanden.

139. Ist nicht, wenn gültige Erkenntnis in Wahrheit nicht gültige Erkenntnis

ist, auch das durch sie Erkannte falsch? Die der absoluten Wirklichkeit nach

gegebene Leerheit der Dinge ergibt sich nicht dadurch.

140. Ohne Erfassen des fälschlich vorgestellten Dinges erfasst man auch sein

Fehlen nicht. Deshalb ist das Fehlen des Dinges, das falsch ist, offensichtlich

falsch.

141. Daher verhindert, wenn im Traum der Sohn zugrundegegangen ist, die

Vorstellung, dass er nicht vorhanden ist, das Aufkommen der Vorstellung

von seinem Vorhandensein; auch diese erste Vorstellung ist falsch.

142. [Zusammenfassung:] Deshalb ist nach solcher Kritik nichts ohne

Ursache, nichts ist in den einzelnen oder in den vereinten Bedingungen

vorhanden,

143. nichts ist von anderswo hergekommen, bleibt und geht fort.

Das Argument des "Entstehens in Abhängigkeit"

Worin unterscheidet sich von einer Illusion das, was Einfältige für wirklich

halten?

144. Sowohl das, was durch Illusion geschaffen ist, als auch das, was durch

Ursachen geschaffen ist, wo kommt es her, wo geht es hin? Das ist zu fragen.

145. Was durch die Gegenwart eines anderen beobachtet wird und nicht

beobachtet wird, weil dieses fehlt, wieso ist Wirklichkeit in diesem

Künstlichen, das einem Spiegelbilde gleicht?

Das Argument des "Entstehen als seiend und als nichtseiend"

146. Was für einen Zweck hat die Ursache für ein Ding, das existiert? Und

wenn es nicht existiert, was für einen Zweck hat die Ursache?

147. Selbst durch Milliarden Ursachen ist ein Nichtseiendes nicht zu

verändern. Wieso ist das, was diesen Zustand hat, ein Seiendes? Und welches

andere als ein Nichtseiendes kann seiend werden?

148. Wenn das Seiende zur Zeit des Nichtseienden nicht ist, wann wird das

Seiende entstehen? Dieses Nichtseiende wird nämlich nicht verschwinden,

solange das Seiende nicht entstanden ist.

149. Und das Seiende kann nicht eintreten, wenn das Nichtseiende nicht

verschwunden ist. Ebenso wenig wird ein Seiendes nichtseiend, weil daraus

folgte, dass es zwei Wesen hat.

150. So also gibt es niemals Vernichtung noch Sein. Also ist diese ganze

Welt unentstanden und unvergangen.

151. Einem Traum gleichen die Schicksalsformen, denn untersucht man die

Gegebenheiten, sind sie wie der Bananenstamm ohne Wesenkern. In

Wirklichkeit ist kein Unterschied zwischen den Erlösten und den Unerlösten.

ZUSAMMENFASSUNG UND SCHLUERMMAHNUNG

152. Was von diesen in dieser Weise erklärten Gegebenheiten wäre erlangt,

was wäre gewonnen? Wer könnte von wem geehrt oder geschmäht werden?

153. Woher kämen Lust oder Leid? Oder was wäre wert, was unwert? Was

wäre der Durst nach Genuss, nach Werden und Vergehen? Worauf würde

sich der Durst beziehen, wenn man ihn seinem Wesen nach untersucht?

154. Wenn man die Natur der absoluten Wirklichkeit untersucht, was wären

die Lebewesen? Welches von ihnen würde wohl sterben? Welches entstehen?

Wer hätte gelebt? Wer wäre ein Verwandter? Wer wessen Freund?

155. Mögen die, die von meiner Art, alles dem Äther gleich also für leer

halten: Sie erbosen sich durch Streitereien, und sie entzücken sich an

Festlichkeiten.

156. Höchst peinvoll bringen sie, durch sündige Werke nach eigener Lust

verlangend, ihre Tage hin unter Sorgen, Mühen und Entmutigen, unter

gegenseitigen Peinigungen und Verstümmelungen.

157. Und sind sie gestorben, stürzen sie in lange währende schlechte

Schicksale voll scharfer Pein; dabei haben sie immer wieder ein gutes

Schicksal erreicht, und sich dabei immer wieder an die Lust gewöhnt.

158. Im Dasein gibt es zahlreiche Abgründe in die man stürzen kann, und aus

denen man nur mühevoll emporsteigt; es ist aber auch dieses Dasein so nicht

wirklich. Dann aber besteht ein gegenseitiger Widerspruch zwischen dem

Vorhandensein von Abgründen und der Unwirklichkeit des Daseins; es dürfte

also wohl eine Wirklichkeit von dieser Art nicht geben.

159. Dennoch finden sich in diesem Dasein grausige, endlose Leidensmeere

ohnegleichen. Da sind die Kräfte so gering, und doch ist das Leben nur kurz.

160. -161. Da bringt man rasch seine Tage hin unter Mühen für Leben und

Gesundheit, unter Hunger, Müdigkeit und Erschöpfung, unter Schlaf, unter

Missgeschicken, unter fruchtlosen Begegnungen mit Toren, und sicherlich

ohne Zweck. Die unterscheidende Erkenntnis aber ist da kaum zu gewinnen.

Was könnte es da auch ermöglichen, die angewöhnte Zerstreuung zu

verhindern?

162. Da sucht Mara, der Versucher, uns in großes Unglück zu stürzen. Und

da ist, weil die schlechten Wege zur Erlösung zahlreich sind, der Zweifel

kaum besiegbar.

163. Dann wieder sind die günstigen Umstände kaum zu erlangen, das

Auftreten eines Buddha kommt äußerst selten vor, und die Flut der Laster ist

schwer zu dämmen. Ach, welche ununterbrochene Folgen von Leiden!

164. Ach, wie sehr sich doch die sich in den Leidensfluten herumschlagenden

Wesen zu beklagen, die ihre schlimme Lage nicht erkennen, obwohl sie so

überaus elend sind.

165. Wie ein Verrückter, der sich immer wieder, hat er in kaltem Wasser

gebadet, ins Feuer stürzt so glauben auch sie an ihre gute Lage, obwohl sie so

überaus elend sind.

166. Bei ihnen, die leben als würden sie nicht altern und nicht sterben,

werden sich grausame Heimsuchungen einstellen, gekrönt vom Tod.

167. Wann werde ich wohl imstande sein, durch meine eigenen aus Wolken

von guten Werken entstandenen Glücksmittel den so vom Feuer des Leidens

gequälten Wesen den Frieden zu bringen?

168. Wann werde ich wohl imstande sein, denen der weltlichen Wirklichkeit

gemäß die Leerheit darzulegen, die die falsche Auffassung von der

Wahrnehmung eines Daseins hegen, und voll Ehrfurcht die Zurüstung an

guten Werken unter Nichtwahrnehmungen der Gabe, des Gebers und des

Empfängers?

Verdienstübertragung

1. Mögen alle Wesen durch das Gute, das mir zuteil wird, wenn ich über den

Eintritt in das Leben zur Erleuchtung sinne, mit einem Leben zur Erleuchtung

geschmückt sein!

2. Mögen alle, die gequält sind durch Pein an Körper und Geist in jeglicher

Gegend der Welt, durch meine Verdienste Meere des Glücks und der

Seeligkeit erlangen!

3. Möge, solange der Kreislauf währt, niemals das Glück ihnen schwinden!

Möge die Welt immerdar das Glück von Bodhisattvas haben!

4. So viele Höllen es in den Weltgegenden gibt, mögen die Lebewesen in

ihnen sich freuen durch die Wonnen des Glücks im Paradies Sukhavati!

5. Mögen die von der Kälte Gemarterten Wärme finden! Mögen es die von

Hitze Gemarterten kühl haben durch die aus der großen Wolke Bodhisattva

fallenden Wassermeere!

6. Mögen für sie der Schwertblätterwald den Glanz des Götterhains Nandana

haben, und mögen die Kutasalmalibäume mit ihren scharfen Dornen zu

Wunschbäumen werden!

7. Mögen die Höllenorte bezaubernd sein durch Teiche, erfüllt vom Duft der

Lotusblüten und lieblich reizend durch das Lärmen der Gänsen und Enten,

der Cakravakas, der Schwäne und anderer Wasservögel!

8. Möge der feurige Kohlenhaufen ein Edelsteinhaufen sein! Möge der

glühende Grund ein Boden aus Bergkristall sein! Und mögen die

zermalmenden Berge in der Samghata-Hölle zu himmlischen Ehrenpalästen

werden, dicht bevölkert von Buddhas!

9. Möge der Regen von Kohlen, glühenden Steinen und Waffen von nun an

ein Blumenregen sein! Und möge nun der Wechselkampf mit diesen Waffen

zum Spiel ein Kampf mit Blumen sein!

10. Mögen die im Höllenfluss Vaitarani mit seinem feuergleichenden Wasser

Versunkenen, denen alles Fleisch abgefallen ist und deren Skelette die Farbe

weißen Jasmins haben, kraft meiner guten Werke als himmlische Wesen im

Himmelsfuß Mandakini sich finden!

11. Mögen die Knechte des Yama und die grausigen Krähen und Geier

zitternd sehen, wie die Finsternis hier in den Höllen plötzlich allseits

verscheucht ist. Mögen sie, wenn sie dann aufwärts blicken, weil sie sich

fragen, wem wohl dieser Glück und Freude spendende wunderbare Glanz

gehöre, und den flammenden Bodhisattva Vajrapani am Himmel stehend

gesehen haben, durch die Gewalt der Wonne ledig der Not mit ihm vereint

werden!

12. Möge ein Regen von Lotusblüten fallen, mit duftendem Wasser

vermischt, so dass sie sehen, wie er zischend das Höllenfeuer löscht. Möge

der Anblick des Bodhisattvas Kamalapani den Höllenwesen zuteil werden,

die sich fragen, was das wohl sei, und unvermutet von Glück entzückt sind!

13. "Kommt herbei, kommt rasch herbei, legt ab die Furcht, ihr Brüder! Wir

sind dem Leben wiedergegeben. Erschienen ist uns ein strahlender,

Furchtlosigkeit bringender Jüngling mit Bändern im Haar, durch dessen

Macht alle Not vergangen ist, Fluten der Freude entsprungen sind, das

Erleuchtungsdenken entstanden ist und das Mitleid, die Mutter der Rettung

jeglicher Wesen.

14. Seht ihn euch an: Seine Lotusfüße werden verehrt von den Kronen

hunderter von Göttern, sein Blick ist feucht von Mitleid; von reizenden

Palastemporen, in denen Tausende wortreicher Götterfrauen Loblieder

singen, ist auf sein Haupt ein Regen vieler Blumenfluten niedergegangen.

Und habt ihr den Bodhisattva Manjughosa so vor euch erblickt, möge nun der

Höllenwesen Beifallslärmen sich erheben!"

15. Mögen die Höllenwesen frohlocken, wenn sie durch meine guten Werke

so die wohltuende, kühle und duftende Winde und Regen bergenden Wolken

der Bodhisattvas, voran Samantabhadhra, geschaut haben.

16. Mögen die heftigen Schmerzen und die Ängste der Höllenwesen sich

legen! Mögen alle in schlechten Schicksalen Lebenden aus diesen schlechten

Schicksalen befreit werden!

17. Möge den Tieren die Furcht vergehen, von einander gefressen zu werden!

Mögen glücklich seien die Gespenster, wie die ewig seligen Menschen im

Weltteil Uttarakuru!

18. Mögen die Hunger- und Durst- Gespenster immer gesättigt werden und

gebadet, und mögen erfrischt sie sein durch die aus den Händen des edlen

Bodhisattva Avalokitesvara fließenden Ströme von Milch.

19. Mögen die Blinden Farben sehen, die Tauben immer hören, mögen die

Schwangeren schmerzlos gebären wie die Mutter des Buddha, die Königin

Maya!

20. Mögen die Notleidenden Kleidung, Speise und Trank, Kränze, Sandel

und Schmuck erhalten, alles, was sie sich wünschen, was ihrem Wohl

förderlich ist!

21. Mögen auch die Furchtsamen furchtlos sein, Freude finden die von

Kummer Bedrückten, und mögen die Verstörten frei von Verstörung sein und

entschlossen!

22. Mögen den Kranken Gesundheit beschieden sein, mögen sie von allen

Fesseln befreit werden! Mögen die Schwachen stark sein und liebevoll

zueinander!

23. Mögen alle Richtungen sich für alle Reisenden günstig erweisen! Mögen

ihn die Unternehmung, um die sie ausziehen, durch Geschick gelingen!

24. Mögen auch die Schiffsreisenden ihre Ziele erreichen! Mögen sie sicher

an das Ufer gelangen und dann mit den Verwandten sich freuen!

25. Mögen die in der Waldwildnis auf falsche Wege geratenen auf eine

Karawane stoßen, und mögen sie ohne Ermattung reisen, ungefährdet durch

Diebe, Tiger und andere Schrecken!

26. Mögen die Götter den Schlafenden, Trunkenen und Unaufmerksamen,

den hilflosen Kindern und Alten in Krankheit, Wildnis und anderen

Fährnissen Schutz gewähren!

27. Mögen sie immer aller ungünstigen Umstände ledig sein, mit Glaube,

Einsicht und Mitleid begabt, von vollkommener Erscheinung und Benehmen,

und ihrer früheren Geburten sich erinnernd!

28. Mögen sie unerschöpfliche Schätze haben, wie der Bodhisattva

Gaganaganja! Mögen in Harmonie sie sein und ohne Verzweiflung und

unabhängig!

29. Mögen die Wesen mit geringer Kraft von großer Kraft sein! Mögen die

missgestalteten Bettelasketen von vollkommener Schönheit sein!

30. Mögen all die Frauen in der Welt Männer werden! Mögen die Niedrigen

hohe Stellung erlangen und dabei ohne Hochmut sein!

31. Mögen durch dieses mein Verdienst alle Wesen ausnahmslos abstehen

von allen Sünden und stets das Gute tun!

32. Mögen sie nicht ohne das Erleuchtungsdenken sein, dem Leben zur

Erleuchtung hingegeben und von den Buddhas gnädig umfangen dem Wirken

des Versuchers Mara entzogen sein!

33. Und mögen all diese Wesen, wenn sie als Menschen geboren wurden, ein

unermesslich langes Leben haben! Mögen sie immer im Glück leben! Möge

sogar das Wort "Tod" verschwinden!

34. Und mögen alle Weltregionen mit Wunschbaumhainen entzücken, die

durch den Klang der Lehre bezaubern und von Buddhas und Bodhisattvas

erfüllt sind.

35. Möge die Erde überall frei sein von Schotter usw., eben wie die Fläche

der Hand, weich und aus Beryll.

36. Mögen sich ringsum die Kreise großer Versammlungen von Bodhisattvas

niederlassen, mögen mit ihrem Glanz sie die Erde schmücken!

37. Mögen von denVögeln, aus allen Bäumen, aus den Sonnenstrahlen und

aus dem Himmel alle Geschöpfe ohne Unterlass den Klang der Lehre hören!

38.Mögen sie stets die Gemeinschaft mit Buddhas und Bodhisattvas

erlangen, und mögen sie mit Wolken von Opfern den Lehrer der Welt

verehren!

39. Möge der Regengott zur rechten Zeit es regnen lassen, und möge die

Ernte reichlich sein! Möge die Welt wohlhabend sein und der König gerecht!

40. Mögen auch die Heilpflanzen kräftig sein, die Sprüche der Priester Erfolg

haben! Mögen die Dakini-Hexen, die Raksasa-Dämonen und andere

schädliche Wesen von Mitleid ergriffen sein!

41. Möge kein Wesen unglücklich sein, sündig und krank, verlassen oder

unterdrückt, und möge keines bösen Sinnes sein!

42. Mögen die Klöster blühen, erfüllt von Rezitation und Studium! Möge die

Gesamtheit der Gemeinde von Dauer sein, und möge der Gemeinde Tätigkeit

Erfolg haben!

43. Mögen die Mönche die unterscheidende Einsicht gewinnen und die

Regeln lieben! Mögen sie wirkfähigen Geistes sich versenken aller

Zerstreuung ledig!

44. Mögen die Nonnen frei von Streitereien und Mühen die Lehre gewinnen,

und mögen alle Wanderasketen ebenso von ungebrochener Sittlichkeit sein!

45. Mögen die Übelwollenden stets bestürzt sein und stets befriedigt über die

Tilgung der Sünden, und mögen sie, wenn sie ein gutes Schicksal gewinnen,

in diesem ihr Gelübde nicht brechen!

46. Mögen sie gelehrt, gebildet sein, mit Gaben bedacht, von Almosen

lebend, mögen sie reinen Geistes sein, ihr Ruf in aller Welt berühmt!

47. Möge die Welt der Wesen ohne das Leid schlechter Geschicke gekostet

zu haben und ohne das strenge Leben einer mühevollen Bodhisattva-

Laufbahn mit einem einzigen himmlischen Körper die Buddhaschaft

erlangen!

48. Mögen alle vollendeten Buddhas in vielfacher Weise von allen Wesen

verehrt werden! Mögen sie unsäglich glücklich sein durch das unvorstellbare

Buddhaglück!

49. Mögen der Bodhisattva Wünsche für die Welt sich erfüllen! Möge, was

diese Schutzherren beabsichtigen, bei den Wesen gelingen!

50. Mögen die Einzelbuddhas glücklich sein und die Hörer, stets verehrt von

ehrfürchtigen Göttern, Halbgöttern und Menschen!

51. Möge schließlich ich selbst durch Manjughosas Gnadenhilfe zur

Erinnerung an meine früheren Geburten finden, und möge ich immer bist zu

"Freudigen Stufe" der Bodhisattvas gelangen!

52. Möge ich mit Stärke meine Zeit in dieser oder jener Sitzstellung

zubringen! Möge ich in allen Geburten alle Vorrausetzungen für einen der

unterscheidenden Erkenntnis günstigen Aufenthalt erlangen!

53. Möge ich gerade diesen Schutzherrn, den Manjunatha, ungehindert

erblicken, wenn ich zu sehen wünsche und auch zu hören!

54. Möge, wie Manjusri zur Verwirklichung des Heils aller Wesen bis ans

Ende des Himmels in den zehn Richtungen wandelt, derselbe Wandel mein

Los sein!

55. Solange der Äther besteht und solange die Erde besteht, solange möge ich

bestehen, als Vernichter der leiden der Welt!

56. Möge in mir das ganze Leiden der Welt zur Reifung kommen, und möge

die Welt durch all die guten Werke der Bodhisattvas glücklich sein!

57. Als einziges Heilmittel für die Leiden der Welt, als aller Erfüllung und

jeden Glückes Quell, möge die Lehre des Buddha lange bestehen, gefördert

und geehrt!

58. Ich verneige mich vor Manjughosa durch dessen Gnade mein Geist auf

das Gute sich richtet. Und ich verehre den geistigen Freund, durch dessen

Gnade es gedeiht.


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